Monat: Juli 2010

28 07 2010
By: Redaktion 2 0

Welt-Debatte: „Ich möchte nie wieder Nichtmuslimin genannt werden“

Eines Tages fragte mein Freund Ali über Facebook: „Wie oft hat man euch eigentlich schon als Nichtjuden, Nichthindus, Nichtbuddhisten bezeichnet?“ Als der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kurz darauf seine Freude darüber verkündete, dass Muslime und Nichtmuslime gemeinsam den Ramadan gefeiert hätten, dachte ich sofort an Ali, der als Alevit natürlich sensibel gegenüber muslimischen Vereinnahmungen und Ausgrenzungen ist.

 

von Monika Maron/ Quelle: Welt/Debatte

 

Ich habe übrigens den Ramadan nicht mitgefeiert und war auch nicht bereit, das angemahnte Verständnis für die möglichen Aggressionen hungernder und durstender Muslime aufzubringen.

Aber Alis Frage geht mir seitdem durch den Kopf, auch deshalb, weil ich es für möglich halte, dass ich das Wort Nichtmuslime selbst schon gebraucht habe, als wäre das normal. Dabei ist es doch ganz und gar nicht normal, wenn fünf Prozent einer Bevölkerung die Bezugsgröße für die anderen fünfundneunzig sind.

Ich glaube, das ganze Dilemma begann, als es irgendwann üblich wurde, alle Menschen, die aus islamischen Ländern kamen, als Muslime zu bezeichnen, ob sie wollten oder nicht. Eines Tages waren sie nicht mehr Iraner, Türken, Syrer, Iraker, sondern Muslime.

Damit folgte unser Sprachgebrauch genau dem islamischen Gesetz, nachdem jeder, der durch Abstammung als Muslim geboren wurde, ein Leben lang Muslim bleibt, ob er will oder nicht. Apostaten droht der Tod. Dabei würden die Türken und Syrer, die ich kenne, befragte man sie nach ihrem Selbstverständnis, alles Mögliche antworten: Deutsche, Deutschtürken, Deutschsyrer, Schauspieler, Jurist, Soziologin, Schriftsteller.

 

Iraner, Syrer, Ägypter, Türken

 

Auf keinen Fall würden sie behaupten, vor allem anderen Muslime zu sein, zumal einige von ihnen Christen sind, andere die Religion eher als Geschichte verstehen, ohne zu glauben. Aber in der deutschen Diskussion sind sie alle zu Muslimen geworden, in deren Namen nun Ayman Mazyek, Herr Alboga und Frau Özoguz ihre Ansprüche an alle anderen stellen.

Wenn man aber die Iraner, Iraker, Syrer, Ägypter, Türken ihrer nationalen Identität beraubt und sie stattdessen unter einer religiösen Identität vereint, bleibt das nicht ohne Folgen für alle anderen, die dann auch keine Deutschen mehr sind, sondern denen in Ermangelung einer gemeinsamen Religion eben die Bezeichnung Nichtmuslime verpasst wird; oder in der schlichten Sprache der deutschen Bundeskanzlerin „Menschen, die schon länger hier leben“.

Ich frage mich, warum wir vierhundert Jahre nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, der als Religionskrieg in die Geschichte eingegangen ist, die Gesellschaft wieder in Religionsgemeinschaften aufteilen und das auch noch als Beweis für unsere aufgeklärte und tolerante Gesinnung ausgeben; warum wir akzeptieren, dass sich unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit die absonderlichsten Sitten ausbreiten.

Und als eine, die gern Deutsche ist, wenn auch Nachfahrin polnisch-jüdischer Einwanderer, kann ich nicht verstehen, warum wir selbst die muslimische Geschlossenheit so leidenschaftlich vorantreiben, indem wir sie immer wieder benennen und betonen, statt die Syrer, Iraner, Palästinenser, Türken so wahrzunehmen wie uns selbst, als Einzelne mit einer anderen kulturellen Herkunft, die glauben dürfen, was sie wollen, allerdings ohne Auswirkungen auf alle anderen.

 

Wir machen Muslime

 

Denn gegen die muslimische Geschlossenheit, fürchte ich, haben wir auf Dauer keine Chance, wenn die Religion von uns selbst als das Trennende anerkannt wird, wenn wir selbst von Muslimen und Nichtmuslimen sprechen, was Gläubige und Ungläubige bedeutet. Ich jedenfalls will nie wieder Nichtmuslimin genannt werden.

Ich möchte übrigens auch nicht Muslima zu einer Muslimin sagen. Laut Wikipedia ist das die arabische weibliche Form von Muslim. Aber was soll dieses a im deutschen Sprachgebrauch? Nennen wir ein Polin „Polka“ oder Amerikaner „americans“? Wenn eine Muslimin sich lieber Muslima nennt, soll es mir recht sein, aber warum übernehmen Zeitungen und politische Repräsentanten eilfertig eine arabische Endung, die nur der Betonung muslimischer Andersartigkeit dienen soll?

Allerdings ist dieses kleine a harmlos im Vergleich zu einer anderen muslimischen Spracherfindung, der Islamophobie. Wenn ich den Islam kritisiere, bin ich islamophob, so ähnlich wie xenophob, fremdenfeindlich, rassistisch. Erfunden wurde dieser Begriff Ende der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts von islamischen Fundamentalisten, um dem Islam seine Unantastbarkeit zu garantieren.

Aber warum konnte er unter vernünftigen Menschen zu solcher Macht gelangen und die Grenzen zwischen Politik und Religion in unserem säkularen Land derart verschieben, dass religiös begründete mittelalterliche Sitten Einzug halten, die nicht einmal für fünf Prozent der Bevölkerung gelten, aber an den bis dahin selbstverständlichen Maßstäben aller anderen rütteln?

 

Ich interessiere mich nicht für den Koran

 

Ich bin nicht rassistisch und nicht xenophob, wenn ich nicht will, dass islamische Gebote und Verbote die Speisepläne in Schulen und Kantinen bestimmen, Karikaturen und zu freizügige Kunst auf den Index setzen, dass unter dem freiwillig oder unfreiwillig getragenen Schleier muslimischer Frauen sich schleichend unser Frauenbild verändert und es uns eines Tages vielleicht normal vorkommt, wenn Frauen als Teletubbies verkleidet in die Schwimmbecken springen.

Ich bin auch nicht xenophob und rassistisch, wenn ich nicht jeden Tag im Radio oder in der Zeitung aufgefordert werden will, mich für den Koran zu interessieren. Mich interessiert nicht, was in der Sure X steht und ob die Sure XY vielleicht das Gegenteil davon behauptet, mich interessiert auch nicht, ob etwas halal oder haram ist. Mich interessiert, was im Namen des Islam heute geschieht, in Deutschland und in der Welt, und ob der Islam sich selbst verändert oder uns.

Nach der Vorstellung maßgeblicher muslimischer Mitbürger sind es wohl die Deutschen, die sich verändern sollen. Naika Foroutan, Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik und Erfinderin des Forschungsprojekts „Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle (HEYMAT)“ träumt von den „Neuen Deutschen“, womit nicht nur die wirklich neuen Deutschen gemeint sind, sondern auch die alten, einschließlich der polnischen, vietnamesischen, russischen Zuwanderer, alle 95 Prozent eben, die sich in Hybridgeschöpfe verwandeln sollen, um den Bedürfnissen der fünf Prozent gerecht zu werden.

 

Ich bin auch dritte Generation Einwanderer.

 

Nachdem unsere Integrationsministerin Aydan Özoguz zu der Erkenntnis gelangt ist, dass es eine deutsche Kultur jenseits der Sprache überhaupt nicht gibt, sollte es uns wohl nicht schwerfallen, das, was wir dafür gehalten haben, aufzugeben und einer anderen Kultur den gebührenden Platz einzuräumen. Oder wie soll ich das anders verstehen?

Meine Großeltern sind 1905 nach Deutschland eingewandert. Sie hatten vier Kinder, die alle Deutsche wurden, Deutsche mit polnischen Eltern. Ich bin die dritte Generation, eine Formulierung, die nichts mit meinem Lebensgefühl zu tun hat und die mir erst eingefallen ist, seit wir über die zunehmenden Probleme mit der dritten und vierten Generation muslimischer Einwanderer sprechen.

Der Islam ist, ob wir es wollen oder nicht, zu einem Teil unserer Lebenswirklichkeit geworden. Zu unserer Kultur gehört er nicht. Wenn er sich verträglich in die deutsche und europäische Kultur eingliedern will, muss er sich ändern. Und wir, wenn wir unsere Kultur und unsere Säkularität behalten wollen, müssen sie endlich verteidigen.“ (WELT, DEBATTE)

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10 07 2010
By: Redaktion 2 0

TKG: Türkei und Österreich müssen gegenseitige Empathie zeigen

Die Türkei hat immense Probleme. Österreich genauso, aber anders geartete. Den Besuch des türkischen Wirtschaftsministers sollte man nicht emotionalisieren.

Wien (OTS) – Laut österreichischer Presse ist der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci um den 15.07.2017 in Österreich mit folgender Argumentation nicht erwünscht: „Der Außenminister akkordiert mit dem Bundeskanzleramt und verbietet dem türkischen Wirtschaftsminister zum einjährigen Putschgedenken die Einreise. Es bestehe „Gefahr für öffentliche Ordnung und Sicherheit“

Der 15.07.2017 ist für Millionen Menschen in der Türkei und auch im Ausland ein wichtiger und schmerzlicher Tag, egal auf welcher Seite man steht. In Österreich leben über 300.000 Menschen aus der Türkei, die gerade wegen des letzten Referendums in der Türkei in den letzten fünf Jahren mit mehreren Demonstrationen auf den Straßen Wiens Bezug auf die Türkei nahmen. Aufgrund dieser Demonstrationen wurden Menschen aus der Türkei mit immensen Schwierigkeiten konfrontiert.

 

Großen Nachteil für Österreich

Es entstanden Probleme, die die Bereiche Integration und Zusammenleben in Österreich massiv erschwerten. Viele Menschen fühlen sich verfolgt, erpresst und in ihrer freien Meinungsäußerung massiv eingeschränkt. Wir erleben in einen freien demokratischen Land wie Österreich Dinge, die nicht normal sind und den inneren Frieden in Gefahr bringen. Das alles stellt einen „großen Nachteil“ für Österreich dar.

TKG zeigt vollstes Verständnis dafür, dass man der Opfer des Putschversuches vom 15.07.2016 in aller Ehre gedenkt. Wir sind fest davon überzeugt, dass auch die österreichische Regierung und das Außenministerium ein Zeichen der Solidarität setzt und Empathie für die Freunde und Angehörigen der Opfer hat.

Wir sind, besonders vor den bevorstehenden Wahlen im Oktober 2017, in einer prekären Lage, in der Menschen aus der Türkei ständig thematisiert werden. Realistisch gesehen erwarten wir auch vom türkischen Wirtschaftsminister, dass die innere Sicherheit und das Zusammenleben in Österreich geschätzt werden. Die ÖsterreicherInnen sehen die Türkei als Freund und wünschen sich einen starken demokratischen Rechtsstaat mit gute kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen. Aus diesem Grund sollten beide Länder Empathie und Respekt zu inneren Angelegenheiten, besonders in diesen schwierigen Zeiten, zeigen.

 

Türkische Kulturgemeinde in Österreich(TKG)
DI Birol Kilic

 

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20170710_OTS0114/tkg-tuerkei-und-oesterreich-muessen-gegenseitige-empathie-zeigen

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08 07 2010
By: Redaktion 2 0

Jüdische Geschichte in Anatolien. Ein weiterer glänzender Stein im Kulturmosaik

In Erinnerung an Nedim Yahya, ein Mitglied der Fünfhundertjahre Stiftung, der am 22. September 1997  gestorben ist.

Bearbeitet von Birol Kilic

 

 

Zur Zeit sollte es jedem klar sein, dass die Türkei ein Hauptpunkt für die drei großen monotheistischen Religionen der Welt, den Islam, das Judentum und das Christentum, ist. Aber da sie ein mehrheitlich moslemisches Land ist, wissen viele Leute heute nichts mehr davon,  inwieweit das Alte Testament in der modernen Türkei verwurzelt ist. Der Berg Ararat  (Agri Dagi), wohin Noah und seine Familie nach der Überflutung geflohen sind, ist im Westen des Landes; in der Nähe von Dogubayazit. Noahs Nachkommen verbreiteten sich in einem großen Teil Anatoliens, und einer von ihnen, der Sohn vom Kanaan, Heth, wird für einen Vorfahren der Hethiter gehalten.

 

Von  Abraham,  dem ersten der hebräischen Patriarchen, glaubt man nach dem Islam, dass er in einer Höhle in der heutigen Stadt Urfa geboren worden ist und ziemlich sicher in Harran im 18. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Diese Höhle war später eine Zuflucht für Jakob, als er versuchte von Esau wegzukommen. Jacobs Brunnen ist heute immer noch da. Sogar der Garten Eden liegt für manche in der Türkei, weil dort Euphrat und Tigris ihren Ursprung haben.

 

Die heutigen großen Religionen wurden meist auf den Grundlagen von früheren, proto-monotheistischen  Glauben gegründet, die seitdem verblasst sind,  aber  dennoch  ihre Spuren hinterlassen haben. Vor viertausend Jahren war die wichtigste Gottheit der Hethiter der Wetter-Gott  Teshub, daraufhin waren den Mond-Gott anbetende Sabians überall an den Orten, wo heute die südöstliche Türkei ist. Ihr Tempel in Harran wurde als der größte in Mesopotamien  betrachtet. Außerdem gab es noch  Mithraists persischer Abstammung, die  den Gott des Lichtes auf den Bergen von  Nemrut, Pergamum und Olympus anbeteten.

 

Jüdische Gemeinden haben seit früheren Zeiten auf die Handelswege in Anatolien einen beträchtlichen Einfluss ausgeübt. Und das obwohl sie in diesem Land und auch in vielen anderen biblischen Siedlungen niemals mehr als eine Minderheitenreligion waren. Die jüdische Bibel (bei den Christen als das Alte Testament bekannt) ist eine Sammlung von Schriften, die ins 10.Jahrhundert v. C. zurückgeht. Sie teilt viele Legenden mit dem Christentum und dem Islam; wie z.B. die Überflutung und das Landen der Arche von Noah auf  dem Gipfel eines Berges (Ararat für Juden und Christen,  Cudi für Moslems).

 

 

Die Söhne von Noah

 

Noah hatte drei Söhne; Ham, Sem und Japhet; laut Genesis 10. Der Letzte hinterließ Nachkommen in Persien, Syrien und im größten Teil des östlichen Anatoliens. Die Nachkommen von Ham reisten entlang der Küste von Nordafrika und in die Region, die zwischen Tigris und Euphrat liegt.

 

Das Enkelkind von Noah, Asshur, war ein Vorfahre der großen Assyrer, die ihr Imperium entlang des Nordens von Tigris (Dicle) gegründet hatten. Ein anderes Enkelkind, Arphaxd, war ein Vorfahre von Abraham. Heth, der Sohn von Kanaan, wird als der Vater von den Hethitern vermutet, die in  Zentralanatolien von 2000 bis 600 vor Christus regiert haben. Zu dieser Zivilisation gibt es zahlreiche Anmerkungen in der Bibel.

 

Die Assyrer besetzten den Norden von Israel 722 v. C. Zwei Jahre später hatte König Sargon über  27.000 Israeliten im Norden von  Mesopotamien  auswandern lassen. Im Jahre 560 vor Christus haben die Babylonier Judäa erobert. Dadurch wurden wieder mehrere Israeliten vertrieben, ins Exil geschickt oder waren „verschwunden”. Als sie sich anstrengten, ihre Identität und ihr Erbe zu bewahren, wurden dies als die Diaspora der Juden bekannt. Manche kehrten zurück, um Jerusalem wieder aufzubauen, während Andere  jüdische Kulturzentren in  der Region Mesopotamien bildeten.

 

Aber die größte Expansion der Diaspora nach der Eroberung durch Alexander den Großen (332-323 v. C.) statt. Die Migration in Palästina wurde dadurch ermutigt. Die Zerstörung von Jerusalem und des Tempels im Jahre 70 (v. C.) verursachte eine weitere Welle. Es wird geglaubt, dass sich im zweiten Jahrhundert vor Christus eine Million Juden in Kleinasien angesiedelt hatten und sich in vielen großen  Handelsstädten verteilten.

 

Die Synagoge von Sardis, ungefähr 50 Meilen von Izmir entfernt, war einst eine der Größten in der Geschichte, gebaut 220 vor Christus und nach der Zerstörung wieder aufgebaut  im dritten Jahrhundert.

 

Die große Halle, die innen großzügig mit Mosaiken geschmückt war, war ein Teil des Bad-Gymnasium Komplexes der Gemeinde. Der Boden und die Wände waren aus Marmor. Obwohl sie später bei einem Erdbeben zerstört wurde, blieb ein großer Teil des faszinierenden Originialbodens erhalten und zieht auch heute viele Touristen  aus der ganzen Welt an. Ein teilweiser Wiederaufbau, der einen hohen Status der Gemeinde zeigt,  wurde in den 1970ern unternommen Ephesus, die alte griechische Stadt, die der Göttin Artemis gewidmet war und schön wiederhergestellt wurde, ist noch immer eines der sieben Weltwunder. Die Stadt war eine wichtige Raststätte während der Zeiten der jüdischen Diaspora von 60 bis 120 vor Christus.

 

Am südlichen Ende der Stadt fließt der Fluss „Meander“. Das Tal dieses Flusses hat den Aufstieg und den Niedergang von sieben großen, historischen Städten sowie Priene, Miletos, Didyma und Aphrodisias miterlebt. Die meisten Synagogen dieser Städte sind noch erhalten.

 

 

Der Regenschirm des Humanismus

 

Seit der Zeit der Osmanen wurde die Türkei mit der religiösen Freiheit in  Zusammenhang gebracht, die den Weg für den heutigen, säkularisierten  Staat der  Türkischen Republik (Gründung 1923 durch ATATÜRK) ebnete. Im 12. Jahrhundert, während des dritten  Kreuzzuges, war der berühmte spanische Philosoph und Schriftsteller Maimonides, ein Jude, der persönliche Physiker des prachtvollen, moslemischen Führers Saladin. Ein Mann, der im Westen für die Übersetzung älterer Bücher über die Astronomie zuständig war, die tausend Jahre später, nachdem sie in Harran geschrieben worden sind, als revolutionär galten. Als die Osmanen Bursa im Jahre 1324 eroberten, fanden sie hier eine unterdrückte jüdische Gemeinde vor, die die Neuankömmlinge als ihre Befreier anerkannten. Sultan Orhan gab ihnen die Erlaubnis die Etz-ha- Hayyim Synagoge zu erbauen, die bis vor kurzem besucht wurde. Tatsächlich waren die Osmanen den jüdischen Flüchtlingen gegenüber so gastfreundlich, dass im frühen 15. Jahrhundert Rabbi Itzhak Sarfati aus Edirne einen Brief  an die jüdischen Gemeinden in Europa schickte, in dem er sie aufforderte, die Erniedrigungen, die sie unter dem Christentum erlitten haben, hinter sich zu lassen und „in der Türkei Sicherheit und  Wohlfahrt  zu suchen“,  als Teil ihres Weges zurück zum Heiligen Land.

 

Im Sommer von 1492, unter der Regierung  des aufgeklärten Sultans Beyazid II., der den Traum hatte aus sein Imperium einen „Regenschirm des Humanismus“ zu machen, nahmen  150.000 Sephardim, die wegen dem Erlass von Königin Isabella und König Ferdinand vor der Wahl zwischen  Tod  oder  Bekehrung  gestanden waren, Zuflucht im Osmanischen Reich. Sie waren offiziell willkommen und ließen sich in Istanbul, Edirne, Bursa und in vielen anderen Städten nieder. Sie bekamen Land, Steuernachlass, Ermutigung und Hilfe von der Regierung. „Der katholische Monarch Ferdinand wurde fälschlicherweise als weise betracht“, sagte Beyazid II., „denn er verarmte sein Land mit der Vertreibung der Juden und bereicherte unseres.“ Diese neuen Bürger gründeten im Jahr 1493 die erste schriftliche Presse und mit den Jahren  wurden berühmte Hofphysiker und Diplomaten Mitglieder der jüdischen Gemeinde.

 

Zu Beginn des  16. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde in Istanbul  30.000 Leute und  war damit die wichtigste Gemeinde in  Europa. Viele Jahre lang gab es mehr jüdische als moslemische Ärzte in  Istanbul.

 

Im späten 19. Jahrhundert halfen Dr. Isik  Pasa Molho, Admiral im Osmanischen  Heer,  und  Dr. Raphael Dalmediko, ein Offizier, ein Krankenhaus, das „Orahayim”- Krankenhaus mit 98 Betten zu gründen, das heute  noch existiert.

 

Eine von den wichtigsten jüdischen Siedlungen während der Herrschaft ByzanzÂ’ und des Osmanischen Reiches war Balat. Dieser Stadtteil erstreckte sich entlang der oberen Reichweite vom Goldenen  Horn. Viele von den  Leuten, die hier gelebt hatten, waren aus Mazedonien. Während seines goldenen Zeitalters im 18. und 19. Jahrhundert, waren hier sechs Synagogen. Die älteste und berühmteste ist die Synagoge Ahrida, die schon vor der Eroberung von Istanbul  existierte. Sie besitzt einen Altar, der der Arche von Noah nachempfunden ist.

 

Viele jüdische Konfessionen sind auch in Istanbul präsent. Nebst den Sephardim aus Spanien,  gibt es Askinazi Juden, die von der Krim stammen und eine Karaite Minderheit, die eine Festung im Gebiet in der Nähe vom Galata Turm hatte. Im Jahre 1900 zählte die gesamte jüdische Gemeinde  von Istanbul 300.000 Mitglieder.

 

In den 1930ern hatte der revolutionäre, säkularisierte Führer Mustafa Kemal Atatürk viele bekannte jüdische Professoren, die in Deutschland vor der Verfolgung geflohen waren, in die Türkei  eingeladen. Während des Krieges bot die Türkei für viele Leute eine sichere Durchfahrt nach Palästina.

 

Seit den späten 1940ern ist die jüdische Gemeinde der Türkei allerdings beträchtlich geschrumpft. Viele sind nach Israel ausgewandert um es zu unterstützen. Wenn ein Türke nach Israel kommt und den türkischen Juden in Israel einen Besuch erstattet, so ist er ein sehr willkommener Gast.

 

Über 100.000 türkische Juden leben nun in Istanbul. In Ulus gibt es ein großes, modernes Gymnasium. Es gibt sechzehn funktionierende Synagogen. Aus Anlass des 500jährigen Friedens und der Toleranz wurde das Fünfhundertjahre Museum gegründet.  Man feiert dabei  auch die berühmten jüdischen Bürger, die zum reichen Kulturschatz der Türkei beigetragen haben. Die Zeitung  „Shalom“  hat ungefähr 4000 Abonnenten und wird in Türkisch und in  Ladino gedruckt. Sie haben auch eine ausgezeichnete Buchhandlung mit jüdischen Touristenführern und historischen Büchern über die Türkei und die Osmanen.

 

Jüdische Touristen würden einen Spaziergang um den alten Stadtteil Galata genießen, wo auch die Neve Shalom Synagoge ist. Hier finden auch heute noch viele Hochzeiten und Bar Mitzvahs statt.

 

Quelle:

Mersina /Molly Mcanailly Burke

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05 07 2010
By: Redaktion 2 0

Frauen im Islam

Das Bild des Islam im Westen wird wesentlich geprägt von der Sichtweise auf die Stellung der Frau im Islam. Eine neue Herausforderung gerade für die moderne europäische Muslima, die sich in den gängigen Klischees von der „rechtlosen“ muslimischen Frau nicht wieder finden kann. Wie lässt sich aufzeigen, dass nicht jedes soziale, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Ungleichgewicht zu Lasten der Frau religiöse Wurzeln hat? Muslimische Frauen nehmen es zunehmend und erfolgreich in die Hand auf dem Boden der Religion für Chancengleichheit einzutreten. Hier ein kurzer Abriss zur Stellung der Frau im Islam, eingebettet in Überlegungen zu den aktuellen Herausforderungen von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

„Dem der recht handelt – sei es Mann oder Frau – und gläubig ist, werden Wir gewiss ein gutes Leben gewähren; und Wir werden gewiss solchen Leuten ihren Lohn nach der besten ihrer Taten bemessen.“ (Koran 16:97) 

 

Aufklärung: Islam duldet keine Frauenunterdrückung

Der Koran spricht schließlich die „Entlastung von der Bedrückung“ in 92:7 und 94:2 direkt an. Nicht wegen des Islam werden Frauen ihrer Rechte beraubt, sondern gegen den Islam bestehen Praktiken von Abschneiden des Bildungsweges bis zu Zwangsheirat. Tradition und Religion stehen sich mitunter diametral gegenüber. Diese Benachteiligung der Frau wird aber gerade seitens der Ikonen der westlichen Frauenbewegung Alice Schwarzer oder Oriana Fallaci als mit dem Islam an sich konform beschrieben, als der Religion immanent.

Wäre größere Sichtbarkeit und nach außen wirkende Aktivität muslimischer Frauen ein Weg, Missverständnisse und Fehleinschätzungen aufzubrechen? Die ihr zugeschriebene Opferrolle ohne Identitätsverlust zu durchbrechen wird umso schwieriger, je fester in den Köpfen verankert ist, aktives und mündiges Eintreten für Frauenrechte könne doch nicht durch eine gläubige und nach der Religion lebende Muslima geschehen? Unterstellungen reichen bis zur Behauptung solche Frauen würden unbewusst lediglich missbraucht, um das Bild des Islam zu verbessern, leisteten mehr oder weniger unfreiwillig einen Dienst, unterdrückerische Strukturen erst recht zu festigen.

Und doch führt an einem miteinander statt übereinander Reden kein Weg vorbei. Und zwar ausdrücklich nicht nur, um sachlich über die tatsächlichen islamischen Positionen zur Frauenfrage aufzuklären und so die eigene Würde zu verteidigen. Allzu leicht würden es sich die Muslime machen, wollten sie sich nach dem Motto „Es kann nicht sein, was nicht sein darf.“ in eine heile Welt flüchten. Es wäre grob vereinfachend nicht weiter als bis zu der Position denken zu wollen, der „wahre Islam“ kenne kein Unrecht, wenn erwiesenermaßen in sich islamisch definierenden Gesellschaften Menschenrechtsverletzungen dokumentiert sind, selbst wenn diese ihre Ursachen zuerst in korrupten politischen und demokratiefeindlichen Systemen haben. Schließlich haben Unrecht leidende Frauen Anspruch auf die Solidarität der muslimischen Gemeinde. Eines der wesentlichen islamischen Prinzipien setzt auf die Zivilcourage – sei es von Mann oder Frau, weil religiöse Gebote prinzipiell für beide gelten. Hier heißt es nach einem koranischen Gebot: „Das Gute gebieten, das Schlechte verwehren“ (9:71).

Sich des ursprünglichen, geradezu revolutionären Charakters islamischer Frauenrechte zu besinnen und ihre Einhaltung zu fordern, ist längst Bestandteil des innermuslimischen Diskurses, an dem Frauen zunehmend Anteil gewinnen. Hier stellen sich längst auch Fragen, die auf eine Auslegung zielen, wie sie für die Moderne angemessen erscheint. Schließlich wohnt dem Islam eine große Dynamik inne, die aus dem Anspruch entsteht, dass auf Basis der Quellen Koran und Sunna (Überlieferungen aus dem Leben des Propheten Muhammad, zusammengefasst in den Hadith) neue Fragestellungen vor dem jeweiligen Hintergrund von Zeit, Ort und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu beleuchten sind.

 

Welche Frauenrechte sind definiert?

Frauenrechte umfassen: Eigene Rechtspersönlichkeit, Recht auf Bildung in sämtlichen Bereichen, Recht auf die Wahl des Ehepartners und das Recht, den eigenen Familiennamen weiterhin zu führen, die Möglichkeit der Scheidung (etwa bei grober Behandlung, unerfülltem Geschlechtsleben, aber auch „wenn die Chemie nicht stimmt“), Recht auf eigenen Besitz und dessen selbständige Verwaltung, voller Unterhaltsanspruch gegenüber dem Ehemann, auch im Falle eines eigenen Einkommens, das nicht für das Familienauskommen aufgewendet werden muss, Recht auf Erbschaft, Partizipation am sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben der Gemeinschaft.

Was so rasch aufgelistet ist, füllt durch die detaillierte Ableitung von den jeweiligen Quellen und anschließende Einordnung in die Praxis Bibliotheken. Die angesprochene Notwendigkeit einer zeitgemäßen Interpretation förderte in den letzten Jahren die Entwicklung neuer Ansätze, wobei von den Muslimen in Europa wesentliche Impulse ausgehen, da ihre Minderheitensituation sie mit vielfältigen Fragestellungen konfrontiert.

 

Ehe – ein Vertrag gehört dazu

Ein Beispiel hierfür bildet etwa der islamische Ehevertrag. Eine islamische Hochzeit besteht im Wesentlichen aus der Unterzeichnung dieses Dokuments, das den Willen der Ehepartnern die Ehe miteinander einzugehen beurkundet und darüber hinaus eine Summe Geldes festschreibt, die der Frau im durch den Mann ausgelösten Scheidungsfall auszuzahlen ist. So wie dieser Betrag individuell vereinbart wird, ist es prinzipiell möglich, weitere Vereinbarungen aufzunehmen. Davon Gebrauch zu machen, eröffnet Perspektiven, besser vor der Ehe über die genauen Zukunftsplanung zu sprechen und eine gemeinsame Basis auch in den konkreten Fragen des Alltags zu finden: Wohnort, Kindererziehung, Berufsausübung, usw. Sehr junge Frauen könnten sogar die Familienplanung ansprechen, um erst die Ausbildung abzuschließen, ehe an Nachwuchs gedacht wird. Im Idealfall können mögliche Konfliktfelder erkannt und bereinigt werden. Auch ein vielleicht einmal nötiges Schlichtungsverfahren – die moderne Mediation ist im Koran gerade in Eheangelegenheiten explizit empfohlen (siehe z.B. 4:35) und ist dementsprechend positiv verankert – kann auf Grundlage einer solchen Vereinbarung leichter geführt werden.

Eingebettet sind diese Rechte im Rahmen der generellen Sicht auf das Verhältnis von Mann und Frau. Der Koran unterstreicht die Gleichwertigkeit der Geschlechter: „Die einen von euch sind von den anderen“ (3:195). Mann und Frau sind aus gleicher Substanz geschaffen (4:1). Zu gleichen Teilen sind sie Adressaten im Koran, in der Anrede heißt es immer wieder „ihr gläubigen Männer, ihr gläubigen Frauen“. Ja, wenn man die Anzahl des Gebrauchs des Wortes „Mann“ mit jener von „Frau“ vergleichen wollte, ergibt sich die gleiche Summe. Mann und Frau sind als Verantwortung füreinander tragende Partner beschrieben, die in freundschaftlicher Weise miteinander umgehen (9:71). In der Ehe hat Gott „Liebe und Barmherzigkeit“ zwischen ihnen gesetzt (30:21), die Eheleute sind einander „wie eine Decke“(2:187).

 

Gleichwertigkeit der Geschlechter

Die religiöse Praxis, wie sie vor allem die „fünf Säulen“ bestimmen, ist gleichermaßen für Männer und für Frauen bindend, sobald sie in der Pubertät religiöse Mündigkeit erreichen. Sie umfassen das Bekenntnis des Einen Gottes und seines letzten Gesandten Muhammad, das tägliche fünfmalige rituelle Gebet, die sozial religiöse Pflichtabgabe in Höhe von 2,5 % des stehenden Vermögens jährlich, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka. Für Frauen gelten einige Erleichterungen, die darauf Rücksicht nehmen, dass Gleichwertigkeit nicht Gleichartigkeit bedeutet, dass biologische Unterschiede also nicht wegzudiskutieren sind. Die Zeit des Wochenbetts oder der Menstruation entbindet so zum Beispiel vom Fastengebot, welches später nachzuholen ist.

Es ist immer bedenklich, Teilaspekte zusammenhanglos oder sogar manipulierend herauszugreifen. „Die Frau gilt nur die Hälfte eines Mannes“ und weiter „Sie erbt ja nur halb so viel wie ein Mann, ihre Stimme vor Gericht ist nur die Hälfte wert.“ sind solche Beispiele, die sich durch die Literatur ziehen. Dass die Frau im komplizierten Erbrecht, das die Verwandtschaftsverhältnisse der Erbberechtigten aufschlüsselt, in manchen Konstellationen die Hälfte erbt (in anderen mehr als ein Mann), ist im Kontext des Unterhaltsrechts zu sehen. Der Mann ist prinzipiell verantwortlich für den Unterhalt der Frau, muss also vom eigenen Vermögen viel aufwenden, während die Frau all ihren Besitz alleine genießen kann. Als Zeugin bei Gericht ist die Aussage einer Frau genauso wertvoll wie die eines Mannes. Wenn im Koran (2:282) bei der bezeugten Niederschrift geschäftlicher Transaktionen davon die Rede ist, dass Frauen sich in der später vielleicht nötigen Aussage „gegenseitig erinnern“, wird auf die Situation zur Zeit der Offenbarung eingegangen, als Frauen sich mangels Erfahrung in Geschäftsdingen in der Regel nicht auskannten. Es wäre schlicht nicht zulässig, hier einen allgemeinen Analogieschluss auf alle vor Gericht diskutierten Fragen vorzunehmen. Heute wird diese Stelle angesichts vieler weiblicher Wirtschaftsexpertinnen auch in neuem Licht gesehen. – Immerhin zeigen solche Beispiele, dass die theoretische Dynamik in der flexiblen Rechtsauffassung des Islam auch im Sinne der Frauen auszugestalten ist.

 

Frauenfiguren im Koran: Eva ohne Erbsünde

Selbstbewusstsein gewinnen Frauen auch aus dem Koranstudium, wo sie beginnend mit Eva, arabisch HavvaÂ’, einer Reihe von Frauenfiguren begegnen. Zusammen mit Adam bildet sie das erste Menschenpaar, das im Erlebnis des Überschreitens von Gottes Gebot im Paradies gemeinsam eine zentrale Erfahrung durchmacht. Auf die Erkenntnis sich an sich selbst versündigt zu haben, folgt die Reue und durch Gottes Barmherzigkeit dessen Verzeihung. Eva trägt im Islam also keine alleinige Schuld an der Entsendung des Menschen auf die Erde, wo er/sie schließlich als „Stellvertreter/in“ Verantwortung für die Schöpfung trägt. Eva erscheint so nicht als potentielle Verführerin des Mannes. Der Begriff der Erbsünde ist dem Islam fremd. Einige weitere Frauen seien der Kürze halber nur aufgeführt: Maryam, die Mutter des Propheten Jesus, die Frau des Pharao, die den kleinen Moses errettete, die Königin von Saba, die durch ihre Einsicht einen Krieg verhinderte.

Die Beispiele dieser Frauen aus dem Koran verdeutlichen, dass in der wichtigsten Quelle des Islam Frauen eine aktive Rolle spielen. Da hieraus allgemein gültige Ableitungen und Auslegungen erstellt werden, haben sie für das Frauenbild an sich großes Gewicht. Wie könnte man von einer Ehefrau bedingungslosen Gehorsam verlangen, wenn im Koran selbst das Mitdenken bei Befehlen des Gatten und in diesem Fall sogar Herrschers und in Konsequenz der zivile Ungehorsam als vorbildhaft dargestellt ist? Wie könnte man der Frau an sich vorwerfen, sie sei als Versuchung für den Mann geschaffen, um ihn womöglich von wichtigeren Geschäften abzuhalten, wenn es dafür im Koran nicht eine Belegstelle gibt und schon die erste Frau eben nicht als personifizierte Sünde auftritt?

Dem weiblichen Blickwinkel eröffnet sich auch ein reiches Feld der pointierten Interpretation in Bezug auf die Frühzeit des Islam, von Chadidscha, der ersten Frau des Propheten Muhammad, seiner späteren Gattin Aisha bis zu seiner Tochter Fatima oder Sakina, die alle als „Frauenrechtlerinnen“ gelten können.

 

Chancengleichheit durch Bildung

Bildung bleibt ein Schlüsselwort für die zukünftige Entwicklung der gesellschaftlichen Rolle muslimischer Frauen. In dem Maße, wie sie um ihre Rechte wissen, können sie dafür eintreten und ihr Leben in die Hand nehmen. Dann kann sich auch zeigen, dass ein starres Rollenkorsett in alleiniger Bestimmung als Ehefrau und Mutter den vielfältigen Perspektiven, die der Islam ihr offen hält, nicht genügen würde. Chancengleichheit, um auf den verschiedensten für die Gesellschaft wertvollen Gebieten partizipieren zu können, ist ein eng mit dem Bildungsgrad verknüpftes Ziel.(Quelle: Islamische Glaubengemeinschaft)

 

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04 07 2010
By: Redaktion 2 0

Das Österreichbild in der Türkei

von DI Kilic Birol
für das Bundeskanzleramt und den österreichischen Bundespressedienst Austria Feature Service Untersuchung im Arbeitsjahr 1998

 

„Eine Tasse Kaffee gewinnt das Herz für vierzig Jahre“, sagt ein türkisches Sprichwort. Das Verstehen von Menschen beginnt mit gutem Zuhören und wo lässt es sich besser reden als bei einer Tasse dampfenden Kaffees? Wer auf eine Tasse Kaffee einlädt, nimmt sich Zeit für mich. Das ist die Besonderheit der österreichischen Kaffeehauskultur.

 

In der Innenstadt von Istanbul findet sich ein detailgetreu nachgebautes Wiener Kaffeehaus mit echtem Wiener Kaffee und frischen Wiener Mehlspeisen. Zum Milchkaffee sagen die trendigen jungen Türken bereits allgemein „Melange“. Der Wiener Kaffee ist in sein Ursprungsland zurückgekehrt.

 

Die Türken empfinden die österreichische Mentalität als ihnen nahestehend. Fleiß, Ehrlichkeit und Höflichkeit sind gemeinsame Tugenden und besonders letzteres hebt die Österreicher in den Augen der Türken wohltuend von den „trockeneren“ Deutschen ab. Österreicher werden als geduldig, flexibel und sensibel charakterisiert, außerdem als traditions- und kulturbewusst. Deutsch ist die zweite Fremdsprache nach Englisch und ermöglicht den Gebildeteren daher eine problemlose Kommunikation mit Österreichern. Trotz der gemeinsamen Sprache wird Österreich nie mit Deutschland verwechselt, sondern besitzt im Bewusstsein der Türken eine ganz eigenständige Identität. Es ist chic in Österreich den Urlaub zu verbringen, einen Wien-Trip zu unternehmen oder Ski zu fahren, und – wer es sich leisten kann – sein Kind in Österreich studieren zu lassen.

 

Die typischen Klischees haben auch vor den Türken nicht halt gemacht. Das Österreichbild ist im Wesentlichen geprägt von den kulturellen und touristischen Leistungen Österreichs und insbesondere der Hauptstadt. Legt man Türken ein Foto eines Wiener Kaffeehauses vor, ordnen fast 60 % das Sujet Österreich zu. 90 % verbinden eine Ballnacht mit Österreich und etwa 85 % denken bei der Aussage „Berühmt für seine Kultur“ an Österreich. 80 % erkennen sogar die Skyline des Kunsthistorischen Museums in Wien. Die Musik von Mozart und Strauß ist in der Türkei ebenfalls sehr bekannt und kann als der wichtigste Botschafter bis in alle Winkel des Landes angesehen werden. Nicht weniger bekannt ist Kaiserin Sisi, die nicht zuletzt aufgrund der Thematisierung im türkischen TV für emotionale Parteinahme und Identifikationen sorgt. Auch die in der Türkei nicht gekannte Bedeutsamkeit von Titeln und akademischen Graden wird unter anderem auf die Tradition von Hof und Adel zurückgeführt. Die daraus resultierende Höflichkeit und die verfeinerten Umgangsformen stehen den Türken jedoch sehr nahe.

 

Der freundschaftliche Kontakt kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Das Osmanische Reich und Österreich-Ungarn hatten viel gemeinsam. Beide waren ein Vielvölkerstaat und unterhielten intensive Beziehungen. Beide verloren nach dem Ersten Weltkrieg ihre Größe und ihren Einfluss und suchten nach einer neuen nationalen Identität.

 

Ende des 18. Jahrhunderts finden sich prominente Kooperationen, besonders auf dem Gebiet der Medizin und der Architektur. So entsteht 1839 in Istanbul die erste medizinische Hochschule nach dem Vorbild des Wiener Josephinismus auf Initiative österreichischer Ärzte. Zu dieser Zeit wurde auch der erste türkische Arzneikodex durch den Wiener Arzt Dr. Bernard herausgegeben. Seit 1830 besteht das österreichische Krankenhaus St. Georg in Istanbul. Ursprünglich für die christliche Kolonie konzipiert, erfüllt es heute durch die Betreuung und Behandlung von Armen und Bedürftigen einen wichtigen und verantwortungsvollen Bereich sozialer Arbeit. 1864 wird der Rote Halbmond von dem Wiener Arzt Dr. Karl Hammerschmiedt unter seinem neuen Namen Abdullah Bey gegründet. Derselbe ruft in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts auch das erste naturhistorische Museum in Istanbul ins Leben. Dazu leistet das Naturhistorische Museum in Wien mit zahlreichen Objekten einen großen Beitrag.

 

Im selben Jahrhundert beginnen österreichische Archäologen unter Leitung von Otto Berndorf mit den wissenschaftlichen Untersuchungen in Ephesos, die mit kriegsbedingten Unterbrechungen bis heute andauern. Die Resultate dieser Forschungen, Ausgrabungen und Restaurierungsarbeiten haben aus dem historischen Ephesos einen hervorragenden Studienort archäologischer Wissenschaft gemacht und den Fremdenverkehr bereichert. Auch die architektonisch gelungene Überdachung der Ausgrabungsstelle wurde von Österreichern entworfen. Im Jahre 1915 wird übrigens am Palandöken bei Erzurum der erste Schikurs für das Osmanische Heer von österreichischen Unteroffizieren durchgeführt. Ob Zufall oder nicht – Palandöken ist heute das wichtigste Schigebiet in der östlichen Türkei.

 

Ebenfalls in das Ende des 19. Jahrhunderts fällt die Gründung der österreichischen Schule St. Georg in Istanbul im Jahre 1882, die ursprünglich Kinder österreichischer und deutscher Kolonien unterrichtete. Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges wird sie vor allem von türkischen Kindern besucht. Heute ist das St. Georgs-Kolleg eine der gefragtesten und beliebtesten Auslandsschulen in der Türkei.

 

Auch österreichische Künstler und Wissenschafter konnten ihre Spuren in der Türkei hinterlassen. So entstand zB während des Ersten Weltkrieges 1916 das erste Atatürk-Portrait vom Österreicher Wilhelm Krausz. Die Deutschmeister konzentrierten sich zwei Sommer hindurch im berühmten Pera-Palast. Mit der Universitätsreform 1933 und wegen der politischen und rassistischen Vertreibungen kommen eine Reihe von hervorragenden österreichischen Wissenschaftern und Künstlern in die Türkei. Bekannt ist vor allem der Architekt Clemens Holzmeister, der durch seine Bauten in Ankara (Parlament, Staatspräsidentenpalast, Regierungsviertel, österreichische Botschaft) und durch seine Lehrtätigkeit an der TU Istanbul bis 1951 zu Weltruhm gelangte. Eine Reihe hervorstechender türkischer Architekten entstammen seiner Schule. In den 60er Jahren lehrt der berühmte Vertreter der Wiener Schule des phantastischen Realismus, Anton Lehmden, an der Akademie für angewandte Kunst in Istanbul. 1963 wird das österreichische Kulturinstitut in Istanbul gegründet, womit der hohe Stellenwert der österreichischen Außenkulturpolitik gegenüber der Türkei zum Ausdruck gebrach wurde. Dieses Institut bietet von Musik über Ausstellungen bis zur Wissenschaft ein reichhaltiges Programm. Allein im Jahr 1995 wurden 108 Veranstaltungen an 63 Orten rund 160.000 Besuchern nahegebracht.

 

Mit der Umwandlung der türkischen Wirtschaft in eine Marktwirtschaft in den 80er Jahren wird die Türkei für österreichische Unternehmen zunehmend interessant. Es entwickeln sich bis heute andauernde Geschäftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern. Obwohl diese Beziehungen sich im Laufe der Zeit verstärkt haben, sind die Möglichkeiten noch immer nicht ausgeschöpft. In den letzten Jahren aber zeigt sich eine starke Tendenz, das Potential zu erkennen und Marktchancen wahrzunehmen.

 

Die größten Investoren in der Türkei stammen aus der EU, dabei spielt besonders Deutschland mit 200 Investitionsbewilligungen eine große Rolle. Das Gesamtvolumen an Investitionen Deutschlands in der Türkei lag 1995 bei 392 Mio. US$. Daneben sehen das in der Türkei gebundene österreichische Kapital mit 85 Mio. US$ und die elf Investitionsbewilligungen eher bescheiden aus. Eine österreichische Firma hat jedoch die größte ausländische Einzelinvestition in der Türkei verwirklicht. Mit der Beteiligung am Birecik-Wasserkraftwerk haben die Verbundplan und Strabag AG ein Beispiel gesetzt. Die Austrian Energy hat außerdem zwei neue Kraftwerkseinheiten in Cayirhan 120 km westlich von Ankara in Betrieb genommen.

 

In den letzten Jahren zeigt sich eine neue Tendenz in der türkischen Unternehmensführung. Bedingt durch bessere Ausbildung und durch Studienaufenthalte im Ausland, hat eine neue Managergeneration gelernt, dass kommunikatives Miteinander bessere Erfolge erzielt, als der autoritäre Führungsstil der älteren Generation. Diese jüngeren türkischen Manager sind hochmotiviert und streben nach Geschäftserfolgen. Die können besser mit westlichen Geschäftspartnern kommunizieren, sind mutiger, toleranter und entscheidungsfreudiger. Dies hat zu einer größeren Stabilität der türkischen Wirtschaft geführt.

 

Die Türkei bietet nicht nur einen großen Absatzmarkt, sondern stellt durch ihre geographische und strategische Lage als Brücke zwischen Europa und Asien einen wichtigen Partner dar, durch den sich für österreichische Unternehmen gut Geschäftsmöglichkeiten ergeben. Besonders infolge der Auflösung der Sowjetunion und der Bildung der neuen Republiken spielt die Türkei durch ihre geographische Nähe zu diesen Märkten und durch ihre engen Geschäftsbeziehungen mit den zentralasiatischen Ländern eine wichtige Rolle sowohl auf der politischen als auch auf der wirtschaftlichen Ebene in der Region.

 

Österreich wird in der Türkei als fortschrittliches EU-Land mit neutraler, stabiler Politik gesehen. Österreicher werden als tolerant und demokratisch empfunden und gelten als vertrauenswürdige Geschäftspartner.

 

Ebenso wie die Geschäftspartner gelten auch die österreichischen Touristen in der Türkei als freundliche und angenehme Gäste. Aber auch umgekehrt kommen Türken gerne nach Österreich für einen Kultur-Trip oder einen Ski-Urlaub. Etwa 40 % der Türken verbinden mit dem Wort „Winterurlaub“ eine Assoziation mit Österreich und 60 % ordnen Österreich den Stichworten „gutes Essen“ und „Restaurants“ zu. Aber auch die Gastfreundschaft der Österreicher wird besonders geschätzt. 70 % der türkischen Hochpreistouristen empfinden Österreich als „gastfreundlich zu Ausländern“.

 

Jeder Urlaub geht einmal zu Ende und was bleibt sind Erinnerungen an schöne Tage. Doch jetzt haben Istanbuler die Möglichkeit, ihre Erinnerungen frisch zu halten. Sie gehen in ihr neues Alt-Wiener Kaffeehaus und bestellen eine Wiener Melange zu frischen österreichischen Mehlspeisen. Bir fincan kahvenin kirk yil hatiri vardir – eine Tasse Kaffe gewinnt das Herz für vierzig Jahre… (B.K)

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