Jahr: 2010

06 10 2010
By: Redaktion 2 0

Die Spitze der Wirtschaftskammer trifft austrotürkische Unternehmer

WIEN – Ein ungewöhnlicher, in seiner Art bisher einzigartiger Besuch fand am 26. Jänner in den Räumlichkeiten des Yeni Vatan Gazetesi (Neue Heimat Zeitung) statt: Zum ersten Mal kamen gleich zwei prominente Vertreter der Wirtschaftskammer zum gemeinsamen Austausch mit türkischstämmigen Unternehmen, nämlich Christoph Leitl, Bundesobmann des Österreichischen Wirtschaftsbundes und Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, und die Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer Brigitte Jank, die ihrerseits Obfrau des Wiener Wirtschaftsbundes ist. Die beiden prominenten Gäste standen beim Treffen den türkischstämmigen Wirtschaftstreibenden Rede und Antwort. Anlass für die Begegnung waren die bevorstehenden Wirtschaftskammer-Wahlen, die von 27. Februar bis 2. März stattfinden werden, und bei denen der Wirtschaftsbund auch türkischstämmige Wirtschaftstreibende als Wähler gewinnen möchte.

 

Die Zahl türkischstämmiger Wirtschaftstreibende in Wien beläuft sich auf rund 6000. Sein türkisch-deutsches Magazin richtet sich an Unternehmer mit türkischem Migrationshintergrund.

 

„Es gibt österreichweit etwa 25.000 türkischstämmige Unternehmer“, berichtet Birol Kilic, Verleger des Neue Welt Verlags (Herausgeber Yeni Vatan Gazetesi, Einspruch, Südosteuropa Investment) und selbst Platzhirsch in der türkischen Community. „Darunter sind in etwa 5000 bis 6000 KMUs, die beachtliche Umsätze machen und auch viele Österreicher angestellt haben.“ Der Wirtschaftskammer wurde mittlerweile das hohe Potenzial bewusst, das unternehmerisch tätige Migranten für die heimische Wirtschaft bedeuten. Die wachsende Aktivität von Wirtschaftstreibenden mit Migrationshintergrund bedeutet freilich auch einen gesteigerten Bedarf an intensiverer Beratung speziell für diese Klientel. Heute kann bei der Wirtschaftskammer mittlerweile jeder eine Beratung in seiner Muttersprache bekommen.

 

Dass es auch einige sehr erfolgreiche türkischstämmige Unternehmer gibt, zeigte das Treffen am 26. Jänner mit Leitl und Jank. Mit dabei waren neben Kilic auch der Großbauunternehmer Mustafa Atak von Mustibau GesmbH, Mustaf Koc von der X-Mobile GesmbH, der in Österreich Top 3 unter den Fachhändlern ist, Idris Karakas vom Gimex HandelsgesmbH, Mehmet Ildirar von Inova Tools, Bahattin Ceki von CSP, Gökhan Yildirim von der Reviesta Consulting Group Environmental Technologies e.U und Haluk Kocapinar, der mit der Syntez Group im Bereich Wohnungseinrichtungen und Tourismus tätig ist. Sie alle haben sich in Österreich selbständig gemacht und hatten Erfolg. Zweisprachigkeit ist für manche eine spezielle Chance, weil sie hier im Import- und Exportbereich besonders punkten können.

 

Wie beim gemeinsamen Gespräch deutlich wurde, teilen türkischstämmige Unternehmer einige Hauptschwierigkeiten mit anderen Unternehmensgründern. Das betrifft etwa das Thema „unlauterer Wettbewerb“. Jank versprach hier ein entschiedenes Vorgehen, betonte aber: Alle haben die gleichen Probleme. Durch die Schattenwirtschaft entstünden hohe Verluste bei Steuern und im Sozialbereich. Ein großer Erfolg sei jedoch im Baubereich gelungen: Mit dem Finanzministerium konnte vereinbart werden, dass jede Firma angemeldet sein muss; für Gewerbe ohne Sitz gibt es künftig keine Bauberechtigung mehr.

 

„Manchmal arbeiten die Beamten nicht so, wie es sich die Banken wünschen“, räumte Brigitte Jank ein. „Aber seit wir eine Ombudsstelle für Finanzierungsfragen eingerichtet haben, hat sich schon vieles verbessert. Das Service gibt es schon.? Besonders seit der Wirtschaftskrise klagen Unternehmer darüber, dass ihre Kreditansuchen abgelehnt werden. Im November 2008 wurde aus diesem Grund die neue Ombudsstelle geschaffen, um Wirtschaftstreibenden „unbürokratisch und rasch“ zu helfen. Die Ombudsstelle fungiert vor allem als Vermittler zwischen Unternehmen und Banken. Wie sich aber in der Vergangenheit bereits herausgestellt hat, scheitern Kreditvergaben auch öfter an unvollständigen Unterlagen. Mustafa Atak ist mit dem Service des Wirtschaftsbundes im Großen und Ganzen „sehr zufrieden“. Die begleitende Beratung laufe bisher tadellos. „Ich komme mit der Wirtschaftskammer sehr gut zurecht.“ Der einzige Bereich, in dem er sich etwas mehr Engagement wünscht, betrifft Unternehmensgründungen. „Hier bräuchte es mehr Beratung?, so Atak. „Das ist nicht so einfach in Österreich. Man müsste hier den Einsteigern dabei helfen, ein Konzept für fünf Jahre zu entwickeln, um auch als Konkurrent auf dem Markt zu bestehen. Ansonsten gehen einige Unternehmen schon nach drei Monaten ein.“

 

Türken in Österreich sind aus Sicht von Birol Kilic auch eine wichtige Zielgruppe, für die es sich lohnen würde, gute Berater zu holen. „Interkulturelles Marketing richtet sich an Gruppen, die ethnisch andersartig als die Mehrheitsbevölkerung sind?, berichtet Kilic. Diese Zielgruppen zum Beispiel Türken oder Serben ? weisen ein jeweils typisches Konsum- und Rezeptionsverhalten auf und benötigen deshalb eine spezielle, gesonderte Ansprache. Das Konzept funktioniert, weil die Zielgruppen weitgehend homogen sind. Nach und nach haben verschiedenste Unternehmen erkannt, dass es sich auszahlt, diese Zielgruppen über die Werbung gezielt in ihren Muttersprachen anzusprechen.? Wie lohnenswert das Engagement ist, beweisen die Zahlen. ?In Österreich leben rund 250.000 Menschen aus der Türkei, davon sind bereits 120.000 österreichische Staatsbürger, die sich mit dem Staat identifizieren und hier konsumieren?, weiß Birol Kilic. Ihnen stehen pro Haushalt rund 2.000 Euro im Monat zur Verfügung. Der Ethnomarketingexperte rechnet vor: ?Wenn man von 70.000 Haushalten ausgeht, gibt es für die österreichischen Unternehmen pro Jahr rund zwei Milliarden Euro abzuholen.? Die Zielgruppe benötigt zum Beispiel 3,5 Millionen Flaschen Haarshampoo oder auch rund sieben Millionen Flaschen Babynahrung. Wie Kilic erklärt, liegt im Konsumgüterbereich also gewaltiges Potenzial, das dank interkulturellem Marketing gehoben werden könnte. Bislang lassen auf diese Zielgruppe abgestimmte Kampagnen allerdings auf sich warten, „Schließlich haben die Menschen aus der Türkei oder Ex-Jugoslawien weit mehr Kinder. In einem österreichischen Haushalt leben durchschnittlich 1,8 Menschen, in einem türkischen vier.“

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15 09 2010
By: Redaktion 2 0

Die Rolle der Frau in den monotheistischen Religionen

Kommunikation als gesellschaftliche Verantwortung

 

von Frau Emely Abidin

 

Kommunikation bedeutet für mich Austausch von Erfahrungen und Kenntnissen. Sie sind Impulse für die Entwicklung jedes einzelnen von uns.
Nach meinem Menschenbild hat jeder dem anderen etwas zu geben und von jedem etwas zu erhalten!
Wir befinden uns in Deutschland in einer Zeit und an einem Ort, die geprägt sind von einem gesellschaftlichen Wohlstand und einer bunten Völkerdurchmischung.

 

Leider erkenne ich eine Unverhältnismäßigkeit zwischen den vielen aktiven Bemühungen sozialer Art für gegenseitige Verständigung und der unbewussten Aufrechterhaltung der Isolation innerhalb der einzelnen Gruppen, die hauptsächlich auf Berührungsängste zurückzuführen sein müssen.

 

Mit dieser Diskrepanz können Probleme nicht gelöst werden.Wir haben eine Reihe von Problemen, die uns alle betreffen, z.B. die Misshandlung von Kindern und häusliche Gewalt gegenüber Frauen.

 

Die Frau im Islam, in der Theorie und in der Praxis

 

Der Islam fordert Verantwortung für sich selbst, was eine Mündigkeit zu einem selbstbestimmten Leben voraussetzt. Zum Schutz der Frau sind dazu einige rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen. Z.B.:

 

·  Für die Gültigkeit einer Eheschließung muss die Frau zustimmen.

 

·  Die Frau behält ihren Besitz für sich, auch ihr Gehalt bei Erwerbstätigkeit.

 

·  Sie hat Anspruch auf Stillgeld.

 

·  Weiter hat sie Anspruch auf 2 Diener: einen für den Haushalt, einen für ihre persönlichen Wünsche. Sie ist nicht verpflichtet, den Haushalt zu führen und die Kinder zu versorgen.

 

·  Die Frau kann sich scheiden lassen.

 

·  Zum Schutz vor Erniedrigung kann sie sich sexuell verweigern, wenn sie keine Befriedigung erlebt.

 

·  Um keinerlei Verpflichtungen dem Mann gegenüber einzugehen, kann sie eine gemeinsam vereinbarte Ehe auf Zeit schließen, was auch den Mann von der Verpflichtung der Versorgung entlastet. Beide umgehen mit dieser Form der  Eheschließung, die übrigens im Koran als Genußehe bezeichnet wird, eine Scheidungsprozedur.

 

In der Praxis geht es allerdings ganz anders zu. Hier einige Beispiele:

 

· Zwangsverheiratungen

 

· Kein eigenes Konto bei Verdienst

 

· Das Stillgeld ist völlig unbekannt.

 

· Die Haushaltsführung und die Versorgung der Kinder sind überall Frauenensache.

 

· Bei der Eheschließung wird nicht auf das Scheidungsrecht hingewiesen, was für die Anwendung vorher im Ehevertrag schriftlich fixiert sein muss. Das gilt auch für die Polygamie: sobald eine Zweite antreten soll, kann die Erste ihre Ehe auflösen.

 

· Frauen lassen sich sexuell in ihren vier Wänden eine Menge gefallen, damit sie bei Verweigerung kein Fluch der Engel einholt.

 

· Die Zeitehe gilt bei den 90% Muslimen sunnitischer Richtung als verboten, weil der Kalif Omar dieses Verbot aussprach. Frauen wird damit die Chance zur Selbständigkeit erschwert.

 

Die Praxis ist geprägt von Hierarchisierung und Kontrolle, vom traditionellen Bild der Frau als Untergebene und Dienerin des Mannes. Man könnte den Heiratsvertrag als einen Arbeitsvertrag ohne Vergütung bezeichnen.

 

Eigentlich sind Männer und Frauen damit nicht glücklich. Es fehlt der Mut zur konsequenten Emanzipation.

 

Wir sollten uns fragen, warum gerade Religionen immer wieder Fanatismus und Rassismus produzieren, obwohl doch das Wesen von bewusster Gläubigkeit sich auf Liebe und Mitgefühl stützt, um die Würde und das Lebensrecht jedes Einzelnen zu bewahren. Imam Ali, der 4. Kalif sagte einmal:

 

Behandelt die Menschen respektvoll und liebevoll, denn entweder sind sie Muslime und eure Glaubensgeschwister oder sie sind Nichtmuslime und eure Schöpfungsgeschwister.

 

Die Beziehung

 

Das Kostbarste und deshalb auch Wichtigste im Leben sind körperliche und geistige Gesundheit und eine glückliche Liebesbeziehung aus der neue Menschen erwachsen. Es ist für mich unglaublich mit welcher Ignoranz wir der Partnerschaft und Elternschaft gegenüberstehen: jeder darf ohne Vorbereitung eine Beziehung beginnen und Mutter oder Vater werden ohne irgendeine spezifische Qualifikation, die sich auf das eigene Wohl als auch auf das des Kindes bezieht.

 

· Für die Optimierung der Integration von Migranten sollen diese die Landessprache erlernen.

 

· Orthodoxe Juden schließen eine Ehe erst nach einem Gentest aus dem hervorgeht, dass die Nachkommen genschadenfrei sind. (FAZ v. 30.10.05)

 

· Manager müssen eine erworbene Qualifikation nachweisen, bevor sie ein Unternehmen leiten.

 

· Dienstleister jeglicher Art ebenfalls.

 

Die Anforderungen an einen Manager, dessen Unternehmen erfolgreich sein soll, werden an keine Elternschaft gestellt.

 

Man verlässt sich im Schutzraum der familiären Privatsphäre für Partnerschaft und Elternschaft auf traditionell Übernommenes und gesellschaftlich Vorgegebenes.

 

Erzieher und Lehrer haben es dabei nicht leicht, dieses fundamentale Defizit auszugleichen. Ein Defizit, das sich bei den Heranwachsenden niederschlägt in den fehlenden Kommunikativen Kompetenzen vielfältigster Art.

 

Ursachenforschung und Prävention

 

Mehr als Symptombehandlung für unsere Mißstände brauchen wir systematische Ursachenforschung und Präventionswillen, d.h. die innere Bereitschaft die Realität wahrzunehmen und zu gestalten.

 

Was die von Männern ausgeübte Gewalt angeht, schlägt der Kultur-und Sozialanthroploge Werner Schiffauer Männerforschung vor: Man muss dringend Männerforschung betreiben, denn es sind ja Männer, die mit ihrer Situation nicht klarkommen, wenn sie gewalttätig werden. (Taz v. 17.10.05)

 

Ich schlage für die größte Verantwortung, die ein Mensch trägt, die institutionalisierte Bildung und die konsequente Unterstützung von Müttern vor, jenen Menschen in deren Macht und Vermögen das Wohl oder der Untergang der Menschheit liegen.
Mit dem Berufsstand „Mutter“ könnten wir uns viel Leid ersparen.

 

Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) wiederholte am Ende seiner Abschiedsrede dreimal den Männern zugewandt: seid gut zu euren Frauen!!! Denn er kannte die Hintergründe, Zusammenhänge und langfristigen Folgen bei Nichtbeachtung des Respekts vor Frauen.

 

Ich kenne nur sehr wenige Männer, die es sich zu ihrer obersten Priorität gemacht haben, in einer Beziehung ihre Frau glücklich zu machen. Vielmehr werden Kommunikationsstörungen als etwas Dazugehöriges hingenommen; auf Kosten von dauerhaften, wachsendem Verständnis füreinander und auf Kosten des Wohls der Kinder. Dabei empfiehlt der Koran, dass man entweder in Güte zusammenlebt oder sich in Güte trennt (2/228 und 2/230).

 

Ich erlebe Frauen heute in einer sehr oft verzweifelten und resignierten Weise und manchmal in einer ihr unwürdigen Weise als psychisches Wrack und Versorgungsmaschine, die unaufhörlich zu funktionieren hat.

 

Dabei stehen sie dem Schöpfer wegen ihrer Lebensspendenden Fähigkeiten am nahesten, haben aber zwischen sich und dem Schöpfer im Unterwerfungsglauben Andere gestellt: Väter, Ehegatten, Gelehrte.

 

„Der Beste unter euch ist der, der für die Menschen am nützlichsten ist“ ist ein Ausspruch des Propheten Muhammed (Friede sei mit ihm).

 

Ich frage mich, wie nützliche Menschen von Müttern hervorgehen sollen, die sich einerseits in der traditionellen Rolle als entmündigte Haussklavin befinden und andererseits einer Ausbildung entbehren jenseits ihrer Funktion als Versorgungsmaschine?!

 

Emely Abidin 4. November 2005

 

Quelle: Aypa TV

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15 09 2010
By: Redaktion 2 0

Wer vertritt den Islam in einem interreligiösen Dialog?

 

Frage: Wer vertritt den Islam in einem interreligiösen Dialog? Welche Maßstäbe müssen für diesen Dialog gesetzt werden?

 

Allgemeines Faktum: Die undogmatischen Diskussionen über den Islam finden immer häufiger statt. Die Gesprächsrunden sind nicht mehr einseitig christlich besetzt. Dabei werden neue Fragen aufgeworfen, deren Antworten die Eckpfeiler für das „neue” Zusammenleben darstellen.

 

Faktum in Österreich: Viele der Islamischen Organisationen, die behaupten Muslime zu vertreten, sind Verbände des POLITISCHEN ISLAM.

 

Fragen:

1.) Ist der politisch motivierte Islam eine Gefahr für die westlichen Demokratien?

2 ) Ist der Islam an sich demokratiefähig, wie es von vielen Seiten behauptet wird oder nicht?

3.) Kann der politische Islam mehr Menschen mobilisieren, als er ignoriert werden könnte?

 

Faktum: Nach einem bedingungslosen Dialog mit Gruppierungen des politischen Islam muss etwas Wichtiges relativiert werden. Denn es zeichnet sich eine gefährliche Entwicklung ab. Unter dem Vorwand des Dialogs wird die Unwissenheit oder die Vorurteile mancher deutscher Politiker, Verbände oder Kirchen über den politischen Islam ausgenutzt.

 

Frage: Uns stellt sich die Frage, ob uns bei der möglichen Existenz verfassungsfeindlicher Organisationen des politischen Islam eher Vertrauen weiterbringt oder ob wir nicht eine gesellschaftliche Gefahr verkennen.

 

Faktum: Die Trennung von Staat und Kirche in Österreich setzt eine Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften voraus. Gleichzeitig müssen jedoch die demokratischen Grundwerte eines Rechtsstaates geschützt werden. Das bedeutet, diese darf weder zu einem Abbruch des Dialogs mit Islamischen Gruppierungen führen, noch eine pauschale Kriminalisierung  der Muslime in Österreich beinhalten.

 

Im Umgang mit dem politischen Islam gibt es also weiterhin nur eine Lösung: den Dialog. Die Auseinandersetzung muss auf einer Aufklärung über verschiedene Gruppierungen des politischen Islam basieren, um Probleme und eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. In diesem Dialog dürfen Minderheiten wie die Aleviten nicht ausgeschlossen werden. Ein Grund dafür ist, dass viele sunnitisch geprägte islamistische Gruppierungen aus der Türkei Ihre Machtposition auf Politik bauen. Sie spielen auch bei der Ausgrenzung anderer islamischer Minderheiten wie beispielsweise der Ahmadiya oder der Aleviten eine entscheidende Rolle: „Muslim” ist nur noch, wer die Position der sunnitischen Vereinigungen inne hat.

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15 09 2010
By: Redaktion 2 0

Der Nikolaus kommt aus der Türkei

Der Nikolaus war ein Bischof! Seine Geschichte führt zurück in die Türkei des vierten Jahrhunderts. Dort lebte der Bischof von Myra und dort starb er – am 6. Dezember!

 

von Adil Oyan

 

Am 6. Dezember wird in Deutschland und den meisten europäischen Ländern – von Russland bis Griechenland – der Nikolaustag gefeiert. Es gibt sehr viele Arten, diesen Tag zu begehen: Zum Beispiel stellen in einigen Ländern die Kinder schon am Vorabend ihre Schuhe schön geputzt vor die Tür. Wenn sie artig waren, füllt der Nikolaus die Schuhe über Nacht mit Süßigkeiten.

 

Heute wird der Nikolaus meist mit einer kurzen Zipfelmütze dargestellt oder als moderner Santa Claus. Im Süden Deutschlands trägt er eine Bischofsmütze. Diese deutet auf den geschichtlichen Ursprung der Nikolausfigur hin – denn wer es noch immer nicht glauben will, dem sei gesagt, dass der Nikolaus wirklich gelebt hat und zwar im 4. Jahrhundert in der Türkei. Denn bei dem am meisten verehrten Heiligen der Christenheit handelt es sich um den in etwa 342 gestorbenen Bischof von Myra.

 

Nikolaus von Myra, Heiliger

 

Nikolaus von Myra wuchs in einer sehr vermögenden, aber auch sehr frommen und wohltätigen Familie auf. Nachdem beide Eltern während einer Pestepidemie gestorben waren, verteilte Nikolaus sein Erbe unter die Bedürftigen und wurde Priester. Zu seiner eigenen Überraschung wurde der freigiebige Mann vom Volk zum Bischof ausgerufen – in der christlichen Frühzeit wurden die Bischöfe noch von der Gemeinde gewählt. Ein Bischof war ursprünglich auch nur das Oberhaupt der Christen in einer Stadt oder in einem überschaubaren Gebiet.

 

Während der letzten großen Christenverfolgung unter Kaiser Galerius (um 310) wurde Nikolaus eingekerkert und schwer misshandelt, aber nicht getötet. Gezeichnet von den erlittenen Folterungen trat der Bischof beim berühmten Konzil von Nicäa (325) auf. Dann schweigen die Quellen über ihn. Sein Todestag soll der 6. Dezember gewesen sein.

 

Die Stadt Myra, heute Kale, liegt an der Mittelmeerküste im Süden der Türkei zwischen den heutigen Touristenhochburgen Antalya und Fethiye.

 

So dürftig die Daten seines Lebens auch sind, so üppig ist die Anzahl der Legenden, die sich um St. Nikolaus drehen: Die meisten seiner Taten waren gut durchdachte Nacht-und-Nebel-Aktionen, wie die Bewahrung dreier Nachbarstöchter vor der Prostitution. Durch ein Geschenk von drei goldenen Äpfeln, die Nikolaus heimlich in der Dunkelheit ins Haus der Jungfrauen legte, verzichtete der Vater auf den Plan, seine Töchter zu verkaufen, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Auf diese Legende ist das heimliche Schenken in der Nacht vor dem Nikolaustag zurückzuführen.

 

Während einer Hungersnot soll Nikolaus von Myra seinen darbenden Mitbürgern auf wunderbare Weise Korn verschafft haben, indem er einige Kauffahrer veranlasste, ihre Getreideschiffe nicht an ihren ursprünglichen Bestimmungsort zu bringen, sondern in die hungernden Städte und Dörfer Kleinasiens zu liefern. Als die Händler mit beklommenem Herzen weitersegelten, weil sie mit leeren Händen nach Hause gekommen wären, waren plötzlich die Schiffe wieder vollständig beladen, obwohl auch die Hungernden an der Küste keine Not mehr litten.

 

Diese Legende gab den Anlass, dass auch die Getreidehändler, Müller und Bäcker den heiligen Nikolaus zu ihrem Berufsheiligen erkoren.

 

Kaufleute aus Bari entwendeten im Jahr 1087 die Gebeine des Bischofs aus der Kirche zu Myra, um sie nach Italien zu bringen. Wer also heute die Grabstelle in Kale besucht, die als touristisches Muss bei fast jeder Rundfahrt im Programm ist, kann sicher sein: das Grab ist leer.

 

…und sein Knecht Ruprecht

 

Im Laufe der Jahrhunderte bekam der Nikolaus Gehilfen. Der bekannteste dürfte Knecht Ruprecht sein, der artige Kinder belohnt und ungezogene Kinder mit der Rute bestraft. In den Alpenländern hat der Nikolaus eine viel größere Gefolgschaft. Sie besteht aus teilweise sehr gruseligen Figuren mit zotteligem Fell und hässlichen Gesichtern. Sie sollen den Kindern Angst einflößen und sie zum Artigsein ermahnen.

 

Übrigens: Erst vor 70 Jahren entwickelte sich die moderne Vorstellung vom Nikolaus als einen menschlichen und gütigen, vergnügten, alten Mann mit rosa Wangen und stattlichem weißen Bart. 1931 nämlich beauftragte die Coca Cola Company den schwedisch-amerikanischen Zeichner Haddon Sundblom, den „Santa Claus“ für eine Werbekampagne zu zeichnen. Sundblom, bereits zuvor ein erfolgreicher Werbezeichner, schuf einen sympathischen „Nikolaus zum Anfassen“. Seine Vorlage: das großväterliche Gesicht eines pensionierten Coca Cola Fahrverkäufers.

 

Quelle: http://freenet.meome.de/app/fn/home.jsp

 

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14 09 2010
By: Redaktion 2 0

Die Türkische KULTURgemeinde ist gegen eine Quotenregelung

Es widerspricht auch dem grundsätzlichen sozialen Verständnis der Bevölkerung und geht an die Grenzen der Verfassungswidrigkeit.

Der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft IGGÖ, Ibrahim Olgun, schlug zuletzt eine Quotenregelung für ethnische Gruppen in Kindergärten vor. In Kindergärten sollten Kontingente für Ethnien vorgesehen werden, um auch Nichtmuslime anzusprechen.

Für die Türkische KULTURGgemeinde in Österreich(TKG) als Think Tank NGO sind Kontingente nach Ethnien nichts anderes, als eine Festsetzung bestimmter Quoten nach Herkunft, also nach Rassen. In der Praxis könnte das etwa bedeuten: 40 Prozent türkische Kinder, 20 Prozent österreichische Kinder, 20 Prozent arabische Kinder, 20 Prozent afrikanische Kinder – mit der logischen Aufgliederung nach Herkunft in Afrika.

 

Artikel 7 Absatz 1 der Bundesverfassung sagt:

Alle Bundesbürger sind vor dem Gesetz gleich. Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen.

Artikel 14 der Europäischen Menschrechtskonvention sagt:

Der Genuss der in der vorliegenden Konvention festgelegten Rechte und Freiheiten ist ohne Benachteiligung zu gewährleisten, die insbesondere im Geschlecht, in der Rasse, Hautfarbe, Sprache, Religion, in den politischen oder sonstigen Anschauungen, in nationaler oder sozialer Herkunft, in der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, im Vermögen, in der Geburt oder im sonstigen Status begründet sind.

Artikel 21 Absatz 1 der Europäischen Grundrechtecharta sagt:

Diskriminierungen insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der genetischen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltanschauung, der politischen oder sonstigen Anschauung, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung sind verboten.

 

Weil es für uns auch ein wichtiges Anliegen ist und das Thema öffentlich wurde möchten wir hier, ohne jemanden zu verurteilen oder etwas vorzuwerfen in aller Freundschaft warnen:

Die Aufgliederung nach Rassen, damit untrennbar verbunden die Relation zu „guten“ und „schlechten“ Rassen, war vor 80 Jahren Teil der Ideologie eines unmenschlichen Regimes.

Quoten für Kinder nach rassischer Herkunft einzuführen, ist nicht nur menschenrechtswidrig, sondern widerspricht auch dem grundsätzlichen sozialen Verständnis der Bevölkerung und geht an die Grenzen der Verfassungswidrigkeit. Kindern oder Familien etwa zu sagen: Du darfst dort nicht mehr hinein, weil Deine Rasse schon die Quote erfüllt hat, ist deshalb ein tiefer Rückfall in eine vergangene – und offenbar noch nicht von allen überwundene – Ideologie.

 

Rückfragen & Kontakt:

Türkische Kulturgemeinde in Österreich(TKG)

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11 09 2010
By: Redaktion 2 0

TKG: Allah und Koran sind nicht gegen Darwin und Evolutionstheorie!

Evolutionstheorie, Darwin, Islam und Bildung: Wir wollen, dass alle Kinder in Österreich, die muslimischen Glaubens sind, die vom Bildungsministerium zur Verfügung gestellte biologische Evolutionstheorie lernen. Des Weiteren fordern wir, dass die Kinder nicht in Hinterhöfen von Vertretern von Vereinen, Verbänden oder Religionsgemeinschaften dazu angestiftet werden, die biologische Evolutionstheorie in Frage zu stellen.

 

Zwischen der biologischen Evolutionstheorie und dem islamischen Glauben besteht keine Inkompatibilität, die Idee der Evolution hat einen festen Platz in der islamischen Ideengeschichte. Kurz: Weder Allah noch der Koran sind gegen Darwin und die Evolutionstheorie! Ganz im Gegenteil, sie unterstützen die Wissenschaft, WissenschaftlerInnen, den Verstand und die Vernunft.

Man kann den Koran nur durch Metaphern verstehen, weil wir das Wesen Gottes mit dem menschlichen Verstand nicht erfassen können. Die Begriffe im Koran zur Erschaffung der Menschen sind Metaphern ohne wissenschaftlichen Anspruch, weil der Koran keine Quelle für wissenschaftliche Erkenntnisse ist. Der Verstand wird im Koran als Quelle für wissenschaftliche Erkenntnisse erwähnt und gelobt. Die Evolutionstheorie ist eine Wissenschaftstheorie ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit und steht damit nicht im Widerspruch zum Koran und der islamischen Wissenschaftstheorie.

Wie Gott einen Menschen wirklich erschaffen hat, wissen wir nicht. Das ist für uns Menschen auch nicht möglich. Wir haben nur die Aufgabe, die Werke Gottes als Mensch zu verstehen und zu deuten. Was Darwin gemacht hat, ist genau das: er erklärt, wie er die Zeichen Gottes zu verstehen versucht:

 

 „Wir machten aus dem Wasser alles Lebendige. Wollen sie denn nicht glauben? (Koran: 21/30)

 

„Gott ist der Schöpfer aller DINGE und ER ist der ERHALTER aller Dinge.“ ( Koran Vers 39/62 

 

Die Evolutionstheorie wurde von dem berühmten muslimischen Philosoph Ibn Miskeveyh’ten, der zwischen 940 und 1030 gelebt hat, schon früher in seinem Buch “El-Fevzül-Asgar“ beschrieben. Hier schreibt er, dass die Evolution der Pflanzen mit einer übermächtigen Kraft Gottes kreiert wurde und sich die Evolutionstheorie über das Wasser und das Tierreich entwickelt hat.

Demnach hat der Philosoph Ibn Miskeveyh’ten die Resultate, die Darwin veröffentlicht hat, schon vor 850 Jahren geschrieben. Vor ihm haben in der griechischen Antike der Philosoph Anaximander (611-547 v.Chr.) nachher Aristo (300 v.Chr.), sowie der römische Philosoph Lucretius darüber geschrieben. Der Koran unterstützt an erster Stelle Verstand, Vernunft und Wissenschaft. Die wissenschaftlichen Vorzüge der Evolutionstheorie stehen nicht im Gegensatz zum auf den Verstand und die Zeit bezogenen Koraninhalt.

 

Türkische KULTURgemeinde in Österreich (TKG)
Obmann
Dipl.-Ing. Birol Kilic

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10 09 2010
By: Redaktion 2 0

Die sephardische Diaspora im osmanischen Reich und die sephardisch-türkische Gemeinde in Wien

 

Univ. Prof. Dr. Jacob Allerhand

 

Die sephardische Diaspora im Osmanischen Reich und die sephardisch-türkische Gemeinde in Wien [in: Auf den Spuren der Osmanen in der österreichischen Geschichte. (=Wiener Osteuropa Studien, Band 14) Frankfurt am Main 2002 (Peter-Lang Verlag) p. 21-28]

 

Ein beträchtlicher Strom der aus Spanien Vertriebenen ergoss sich ins Osmanische Reich. Nachdem dieses Erez Israel annektiert hatte, war es zum Anziehungspunkt für jene Marranen geworden, die zu büßen und zu ihrem früheren Glauben zurückzukehren wünschten. Der Chronist Rabbi Elia Kapsali, der die Vertreibung miterlebte und der älteren Generation der jüdischen Bevölkerung im Osmanischen Reich angehörte, berichtet, dass nach 1492 „Tausende und Abertausende ausgewiesener Juden … kamen, so dass das Land … voll war von ihnen.“

 

Der Weg von der Iberischen Halbinsel zum Balkan und nach Kleinasien und häufig von dort nach Syrien und Erez Israel war weit, mühselig, voller Gefahren. Die Ausgewiesenen richteten sich ihre eigenen Durchgangsstationen ein, zum Beispiel in Häfen und Städten Italiens. Die physische Not und die plötzliche Verarmung waren nur schwer zu ertragen. Einer der Verbannten, der im Osmanischen Reich Zuflucht gefunden hatte, berichtet, dass „all ihr Geld für die Kosten ihrer Wanderung verbraucht worden war…“, als er mit seinen Leuten „inmitten eines Volkes, das ihre Sprache nicht verstand“ anlangte. Diesem Zeugen zufolge brachen auch Familien unterwegs auseinander. Denn „Männer kamen ohne ihre Frauen und Frauen ohne ihre Männer.“ Damit war eine Unterminierung des religiösen Familiengesetzes verbunden, da jeder, der allein war, alles tat, um einen Gefährten zu finden … ohne besonders heikel zu sein … ob das Verhältnis auch zulässig sei.“

 

Sultan Bayezid, der zur Zeit der Vertreibung regierte, hieß die vor den fanatischen Christen Geflohenen willkommen. Wie ein jüdischer Zeitgenosse berichtet, „sandte der Sultan viele Männer aus und ließ in seinem ganzen Reich in Wort und Schrift verkünden, dass keiner seiner Beamten in keiner seiner Städte es wagen solle, die Juden zu vertreiben oder zu verstoßen, sondern sie sollten sie willkommen heißen.“

 

Man darf annehmen, dass diese kaiserliche Protektion und der Befehl zur Gewährung des Wohnrechtes dem Einfluss der Führer der alteingesessenen jüdischen Gemeinde zu verdanken war. Diese unternahmen auch beträchtliche Anstrengungen, um ihren vertriebenen Brüdern materielle Hilfe zukommen zu lassen. „Dann mühten sich die Gemeinden (im Türkischen Reich)… gaben Geld wie Steine für die Befreiung von Gefangenen … in jenen Tagen … erwirkte der edle Mose Kapsali viel in Konstantinopel … bereiste die Kongregationen und zwang einen jeden, den ihm angemessenen Betrag zu geben.“ Diese aufgrund echter Anteilnahme am Geschick ihrer Glaubensgenossen erfolgte Hilfeleistung rief allerdings Überlegenheitsgefühle bei den Gebern hervor, die sich sehr groß vorkamen, weil sie den Heruntergekommenen gnädigst Hilfe sowie Status und Anerkennung zuteil werden ließen. Nachdem die aus Spanien Vertriebenen sich eingerichtet hatten – was auch im Osmanischen Reich relativ schnell geschah – kam es seitens dieser Juden aus Spanien und Portugal zu einer Reaktion gegenüber den türkischen Juden.

 

Doch nicht alle Exilanten bedurften der Hilfe. Auch im Osmanischen Reich fanden manche gleich Eingang in Hofkreise, so der Arzt Josef Hamon, der aus Granada dorthin kam, „und etwa fünfundzwanzig Jahre (ab 1493 als Arzt) zur Zeit des Königs, Sultan Bajasid, im königlichen Haushalt Dienst leistete und auch als vertrauter Freund seines Sohnes …Sultan Selim … und der in die Bresche sprang, um die Juden von großen Gefahren zu befreien“, wie es in der nach seinem Tod 1517 gehaltenen Grabrede heißt. Die Daten lassen erkennen, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in der Türkei zum Hofarzt ernannt wurde; man weiß, dass sein Sohn Mose ihm in diesem hohen Amt nachgefolgt ist.

 

Erfolg blieb nicht nur den Kreisen der Ärzte und Höflinge vorbehalten. Anscheinend war man im Osmanischen Reich der Meinung, dass die Absorbierung der Vertriebenen aus dem Westen kulturelle und sogar militärische Vorteile brachte. Unter den Exilanten scheinen erfahrene Eisengießer und Schießpulver-Hersteller gewesen zu sein, die dem Imperium von Nutzen waren. Elia Kapsali berichtete, der Herr habe „die Türken wegen der Juden gesegnet … denn dank der Juden besiegten die Türken große und mächtige Monarchen … Die Juden lehrten die Türken mit allen Arten von vernichtenden Waffen, Batterien und Feldgeschützen umzugehen. Und durch sie wurden die Türken mächtiger als alle Völker der Welt.“ Auch hatte er gehört, dass der Sohn des Sultans Bayezid, „Sultan Selim, die Juden wahrhaftig sehr liebte, denn er sah, dass er durch sie andere Nationen zerschmettern konnte … denn sie machten ihm eine große Menge von Geschützen und Waffen.“
Es ist eine militärgeschichtliche Tatsache, dass die Ausstattung der türkischen Armee mit Feuerwaffen etwa zur Zeit der Aufnahme der spanischen Exilanten in das Osmanische Reich erfolgte. Die türkischen Siege über die Mamluken und die Perser zu Beginn des 16. Jahrhunderts werden für gewöhnlich dem Einsatz von Feuerwaffen zugeschrieben. Aus Kapsalis Feststellung darf man also schließen, dass sich unter den aus Spanien vertriebenen Juden Experten für diese Art Feuerwaffen befanden und wesentlich zur Ausrüstung der türkischen Streitkräfte beitrugen.

 

Die Vertriebenen verteilten sich nach und nach in alle Hauptstädte des Reiches. In Konstantinopel, wo es im 16. Jahrhundert viele Synagogen gab, ließen sie sich auch in Vierteln nieder, in denen zuvor keine Juden gewohnt hatten. Auch Saloniki (Selanik) wurde ein Hauptzentrum der Juden und ebenso Adrianopel (Edirne) und Smyrna (Izmir). In kleineren Städten siedelten sich ebenfalls Juden an. Ausweisungen aus Süditalien trugen zur Diversifikation der jüdischen Gemeinde bei und vermehrten noch die zahlreichen Gemeinden im Reich. In der griechischen Stadt Arta, die nicht besonders groß war, „ließen sich vier Gemeinden nieder, die durch die Vertreibungen in den Königreichen von Spanien, Portugal, Sizilien, Kalabrien und Apulien (hierher) gekommen waren.“ Diese Gemeinden machten sich Seite an Seite mit „den Gemeinden von Einwohnern (sesshaft), die dort schon seit früheren Zeiten ansässige waren, wohl eingerichtet in ihren vornehmen Häusern und Innenhöfen.“

 

Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 und aus Portugal 1498 ließen sich diese sephardisch genannten Juden, einesteils in Mittel- und Westeuropa, hauptsächlich in Italien, Frankreich, Amsterdam und Hamburg nieder. Auch wenn es erst im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts zur Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien kam, so führten doch bereits seit dem 16. Jahrhundert sephardische Juden in Wien bestimmte Handelsgeschäfte und Finanztransaktionen durch. Ebenso scheint es schon früh auch familiäre Beziehungen zwischen in Wien ansässigen und so genannten türkischen Juden gegeben haben. Zur ständigen Niederlassung sephardisch-türkischer Juden in der Haupt- und Residenzstadt konnte es jedoch erst nach dem Friedensvertrag mit dem Osmanischen Reich, dem Frieden von Passarowitz im Jahre 1718 und verstärkt nach dem Belgrader Vertrag von 1739 kommen. Als türkische Staatsbürger unter dem Schutz des Sultans stehend genossen diese Juden wesentlich mehr Rechte als die Wiener Juden, die Untertanen des Habsburgischen Reiches waren. Die bedeutenden Handelsbeziehungen zwischen den Wiener Sephardim und türkischen Juden in den großen Balkan-Gemeinden sowie die Aktivitäten des sagenumwobenen Diego de Aguilar machten wohl die Gründung der sephardisch-türkischen Gemeinde Wien bereits im Jahr 1737 möglich.

 

Bedauernswerter Weise ist die Geschichte der Sephardim in Wien, die sich „türkisch-israelische Gemeinde“ nannte, nur von ihrem Gründungsjahr 1737 bis 1888 nachvollziehbar. Aus einem historischen Anlass hat Adolf von Zemlinsky eine Broschüre über diese Epoche geschrieben. Aber was die späteren Jahre betrifft, gibt es keine zuverlässigen Quellen zu diesem Thema, da die Nazis zusammen mit der schönen Synagoge in der berühmten „Reichskristallnacht“ auch die Archive verbrannt haben. So musste sich der Berichterstatter auf die Erinnerung der Zeitgenossen und deren Berichte über die Zeit nach 1888 verlassen.

 

Die Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien ist von einer Legende umwoben. Diese Legende geht ins 18. Jahrhundert zurück, als das Virus der Inquisition in Spanien und Portugal grassierte. Es wird erzählt, dass in jener unheilvollen Zeit ein jüdischer Knabe namens Moshe Lopez Pereyra von den Häschern der Inquisition geraubt, getauft und zum Geistlichen ausgebildet wurde. Am Tag der Taufe wurde er in Diego de Aguilar umbenannt. Seine Mutter und Schwester waren Marranen und praktizierten heimlich das Judentum, so wie viele es taten. Diego de Aguilar wurde im Laufe der Zeit zum Bischof ernannt und in die Aktivitäten der Inquisition involviert. Eines Tages wurde seine Schwester angezeigt, da sie der jüdischen Religion die Treue hielt, weswegen sie nach dem Gesetz der Inquisition mit dem Tod durch Verbrennung am Scheiterhaufen verurteilt wurde.

 

In der Nacht vor der Exekution – so die Legende – beschloss die verzweifelte Mutter, sich zum Bischof Diego de Aguilar zu begeben, um Gnade für ihre Tochter zu erbitten. Zu Beginn bekräftigte er die Ablehnung ihrer Bitte, aber als die unglückliche Mutter ihm offenbarte, dass das bedauernswerte Mädchen seine Schwester und sie seine Mutter sei und ihn darauf mit Moshe Lopez Pereyra ansprach, vollzog sich im Wesen des beinharten Geistlichen eine Wandlung. Der Name Moshe Lopez Pereyra rief bei ihm Jugenderinnerungen wach. Von Gefühlen überwältigt, vergoss er Tränen und versprach, sich um die Rettung seiner zum Tod verurteilten Schwester zu bemühen. Die Bemühung um das Leben der Schwester war erfolglos. Er kehrte dem bischöflichen Palais den Rücken, zog seine geistliche Tracht aus und teilte seiner Mutter mit, dass er nicht länger in Spanien bleiben wollte und flüchtete nach Österreich. Eine goldene Kette, die ihm Maria Theresia während eines Spanienbesuches gab, sollte ihm als Amulett dienen.

 

Kurz darauf erschien Moshe Lopez Pereyra in Wien, allerdings allein, da seine Mutter aus Kummer und Gram verstorben war. Er wurde freundlich aufgenommen und auch die kleine Schar Sephardim, die ihn begleiteten, bekamen nicht nur Asyl, sondern auch alle Rechte, ihre angestammte Religion auszuüben. Moshe Pereyra bekam den Titel eines Hofjuden, sowie die Pacht des österreichischen Tabakmonopols. Durch Reichtum und Ansehen gelange es ihm, zu hoher gesellschaftlicher Stellung zu gelangen, und es wird berichtet, dass der berühmte Kanzler Kaunitz bei ihm privat verkehrte.

 

Eines Tages erhielt Pereyra vertraute Information, dass die Regierung beabsichtigte – wahrscheinlich auf Druck des Klerus – die Juden aus Österreich zu vertreiben. Pereyra eilte sofort zu Hof, jedoch weigerte sich die Herrscherin, ihn zu empfangen, er erhielt auch den Hinweis, seine Kontakte zum Hof zu unterlassen. Da die türkischen Juden in Wien feste geschäftliche Bindungen mit ihrer Heimat knüpften, bemühte sich der Sultan, der sehr einflussreich war, dass die Kaiserin ihren Befehl widerrief. Er schickte einen besonderen Sendboten, um diesen Erlass aufzuheben. Die Herrscherin erfüllte die Bitte des Sultans, und die Ausweisung wurde annulliert. Als die Monarchin einige Tage darauf Moshe Pereyra zu sich bat, war er nirgends aufzufinden. Man erzählte, dass der Kurier des Sultans in Wien diese Stadt mit einem unbekannten Mann verlassen habe. Dieser Unbekannte könnte wohl Moshe Lopez Pereyra, Diego de Aguilar, gewesen sein, da die spanische Regierung seine Auslieferung beantragt hatte.

 

Inwiefern die Geschichte wahr ist, kann man schwer feststellen. Unwiderlegbar ist aber die Tatsache, dass die türkische Gemeinde nach 1938 eine Torarolle samt Krone mit der hebräischen Inschrift Mosche Lopez Pereyra – 5498, das dem Jahr 1737–1738 entspricht, spendete. Zu dieser Erinnerung wurde alljährlich am Vorabend des Jom Kippur ein Gebet für Moshe Lopez Pereyra als Gründer der türkisch israelitischen Gemeinde verrichtet. Das taten sie, da sie, im Gegensatz zu den Sephardim in Holland und anderswo, unter dem besonderen Schutz der türkischen Herrscher standen.

 

Diego de Aguilar, mit jüdischem Namen Moshe Lopez Pereyra, kam in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts anscheinend über Amsterdam nach Wien. Unter Karl VI. und Maria Theresia spielte er eine äußerst behutsame finanzielle Rolle für den Ärar, da er die Reorganisation des österreichischen Tabakgefälles übernommen hatte. Für seine außerordentlichen Verdienste wurde er vom Kaiser mit einem portugiesischen Adelsprädikat belohnt. Sein Wort hatte bei Hofe soviel Gewicht, dass er sich erfolgreich für die mährische Judenschaft einsetzen konnte. Für zahlreiche Gemeinden und einzelne Glaubensgenossen war er in Krisensituationen die letzte Hoffnung. Lediglich das Schicksal der Prager Juden konnte er trotz aller Bemühungen nicht abwenden. Einen Teil seiner Familie brachte Diego mit nach Wien: Seine Mutter Sara Pereyra, sein Vater Abraham Lopez de Pereyra, zwei seiner Kinder sowie sein Schwager Jakob ben Jeschurun Alvarez wurden auf dem alten jüdischen Friedhof in der Seegasse begraben. Er selbst starb 1763 in London. Bis zu ihrer Zerstörung befanden sich in der sephardischen Synagoge Wiens eine Torakrone und Rimmonim mit der Aufschrift „Mosche Lopez Pereyra 5498 (1737/38)“, und bis 1938 wurde an jedem Jom Kippur ein eigenes Gedenkgebet für ihn als Gründer der Gemeinde gesprochen.

 

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hielten die Sephardim ihren Gottesdienst im Haus Nr. 307 innerhalb der Stadtmauern ab. Danach diente ein Haus in der Oberen Donaustraße als Bethaus. 1778 erließ die Regierung eine Regulation für die Türkisch-israelitische Synagoge. Sie bestand aus 14 „Puncten, die der in Sagechen aufgestellte Kais.Königl. Commissarius der gesamten Alhir sich befindlichen Türkischen Judenschaft um alhiessige Türkische Jüdische Synagoge in gute Ordnung zu bringen und in selber zu erhalten ex offo aufgesetzt“. Die Regulation stellte die konstitutionelle Basis für die sephardische Gemeinde dar und fixierte rechtlich alle Gemeindeangelegenheiten von der Steuereinnahme bis zur Aufgabe der verschiedenen Funktionäre. 1818 waren 210 sephardische Juden als permanent in Wien lebend registriert, 1868 die doppelte Anzahl. 1824 wurde das Haus in der Oberen Donaustraße durch einen Brand zerstört. Danach diente das Haus Nr. 321 Große Hafnergasse (später Große Mohrengasse), das man 1843 adaptierte, als Synagoge. Die Gemeinde wuchs stetig und prosperierte. Ab 1840 wurde sie von den sieben reichsten Mitgliedern geleitet. Die Räumlichkeiten in der Hafnergasse wurden zu klein. Aufgrund der Intervention des Sultans konnte das Grundstück Nr. 401 in der Großen Fuhrmanngasse (später Zirkusgasse 22) erworben werden. Die hier erbaute Synagoge wurde 1868 eingeweiht. In Zusammenhang mit dem Synagogenbau kam es auch zu einer Überarbeitung der „Puncte“ von 1778. Diese „Statuten der Türkisch-Jüdischen Gemeinde“ von 1868 legten die interne Gemeindestruktur, Zugehörigkeitsfrage sowie die Rechte und Pflichten der Mitglieder neu fest. Wegen schwerer Konstruktionsfehler musste die Synagoge bald wieder abgerissen werden. An derselben Stelle wurde 1887 der neue türkische Tempel im maurischen Stil, ein Prachtbau des Architekten Ritter von Wiedenfeld, eingeweiht. In der Eingangshalle hingen die Portraits von Kaiser Franz Joseph I. und Abdülhamid II. Im Hinterhof wurde ein Brunnen für die Taschlich Zeremonie zu Rosch ha-Schana gegraben, hier wurde auch jedes Jahr die Sukka aufgebaut. Der Geburtstag des Sultans wurde alljährlich in der Synagoge zelebriert, wobei sowohl die türkische als auch die österreichische Nationalhymne gesungen wurden.

 

Zu den Gemeindeeinrichtungen gehörte natürlich die Beerdigungsgesellschaft chebhra Kaddischa, der Verein Halbascha, der für die Einkleidung armer Kinder sorgte, die Biqqur cholim, die Kranke und Alte unterstützte, die Vereinigung Hakhnasat Orchim, die sich um durchreisende Sephardim kümmerte, der Armenfonds Fondo de los Desfavorecidos sowie der Unterstützungsfonds für den Gesangsverein Schir Ha-kawod. Der Bankier Menachem Elijahu aus Bukarest ließ in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in der Novaragasse 29 eine Ganztagsschule, Midrasch Elijahu, einrichten. Langjähriger Lehrer an dieser Schule war David Alkalay, einer der früheren sephardischen Zionisten.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte Anton Schmidts Druckerei mit den Publikationen sephardisch religiöser und linguistischer Literatur mit den großen Druckereien in Amsterdam, Italien und der Türkei durchaus konkurrieren. Auch sephardische Gelehrte aus Übersee ließen in Wien drucken.

 

Ende des 19. Jahrhunderts war Wien ein kleines, aber wichtiges Zentrum sephardischer Kultur. Die Universität zog Sephardim aus Belgrad, Bulgarien, Rumänien, Triest, Rhodos, Ägypten und Marokko an. Noch weit vor der Jahrhundertwende bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts war Wien ein Begriff für den spanisch-jüdischen (Ladino) Buchdruck, was einerseits aus dem wachsenden Einfluss Österreich-Ungarns auf den Balkan, anderseits aus den edukativen Aktivitäten der Alliance Israelite Universelle resultierte. Auch eine Reihe spaniolischer Periodika erschien hier, beispielhaft seien „El Mundo Sefardi“, „Carmi“ und „El Correo de Vienna“ genannt. Für einige der 18 zwischen 1856 und 1923 in Wien herausgegebenen spaniolischen Zeitschriften waren das Zielpublikum auch die Juden in der Türkei. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wurde die Studentenorganisation „Esperanza“ gegründet sowie die kulturelle Vereinigung „Union Espanola“, deren Promotoren Mosche Galimir und R. Nissim Obhadia waren. Die „Esperanza“ übersiedelte Anfang der 30er Jahre nach Sarajevo. Für die Ziele der Alliance setzte sich in Wien besonders der bekannte Journalist Schem Tov Semo ein, der eine Synthese aus sephardischer Tradition, Zionismus sowie modernem Erziehungs- und Wirtschaftswesen anstrebte, wie sie schon früher von R. Jehuda Bibas aus Korfu und später von R. Jehuda Alkalay aus Sarajevo propagiert wurde.

 

Problematisch gestaltete sich das Verhältnis zwischen der in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts konstituierten aschkenasischen Kultusgemeinde und der sephardisch-türkischen Gemeinde. Besonders seit die Israelitische Kultusgemeinde Wien die einzige offizielle jüdische Vertretung der Regierung war, kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Aschkenasim und Sephardim, die ihre organisatorische Unabhängigkeit nicht aufgeben wollten. 1909 erst kam es zu einer vorläufigen Übereinkunft: Die türkische Gemeinde hatte den Status einer in der Kultusgemeinde integrierten Korporation, wurde jedoch von der Steuerabgabe an die Kultusgemeinde befreit. Nach der Ausrufung der Republik schließlich erklärte die sephardisch-türkische Gemeinde wieder ihre volle Unabhängigkeit. 1922 wurde sie jedoch gezwungen, ihren Status als „Verband der türkischen Israeliten zu Wien“ innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde gemäß der Regulation von 1909 wieder anzunehmen, wobei ihr allerdings Sonderprivilegien eingeräumt wurden.

 

Der sephardische Ritus wurde im türkischen Tempel lange Zeit strikt eingehalten. Es war bis in die 80er Jahre die einzige große Synagoge Wiens ohne Chor. Während sich bei den Aschkenasim durch das Wirken Sulzers vieles veränderte, hielt die sephardische Gemeinde an ihren orientalischen Weisen fest. Als 1881 Marcus M. Russo zum Präsidenten gewählt wurde, entschloss sich dieser jedoch zur Modernisierung: Jakob Bauer wurde zum Oberkantor bestellt, Isidor Löw zum zweiten Kantor; beide waren Aschkenasim, da keine ausgebildeten sephardischen Chazzamim zur Verfügung standen. Die traditionellen sephardischen Melodien wurden dem westlichen Stil angepasst, ohne allerdings ihren orientalisch geprägten Hintergrund zu verlieren. Der Chor bestand aus 10 bis 15 Jungen. Dreißig Jahre hindurch, bis 1918, war Michael Papo Chakam Baschi, der Oberrabbiner der Gemeinde. Ihm folgte Obhadia. Während des Ersten Weltkriegs war Isaak Altaras aus Sarajevo Oberkantor am türkischen Tempel, danach, bis 1938, Isaak Asseo aus Belgrad. Ein besonderes Ereignis, an dem auch die Aschkenasim teilnahmen, war die jährliche Simchat Tora Feier der Sephardim in Wien: Ein Gabbai in türkischer Tracht führte die Prozession an. Ihm folgten 20 Chorjungen und erwachsene Chormitglieder, der Chormeister, der Oberkantor und der Chakam Baschi. Dahinter kamen die Träger mit den 25 Torarollen, angeführt von Chatam Tora und dem Chatam Bereschit. Den Schluss bildete eine Gruppe von Kindern, die drei kleine Siphre Tora trugen.

 

Ende der 20er Jahre kam es zu einer drastischen Dezimierung der Mitgliederzahl der sephardischen Gemeinde. Die Gründe dafür sind einerseits in der hoffnungslosen Wirtschaftslage jener Zeit, anderseits auch in der Übersiedelung R. Obhadias nach Pari, wohin ihm viele Anhänger folgten, zu sehen. Das letzte große Ereignis in der sephardischen Gemeinde war die Feier zum 800. Geburtstag Maimonides im Jahre 1935 unter dem Präsidenten Heskia. Im November 1938 wurde der türkische Tempel Wiens zerstört. Die österreichischen Sephardim, die nicht fliehen konnten, wurden nach Dachau gebracht.

 

Ein beträchtlicher Strom der aus Spanien Vertriebenen ergoss sich ins Osmanische Reich. Nachdem dieses Erez Israel annektiert hatte, war es zum Anziehungspunkt für jene Marranen geworden, die zu büßen und zu ihrem früheren Glauben zurückzukehren wünschten. Der Chronist Rabbi Elia Kapsali, der die Vertreibung miterlebte und der älteren Generation der jüdischen Bevölkerung im Osmanischen Reich angehörte, berichtet, dass nach 1492 „Tausende und Abertausende ausgewiesener Juden … kamen, so dass das Land … voll war von ihnen.“

 

Der Weg von der Iberischen Halbinsel zum Balkan und nach Kleinasien und häufig von dort nach Syrien und Erez Israel war weit, mühselig, voller Gefahren. Die Ausgewiesenen richteten sich ihre eigenen Durchgangsstationen ein, zum Beispiel in Häfen und Städten Italiens. Die physische Not und die plötzliche Verarmung waren nur schwer zu ertragen. Einer der Verbannten, der im Osmanischen Reich Zuflucht gefunden hatte, berichtet, dass „all ihr Geld für die Kosten ihrer Wanderung verbraucht worden war…“, als er mit seinen Leuten „inmitten eines Volkes, das ihre Sprache nicht verstand“ anlangte. Diesem Zeugen zufolge brachen auch Familien unterwegs auseinander. Denn „Männer kamen ohne ihre Frauen und Frauen ohne ihre Männer.“ Damit war eine Unterminierung des religiösen Familiengesetzes verbunden, da jeder, der allein war, alles tat, um einen Gefährten zu finden … ohne besonders heikel zu sein … ob das Verhältnis auch zulässig sei.“

 

Sultan Bayezid, der zur Zeit der Vertreibung regierte, hieß die vor den fanatischen Christen Geflohenen willkommen. Wie ein jüdischer Zeitgenosse berichtet, „sandte der Sultan viele Männer aus und ließ in seinem ganzen Reich in Wort und Schrift verkünden, dass keiner seiner Beamten in keiner seiner Städte es wagen solle, die Juden zu vertreiben oder zu verstoßen, sondern sie sollten sie willkommen heißen.“

 

Man darf annehmen, dass diese kaiserliche Protektion und der Befehl zur Gewährung des Wohnrechtes dem Einfluss der Führer der alteingesessenen jüdischen Gemeinde zu verdanken war. Diese unternahmen auch beträchtliche Anstrengungen, um ihren vertriebenen Brüdern materielle Hilfe zukommen zu lassen. „Dann mühten sich die Gemeinden (im Türkischen Reich)… gaben Geld wie Steine für die Befreiung von Gefangenen … in jenen Tagen … erwirkte der edle Mose Kapsali viel in Konstantinopel … bereiste die Kongregationen und zwang einen jeden, den ihm angemessenen Betrag zu geben.“ Diese aufgrund echter Anteilnahme am Geschick ihrer Glaubensgenossen erfolgte Hilfeleistung rief allerdings Überlegenheitsgefühle bei den Gebern hervor, die sich sehr groß vorkamen, weil sie den Heruntergekommenen gnädigst Hilfe sowie Status und Anerkennung zuteil werden ließen. Nachdem die aus Spanien Vertriebenen sich eingerichtet hatten – was auch im Osmanischen Reich relativ schnell geschah – kam es seitens dieser Juden aus Spanien und Portugal zu einer Reaktion gegenüber den türkischen Juden.

 

Doch nicht alle Exilanten bedurften der Hilfe. Auch im Osmanischen Reich fanden manche gleich Eingang in Hofkreise, so der Arzt Josef Hamon, der aus Granada dorthin kam, „und etwa fünfundzwanzig Jahre (ab 1493 als Arzt) zur Zeit des Königs, Sultan Bajasid, im königlichen Haushalt Dienst leistete und auch als vertrauter Freund seines Sohnes …Sultan Selim … und der in die Bresche sprang, um die Juden von großen Gefahren zu befreien“, wie es in der nach seinem Tod 1517 gehaltenen Grabrede heißt. Die Daten lassen erkennen, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in der Türkei zum Hofarzt ernannt wurde; man weiß, dass sein Sohn Mose ihm in diesem hohen Amt nachgefolgt ist.
Erfolg blieb nicht nur den Kreisen der Ärzte und Höflinge vorbehalten. Anscheinend war man im Osmanischen Reich der Meinung, dass die Absorbierung der Vertriebenen aus dem Westen kulturelle und sogar militärische Vorteile brachte. Unter den Exilanten scheinen erfahrene Eisengießer und Schießpulver-Hersteller gewesen zu sein, die dem Imperium von Nutzen waren. Elia Kapsali berichtete, der Herr habe „die Türken wegen der Juden gesegnet … denn dank der Juden besiegten die Türken große und mächtige Monarchen … Die Juden lehrten die Türken mit allen Arten von vernichtenden Waffen, Batterien und Feldgeschützen umzugehen. Und durch sie wurden die Türken mächtiger als alle Völker der Welt.“ Auch hatte er gehört, dass der Sohn des Sultans Bayezid, „Sultan Selim, die Juden wahrhaftig sehr liebte, denn er sah, dass er durch sie andere Nationen zerschmettern konnte … denn sie machten ihm eine große Menge von Geschützen und Waffen.“

 

Es ist eine militärgeschichtliche Tatsache, dass die Ausstattung der türkischen Armee mit Feuerwaffen etwa zur Zeit der Aufnahme der spanischen Exilanten in das Osmanische Reich erfolgte. Die türkischen Siege über die Mamluken und die Perser zu Beginn des 16. Jahrhunderts werden für gewöhnlich dem Einsatz von Feuerwaffen zugeschrieben. Aus Kapsalis Feststellung darf man also schließen, dass sich unter den aus Spanien vertriebenen Juden Experten für diese Art Feuerwaffen befanden und wesentlich zur Ausrüstung der türkischen Streitkräfte beitrugen.

 

Die Vertriebenen verteilten sich nach und nach in alle Hauptstädte des Reiches. In Konstantinopel, wo es im 16. Jahrhundert viele Synagogen gab, ließen sie sich auch in Vierteln nieder, in denen zuvor keine Juden gewohnt hatten. Auch Saloniki (Selanik) wurde ein Hauptzentrum der Juden und ebenso Adrianopel (Edirne) und Smyrna (Izmir). In kleineren Städten siedelten sich ebenfalls Juden an. Ausweisungen aus Süditalien trugen zur Diversifikation der jüdischen Gemeinde bei und vermehrten noch die zahlreichen Gemeinden im Reich. In der griechischen Stadt Arta, die nicht besonders groß war, „ließen sich vier Gemeinden nieder, die durch die Vertreibungen in den Königreichen von Spanien, Portugal, Sizilien, Kalabrien und Apulien (hierher) gekommen waren.“ Diese Gemeinden machten sich Seite an Seite mit „den Gemeinden von Einwohnern (sesshaft), die dort schon seit früheren Zeiten ansässige waren, wohl eingerichtet in ihren vornehmen Häusern und Innenhöfen.“

 

Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 und aus Portugal 1498 ließen sich diese sephardisch genannten Juden, einesteils in Mittel- und Westeuropa, hauptsächlich in Italien, Frankreich, Amsterdam und Hamburg nieder. Auch wenn es erst im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts zur Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien kam, so führten doch bereits seit dem 16. Jahrhundert sephardische Juden in Wien bestimmte Handelsgeschäfte und Finanztransaktionen durch. Ebenso scheint es schon früh auch familiäre Beziehungen zwischen in Wien ansässigen und so genannten türkischen Juden gegeben haben. Zur ständigen Niederlassung sephardisch-türkischer Juden in der Haupt- und Residenzstadt konnte es jedoch erst nach dem Friedensvertrag mit dem Osmanischen Reich, dem Frieden von Passarowitz im Jahre 1718 und verstärkt nach dem Belgrader Vertrag von 1739 kommen. Als türkische Staatsbürger unter dem Schutz des Sultans stehend genossen diese Juden wesentlich mehr Rechte als die Wiener Juden, die Untertanen des Habsburgischen Reiches waren. Die bedeutenden Handelsbeziehungen zwischen den Wiener Sephardim und türkischen Juden in den großen Balkan-Gemeinden sowie die Aktivitäten des sagenumwobenen Diego de Aguilar machten wohl die Gründung der sephardisch-türkischen Gemeinde Wien bereits im Jahr 1737 möglich.

 

Bedauernswerter Weise ist die Geschichte der Sephardim in Wien, die sich „türkisch-israelische Gemeinde“ nannte, nur von ihrem Gründungsjahr 1737 bis 1888 nachvollziehbar. Aus einem historischen Anlass hat Adolf von Zemlinsky eine Broschüre über diese Epoche geschrieben. Aber was die späteren Jahre betrifft, gibt es keine zuverlässigen Quellen zu diesem Thema, da die Nazis zusammen mit der schönen Synagoge in der berühmten „Reichskristallnacht“ auch die Archive verbrannt haben. So musste sich der Berichterstatter auf die Erinnerung der Zeitgenossen und deren Berichte über die Zeit nach 1888 verlassen.

 

Die Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien ist von einer Legende umwoben. Diese Legende geht ins 18. Jahrhundert zurück, als das Virus der Inquisition in Spanien und Portugal grassierte. Es wird erzählt, dass in jener unheilvollen Zeit ein jüdischer Knabe namens Moshe Lopez Pereyra von den Häschern der Inquisition geraubt, getauft und zum Geistlichen ausgebildet wurde. Am Tag der Taufe wurde er in Diego de Aguilar umbenannt. Seine Mutter und Schwester waren Marranen und praktizierten heimlich das Judentum, so wie viele es taten. Diego de Aguilar wurde im Laufe der Zeit zum Bischof ernannt und in die Aktivitäten der Inquisition involviert. Eines Tages wurde seine Schwester angezeigt, da sie der jüdischen Religion die Treue hielt, weswegen sie nach dem Gesetz der Inquisition mit dem Tod durch Verbrennung am Scheiterhaufen verurteilt wurde.

 

In der Nacht vor der Exekution – so die Legende – beschloss die verzweifelte Mutter, sich zum Bischof Diego de Aguilar zu begeben, um Gnade für ihre Tochter zu erbitten. Zu Beginn bekräftigte er die Ablehnung ihrer Bitte, aber als die unglückliche Mutter ihm offenbarte, dass das bedauernswerte Mädchen seine Schwester und sie seine Mutter sei und ihn darauf mit Moshe Lopez Pereyra ansprach, vollzog sich im Wesen des beinharten Geistlichen eine Wandlung. Der Name Moshe Lopez Pereyra rief bei ihm Jugenderinnerungen wach. Von Gefühlen überwältigt, vergoss er Tränen und versprach, sich um die Rettung seiner zum Tod verurteilten Schwester zu bemühen. Die Bemühung um das Leben der Schwester war erfolglos. Er kehrte dem bischöflichen Palais den Rücken, zog seine geistliche Tracht aus und teilte seiner Mutter mit, dass er nicht länger in Spanien bleiben wollte und flüchtete nach Österreich. Eine goldene Kette, die ihm Maria Theresia während eines Spanienbesuches gab, sollte ihm als Amulett dienen.

 

Kurz darauf erschien Moshe Lopez Pereyra in Wien, allerdings allein, da seine Mutter aus Kummer und Gram verstorben war. Er wurde freundlich aufgenommen und auch die kleine Schar Sephardim, die ihn begleiteten, bekamen nicht nur Asyl, sondern auch alle Rechte, ihre angestammte Religion auszuüben. Moshe Pereyra bekam den Titel eines Hofjuden, sowie die Pacht des österreichischen Tabakmonopols. Durch Reichtum und Ansehen gelange es ihm, zu hoher gesellschaftlicher Stellung zu gelangen, und es wird berichtet, dass der berühmte Kanzler Kaunitz bei ihm privat verkehrte.

 

Eines Tages erhielt Pereyra vertraute Information, dass die Regierung beabsichtigte – wahrscheinlich auf Druck des Klerus – die Juden aus Österreich zu vertreiben. Pereyra eilte sofort zu Hof, jedoch weigerte sich die Herrscherin, ihn zu empfangen, er erhielt auch den Hinweis, seine Kontakte zum Hof zu unterlassen. Da die türkischen Juden in Wien feste geschäftliche Bindungen mit ihrer Heimat knüpften, bemühte sich der Sultan, der sehr einflussreich war, dass die Kaiserin ihren Befehl widerrief. Er schickte einen besonderen Sendboten, um diesen Erlass aufzuheben. Die Herrscherin erfüllte die Bitte des Sultans, und die Ausweisung wurde annulliert. Als die Monarchin einige Tage darauf Moshe Pereyra zu sich bat, war er nirgends aufzufinden. Man erzählte, dass der Kurier des Sultans in Wien diese Stadt mit einem unbekannten Mann verlassen habe. Dieser Unbekannte könnte wohl Moshe Lopez Pereyra, Diego de Aguilar, gewesen sein, da die spanische Regierung seine Auslieferung beantragt hatte.

 

Inwiefern die Geschichte wahr ist, kann man schwer feststellen. Unwiderlegbar ist aber die Tatsache, dass die türkische Gemeinde nach 1938 eine Torarolle samt Krone mit der hebräischen Inschrift Mosche Lopez Pereyra – 5498, das dem Jahr 1737–1738 entspricht, spendete. Zu dieser Erinnerung wurde alljährlich am Vorabend des Jom Kippur ein Gebet für Moshe Lopez Pereyra als Gründer der türkisch israelitischen Gemeinde verrichtet. Das taten sie, da sie, im Gegensatz zu den Sephardim in Holland und anderswo, unter dem besonderen Schutz der türkischen Herrscher standen.

 

Diego de Aguilar, mit jüdischem Namen Moshe Lopez Pereyra, kam in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts anscheinend über Amsterdam nach Wien. Unter Karl VI. und Maria Theresia spielte er eine äußerst behutsame finanzielle Rolle für den Ärar, da er die Reorganisation des österreichischen Tabakgefälles übernommen hatte. Für seine außerordentlichen Verdienste wurde er vom Kaiser mit einem portugiesischen Adelsprädikat belohnt. Sein Wort hatte bei Hofe soviel Gewicht, dass er sich erfolgreich für die mährische Judenschaft einsetzen konnte. Für zahlreiche Gemeinden und einzelne Glaubensgenossen war er in Krisensituationen die letzte Hoffnung. Lediglich das Schicksal der Prager Juden konnte er trotz aller Bemühungen nicht abwenden. Einen Teil seiner Familie brachte Diego mit nach Wien: Seine Mutter Sara Pereyra, sein Vater Abraham Lopez de Pereyra, zwei seiner Kinder sowie sein Schwager Jakob ben Jeschurun Alvarez wurden auf dem alten jüdischen Friedhof in der Seegasse begraben. Er selbst starb 1763 in London. Bis zu ihrer Zerstörung befanden sich in der sephardischen Synagoge Wiens eine Torakrone und Rimmonim mit der Aufschrift „Mosche Lopez Pereyra 5498 (1737/38)“, und bis 1938 wurde an jedem Jom Kippur ein eigenes Gedenkgebet für ihn als Gründer der Gemeinde gesprochen.

 

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hielten die Sephardim ihren Gottesdienst im Haus Nr. 307 innerhalb der Stadtmauern ab. Danach diente ein Haus in der Oberen Donaustraße als Bethaus. 1778 erließ die Regierung eine Regulation für die Türkisch-israelitische Synagoge. Sie bestand aus 14 „Puncten, die der in Sagechen aufgestellte Kais.Königl. Commissarius der gesamten Alhir sich befindlichen Türkischen Judenschaft um alhiessige Türkische Jüdische Synagoge in gute Ordnung zu bringen und in selber zu erhalten ex offo aufgesetzt“. Die Regulation stellte die konstitutionelle Basis für die sephardische Gemeinde dar und fixierte rechtlich alle Gemeindeangelegenheiten von der Steuereinnahme bis zur Aufgabe der verschiedenen Funktionäre. 1818 waren 210 sephardische Juden als permanent in Wien lebend registriert, 1868 die doppelte Anzahl. 1824 wurde das Haus in der Oberen Donaustraße durch einen Brand zerstört. Danach diente das Haus Nr. 321 Große Hafnergasse (später Große Mohrengasse), das man 1843 adaptierte, als Synagoge. Die Gemeinde wuchs stetig und prosperierte. Ab 1840 wurde sie von den sieben reichsten Mitgliedern geleitet. Die Räumlichkeiten in der Hafnergasse wurden zu klein. Aufgrund der Intervention des Sultans konnte das Grundstück Nr. 401 in der Großen Fuhrmanngasse (später Zirkusgasse 22) erworben werden. Die hier erbaute Synagoge wurde 1868 eingeweiht. In Zusammenhang mit dem Synagogenbau kam es auch zu einer Überarbeitung der „Puncte“ von 1778. Diese „Statuten der Türkisch-Jüdischen Gemeinde“ von 1868 legten die interne Gemeindestruktur, Zugehörigkeitsfrage sowie die Rechte und Pflichten der Mitglieder neu fest. Wegen schwerer Konstruktionsfehler musste die Synagoge bald wieder abgerissen werden. An derselben Stelle wurde 1887 der neue türkische Tempel im maurischen Stil, ein Prachtbau des Architekten Ritter von Wiedenfeld, eingeweiht. In der Eingangshalle hingen die Portraits von Kaiser Franz Joseph I. und Abdülhamid II. Im Hinterhof wurde ein Brunnen für die Taschlich Zeremonie zu Rosch ha-Schana gegraben, hier wurde auch jedes Jahr die Sukka aufgebaut. Der Geburtstag des Sultans wurde alljährlich in der Synagoge zelebriert, wobei sowohl die türkische als auch die österreichische Nationalhymne gesungen wurden.

 

Zu den Gemeindeeinrichtungen gehörte natürlich die Beerdigungsgesellschaft chebhra Kaddischa, der Verein Halbascha, der für die Einkleidung armer Kinder sorgte, die Biqqur cholim, die Kranke und Alte unterstützte, die Vereinigung Hakhnasat Orchim, die sich um durchreisende Sephardim kümmerte, der Armenfonds Fondo de los Desfavorecidos sowie der Unterstützungsfonds für den Gesangsverein Schir Ha-kawod. Der Bankier Menachem Elijahu aus Bukarest ließ in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in der Novaragasse 29 eine Ganztagsschule, Midrasch Elijahu, einrichten. Langjähriger Lehrer an dieser Schule war David Alkalay, einer der früheren sephardischen Zionisten.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte Anton Schmidts Druckerei mit den Publikationen sephardisch religiöser und linguistischer Literatur mit den großen Druckereien in Amsterdam, Italien und der Türkei durchaus konkurrieren. Auch sephardische Gelehrte aus Übersee ließen in Wien drucken.

 

Ende des 19. Jahrhunderts war Wien ein kleines, aber wichtiges Zentrum sephardischer Kultur. Die Universität zog Sephardim aus Belgrad, Bulgarien, Rumänien, Triest, Rhodos, Ägypten und Marokko an. Noch weit vor der Jahrhundertwende bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts war Wien ein Begriff für den spanisch-jüdischen (Ladino) Buchdruck, was einerseits aus dem wachsenden Einfluss Österreich-Ungarns auf den Balkan, anderseits aus den edukativen Aktivitäten der Alliance Israelite Universelle resultierte. Auch eine Reihe spaniolischer Periodika erschien hier, beispielhaft seien „El Mundo Sefardi“, „Carmi“ und „El Correo de Vienna“ genannt. Für einige der 18 zwischen 1856 und 1923 in Wien herausgegebenen spaniolischen Zeitschriften waren das Zielpublikum auch die Juden in der Türkei. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wurde die Studentenorganisation „Esperanza“ gegründet sowie die kulturelle Vereinigung „Union Espanola“, deren Promotoren Mosche Galimir und R. Nissim Obhadia waren. Die „Esperanza“ übersiedelte Anfang der 30er Jahre nach Sarajevo. Für die Ziele der Alliance setzte sich in Wien besonders der bekannte Journalist Schem Tov Semo ein, der eine Synthese aus sephardischer Tradition, Zionismus sowie modernem Erziehungs- und Wirtschaftswesen anstrebte, wie sie schon früher von R. Jehuda Bibas aus Korfu und später von R. Jehuda Alkalay aus Sarajevo propagiert wurde.

 

Problematisch gestaltete sich das Verhältnis zwischen der in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts konstituierten aschkenasischen Kultusgemeinde und der sephardisch-türkischen Gemeinde. Besonders seit die Israelitische Kultusgemeinde Wien die einzige offizielle jüdische Vertretung der Regierung war, kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Aschkenasim und Sephardim, die ihre organisatorische Unabhängigkeit nicht aufgeben wollten. 1909 erst kam es zu einer vorläufigen Übereinkunft: Die türkische Gemeinde hatte den Status einer in der Kultusgemeinde integrierten Korporation, wurde jedoch von der Steuerabgabe an die Kultusgemeinde befreit. Nach der Ausrufung der Republik schließlich erklärte die sephardisch-türkische Gemeinde wieder ihre volle Unabhängigkeit. 1922 wurde sie jedoch gezwungen, ihren Status als „Verband der türkischen Israeliten zu Wien“ innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde gemäß der Regulation von 1909 wieder anzunehmen, wobei ihr allerdings Sonderprivilegien eingeräumt wurden.

 

Der sephardische Ritus wurde im türkischen Tempel lange Zeit strikt eingehalten. Es war bis in die 80er Jahre die einzige große Synagoge Wiens ohne Chor. Während sich bei den Aschkenasim durch das Wirken Sulzers vieles veränderte, hielt die sephardische Gemeinde an ihren orientalischen Weisen fest. Als 1881 Marcus M. Russo zum Präsidenten gewählt wurde, entschloss sich dieser jedoch zur Modernisierung: Jakob Bauer wurde zum Oberkantor bestellt, Isidor Löw zum zweiten Kantor; beide waren Aschkenasim, da keine ausgebildeten sephardischen Chazzamim zur Verfügung standen. Die traditionellen sephardischen Melodien wurden dem westlichen Stil angepasst, ohne allerdings ihren orientalisch geprägten Hintergrund zu verlieren. Der Chor bestand aus 10 bis 15 Jungen. Dreißig Jahre hindurch, bis 1918, war Michael Papo Chakam Baschi, der Oberrabbiner der Gemeinde. Ihm folgte Obhadia. Während des Ersten Weltkriegs war Isaak Altaras aus Sarajevo Oberkantor am türkischen Tempel, danach, bis 1938, Isaak Asseo aus Belgrad. Ein besonderes Ereignis, an dem auch die Aschkenasim teilnahmen, war die jährliche Simchat Tora Feier der Sephardim in Wien: Ein Gabbai in türkischer Tracht führte die Prozession an. Ihm folgten 20 Chorjungen und erwachsene Chormitglieder, der Chormeister, der Oberkantor und der Chakam Baschi. Dahinter kamen die Träger mit den 25 Torarollen, angeführt von Chatam Tora und dem Chatam Bereschit. Den Schluss bildete eine Gruppe von Kindern, die drei kleine Siphre Tora trugen.

 

Ende der 20er Jahre kam es zu einer drastischen Dezimierung der Mitgliederzahl der sephardischen Gemeinde. Die Gründe dafür sind einerseits in der hoffnungslosen Wirtschaftslage jener Zeit, anderseits auch in der Übersiedelung R. Obhadias nach Pari, wohin ihm viele Anhänger folgten, zu sehen. Das letzte große Ereignis in der sephardischen Gemeinde war die Feier zum 800. Geburtstag Maimonides im Jahre 1935 unter dem Präsidenten Heskia. Im November 1938 wurde der türkische Tempel Wiens zerstört. Die österreichischen Sephardim, die nicht fliehen konnten, wurden nach Dachau gebracht.

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09 09 2010
By: Redaktion 2 0

Christentum stammt aus der Türkei?

Man fragt uns Österreicher mit türkischer Abstammung, ob wir uns mit dem Christentum auskennen. Wir dürfen hier noch einen Schritt nach vorne gehen und Ihnen kurz und prägnant erzählen, dass in der Welt das Urchristentum und seine Verbreitung aus der Türkei stammt.

 

von Birol Kilic 

Hiermit möchten wir nur einen Überblick über das Urchristentum in der Türkei geben. Türkei als Land und Anatolien als Gebiet sind natürlich auch Orte, die bei den Österreichern stark mit dem Islam assoziiert werden. Was allerdings vergessen oder übersehen wird, ist aber, dass Anatolien eigentlich jener Ort ist, aus dem das Wort und das Konzept des Christentums stammt, und wo der christliche Glaube zum ersten Mal seine universelle Form bekommen hat.

Auch viele Orte, die für das Christentum von heiliger Bedeutung sind, liegen in Anatolien. Während die heutigen abendländischen Nationen mit Speeren auf die Jagd nach Hirschen gingen, bildete sich in Anatolien eine sesshafte Ackergesellschaft, wobei das Christentum die Hauptreligion Anatoliens wurde.

Die Bedeutung des Begriffes Christus und die erste Anwendung davon in Antiokeia im Süden der Türkei

Das Wort Christ stammt aus der hebräischen Sprache. Das Wort “mashia” bedeutet “mit Öl geschmiert, durch Öl gesegnet”. Die israelitischen Pfarrer und Könige wurden, wenn sie zum Einsatz kamen, mit Öl gesegnet. An vielen Stellen der Tora kann man über diesen Prozess lesen. Das Wort “Mashia” war ein Titel des israelitischen Königs. Die arabische Übersetzung des Wortes hat auch dieselbe Bedeutung, nämlich “mit Öl geschmiert”. Die griechische Übersetzung dafür lautet “Khristos”, woraus das Wort “Khristianos” abgeleitet wird. Und genau dieses Wort wird zum ersten Mal in Antiokeia (heute Antakya, liegt im Süden der Türkei) zum Ausdruck gebracht. “Khristos” bedeutet “Folger des Messias, Freund des Messias”.

Nun, wer war der Erste, der behauptete, dass Jesus derjenige Messias war, der von den Juden erwartet wurde? Einer der Ersten, der erkannte, dass Jesus der Messias war, hieß Simon. Nach dieser Anerkennung nannte Jesus den Simon Petrus, was auf Hebräisch “Felsen” heißt.  Folglich sagt Jesus:  “Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Und ich will dir des Himmelsreichs Schlüssel geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein”. Von diesen Sätzen von Jesus ausgehend, erklärte die katholische Kirche Jesus zum ersten Papst, und die erste Gemeinde wurde auf einem Felsen in Antiokeia erbaut. Der Glaube, den Jesus der Messias verbreitete, fand nicht nur in Jerusalem Anklang, sondern auch unter den Diaspora Juden. In einer der Versammlungen nahm auch ein Jude namens Saulus von Tarsus teil, der später zu einem Apostel wurde, und mit seinem römischen Namen Paulus auch weltweit bekannt wurde. Die Gedanken und der Glaube von Jesus waren eigentlich nichts anderes als eine Umformulierung des Judentums. Er selber meinte ja auch nicht, dass er eine neue Religion erfunden hatte. Zur Zeit Jesu war das Christentum eher eine Sekte des Judentums, dann aber kam Paulus.

Die geografische Welt des Paulus

Geboren wurde er in Tarsus, einer kleinen Stadt an der Südküste der heutigen Türkei, wahrscheinlich im Jahr 10 n. Chr. In Jerusalem absolvierte er sein Studium. Schon früh unternahm Paulus einige Missionsreisen in Kleinasien, Griechenland, Makedonien und auch auf Zypern, was nicht zuletzt zu seiner Verhaftung in Jerusalem führte. Er verbrachte einige Zeit im Gefängnis in Cäsarea am Meer und wurde schließlich in Rom hingerichtet. Dies ist die verkürzte Lebensgeschichte des Apostels Paulus.

Der politische Rahmen des Paulus

Das Römische Reich erstreckte sich zu Paulus‘ Zeiten von der Atlantikküste im Westen Spaniens und Nordafrikas bis hin zur Ostküste des Schwarzen Meeres, von der Nordseeküste bis zur äthiopischen Grenze im Süden. Ein riesiges Rechteck mit dem Mittelmeer im Zentrum. Rund fünf Millionen Quadratkilometer, auf denen sich heute etwa dreißig Staaten befinden.

Als das Christentum zum ersten Mal namentlich genannt wurde, glaubte man daran, dass der Messias schon geschickt und demzufolge das Judentum überwältigt wurde. Deswegen wurde die neue Religion nur als eine Religion gesehen, die unter den Juden akzeptiert werden sollte. Dieser Umstand machte es schwierig, das Christentum zu Massen zu verbreiten. Genau in diesem Punkt hat Paulus viel für die Verbreitung des Christentums beigetragen. Paulus hatte versucht, das Christentum nicht unter den Juden, sondern unter Paganen zu verbreiten, von denen er wusste, dass sie eine neue Religion einfacher akzeptieren würden. Er lehnte auch Anwendungen und Gebote wie Beschneidung, Speisegesetze und Sabbat ab, und schrieb in seinen korinthischen Briefen, dass das Tragen eines Kopftuches eine Voraussetzung für das Christentum sei. In diesem Zusammenhang wurde er oft als frauenfeindlich kritisiert. Wegen seines Glaubens geriet er in einen heftigen Streit mit den Christen aus Jerusalem, dennoch war er erfolgreich bei der Verbreitung des Glaubens  insbesondere in Anatolien.

Verschiedene Ansichten zu seiner Person

Einige behaupten, Paulus war „modern“, andere bezeichnen ihn als originellsten Denker der frühen Kirche. Heute neigt man jedoch eher dazu, Paulus als frauenfeindlichen und unsensiblen dogmatischen Geist hinzustellen. Ihm wird nachgesagt, die reine Botschaft der Liebe Jesu zu einer repressiven Sündenlehre verbogen zu haben.

Viele Christen haben Paulus bereits ins Abseits gestellt und pflegen einen Glauben ohne beziehungsweise gegen ihn. Ein ungeliebter Apostel. Wer kennt noch die Bedeutung seiner Reden oder liest seine Briefe? Ist es jedoch nicht so, dass ohne ihn und seine geniale Gabe, die grundlegenden Wahrheiten des Christentums zu formulieren, die Christenheit eine Sekte geblieben wäre und die Botschaft Jesu nicht im Laufe von 2000 Jahren die gesamte Welt erreicht hätte? Eines ist jedoch klar: Paulus ist die bekannteste, zugleich aber auch umstrittenste Persönlichkeit des Urchristentums. Viele der Schriften im Neuen Testament haben entweder direkt oder indirekt mit ihm zu tun! Egal ob Schüler- oder Gegnerschaft des Paulus, große theologische und kirchliche Erneuerungen nahmen ihren Ausgangspunkt mit Blick auf Paulus. Martin Luther, Karl Barth oder auch John Wesley, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Wende von Paulus prägte die Wende im Abendländischen Gedankengut

Für die Verbreitung des Christentums war Paulus auch deswegen sehr wichtig, weil er jener Apostel war, der die Lehre Jesu in einem kontextuellen Zusammenhang brachte und Leute zutiefst davon überzeugen konnte. Eine Überzeugungskraft, die er seiner griechisch-römischen Rhetorikausbildung zu verdanken hatte. Die Tadellosigkeit, die er sich selbst vorwarf, da es ihm nicht gelang gesetzeskonform zu leben, wurde später, nachdem er immer mehr Interesse an Jesus Christus und seiner Sekte bekommen hatte, zu einer Tadellosigkeit der Religion und seiner Gesetze, jener Gesetze, die Jesu kreuzigen ließen. Die Verbreitung des Christentums an die Massen erfolgte durch eine stärkere Betonung des Glaubens an Individualismus.  Der Ursprung für die Verbreitung dieser Thesen war wiederum Anatolien, wo sich seit Anfang der Geschichte Thesen und Antithesen kreuzten und zu Synthesen verschmolzen.
Man erinnert sich an das Buch von Platon „Politeia“, wo er als Mittel für den kommunalen Wohlstand das individualistische „Streben nach geglücktem Leben“ als Ideal für jeden Einzelnen formuliert.

Religiöse Schriften und Briefe, die in Anatolien geschrieben wurden

Paulus hat seine religiösen Schriften und Briefe im Wesentlichen auf anatolischem Boden verfasst, wie z.B. den ersten Korintherbrief. Auch die Empfänger waren oftmals Gemeinden in Anatolien, wie z.B. die Epheser, denen er aus dem Gefängnis in Rom schrieb. Auch Petrus schrieb seinen ersten Pastoralbrief an die verfolgten Christen in Anatolien. Johannes, der für die Verbreitung des Christentums eine wichtige Rolle gespielt hat, ist eines natürlichen Todes gestorben. Sein Grab befindet sich in Selçuk bei Ephesos. Über der Grabstätte war zuerst eine bescheidene Kirche errichtet worden, die dann unter Kaiser Justinian durch eine prächtige Basilika ersetzt wurde.

Johannes und die sieben Gemeinden

Als Paulus seine Missionsreisen in Anatolien machte, blieb er jahrelang in Ephesos. Und als er dort war, gab es in Ephesus bereits eine christliche Gemeinde, die wahrscheinlich von Johannes begründet worden war. Johannes hielt sich eigentlich in Jerusalem auf. Wo er sich jedoch zwischen den Jahren 37 und 48 aufhielt, ist bis heute nicht ganz klar. Angenommen wird, dass er mit Maria nach Ephesos ausgewandert sei, von dort im Jahre 48 nach Jerusalem gereist und im Jahre 67 wieder nach Ephesos zurückgekehrt und dort gestorben sei.

Johannes wendet sich in seiner „Geheimen Offenbarung“ an die sieben Gemeinden Anatoliens, die er symbolisch als „Sieben Engel, sieben Sterne, sieben Leuchter“ bezeichnet. Diese auch „Sieben Kirchen“ genannten Gemeinden auf westanatolischem Boden befanden sich in folgenden Städten:

1.    Alasehir (Philadelphia), eine Kreisstadt in der Provinz Manisa.

2.    Izmir, mit dem alten Namen Smyrna.

3.    Bergama (Pergamon), welches einst die  Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs war.

4.    Akhisar (Thyateria), ebenfalls ein  Städtchen bei Manisa.

5.    Laodikeia, war eine im 3. Jh. v. Chr. gegründete Stadt, sechs Kilometer nördlich vom jetzigen Denizli nahe dem Dorf Eski Hisar.

6.    Sardes nahe bei Salihli, die alte  Hauptstadt des Lydischen Königreiches.

7.    Ephesos (Efes bei Selçuk), in römischer Zeit Hauptstadt der Provinz Asia.

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08 09 2010
By: Redaktion 2 0

Naim Güleryüz war in Wien: Zur Geschichte der Juden in der Türkei

Diese Abendveranstaltung der IKG im Jüdischen Museum in Wien, fand am Sonntag, den 8. November statt und fang großen Anklang bei den Besuchern.

Wien. Der türkische Botschafter eröffnete den Abend und hieß alle herzlich willkommen. Er trug kurz einen Ausschnitt aus einem Brief von Albert Einstein an den türkischen Premierminister vor, erzählte, dass er in seinem Leben zwei wichtige Dinge gelernt hatte und zwar stets bescheiden zu sein und das die Wahrheit immer ans Licht kommt. Der Beginn dieses Abends, so hieß es weiter, sei der Beginn eines großen Projekts und schließlich wurde das Wort an den Vortragenden Naim Güleryüz übergeben, der anlässlich diesen schönen Abends extra aus Istanbul eingeflogen wurde.

Er berichtete, dass Istanbul, als Brücke zwischen zwei Kulturen und Kontinenten, Asien und Europa, fungiert und diese traumhafte Stadt die einzige sei, in der Moscheen, Kirchen und Synagogen nebeneinander existieren. 1492 als Columbus Amerika entdeckte, befanden sich auf seinem Schiff hauptsächlich Besatzungsmitglieder aus Spanien, die jüdischen Glaubens waren. Sie mussten Spanien um Mitternacht verlassen und machten sich auf eine große und abenteuerliche Reise. Das Osmanische Reich gewährte ihnen letzten Endes Asyl. Sie trugen zum Wirtschaftsaufschwung des Landes bei und brachten neben ihrer Sprache Ladino eine reiche Kultur in ihre neue Heimat, der heutigen Türkei, mit.1992 als dieses historische Ereignis sein 500. Jubiläum feierte, wurde erkannt, dass die meisten Menschen, noch immer nicht genug über die Herkunft und Abstammung der Juden wissen und es deswegen nicht genug ist auf nationaler Ebene darüber zu berichten. Vor allem den in Amerika, wo die Hälfte der gesamten jüdischen Bevölkerung lebt, sei es wichtig die Menschen darüber aufzuklären und die Geschichte der Juden, vor allem die Sefarden zu erzählen. Jedoch wollte Naim Güleryüz an diesem Abend keine Geschichtsstunde halten, aber er gab einen kurzen und prägnanten Überblick über die Jahrhunderte lange Geschichte der türkischen Juden und nahm dabei die wichtigsten Punkte heraus. Noch heute werden die Nachkommen der damaligen Flüchtlinge aus Spanien Sefarden genannt, zur Zeit umfasst die türkische Gemeinde in der Türkei etwa 20 000 Mitglieder. Die Mehrheit von ihnen lebt in den großen Städten wie Istanbul, Ankara und Izmir. 96 % von ihnen sind Sefarden, der Rest Ashkenasi. Ursprünglich gab es vier verschiedene Arten von Juden: Die einen die von Babylon in den Süd-östlichen Teil der Türkei kamen, diejenigen mit romanischer Abstammung, die als Sklaven und Soldaten nach Anatolien gebracht wurden und sich dort einlebten und schließlich eben die Ashkenasi und die Sefarden. Letztere kamen eben erst sehr spät, im Jahre 1492, in das osmanische Reich, konnten sich aber sehr schnell du sehr gut integrieren, aufgrund ihres enormen Wissens aus der goldenen Zeit.

 

Naim Güleryüz erklärte, dass in der goldenen Zeit  Juden mit Moslems und Christen in ganz Europa zusammenwirkten und erstaunliche Forschungen und Entwicklungen im Bereich der Medizin, Kunst und Technologie hervorbrachten. Heutzutage sprechen alle Juden in der Türkei Türkisch, aber das war nicht immer so. Güleryüz? Eltern zum Beispiel sprachen nur Französisch. Auch Hebräische und Spanisch gerieten in Vergessenheit und Türkisch wurde erst ab 1923 in den Schulen unterrichtet. Spanisch ist eine wunderschöne Sprache, so Güleryüz, sie bildet eine Brücke zwischen der Geschichte von gestern und heute und es ist wichtig, so erzählt er weiter, diese Sprache nicht gänzlich zu verlieren. Schließlich wird sie rund um den ganzen Globus gesprochen, sei es nun Spanien selbst, oder auch Portugal, Südamerika und in Teilen von Florida(USA).

 

Von den zahlreichen jüdischen Zeitungen in der Türkei ist heute nur mehr die wöchentliche Zeitschrift „Şalom“, die sich mit Politik und Kultur befasst. Die sogenannten „Social Clubs“ der Juden in der Türkei, die es seit 1895 gibt, sind besonders wichtig, das es als Minderheit in einem Land unter anderem sehr schwer sein kann, die Kultur zu bewahren. Weiters ist es ebenso schwer, dass ein jüdischer Mann einer jüdische Frau zum heiraten findet. Aus all diesen Gründen haben sich die ?Social Clubs? in den letzten 114 Jahren sehr gut bewährt.

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05 09 2010
By: Redaktion 2 0

Heirat und Tod in der Türkei

Von Canan Bulkur, Birol Kilic

 

Kleinasien beherbergt seit den frühesten und den bekannten Epochen der Menschheitsgeschichte bis heute eine bunte Vielfalt von Zivilisationen; laut historischen und archäologischen Quellen blickt es auf eine zehntausendjährige Geschichte zurück und stellt heute die Summe der Errungenschaften all dieser Zivilisationen dar.

 

Alle monotheistischen und  polytheistischen Religionen, die einst hier aufeinander trafen, sich vermischten und verwoben, bilden das Erbe der  anatolischen Kultur. So blieb auch der Islam als die Religion, die heute in dieser Region am weitesten verbreitet ist, nicht unbeeinflusst von all diesen verschiedenen Religionen.

 

Jeder Mensch wird in einen bestimmten Kulturkreis hineingeboren, wo er aufwächst, sich entwickelt und bis zu seinem Tod lebt. In diesem Sinne kommt dem Kulturkreis die Aufgabe zu, dem Individuum zu einer Identität zu verhelfen. So basieren auch die Geschlechterrollen, die Ehe als eine gesellschaftliche Institution sowie deren Rituale und Feste auf diesem Selbstverständnis der kulturellen Identität.

 

Heiratsbräuche in der heutigen Türkei

Die Ehe ist eine Institution, innerhalb derer zwei Menschen verschiedenen Geschlechts die Entscheidung treffen, ihr Leben zusammen zu verbringen. Diese Institution ist sowohl von einer rechtlichen wie einer religiösen Seite geprägt. Der Islam sieht die Ehe als eine religiöse Pflicht und begreift sie als Garant für die Gründung von Familien und den Fortbestand der gesellschaftlichen Sittlichkeit. Aus diesem Grunde werden auch sämtliche Zeremonien in Zusammenhang mit der Ehe als religiöse Pflichten aufgefasst. Im Folgenden werden nun die Rituale und Feste bezüglich der Ehe einzeln aufgeführt.

 

Heiratsfähigkeit und -alter

Generell gibt es eine Reihe von Maßstäben, nach denen bestimmt wird, ob eine Frau oder ein Mann im heiratsfähigen Alter ist. Diese Maßstäbe wurzeln in den Traditionen. In der Türkei wird der Beginn des Pubertätsalters auf 10 bis 14 Jahre angenommen. Die Pubertät verursacht sowohl bei Jungen wie bei Mädchen biologisch-physiologische sowie psychologische Veränderungen. Zusammen mit der Pubertät steigt auch die persönliche Verantwortlichkeit und Jungen wie Mädchen nehmen nunmehr an den wirtschaftlichen, sozialen sowie kulturellen Aktivitäten ihrer Familie teil. Wurde früher zwar das Pubertätsalter mit dem Heiratsalter gleichgesetzt, so ist dies heute, im Zeitalter der Moderne, nicht mehr von Gültigkeit. Nur in manchen ländlichen Regionen, in denen das traditionelle Leben noch andauert, wird diese Regel beachtet. In den Städten hingegen liegt das Heiratsalter weitaus höher, was seine Ursachen darin hat, dass sowohl die Traditionen an Einfluss verloren haben und die ökonomischen Bedingungen schwieriger sind. So wird es in den Städten als falsch angesehen, dass Mädchen und Jungen vor dem Abschluss der Schule heiraten.
Bei der Schließung von Ehen gibt es traditionell eine Hierarchie der Art, dass in einer Familie zuerst der älteste Bruder beziehungsweise die älteste Schwester heiratet, danach die anderen Geschwister. Doch auch dies hat sich in den letzten Jahren verändert. Bei der Eheschließung sind wirtschaftliche und soziale Kriterien von großer Bedeutung. Wie jedoch die Gesellschaft von geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen geprägt ist, hat dies auch seine Auswirkungen auf die Eheschließung. Das heißt, dass den Männern und deren Familien eine aktivere Rolle zugeschrieben wird als der Frau beziehungsweise deren Familie und demnach erwartet man Schritte hin zu einer Heirat von dem Mann oder dessen Familie.

 

Brautschau, Werbung um ein Mädchen, um die Hand anhalten, Brautwahl

Die Brautschau ist eine Einrichtung die dazu dient, dass sich die Familien der jungen Leute, die heiraten wollen, kennen lernen. Soll eine Ehe nach diesem Brauch geschlossen werden, geht man zur Brautschau zu der Familie des Mädchens, das von Verwandten des Mannes oder von Nachbarn ausgesucht wurde. Zuerst wird die in Frage kommende Braut von den weiblichen Verwandten des Mannes besucht und falls sie als geeignet angesehen wird, schildern diese den Besuch in lobenden Worten gegenüber dem zukünftigen Bräutigam. Wünscht dieser es, dann wird ein zweiter Besuch von Seiten der ältesten Mitglieder seiner Familie durchgeführt. Haben sich die Heiratskandidaten jedoch zuvor geeinigt, dann gehen die ältesten Mitglieder der Familie an einem vereinbarten Tag zu der Familie der zukünftigen Braut, um um ihre Hand anzuhalten. Dabei werden Süßigkeiten, insbesondere Schokolade, überreicht und diese müssen dann auf einem silbernen Teller angeboten werden. Diese Geschenke wie Blumen und Schokolade sind Zeugen der wirtschaftlichen Situation des Mannes. Aber auch im Hause der Frau werden Vorbereitungen getroffen. Als Wichtigstes zählt dabei die Zubereitung von Kaffee von Seiten der zukünftigen Ehefrau. Ohnehin ist der Kaffee in kultureller Hinsicht  in vielerlei Weise bedeutungsvoll: So trägt eine Kaffeetasse die Erinnerung von vierzig Jahren und deshalb ist es nicht grundlos, warum zu Beginn eines solch wichtigen Ereignisses wie Eheschließung Kaffee angeboten wird. Während des Kaffeetrinkens oder danach sagt dann der älteste männliche Verwandte aus der Familie des Mannes oder der Vater des zukünftigen Bräutigams – an dessen Stelle kann auch ein geachteter älterer Verwandter treten – die Worte: „Nachdem es Gott so gewollt hat, bitten wir um ihre Tochter für unseren Sohn“. Es ist eine kulturelle Eigenheit, dass die Familie der zukünftigen Frau sich bitten lässt und nicht sofort „Ja“ sagt, um zu zeigen, dass sie nicht daran interessiert sind, ihre Tochter sofort zu verheiraten. So antworten sie mit den Worten „Wenn es das Schicksal will“. Wird die Schokolade, die der Familie der Frau überreicht wurde, geöffnet und den Gästen angeboten, so kommt dieses einem „Ja“ gleich. Wird sie hingegen nicht geöffnet, so bedeutet dies, dass man noch etwas nachdenken möchte und ein zweiter Besuch muss gemacht werden. Bei diesem zweiten Besuch wird dann die Vereinbarung zur Eheschließung getroffen. Wurde die Schokolade indes geöffnet, wird gleich ein Tag vereinbart, an dem man sich das Wort geben wird.

 

Ehevereinbarung

Die Vereinbarung zur Schließung der Ehe kann sowohl an demselben Tag stattfinden, an dem man um die Hand der zukünftigen Braut anhält, wie auch an einem anderen Tag. Die Feier besteht im Anstecken der Ringe und wird im Haus der Frau durchgeführt. Die Fingerringe symbolisieren, dass sich Frau und Mann gegenseitig das Wort gegeben haben. Danach wird ein Termin für die Verlobung vereinbart, der nicht allzu spät liegen sollte, denn nach islamischem Brauch sollen die Heiratskandidaten so bald wie möglich verheiratet werden. Aus diesem Grunde wird gleich nach der Ehevereinbarung die religiöse Trauung, das heißt die Trauung vor dem Imam, vollzogen, ohne die weiteren Zeremonien abzuwarten. Dieser Brauch gewährleistet den Heiratskandidaten, dass sie sich in Ruhe treffen können.

 

Verlobung

In der Türkei werden alle Ausgaben für die Verlobungsfeier von Seiten der Braut aufgebracht, weshalb diese einen Spiegel der sozioökonomischen Lage der Frau darstellen. Die Familie des Mannes hingegen kleidet für die Verlobung die Frau neu ein und überreicht den Mitgliedern der Familie der Braut Geschenke, die aus handgefertigten Textilien bestehen und die wiederum die ökonomische Lage des Mannes spiegeln. Gleich nach der Verlobung wird von Seiten der Frau ebenfalls ein solches Geschenk, bestehend aus Textilien, zusammengestellt und der Familie des Bräutigams geschickt. Die Verlobungsfeier findet im Haus der Braut oder in einem dafür angemieteten Saal statt und sämtliche Verwandte und Nachbarn werden eingeladen. Es wird Essen oder auch nur Kuchen und süßes Gebäck verteilt. Die Mutter des Bräutigams überreicht der Braut, die das neue Verlobungskleid trägt, Schmuck, der aus einem Ring, einem Armreif oder einer Halskette bestehen kann. Bei der Verlobungsfeier wird ebenso der Verlobungsring an den Finger der rechten Hand von Braut und Bräutigam angesteckt, ein Amt, das einem der ältesten männlichen Verwandten aus der Familie der Braut zukommt. Liegen zwischen Verlobung und Hochzeit religiöse Feiertage, so überreicht der Bräutigam der Braut und ihrer Familie Geschenke. Fällt zum Beispiel das Opferfest in diesen Zeitraum, so kauft der Bräutigam einen Schafbock, schmückt ihn, färbt seinen Rücken mit Henna und schickt ihn der Familie der Braut. Ist die Familie des Mannes reich, so behängt sie darüber hinaus die Stirn des Schafbocks mit Gold. Die Gäste, die an der Verlobungsfeier teilnehmen, überreichen dem Paar Geschenke oder stecken Geld und Gold an ihre Kleidung. Die Dauer der Verlobungszeit bestimmen die Familien, jedoch wird gleich nach der Verlobung die religiöse Trauung vollzogen.

 

Hochzeitsvorbereitungen

In der Zeit zwischen Verlobung und Hochzeit vervollständigt die Braut ihre Aussteuer, die dann in eine Truhe gelegt wird. Die Aussteuer kann von der Mutter der Braut, einer Verwandten oder von der Braut selbst hergestellt werden. Die Holztruhen mit der Aussteuer sind von großer kultureller Bedeutung und sind daher verziert, wobei insbesondere Verzierungen aus Perlmutt sehr begehrt sind. Die Aussteuer der Braut wird einige Tage vor der Hochzeit gewaschen und diese Arbeit sollte von den Freundinnen der Braut erledigt werden. Die gewaschene und gebügelte Aussteuer wird zuerst im Haus der Braut zur Ansicht ausgebreitet und diejenigen, die die Aussteuer inspizieren möchten, bringen ein Geschenk mit. Danach wird die Aussteuer in das Haus gebracht, in dem das Paar leben wird, wobei diese Prozedur von regional unterschiedlichen Bräuchen begleitet ist. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass es ein vergnügliches Unternehmen ist. In manchen Gegenden wird die Aussteuer in das neue Haus gebracht, noch bevor die Braut eingetroffen ist, in anderen Regionen gemeinsam mit der Frau. Die Aussteuer symbolisiert die Ehre der Braut und wird deshalb mit Sorgfalt vorbereitet und überbracht. Und alle wollen die Aussteuer bestaunen.

Die Hochzeit ist eine Feier, die verschiedene Stufen umfasst und in ländlichen Gebieten drei bis sieben Tage dauern kann, in den Städten hingegen eins bis zwei Tage.
Der Termin für die Hochzeit wird gemeinsam festgelegt und vor der Hochzeit wird gemeinsam mit der Braut ein Hochzeitseinkauf unternommen, bei dem neben notwendigen Dingen auch das Kleid für die Henna-Nacht sowie das Brautkleid erstanden werden. Verlobung und Hochzeit können am selben Tag und am selben Ort gefeiert werden, die Verlobung in einem Saal der Stadtverwaltung und die Hochzeit in einem anderen Saal, in dem dem Vergnügen keine Grenzen gesetzt sind. Mietet man einen solchen Saal an, dann kann der Standesbeamte auch dorthin bestellt werden.

Zur Hochzeit werden andere Gäste als zur Verlobung geladen. In manchen Gegenden wird an das Haus des Bräutigams eine Fahne, meist die türkische, angebracht als Zeichen, dass eine Hochzeit stattfinden wird.

 

Die Nacht der Henna

Die Henna-Nacht ist eine Feier, die am Tag vor der Hochzeit durchgeführt wird. Es ist die letzte Nacht, die die Braut nur unter Frauen, darunter die weiblichen Mitglieder ihrer Familie und Nächsten sowie ihre Freundinnen, und als Jungfrau verbringen wird. Traditionell ist diese Feier von Traurigkeit bestimmt, verläuft in den Städten heute aber vergnüglicher, denn es wird als das letzte Amüsement vor der Eheschließung betrachtet. Heutzutage werden in städtischen Regionen Ehen ausschließlich vor dem Standesbeamten geschlossen.

Das Färben mit Henna ist eine Tradition, die weit zurückreicht. Die Hände der Braut, des Bräutigams und der geladenen Gäste werden mit Henna gefärbt, womit die Heiligkeit der Ehe zum Ausdruck gebracht wird. Denn die schützende Eigenheit der Henna ist seit alters her bekannt und man bezweckt mit ihrem Auftragen, dass die Ehe lang währt und beschützt wird.

Die Henna, mit dem die Hände der Braut eingefärbt werden, wird von der Familie des Mannes gekauft. Henna, Nüsse und andere Knabbereien, ein Tag vor der Henna-Nacht eingekauft, werden in das Haus der Braut geschickt, manchmal auch mitgebracht, wenn man zur Henna-Nacht geht. Die Henna wird auf spezielle sorgfältige Weise auf einem Tablett vorbereitet.

Die Henna-Nacht findet im Haus der Braut statt. Die geladenen Frauen und Mädchen aus der Familie des Bräutigams versammeln sich zuerst in dessen Haus und gehen dann zusammen zu dem Haus der Braut. Bis die Frauen aus der Familie des Bräutigams eintreffen, vergnügen sich die Braut und ihre Gäste, um dann in eine traurige Stimmung zu verfallen und das Vergnügen den Frauen aus der Familie des Bräutigams zu überlassen.

Die Braut trägt in dieser Nacht eine besondere Kleidung und ihr Kopf ist mit einem roten Schleier verhüllt. Die Henna wird vorbereitet und dann in ein silbernes oder aus Kupfer hergestelltes Tablett gegeben. Die Henna wird  von einer Frau aufgetragen, die allseits geachtet und beliebt ist. Die Braut sitzt in der Mitte und ihr Gesicht ist in Richtung Mekka gewandt. Die jungen Mädchen um sie herum singen Lieder und Gebetsweisen. Das Tablett mit dem Henna und den brennenden Kerzen darauf lässt man um den Kopf der Braut kreisen, manchmal wird das Tablett auch auf dem Kopf der Braut gedreht, darunter ein Kissen. Sollen die Hände der Braut mit Henna eingefärbt werden, so öffnet diese ihre Hände nicht gleich. Erst wenn ihre Schwiegermutter ihr Gold in die Hand legt, öffnet sie diese und die Hände, in manchen Gegenden auch die Füße, werden mit Henna gefärbt. In einigen Regionen wird zu diesem Zeitpunkt der Zeremonie der Bräutigam eingelassen und die Hände von Braut wie Bräutigam werden zu gleicher Zeit mit Henna gefärbt. Damit wird die Heiligkeit der Ehe in noch bedeutungsvollerer Weise unterstrichen. Während dem Färben mit Henna werden die traurigsten Lieder gesungen, um die Braut zum Weinen zu bringen, denn ihr Weinen ist unabdingbar. Die Lieder handeln von der Mutter und von Trennung. Im Allgemeinen berichten die Weisen, die in der Henna-Nacht gesungen werden, von Kummer und Unrecht, von Fremde und den Schwierigkeiten des Lebens. Während dieser Zeremonie bringen die Frauen mit diesen Liedern das zum Ausdruck, was ihnen öffentlich zu sagen nicht erlaubt ist. Generell weicht die Traurigkeit nach dem Färben mit Henna einer allgemeinen Heiterkeit. Ist die Henna-Nacht zu Ende, gehen die verheirateten und älteren Frauen nach Hause, die jungen Mädchen hingegen verbringen die Nacht an der Seite der Braut, wobei es Bedingung ist, nicht zu schlafen. Denjenigen, die dennoch einschlafen, werden Streiche gespielt: Ihre Gesichter werden eingefärbt oder ihre Kleider ans Bett angenäht.

 

Das Abholen der Braut

Im Rahmen dieser Zeremonie wird die Braut vom Haus ihrer Familie abgeholt und in das Haus des Bräutigams gebracht. In den Städten begeben sich die Paare gleich nach der Hochzeit auf die Hochzeitsreise. Deshalb ist das traditionelle Abholen der Braut nach dem Hochzeitsfest eine durchaus feierliche Angelegenheit. Der Hochzeitszug geht – zu Fuß, wenn es nah ist, mit dem Auto, wenn der Ort entfernter liegt – zum Haus der Braut. Die Schwiegermutter nimmt allerdings an diesem Hochzeitszug nicht teil. Die Braut wartet zu Hause auf den Hochzeitszug, der von unterschiedlichsten Vergnügungen begleitet ist, die je nach Region verschieden sind. So ist es Brauch, den Weg des Hochzeitszuges abzuschneiden und Geld zu verlangen, um diesen wieder frei zu geben, was selbst in den Städten praktiziert wird.

Kommt der Hochzeitszug beim Haus der Braut an, wird Geld verlangt, damit die Türe geöffnet wird. Während sich die Braut vorbereitet, tanzen die Teilnehmer des Hochzeitszuges vor dem Haus. Die Braut erhält von ihrem Vater die erbetene Erlaubnis und dieser bindet ihr eine rote Schleife zum Zeichen ihrer Reinheit und Ehre um die Hüfte. Anstelle des Vaters kann auch der ältere Bruder diese Zeremonie ausführen. Während sich die Braut aufmacht, das Haus zu verlassen, setzt sich ihr kleinster Bruder auf die Truhe mit der Aussteuer und erst wenn er Geld erhält, kann die Braut aus dem Haus treten. Die Mutter der Braut weint, denn es ist der letzte Abschied von ihrer Tochter.
Der Bräutigam nimmt die Braut unter den Arm und führt sie aus dem Haus. In den Städten wird Konfetti über der Braut in die Luft geworfen, in ländlichen Regionen Weizenkörner als Symbol für Fruchtbarkeit. Während dieser Zeremonie werden von der Braut bestimmte Handlungsweisen erwartet, die sich zwar von Region zu Region ändern, deren gemeinsames Ziel jedoch darin besteht zu gewährleisten, dass das Eheleben glücklich beginnt und dauerhaft weiter besteht. Einige dieser Handlungsweisen sind:

–    Während die Braut das Haus verlässt versetzt sie der Türe einen Fußtritt, damit ihre schlechten Veranlagungen hinter ihr bleiben.
–    Die Braut nimmt den Koran unter den rechten und ein Brot unter den linken Arm zum Zeichen ihres guten und sittlichen Charakters und als Symbol dafür, dass sie eine gute Hausfrau werden wird.
–    Man gibt der Frau Sauerteig oder Haushaltsgeräte wie einen Besen oder ein Nudelholz in die Hand, damit sie eine gute Hausfrau wird und ihren Haushalt mit Geschicklichkeit führt.

Dem Hochzeitszug werden verschiedenste Geschenke überreicht und wenn die Braut ihr Elternhaus verlässt, werden Lieder gesungen und die Braut steigt in das Auto (in vergangenen Zeiten benutzte man auf den Dörfern eine Pferdekutsche). Während des Einsteigens wird direkt vor ihren Füßen ein Tonkrug zerbrochen, um das neue Leben für heilig zu erklären.

 

Die Braut wird in das Haus des Ehemannes gebracht

Wird der Brautzug nicht aufgelöst, nachdem die Braut abgeholt wurde, so sucht dieser wichtige Orte auf. Noch bevor die Braut am Haus des Ehemannes ankommt, erhält die Braut Geschenke von Schwiegermutter und Schwiegervater. Während sie im Auto sitzt, legt man ein Baby in ihre Arme, um ihre Gebärfähigkeit zu steigern. Unter Gebeten steigt die Braut aus dem Auto, wobei man auf die unterschiedlichsten Bräuche treffen kann. In manchen Region muss die Braut auf einen Löffel treten oder diesen zerbrechen. In wieder anderen Regionen muss sie auf einen umgedrehten Kessel treten, manchmal auf ein Hanfseil. Diesen Bräuchen ist die Absicht gemein, die Ausdauer der Braut zu stärken. In manchen Gegenden muss die Braut auf ein Schaffell treten um damit zu zeigen, dass sie fügsam ist. Während die Braut aus dem Auto steigt werden vom Dach aus Trauben, geröstete Kichererbsen und die Früchte der Ölweide über sie gestreut. Dies gibt dem Wunsch Ausdruck, dass ihr Haus fruchtbar sein soll. In anderen Gegenden wiederum wird der Wunsch, dass die Braut von gutem Charakter ist, mit dem Zerbrechen eines Glases oder eines Tontopfes bestärkt. Bevor sie durch die Türe tritt, wird der Braut in manchen Gegenden auch ein Löffel Honig gegeben mit dem Wunsch, über ihre Lippen sollen keine schlechten Worte treten. Der Bräutigam muss hingegen je nach Region einen Granatapfel, einen Apfel oder eine Orange so auf den Boden werfen, dass sie in Teile zerberstet um damit zu zeigen, dass er seine Familie beschützt und sich um sie kümmert.

Ist die Braut bis zu der Türe ihres neuen Heims gekommen, nimmt man ihr den Brautschleier ab. Das Betreten des Hauses unterliegt wiederum verschiedensten Zeremonien, deren gemeinsames Ziel der Wunsch ist, dass die Braut verständnisvoll und von gutem Benehmen ist und dass nur freundliche Worte von ihr zu vernehmen sein werden. Auch soll mit diesen Bräuchen verhindert werden, dass in der großen Familie Probleme auftreten. Ein Teil dieser Bräuche wird in den Städten nicht mehr praktiziert, manchmal sind sie auch ganz verschwunden. Da die Großfamilie in den Städten an Bedeutung verloren hat und die Jugendlichen heute ihr eigenes Heim gründen, sind diese Bräuche nur noch in manchen Dörfern oder Gegenden, in denen das traditionelle Leben andauert, aufzufinden.  Zu diesen Bräuchen zählen: Die Braut springt auf dem rechten Fuß über die Schwelle und küsst die Hände der Älteren. Man lässt Braut und Bräutigam Fruchtsaft trinken und bittet sie in das Zimmer, wo der Bräutigam seiner jungen Frau ein Geschenk überreicht. In manchen Regionen wird der Braut erst zu diesem Zeitpunkt der Schleier abgenommen. Danach verlassen sie das Zimmer und vergnügen sich bis zum Abend, der Bräutigam mit seinen Freunden, die Braut mit den Gästen, die in das Haus des frischen Ehemannes gekommen sind.

 

Erstmaliges Zusammenkommen

Das erste Zusammenkommen von Braut und Bräutigam, nachdem die religiöse wie standesamtliche Eheschließung vollzogen wurde, nennt man ‚GerdekÂ’. Nunmehr ist ihre Ehe sowohl von Gott wie von Seiten der Gesellschaft bestätigt worden. Auch wenn diese nicht rechtskräftig ist, so gibt es dennoch immer noch Ehen, die ausschließlich vor dem Imam vollzogen werden. Am verbreitetsten ist hingegen, die Ehe zugleich sowohl vor dem Imam wie auf dem Standesamt zu schließen.

Mit den Fäusten auf ihn einschlagend bringt man den Bräutigam in das Brautgemach. Mit dieser Zeremonie wird beabsichtigt, den Bräutigam für die Hochzeitsnacht zu stärken. Betritt der Ehemann das Brautgemach, verrichtet er das rituelle Gebet. Derweil hat man dem neuen Paar Speisen wie Huhn und Baklava gebracht. An der Seite der Braut befindet sich eine Frau, die das junge Paar auffordert, sich gegenseitig die Hand zu geben. Die Frau verlässt danach das Zimmer. Die Braut hüllt sich in Schweigen und der Bräutigam versucht sie zum Sprechen zu bringen, indem er ihre Geschenke überreicht.

Nach dem islamischen Glauben und der gesellschaftlichen Ethik darf die Braut auf keinen Fall vor ihrer Hochzeit mit einem Mann zusammen gewesen sein. Es ist Bedingung, dass ihrer Jungfernschaft von dem Mann, den sie heiratet, ein Ende gesetzt wird. In vielen Regionen ist dies eine Frage der Ehre. Aus diesem Grunde ist die Hochzeitsnacht die Nacht, in der die Ehre der Frau bestätigt wird. In manchen Gegenden wird die Tatsache, dass die Braut Jungfrau ist, mit Pistolenschüssen der gesamten Bevölkerung bekannt gegeben, in anderen Regionen hängt man stattdessen eine Fahne auf.

In den Städten sind solche Bräuche so gut wie verschwunden. Haben sie aber noch Bestand, so werden nach der Hochzeitsnacht Vergnügungen aller Art veranstaltet, um die Jungfräulichkeit zu feiern und um die Braut zu sehen. Diese breitet ihre Aussteuer aus, so dass alle Gäste sie betrachten können.

 

Die Eheschließung vor dem Imam, die religiöse Trauung

Die religiöse Trauung bedeutet aus dem Blickwinkel des Islam die Ehe zu heiligen und die Eheschließung vor dem Imam ist eine religiöse Feier, die die Anerkennung der Ehe vor Gott gewährleistet. Während früher ausschließlich religiöse Trauungen durchgeführt wurden, schließt man eine Ehe heute sowohl vor dem Imam wie auf dem Standesamt, um der Frau rechtliche Sicherheit zu bieten.

Die Trauung vor dem Imam ist eine religiöse Pflicht. Vor der eigentlichen Trauung hält der Imam eine Predigt, spricht Gebete und dankt Gott. Um die Trauung zu vollziehen sagt er: „Diese Frau (es wird der Name der Braut genannt) gebe ich Dir als Ehegattin“. Der Bräutigam oder ein Vertreter sagt daraufhin: „Auch ich erkläre mich einverstanden sie gegen eine Mitgift von … (die Summe wird mit lauter Stimme genannt) zu heiraten“. Mit diesen Worten, die in Anwesenheit von zwei Zeugen ausgesprochen werden, ist die Trauung vollzogen.

Das Wichtige bei der religiösen Trauung ist die Festsetzung der Mitgift, die man ‚mihirÂ’ nennt und die erhoben wird, um die Frau in der Zukunft abzusichern. Denn falls es zu einer Scheidung kommt, wird entsprechend der Mitgift die Entschädigung, die die Frau erhält, bestimmt. Die Mitgift kann in Form von Gold, Geld oder Gütern festgesetzt werden und wird im Allgemeinen in Anwesenheit von Zeugen in schriftlicher oder mündlicher Form festgehalten.

 

Begräbnis- und Beerdigungsbräuche in der Türkei heute

Die islamische Welt besteht aus vielen Glaubensrichtungen. Aus diesem Grunde wurden aus allen diesen Rechtsschulen die gemeinsamen Bräuche ausgesucht und ausgewertet. Wenn heute auch sämtliche Bräuche, die man im Hause des Verstorbenen durchführt und die die Beförderung des Sarges auf den Friedhof bestimmen, von Verstädterung und Industrialisierung beeinflusst sind, so handelt es sich hierbei jedoch um Bräuche, die zum größten Teil noch praktiziert werden.

Unterschiede sind im Alewitentum festzustellen. Der alewitische Glaube beruht auf Produzieren und Teilen, auf Teilnahme und dem Prinzip der Mehrheit sowie auf Freiheit und Gleichheit. Das Leben ist ein Kampf und Geburt, Heirat und Tod sind Stufen dieses Lebens. War der Verstorbene reich, so wird bei den Alewiten ein siebentägiges Totenmahl abgehalten (ein Überbleibsel aus der Tradition der Hettiter). War der Verstorbene hingegen arm, so wird in der Gemeinde Geld gesammelt, ein Opfertier geschlachtet und seine Schulden beglichen. Wird der Leichnam aus dem Haus heraus getragen, wird eine religiöse Feier durchgeführt, wobei Lieder in einer bestimmten Tonart gesungen werden. Mit dieser Feier und einem Eimer Wasser, der dem Sarg hinterher ausgeschüttet wird, gibt man dem Toten das letzte Geleit. Am Abend des Tages, an dem die Beerdigung stattfand, veranstaltet man für den Verstorbenen eine religiöse Versammlung mit einem Gottesdienst.

In manchen Regionen stehen dabei die Frauen, in Trauer gehüllt und ihr Kinn auf einer Haselnussgerte abgestützt. Hatte der Verstorbene Schulden, werden diese bezahlt und hatte er jemanden gekränkt oder beleidigt, so bittet man diese Person um Verzeihung, denn es ist nicht erlaubt, mit einer Ungerechtigkeit, die man begangen hat, in die Ewigkeit einzugehen. Die Beerdigungsfeierlichkeiten werden von den alewitischen Oberhäuptern geleitet. Das Oberhaupt spricht für den Verstorbenen folgende Worte: „Wenn das, was vor Dir liegt, Samt ist, so hast Du ihn selbst gewoben; sind es aber Dornen, so hast Du sie selbst gepflanzt“.

Das Opfertier, das am ersten Tag geschlachtet wurde, wird als Todesmahl dargereicht und auf diese Weise verteilt. Der Zeit zwischen dem ersten und dem vierzigstem Tag wird als dem „Ort zwischen Tod und Auferstehung“ gedacht. Am vierzigsten Tag nach der Beerdigung wird mit der Erlaubnis der Gemeinde ein weiterer Gottesdienst abgehalten. An diesem Tag wird ein Essen gegeben, eine religiöse Versammlung veranstaltet, im Kreise getanzt, Verse vorgetragen und Lieder gesungen. Nach alewitischem Glauben werden das Waschen des Toten, das Anlegen des Totenkleides und die Abhaltung von Gebeten nicht in der Moschee, sondern in den, der Gemeinde eigenen Versammlungshäusern durchgeführt. Die weiteren Bräuche gleichen größtenteils denjenigen der anderen Rechtsschulen, die im Folgenden dargestellt werden.

Eine Person, die sich im Sterben befindet, nennt man „muhtezar“. Diesem wird das Glaubensbekenntnis vorgetragen und der Sterbende wird aufgefordert, es selbst aufzusagen. Diesen Vorgang nennt man „telkin“ (Einflüsterung). Das Waschen des Toten nennt man „gaslşmeyyit“ und sämtliche Vorgänge, von der Totenwaschung bis zum Begräbnis nennt man „teçhiz“.

Das Waschen des Toten, seinen Leib in das Leichentuch einhüllen, das Abhalten des Totengebetes und die Bestattung sind religiöse Pflichten, genannt „farz“. Diese sind einzuhalten. Über den Verstorbenen sind nur gute Worte zu sprechen, man soll sich nur an seine guten Seiten erinnern und sich davor hüten, Schlechtes über ihn zu sagen.
Bei der Aufbahrung des Toten wird der Leichnam auf die rechte Seite in Richtung Mekka gedreht, seine Füße weisen ebenfalls in diese Richtung und sein Kopf wird etwas erhöht gelagert, damit gewährleistet wird, dass auch sein Gesicht in Richtung Mekka blickt.

Einer Person, die im Sterben liegt, bringt man den Kelime-i Tevhid oder das Glaubensbekenntnis und lässt es ihn auch selbst aufsagen. Dessen Sinn lässt sich in folgende Worte fassen: „Ich bitte Allah um Erbarmen und Barmherzigkeit. Denn ich glaube an ihn. Es gibt keinen Gott außer Allah“. Wenn das die letzten Worte eines Verstorbenen sind, dann geht er in das Paradies ein. Es gilt als gute Tat, im Haus eines Toten den Koran zu rezitieren, denn man geht davon aus, dass es die Seele des Toten beruhigen werde. Insbesondere wird empfohlen, die Suren „Yasin“ und „Rad“ zu lesen.

Sind die Augen nach Eintreten des Todes geöffnet, werden sie geschlossen und ein Band vom Kinn über den Kopf gebunden, damit auch der Mund geschlossen bleibt. Während dies getan wird, sagt man Gebete auf. Insbesondere folgendes Gebet ist für eine solchen Situation geeignet: „Mein Gott, stehe dieser Person bei. Mache ihn glücklich mit Deinem Gesicht. Schenke ihm in dieser anderen Welt, in die er sich begibt, mehr Gutes und Glück als er es in der Welt erfahren hat, von der er kommt“.

Zur Aufbahrung des Toten zieht man seine Kleider aus und legt ihn auf ein hölzernes Brett. Über ihn wird eine Decke ausgebreitet, die auch sein Gesicht bedeckt. Damit der Tote nicht anschwillt legt man ein Messer, einen Dolch oder ein Stück Eisen auf seinen Bauch. Arme und Hände werden an den Seiten ausgestreckt angelegt. Neben dem Toten sollte sich niemand aufhalten, der die rituelle Waschung nicht vorgenommen hat. Schöne Düfte sollen den Toten umgeben, wozu man ein Räucherstäbchen anzünden oder Rosenwasser versprühen kann. Solange der Tote nicht gewaschen ist, sollte man den Koran nicht rezitieren, man kann dies jedoch in einem anderen Zimmer tun. Ist ein solches nicht vorhanden, muss das Gesicht des Toten vollständig bedeckt sein und man kann mit leiser Stimme dann aus dem Koran lesen. Man sollte die Nachricht über seinen Tod allen Verwandten und Bekannten zutragen und sämtliche Angehörige, Nachbarn, Bekannte und alle, die er liebte, sollen an seiner Seite sein, um dem Verstorbenen ihre letzte Pflicht zu erweisen, was nach islamischem Glauben als fromme Tat nicht unbeantwortet bleiben wird.

 

Die Waschung des Toten

Es ist wichtig, den Toten schnellstens zu waschen, in ein Leichentuch zu hüllen und ihn zu begraben. Der Tote wird zur Waschung auf einem Holzgestell oder auf einem Holzbrett, auf dem Rücken liegend, aufgebahrt und seine Füße weisen nach Mekka. In der Umgebung des Toten werden wohlriechende Düfte verstreut, wozu Räucherstäbchen drei, fünf oder sieben Mal angezündet werden. Über den Toten wird bis zu den Knien eine Decke ausgebreitet und seine Kleider werden ihm ausgezogen. Der Tote muss an einem uneinsehbaren Ort gewaschen werden und die Waschung kann entweder der nächste Angehörige oder eine dafür beauftragte Person vornehmen, die für ihren Dienst Geld erhält. Handelt es sich bei dem Verstorbenen um einen Mann, so muss dieser ebenfalls von einem Mann gewaschen werden, dementsprechend muss die Waschung einer weiblichen Toten eine Frau vornehmen. Eine Ausnahme gilt nur für Ehegatten. Die Waschung beginnt mit dem Aussprechen der Bismillah-Formel und die Worte „Ich bitte Allah um Gnade“ werden bis zum Ende der Waschung wiederholt. Die Person, die die Waschung vornimmt, wickelt einen Stoff um ihre Hände oder trägt Handschuhe. An dem Toten muss die rituelle Reinigung vorgenommen werden und wenn kein Wasser vorhanden ist, kann dies auch mit sauberer Erde vollzogen werden. Dem Toten wird zuerst das Gesicht gewaschen. Weil der Mund geschlossen ist, kommen Mund und Nase nicht mit Wasser in Berührung, wie das eigentlich bei der rituellen Reinigung Vorschrift ist. Nur Lippen, Nasenlöcher und Bauchnabel werden gewaschen, wie auch Hände, Arme, Füße und der Kopf. Auf diese Weise ist die rituelle Reinigung vollzogen. Ist ein kleines Kind gestorben, muss die rituelle Waschung nicht vorgenommen werden. Nach dieser Prozedur wird warmes Wasser über den Toten gegossen, das Haar und – bei einem Mann – der Bart wird mit einer Pflanze namens „hatmi“ (Malve) gewaschen. Ist diese Pflanze nicht aufzufinden, werden Haare und Bart ungekämmt mit normaler Seife gereinigt. Danach wird die rechte und linke Seite des Körpers noch drei Mal gewaschen. Entsprechend den Vorschriften wird dies als genügend angesehen, auch wenn man den Toten noch weiter waschen kann. Dies zeugt wohl von geografischen Regionen, in denen Wasser knapp ist und nicht verschwendet werden darf. Zuletzt wird der Tote etwas angehoben und man wäscht seinen Rücken.

Haare und Nägel des Toten werden nicht geschnitten und ist der Verstorbene nicht beschnitten, so kann dies auch nachträglich nicht vorgenommen werden. Beim Waschen darf keine Baumwolle benutzt werden und nach der Waschung wird der Tote mit einem Handtuch abgetrocknet.

 

Das Leichentuch

Es ist notwendig, den Körper des Toten in ein Tuch zu hüllen, das im Allgemeinen weiß ist und aus Baumwolle besteht. Am besten ist weißer Wäschestoff. Für Frauen kann das Leichentuch auch aus Seide oder aus gefärbten Stoffen sein und das Leichentuch von Frauen wird fünf Mal, das von Männern drei Mal gefaltet. Bevor es um den Toten gehüllt wird, sprüht man drei oder fünf Mal Duftstoffe über das Tuch. Der Tote wird von links nach rechts in das Tuch gehüllt und wenn man befürchtet, dass sich das Tuch öffnen wird, kann man es mit einem Gurt zusammenbinden. Einer Frau werden, sind ihre Haare lang, zwei Zöpfe geflochten und über das Leichentuch über die Brust gelegt. Ihr Gesicht wird anschließend mit einem Tuch verhüllt. Das Leichentuch muss mit dem Geld des Verstorbenen gekauft werden. Ist kein Geld vorhanden, kommen die Angehörigen dafür auf oder es wird auf der Beerdigung dafür gesammelt. Das Leichentuch für Frauen bezahlen die Ehegatten. Schließlich legt man den in das Leichentuch gehüllten Toten in einen Holzsarg und bringt ihn zum Totengebet in die Moschee.

 

Das Totengebet

Für einen Toten, an dem die Waschung vorgenommen wurde und den man in ein Leichentuch eingehüllt hat, muss man das Totengebet nach Mekka gerichtet sprechen, nachdem man die rituelle Waschung vollzogen hat. Das Totengebet muss mit dem Aussprechen der Intention beginnen und es muss gesagt werden, ob es sich bei dem Toten um eine Frau, einen Mann oder um ein Kind handelt. Das Totengebet wird von dem Imam angeleitet, der das Gebet beginnen lässt, indem er mit lauter Stimme die Intention ausspricht, was – für einen Mann – mit den Worten geschieht „Für diesen Mann“ beziehungsweise für eine Tote „Für diese Frau“. Kıyam (Aufstehen) und tekbir (Aussprechen der Formel Allah ekber) sind Teile des Totengebets. Man steht in einer Reihe und wendet sich in Richtung des Toten und in Richtung Mekka. Dann erhebt man die Hände, spricht die Formel Allah ekber und verschränkt dann die Hände vor dem Bauch. Danach wird das Gebet Sübhaneke rezitiert und wieder spricht man, dieses Mal ohne die Hände zu heben, die Formel Allah ekber, um dann die Sure Fatiha zu lesen. Zum Schluss wird noch einmal die Formel Allah ekber gesprochen, ohne die Hände zu heben, und gemeinsam mit allen Muslimen für den Toten gebetet und bei Gott um Gnade für ihn gebeten. Damit endet das Totengebet. Es ist nicht notwendig, dass bei dem Totengebet viele Menschen anwesend sind. Spricht der Imam und ein Mann oder eine Frau das Totengebet, ist dies ausreichend. Auch wenn bei einem Totengebet nur Frauen anwesend sind genügt dies den Vorschriften. Bei dem Totengebet können Männer und Frauen in einer Reihe stehen, es wird jedoch als angemessener betrachtet, wenn die Frauen hinter den Männern stehen. Das Totengebet wird nicht in der Moschee, sondern in deren Garten abgehalten, wo der Tote auf einer Steinbank, genannt „musalla taşı“, aufgebahrt wird. Nur in der Moschee von Mekka wird das Totengebet in der Moschee abgehalten. Am Ort des Begräbnisses wird bei Sonnenaufgang und -untergang das Totengebet nicht gesprochen.

 

Das letzte Geleit

Nachdem das Totengebet abgehalten wurde, muss der Tote so schnell wie möglich bestattet werden. Den Sarg tragen vier Personen, die diesen von vier Seiten her auf ihre Schultern nehmen. Dies ist von großer Wichtigkeit, da sie damit dem Verstorbenen Ehre und Achtung erweisen. Einen Toten wie einen Gegenstand in einem Auto oder auf einem Tier zu befördern wird nicht als angemessen betrachtet. Trägt man ihn hingegen auf den Schultern, so zeigt man diesem Menschen den ihm zustehenden Wert. Handelt es sich bei dem Toten um ein Kind, so kann auch eine Person diesen Leichnam tragen. Der Sarg führt den Beerdigungszug an und die vier Personen, die den Sarg tragen, müssen sich von Zeit zu Zeit abwechseln. Ein Wechsel nach zehn Schritten gilt dabei als angemessen. Die Beerdigungsteilnehmer dürfen nie vor dem Sarg laufen und es ist ihnen untersagt, über tägliche Angelegenheiten zu reden. Sie sollten Gebete oder den Koran rezitieren. Auch ist es verboten, hinter dem Toten übermäßig zu weinen oder ein übertriebenes Verhalten zu zeigen, denn dies gilt als eine Verletzung der Hochachtung gegenüber Allah. Trauer zu zeigen und lautlos zu weinen entsprechen am ehesten der Situation.

 

Begräbnis

Wurde der Sarg zum Grab gebracht und von den Schultern der Träger gehoben, dürfen sich die Teilnehmer der Beerdigung setzten. Das Grab muss eine Manneslänge tief und eine halbe Manneslänge breit sein. Das Grab kann entweder zuvor ausgehoben worden sein oder dann ausgegraben werden, wenn der Sarg gebracht wird, wobei das Graben als überaus fromme Tat gilt. Man kann das Grab aber auch ausgraben lassen. Es zeigt in Richtung Mekka und auch der Tote wird in dieser Richtung in das Grab gelegt. Über ihm wird aus Holz, Schilf oder Ziegellehm ein Gestell errichtet das verhindert, dass Erde über ihn geworfen wird, was als Zeichen der Ehre gegenüber dem Toten verstanden wird. Ist das Grab sehr feucht und von weicher Erde, kann der Tote auch im Sarg bestattet werden.

Der Leichnam wird unter Gebeten in das Grab gelegt und anschließend wird es mit Erde zugeschüttet, die jedoch nicht flach enden darf, sondern wie ein Kamelhöcker aufgeschüttet wird. Die Beerdigung muss tagsüber stattfinden.

Nachdem der Leichnam in das Grab gelegt wurde, rezitiert man aus dem Koran. Aus diesem Grunde verlassen die Beerdigungsteilnehmer die Grabstätte nicht sofort. Man nimmt an, dass auf diese Weise der Tote beim ‚GrabverhörÂ’ leichter antworten kann, denn nach islamischen Glauben gibt es ein solches Verhör, das der Tote leichter überstehen kann, wenn ständig Gebete gesprochen werden.

 

Bräuche nach dem Begräbnis

Nach der Beerdigung müssen die Angehörigen sieben Tage lang Geschenke und Essen, entsprechend ihrer ökonomischen Lage, an die Armen verteilen. Im Haus der Angehörigen darf jedoch kein Essen gekocht werden und die täglichen Arbeiten ruhen. Die Angehörigen müssen drei Tage lang im Hause bleiben, um Gäste, darunter Nachbarn und Verwandte, die kommen, um Beileid zu wünschen, zu empfangen und zu bewirten. Soweit wie möglich sollten die Beileidswünsche innerhalb dieser drei Tage überbracht werden.

Das Grab muss sauber gehalten werden, denn man sollte nicht vergessen, dass die Rechte der Toten genau so wichtig sind wie die der Lebenden.
Nach dem Begräbnis sollte das Grab, wenn keine außerordentlichen Gründe vorliegen, nicht wieder geöffnet werden.

Das Grab sollte ein Mal in der Woche, möglichst am Freitag oder Samstag, besucht werden, wobei man vor dem Grab steht und den Koran rezitiert. Da man annimmt, dass wenn man direkt mit dem Toten spricht, dieser einen hört, sprechen viele Leute mit lauter Stimme am Grab. Man sollte jedoch nicht von täglichen Dingen reden, sondern eher ein religiös bestimmtes Verhalten zeigen.

In der islamischen Welt ist der Begriff des Märtyrertums von überaus bedeutender Wichtigkeit. Man glaubt, dass die Menschen, die als Märtyrer gestorben sind, direkt in das Paradies kommen. Über ihren Sarg wird bei der Beerdigungsfeier eine Fahne ausgebreitet. Für Personen, die zum Märtyrer wurden, weil sie ihr Vaterland schützten, werden eigene Feierlichkeiten durchgeführt.

Nach der Beerdigungsfeier bemüht man sich im Haus der Angehörigen, der Seele des Verstorbenen Ruhe zu gewähren, indem man den Koran lesen lässt. Aus diesem Grunde trifft man sich mit Nachbarn und Verwandten am siebten Tag, am vierzigsten Tag und am zweiundfünfzigsten, um den Koran gemeinsam zu lesen. Auf diesen Versammlungen liest man vor allem aus dem Mevlid, einer Lobhymne an den islamischen Propheten Mohammed Mustafa. Es wurde zwar zum Brauch, dass auf allen Versammlungen aus dem Mevlid gelesen wird, aber eigentlich wäre eine Rezitation des Korans angebrachter. In jedem Gebet werden Wünsche für das Glück aller Märtyrer, aller Toten und für alle Menschen auf der Welt geäußert.

Damit die Toten an den Orten, an denen sie begraben wurden, jeder Zeit ungestört sind, wird ihrer stets im Guten erinnert und für sie gebetet.

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01 09 2010
By: Redaktion 2 0

Christentum, Anatolien und Reisen!

Das Gebiet der heutigen Türkei, besonders ihr asiatischer Teil, Anatolien, war der Schauplatz mehrerer wichtiger Ereignisse in der Geschichte des Alten, wie auch des Neuen Testamentes. Dem 1. Buch Moses zufolge begannen die Kinder Noahs und die Tiere, die Noah in der Arche gerettet hatte, vom Gebirge Ararat aus die Erde wieder zu bevölkern. In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen (Apg 11,26). Der Ararat liegt im Osten der Türkei, Haran und Antiochia im Süden, nahe der syrischen Grenze.

Die geographische Lage Anatoliens hat die Geschichte des Landes in außergewöhnlichem Maße beeinflusst. Anatolien ist eine Landbrücke zwischen Osten und Westen, zwischen Norden und Süden, ein Teil des Dreiecks, das Europa, Asien und Afrika miteinander verbindet. Tausend und abertausend Jahre lang wurde Anatolien durch die Völker bereichert, die es durchzogen, und trug zu ihrer Bereicherung bei. Anatolien ist gesegnet mit günstigen geographischen Bedingungen: jahreszeitlichen Schwankungen im Klima mit genug Niederschlag begünstigt, ausreichender Tierwelt, die gutes Fleisch und Fisch liefert sowie genug harten Gesteins wie Quarz, Obsidian und Feuerstein für die Anfertigung von Werkzeugen. Aus diesem Grund spielte sich die Entwicklung des Menschen in der Jungsteinzeit vom reinen Jäger zum Ackerbauern an den Abhängen des Taurus, des Amanus-und Zagros-Gebirges ab, wo die Bedingungen für den Ackerbau eher von Vorteil waren als für Weidewirtschaft. Vielleicht spiegelt sich das Drama dieser revolutionären Entwicklung in der alten Tragödie von Kain, dem Ackersmann und Abel, dem Hirten wider, einer Tragödie, so oft wiederholt, daß sie zur Ballade, Legende und Erzählung der Heiligen Schrift wurde (Gen 4).

Hier in Anatolien entspringen zwei der Flüsse, die den Garten Eden bewässerten. Dem Hazar-See in den Bergen des Taurus, südlich von Elazig, entspringt der Tigris. Der Euphrat entsteht aus den Niederschlägen, die in der Osttürkei niedergehen und sich im Keban-Stausee, westlich von Elazig, sammeln (Gen 2,10-14). Nicht allzu weit von Elazig entfernt, in südlicher Richtung, zwischen den beiden Flüssen, liegt der Ort Harran, von dem aus Abraham mit seiner Familie ins Land Kanaan aufbrach (Gen 12,4).

 

DIE SIEBEN GEMEINDEN DER OFFENBARUNG IN ANATOLIEN

Biblische Quellen:

Ephesos Offb 1,11; 2,1-7; 2,8-1
Smyrna Epheserbrief Apg 18,19-28; 19,1-40
Pergamon Offb 2,12-17
Thyatira Offb 2,18-29
Sardes Offb 3,1-6
Philadelphia Offb 3,7-13
Laodizea Offb 3,14-22; Kol 2,1; 4,13-16

 

ST.JOHANNES

In Anatolien  wurden  schon immer mit Vorlieben die Stätten besucht, an denen die in der Offenbarung des Johannes erwähnten Gemeinden beheimatet waren. Man glaubt im Allgemeinen, daß die Zahl 7 hier einen Symbolcharakter hat und das nicht nur gerade diese sieben Gemeinden der Ermutigung und Ermahnung bedurften. Aber die apokalyptische Botschaft hat gerade diesen Gemeinden einen Stempel des Mysteriösen und Bedeutenden aufgedrückt, dessen Auslegung die Theologen auch heute noch beschäftigt.

Drei der Orte sind noch heute bewohnt: Smyrna (Izmir), Philadelphia (Alasehir) und Thyatira (Akhisar). Bergama liegt unmittelbar neben dem alten Pergamon, Goncali am Fuße des Hügels von Laodizea, und das Dorf Sartmustafa, nicht weit von Sardes. Ephesos, Thyatira und Laodizea werden auch an anderer Stelle im Neuen Testament erwähnt. Von den sieben Orten vermittelt nur Ephesos noch heute dem Besucher den Eindruck einer geschäftigen Metropole zu Beginn des Christentums.

Im Laufe des 1. Jh.n.Chr. wurde im Römischen Reich von allen Bürgern die Verehrung früherer und amtierender Kaiser sowie der Roma, der weiblichen Personifizierung der Stadt Rom, verlangt. Da die meisten der ersten Christen aus dem Judentum kamen und die Juden dem römischen Götterkult nicht zu befolgen brauchten, waren auch die ersten Christen davon ausgenommen. Doch als sich das Christentum unter den Nichtjuden ausbreitete, kam am Ende des ersten Jahrhunderts die Mehrzahl der Christen aus dem Heidentum. Die Religion Jesu hatte sich von der jüdischen Religion getrennt. Als der auf die Nachfolger Jesu ausgeübte Druck, den römischen Götterkult zu befolgen, zunahm, konnten immer mehr Christen der Verfolgung nicht standhalten und kamen von ihrem Glauben ab. Daher vermutet man, daß die Niederschrift der Offenbarung im letzten oder vorletzten Jahr der Herrschaft des Kaisers Domitian (81-96 n.Chr.) erfolgt sein muss, als Christenverfolgungen in Rom und in den Ostprovinzen recht häufig waren.

 

ST. PAULUS

Die missionarische Reise des heiligen Paulus. Der Zeltmacher: Paulus wurde in Tarsus geboren, das heute in einer der landwirtschaftlich wichtigsten Regionen der Türkei liegt. Als Junge erlernte er den Beruf der Zeltmacher. Während seiner Ausbildung in Jerusalem war er Komplize der Besteiniger Stefans, dem ersten christlichen Märtyrer. Aber später, als er eine Vision durch Jesus erlebte, gab er sich ganz dem Christentum hin.

Als „jüngerer Jesus“, ernannt von Barnabas, arbeitete er in Antiochia (Antakya). Die Menschen die er in Antiochia traf, wurden von seinem Denken beeinflusst. Durch diese Beeinflussung wurden das Interesse an Synagogen und dem Judentum verstärkt. Paul hielt sich an die Regeln der jüdischen Religion. Paulus, der Apostel, pilgerte zu Fuß auf trockenen, staubigen Straßen, mit Pferdewagen und Booten von Antiochia (Antakya) nach Alexandria Troas (Odun Iskelesi), in den mittleren Jahren des 1. Jhs., insgesamt dreimal, auf verschiedenen Routen. Paulus schrieb: „Ich war ständig unterwegs auf den Straßen, habe Gefahren überstanden in Flüssen, Städten, Meeren und auf dem Land. Ich habe schwer und hart gearbeitet, habe gehungert und gedurstet, habe gefastet, habe Kälte überstanden.“ Durch die Lehren Paulus entfaltete sich das Christentum in den westlichen Gebieten des Mittelmeeres. Drei Jahrhunderte später war das Christentum die Hauptreligion Anatoliens.

Der Ararat liegt im Osten der Türkei.. Der Gipfel des Ararat erhebt sich 5137 m über N.N. Er ist höher als alle Berge des Festlandes der USA, mit Ausnahme von Alaska, und höher, als alle Berge Europas, mit Ausnahme des Kaukasus.   Der Ararat ist ein erloschener Vulkan. Zur Zeit ist das oberste Drittel des Berges ständig mit Schnee bedeckt; die letzten hundert Meter vor dem Gipfel sind vereist. Bergsteiger haben einige Zeit nach Sonnenaufgang frisches Wasser aus der Schneeschmelze zur Verfügung bis zum späten Nachmittag, wenn kalte Luft die Wirkung der Sonne aufhebt. Unter der Schneedecke sind die Hänge mit großen Blöcken aus schwarzem Basalt übersät, manche davon so groß wie ein Bauernhaus.   Seit Jahren haben immer wieder Expeditionen den Ararat in der Hoffnung bestiegen, dort Überreste von Noachs Arche zu finden. Sowohl Josephus um 70 n.Chr. wie auch Marco Polo um 1300 n.Chr. erwähnen die Existenz der Arche auf dem Ararat, doch beide stützen sich auf Berichte anderer. Josephus erwähnte, daß ihre Überreste für jeden klar zu sehen seien. In den letzten Jahren haben viele Forschergruppen dort nach ihr gesucht. Die Möglichkeit, daß alte Geschichten auf historische Fakten beruhen könnten, gibt immer wieder neuen Ansporn, und jede Entdeckung eines Wahrheitsgehaltes in bisher angezweifelten Berichten führt zu erneuten Anstrengungen in der Suche nach archäologischer Bestätigung.   Die Geschichte von Noahs Arche, wie sie in der Bibel geschildert wird, geht zurück auf eine frühe babylonische Sage, die im Gilgamesch-Epos aufgezeichnet ist. Der Held der älteren Version war ein gewisser Utnapischtim, ein Liebling des Gottes der Weisheit. Es ist wahrscheinlich, daß die babylonische Sage auf einer ungewöhnlich verheerenden Überschwemmung des Euphrat-Beckens beruht und daß die Arche in dieser Geschichte an einem Abhang des Zagros-Gebirges gestrandet ist. Das biblische Wort, das wir als „Ararat“ lesen, könnte ebenso gut „Urartu“ sein. Auch „Land in weiter Ferne“ oder „ein Ort im Norden“ bedeuten. Der  auf Türkische “ Büyük Agri Dagi“  ist ein grandioser Berg und nicht schwer zu besteigen für jemanden, der körperliche Anstrengung in größeren Höhenlagen gewöhnt ist. Aber es ist doch nicht sehr wahrscheinlich, daß Noachs Arche dort gefunden wird. Trotzdem hält das Interesse am Ararat an. Dadurch werden auch die Leistungen der Archäologen, die uns zu einem besseren Verständnis des Alten Testamentes verhelfen, nicht beeinträchtigt.   Die Besteigung des Ararat ist in drei Tagen möglich , aber vier Tage einzuplanen, wäre sinnvoller, um mehr Zeit für die Erforschung des Gipfels zu nutzen. Die beste Jahreszeit für eine Besteigung ist gegen Ende August.

 

Quelle:

http://www.fertours.com

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01 09 2010
By: Redaktion 2 0

Der Heilige Gral

Jesus ist in der Türkei

 

Der Heilige Kelch, über dessen Aufenthaltsort sich nach dem Erscheinen des Buches (Da Vinci Code) zahllose Vermutungen verbreitet hatten, soll sich in einer Kirche in Antakya (das alte Antiochien) in der Türkei befinden. Zum Reichtum des vieltausendjährigen anatolischen Kulturschatzes hat auch das Christentum mit seinen Gaben beigetragen. Nicht nur, dass sich das Christentum in seiner Frühzeit in Anatolien ausbreitete, hier gewann es auch im Wesentlichen seine organisatorische Gestalt. Selbst als die muslimischen Türken nach Anatolien eingewandert waren, konnten die Christen mit ihren Kirchen,  Klöstern und Gemeinden weiterleben.

 

Der Archäologe Josef Naseh, Vorsitzender der Stiftung der Orthodoxen Kirche in Antakya, sucht     gemeinsam mit vier Freunden den Kelch, von dem Jesus Christus sagte: „Mein Leib und mein Blut sind
in diesem Kelch.“ Naseh verteidigt die These, dass der Heilige Kelch, der nach dem Erscheinen von Dan BrownÂ’s Buch „Da Vinci Code“ auf der ganzen Welt zum Tagesgespräch wurde, in der nach Jerusalem zweitheiligsten Stadt, Antakya, befindet. Nach der Veröffentlichung des Buches „Da Vinci Code“, das Verkaufsrekorde brach, gibt es kaum noch jemanden, der die Geschichte des Heiligen Kelches nicht kennt. Es wurde behauptet, der Kelch sei in Italien, in England, in Kanada, einer weiteren Behauptung zufolge sollte er sich in Istanbul, unter Çemberlita (Verbrannte Säule) befinden. Seit Neuestem kursiert das Gerücht, dass sich der Heilige Kelch in Antakya, Hatay, befindet. Der Archäologe Josef Naseh, Vorsitzender der Stiftung der Orthodoxen Kirche in Antakya, unterstreicht die Wichtigkeit der Stadt Antakya als die nach Jerusalem zweitwichtigste Heilige Stadt und sagt:

 

„Antakya ist die zweitwichtigste Heilige Stadt nach Jerusalem. Nach Jesu Tod sind die Jünger hierher gekommen. Die Mutter Gottes ist von hier nach Ephesus gereist. Sicherlich haben sie den Heiligen Kelch mitgebracht, weil Jesus Christus über den Kelch sagte: ‚Mein Leib und mein Blut sind in diesem KelchÂ’.“ Nach Aussage von Naseh sind die Annahmen von Leonardo da Vinci auf die Zeit nach der Renaissance ausgerichtet und nicht sehr realistisch, denn in den Jahren davor, in denen der Kelch versteckt wurde, gab es im Westen keine Kultur zur Aufbewahrung einer solchen Reliquie.

 

Als das Christentum in Palästina geboren wurde, wetteiferten im Vorderen Orient östlicher Mystizismus, jüdische Messiaserwartung, griechische Philosophie und römische Universalität miteinander. In diesem Umfeld entwickelte sich das Christentum, in dem Jesus die frohe Botschaft vom nahen Reich Gottes und vom Tag der Abrechnung verkündete. Aufgrund dieser Hoffnung sammelten sich um ihn viele aufrichtige und reine Menschen. Doch das Christentum konnte in Palästina, wo es entstanden war, keine Wurzeln schlagen. Nachdem Jesus gekreuzigt, Stephanus gesteinigt und Jakobus enthauptet worden war, erschien den Gläubigen das Bleiben als recht gefährlich und sie beschlossen, in andere Länder zu gehen, um den neuen Glauben zu verbreiten. Aber nicht nach Rom oder Athen, sondern nach Anatolien machten sich die Jünger in kleineren und größeren Gruppen auf. Sie wählten Antakya (das alte Antiochien), Tarsus und Ephesos. Dorthin wanderte der Lieblingsjünger Johannes aus, dem Jesus am Kreuz seine Mutter Maria anvertraut hatte. Besonders Antakya spielt in der Geschichte des Christentums eine wichtige Rolle, denn hier war die erste christliche Gemeinde gegründet worden, die mit dem Judentum gebrochen hatte; es war ein großes Missionszentrum entstanden, und schließlich vollzog hier Paulus seine endgültige Bekehrung und Entwicklung. Zu der Zeit schloss sich Paulus aus Tarsus den Jüngern an. Zuerst hatte er an der Verfolgung der Jesusjünger teilgenommen. Etwa im Jahre 33 überzeugte ihn eine Vision davon, dass Jesus der Messias sei, und nun wurde er einer der entschiedensten Verteidiger des neuen Glaubens. Er verkündigte mit Nachdruck die Wahrheit, dass alle Menschen gerettet würden durch den Glauben an Jesus, den Gesalbten Gottes, ohne dass die Beschneidung oder die (jüdischen) Religionsvorschriften notwendig seien. Die erste Missionsreise führte ihn (zwischen 45 – 48) nach Zypern und Anatolien. Dabei begleiteten ihn Barnabas und Markus, die Evangelisten. Paulus predigte in Anatolien, im heutigen Antalya, Konya und Nigde und in den Städten Perge, Ikonium, Lystra und Derbe. Dort entstanden neue christliche Gemeinden.

 

Zwischen 50 und 52 unternahm Paulus, wieder ausgehend von Anatolien, eine zweite Missionsreise zu den Heiden. Mit ihm waren Silas und Timotheus und anfangs auch noch Lukas und Barnabas. Zuerst besuchte der Apostel die Gemeinden um Nigde und Konya herum. Dann, nachdem er Phrygien und Galatien hinter sich gelassen hatte, ging er nach Thrakien, Makedonien und Griechenland hinüber. Über Ephesos und Jerusalem kehrte er nach Antiochia zurück.

 

Paulus machte noch eine dritte Missionsreise (53 – 58). Nachdem er wieder die Gemeinden in Galatien und Phrygien besucht hatte, blieb er drei Jahre lang in Ephesos. Dort gab es schon eine christliche Gemeinde, die wahrscheinlich von Johannes begründet worden war. Johannes hielt sich, wie man weiß, im Jahre 48 in Jerusalem auf. Wo er die Zeit zwischen den Jahren 37 und 48 verbracht hatte, ist unbekannt. Man nimmt an, dass er mit Maria nach Ephesos ausgewandert sei, von dort im Jahre 48 nach Jerusalem gereist und im Jahre 67 wieder nach Ephesos zurückgekehrt sei. Paulus musste Ephesos wegen des Aufstandes der Silberschmiede unter Demetrius verlassen, die durch die Ausbreitung des Christentums das Geschäft mit silbernen Artemistempelchen gefährdet sahen. Der Apostel starb im Jahre 67 in Rom durch Enthauptung.

 

Paulus hat seine religiösen Schriften und Briefe im Wesentlichen auf anatolischem Boden verfasst, wie z.B. den ersten Korintherbrief. Auch die Empfänger waren oftmals Gemeinden in Anatolien, wie z.B. die Epheser, denen er aus dem Gefängnis in Rom schrieb. Auch Petrus schrieb seinen ersten Pastoralbrief an die verfolgten Christen in Anatolien. Johannes, der für die Verbreitung des Christentums eine wichtige Rolle gespielt hat, ist eines natürlichen Todes gestorben. Sein Grab befindet sich in Selçuk bei Ephesos. Über der Grabstätte war zuerst eine bescheidene Kirche errichtet worden, die dann unter Kaiser Justinian durch eine prächtige Basilika ersetzt wurde. Johannes wendet sich in seiner „Geheimen Offenbarung“ an die sieben Gemeinden Anatoliens

 

Kelch aus Keramik

 

Naseh hat mit vier Freunden – unter denen ein Geophysiker – begonnen, nach dem Heiligen Kelch zu suchen und behauptet, ihre Theorie sei glaubhafter als die zuvor vertretenen. Nach Naseh besteht der Heilige Kelch nicht aus Gold, Silber oder einem anderen Metall, sondern aus Keramik. Die archäologischen Funde der Zeit würden dies belegen.

 

Die neu gefundene Kirche

 

Nachdem vor drei Jahren eine Toilette im Erdgeschoß eines Hauses in Antakya drei Meter absackte, traten Reste einer Kirche zutage, die die Suchergruppe in helle Aufregung versetzten. Naseh ist zuversichtlich, den Heiligen Kelch in dieser Kirche zu finden, die alle architektonischen Merkmale einer christlich-orthodoxen Kirche trägt. Nach der Erteilung der notwendigen Erlaubnis seitens des Kultusministeriums werden die Studien in der Kirche beginnen. Die Gruppe wird am 21. April in Antakya zusammenkommen und den Arbeitskalender bestimmen. Eine der ersten Arbeiten wird eine fotogrammetrische Studie sein, d.h. das Fundament der gefundenen Kirche wird geröntgt. Entsprechend der daraus gewonnenen Erkenntnisse werden die Ausgrabungsarbeiten beginnen. Nach NasehÂ’s Aussage steht auch der Gouverneur von Hatay, Abdulkadir Sari, dieser Forschungsarbeit positiv gegenüber.

 

Was ist die Bedeutung dieses Kelches

 

Nach christlichem Glauben ist dieser Kelch der, aus dem Jesus beim Letzten Abendmahl Wein trank. Bei der Kommunionszeremonie teilen die Christen das in Wein getauchte Brot mit ihren Priestern, um das Letzte Abendmahl seelisch nachzuvollziehen. Einer anderen Deutung zufolge ist der Heilige Kelch das Gefäß, in dem das Blut Jesu gesammelt wurde, als er ans Kreuz genagelt wurde. Eine weitere Deutung dieses meistgesuchten Stückes nach dem Erscheinen von Dan BrownÂ’s Buch „Da Vinci Code“ ist die Weiblichkeit von Maria Magdalena, der angeblichen Geliebten Jesu. Manche behaupten, dass der Heilige Kelch die Fruchtbarkeit Maria Magdalenas symbolisiert und versuchen, die Fährte der Nachkommen Jesu aufzunehmen.  (Ayda KAYAR/DHA)

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28 07 2010
By: Redaktion 2 0

Welt-Debatte: „Ich möchte nie wieder Nichtmuslimin genannt werden“

Eines Tages fragte mein Freund Ali über Facebook: „Wie oft hat man euch eigentlich schon als Nichtjuden, Nichthindus, Nichtbuddhisten bezeichnet?“ Als der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kurz darauf seine Freude darüber verkündete, dass Muslime und Nichtmuslime gemeinsam den Ramadan gefeiert hätten, dachte ich sofort an Ali, der als Alevit natürlich sensibel gegenüber muslimischen Vereinnahmungen und Ausgrenzungen ist.

 

von Monika Maron/ Quelle: Welt/Debatte

 

Ich habe übrigens den Ramadan nicht mitgefeiert und war auch nicht bereit, das angemahnte Verständnis für die möglichen Aggressionen hungernder und durstender Muslime aufzubringen.

Aber Alis Frage geht mir seitdem durch den Kopf, auch deshalb, weil ich es für möglich halte, dass ich das Wort Nichtmuslime selbst schon gebraucht habe, als wäre das normal. Dabei ist es doch ganz und gar nicht normal, wenn fünf Prozent einer Bevölkerung die Bezugsgröße für die anderen fünfundneunzig sind.

Ich glaube, das ganze Dilemma begann, als es irgendwann üblich wurde, alle Menschen, die aus islamischen Ländern kamen, als Muslime zu bezeichnen, ob sie wollten oder nicht. Eines Tages waren sie nicht mehr Iraner, Türken, Syrer, Iraker, sondern Muslime.

Damit folgte unser Sprachgebrauch genau dem islamischen Gesetz, nachdem jeder, der durch Abstammung als Muslim geboren wurde, ein Leben lang Muslim bleibt, ob er will oder nicht. Apostaten droht der Tod. Dabei würden die Türken und Syrer, die ich kenne, befragte man sie nach ihrem Selbstverständnis, alles Mögliche antworten: Deutsche, Deutschtürken, Deutschsyrer, Schauspieler, Jurist, Soziologin, Schriftsteller.

 

Iraner, Syrer, Ägypter, Türken

 

Auf keinen Fall würden sie behaupten, vor allem anderen Muslime zu sein, zumal einige von ihnen Christen sind, andere die Religion eher als Geschichte verstehen, ohne zu glauben. Aber in der deutschen Diskussion sind sie alle zu Muslimen geworden, in deren Namen nun Ayman Mazyek, Herr Alboga und Frau Özoguz ihre Ansprüche an alle anderen stellen.

Wenn man aber die Iraner, Iraker, Syrer, Ägypter, Türken ihrer nationalen Identität beraubt und sie stattdessen unter einer religiösen Identität vereint, bleibt das nicht ohne Folgen für alle anderen, die dann auch keine Deutschen mehr sind, sondern denen in Ermangelung einer gemeinsamen Religion eben die Bezeichnung Nichtmuslime verpasst wird; oder in der schlichten Sprache der deutschen Bundeskanzlerin „Menschen, die schon länger hier leben“.

Ich frage mich, warum wir vierhundert Jahre nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, der als Religionskrieg in die Geschichte eingegangen ist, die Gesellschaft wieder in Religionsgemeinschaften aufteilen und das auch noch als Beweis für unsere aufgeklärte und tolerante Gesinnung ausgeben; warum wir akzeptieren, dass sich unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit die absonderlichsten Sitten ausbreiten.

Und als eine, die gern Deutsche ist, wenn auch Nachfahrin polnisch-jüdischer Einwanderer, kann ich nicht verstehen, warum wir selbst die muslimische Geschlossenheit so leidenschaftlich vorantreiben, indem wir sie immer wieder benennen und betonen, statt die Syrer, Iraner, Palästinenser, Türken so wahrzunehmen wie uns selbst, als Einzelne mit einer anderen kulturellen Herkunft, die glauben dürfen, was sie wollen, allerdings ohne Auswirkungen auf alle anderen.

 

Wir machen Muslime

 

Denn gegen die muslimische Geschlossenheit, fürchte ich, haben wir auf Dauer keine Chance, wenn die Religion von uns selbst als das Trennende anerkannt wird, wenn wir selbst von Muslimen und Nichtmuslimen sprechen, was Gläubige und Ungläubige bedeutet. Ich jedenfalls will nie wieder Nichtmuslimin genannt werden.

Ich möchte übrigens auch nicht Muslima zu einer Muslimin sagen. Laut Wikipedia ist das die arabische weibliche Form von Muslim. Aber was soll dieses a im deutschen Sprachgebrauch? Nennen wir ein Polin „Polka“ oder Amerikaner „americans“? Wenn eine Muslimin sich lieber Muslima nennt, soll es mir recht sein, aber warum übernehmen Zeitungen und politische Repräsentanten eilfertig eine arabische Endung, die nur der Betonung muslimischer Andersartigkeit dienen soll?

Allerdings ist dieses kleine a harmlos im Vergleich zu einer anderen muslimischen Spracherfindung, der Islamophobie. Wenn ich den Islam kritisiere, bin ich islamophob, so ähnlich wie xenophob, fremdenfeindlich, rassistisch. Erfunden wurde dieser Begriff Ende der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts von islamischen Fundamentalisten, um dem Islam seine Unantastbarkeit zu garantieren.

Aber warum konnte er unter vernünftigen Menschen zu solcher Macht gelangen und die Grenzen zwischen Politik und Religion in unserem säkularen Land derart verschieben, dass religiös begründete mittelalterliche Sitten Einzug halten, die nicht einmal für fünf Prozent der Bevölkerung gelten, aber an den bis dahin selbstverständlichen Maßstäben aller anderen rütteln?

 

Ich interessiere mich nicht für den Koran

 

Ich bin nicht rassistisch und nicht xenophob, wenn ich nicht will, dass islamische Gebote und Verbote die Speisepläne in Schulen und Kantinen bestimmen, Karikaturen und zu freizügige Kunst auf den Index setzen, dass unter dem freiwillig oder unfreiwillig getragenen Schleier muslimischer Frauen sich schleichend unser Frauenbild verändert und es uns eines Tages vielleicht normal vorkommt, wenn Frauen als Teletubbies verkleidet in die Schwimmbecken springen.

Ich bin auch nicht xenophob und rassistisch, wenn ich nicht jeden Tag im Radio oder in der Zeitung aufgefordert werden will, mich für den Koran zu interessieren. Mich interessiert nicht, was in der Sure X steht und ob die Sure XY vielleicht das Gegenteil davon behauptet, mich interessiert auch nicht, ob etwas halal oder haram ist. Mich interessiert, was im Namen des Islam heute geschieht, in Deutschland und in der Welt, und ob der Islam sich selbst verändert oder uns.

Nach der Vorstellung maßgeblicher muslimischer Mitbürger sind es wohl die Deutschen, die sich verändern sollen. Naika Foroutan, Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik und Erfinderin des Forschungsprojekts „Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle (HEYMAT)“ träumt von den „Neuen Deutschen“, womit nicht nur die wirklich neuen Deutschen gemeint sind, sondern auch die alten, einschließlich der polnischen, vietnamesischen, russischen Zuwanderer, alle 95 Prozent eben, die sich in Hybridgeschöpfe verwandeln sollen, um den Bedürfnissen der fünf Prozent gerecht zu werden.

 

Ich bin auch dritte Generation Einwanderer.

 

Nachdem unsere Integrationsministerin Aydan Özoguz zu der Erkenntnis gelangt ist, dass es eine deutsche Kultur jenseits der Sprache überhaupt nicht gibt, sollte es uns wohl nicht schwerfallen, das, was wir dafür gehalten haben, aufzugeben und einer anderen Kultur den gebührenden Platz einzuräumen. Oder wie soll ich das anders verstehen?

Meine Großeltern sind 1905 nach Deutschland eingewandert. Sie hatten vier Kinder, die alle Deutsche wurden, Deutsche mit polnischen Eltern. Ich bin die dritte Generation, eine Formulierung, die nichts mit meinem Lebensgefühl zu tun hat und die mir erst eingefallen ist, seit wir über die zunehmenden Probleme mit der dritten und vierten Generation muslimischer Einwanderer sprechen.

Der Islam ist, ob wir es wollen oder nicht, zu einem Teil unserer Lebenswirklichkeit geworden. Zu unserer Kultur gehört er nicht. Wenn er sich verträglich in die deutsche und europäische Kultur eingliedern will, muss er sich ändern. Und wir, wenn wir unsere Kultur und unsere Säkularität behalten wollen, müssen sie endlich verteidigen.“ (WELT, DEBATTE)

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10 07 2010
By: Redaktion 2 0

TKG: Türkei und Österreich müssen gegenseitige Empathie zeigen

Die Türkei hat immense Probleme. Österreich genauso, aber anders geartete. Den Besuch des türkischen Wirtschaftsministers sollte man nicht emotionalisieren.

Wien (OTS) – Laut österreichischer Presse ist der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci um den 15.07.2017 in Österreich mit folgender Argumentation nicht erwünscht: „Der Außenminister akkordiert mit dem Bundeskanzleramt und verbietet dem türkischen Wirtschaftsminister zum einjährigen Putschgedenken die Einreise. Es bestehe „Gefahr für öffentliche Ordnung und Sicherheit“

Der 15.07.2017 ist für Millionen Menschen in der Türkei und auch im Ausland ein wichtiger und schmerzlicher Tag, egal auf welcher Seite man steht. In Österreich leben über 300.000 Menschen aus der Türkei, die gerade wegen des letzten Referendums in der Türkei in den letzten fünf Jahren mit mehreren Demonstrationen auf den Straßen Wiens Bezug auf die Türkei nahmen. Aufgrund dieser Demonstrationen wurden Menschen aus der Türkei mit immensen Schwierigkeiten konfrontiert.

 

Großen Nachteil für Österreich

Es entstanden Probleme, die die Bereiche Integration und Zusammenleben in Österreich massiv erschwerten. Viele Menschen fühlen sich verfolgt, erpresst und in ihrer freien Meinungsäußerung massiv eingeschränkt. Wir erleben in einen freien demokratischen Land wie Österreich Dinge, die nicht normal sind und den inneren Frieden in Gefahr bringen. Das alles stellt einen „großen Nachteil“ für Österreich dar.

TKG zeigt vollstes Verständnis dafür, dass man der Opfer des Putschversuches vom 15.07.2016 in aller Ehre gedenkt. Wir sind fest davon überzeugt, dass auch die österreichische Regierung und das Außenministerium ein Zeichen der Solidarität setzt und Empathie für die Freunde und Angehörigen der Opfer hat.

Wir sind, besonders vor den bevorstehenden Wahlen im Oktober 2017, in einer prekären Lage, in der Menschen aus der Türkei ständig thematisiert werden. Realistisch gesehen erwarten wir auch vom türkischen Wirtschaftsminister, dass die innere Sicherheit und das Zusammenleben in Österreich geschätzt werden. Die ÖsterreicherInnen sehen die Türkei als Freund und wünschen sich einen starken demokratischen Rechtsstaat mit gute kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen. Aus diesem Grund sollten beide Länder Empathie und Respekt zu inneren Angelegenheiten, besonders in diesen schwierigen Zeiten, zeigen.

 

Türkische Kulturgemeinde in Österreich(TKG)
DI Birol Kilic

 

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20170710_OTS0114/tkg-tuerkei-und-oesterreich-muessen-gegenseitige-empathie-zeigen

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08 07 2010
By: Redaktion 2 0

Jüdische Geschichte in Anatolien. Ein weiterer glänzender Stein im Kulturmosaik

In Erinnerung an Nedim Yahya, ein Mitglied der Fünfhundertjahre Stiftung, der am 22. September 1997  gestorben ist.

Bearbeitet von Birol Kilic

 

 

Zur Zeit sollte es jedem klar sein, dass die Türkei ein Hauptpunkt für die drei großen monotheistischen Religionen der Welt, den Islam, das Judentum und das Christentum, ist. Aber da sie ein mehrheitlich moslemisches Land ist, wissen viele Leute heute nichts mehr davon,  inwieweit das Alte Testament in der modernen Türkei verwurzelt ist. Der Berg Ararat  (Agri Dagi), wohin Noah und seine Familie nach der Überflutung geflohen sind, ist im Westen des Landes; in der Nähe von Dogubayazit. Noahs Nachkommen verbreiteten sich in einem großen Teil Anatoliens, und einer von ihnen, der Sohn vom Kanaan, Heth, wird für einen Vorfahren der Hethiter gehalten.

 

Von  Abraham,  dem ersten der hebräischen Patriarchen, glaubt man nach dem Islam, dass er in einer Höhle in der heutigen Stadt Urfa geboren worden ist und ziemlich sicher in Harran im 18. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Diese Höhle war später eine Zuflucht für Jakob, als er versuchte von Esau wegzukommen. Jacobs Brunnen ist heute immer noch da. Sogar der Garten Eden liegt für manche in der Türkei, weil dort Euphrat und Tigris ihren Ursprung haben.

 

Die heutigen großen Religionen wurden meist auf den Grundlagen von früheren, proto-monotheistischen  Glauben gegründet, die seitdem verblasst sind,  aber  dennoch  ihre Spuren hinterlassen haben. Vor viertausend Jahren war die wichtigste Gottheit der Hethiter der Wetter-Gott  Teshub, daraufhin waren den Mond-Gott anbetende Sabians überall an den Orten, wo heute die südöstliche Türkei ist. Ihr Tempel in Harran wurde als der größte in Mesopotamien  betrachtet. Außerdem gab es noch  Mithraists persischer Abstammung, die  den Gott des Lichtes auf den Bergen von  Nemrut, Pergamum und Olympus anbeteten.

 

Jüdische Gemeinden haben seit früheren Zeiten auf die Handelswege in Anatolien einen beträchtlichen Einfluss ausgeübt. Und das obwohl sie in diesem Land und auch in vielen anderen biblischen Siedlungen niemals mehr als eine Minderheitenreligion waren. Die jüdische Bibel (bei den Christen als das Alte Testament bekannt) ist eine Sammlung von Schriften, die ins 10.Jahrhundert v. C. zurückgeht. Sie teilt viele Legenden mit dem Christentum und dem Islam; wie z.B. die Überflutung und das Landen der Arche von Noah auf  dem Gipfel eines Berges (Ararat für Juden und Christen,  Cudi für Moslems).

 

 

Die Söhne von Noah

 

Noah hatte drei Söhne; Ham, Sem und Japhet; laut Genesis 10. Der Letzte hinterließ Nachkommen in Persien, Syrien und im größten Teil des östlichen Anatoliens. Die Nachkommen von Ham reisten entlang der Küste von Nordafrika und in die Region, die zwischen Tigris und Euphrat liegt.

 

Das Enkelkind von Noah, Asshur, war ein Vorfahre der großen Assyrer, die ihr Imperium entlang des Nordens von Tigris (Dicle) gegründet hatten. Ein anderes Enkelkind, Arphaxd, war ein Vorfahre von Abraham. Heth, der Sohn von Kanaan, wird als der Vater von den Hethitern vermutet, die in  Zentralanatolien von 2000 bis 600 vor Christus regiert haben. Zu dieser Zivilisation gibt es zahlreiche Anmerkungen in der Bibel.

 

Die Assyrer besetzten den Norden von Israel 722 v. C. Zwei Jahre später hatte König Sargon über  27.000 Israeliten im Norden von  Mesopotamien  auswandern lassen. Im Jahre 560 vor Christus haben die Babylonier Judäa erobert. Dadurch wurden wieder mehrere Israeliten vertrieben, ins Exil geschickt oder waren „verschwunden”. Als sie sich anstrengten, ihre Identität und ihr Erbe zu bewahren, wurden dies als die Diaspora der Juden bekannt. Manche kehrten zurück, um Jerusalem wieder aufzubauen, während Andere  jüdische Kulturzentren in  der Region Mesopotamien bildeten.

 

Aber die größte Expansion der Diaspora nach der Eroberung durch Alexander den Großen (332-323 v. C.) statt. Die Migration in Palästina wurde dadurch ermutigt. Die Zerstörung von Jerusalem und des Tempels im Jahre 70 (v. C.) verursachte eine weitere Welle. Es wird geglaubt, dass sich im zweiten Jahrhundert vor Christus eine Million Juden in Kleinasien angesiedelt hatten und sich in vielen großen  Handelsstädten verteilten.

 

Die Synagoge von Sardis, ungefähr 50 Meilen von Izmir entfernt, war einst eine der Größten in der Geschichte, gebaut 220 vor Christus und nach der Zerstörung wieder aufgebaut  im dritten Jahrhundert.

 

Die große Halle, die innen großzügig mit Mosaiken geschmückt war, war ein Teil des Bad-Gymnasium Komplexes der Gemeinde. Der Boden und die Wände waren aus Marmor. Obwohl sie später bei einem Erdbeben zerstört wurde, blieb ein großer Teil des faszinierenden Originialbodens erhalten und zieht auch heute viele Touristen  aus der ganzen Welt an. Ein teilweiser Wiederaufbau, der einen hohen Status der Gemeinde zeigt,  wurde in den 1970ern unternommen Ephesus, die alte griechische Stadt, die der Göttin Artemis gewidmet war und schön wiederhergestellt wurde, ist noch immer eines der sieben Weltwunder. Die Stadt war eine wichtige Raststätte während der Zeiten der jüdischen Diaspora von 60 bis 120 vor Christus.

 

Am südlichen Ende der Stadt fließt der Fluss „Meander“. Das Tal dieses Flusses hat den Aufstieg und den Niedergang von sieben großen, historischen Städten sowie Priene, Miletos, Didyma und Aphrodisias miterlebt. Die meisten Synagogen dieser Städte sind noch erhalten.

 

 

Der Regenschirm des Humanismus

 

Seit der Zeit der Osmanen wurde die Türkei mit der religiösen Freiheit in  Zusammenhang gebracht, die den Weg für den heutigen, säkularisierten  Staat der  Türkischen Republik (Gründung 1923 durch ATATÜRK) ebnete. Im 12. Jahrhundert, während des dritten  Kreuzzuges, war der berühmte spanische Philosoph und Schriftsteller Maimonides, ein Jude, der persönliche Physiker des prachtvollen, moslemischen Führers Saladin. Ein Mann, der im Westen für die Übersetzung älterer Bücher über die Astronomie zuständig war, die tausend Jahre später, nachdem sie in Harran geschrieben worden sind, als revolutionär galten. Als die Osmanen Bursa im Jahre 1324 eroberten, fanden sie hier eine unterdrückte jüdische Gemeinde vor, die die Neuankömmlinge als ihre Befreier anerkannten. Sultan Orhan gab ihnen die Erlaubnis die Etz-ha- Hayyim Synagoge zu erbauen, die bis vor kurzem besucht wurde. Tatsächlich waren die Osmanen den jüdischen Flüchtlingen gegenüber so gastfreundlich, dass im frühen 15. Jahrhundert Rabbi Itzhak Sarfati aus Edirne einen Brief  an die jüdischen Gemeinden in Europa schickte, in dem er sie aufforderte, die Erniedrigungen, die sie unter dem Christentum erlitten haben, hinter sich zu lassen und „in der Türkei Sicherheit und  Wohlfahrt  zu suchen“,  als Teil ihres Weges zurück zum Heiligen Land.

 

Im Sommer von 1492, unter der Regierung  des aufgeklärten Sultans Beyazid II., der den Traum hatte aus sein Imperium einen „Regenschirm des Humanismus“ zu machen, nahmen  150.000 Sephardim, die wegen dem Erlass von Königin Isabella und König Ferdinand vor der Wahl zwischen  Tod  oder  Bekehrung  gestanden waren, Zuflucht im Osmanischen Reich. Sie waren offiziell willkommen und ließen sich in Istanbul, Edirne, Bursa und in vielen anderen Städten nieder. Sie bekamen Land, Steuernachlass, Ermutigung und Hilfe von der Regierung. „Der katholische Monarch Ferdinand wurde fälschlicherweise als weise betracht“, sagte Beyazid II., „denn er verarmte sein Land mit der Vertreibung der Juden und bereicherte unseres.“ Diese neuen Bürger gründeten im Jahr 1493 die erste schriftliche Presse und mit den Jahren  wurden berühmte Hofphysiker und Diplomaten Mitglieder der jüdischen Gemeinde.

 

Zu Beginn des  16. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde in Istanbul  30.000 Leute und  war damit die wichtigste Gemeinde in  Europa. Viele Jahre lang gab es mehr jüdische als moslemische Ärzte in  Istanbul.

 

Im späten 19. Jahrhundert halfen Dr. Isik  Pasa Molho, Admiral im Osmanischen  Heer,  und  Dr. Raphael Dalmediko, ein Offizier, ein Krankenhaus, das „Orahayim”- Krankenhaus mit 98 Betten zu gründen, das heute  noch existiert.

 

Eine von den wichtigsten jüdischen Siedlungen während der Herrschaft ByzanzÂ’ und des Osmanischen Reiches war Balat. Dieser Stadtteil erstreckte sich entlang der oberen Reichweite vom Goldenen  Horn. Viele von den  Leuten, die hier gelebt hatten, waren aus Mazedonien. Während seines goldenen Zeitalters im 18. und 19. Jahrhundert, waren hier sechs Synagogen. Die älteste und berühmteste ist die Synagoge Ahrida, die schon vor der Eroberung von Istanbul  existierte. Sie besitzt einen Altar, der der Arche von Noah nachempfunden ist.

 

Viele jüdische Konfessionen sind auch in Istanbul präsent. Nebst den Sephardim aus Spanien,  gibt es Askinazi Juden, die von der Krim stammen und eine Karaite Minderheit, die eine Festung im Gebiet in der Nähe vom Galata Turm hatte. Im Jahre 1900 zählte die gesamte jüdische Gemeinde  von Istanbul 300.000 Mitglieder.

 

In den 1930ern hatte der revolutionäre, säkularisierte Führer Mustafa Kemal Atatürk viele bekannte jüdische Professoren, die in Deutschland vor der Verfolgung geflohen waren, in die Türkei  eingeladen. Während des Krieges bot die Türkei für viele Leute eine sichere Durchfahrt nach Palästina.

 

Seit den späten 1940ern ist die jüdische Gemeinde der Türkei allerdings beträchtlich geschrumpft. Viele sind nach Israel ausgewandert um es zu unterstützen. Wenn ein Türke nach Israel kommt und den türkischen Juden in Israel einen Besuch erstattet, so ist er ein sehr willkommener Gast.

 

Über 100.000 türkische Juden leben nun in Istanbul. In Ulus gibt es ein großes, modernes Gymnasium. Es gibt sechzehn funktionierende Synagogen. Aus Anlass des 500jährigen Friedens und der Toleranz wurde das Fünfhundertjahre Museum gegründet.  Man feiert dabei  auch die berühmten jüdischen Bürger, die zum reichen Kulturschatz der Türkei beigetragen haben. Die Zeitung  „Shalom“  hat ungefähr 4000 Abonnenten und wird in Türkisch und in  Ladino gedruckt. Sie haben auch eine ausgezeichnete Buchhandlung mit jüdischen Touristenführern und historischen Büchern über die Türkei und die Osmanen.

 

Jüdische Touristen würden einen Spaziergang um den alten Stadtteil Galata genießen, wo auch die Neve Shalom Synagoge ist. Hier finden auch heute noch viele Hochzeiten und Bar Mitzvahs statt.

 

Quelle:

Mersina /Molly Mcanailly Burke

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05 07 2010
By: Redaktion 2 0

Frauen im Islam

Das Bild des Islam im Westen wird wesentlich geprägt von der Sichtweise auf die Stellung der Frau im Islam. Eine neue Herausforderung gerade für die moderne europäische Muslima, die sich in den gängigen Klischees von der „rechtlosen“ muslimischen Frau nicht wieder finden kann. Wie lässt sich aufzeigen, dass nicht jedes soziale, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Ungleichgewicht zu Lasten der Frau religiöse Wurzeln hat? Muslimische Frauen nehmen es zunehmend und erfolgreich in die Hand auf dem Boden der Religion für Chancengleichheit einzutreten. Hier ein kurzer Abriss zur Stellung der Frau im Islam, eingebettet in Überlegungen zu den aktuellen Herausforderungen von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

„Dem der recht handelt – sei es Mann oder Frau – und gläubig ist, werden Wir gewiss ein gutes Leben gewähren; und Wir werden gewiss solchen Leuten ihren Lohn nach der besten ihrer Taten bemessen.“ (Koran 16:97) 

 

Aufklärung: Islam duldet keine Frauenunterdrückung

Der Koran spricht schließlich die „Entlastung von der Bedrückung“ in 92:7 und 94:2 direkt an. Nicht wegen des Islam werden Frauen ihrer Rechte beraubt, sondern gegen den Islam bestehen Praktiken von Abschneiden des Bildungsweges bis zu Zwangsheirat. Tradition und Religion stehen sich mitunter diametral gegenüber. Diese Benachteiligung der Frau wird aber gerade seitens der Ikonen der westlichen Frauenbewegung Alice Schwarzer oder Oriana Fallaci als mit dem Islam an sich konform beschrieben, als der Religion immanent.

Wäre größere Sichtbarkeit und nach außen wirkende Aktivität muslimischer Frauen ein Weg, Missverständnisse und Fehleinschätzungen aufzubrechen? Die ihr zugeschriebene Opferrolle ohne Identitätsverlust zu durchbrechen wird umso schwieriger, je fester in den Köpfen verankert ist, aktives und mündiges Eintreten für Frauenrechte könne doch nicht durch eine gläubige und nach der Religion lebende Muslima geschehen? Unterstellungen reichen bis zur Behauptung solche Frauen würden unbewusst lediglich missbraucht, um das Bild des Islam zu verbessern, leisteten mehr oder weniger unfreiwillig einen Dienst, unterdrückerische Strukturen erst recht zu festigen.

Und doch führt an einem miteinander statt übereinander Reden kein Weg vorbei. Und zwar ausdrücklich nicht nur, um sachlich über die tatsächlichen islamischen Positionen zur Frauenfrage aufzuklären und so die eigene Würde zu verteidigen. Allzu leicht würden es sich die Muslime machen, wollten sie sich nach dem Motto „Es kann nicht sein, was nicht sein darf.“ in eine heile Welt flüchten. Es wäre grob vereinfachend nicht weiter als bis zu der Position denken zu wollen, der „wahre Islam“ kenne kein Unrecht, wenn erwiesenermaßen in sich islamisch definierenden Gesellschaften Menschenrechtsverletzungen dokumentiert sind, selbst wenn diese ihre Ursachen zuerst in korrupten politischen und demokratiefeindlichen Systemen haben. Schließlich haben Unrecht leidende Frauen Anspruch auf die Solidarität der muslimischen Gemeinde. Eines der wesentlichen islamischen Prinzipien setzt auf die Zivilcourage – sei es von Mann oder Frau, weil religiöse Gebote prinzipiell für beide gelten. Hier heißt es nach einem koranischen Gebot: „Das Gute gebieten, das Schlechte verwehren“ (9:71).

Sich des ursprünglichen, geradezu revolutionären Charakters islamischer Frauenrechte zu besinnen und ihre Einhaltung zu fordern, ist längst Bestandteil des innermuslimischen Diskurses, an dem Frauen zunehmend Anteil gewinnen. Hier stellen sich längst auch Fragen, die auf eine Auslegung zielen, wie sie für die Moderne angemessen erscheint. Schließlich wohnt dem Islam eine große Dynamik inne, die aus dem Anspruch entsteht, dass auf Basis der Quellen Koran und Sunna (Überlieferungen aus dem Leben des Propheten Muhammad, zusammengefasst in den Hadith) neue Fragestellungen vor dem jeweiligen Hintergrund von Zeit, Ort und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu beleuchten sind.

 

Welche Frauenrechte sind definiert?

Frauenrechte umfassen: Eigene Rechtspersönlichkeit, Recht auf Bildung in sämtlichen Bereichen, Recht auf die Wahl des Ehepartners und das Recht, den eigenen Familiennamen weiterhin zu führen, die Möglichkeit der Scheidung (etwa bei grober Behandlung, unerfülltem Geschlechtsleben, aber auch „wenn die Chemie nicht stimmt“), Recht auf eigenen Besitz und dessen selbständige Verwaltung, voller Unterhaltsanspruch gegenüber dem Ehemann, auch im Falle eines eigenen Einkommens, das nicht für das Familienauskommen aufgewendet werden muss, Recht auf Erbschaft, Partizipation am sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben der Gemeinschaft.

Was so rasch aufgelistet ist, füllt durch die detaillierte Ableitung von den jeweiligen Quellen und anschließende Einordnung in die Praxis Bibliotheken. Die angesprochene Notwendigkeit einer zeitgemäßen Interpretation förderte in den letzten Jahren die Entwicklung neuer Ansätze, wobei von den Muslimen in Europa wesentliche Impulse ausgehen, da ihre Minderheitensituation sie mit vielfältigen Fragestellungen konfrontiert.

 

Ehe – ein Vertrag gehört dazu

Ein Beispiel hierfür bildet etwa der islamische Ehevertrag. Eine islamische Hochzeit besteht im Wesentlichen aus der Unterzeichnung dieses Dokuments, das den Willen der Ehepartnern die Ehe miteinander einzugehen beurkundet und darüber hinaus eine Summe Geldes festschreibt, die der Frau im durch den Mann ausgelösten Scheidungsfall auszuzahlen ist. So wie dieser Betrag individuell vereinbart wird, ist es prinzipiell möglich, weitere Vereinbarungen aufzunehmen. Davon Gebrauch zu machen, eröffnet Perspektiven, besser vor der Ehe über die genauen Zukunftsplanung zu sprechen und eine gemeinsame Basis auch in den konkreten Fragen des Alltags zu finden: Wohnort, Kindererziehung, Berufsausübung, usw. Sehr junge Frauen könnten sogar die Familienplanung ansprechen, um erst die Ausbildung abzuschließen, ehe an Nachwuchs gedacht wird. Im Idealfall können mögliche Konfliktfelder erkannt und bereinigt werden. Auch ein vielleicht einmal nötiges Schlichtungsverfahren – die moderne Mediation ist im Koran gerade in Eheangelegenheiten explizit empfohlen (siehe z.B. 4:35) und ist dementsprechend positiv verankert – kann auf Grundlage einer solchen Vereinbarung leichter geführt werden.

Eingebettet sind diese Rechte im Rahmen der generellen Sicht auf das Verhältnis von Mann und Frau. Der Koran unterstreicht die Gleichwertigkeit der Geschlechter: „Die einen von euch sind von den anderen“ (3:195). Mann und Frau sind aus gleicher Substanz geschaffen (4:1). Zu gleichen Teilen sind sie Adressaten im Koran, in der Anrede heißt es immer wieder „ihr gläubigen Männer, ihr gläubigen Frauen“. Ja, wenn man die Anzahl des Gebrauchs des Wortes „Mann“ mit jener von „Frau“ vergleichen wollte, ergibt sich die gleiche Summe. Mann und Frau sind als Verantwortung füreinander tragende Partner beschrieben, die in freundschaftlicher Weise miteinander umgehen (9:71). In der Ehe hat Gott „Liebe und Barmherzigkeit“ zwischen ihnen gesetzt (30:21), die Eheleute sind einander „wie eine Decke“(2:187).

 

Gleichwertigkeit der Geschlechter

Die religiöse Praxis, wie sie vor allem die „fünf Säulen“ bestimmen, ist gleichermaßen für Männer und für Frauen bindend, sobald sie in der Pubertät religiöse Mündigkeit erreichen. Sie umfassen das Bekenntnis des Einen Gottes und seines letzten Gesandten Muhammad, das tägliche fünfmalige rituelle Gebet, die sozial religiöse Pflichtabgabe in Höhe von 2,5 % des stehenden Vermögens jährlich, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka. Für Frauen gelten einige Erleichterungen, die darauf Rücksicht nehmen, dass Gleichwertigkeit nicht Gleichartigkeit bedeutet, dass biologische Unterschiede also nicht wegzudiskutieren sind. Die Zeit des Wochenbetts oder der Menstruation entbindet so zum Beispiel vom Fastengebot, welches später nachzuholen ist.

Es ist immer bedenklich, Teilaspekte zusammenhanglos oder sogar manipulierend herauszugreifen. „Die Frau gilt nur die Hälfte eines Mannes“ und weiter „Sie erbt ja nur halb so viel wie ein Mann, ihre Stimme vor Gericht ist nur die Hälfte wert.“ sind solche Beispiele, die sich durch die Literatur ziehen. Dass die Frau im komplizierten Erbrecht, das die Verwandtschaftsverhältnisse der Erbberechtigten aufschlüsselt, in manchen Konstellationen die Hälfte erbt (in anderen mehr als ein Mann), ist im Kontext des Unterhaltsrechts zu sehen. Der Mann ist prinzipiell verantwortlich für den Unterhalt der Frau, muss also vom eigenen Vermögen viel aufwenden, während die Frau all ihren Besitz alleine genießen kann. Als Zeugin bei Gericht ist die Aussage einer Frau genauso wertvoll wie die eines Mannes. Wenn im Koran (2:282) bei der bezeugten Niederschrift geschäftlicher Transaktionen davon die Rede ist, dass Frauen sich in der später vielleicht nötigen Aussage „gegenseitig erinnern“, wird auf die Situation zur Zeit der Offenbarung eingegangen, als Frauen sich mangels Erfahrung in Geschäftsdingen in der Regel nicht auskannten. Es wäre schlicht nicht zulässig, hier einen allgemeinen Analogieschluss auf alle vor Gericht diskutierten Fragen vorzunehmen. Heute wird diese Stelle angesichts vieler weiblicher Wirtschaftsexpertinnen auch in neuem Licht gesehen. – Immerhin zeigen solche Beispiele, dass die theoretische Dynamik in der flexiblen Rechtsauffassung des Islam auch im Sinne der Frauen auszugestalten ist.

 

Frauenfiguren im Koran: Eva ohne Erbsünde

Selbstbewusstsein gewinnen Frauen auch aus dem Koranstudium, wo sie beginnend mit Eva, arabisch HavvaÂ’, einer Reihe von Frauenfiguren begegnen. Zusammen mit Adam bildet sie das erste Menschenpaar, das im Erlebnis des Überschreitens von Gottes Gebot im Paradies gemeinsam eine zentrale Erfahrung durchmacht. Auf die Erkenntnis sich an sich selbst versündigt zu haben, folgt die Reue und durch Gottes Barmherzigkeit dessen Verzeihung. Eva trägt im Islam also keine alleinige Schuld an der Entsendung des Menschen auf die Erde, wo er/sie schließlich als „Stellvertreter/in“ Verantwortung für die Schöpfung trägt. Eva erscheint so nicht als potentielle Verführerin des Mannes. Der Begriff der Erbsünde ist dem Islam fremd. Einige weitere Frauen seien der Kürze halber nur aufgeführt: Maryam, die Mutter des Propheten Jesus, die Frau des Pharao, die den kleinen Moses errettete, die Königin von Saba, die durch ihre Einsicht einen Krieg verhinderte.

Die Beispiele dieser Frauen aus dem Koran verdeutlichen, dass in der wichtigsten Quelle des Islam Frauen eine aktive Rolle spielen. Da hieraus allgemein gültige Ableitungen und Auslegungen erstellt werden, haben sie für das Frauenbild an sich großes Gewicht. Wie könnte man von einer Ehefrau bedingungslosen Gehorsam verlangen, wenn im Koran selbst das Mitdenken bei Befehlen des Gatten und in diesem Fall sogar Herrschers und in Konsequenz der zivile Ungehorsam als vorbildhaft dargestellt ist? Wie könnte man der Frau an sich vorwerfen, sie sei als Versuchung für den Mann geschaffen, um ihn womöglich von wichtigeren Geschäften abzuhalten, wenn es dafür im Koran nicht eine Belegstelle gibt und schon die erste Frau eben nicht als personifizierte Sünde auftritt?

Dem weiblichen Blickwinkel eröffnet sich auch ein reiches Feld der pointierten Interpretation in Bezug auf die Frühzeit des Islam, von Chadidscha, der ersten Frau des Propheten Muhammad, seiner späteren Gattin Aisha bis zu seiner Tochter Fatima oder Sakina, die alle als „Frauenrechtlerinnen“ gelten können.

 

Chancengleichheit durch Bildung

Bildung bleibt ein Schlüsselwort für die zukünftige Entwicklung der gesellschaftlichen Rolle muslimischer Frauen. In dem Maße, wie sie um ihre Rechte wissen, können sie dafür eintreten und ihr Leben in die Hand nehmen. Dann kann sich auch zeigen, dass ein starres Rollenkorsett in alleiniger Bestimmung als Ehefrau und Mutter den vielfältigen Perspektiven, die der Islam ihr offen hält, nicht genügen würde. Chancengleichheit, um auf den verschiedensten für die Gesellschaft wertvollen Gebieten partizipieren zu können, ist ein eng mit dem Bildungsgrad verknüpftes Ziel.(Quelle: Islamische Glaubengemeinschaft)

 

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04 07 2010
By: Redaktion 2 0

Das Österreichbild in der Türkei

von DI Kilic Birol
für das Bundeskanzleramt und den österreichischen Bundespressedienst Austria Feature Service Untersuchung im Arbeitsjahr 1998

 

„Eine Tasse Kaffee gewinnt das Herz für vierzig Jahre“, sagt ein türkisches Sprichwort. Das Verstehen von Menschen beginnt mit gutem Zuhören und wo lässt es sich besser reden als bei einer Tasse dampfenden Kaffees? Wer auf eine Tasse Kaffee einlädt, nimmt sich Zeit für mich. Das ist die Besonderheit der österreichischen Kaffeehauskultur.

 

In der Innenstadt von Istanbul findet sich ein detailgetreu nachgebautes Wiener Kaffeehaus mit echtem Wiener Kaffee und frischen Wiener Mehlspeisen. Zum Milchkaffee sagen die trendigen jungen Türken bereits allgemein „Melange“. Der Wiener Kaffee ist in sein Ursprungsland zurückgekehrt.

 

Die Türken empfinden die österreichische Mentalität als ihnen nahestehend. Fleiß, Ehrlichkeit und Höflichkeit sind gemeinsame Tugenden und besonders letzteres hebt die Österreicher in den Augen der Türken wohltuend von den „trockeneren“ Deutschen ab. Österreicher werden als geduldig, flexibel und sensibel charakterisiert, außerdem als traditions- und kulturbewusst. Deutsch ist die zweite Fremdsprache nach Englisch und ermöglicht den Gebildeteren daher eine problemlose Kommunikation mit Österreichern. Trotz der gemeinsamen Sprache wird Österreich nie mit Deutschland verwechselt, sondern besitzt im Bewusstsein der Türken eine ganz eigenständige Identität. Es ist chic in Österreich den Urlaub zu verbringen, einen Wien-Trip zu unternehmen oder Ski zu fahren, und – wer es sich leisten kann – sein Kind in Österreich studieren zu lassen.

 

Die typischen Klischees haben auch vor den Türken nicht halt gemacht. Das Österreichbild ist im Wesentlichen geprägt von den kulturellen und touristischen Leistungen Österreichs und insbesondere der Hauptstadt. Legt man Türken ein Foto eines Wiener Kaffeehauses vor, ordnen fast 60 % das Sujet Österreich zu. 90 % verbinden eine Ballnacht mit Österreich und etwa 85 % denken bei der Aussage „Berühmt für seine Kultur“ an Österreich. 80 % erkennen sogar die Skyline des Kunsthistorischen Museums in Wien. Die Musik von Mozart und Strauß ist in der Türkei ebenfalls sehr bekannt und kann als der wichtigste Botschafter bis in alle Winkel des Landes angesehen werden. Nicht weniger bekannt ist Kaiserin Sisi, die nicht zuletzt aufgrund der Thematisierung im türkischen TV für emotionale Parteinahme und Identifikationen sorgt. Auch die in der Türkei nicht gekannte Bedeutsamkeit von Titeln und akademischen Graden wird unter anderem auf die Tradition von Hof und Adel zurückgeführt. Die daraus resultierende Höflichkeit und die verfeinerten Umgangsformen stehen den Türken jedoch sehr nahe.

 

Der freundschaftliche Kontakt kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Das Osmanische Reich und Österreich-Ungarn hatten viel gemeinsam. Beide waren ein Vielvölkerstaat und unterhielten intensive Beziehungen. Beide verloren nach dem Ersten Weltkrieg ihre Größe und ihren Einfluss und suchten nach einer neuen nationalen Identität.

 

Ende des 18. Jahrhunderts finden sich prominente Kooperationen, besonders auf dem Gebiet der Medizin und der Architektur. So entsteht 1839 in Istanbul die erste medizinische Hochschule nach dem Vorbild des Wiener Josephinismus auf Initiative österreichischer Ärzte. Zu dieser Zeit wurde auch der erste türkische Arzneikodex durch den Wiener Arzt Dr. Bernard herausgegeben. Seit 1830 besteht das österreichische Krankenhaus St. Georg in Istanbul. Ursprünglich für die christliche Kolonie konzipiert, erfüllt es heute durch die Betreuung und Behandlung von Armen und Bedürftigen einen wichtigen und verantwortungsvollen Bereich sozialer Arbeit. 1864 wird der Rote Halbmond von dem Wiener Arzt Dr. Karl Hammerschmiedt unter seinem neuen Namen Abdullah Bey gegründet. Derselbe ruft in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts auch das erste naturhistorische Museum in Istanbul ins Leben. Dazu leistet das Naturhistorische Museum in Wien mit zahlreichen Objekten einen großen Beitrag.

 

Im selben Jahrhundert beginnen österreichische Archäologen unter Leitung von Otto Berndorf mit den wissenschaftlichen Untersuchungen in Ephesos, die mit kriegsbedingten Unterbrechungen bis heute andauern. Die Resultate dieser Forschungen, Ausgrabungen und Restaurierungsarbeiten haben aus dem historischen Ephesos einen hervorragenden Studienort archäologischer Wissenschaft gemacht und den Fremdenverkehr bereichert. Auch die architektonisch gelungene Überdachung der Ausgrabungsstelle wurde von Österreichern entworfen. Im Jahre 1915 wird übrigens am Palandöken bei Erzurum der erste Schikurs für das Osmanische Heer von österreichischen Unteroffizieren durchgeführt. Ob Zufall oder nicht – Palandöken ist heute das wichtigste Schigebiet in der östlichen Türkei.

 

Ebenfalls in das Ende des 19. Jahrhunderts fällt die Gründung der österreichischen Schule St. Georg in Istanbul im Jahre 1882, die ursprünglich Kinder österreichischer und deutscher Kolonien unterrichtete. Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges wird sie vor allem von türkischen Kindern besucht. Heute ist das St. Georgs-Kolleg eine der gefragtesten und beliebtesten Auslandsschulen in der Türkei.

 

Auch österreichische Künstler und Wissenschafter konnten ihre Spuren in der Türkei hinterlassen. So entstand zB während des Ersten Weltkrieges 1916 das erste Atatürk-Portrait vom Österreicher Wilhelm Krausz. Die Deutschmeister konzentrierten sich zwei Sommer hindurch im berühmten Pera-Palast. Mit der Universitätsreform 1933 und wegen der politischen und rassistischen Vertreibungen kommen eine Reihe von hervorragenden österreichischen Wissenschaftern und Künstlern in die Türkei. Bekannt ist vor allem der Architekt Clemens Holzmeister, der durch seine Bauten in Ankara (Parlament, Staatspräsidentenpalast, Regierungsviertel, österreichische Botschaft) und durch seine Lehrtätigkeit an der TU Istanbul bis 1951 zu Weltruhm gelangte. Eine Reihe hervorstechender türkischer Architekten entstammen seiner Schule. In den 60er Jahren lehrt der berühmte Vertreter der Wiener Schule des phantastischen Realismus, Anton Lehmden, an der Akademie für angewandte Kunst in Istanbul. 1963 wird das österreichische Kulturinstitut in Istanbul gegründet, womit der hohe Stellenwert der österreichischen Außenkulturpolitik gegenüber der Türkei zum Ausdruck gebrach wurde. Dieses Institut bietet von Musik über Ausstellungen bis zur Wissenschaft ein reichhaltiges Programm. Allein im Jahr 1995 wurden 108 Veranstaltungen an 63 Orten rund 160.000 Besuchern nahegebracht.

 

Mit der Umwandlung der türkischen Wirtschaft in eine Marktwirtschaft in den 80er Jahren wird die Türkei für österreichische Unternehmen zunehmend interessant. Es entwickeln sich bis heute andauernde Geschäftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern. Obwohl diese Beziehungen sich im Laufe der Zeit verstärkt haben, sind die Möglichkeiten noch immer nicht ausgeschöpft. In den letzten Jahren aber zeigt sich eine starke Tendenz, das Potential zu erkennen und Marktchancen wahrzunehmen.

 

Die größten Investoren in der Türkei stammen aus der EU, dabei spielt besonders Deutschland mit 200 Investitionsbewilligungen eine große Rolle. Das Gesamtvolumen an Investitionen Deutschlands in der Türkei lag 1995 bei 392 Mio. US$. Daneben sehen das in der Türkei gebundene österreichische Kapital mit 85 Mio. US$ und die elf Investitionsbewilligungen eher bescheiden aus. Eine österreichische Firma hat jedoch die größte ausländische Einzelinvestition in der Türkei verwirklicht. Mit der Beteiligung am Birecik-Wasserkraftwerk haben die Verbundplan und Strabag AG ein Beispiel gesetzt. Die Austrian Energy hat außerdem zwei neue Kraftwerkseinheiten in Cayirhan 120 km westlich von Ankara in Betrieb genommen.

 

In den letzten Jahren zeigt sich eine neue Tendenz in der türkischen Unternehmensführung. Bedingt durch bessere Ausbildung und durch Studienaufenthalte im Ausland, hat eine neue Managergeneration gelernt, dass kommunikatives Miteinander bessere Erfolge erzielt, als der autoritäre Führungsstil der älteren Generation. Diese jüngeren türkischen Manager sind hochmotiviert und streben nach Geschäftserfolgen. Die können besser mit westlichen Geschäftspartnern kommunizieren, sind mutiger, toleranter und entscheidungsfreudiger. Dies hat zu einer größeren Stabilität der türkischen Wirtschaft geführt.

 

Die Türkei bietet nicht nur einen großen Absatzmarkt, sondern stellt durch ihre geographische und strategische Lage als Brücke zwischen Europa und Asien einen wichtigen Partner dar, durch den sich für österreichische Unternehmen gut Geschäftsmöglichkeiten ergeben. Besonders infolge der Auflösung der Sowjetunion und der Bildung der neuen Republiken spielt die Türkei durch ihre geographische Nähe zu diesen Märkten und durch ihre engen Geschäftsbeziehungen mit den zentralasiatischen Ländern eine wichtige Rolle sowohl auf der politischen als auch auf der wirtschaftlichen Ebene in der Region.

 

Österreich wird in der Türkei als fortschrittliches EU-Land mit neutraler, stabiler Politik gesehen. Österreicher werden als tolerant und demokratisch empfunden und gelten als vertrauenswürdige Geschäftspartner.

 

Ebenso wie die Geschäftspartner gelten auch die österreichischen Touristen in der Türkei als freundliche und angenehme Gäste. Aber auch umgekehrt kommen Türken gerne nach Österreich für einen Kultur-Trip oder einen Ski-Urlaub. Etwa 40 % der Türken verbinden mit dem Wort „Winterurlaub“ eine Assoziation mit Österreich und 60 % ordnen Österreich den Stichworten „gutes Essen“ und „Restaurants“ zu. Aber auch die Gastfreundschaft der Österreicher wird besonders geschätzt. 70 % der türkischen Hochpreistouristen empfinden Österreich als „gastfreundlich zu Ausländern“.

 

Jeder Urlaub geht einmal zu Ende und was bleibt sind Erinnerungen an schöne Tage. Doch jetzt haben Istanbuler die Möglichkeit, ihre Erinnerungen frisch zu halten. Sie gehen in ihr neues Alt-Wiener Kaffeehaus und bestellen eine Wiener Melange zu frischen österreichischen Mehlspeisen. Bir fincan kahvenin kirk yil hatiri vardir – eine Tasse Kaffe gewinnt das Herz für vierzig Jahre… (B.K)

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07 06 2010
By: Redaktion 2 0

TKG: Türkei und Österreich müssen gegenseitige Empathie zeigen

Die Türkei hat immense Probleme. Österreich genauso, aber anders geartete. Den Besuch des türkischen Wirtschaftsministers sollte man nicht emotionalisieren.

 

Wien (OTS) – Laut österreichischer Presse ist der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci um den 15.07.2017 in Österreich mit folgender Argumentation nicht erwünscht: „Der Außenminister akkordiert mit dem Bundeskanzleramt und verbietet dem türkischen Wirtschaftsminister zum einjährigen Putschgedenken die Einreise. Es bestehe „Gefahr für öffentliche Ordnung und Sicherheit“.

 

Der 15.07.2017 ist für Millionen Menschen in der Türkei und auch im Ausland ein wichtiger und schmerzlicher Tag, egal auf welcher Seite man steht. In Österreich leben über 300.000 Menschen aus der Türkei, die gerade wegen des letzten Referendums in der Türkei in den letzten fünf Jahren mit mehreren Demonstrationen auf den Straßen Wiens Bezug auf die Türkei nahmen. Aufgrund dieser Demonstrationen wurden Menschen aus der Türkei mit immensen Schwierigkeiten konfrontiert.

 

Großen Nachteil für Österreich

 

Es entstanden Probleme, die die Bereiche Integration und Zusammenleben in Österreich massiv erschwerten. Viele Menschen fühlen sich verfolgt, erpresst und in ihrer freien Meinungsäußerung massiv eingeschränkt. Wir erleben in einen freien demokratischen Land wie Österreich Dinge, die nicht normal sind und den inneren Frieden in Gefahr bringen. Das alles stellt einen „großen Nachteil“ für Österreich dar.

 

TKG zeigt vollstes Verständnis dafür, dass man der Opfer des Putschversuches vom 15.07.2016 in aller Ehre gedenkt. Wir sind fest davon überzeugt, dass auch die österreichische Regierung und das Außenministerium ein Zeichen der Solidarität setzt und Empathie für die Freunde und Angehörigen der Opfer hat.

 

Wir sind, besonders vor den bevorstehenden Wahlen im Oktober 2017, in einer prekären Lage, in der Menschen aus der Türkei ständig thematisiert werden. Realistisch gesehen erwarten wir auch vom türkischen Wirtschaftsminister, dass die innere Sicherheit und das Zusammenleben in Österreich geschätzt werden. Die ÖsterreicherInnen sehen die Türkei als Freund und wünschen sich einen starken demokratischen Rechtsstaat mit gute kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen. Aus diesem Grund sollten beide Länder Empathie und Respekt zu inneren Angelegenheiten, besonders in diesen schwierigen Zeiten, zeigen.

 

Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG)
DI Birol Kilic

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06 06 2010
By: Redaktion 2 0

Das Geheimnis des siebenten Sterns der türkischen Präsidentschaft ist gelöst: Jüdische Khazars

Wien/Istanbul-Das Ausbleiben der jüdischen Khazars ist nach 900 Jahren in den Kaukasischen Bergen wiederentdeckt worden. Die Khazars werden durch den siebenten Stern ( http://www.tccb.gov.tr/sayfa/cumhurbaskanligi/fors/ ) auf dem Schild auf der türkischen Präsidentschaft repräsentiert.

 

Sie wählten das Judentum, der türkische Stamm der Khazars errichtete ein sehr kraftvolles Königreich. Unterdrückt von den Christen und den aufstrebenden Islam wählten sie das Judentum als Religion. Diese Antwort versteckt sich in den Bergen und auf dem Schild der Präsidentschaft der türkischen Republik. Der siebente Stern repräsentiert die Khazars, die während des 12. Jahrhunderts so plötzlich verschwunden sind. Wohin gingen Hunderttausend jüdische Khazars?

 

Ein französischer Journalist suchte nach seiner Abstammung, Marek Halter hat dabei die Antwort auf das Mysterium an der Grenze zwischen Aserbaidschan und Dagestan gefunden. In einer etwas anderen Stadt bei Krasnaya Sloboda, kann man türkische Juden finden. Diese Menschen haben türkische Namen und jüdische Familiennamen. Ihre Sprache ist eine Mischung aus türkischem Hebräisch und altem Persisch. Ihre Synagoge gibt einem das Gefühlt einer Moschee, abseits der Religion ist ihr Leben von dem anderer Türken nicht unterschiedlich, in ihren Gewohnheiten und in ihrem Alltag.

 

Die Stadt von Krasnaya Sloboda ist wie eine Stadt in Anatolia. Die Menschen sind im Café, trinken Tee und spielen Backgammon, der einzige Unterschied ist die judische Kopfbedeckung. (BK)

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05 06 2010
By: Redaktion 2 0

TKG verurteilt den widerlichen Terroranschlag in Barcelona aufs Schärfste!

Die Türkische Kulturgemeinde Österreich (TKG) ist in diesen Stunden mit den Gedanken bei den Angehörigen der Todesopfer und den Verletzten die bei der jüngsten Terroranschlag in Barcelona . TKG verurteile auch den Anschlag auf das Schärfste. Im Stadtzentrum von Barcelona ist am Donnerstag (17.08.2017) ein Lieferwagen in eine Menschengruppe gerast. Traurige Bilanz: 13 Tote, mehr als 100 Verletzte.

 

Der Obmann der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich, Birol Kilic, verurteilt den widerlichen Terroranschlag in Barcelona wie folgt scharf:

„Im Namen der Türkische KULTURgemeinde in Österreich(TKG)  verurteilen wir die abscheuliche Terror in Barcelona  auf das Schärfste und sprechen den Angehörigen der Opfer unser tief empfundenes Beileid aus. Unser tiefstes Mitgefühl ist bei den Opfern und deren Angehörigen in diesen harten und schmerzlichen Stunden in Barcelona. Dieser Terroranschlag  ist ein abscheulicher Terror gegen die Menschheit.

 

Welche „Kräfte“ stecken hinter diesem Terror?

 

Wir fordern sofort die Terroristen und diejenigen Kräfte, die hinter diesem Terror stehen, fündig zu machen. Man kann diesen Terror nicht auf einen Namen oder eine Richtung reduzieren, weil dieser Terror mehrere Mütter und Väter hat.  Hinter diesem Terror in Barcelona stecken mehrere Kräfte im In- und Ausland.


Eine Drohung für alle Länder

 

Gegen Terror sollte man, egal in welche Art, zusammenarbeiten und nicht in Schadenfreude agieren. Niemand sollte aus solchen Terrorakten versuchen Ziele zu erreichen, die eigentlich einen selbst treffen könnten. Ein solcher Akt des Terrors im Herzen von  Barcelona ist eigentlich eine Drohung für alle Länder. Terrorismus ist eine internationale, kannibalistisch sich vermehrende Pest, wovon jedes Land betroffen sein kann.  Niemand kann sagen: Es geht uns nichts an. Kannibalistisch deswegen, weil dieser Terror auch diejenigen treffen wird, die hier im In- und Ausland diesen Terror als Brandstifter vorbereiten, unterstützen und dann als Feuerlöscher auftreten. „

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05 06 2010
By: Redaktion 2 0

Antakya

In der Türkei: ANTAKYA auch ANTIOCHIA wo die Anhänger Jesu erstmals Christen genannt sind! Apostelgeschichte 11.21 „Und es wurden die Jünger zuerst in Antiochien Christen genannt.“

 

ANTAKYA auch ANTIOCHIA war eine der berühmtesten und wichtigsten Städte der Antike und des Orients, mit einer Geschichte, die ihr alles geschenkt aber auch alles wieder genommen hat. Im Jahre 300 v. Chr. wurde Antiochia von Seleukos Nikator, dem ersten Herrscher des Seleukiden Reiches gegründet und konnte bald als die Dritte Stadt der Antike zählen –  nach Rom und Alexandria in Ägypten. Auch nach der Besetzung durch die Römer (64 v.Chr.) änderte sich an der Bedeutung nichts. Die Römer bauten prachtvolle Aquädukte und Kanalisationsanlagen; selbst Straßenbeleuchtung war vorhanden.

 

Antakya war der Mittelpunkt von Leben und Handel. Der Fluß Orontes (Asi), der Mitten durch die Stadt fließt, verband Antakya mit dem Mittelmeer und die Karawanenwege mit Persien, Syrien und Indien machten die Stadt zu einem wirtschaftlichen Zentrum der Antike. In Antakya wurden die Anhänger Jesu erstmals Christen genannt (Apostelgeschichte 11.21 „Und es wurden die Jünger zuerst in Antiochien Christen genannt.“)

 

In byzantinischer Zeit war Antakya dann folgerichtig Bischhofssitz mit gleichen Rechten wie Konstantinopel und Alexandria. Noch heute gibt es in Antakya eine große Gemeinde von Christen, die ihren Gottesdienst auf arabisch halten. Im 6. Jahrhundert dann eine dunkle Zeit, in der Antakya von den sassanidischen Persern geplündert (540) und von Erdbeben zerstört wird. Im Jahre 638 fällt die Stadt in die Hände der Araber, die allerdings Aleppo (Halep) zum regionalen Zentrum machen. Antakya war Grenzstadt im byzantinisch-islamischen Dauerkonflikt. 969 erobern wieder die Byzantiner die Stadt, 1084 fällt die Stadt in die Hände der Seldschuken. Weltgeschichtlich bedeutend wird das Herzogtum Antiochia, welches die Ritter des ersten Kreuzzuges hier 1098 gründeten. Aus dieser Zeit stammt die Fassade der Kirche, in der die ersten Christen zusammenkamen (St. Pierre Felsenkirche). Sonst muss dieser Kreuzfahrerstaat eher kriegerisch als kulturbeflissen gewesen sein: Er war ständig mit Auseinandersetzungen mit Byzantinern, Arabern, Türken und dem armenischen Königreich in Kylikien verwickelt. Einen Bundesgenossen fand es in den berühmten Assassinen. Deshalb nahmen die Mameluken aus Ägypten auch heftige Rache an der Stadt, als sie sie 1268 eroberten. Erst 1517 erstürmten sie die Osmanen, diese behielten sie bis 1918. Doch schon vorher hatte Frankreich und England Interesse an der handelspolitischen Gegend mit der christlichen Minderheit gezeigt. Im Jahre 1916 wurde der Hafen von Alexandretta (Iskenderun) sechsmal bombardiert. 1918 besetzten die Franzosen Antakya und Iskenderun und bekamen beide Städte 1921 als Mandat. Doch gab es eine von den Kemalisten gestützte Widerstandstätigkeit, die langsam die französische Autorität untergrub. 1938 wurde dann der unabhängige Staat Hatay gegründet, der allerdings Aussen- , Währungs- und Zollpolitik mit Syrien teilen sollte. Den Namen Hatay gab Atatürk in Anlehnung an ein hethitisches Fürstentum der Gegend. Nach einem Plebiszit im Jahre 1939 beschloss das Parlament von Hatay, sich der Türkei anzuschliessen. Hatay wurde Provinz mit der Hauptstadt Antakya.

 

Stadtbild

 

Das Stadtbild des heutigen Antakya gliedert sich in zwei Teile, da der Fluss Asi Nehri (Orontes) die Stadt in das alte und das neue Antakya trennt. Der Wasserpegel schwankt in den Winter– und Sommermonaten extrem, da er für die Landwirtschaft im Sommer viel stärker genutzt wird und es im Winter viel mehr regnet. Das ältere Antakya erstreckt sich bergaufwärts (Habibneccar-Berg) und wird an der unteren Seite vom Fluss begrenzt. Über die Brücke gelangt man in das neuere Antakya, wo man sofort auf den zentralen Kreisverkehr trifft, worauf sich eine große Atatürk-Statue befindet, die in keiner türkischen Stadt fehlt. Direkt an dem Kreisverkehr befinden sich das berühmte archäologische Museum (auf das wir später noch eingehen werden), das große Postamt, ein Teil der Stadtverwaltung und das frühere Parlament der Republik Hatay, welches heute als Kino umfunktioniert wurde. Von dem Kreisverkehr geht unter anderem die Atatürk Cad. ab, in der man auf moderne Einkaufsmöglichkeiten trifft, welche teure Boutiquen ebenso einschließt, wie Handyläden und Internetcafés. Das große Viersterne Hotel (Büyük Antakya Oteli) weist den Weg in diese Straße.

Wenn man Erholung sucht, wäre auch der Antakya Stadtpark eine Alternative: prächtige Palmen und Nadelbäume spenden genügend Schatten für Café- und Teehäuser, sowie einen Minigolfplatz. Neben dem Park findet man auch das Sportzentrum, das ebenfalls das Stadtbad beinhaltet, wo auch wir oft Erholung suchen vor dem heißen Sommer. Der Basar von Antakya bildet das Zentrum der Altstadt, wo noch die traditionelle Aufteilung nach Gewerbe vorherrscht. Orientalische Gewürzhändler, Handwerker sowie Gold- und Silberschmiede schaffen eine typische Basar-Atmosphäre. (nicht vergessen, immer handeln!).

 

Interessante Orte

 

Wie schon erwähnt, befindet sich im Stadtzentrum das Archäologische Museum von Antakya. Hier findet man eine beeindruckende Sammlung von Mosaiken, welche alle aus Antakya und Umgebung stammen. Es ist eine der bedeutendsten und besterhaltensten römischen Sammlungen der Welt. Leider bediente sich die französische Mandatsmacht allzu oft aus den historischen Funden ( Herzlichen Dank an dieser Stelle!). In Antakya befinden sich einige christliche Gotteshäuser; darunter drei große: Die bedeutendste davon, die St. Pierre Kirche, ist die älteste Kirche der Welt (vom Vatikan als solche anerkannt!), hier hat einst Petrus gepredigt, welcher die ersten Christen (erst hier wurden die Anhänger von Jesus Christus „Christen“ genannt) in dieser Grottenkirche zum Gebet versammelte. Neben einem restaurierten Altar und einem Brunnen für Weihwasser beinhaltet dieser Gebetsraum auch einen zugeschütteten Fluchttunnel, welcher in der damaligen Zeit auch nötig war. In dieser Kirche werden heute noch Messen abgehalten. Des weiteren sind in Antakya vertreten: Eine katholische Kirche, die leicht zu übersehen ist (,jedoch ein für das Auge sehr entzückendes Leckerbissen darstellt), die orthodoxe Kirche, dessen Tür für interessierte Besucher stets geöffnet ist und eine neu erbaute protestantische kam kürzlich hinzu.

Eine perfekte Aussicht auf Antakya bekommt man, wenn man auf die alte Zitadelle (besteht nur noch aus Ruinen) fährt, die sich auf dem Berg befindet. Hier wird man von einem alten weisen Mann begrüßt, der die Anlage Überwacht und Touristen in Empfang nimmt, man sollte sich nicht wundern, wenn man ein Fernglas angeboten bekommt, um die Aussicht zu geniessen. Ausserdem kann man sich da in einem Gästebuch verewigen.

Die Leute aus Antakya erholen sich in den langen Sommermonaten im ca. 5 km entfernten Harbiye, das mit seinen vielen Wasserquellen die gesamte Stadt Antakya mit Wasser versorgt. Das Felsquellwasser aus Harbiye und die riesigen Lorbeerbäume der Umgebung kühlen dieses Tal auf eine angenehme Temperatur. Nach einer Legende soll hier einst Kleopatra geheiratet haben. Wir selbst sind an manchen Wochenenden auch dort, um zu grillen. Ganz in der Nähe dazu befindet sich ein künstlich angelegter See, der von Nadelbäumen umschlossen ist.

 

Umgebung und Meer

 

Man sollte nicht vergessen, dass Antakya nicht weit vom Meer entfernt liegt. Nach 20 Minuten mit dem Auto gelangt man nach Samandagi. Dieser kleine Ort liegt direkt am Meer, wo die Leute aus Antakya und Umgebung baden. Von hier aus kommt man schnell (5min) nach Cevlik, wo man zuallererst den Titus-Tunnel zu einer kleinen Entdeckungsreise begehen sollte. Auf den Spuren von Kaiser Titus/Vespasian gelangt man durch eine Schlucht und anschließend durch einen dunklen Tunnel ( doch Vorsicht, zeitweise kann man seine eigene Hand nicht vor Augen sehen). Danach verliert sich die Schlucht in den Bergen. Vor dem Tunnel befindet sich eine Felsenbrücke, sowie eine in den Felsen gehauene Treppe, die zu einer antiken Begräbnisstätte führt. Nach der Rückkehr von der Entdeckungsreise, kann man sich im Meer erfrischen. Im wesentlichen gibt es drei Strände, wo man schwimmen kann: Der Strand direkt an Samandagi, der Strand von Cevlik und die Buchten bei Meydan. Wir bevorzugen Meydan, da es dort Buchten gibt, die nicht einmal die Einheimischen kennen und dieser Strand im Gegensatz zu den beiden erstgenannten immer sauber ist. Doch der Weg dorthin ist sehr beschwerlich wofür man jedoch belohnt wird, denn man wird der einzige Badende sein. Nach Meydan gelangt man wenn man der Landstraße nach Samandagi folgt. Direkt am Ortsschild biegt man nach links, in Richtung Yayladagi ab und folgt der Beschilderung. Diese Bilder sprechen für sich.

 

Verschiedene Gesichter in Antakya

 

Die Bevölkerung in Hatay/Antakya ist extrem heterogen und ist keinesfalls typisch türkisch. Wer genau hinhört wird feststellen, dass in den Strassen, Basars und Dörfern arabisch gesprochen wird. Antakya besteht zum größten Teil aus „arabischen Türken“, die den Aleviten zuzuordnen sind. Antakya besitzt auch über eine beachtliche Gemeinde arabischer Christen , welche Ihre Gottesdienste ebenfalls in arabischer Sprache abhalten und der katholischen und der orthodoxen Kirche zuzuordnen sind. Antakya ist auch Pilgerstätte für viele Christen aus der ganzen Türkei, da hier wie schon erwähnt die erste christliche Gemeinde entstand. Antakya ist ein echtes Beispiel für ein multikulturelles Zusammenleben vieler verschiedener Kulturen in Frieden, was auch keiner Illusion entspricht, sondern Realität widerspiegelt: Aleviten, Sunniten, griechisch-, syrisch- und armenisch- Orthodoxe, Katholiken, Protestanten, Türken, Araber, „Turkoaraber“ (Was guckst Du?-mässig), Juden … und etwaige Kombinationen aus solchen, dessen Summe die einzigartige Atmosphäre dieser ruhigen Mittelmeer – Stadt an der Südküste der Türkei ihr Antlitz verleihen.

 

Lieber Leser, liebe Leserin, wenn Du selbst aus Antakya (und Umgebung kommst) hoffen wir, dass Du dich in diesem Text wiederfindest. Wenn Du nicht aus Antakya kommst, hoffen wir, dir einen interessanten Einblick unserer Heimatstadt vermittelt zu haben.

 

Quelle:

Euer Askarclub

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03 06 2010
By: Redaktion 2 0

Die Wiener türkisch-israeilitische Gemeinde und Synagoge

Naim Güleryüz

Deutsche Bearbeitung Birol Kilic

 

Am 16. November 1885, bei den Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung einer neuen Synagoge in Wien 2., Zirkusgasse 22, wurden die eingeladenen Gäste vom Vorsitzenden der Wiener sefardischen Juden1 Marcos Russo mit folgenden Worten begrüßt: „Während der Regentschaft seiner Majestät Franz-Josef als Kaiser von Österreich und seiner Majestät Abdülhamid II. als Sultan des Osmanischen Reiches, und der Dienstzeit von Sadullah Pascha als dem Botschafter des Osmanischen Reiches in Wien und Marcos Russo als dem Vorsitzenden der türkisch-israelitischen Gemeinde wurde mit dem Bau dieses Gebäudes angefangen, um die religiösen Bedürfnisse der sefardischen Juden zu befriedigen.“

 

Während der offiziellen Eröffnungszeremonie der Synagoge, deren Tor von nebeneinander gehissten österreichischen und osmanischen Fahnen geschmückt war, am 17. September 1887 um 19 Uhr, folgte auf sefardisch-spanische Gebete das Anoten-Gebet2 für Franz-Josef und Abdülhamid II. und die Nationalhymnen der beiden Länder.

 

Diese Synagoge, in deren Mittelhalle die lebensgroßen Portraits beider Herrscher hingen, wurde durch die Schönheit ihrer unverfälscht modernisierten traditionellen östlich-spanischen Musik und die ausgezeichneten Gottesdienste auch unter den Aschkenasim3 beliebt. Nach der Gründung der Türkischen Republik wurden die Herrscherportraits entfernt und durch große Spiegel ersetzt.

 

In dieser Synagoge, die vom Architekten Ritter von Weidenfeld nach dem Vorbild des Alhambra-Palastes in Granada im Maghreb-Stil erbaut wurde, und die 314 Sitzplätze für Männer (bei Bedarf bis 594 ausbaubar), 100 Sitzplätze für Frauen und etwa 500 Stehplätze bot, wurde jedes Jahr der Geburtstag von Abdülhamid II. mit einer besonderen Zeremonie gefeiert. Die österreichische Regierung wurde von einem leitenden Beamten des Außenministeriums und einem hochrangigen General des Kriegsministeriums vertreten; der osmanische Botschafter und das Botschaftspersonal nahmen in Galauniformen an der sog. Sultanfeier teil.

 

Während des Ersten Weltkrieges wehten nach wie vor österreichische und osmanische Fahnen zu jedem feierlichen Anlass zusammen am Tor der Synagoge, da beide Länder im Krieg auf der gleichen Seite kämpften.

 

In Folge der neuen nationalistischen Bewegung um 1925 fingen die Sefarden an, Wien zu verlassen. Die letzte prunkvolle Zeremonie in der Synagoge, an die man sich erinnert, war die Gedenkfeier zum 800. Geburtstag des großen Denkers Maimonides.
In der Kristallnacht4 vom 9. auf den 10. November 1938 teilte die Wiener sefardische Synagoge das Schicksal aller anderen deutschen und österreichischen Synagogen: sie wurde von den Nazis zerstört und in Brand gesteckt.

 

Woher kam nun dieses Interesse an den Osmanen, deren Sultan, Fahne und Nationalhymne in Wien, in der Stadt, die die Osmanen zwar unter Süleyman dem Prächtigen (1529) und mit Kara Mustafa Pascha (1683) zweimal belagert, aber nie regiert und vor deren Toren sie kehrt gemacht hatten? Gehen wir jetzt zu den Anfängen unserer Geschichte, in das Spanien des 18. Jahrhunderts zurück, wo noch die Inquisition herrschte.

 

Laut Überlieferung wird zu der Zeit in Madrid ein Junge namens Mosche Lopez Pereira seiner Familie weggenommen, auf den Namen Diego dÂ’Aguilar getauft und als Priester erzogen. Diego macht schnelle Fortschritte in seiner Erziehung, wird zum leidenschaftlichen Befürworter der Inquisition und wird sogar zum Bischof ernannt. Mosche LopezÂ’ Mutter und Schwester sind Maranos5 und üben ihr Judentum heimlich aus. Seine Schwester wird denunziert, festgenommen und zur Verbrennung am Scheiterhaufen (Autodafé) verurteilt. Am Tag vor der Vollstreckung des Urteils besucht die traurige und hoffnungslose Mutter den Bischof Diego dÂ’Aguilar in seinem Palast und fleht um die Begnadigung ihrer Tochter, doch der Bischof lehnt diese Bitte ab. Die verzweifelte Mutter erzählt daraufhin die Wahrheit, erklärt ihm, dass sie seine Mutter und die Verurteilte seine Schwester sind, er in Wirklichkeit Mosche Lopez heißt. Dieser Name erweckt viele Kindheitserinnerungen beim jungen Bischof. Er fängt zu weinen an, läuft aus seinem Palast hinaus, aber er kommt aber zu spät: seine Schwester ist auf dem Scheiterhaufen auf schreckliche Art und Weise gestorben. Diego, oder Mosche, zieht sein Bischofsgewand aus und wirft es weg. In diesem Land kann er nicht mehr bleiben und flieht nach Österreich, das von Maria Theresia regiert wird. Einst besuchte die Königin, damals noch Erzherzogin, mit ihrem Vater Karl VI. Madrid und schenkte dem Bischof als Dank eine Goldkette nach einem Empfang zu ihren Ehren. Die Kaiserin gewährt Mosche und einigen anderen Juden, die mit ihm fliehen konnten, Asyl und erlaubt ihnen, in Österreich zu bleiben und ihre Religion frei ausüben zu können.

 

Diese Darstellung basiert auf einer Erzählung von Graf von Hoyos, die von Dr. Angel Pulido Fernandez und Rabbi Dr. Manfred Papo6 überliefert wurde und unterscheidet sich von der Darstellung in Encyclopedia Judaica und in den geschichtlichen Untersuchungen. Laut Encyclopedia Judaica kommt Mosche Lopez Pereira im Jahre 1699 als Sohn eines Marano-Bankiers in Portugal auf die Welt. Der Vater ist im Besitz des portugiesischen Tabak-Monopols. Angesichts der Schwierigkeiten, als Marano in Portugal zu leben, immigriert Diego 1722 zuerst nach London und dann nach Wien. Nachdem er sich durch wessen Hilfe auch immer in Wien niedergelassen hat, tritt er aus der Kirche aus, kehrt zum Judentum zurück und nimmt wieder seinen ursprünglichen Namen Mosche (Moses) Lopez Pereira an.

 

Mosche Lopez besitzt das österreichische Tabakmonopol zwischen den Jahren 1723-1739 für 7 Millionen Gulden im Jahr, organisiert das Unternehmen neu und bekommt 1726 den Titel eines Barons verliehen. In dieser Zeit beteiligt er sich an den Baukosten des Schlosses Schönbrunn mit 300.000 Gulden. Mit dem Titel „Hofjude“ zum privaten Berater des Palastes ernannt, verwendet er seinen Einfluss für den Schutz der Leben und Rechte seiner Glaubensgenossen in Österreich und anderen Ländern, so z.B. 1742 in Mähren, 1744 in Prag, 1752 in Mantua und Belgrad. Auf einer silbernen Thora-Krone in der Wiener Synagoge (Sifrei-Torah-Pergamentrollen)7 befand sich der hebräische Eintrag „Mosche Lopez Pereira-5498“ (=1737-1738) und jedes Jahr am Jom Kippur-Fest8 wurde für ihn als den Gründer der Gemeinde gebetet, bis die Synagoge zerstört wurde.

 

In dieser Zeit siedelten sich andere spanisch-stämmige Familien wie Kamondo9, Nisan und Eskenazi in Wien an. Mosche Lopez, seine Frau, Samuel Oppenheimer und sein Neffe Samson Wertheimer organisierten die sefardischen Juden in der Stadt und gründeten 1736 die erste sefardische Gemeinde in Wien. Die sefardischen Juden, mehrheitlich osmanischen Ursprungs, genossen die Klausel des Passarowitzer Vertrages (21. Juli 1718), die den osmanischen Bürgern Niederlassungs- und Handelsfreiheit garantierte und lebten in Frieden unter meist besseren Umständen als die österreichischen Juden. Die Gottesdienste wurden im Haus Nr. 307 innerhalb des Rings abgehalten, das als Synagoge benutzt wurde.

 

Leider dauert dieser friedliche Zustand nicht lange. Mosche Lopez Pereira erfährt 1742, dass das Kaiserreich unter dem Einfluss der fanatischen Kirche die Juden deportieren will. Pereira berichtet die Lage über seine im Osmanischen Reich ansässigen Glaubensgenossen, speziell durch die Vermittlung des Obergeldwechslers Yuda Baruh, an den Sultan Mahmud I. und es gelingt ihm, die Unterstützung des Sultans zu bekommen. Die Königin Maria Theresia kann es sich nicht erlauben, das durch einen Sonderbotschafter übermittelte Memorandum des Sultans abzulehnen und zieht ihren Erlass zurück.

 

Um 1750 lebten mehrere sefardische Familien in Wien, die aus beruflichen Gründen aus der Türkei gekommen und sich hier niedergelassen hatten. Diese Juden, die ihre osmanische Zugehörigkeit immer beibehalten hatten und unter dem Schutz des Sultans standen, lebten mehrheitlich in Wien, zum Teil auch in Temesvar. Sie wurden türkische Juden genannt. Dieser Begriff wurde von österreichischen Ämtern angenommen, registriert und in offiziellen Dokumenten verwendet. Im Erlass vom 17. Juni 1778, der aus 14 Artikeln besteht und die Statuten der sefardischen Gemeinschaft bestimmt, ist von „türkisch-israelitischer Gemeinde“ die Rede.  Die Vorsitzenden waren in dieser Zeit Salamon Kapon und Israel B. Haim.

 

Bis 1840 errichteten die türkischen Juden ihre Gebetsräume in gemieteten Häusern. Nach dem unaufgeklärten Brand der Synagoge in der Oberen Donaustrasse 1824 wurde das Haus Nr. 321 in der Leopoldstrasse gemietet. Die Synagoge wurde 1848 erweitert und 1868 vollkommen neu erbaut und dennoch konnte sie den religiösen Bedürfnissen der immer größer werdenden osmanisch-jüdischen Bevölkerung der Stadt  nicht genügen. Nach der Wahl von Marcos Russo zum Vorsitzenden der türkisch-israelitischen Gemeinde 1881 und seiner Wiederwahl 1885 wurde der Abriss der alten Synagoge und der Neubau eines größeren Gebetshauses einstimmig angenommen.

 

Dies also ist die kurze Zusammenfassung der interessanten Geschichte der türkischen Juden in Wien und der Synagoge, deren Bau am 16. November 1885 mit der Grundsteinlegung begonnen wurde. Einige wenige religions-rituelle Objekte der 1887 eröffneten und 1938 vernichteten Synagoge sind heute im Jüdischen Museum in Wien zu sehen, der Parochet10 wird im jüdischen im Museum in Jerusalem ausgestellt. Nur wenige Juden, die während der Nazi-Herrschaft festgenommen und nach Dachau transportiert wurden, blieben am Leben. Die wertvollsten Überbleibsel aus der prunkvollen Ära der Wiener türkisch-jüdischen Sefardim sind die Grabsteine im sefardischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs. Die heute in Wien lebenden sefardischen Juden haben ihre Wurzeln in Taschkent und Buchara und stehen in keinem Zusammenhang mit den osmanisch-türkischen sefardischen Juden.

 

Der große Brand von Edirne vernichtete im August 1905 in einer Nacht 13 Synagogen11. Als Ersatz wurde mit Erlass vom 6. Jänner 1906 dem Bau der Grossen Synagoge im Gebiet der ehemaligen Mayor und Polya-Synagogen stattgegeben. Die Grosse Synagoge wurde vom französischen Architekten France Depre nach dem Vorbild der Wiener Synagoge erbaut und unter dem Namen Kal Kadosch Ha Gadol (Die heilige große Synagoge) im Jahre 1907 eröffnet. Leider leben in Edirne keine Juden mehr und die Synagoge, ihrem Schicksal überlassen,  verfällt von Tag zu Tag trotz aller 1979 begonnenen zeitweiligen Rettungsversuche des Kultusministeriums, der Abgeordneten der Provinz, der Universität von Trakya und des Oberrabbinats der Türkei.

 

Bibliographie

_________________________

1 Sefardische Juden: Juden, die gemäß dem Erlaß vom 31. März 1492 des spanischen Königs Ferdinand und der Königin Isabella Spanien verlassen mussten, um ihren Glauben und ihre Traditionen nicht aufzugeben und mehrheitlich im Osmanischen Reich Asylrecht bekamen.

2 Anoten: Gebet für das Wohlergehen und Verbleib des Staatsoberhauptes des Landes, in dem man lebt.

3 Aschkenasische Juden: Meist in Mittel- und Nordeuropa ansässige, polnisch- und deutschstämmige, nach Arthur Koestlers unbewiesener These zum Teil von kaspischen Türken abstammende Juden. Ab dem 12. Jh. flüchteten unzählige aschkenasische Juden immer wieder ins Osmanische Reich auf der Suche nach Schutz vor der Unterdrückung  Folter und Massenvernichtung in diversen christlich-europäischen Ländern. Heute leben etwa 1000 aschkenasisch-türkische Juden in der Türkei.

4 Kristallnacht: Die Nacht vom 9.auf den 10. November 1938, in der in Deutschland und Österreich hunderte von Synagogen zerstört und in Brand gesteckt wurden.

5 Maranos: Juden, die während der Inquisiton offiziell dem Christentum beigetreten waren, aber ihren jüdischen Glauben heimlich beibehielten.

6 Manfred Papo: 1919-1925 der stellvertretende Rabbiner der Wiener Synagoge, 1925-1928 Rabbiner der Salzburger Synagoge, nach 1928 in der Wiener Synagoge beschäftigt.

7 Schriftrollen aus Pergament, auf der die fünf Bücher Mose in hebräischen Buchstaben von Hand aufgeschrieben sind. In jeder Synagoge werden sie in einem speziellen Schrein, dem Aron Kodesh (Heilige Lade) an der Ostwand in Richtung Jerusalem aufbewahrt.

8 Das Fest des großen Fastens im Judentum.

9 Abraham Salomon Kamondo, der von Kaiser Franz-Josef zum Ritter geschlagen und zum Ehrenbürger von Wien ernannt wurde, bekam 1865 die italienische Staatsbürgerschaft, nachdem im österreichisch-italienischen Krieg Venedig an die Italiener abgetreten werden musste und am 17. März 1861 die italienische Einheit gegründet wurde. Victor Emmanuel II. verlieh ihm am 28. April 1867 den Titel eines Grafen, der an den ältesten Sohn der Familie vererbt werden durfte.

10 Parochet: der bestickte Vorhang des Thoraschrankes.

11 Die vernichteten Synagogen: Polya, Tolya, Italya, Sicilya, Katalonya, Büyük Portokal, Küçük Portokal, Aragon, Geruş, Budin, Istanbul, Mayor und Ataman.

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13 05 2010
By: Redaktion 0

Austellung: „Die Türken in Wien-Geschichte einer jüdischen Gemeinde“ im Judischen Museum

Eine Ausstellung zur Bedeutung der Sefarden in Zentraleuropa und in Wien Vorletzte Woche wurde im jüdischen Museum in Wien die neue Ausstellung. Türken in Wien- Geschichte einer jüdischen Gemeinde eröffnet. Unter Sponsoren und Unterstützer war der Türkische KULTURgemeinde in Österreich (TKG) mit Obmann Birol Kilic auch dabei. Ausstellung: 12. Mai bis 31. Oktober 2010.

 

Wien. Gestern  wurde im jüdischen Museum in Wien die neue Ausstellung „Türken in Wien- Geschichte einer jüdischen Gemeinde“ eröffnet. Zahlreiche Gäste erschienen zu der fröhlichen und historisch eindrucksvollen Veranstaltung, bei der auch eine Musikgruppe mit passender musikalischer Untermalung für gute Stimmung sorgte. Bereits vor 20 Jahren gab es im Rahmen der Museumseröffnung bereits eine vergleichbare Ausstellung zu diesem Thema, wenn auch zunächst nur provisorisch. Im Laufe der Zeit wuchs die antike Sammlung zu einer beachtlichen Größe mit Leihgaben aus der ganzen Welt.

Dank der neuen Ausstellung öffnen sich die Türen des Museums erneut um die Geschichte einer teils unbekannten Gemeinde in Wien, nämlich jene der sefardischen Türken, zu erzählen.“Die wichtigsten Zeugnisse der sefardischer Lebenswelten in Wien wurden durch das NS-Regime im Zuge der Ermordung und Vertreibung der Mitglieder der sefardischen Gemeinde Wiens vernichtet. In der Nacht des Novemberpogroms 1938 stand der große Türkische Tempel in Flammen und wurde samt dem Gemeindearchiv vollständig zerstört.

Damit ging ein wesentlicher Teil jüdischen Lebens in Wien mit einem Schlag zu Ende”, sagte Direktor Karl Albrecht-Weinberger in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung “Die Türken in Wien. Geschichte einer Jüdischen Gemeinde”, bei der zahlreiche Vertreter des diplomatischen Korps – allen voran der Botschafter des Staates Israel, Aviv Shir-On – anwesend waren. Er dankte auch der Vertreterin der Botschaft der Republik Türkei, Çinar Sözer, dem Obmann des St. Georgs-Absolventenvereins Wien.

 

 

Weiterer Dank ging an Birol Kilic, Obmann der Türkischen Kulturgemeindein Österreich für die Unterstützung des Ausstellungsprojekts.  Ein gr0ßer Dank ist an  auch an Herrn Ariel Muzicant der Ehrenpräsident der Israilitische Kultusgemeinde in Österreich gegangen. Herr  Muzicant hat aus der persönliche Sammlung sehr wertvolle und geschichtliche wichtige Stücke während der Ausstellung kostenlos zur Verfügung gestellt.

Weinberger verwies auf eine der ersten Ausstellungen des Museums, die sich kurz nach der Gründung des Museums ebenfalls mit dem Thema auseinandersetzte und erinnerte an den Aufbau des Museums in den letzten zwei Jahrzehnten. Die damalige Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek, heute Chefkuratorin des Museums und Leiterin des Arbeitsteams der Ausstellung, erläuterte die vielfältigen Zusammenhänge der sefardischen Diaspora in Europa und unterstrich die historische Bedeutung der Entwicklung der sefardischen Gemeinden im europäischen Gesamtzusammenhang.

Das Jahr 1492 war ein Schicksalsjahr in Spanien, als 800 Jahre arabisch-moslemischer Herrschaft durch die endgültige Reconquista beendet wurde, die Juden des Landes verwiesen wurden und Christoph Columbus sich auf eine Reise machte, die zur Entdeckung der neuen Welt führte. Die Ausstellung „Die Türken in Wien“ beschäftigt sich mit den Auswirkungen eines dieser drei wesentlichen historischen Ereignisse, die das Ende des europäischen Mittelalters markieren, nämlich mit der Vertreibung der Juden aus Spanien, die in Nordafrika, in einigen italienischen Städten, vor allem aber im Osmanischen Reich Asyl fanden. Zunächst nach Portugal Geflüchtete verließen die Iberische Halbinsel später in Richtung Holland und Norddeutschland. Mit den osmanischen Eroberungen konnten die Juden spanischer Deszendenz, die sogenannten Sefarden, kulturell und wirtschaftlich wichtige Gemeinden auf dem Balkan gründen.

Bereits zur Zeit des Ghettos im Unteren Werd gab es Beziehungen zwischen den wiener und den sefardischen, also den türkischen Juden. Doch erst mit den Friedensverträgen zwischen dem Habsburger und dem Osmanischen Reich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts genossen die türkischen Juden Freizügigkeit im Habsburger Reich. Nach der Gründung der türkisch-jüdischen Gemeinde in Wien wurde ihr per Patent die Freiheit gottesdienstlicher Religionsausübung zugesichert. Sie hatte ihr Bethaus von Anfang an im zweiten Wiener Gemeindebezirk.1887 wurde schließlich der eindrucksvolle sefardisch-türkische Tempel im maurischen Stil in der Zirkusgasse eingeweiht, in dessen Vorraum man mit den Porträts des Habsburger und des Osmanischen Regenten beiden Majestäten und Ländern die loyale Referenz erwies.

Im November 1938 wurde dieses Juwel Wiener Sakralarchitektur so wie fast alle anderen Synagogen und jüdischen Bethäuser der Stadt zerstört, die Träger dieser Gemeinde in der Folge zu einem großen Teil in den Tod deportiert.Der Grund, warum gerade jetzt wieder eine Ausstellung zu diesem Thema eröffnet erklärt die Chefkuratorin des jüdischen Museums sei der, dass Istanbul zu dieser Zeit mitunter zu einer der europäischen Kulturhauptstädte zählt. Dies ist ein großes Signal für Europa und die Türkei. Das Thema Migration ist keine Erfindung des 20. oder 21. Jahrhunderts, denn darüber gab es schon immer gesellschaftspolitische Überlegungen. Es gibt immer zwei Seiten von Menschen, die von Migration profitieren können. Zunächst profitieren jene, die in ein neues Land kommen, um sich dort ein Leben aufzubauen. In weiterer Folge profitieren jene davon, die bereits in diesem Land wohnhaft sind.

Sie erkennen den Mehrwert von Migration und genau dies sei auch der Hintergrund für die Themenwahl der Ausstellung. Zu sehen gibt es zum Beispiel Friedensverträge zwischen den Habsburgern und dem osmanischen Reich, zwei Giganten die voneinander profitierten. Es kam zu einem Handels- und kulturellem Austausch und somit zu einem wirtschaftlichen Aufschwung.Im 18. Jahrhundert lebten rund 20 sefardische Juden in Wien. Sie führten bereits Handelsbeziehung sowohl im Inland, als auch im Ausland in der Türkei. Gehandelt wurde mit Baumwolle, Schwarzwurzeln, Kupfer, Zucker, Kaffee, Zwiebeln und „türkischem Zeugs“, wie Tabak und Pfeifen.

Durch den großen Erfolg des Handels wurden aus den 20 Gemeindemitgliedern schnell über 200 sefardische Juden in Wien und die Gemeinde wuchs und wuchs. Sie kamen aus Konstantinopel, Mazedonien, Bukarest und zahlreichen weiteren Destinationen. Die sefardischen Juden Wiens waren in vielfacher Weise Vermittler zwischen Ost und West, zwischen Orient und Okzident, zwischen Asien und Europa. Diese Mittlerrolle spielten sie einerseits als Händler und Kaufleute, die Wolle und Baumwolle, Seide und Tabak, Zucker und Gewürze in den Westen importierten. Auch ihre Rolle als aktive Exponenten der österreichischen Post in Konstantinopel und der Levante, des österreichischen Lloyd und des Orient Express, wird in der Ausstellung „Die Türken in Wien“ beleuchtet. Diese Vermittlerrolle spielten die sefardischen Türken aber auch auf kulturellem Gebiet. Sie richteten in Konstantinopel die erste Druckerei überhaupt ein und in Wien eine sefardische Presse.

Wesentliche Impulse zur Weiterentwicklung der rabbinischen Tradition gingen von sefardischen Juden aus. Die reiche, mittelalterliche spanisch-jüdische Poesie wurde weiter tradiert und übersetzt und es waren die Sefarden, die die Entwicklung der jüdischen Mystik vorantrieben. Sie waren es vor allem, die die arabische Philosophie und Medizin für die westliche Welt erfahrbar machte. Die Ausstellung „Türken in Wien“ zeigt die aufblühende Entwicklung der sefardischen Gemeinde und präsentiert interessante Fotodokumentationen. Aufgrund dieser historischen Fotos konnten zahlreiche Dinge aus dem türkischen Tempel in der Zirkusgasse identifiziert werden. Zahlreiche Mäntel, wo die gegenseitige Beeinflussung der Kulturen deutlich zu sehen ist und andere Textilien, wie Teppiche und Wandbehänge können in der Ausstellung bewundert werden.Die Geschichte der türkisch. sefardischen Gemeinde.

Die Gründung der türkisch-sefardischen Gemeinde im Jahr 1735 soll auf den sagenumwobenen Diego de Aguilar zurückgehen. Er wurde von Karl VI. nach Wien berufen, um das österreichische Tabakgefälle zu reorganisieren. Die schriftlichen Niederschläge, die sein Aufenthalt in bürokratischen Kommentaren fanden, weisen deutlich auf die ambivalente Haltung der habsburgischen Administration Juden gegenüber hin: im Allgemeinen war man ablehnend, wenn man wirtschaftlichen Nutzen erwarten konnte jedoch im Einzelnen tolerant. 1778 trat eine verbindliche Regulation für die türkisch-israelitische Gemeinde in Kraft. Im Vordergrund des behördlichen Interesses standen auch hier Finanzgebarung und Finanzkraft der Gemeinde.

Die Türken in Wien. Geschichte einer jüdischen Gemeinde” ist von 12. Mai bis 31. Oktober 2010 im Jüdischen Museum Wien (1., Dorotheergasse 11) zu sehen. Das zu den Kulturbetrieben der Wien Holding zählende Jüdische Museum ist von Sonntag bis Freitag von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6,50 / 4,- Euro ermäßigt. Schulklassen haben freien Eintritt, Führungen und pädagogische Programme: Telefon: 01 535 04 31-130, 131 bzw. kids.school@jmw.at. Weitere Informationen unter www.jmw.at

Zahlreiche Gäste erschienen zu der fröhlichen und historisch eindrucksvollen Veranstaltung, bei der auch eine Musikgruppe mit passender musikalischer Untermalung für gute Stimmung sorgte. Geschichte einer jüdischen Gemeinde ist von 12. Mai bis 31. Oktober 2010 im Jüdischen Museum Wien (1., Dorotheergasse 11) war zu sehen. Unter Sponsoren und Unterstützer war der Türkische KULTURgemeinde in Österreich (TKG) auch dabei.

Bereits vor 20 Jahren gab es im Rahmen der Museumseröffnung bereits eine vergleichbare Ausstellung zu diesem Thema, wenn auch zunächst nur provisorisch. Im Laufe der Zeit wuchs die antike Sammlung zu einer beachtlichen Größe mit Leihgaben aus der ganzen Welt. Dank der neuen Ausstellung öffnen sich die Türen des Museums erneut um die Geschichte einer teils unbekannten Gemeinde in Wien, nämlich jene der sefardischen Türken, zu erzählen.

Die wichtigsten Zeugnisse der sefardischer Lebenswelten in Wien wurden durch das NS-Regime im Zuge der Ermordung und Vertreibung der Mitglieder der sefardischen Gemeinde Wiens vernichtet. In der Nacht des Novemberpogroms 1938 stand der große Türkische Tempel in Flammen und wurde samt dem Gemeindearchiv vollständig zerstört.

Damit ging ein wesentlicher Teil jüdischen Lebens in Wien mit einem Schlag zu Ende?, sagte Direktor Karl Albrecht-Weinberger in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung „Die Türken in Wien“. Geschichte einer Jüdischen Gemeinde?, bei der zahlreiche Vertreter des diplomatischen Korps – allen voran der Botschafter des Staates Israel, Aviv Shir-On – anwesend waren. Er dankte auch der Vertreterin der Botschaft der Republik Türkei, an Birol Kilic, Obmann der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich und Çinar Sözer, dem Obmann des St. Georgs-Absolventenvereins Wien für die Unterstützung des Ausstellungsprojekts.

Weinberger verwies auf eine der ersten Ausstellungen des Museums, die sich kurz nach der Gründung des Museums ebenfalls mit dem Thema auseinandersetzte und erinnerte an den Aufbau des Museums in den letzten zwei Jahrzehnten. Die damalige Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek, heute Chefkuratorin des Museums und Leiterin des Arbeitsteams der Ausstellung, erläuterte die vielfältigen Zusammenhänge der sefardischen Diaspora in Europa und unterstrich die historische Bedeutung der Entwicklung der sefardischen Gemeinden im europäischen Gesamtzusammenhang.

Das Jahr 1492 war ein Schicksalsjahr in Spanien, als 800 Jahre arabisch-moslemischer Herrschaft durch die endgültige Reconquista beendet wurde, die Juden des Landes verwiesen wurden und Christoph Columbus sich auf eine Reise machte, die zur Entdeckung der neuen Welt führte. Die Ausstellung ?Die Türken in Wien? beschäftigt sich mit den Auswirkungen eines dieser drei wesentlichen historischen Ereignisse, die das Ende des europäischen Mittelalters markieren, nämlich mit der Vertreibung der Juden aus Spanien, die in Nordafrika, in einigen italienischen Städten, vor allem aber im Osmanischen Reich Asyl fanden. Zunächst nach Portugal Geflüchtete verließen die Iberische Halbinsel später in Richtung Holland und Norddeutschland. Mit den osmanischen Eroberungen konnten die Juden spanischer Deszendenz, die sogenannten Sefarden, kulturell und wirtschaftlich wichtige Gemeinden auf dem Balkan gründen. Bereits zur Zeit des Ghettos im Unteren Werd gab es Beziehungen zwischen den wiener und den sefardischen, also den türkischen Juden. Doch erst mit den Friedensverträgen zwischen dem Habsburger und dem Osmanischen Reich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts genossen die türkischen Juden Freizügigkeit im Habsburger Reich. Nach der Gründung der türkisch-jüdischen Gemeinde in Wien wurde ihr per Patent die Freiheit gottesdienstlicher Religionsausübung zugesichert. Sie hatte ihr Bethaus von Anfang an im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

1887 wurde schließlich der eindrucksvolle sefardisch-türkische Tempel im maurischen Stil in der Zirkusgasse eingeweiht, in dessen Vorraum man mit den Porträts des Habsburger und des Osmanischen Regenten beiden Majestäten und Ländern die loyale Referenz erwies. Im November 1938 wurde dieses Juwel Wiener Sakralarchitektur so wie fast alle anderen Synagogen und jüdischen Bethäuser der Stadt zerstört, die Träger dieser Gemeinde in der Folge zu einem großen Teil in den Tod deportiert.

Der Grund, warum gerade jetzt wieder eine Ausstellung zu diesem Thema eröffnet erklärt die Chefkuratorin des jüdischen Museums sei der, dass Istanbul zu dieser Zeit mitunter zu einer der europäischen Kulturhauptstädte zählt. Dies ist ein großes Signal für Europa und die Türkei. Das Thema Migration ist keine Erfindung des 20. oder 21. Jahrhunderts, denn darüber gab es schon immer gesellschaftspolitische Überlegungen. Es gibt immer zwei Seiten von Menschen, die von Migration profitieren können. Zunächst profitieren jene, die in ein neues Land kommen, um sich dort ein Leben aufzubauen. In weiterer Folge profitieren jene davon, die bereits in diesem Land wohnhaft sind. Sie erkennen den Mehrwert von Migration und genau dies sei auch der Hintergrund für die Themenwahl der Ausstellung. Zu sehen gibt es zum Beispiel Friedensverträge zwischen den Habsburgern und dem osmanischen Reich, zwei Giganten die voneinander profitierten. Es kam zu einem Handels- und kulturellem Austausch und somit zu einem wirtschaftlichen Aufschwung.

Im 18. Jahrhundert lebten rund 20 sefardische Juden in Wien. Sie führten bereits Handelsbeziehung sowohl im Inland, als auch im Ausland in der Türkei. Gehandelt wurde mit Baumwolle, Schwarzwurzeln, Kupfer, Zucker, Kaffee, Zwiebeln und ?türkischem Zeugs?, wie Tabak und Pfeifen.

Durch den großen Erfolg des Handels wurden aus den 20 Gemeindemitgliedern schnell über 200 sefardische Juden in Wien und die Gemeinde wuchs und wuchs. Sie kamen aus Konstantinopel, Mazedonien, Bukarest und zahlreichen weiteren Destinationen.

Die sefardischen Juden Wiens waren in vielfacher Weise Vermittler zwischen Ost und West, zwischen Orient und Okzident, zwischen Asien und Europa. Diese Mittlerrolle spielten sie einerseits als Händler und Kaufleute, die Wolle und Baumwolle, Seide und Tabak, Zucker und Gewürze in den Westen importierten. Auch ihre Rolle als aktive Exponenten der österreichischen Post in Konstantinopel und der Levante, des österreichischen Lloyd und des Orient Express, wird in der Ausstellung ?Die Türken in Wien? beleuchtet. Diese Vermittlerrolle spielten die sefardischen Türken aber auch auf kulturellem Gebiet. Sie richteten in Konstantinopel die erste Druckerei überhaupt ein und in Wien eine sefardische Presse. Wesentliche Impulse zur Weiterentwicklung der rabbinischen Tradition gingen von sefardischen Juden aus. Die reiche, mittelalterliche spanisch-jüdische Poesie wurde weiter tradiert und übersetzt und es waren die Sefarden, die die Entwicklung der jüdischen Mystik vorantrieben. Sie waren es vor allem, die die arabische Philosophie und Medizin für die westliche Welt erfahrbar machte.

Die Ausstellung ?Türken in Wien? zeigt die aufblühende Entwicklung der sefardischen Gemeinde und präsentiert interessante Fotodokumentationen. Aufgrund dieser historischen Fotos konnten zahlreiche Dinge aus dem türkischen Tempel in der Zirkusgasse identifiziert werden. Zahlreiche Mäntel, wo die gegenseitige Beeinflussung der Kulturen deutlich zu sehen ist und andere Textilien, wie Teppiche und Wandbehänge können in der Ausstellung bewundert werden.

Die Geschichte der türkisch.
sefardischen Gemeinde.

Die Gründung der türkisch-sefardischen Gemeinde im Jahr 1735 soll auf den sagenumwobenen Diego de Aguilar zurückgehen. Er wurde von Karl VI. nach Wien berufen, um das österreichische Tabakgefälle zu reorganisieren. Die schriftlichen Niederschläge, die sein Aufenthalt in bürokratischen Kommentaren fanden, weisen deutlich auf die ambivalente Haltung der habsburgischen Administration Juden gegenüber hin: im Allgemeinen war man ablehnend, wenn man wirtschaftlichen Nutzen erwarten konnte jedoch im Einzelnen tolerant. 1778 trat eine verbindliche Regulation für die türkisch-israelitische Gemeinde in Kraft. Im Vordergrund des behördlichen Interesses standen auch hier Finanzgebarung und Finanzkraft der Gemeinde. Die Türken in Wien. Geschichte einer jüdischen Gemeinde ist von 12. Mai bis 31. Oktober 2010 im Jüdischen Museum Wien (1., Dorotheergasse 11) zu sehen. Das zu den Kulturbetrieben der Wien Holding zählende Jüdische Museum ist von Sonntag bis Freitag von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6,50 / 4,- Euro ermäßigt. Schulklassen haben freien Eintritt, Führungen und pädagogische Programme:

Telefon: 01 535 04 31-130, 131 bzw. kids.school@jmw.at.

http://wiev1.orf.at/stories/442221

Die Geschichte der türkischen Juden

https://www.wien.gv.at/rk/msg/2010/05/26017.html

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05 05 2010
By: Redaktion 2 0

Dokumentarfilm: „Hoffnungslose Stunden“

Die wenig bekannte Geschichte der Türkei und des Holocaust

 

Desperate Hours ist ein 60-minütiger Dokumentarfilm, der von MainStreet Media in Zusammenarbeit mit The Berenbaum Group und Shenandoah Films realisiert wurde. Der Film erzählt die Geschichte von zwei alten Völkern – den Türken und den Juden Â- deren Wege sich seit Hunderten von Jahren miteinander kreuzen. Der Fokus des Films liegt in der wenig bekannten Geschichte der Türkei und des Holocaust, welche durch Gespräche mit den Überlebenden, ehemaligen Diplomaten, und den Geistlichen in Israel, Italien, der Türkei und den Vereinigten Staaten von Amerika erzählt wird. Durch den Film wird den Zuschauern nahe gebracht, welce Rolle die Türkei, welche ein neutrales Land war, bei der Rettung der Juden während des Holocaust spielte.

 

Regisseur und Produzent: Victoria Barrett

Produktionsleiter, Historiker und Drehbuchautor: Michael Berenbaum

Vorgestellt von MainStreet Media in Zusammenarbeit mit

The Berenbaum Group und Shenandoah Films

 

 

Ein Lehrerführer für Oberschulen

The Rodgers Center für die Holocaustlehre

und

Schulische Bildung

Chapman University

Orange, California

Vorbereitet von

Elyse Froehlich, Lehrer, Oakridge Schule

und

Jan Osborn, School of Education, Chapman University

In „Hoffnungslose Stunden” werden manche einen sicheren Himmel finden.

 

Der Film vermittelt, welche Bemühungen viele unbekannte Helden, die das Leben von tausenden Juden gerettet haben, unternommen haben. Die Dokumentation erzählt einerseits die Geschichte derer, die durch die Rettung der Juden als großes Beispiel vorangegangen sind. Andererseits wird aber auch die traurige Geschichte von hunderten unschuldigen Menschen erzählt, die sich auf dem Frachter „Struma“ befanden, als dieser von den Torpedos der russischen Marine vor den Toren Istanbuls am Schwarzen Meer versenkt wurde.

 

Der Film wurde in vier Hauptteile geteilt:

  • Die Anstellung der Juden von der türkischen Regierung – und diejenigen mit jüdischer Abstammung sowie politische Dissidenten, die der Unterdrückung des Nazi-Deutschland entflohen waren.
  • Die Bemühungen der türkischen Diplomaten, die in Frankreich und Rhodos versuchten, das Leben der Juden zu retten.
  • Die Versenkung des Flüchtlingsfrachters „Struma”
  • Die Aktion der römisch-katholischen Kirche durch Erzbischof Roncalli (späterer Papst Johannes XXIII.) – und die Veränderungen in der Politik der katholischen Erziehung gegenüber den Juden.

 

 

Hoffnungslose Stunden

 

I. Die Anstellung der Juden von der türkischen Regierung, die von der Unterdrückung des Nazi-Deutschland geflüchtet sind.

 

A. Ein historischer Überblick: Flüchtlinge helfen eine Nation zu gründen.

 

Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der modernen türkischen Republik, leitete sein Land durch Gewährung des Asyl Status zu dem aus dem Nazi Deutschland fliehenden Akademiker. Motiviert durch das Verlangen der Modernisierung ihrer Gesellschaft, begrüßten türkische Führer jüdischer Professoren und Wissenschaftler, einschließlich jener, die jüdischer Herkunft mit christlichem Glauben waren. Ungefähr 200 Menschen wurden in das türkische Bildungssystem integriert. Darüber hinaus genossen die türkischen Juden Gleichstellung vor dem Gesetz, weil das türkische Grundgesetz die Diskriminierung der Bürger wegen des Glaubens verbietet. Die Ironie in dieser Sache war, dass Atatürk die jüdischen Professoren und diejenigen mit jüdischer Abstammung deshalb herzlich begrüßte, weil er sie als die Agenten der Modernisierung und Westernisierung, als Agenten der Veränderung betrachtet hatte. Aber genau aus diesem Grund wurden sie von den Nazis in Deutschland verfolgt.

Während Mustafa Kemal Atatürk die irischen Gelehrten und Professoren in seinem Land herzlich begrüßt hatte, haben andere Länder, einschließlich der Vereinigten Staaten von Amerika, wenig getan, um den von den Nazis verfolgten jüdischen Opfern Asyl zu gewähren.

Die Beziehungen zwischen den Flüchtlingen und den Asyl-Gewährenden waren von Anfang an sehr herzlich. Die Flüchtlinge tauchten unverzüglich in eine neue moderne Kultur, die der eigenen europäischen Art des Lebens glich.

Die jüdischen Flüchtlinge haben eine Gesellschaft gefunden, die seit Jahrhunderten die Juden als einen integrierten Teil ihrer Gesellschaft akzeptiert. Im Jahr 1492 lud der osmanisch-türkische Sultan Bayezit II. alle Juden zu sich ein, die von der Verurteilung der spanischen Unterdrückung mit dem Namen ”reconquista” der Isabella von Kastilien und Fernando von Aragon geflohen waren. Aus diesem Grunde fanden diese Flüchtlinge ein gesundes jüdisches Gemeindeleben in der Türkei.

 

 

II. Türkische Diplomaten in Frankreich und Rhodos arbeiten, um das Leben der türkischen Juden zu retten.

 

A. Historischer Überblick: Die Taten des Gewissens

 

Wenn man mit ethischen Situationen konfrontiert wird, welche die Taten von großem Ausmaß benötigen, ist die allgemeine Reaktion dazu, dass es sehr wenige Möglichkeiten gibt, die eine einzige Person unternehmen kann, dass die Unternehmungen einer einzigen Person zu bedeutungslos wären um eine Wirkung zu zeigen. Trotzdem zeigten türkische Diplomaten während des Zweiten Weltkriegs, dass die einzelnen Personen auch große Wirkung zeigen können. Die türkischen Diplomaten, die mit oder ohne Zustimmung der Regierung der Türkei handelten, retteten das Leben vieler ihrer Landsleute, die in Frankreich in Griechenland und in anderen Teilen Europas lebten.

In den von den Deutschen besetzten Teilen Frankreichs und in Vichy Frankreich, welches nicht von Deutschen besetzt war, jedoch von einer Deutschen untergeordneten Regierung geführt war, verlangten die türkischen Diplomaten in ihrer Politik die volle Anerkennung der Staatsangehörigkeit der türkischen Juden außerhalb der Türkei sowie in der Türkei ohne einen Unterschied zu machen ob sie Juden, Muslime oder Christen sind. Für die türkischen Juden, die in den von den deutschen besetzen Ländern lebten, erwies die türkische Staatsangehörigkeit die Rettung der Leben vieler türkischen Juden in den Kriegsjahren. 1943 verlangten die Nazi-Behörden, dass die neutralen Länder inländische Landsleute aus den besetzten Gebieten evakuieren sollten, sonst würden sie in Konzentrationslager deportiert werden. In dieser hoffnungslosen Situation handelten viele türkische Diplomaten mit Standfestigkeit und Mut bei der Rettung der ca. 2000 türkischen Juden. Ein exemplarischer Akt des Intervenierens war die Fahrt eines türkischen Diplomaten mit einem Zug, der auf dem Weg zu einem Konzentrationslager war. Er weigerte sich, ohne die Juden mit türkischer Staatsangehörigkeit aus diesem Zug auszusteigen.

Die türkischen Diplomaten waren bereit, ihre Positionen auszunutzen um humanitäre Hilfe zu leisten. Deren Tapferkeit konnte die Exterminierung der Juden nicht aufhalten, retteten jedoch Tausende, die vor einem sicheren Tod gestanden haben. Weil sie von ihrer Regierung so beauftragt wurden, beharrten sie auf ihrem Auftrag ihre Landsleute ohne Diskriminierung zu schützen, ohne ihren Vorgesetzten in der Regierung in Ankara zu konsultieren.

In dem wir tun, was wir können, auch wenn unsere Taten nicht signifikant sein mögen, können wir dennoch einen Einfluss auf die Gesellschaft haben. By doing what we can, even when our actions may seem insignificant, we too can have an impact on society. Wenn wir uns mit anderen zusammenschließen, um positive/ gute Taten zu vollbringen, wird unser Einfluss steigen und entscheidende Veränderungen im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft können ermöglicht werden.

 

 

III. Das Versinken des Flüchtlingsschiffes „Struma“ (The sinking of the Struma refugee ship)

 

Die Staatsgesetze und Bürgerrechte können Menschen helfen, sogar soweit, dass sie Leben retten können. Das Konzept eines ethisch-humanitären Verhaltens kann sowohl die Handlungen des Einzelnen als auch die der Institutionen formen. Das Versinken der SS Struma lässt ernsthafte Fragen über Ethik, Bürgerrechte, Staatsgesetze und (äußerstes) Verantwortungsbewusstsein entstehen.

In den 30er Jahren wurde die Situation der Juden in vielen Teilen Europas immer aussichtsloser. Viele versuchten, aus ihrer Heimat in judenfreundlichere Nationen zu fliehen. Palästina stellte hierbei eine offensichtliche Möglichkeit dar, da man hoffte aufgrund der Vielzahl an jüdischen Einwanderern hier einen jüdischen Staat gründen zu können. Zu diesem Zeitpunkt war Palästina unter der Herrschaft von Großbritannien. Beunruhigt durch eine mögliche Antipathie der Araber, formulierten 1939 britische Beamte ein Weißes Papier, das die Zahl an jüdischen Einwanderern auf 10.000 pro Jahr beschränkte. Aufgrund dieser Beschränkung war es kaum möglich, dem Bedarf der Millionen von in Europa unter Risiko lebenden Juden gerecht zu werden. Nichts desto trotz stellte Palästina einen der besten und gleichzeitig einen der wenigen Möglichkeiten als jüdischen Zufluchtsort dar.

Die SS Struma war ein Flüchtlingsschiff mit annähernd 800 Juden, das im Februar 1942 aus Rumänien nach Palästina aufbrach. Als dann plötzlich die Maschine versagte wurde das Schiff in den Hafen von Istanbul geschleppt. Den hungernden Passagieren war es für 71 Tage nicht erlaubt das Schiff zu verlassen, während dessen um ihr Schicksal verhandelt wurde. Großbritannien verweigerte den jüdischen Passagieren den Eintritt nach Palästina und auch keine andere Nation – auch nicht die Türkei, welcher durch Russland angedroht wurde, im Falle einer Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge „Neutralität “ zu verlieren und somit in den Krieg beizutreten- konnte den Flüchtlingen Eintritt gewähren. Als schließlich die Maschine nicht repariert werden konnte wurde das Schiff in neutrales Gewässer gebracht. Dort aber wurde es durch ein russisches U-Boot versenkt. Hierbei starben alle bis auf einen Passagier.

 

 

IV. Die römisch- katholische Bewegung unter Erzbischof Roncalli und die Veränderung der katholischen Lehre bezüglich des Judentums (The Roman Catholic action—through Archbishop Roncalli—and the change in Catholic teaching toward Jews)

 

Während der Papst und der Vatikan für ihr tatenloses Zusehen bei der Ausrottung der Millionen europäischen Juden heftigst kritisiert worden sind, sind die eifrigen humanitären Taten des Erzbischofs Angelo Roncalli, jüdische Leben zu retten, ein Testament des Mutes und der Gewissenhaftigkeit.

Roncalli, der später Papst Johannes der XXIII wurde, war zunächst ein apostolischer Abgeordneter, quasi ein Botschafter des Vatikans in der Türkei, da die laizistische/ säkularisierte keine regulären Botschafter mit dem Vatikan austauschte. Als apostolischer Gesandter – nur die regulären/formalen Botschafter werden als Papal Nunico bezeichnet – in Istanbul zwischen 1935 und 1945, verhandelte er im Interesse der jüdischen Flüchtlinge, die in die Türkei geflüchtet waren, mit der türkischen Regierung.

Er versuchte auch Regierungsbeamte in Bulgarien, der Slowakei und Ungarn zu überzeugen, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen und zu schützen, genauso wie er den Vatikan anhielt, sich aktiv am Retten jüdischer Leben zu betätigen.

Er traf sich mit Repräsentativen der Jüdischen Gemeinde in Istanbul um seine Hilfe bezüglich der Befreiungsbemühungen/ Flüchtlinge anzubieten, vornehmlich indem sog. „Immigrationszertifikate“ durch den vatikanischen diplomatischen Dienst an Palästina ausgestellt werden sollten. Er stellte ein offizielles Dokument aus, welches angab, dass der „Träger dieses Dokuments ein Glaubens- und Landesgenosse Jesu Christi sei“. Er wollte keine falschen Taufdokumente ausstellen, da ihn dies zum Lügen gezwungen hätte.

Roncallis Erfahrungen in der Türkei während des Holocaust prägten sein Denken und Handeln als späterer Papst, besonders als er entscheidende Annäherungen zwischen Katholischer Kirche und dem Judentum einleitete.

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09 04 2010
By: Redaktion 2 0

Istanbul Biennale: „Die türkische Kulturszene nicht isolieren“

Die Presse schreibt: „Mitte September startet die angesichts des politischen Klimas in der Türkei bisher brisanteste Ausgabe des traditionsreichen Kunst-Festivals. Das Kuratoren-Duo Elmgreen & Dragset will dadurch Kunst und Szene stärken.“

 

„In Istanbul wird gehämmert und gebohrt für die Biennale: Viele Künstler aus aller Welt sind schon eingetroffen und damit beschäftigt, ihre Kunstwerke zu installieren. Unter schwierigen Vorzeichen startet im September die 15. Istanbul-Biennale. „Ein guter Nachbar“ lautet das Motto, das sich die in Berlin lebenden skandinavischen Künstler-Kuratoren Elmgreen & Dragset ausgedacht haben. 55 Künstler aus 32 Ländern sollen das Thema in Kunst umsetzen und dabei von der abstrakten Ebene der Politik auf ihre persönlichen Erfahrungen holen, so das Konzept. Überschattet wird das Kulturereignis im Vorfeld von der Frage, ob es angesichts der aktuellen Repressionen in der Türkei überhaupt richtig ist, dort eine Biennale zu veranstalten. Schließlich wird die Meinungsfreiheit in der Türkei immer weiter eingeschränkt: Mehr als 150 Journalisten sitzen im Gefängnis, die Justiz hat fast 4000 Strafverfahren wegen des Vorwurfs der Beleidigung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan eingeleitet.“

 

Weiterlesen:

http://diepresse.com/home/kultur/kunst/5273570/Istanbul-Biennale_Die-tuerkische-Kulturszene-nicht-isolieren

http://www.tagesspiegel.de/kultur/elmgreen-und-dragset-im-gespraech-wir-machen-keine-zeitgeist-biennale/19604068.html

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08 04 2010
By: Redaktion 2 0

Frauen in der Türkei, Frauen im Islam

Von Prof. Dr. Beyza Bilgin

 

Einführung

Untersuchungen über Frauen und besonders über den Platz und die Rolle der Frau im Islam haben inzwischen ein weltweites Interesse erfahren. In der Türkei wurden unter dem Namen „Frauenstudien“ Lehrstühle eingerichtet und Institute gegründet, ebenso werden Konferenzen zum Thema „Die Rolle der Frau in der Religion“ abgehalten. In den theologischen Fakultäten werden sehr oft Thesenpapiere und Dissertationen angefertigt, die ausgehend von allen Gesichtspunkten der Theologie den Platz und die Rolle der Frau in vielfältiger Weise untersuchen und zur Diskussion stellen. Die weltweite Anknüpfung eines Dialoges mit ähnlichen Instituten hat zu einer Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Frauenstudien geführt.

 

Seit Beginn der schriftlichen Niederlegung der Geschichte bis heute waren es in den meisten Fällen die Männer, die eine Entscheidung zu treffen hatten, und alle auch schriftlich niedergelegten Äußerungen wurden bis dahin unter männlichen Gesichtspunkten formuliert; eine solche Aussage trifft sehr wahrscheinlich den Kern der Wahrheit. Mit Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fing man an, Geschichte auch unter weiblichen Gesichtspunkten darzulegen und zu formulieren (was zu dem parallel laufenden Begriff Herstory zu History führ-te). Es wird trotzdem weiter behauptet, dass in der Fortführung der männlichen Bestimmung über das Leben die monotheistischen Religionen der Zivilisationsgeschichte den prägendsten Stempel aufgedrückt hätten; der Islam, dessen gesellschaftliche Lebensformen auf der Trennung von Mann und Frau aufbauen, steht dabei an vorderster Stelle.

 

Es wird dabei betont, dass im Islam die Frau niemals im Besitz der gleichen Rechte wie der Mann sei, sondern im Gegenteil eine religiöse Spaltung, die das wichtigste Element der Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung und des gesellschaftlichen Friedens darstellt, stets von den Frauen ausgeht. Religiöse Spaltung (fitne) ist ein arabischer Terminus, der die Bedeutung Verführung, Schlechtigkeit oder Aufstand trägt. Die scharfe Kontrolle des Geschlechtslebens der Frau und ihres Verhaltens in der Geschichte des Islam hat ihren Grund in dieser den Frauen zugeschriebenen religiösen Spaltung. Die Trennung der Geschlechter ist in allen Lebensbereichen sehr deutlich, wobei der öffentliche Bereich außerhalb des Hauses dem Manne untersteht und der private Bereich innerhalb des Hauses der Frau. Durch die Akzeptanz der Aussage, Männer stünden über den Frauen und seien als etwas Höheres geschaffen, wird gefolgert, dass in dem Fall, in dem die Männer den Worten der Frauen Beachtung schenkten und auf ihre kapriziösen Verhaltensweisen eingingen, sie sich dem Willen Gottes widersetzen würden.

 

Quelle:

Islam, Staat und moderne Gesellschaft in der Türkei und in Europa
Die Referate zweier Konferenzen der KAS im Oktober 2003 und November 2004, sind in dieser Publikation zusammengefasst. Die Publikatoiin kann bei der Stiftung bestellt werden. (Deutsch/Türkisch)
Hrsg. Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

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20 03 2010
By: Redaktion 2 0

TKG: „Chor der Zivilisationen aus Antakya in Wien“

„Ich weiß, Ihnen ist es kalt, aber das wird sich sicher gleich ändern!“, mit diesen freundlichen Worten begrüßte der Leiter des „Chors der Zivilisation“ aus der türkischen Stadt Antakya, Yilmaz Özfirat, die zahlreichen Besucher der türkischen Kulturgemeinde Österreichs (TKG) in der Votivkirche. Damit sich die Gäste auch bei diesen eisigen Temperaturen wohlfühlen konnten, wurden von der türkischen Kulturgemeinde mehr als tausend Decken an die Gäste verteilt.

 

 

Wien. Auftakt des Konzerts war eine mitreißende türkische Version der Europahymne. Der >>Antakya Medeniyelter Korosu<<, zu Deutsch >>Chor der Zivilisationen<<, ist aus mehreren Gründen einzigartig. Einer der Gründe ist, dass er aus christlichen, muslimischen und jüdischen Chorsängern besteht, eine weitere Besonderheit besteht jedoch darin, dass sowohl hebräische, arabische, als auch türkische, armenische und lateinische  Volkslieder gesungen werden. Zentrales Leitmotiv des Chors wie Toleranz und ein friedliches Miteinander standen auch am 13. März in der Votivkirche im Mittelpunkt. Gastgeber und Vorsitzender des Vereins der türkischen Kulturgemeinde in Österreich, Verleger Birol Kilic, wollte mit diesem Standort zum Ausdruck bringen, dass die in Österreich lebenden Türken auch in Kirchen herzlich willkommen sind. >>Die Botschaft des Chors aus Antakya und die unseres Vereins ist genau die gleiche. Zwar sprechen wir verschiedene Sprachen und glauben an unterschiedliche Religionen, jedoch sind wir alle Menschen und  Kinder Gottes<<, so Birol Kilic.

 

 

Der Einladung in die Votivkirche waren mehr als  1200 Besucher aus insgesamt 70 verschiedenen Nationen gefolgt. Auch wichtige Persönlichkeiten der Stadt Wien, wie zum Beispiel der Referatsleiter der Interkulturellen und Internatinalen Aktivitäten der Stadt Wien, Haydar Sari, der Bezirksvorsteher Ottakrings, Franz Prokop, wie auch Bundesrat Efgani Dönmez, Miss Germany Asli Bayram und viele prominente Persönlichkeiten befanden sich unter den Gästen. Ebenfalls anwesend waren der Honorarkonsul aus Antakya Mehmet Kiliclar, die türkische Vize- Botschafterin in Wien, Istem Circioglu, Bischöfe und Päpste aus jüdischer Glaubensgemeinschaft, und orthodoxen und katholischen Kirchen Wiens, sowie zahlreiche Botschafter anderer Länder und Vereinsrepräsentanten.

 

 

Efgani Dönmez zeigte sich sichtlich begeistert und sagte: >>Der Chor der Zivilisation hat am Samstagabend die heiligen Hallen der Votivkirche mit Leben gefüllt. Menschen unterschiedlichster Nationen, Religionen und gesellschaftlicher Stellung waren vereint und lauschten einer einzigen Sprache, die jeder versteht, der Musik.<<

Der Referatsleiter für interkulturelle und internationale Aktivitäten Dr. Haydar Sari sagte am gleichen Abend: >>Wien ist Vielfalt! Wien bedeutet Respekt gegenüber anderen Kulturen. Wir sind glücklich, dieses Projekt in Wien unterstützen zu dürfen.<<

 

Der >> Chor der Zivilisation<< versucht der ganzen Welt, die sich leider immer wieder aufgrund unterschiedlicher Religionen, Nationen und Konfessionen im Kampf der Kulturen befindet, zu zeigen, dass das Zusammensein der unterschiedlichen Kulturen in Wahrheit einen großen Reichtum ausmacht, dessen wir uns alle bewusst werden sollten. Der Chor wurde 2007 aufgrund einer Tourismuswoche gegründet, die in Antakya, einer Stadt in der südöstlichen Provinz Hatay, stattfand.

 

 

In dieser Stadt kam das Wort Christentum zum ersten Mal zum Ausdruck und die erste Kirche der Welt wurde da gegründet; und zwar die St. Petrus- Grotte (eine Höhlenkirche die vom heiligen Lukas gegründet worden ist und jedoch nach Petrus genannt wurde. Nach der Überlieferung versammelte sich hier die erste christliche Gemeinde um Paulus, Barnabas, Petrus).

Bereits ein Jahr nach der Gründung des Chors folgte die Umwandlung in einen Verein. Mittlerweile umfasst dieser friedliche Chor 120 Mitglieder und kann Auftritte vor dem UN- Sicherheitsrat in New York, sowie vor dem EU- Parlament in Brüssel, zu seinen Referenzen zählen. Die ambitionierten Musiker des Chors streben jedoch nach mehr. Ihr großes Ziel ist es, eines Tages im Gazastreifen unter Anwesenheit der politischen Führungspersonen Israels und Palästinas aufzutreten und somit einen Beitrag zum nachhaltigen Frieden zu leisten. Die Sänger selbst könnten unterschiedlicher nicht sein. Von jung bis alt, von Studenten über Lehrer, Beamte, Priester und Zöllner sind alle Berufs- und Altersgruppen vertreten.


Einladung_mit_Info_Antakya_Chor_der_Zivilisationen

Plakate

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20100305_OTS0081/einladung-chor-der-zivilisationen-aus-antakya-in-votivkirche

Von den in der Votivkirche anwesenden 50 Künstlern waren 35 für den Gesang verantwortlich, die Hälfte davon waren Frauen. Die Musiker nutzten zur Unterstützung des Chors  sowohl Violinen und Gitarren, aber auch klassisch türkische Instrumente, wie zum Beispiel den Saz, das Ud oder das Kanun. Zum Abschluss spielte der Chor ?Memleketim?, auf Deutsch ?meine Heimat?, bei dem die Gäste eingeladen wurden, auf die Bühne zu kommen um das Lied gemeinsam zu interpretieren. Diesem freudigen Spektakel folgten endlose standing ovations. Auch die Sponsoren dieses Ereignisses wie Yeni Vatan Gazetesi (Neue Heimat Zeitung), WIEN KULTUR Stadt Wien, der Verband der Auslandspresse in Wien, Südosteuropa Investment und der österreich-türkische Wirtschaftsclub waren begeistert. Man darf hoffen, dass diese Begeisterung, die durch dieses wunderschöne Konzert in der Votivkirche ausgelöst wurde, anhält, und somit der Beginn einer herrlichen Reihe an kulturellen Veranstaltungen darstellt.

 

 

http://religion.orf.at/tv/stories/2612882/

 

 

 

 

 

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07 03 2010
By: Redaktion 2 0

Mitarbeiter der Wiener Linien schikaniert türkische Dame

 Der Wiener Anwalt Dr. Georg Zanger beschreibt auf seiner Facebook Seite einen Fall von kulturellem Rassismus (Neo- Rassismus), der ein Fall für Bürgermeister Häupl sein sollte.

 

Wien (OTS) – Ohne Kommentar möchten wir im Namen der Türkischen KULTURgemeinde in Österreich die menschenunwürdigen Aussagen eines Mitarbeiters der Wiener Linien von der Facebook-Seite des Wiener Anwalts Dr. Georg Zanger teilen:

„Eine türkische Migrantin mit – ausschliesslich – österr. StB hatte ihre Jahreskarte der Wr.Linien zu hause vergessen. Dem Kontrollor in der U-Bahn erklärte sie das. Jetzt begann ein hochpeinliches Verhör:

„Du Türkin oder Österreicherin? Du sprechen nicht gut Deutsch! Wieso Du leben Österreich? Du tragen Kopftuch! Wozu? Du haben auch türkischen Pass? Hier Österreich ….“

Was hat ein Kontrollor der Wiener Linien mit Herkunft, Nationalität und Kopftuch zu tun? 

Wir sind weit gekommen! Viele Österreicher glauben, ihre Nationalität demonstrieren zu wollen und empfinden Lust, Migranten herabzuwürdigen. 

Es wird Zeit, dass die Politik die Notbremse zieht und die Hatz auf unsere türkischen Mitbürger beendet!“

 

Quelle:

Facebookseite von Dr. Georg Zanger am 22.08.2017 um 23.31,

https://www.facebook.com/georg.zanger.1/posts/10211801512826476
)

 

Wir möchten das nicht weiter kommentieren und bitten in aller Form in Zukunft solche Handlungen des kulturellen Rassismus zu unterlassen.

 

Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG)
DI Birol Kilic
Obmann

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