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Jüdische Geschichte in Anatolien. Ein weiterer glänzender Stein im Kulturmosaik

 
08 07 2010
By: Redaktion 2 0
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In Erinnerung an Nedim Yahya, ein Mitglied der Fünfhundertjahre Stiftung, der am 22. September 1997  gestorben ist.

Bearbeitet von Birol Kilic

 

 

Zur Zeit sollte es jedem klar sein, dass die Türkei ein Hauptpunkt für die drei großen monotheistischen Religionen der Welt, den Islam, das Judentum und das Christentum, ist. Aber da sie ein mehrheitlich moslemisches Land ist, wissen viele Leute heute nichts mehr davon,  inwieweit das Alte Testament in der modernen Türkei verwurzelt ist. Der Berg Ararat  (Agri Dagi), wohin Noah und seine Familie nach der Überflutung geflohen sind, ist im Westen des Landes; in der Nähe von Dogubayazit. Noahs Nachkommen verbreiteten sich in einem großen Teil Anatoliens, und einer von ihnen, der Sohn vom Kanaan, Heth, wird für einen Vorfahren der Hethiter gehalten.

 

Von  Abraham,  dem ersten der hebräischen Patriarchen, glaubt man nach dem Islam, dass er in einer Höhle in der heutigen Stadt Urfa geboren worden ist und ziemlich sicher in Harran im 18. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Diese Höhle war später eine Zuflucht für Jakob, als er versuchte von Esau wegzukommen. Jacobs Brunnen ist heute immer noch da. Sogar der Garten Eden liegt für manche in der Türkei, weil dort Euphrat und Tigris ihren Ursprung haben.

 

Die heutigen großen Religionen wurden meist auf den Grundlagen von früheren, proto-monotheistischen  Glauben gegründet, die seitdem verblasst sind,  aber  dennoch  ihre Spuren hinterlassen haben. Vor viertausend Jahren war die wichtigste Gottheit der Hethiter der Wetter-Gott  Teshub, daraufhin waren den Mond-Gott anbetende Sabians überall an den Orten, wo heute die südöstliche Türkei ist. Ihr Tempel in Harran wurde als der größte in Mesopotamien  betrachtet. Außerdem gab es noch  Mithraists persischer Abstammung, die  den Gott des Lichtes auf den Bergen von  Nemrut, Pergamum und Olympus anbeteten.

 

Jüdische Gemeinden haben seit früheren Zeiten auf die Handelswege in Anatolien einen beträchtlichen Einfluss ausgeübt. Und das obwohl sie in diesem Land und auch in vielen anderen biblischen Siedlungen niemals mehr als eine Minderheitenreligion waren. Die jüdische Bibel (bei den Christen als das Alte Testament bekannt) ist eine Sammlung von Schriften, die ins 10.Jahrhundert v. C. zurückgeht. Sie teilt viele Legenden mit dem Christentum und dem Islam; wie z.B. die Überflutung und das Landen der Arche von Noah auf  dem Gipfel eines Berges (Ararat für Juden und Christen,  Cudi für Moslems).

 

 

Die Söhne von Noah

 

Noah hatte drei Söhne; Ham, Sem und Japhet; laut Genesis 10. Der Letzte hinterließ Nachkommen in Persien, Syrien und im größten Teil des östlichen Anatoliens. Die Nachkommen von Ham reisten entlang der Küste von Nordafrika und in die Region, die zwischen Tigris und Euphrat liegt.

 

Das Enkelkind von Noah, Asshur, war ein Vorfahre der großen Assyrer, die ihr Imperium entlang des Nordens von Tigris (Dicle) gegründet hatten. Ein anderes Enkelkind, Arphaxd, war ein Vorfahre von Abraham. Heth, der Sohn von Kanaan, wird als der Vater von den Hethitern vermutet, die in  Zentralanatolien von 2000 bis 600 vor Christus regiert haben. Zu dieser Zivilisation gibt es zahlreiche Anmerkungen in der Bibel.

 

Die Assyrer besetzten den Norden von Israel 722 v. C. Zwei Jahre später hatte König Sargon über  27.000 Israeliten im Norden von  Mesopotamien  auswandern lassen. Im Jahre 560 vor Christus haben die Babylonier Judäa erobert. Dadurch wurden wieder mehrere Israeliten vertrieben, ins Exil geschickt oder waren „verschwunden”. Als sie sich anstrengten, ihre Identität und ihr Erbe zu bewahren, wurden dies als die Diaspora der Juden bekannt. Manche kehrten zurück, um Jerusalem wieder aufzubauen, während Andere  jüdische Kulturzentren in  der Region Mesopotamien bildeten.

 

Aber die größte Expansion der Diaspora nach der Eroberung durch Alexander den Großen (332-323 v. C.) statt. Die Migration in Palästina wurde dadurch ermutigt. Die Zerstörung von Jerusalem und des Tempels im Jahre 70 (v. C.) verursachte eine weitere Welle. Es wird geglaubt, dass sich im zweiten Jahrhundert vor Christus eine Million Juden in Kleinasien angesiedelt hatten und sich in vielen großen  Handelsstädten verteilten.

 

Die Synagoge von Sardis, ungefähr 50 Meilen von Izmir entfernt, war einst eine der Größten in der Geschichte, gebaut 220 vor Christus und nach der Zerstörung wieder aufgebaut  im dritten Jahrhundert.

 

Die große Halle, die innen großzügig mit Mosaiken geschmückt war, war ein Teil des Bad-Gymnasium Komplexes der Gemeinde. Der Boden und die Wände waren aus Marmor. Obwohl sie später bei einem Erdbeben zerstört wurde, blieb ein großer Teil des faszinierenden Originialbodens erhalten und zieht auch heute viele Touristen  aus der ganzen Welt an. Ein teilweiser Wiederaufbau, der einen hohen Status der Gemeinde zeigt,  wurde in den 1970ern unternommen Ephesus, die alte griechische Stadt, die der Göttin Artemis gewidmet war und schön wiederhergestellt wurde, ist noch immer eines der sieben Weltwunder. Die Stadt war eine wichtige Raststätte während der Zeiten der jüdischen Diaspora von 60 bis 120 vor Christus.

 

Am südlichen Ende der Stadt fließt der Fluss „Meander“. Das Tal dieses Flusses hat den Aufstieg und den Niedergang von sieben großen, historischen Städten sowie Priene, Miletos, Didyma und Aphrodisias miterlebt. Die meisten Synagogen dieser Städte sind noch erhalten.

 

 

Der Regenschirm des Humanismus

 

Seit der Zeit der Osmanen wurde die Türkei mit der religiösen Freiheit in  Zusammenhang gebracht, die den Weg für den heutigen, säkularisierten  Staat der  Türkischen Republik (Gründung 1923 durch ATATÜRK) ebnete. Im 12. Jahrhundert, während des dritten  Kreuzzuges, war der berühmte spanische Philosoph und Schriftsteller Maimonides, ein Jude, der persönliche Physiker des prachtvollen, moslemischen Führers Saladin. Ein Mann, der im Westen für die Übersetzung älterer Bücher über die Astronomie zuständig war, die tausend Jahre später, nachdem sie in Harran geschrieben worden sind, als revolutionär galten. Als die Osmanen Bursa im Jahre 1324 eroberten, fanden sie hier eine unterdrückte jüdische Gemeinde vor, die die Neuankömmlinge als ihre Befreier anerkannten. Sultan Orhan gab ihnen die Erlaubnis die Etz-ha- Hayyim Synagoge zu erbauen, die bis vor kurzem besucht wurde. Tatsächlich waren die Osmanen den jüdischen Flüchtlingen gegenüber so gastfreundlich, dass im frühen 15. Jahrhundert Rabbi Itzhak Sarfati aus Edirne einen Brief  an die jüdischen Gemeinden in Europa schickte, in dem er sie aufforderte, die Erniedrigungen, die sie unter dem Christentum erlitten haben, hinter sich zu lassen und „in der Türkei Sicherheit und  Wohlfahrt  zu suchen“,  als Teil ihres Weges zurück zum Heiligen Land.

 

Im Sommer von 1492, unter der Regierung  des aufgeklärten Sultans Beyazid II., der den Traum hatte aus sein Imperium einen „Regenschirm des Humanismus“ zu machen, nahmen  150.000 Sephardim, die wegen dem Erlass von Königin Isabella und König Ferdinand vor der Wahl zwischen  Tod  oder  Bekehrung  gestanden waren, Zuflucht im Osmanischen Reich. Sie waren offiziell willkommen und ließen sich in Istanbul, Edirne, Bursa und in vielen anderen Städten nieder. Sie bekamen Land, Steuernachlass, Ermutigung und Hilfe von der Regierung. „Der katholische Monarch Ferdinand wurde fälschlicherweise als weise betracht“, sagte Beyazid II., „denn er verarmte sein Land mit der Vertreibung der Juden und bereicherte unseres.“ Diese neuen Bürger gründeten im Jahr 1493 die erste schriftliche Presse und mit den Jahren  wurden berühmte Hofphysiker und Diplomaten Mitglieder der jüdischen Gemeinde.

 

Zu Beginn des  16. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde in Istanbul  30.000 Leute und  war damit die wichtigste Gemeinde in  Europa. Viele Jahre lang gab es mehr jüdische als moslemische Ärzte in  Istanbul.

 

Im späten 19. Jahrhundert halfen Dr. Isik  Pasa Molho, Admiral im Osmanischen  Heer,  und  Dr. Raphael Dalmediko, ein Offizier, ein Krankenhaus, das „Orahayim”- Krankenhaus mit 98 Betten zu gründen, das heute  noch existiert.

 

Eine von den wichtigsten jüdischen Siedlungen während der Herrschaft ByzanzÂ’ und des Osmanischen Reiches war Balat. Dieser Stadtteil erstreckte sich entlang der oberen Reichweite vom Goldenen  Horn. Viele von den  Leuten, die hier gelebt hatten, waren aus Mazedonien. Während seines goldenen Zeitalters im 18. und 19. Jahrhundert, waren hier sechs Synagogen. Die älteste und berühmteste ist die Synagoge Ahrida, die schon vor der Eroberung von Istanbul  existierte. Sie besitzt einen Altar, der der Arche von Noah nachempfunden ist.

 

Viele jüdische Konfessionen sind auch in Istanbul präsent. Nebst den Sephardim aus Spanien,  gibt es Askinazi Juden, die von der Krim stammen und eine Karaite Minderheit, die eine Festung im Gebiet in der Nähe vom Galata Turm hatte. Im Jahre 1900 zählte die gesamte jüdische Gemeinde  von Istanbul 300.000 Mitglieder.

 

In den 1930ern hatte der revolutionäre, säkularisierte Führer Mustafa Kemal Atatürk viele bekannte jüdische Professoren, die in Deutschland vor der Verfolgung geflohen waren, in die Türkei  eingeladen. Während des Krieges bot die Türkei für viele Leute eine sichere Durchfahrt nach Palästina.

 

Seit den späten 1940ern ist die jüdische Gemeinde der Türkei allerdings beträchtlich geschrumpft. Viele sind nach Israel ausgewandert um es zu unterstützen. Wenn ein Türke nach Israel kommt und den türkischen Juden in Israel einen Besuch erstattet, so ist er ein sehr willkommener Gast.

 

Über 100.000 türkische Juden leben nun in Istanbul. In Ulus gibt es ein großes, modernes Gymnasium. Es gibt sechzehn funktionierende Synagogen. Aus Anlass des 500jährigen Friedens und der Toleranz wurde das Fünfhundertjahre Museum gegründet.  Man feiert dabei  auch die berühmten jüdischen Bürger, die zum reichen Kulturschatz der Türkei beigetragen haben. Die Zeitung  „Shalom“  hat ungefähr 4000 Abonnenten und wird in Türkisch und in  Ladino gedruckt. Sie haben auch eine ausgezeichnete Buchhandlung mit jüdischen Touristenführern und historischen Büchern über die Türkei und die Osmanen.

 

Jüdische Touristen würden einen Spaziergang um den alten Stadtteil Galata genießen, wo auch die Neve Shalom Synagoge ist. Hier finden auch heute noch viele Hochzeiten und Bar Mitzvahs statt.

 

Quelle:

Mersina /Molly Mcanailly Burke