Monat: September 2010

15 09 2010
By: Redaktion 2 0

Die Rolle der Frau in den monotheistischen Religionen

Kommunikation als gesellschaftliche Verantwortung

 

von Frau Emely Abidin

 

Kommunikation bedeutet für mich Austausch von Erfahrungen und Kenntnissen. Sie sind Impulse für die Entwicklung jedes einzelnen von uns.
Nach meinem Menschenbild hat jeder dem anderen etwas zu geben und von jedem etwas zu erhalten!
Wir befinden uns in Deutschland in einer Zeit und an einem Ort, die geprägt sind von einem gesellschaftlichen Wohlstand und einer bunten Völkerdurchmischung.

 

Leider erkenne ich eine Unverhältnismäßigkeit zwischen den vielen aktiven Bemühungen sozialer Art für gegenseitige Verständigung und der unbewussten Aufrechterhaltung der Isolation innerhalb der einzelnen Gruppen, die hauptsächlich auf Berührungsängste zurückzuführen sein müssen.

 

Mit dieser Diskrepanz können Probleme nicht gelöst werden.Wir haben eine Reihe von Problemen, die uns alle betreffen, z.B. die Misshandlung von Kindern und häusliche Gewalt gegenüber Frauen.

 

Die Frau im Islam, in der Theorie und in der Praxis

 

Der Islam fordert Verantwortung für sich selbst, was eine Mündigkeit zu einem selbstbestimmten Leben voraussetzt. Zum Schutz der Frau sind dazu einige rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen. Z.B.:

 

·  Für die Gültigkeit einer Eheschließung muss die Frau zustimmen.

 

·  Die Frau behält ihren Besitz für sich, auch ihr Gehalt bei Erwerbstätigkeit.

 

·  Sie hat Anspruch auf Stillgeld.

 

·  Weiter hat sie Anspruch auf 2 Diener: einen für den Haushalt, einen für ihre persönlichen Wünsche. Sie ist nicht verpflichtet, den Haushalt zu führen und die Kinder zu versorgen.

 

·  Die Frau kann sich scheiden lassen.

 

·  Zum Schutz vor Erniedrigung kann sie sich sexuell verweigern, wenn sie keine Befriedigung erlebt.

 

·  Um keinerlei Verpflichtungen dem Mann gegenüber einzugehen, kann sie eine gemeinsam vereinbarte Ehe auf Zeit schließen, was auch den Mann von der Verpflichtung der Versorgung entlastet. Beide umgehen mit dieser Form der  Eheschließung, die übrigens im Koran als Genußehe bezeichnet wird, eine Scheidungsprozedur.

 

In der Praxis geht es allerdings ganz anders zu. Hier einige Beispiele:

 

· Zwangsverheiratungen

 

· Kein eigenes Konto bei Verdienst

 

· Das Stillgeld ist völlig unbekannt.

 

· Die Haushaltsführung und die Versorgung der Kinder sind überall Frauenensache.

 

· Bei der Eheschließung wird nicht auf das Scheidungsrecht hingewiesen, was für die Anwendung vorher im Ehevertrag schriftlich fixiert sein muss. Das gilt auch für die Polygamie: sobald eine Zweite antreten soll, kann die Erste ihre Ehe auflösen.

 

· Frauen lassen sich sexuell in ihren vier Wänden eine Menge gefallen, damit sie bei Verweigerung kein Fluch der Engel einholt.

 

· Die Zeitehe gilt bei den 90% Muslimen sunnitischer Richtung als verboten, weil der Kalif Omar dieses Verbot aussprach. Frauen wird damit die Chance zur Selbständigkeit erschwert.

 

Die Praxis ist geprägt von Hierarchisierung und Kontrolle, vom traditionellen Bild der Frau als Untergebene und Dienerin des Mannes. Man könnte den Heiratsvertrag als einen Arbeitsvertrag ohne Vergütung bezeichnen.

 

Eigentlich sind Männer und Frauen damit nicht glücklich. Es fehlt der Mut zur konsequenten Emanzipation.

 

Wir sollten uns fragen, warum gerade Religionen immer wieder Fanatismus und Rassismus produzieren, obwohl doch das Wesen von bewusster Gläubigkeit sich auf Liebe und Mitgefühl stützt, um die Würde und das Lebensrecht jedes Einzelnen zu bewahren. Imam Ali, der 4. Kalif sagte einmal:

 

Behandelt die Menschen respektvoll und liebevoll, denn entweder sind sie Muslime und eure Glaubensgeschwister oder sie sind Nichtmuslime und eure Schöpfungsgeschwister.

 

Die Beziehung

 

Das Kostbarste und deshalb auch Wichtigste im Leben sind körperliche und geistige Gesundheit und eine glückliche Liebesbeziehung aus der neue Menschen erwachsen. Es ist für mich unglaublich mit welcher Ignoranz wir der Partnerschaft und Elternschaft gegenüberstehen: jeder darf ohne Vorbereitung eine Beziehung beginnen und Mutter oder Vater werden ohne irgendeine spezifische Qualifikation, die sich auf das eigene Wohl als auch auf das des Kindes bezieht.

 

· Für die Optimierung der Integration von Migranten sollen diese die Landessprache erlernen.

 

· Orthodoxe Juden schließen eine Ehe erst nach einem Gentest aus dem hervorgeht, dass die Nachkommen genschadenfrei sind. (FAZ v. 30.10.05)

 

· Manager müssen eine erworbene Qualifikation nachweisen, bevor sie ein Unternehmen leiten.

 

· Dienstleister jeglicher Art ebenfalls.

 

Die Anforderungen an einen Manager, dessen Unternehmen erfolgreich sein soll, werden an keine Elternschaft gestellt.

 

Man verlässt sich im Schutzraum der familiären Privatsphäre für Partnerschaft und Elternschaft auf traditionell Übernommenes und gesellschaftlich Vorgegebenes.

 

Erzieher und Lehrer haben es dabei nicht leicht, dieses fundamentale Defizit auszugleichen. Ein Defizit, das sich bei den Heranwachsenden niederschlägt in den fehlenden Kommunikativen Kompetenzen vielfältigster Art.

 

Ursachenforschung und Prävention

 

Mehr als Symptombehandlung für unsere Mißstände brauchen wir systematische Ursachenforschung und Präventionswillen, d.h. die innere Bereitschaft die Realität wahrzunehmen und zu gestalten.

 

Was die von Männern ausgeübte Gewalt angeht, schlägt der Kultur-und Sozialanthroploge Werner Schiffauer Männerforschung vor: Man muss dringend Männerforschung betreiben, denn es sind ja Männer, die mit ihrer Situation nicht klarkommen, wenn sie gewalttätig werden. (Taz v. 17.10.05)

 

Ich schlage für die größte Verantwortung, die ein Mensch trägt, die institutionalisierte Bildung und die konsequente Unterstützung von Müttern vor, jenen Menschen in deren Macht und Vermögen das Wohl oder der Untergang der Menschheit liegen.
Mit dem Berufsstand „Mutter“ könnten wir uns viel Leid ersparen.

 

Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) wiederholte am Ende seiner Abschiedsrede dreimal den Männern zugewandt: seid gut zu euren Frauen!!! Denn er kannte die Hintergründe, Zusammenhänge und langfristigen Folgen bei Nichtbeachtung des Respekts vor Frauen.

 

Ich kenne nur sehr wenige Männer, die es sich zu ihrer obersten Priorität gemacht haben, in einer Beziehung ihre Frau glücklich zu machen. Vielmehr werden Kommunikationsstörungen als etwas Dazugehöriges hingenommen; auf Kosten von dauerhaften, wachsendem Verständnis füreinander und auf Kosten des Wohls der Kinder. Dabei empfiehlt der Koran, dass man entweder in Güte zusammenlebt oder sich in Güte trennt (2/228 und 2/230).

 

Ich erlebe Frauen heute in einer sehr oft verzweifelten und resignierten Weise und manchmal in einer ihr unwürdigen Weise als psychisches Wrack und Versorgungsmaschine, die unaufhörlich zu funktionieren hat.

 

Dabei stehen sie dem Schöpfer wegen ihrer Lebensspendenden Fähigkeiten am nahesten, haben aber zwischen sich und dem Schöpfer im Unterwerfungsglauben Andere gestellt: Väter, Ehegatten, Gelehrte.

 

„Der Beste unter euch ist der, der für die Menschen am nützlichsten ist“ ist ein Ausspruch des Propheten Muhammed (Friede sei mit ihm).

 

Ich frage mich, wie nützliche Menschen von Müttern hervorgehen sollen, die sich einerseits in der traditionellen Rolle als entmündigte Haussklavin befinden und andererseits einer Ausbildung entbehren jenseits ihrer Funktion als Versorgungsmaschine?!

 

Emely Abidin 4. November 2005

 

Quelle: Aypa TV

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15 09 2010
By: Redaktion 2 0

Wer vertritt den Islam in einem interreligiösen Dialog?

 

Frage: Wer vertritt den Islam in einem interreligiösen Dialog? Welche Maßstäbe müssen für diesen Dialog gesetzt werden?

 

Allgemeines Faktum: Die undogmatischen Diskussionen über den Islam finden immer häufiger statt. Die Gesprächsrunden sind nicht mehr einseitig christlich besetzt. Dabei werden neue Fragen aufgeworfen, deren Antworten die Eckpfeiler für das „neue” Zusammenleben darstellen.

 

Faktum in Österreich: Viele der Islamischen Organisationen, die behaupten Muslime zu vertreten, sind Verbände des POLITISCHEN ISLAM.

 

Fragen:

1.) Ist der politisch motivierte Islam eine Gefahr für die westlichen Demokratien?

2 ) Ist der Islam an sich demokratiefähig, wie es von vielen Seiten behauptet wird oder nicht?

3.) Kann der politische Islam mehr Menschen mobilisieren, als er ignoriert werden könnte?

 

Faktum: Nach einem bedingungslosen Dialog mit Gruppierungen des politischen Islam muss etwas Wichtiges relativiert werden. Denn es zeichnet sich eine gefährliche Entwicklung ab. Unter dem Vorwand des Dialogs wird die Unwissenheit oder die Vorurteile mancher deutscher Politiker, Verbände oder Kirchen über den politischen Islam ausgenutzt.

 

Frage: Uns stellt sich die Frage, ob uns bei der möglichen Existenz verfassungsfeindlicher Organisationen des politischen Islam eher Vertrauen weiterbringt oder ob wir nicht eine gesellschaftliche Gefahr verkennen.

 

Faktum: Die Trennung von Staat und Kirche in Österreich setzt eine Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften voraus. Gleichzeitig müssen jedoch die demokratischen Grundwerte eines Rechtsstaates geschützt werden. Das bedeutet, diese darf weder zu einem Abbruch des Dialogs mit Islamischen Gruppierungen führen, noch eine pauschale Kriminalisierung  der Muslime in Österreich beinhalten.

 

Im Umgang mit dem politischen Islam gibt es also weiterhin nur eine Lösung: den Dialog. Die Auseinandersetzung muss auf einer Aufklärung über verschiedene Gruppierungen des politischen Islam basieren, um Probleme und eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. In diesem Dialog dürfen Minderheiten wie die Aleviten nicht ausgeschlossen werden. Ein Grund dafür ist, dass viele sunnitisch geprägte islamistische Gruppierungen aus der Türkei Ihre Machtposition auf Politik bauen. Sie spielen auch bei der Ausgrenzung anderer islamischer Minderheiten wie beispielsweise der Ahmadiya oder der Aleviten eine entscheidende Rolle: „Muslim” ist nur noch, wer die Position der sunnitischen Vereinigungen inne hat.

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15 09 2010
By: Redaktion 2 0

Der Nikolaus kommt aus der Türkei

Der Nikolaus war ein Bischof! Seine Geschichte führt zurück in die Türkei des vierten Jahrhunderts. Dort lebte der Bischof von Myra und dort starb er – am 6. Dezember!

 

von Adil Oyan

 

Am 6. Dezember wird in Deutschland und den meisten europäischen Ländern – von Russland bis Griechenland – der Nikolaustag gefeiert. Es gibt sehr viele Arten, diesen Tag zu begehen: Zum Beispiel stellen in einigen Ländern die Kinder schon am Vorabend ihre Schuhe schön geputzt vor die Tür. Wenn sie artig waren, füllt der Nikolaus die Schuhe über Nacht mit Süßigkeiten.

 

Heute wird der Nikolaus meist mit einer kurzen Zipfelmütze dargestellt oder als moderner Santa Claus. Im Süden Deutschlands trägt er eine Bischofsmütze. Diese deutet auf den geschichtlichen Ursprung der Nikolausfigur hin – denn wer es noch immer nicht glauben will, dem sei gesagt, dass der Nikolaus wirklich gelebt hat und zwar im 4. Jahrhundert in der Türkei. Denn bei dem am meisten verehrten Heiligen der Christenheit handelt es sich um den in etwa 342 gestorbenen Bischof von Myra.

 

Nikolaus von Myra, Heiliger

 

Nikolaus von Myra wuchs in einer sehr vermögenden, aber auch sehr frommen und wohltätigen Familie auf. Nachdem beide Eltern während einer Pestepidemie gestorben waren, verteilte Nikolaus sein Erbe unter die Bedürftigen und wurde Priester. Zu seiner eigenen Überraschung wurde der freigiebige Mann vom Volk zum Bischof ausgerufen – in der christlichen Frühzeit wurden die Bischöfe noch von der Gemeinde gewählt. Ein Bischof war ursprünglich auch nur das Oberhaupt der Christen in einer Stadt oder in einem überschaubaren Gebiet.

 

Während der letzten großen Christenverfolgung unter Kaiser Galerius (um 310) wurde Nikolaus eingekerkert und schwer misshandelt, aber nicht getötet. Gezeichnet von den erlittenen Folterungen trat der Bischof beim berühmten Konzil von Nicäa (325) auf. Dann schweigen die Quellen über ihn. Sein Todestag soll der 6. Dezember gewesen sein.

 

Die Stadt Myra, heute Kale, liegt an der Mittelmeerküste im Süden der Türkei zwischen den heutigen Touristenhochburgen Antalya und Fethiye.

 

So dürftig die Daten seines Lebens auch sind, so üppig ist die Anzahl der Legenden, die sich um St. Nikolaus drehen: Die meisten seiner Taten waren gut durchdachte Nacht-und-Nebel-Aktionen, wie die Bewahrung dreier Nachbarstöchter vor der Prostitution. Durch ein Geschenk von drei goldenen Äpfeln, die Nikolaus heimlich in der Dunkelheit ins Haus der Jungfrauen legte, verzichtete der Vater auf den Plan, seine Töchter zu verkaufen, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Auf diese Legende ist das heimliche Schenken in der Nacht vor dem Nikolaustag zurückzuführen.

 

Während einer Hungersnot soll Nikolaus von Myra seinen darbenden Mitbürgern auf wunderbare Weise Korn verschafft haben, indem er einige Kauffahrer veranlasste, ihre Getreideschiffe nicht an ihren ursprünglichen Bestimmungsort zu bringen, sondern in die hungernden Städte und Dörfer Kleinasiens zu liefern. Als die Händler mit beklommenem Herzen weitersegelten, weil sie mit leeren Händen nach Hause gekommen wären, waren plötzlich die Schiffe wieder vollständig beladen, obwohl auch die Hungernden an der Küste keine Not mehr litten.

 

Diese Legende gab den Anlass, dass auch die Getreidehändler, Müller und Bäcker den heiligen Nikolaus zu ihrem Berufsheiligen erkoren.

 

Kaufleute aus Bari entwendeten im Jahr 1087 die Gebeine des Bischofs aus der Kirche zu Myra, um sie nach Italien zu bringen. Wer also heute die Grabstelle in Kale besucht, die als touristisches Muss bei fast jeder Rundfahrt im Programm ist, kann sicher sein: das Grab ist leer.

 

…und sein Knecht Ruprecht

 

Im Laufe der Jahrhunderte bekam der Nikolaus Gehilfen. Der bekannteste dürfte Knecht Ruprecht sein, der artige Kinder belohnt und ungezogene Kinder mit der Rute bestraft. In den Alpenländern hat der Nikolaus eine viel größere Gefolgschaft. Sie besteht aus teilweise sehr gruseligen Figuren mit zotteligem Fell und hässlichen Gesichtern. Sie sollen den Kindern Angst einflößen und sie zum Artigsein ermahnen.

 

Übrigens: Erst vor 70 Jahren entwickelte sich die moderne Vorstellung vom Nikolaus als einen menschlichen und gütigen, vergnügten, alten Mann mit rosa Wangen und stattlichem weißen Bart. 1931 nämlich beauftragte die Coca Cola Company den schwedisch-amerikanischen Zeichner Haddon Sundblom, den „Santa Claus“ für eine Werbekampagne zu zeichnen. Sundblom, bereits zuvor ein erfolgreicher Werbezeichner, schuf einen sympathischen „Nikolaus zum Anfassen“. Seine Vorlage: das großväterliche Gesicht eines pensionierten Coca Cola Fahrverkäufers.

 

Quelle: http://freenet.meome.de/app/fn/home.jsp

 

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15 09 2010
By: Redaktion 2 0

50 Jahre nach den Massakern von Auschwitz, Treblinka und Dachau

Ahmet Özay und Birol Kilic (Deutsch)

 

 

Die türkischen Opfer des Dritten Reichs sind betrübt

 

An der Gedenkfeier, die anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung des nationalsozialistischen Todeslagers Auschwitz durch die Rote Armee veranstaltet wurde, haben neben den 16 Staatspräsidenten auch der deutsche damalige Bundespräsident Roman Herzog teilgenommen.

 

50 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges gedenkt man in Veranstaltungen (die bis Juni dauerten) der ca. 6 Millionen Juden, Polen, Russen, Ungarn, Rumänen und Roma und Sinti, die in Konzentrationslager wie Auschwitz, Riga, Buchenwald oder Dachau vernichtet wurden. Heute lassen sich Grabmäler finden, die für die jüdischen, russischen, albanischen und ungarischen Opfer der Konzentrationslager errichtet wurden. Diese ehemaligen Todeslager befinden sich heute innerhalb der Grenzen verschiedener Staaten wie Polen, Frankreich, Österreich und Deutschland.

 

 

Die dem Naziregime zum Opfer gefallenen Türken

 

Die Türken, die in Deutschland leben, sind in den letzten Jahren mit dem wachsenden Neonazi-Terror konfrontiert. Was war aber das Schicksal der Türken in Deutschland im Jahre 1939, als der zweite Weltkrieg ausbrach, und was davor? Das in den Archiven verstaubte Schicksal türkischer Staatsbürger in den Konzentrationslagern unterscheidet sich kaum von jenem der anderen Völker.

 

Theresienstadt war früher eine Garnisonstadt, die unter der österreichisch-ungarischen Kaiserin Maria Theresia gebaut worden ist. Im „Totenbuch“ des Konzentrationslagers Theresienstadt, das heute in der Tschechischen Republik liegt, findet man Todesregistrierungen von zehn Menschen, die den Nachnamen  „Türk“, „Türkel“, „Tuna“ und „Balaban“ getragen haben. Diese Personen wurden in Österreich in Haft genommen und per Zug in das Konzentrationslager transportiert. Es existieren keine detaillierten Hinweise über ihre Identität (Totenbuch Theresienstadt, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Junius Verlag, 1987, Wien). Aber unter den Namen der 17 Länder, deren Bürger in Theresienstadt der Nazidiktatur zum Opfer gefallen sind, wird auch die Türkei erwähnt.

 

 

Ein türkischer Journalist im Konzentrationslager

 

Als das Konzentrationslager Dachau, das sich heute im Bundesland Bayern befindet, am 26. April 1945 durch die englische Armee befreit wurde, waren 86 von den 67.665 im Register eingetragenen Menschen türkische Staatsbürger (Registrierung mit den Datierungen 16.-26. April 1945 aus dem Archiv des KZ Dachau).

 

Dr. Emrullah Gün, ein in der Presseabteilung der türkischen Botschaft in Budapest tätiger Journalist, war einer der türkischen Staatsangehörigen, die, mit der Begründung judenfreundlich, aber  bolschewisten- und deutschfeindlich zu sein, in das KZ Dachau eingeliefert wurden. Nach dem Haftbefehl, der von der Gestapo, Hitlers Geheimpolizei, erstellt worden war, war Dr. Gün „einer der gefährlichsten deutschfeindlichen Journalisten“ (Die Übersetzung des Schreibens mit der Nummer R.S.H.IV 3 A 147221, das von der nationalsozialistischen Geheimpolizei Gestapo an das Gefängnis Feldkirch in Österreich geschickt wurde, lautet folgendermaßen: „Dr. Gün Nerin Emrullah, 24 jähriger türkischer Staatsbürger, tätig in der Presseabteilung der türkischen Botschaft in Budapest. Er wurde nach dem Haftbefehl der österreichischen Bundespolizei mit der Nummer IV 3 A 147 221 in Haft genommen, da er einer der gefährlichsten deutschfeindlichen Journalisten ist, der mit seinen Artikeln in den Medien viel Aufsehen erregt hat. Feldkirch 12.4.1945“). Seine Festnahme hatte zum Ziel, ihn zum Schweigen zu bringen, da er mit seinen Artikeln in den Medien viel Aufsehen erregt hatte (Dr. Emrullah Gün lebt heute in den USA. Es wurde festgestellt, dass er anlässlich einer Jubiläumsfeier zur Befreiung von Dachau durch die Aliierten in den sechziger Jahren einmal nach Deutschland gekommen ist). 13 Tage nach seiner Einlieferung in das KZ wurde er allerdings von englischen Truppen vor dem Tode gerettet. Ein anderer, der wie Dr. Emrullah Gün lebend gerettet wurde, ist der im Jahr 1920 in Istanbul geborene Rüstem Ali, der Gefangene mit der Nummer „84 284“.

 

In den Registern von Dachau sind außerdem auch die in Istanbul geborenen und in Paris und Marseille lebenden Juden Isak Mirzahi und Aleksander Aslan eingetragen. Jedoch nahm das Schicksal von Aleksander Aslan einen anderen Lauf als jenes von Dr. Emrullah Gün. Er wurde am 14. Oktober 1944 in das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich eingeliefert (Registrierung aus dem Jahre 1945 aus dem Archiv des KZ Dachau).

 

In Mauthausen, wo besonders die russischen, polnischen und jüdischen Gefangenen mit sogenannten Methoden wie „kaltes Bad“, „Muselmann“ und „Herzinfektion“ vernichtet wurden, sind 200.000 Menschen ums Leben gekommen. In Mauthausen,  wo tausende  Menschen aus verschiedenen Ländern der Welt ermordet wurden, lassen sich in den Registern neben  Aleksander Aslan noch 30 andere türkische Staatsbürger finden (Die Geschichte des KZ Mauthausen, Hans Marsalek, eine Veröffentlichung der österreichischen Lagergemeinschaft Mauthausen, Seite 141, 1980 Wien). Nach den heute zur Verfügung stehenden Daten ist das Schicksal dieser Menschen noch immer unbekannt.

 

 

Die Regierung von Vichy und die türkischen Gefangenen

 

Der Naziterror gegenüber den türkischen Staatsbürgern bleibt nicht auf Deutschland und Österreich begrenzt. Die mit Hitler kooperierende Vichy Regierung fing in Frankreich mit einer Menschenjagd an. Von dem KZ „Drancy“ in der Nähe von Paris wurden Menschen mit Zügen nach Auschwitz, Buchenwald und Treblinka transportiert. 1.282 der 67.488 Personen, die von „Drancy“ in die verschiedenen KZ eingeliefert wurden, waren von türkischer Staatsangehörigkeit, was bei 330 Personen durch die Nazibehörden jedoch nicht bestätigt worden war, da es sich um türkische Juden und um aserbaidschanische, tatarische, und usbekische Soldaten handelte, die während ihres Dienstes in der sowjetischen Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren. Herr Mirza Hayit, deutscher Staatsbürger usbekischer Herkunft  und Offizier in den Roten Armee während des zweiten Weltkrieges und selbst auch ehemaliger Kriegsgefangener, vermutet, dass ein Teil dieser Leute sowjetische Muslime gewesen sind. Denn gemäß dem damaligen türkischen Botschafter in Marseille, befanden sich zu dieser Zeit nicht viele Türken in Frankreich.

 

Über das Schicksal dieser 1.282 Menschen existieren keine eindeutigen Hinweise, jedoch vermutet man, dass ihre Leben in den Gaskammern von Auschwitz und Buchenwald ein Ende gefunden haben (Dimension des Völkermordes, Wolfgang Benz, R.Oldenburg Verlag, Seite 134, 1991 München). Einige Zeilen in einer deutschen Veröffentlichung liefern die einzige Information über das Schicksal der türkischen Juden in Belgien (Dimensionen des Völkermordes, Wolfgang Benz, R.Oldenburg Verlag, Seite 130, 1991 München). Gemäß diesem Werk werden diese Juden in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 1943 verhaftet und mit einem Sonderzug der Nummer 22A in die KZ Buchenwald und Ravensbrück verfrachtet. Über das Ende der in Belgien ansässigen türkischen Juden kann man angesichts der vorhandenen Daten nicht viel sagen.

 

 

Das Rote Kreuz schweigt

 

Als die 16 Präsidenten der westlichen Staaten in Auschwitz zusammenkamen, um der Kriegsopfer zu gedenken, mussten sich die türkischen und türkisch-jüdischen Opfer von Dachau, Mauthausen, Auschwitz und Buchenwald noch immer mit ihrer Einsamkeit in den „Todeslisten“ abfinden.

 

Das Deutsche Rote Kreuz verfügt über ein vollständiges Namenregister der 50 Millionen Kriegsopfer, die entweder während des Krieges ums Leben gekommen oder verschollen sind. Als wir uns an das „Büro für international vermisste Personen vom Roten Kreuz“ gewendet habe, verlangten die Beamten jeweils eine „Ermächtigungsurkunde“ von den Familien der Betroffenen, um die gewünschten Informationen freigeben zu können. Mit diesen Ermächtigungsurkunden ist es möglich über das Schicksal der tausenden namenlosen Opfer Auskunft zu erhalten und zu erfahren, wie und wo Türken und türkische Juden ums Leben gekommen sind. Eine andere Möglichkeit wäre diese Information auf offiziellem Wege zu verlangen wie es auch die anderen Staaten getan haben.

 

 

Die namenlosen Opfer und stillen Helden des Naziterrors

 

Die Länder deren Bürger im Holocaust ums Leben gekommen sind, waren in Auschwitz auf Präsidentschaftsebene vertreten. Von der niederländischen Prinzessin Beatrix bis zu Albaniens Präsident Sali Berisa waren alle Staatsoberhäupter anwesend.

 

Für den Augenblick sieht es so aus, als ob es den Historiken überlassen ist und in den übermenschlichen Bemühungen der türkischen Diplomaten liegt, die Tragödie der tausenden türkischen Opfer und die Rettung der unzähligen türkischen Juden ans Tageslicht zu bringen.

 

Neue Angaben über das Drama der türkischen Juden findet man in einem Brief, der am 19. Mai 1944 von Thomas Rahey, einem ehemaligen Leiter des KZ  „Bergen-Besen“ in Niedersachsen Deutschland, an Prof. Dr. Stanford Shaw, ein Professor an der Universität von Kalifornien, geschrieben wurde. Nach diesem Brief wurden 105 türkisch-jüdische Gefangene am 4. März 1944 nach langen Diskussionen zwischen Adolf Eichmann dem sogenannten „Judenmetzger“ und dem Nazifunktionär Rudolf Kastzner auf freien Fuß gesetzt. Diese Menschen, die nach ihrem Retter die „Kastzner Gruppe“ genannt werden, reisten nach Schweden ein und wurden von der dortigen türkischen Botschaft mit einem Sonderschiff in die Türkei geschickt. Sie kamen am 10. April 1945 in Istanbul an.

 

In einem mit dem Datum 17. Januar 1943 versehenen Brief aus Amsterdam an die türkische Botschaft in Berlin wurde um Hilfe für die türkisch-jüdischen Gefangenen in den Niederlanden gebeten (Die Briefe von Avram Besuse mit dem Datum 22. Juli 1943).

 

Dieser Brief wurde von Avram Besuse, einem 1894 in Istanbul geborenen Teppichverkäufer, in Amsterdam geschrieben. Einem Schreiben der Hamburger Botschaft mit der Datierung 9. März 1943 entnimmt man, dass sich die türkischen Behörden um die Freilassung der 35 in den Niederlanden lebenden türkischen Juden bemühen. Auch nach Ankara richteten sich die Hoffnungen von 16 in Gelibolu, Istanbul, Edirne und Jerusalem geborenen Juden türkischer Herkunft, die entweder aus der türkischen Staatsbürgerschaft ausgetreten waren oder sich zu der Zeit noch in einer unklaren Situation befanden.

 

Gemäß den Noten des Deutschen Außenministeriums mit dem Datum 5. April 1943 und 21. Mai 1943 wird die Rückkehr der türkischen Staatsbürger jüdischer Herkunft aus den Niederlanden in die Türkei toleriert. Gegen die Ausreise einiger Personen in einer von der Hamburger Botschaft erstellten Liste, mit der Begründung, dass sie keine türkischen Staatsangehörige wären, wurde jedoch Einspruch erhoben. Unter den letzteren befanden sich auch Avram Besuse und seine Familie.

 

In höchster Verzweiflung wandte sich Avram Besuse an das türkische Außenministerium und Parlament. Daraufhin wurden ihm und seinen Angehörigen türkische Pässe ausgestellt, welche ihnen die Einreise in die Türkei ermöglichte.

 

 

Der stille Held ist am Leben

 

In diesem Zusammenhang sollte man die übermenschlichen Bemühungen des damaligen türkischen Botschafters Marseilles nicht vergessen. Der heute 85 jährige in Istanbul ansässige Necdet Kent stieg in einen Zug, der türkische Juden in die Konzentrationslager transportieren sollte mit ein und teilte den Behörden mit, er wäre bereit mit seinen Landsleuten in die Gaskammer zu gehen, sollten diese nicht sofort auf freien Fuß gesetzt werden. Daraufhin wurden diese Menschen nach langen Diskussionen, wie in Bergen-Besen, mit einem Sonderbefehl aus Berlin freigelassen. Leider hatte die Geschichte für die türkischen Juden in anderen Teilen Frankreichs kein so glimpfliches Ende. Die 1.282 türkischen Staatsbürger in „Drancy“ wurden in Konzentrationslagen in Osteuropa eingeliefert.

 

Harri Ojalvo von der „500. Jahr Stiftung“, der lange auf diesem Gebiet geforscht hat, bestätigt, dass man nichts mehr von diesen 1.282 Menschen gehört hat und ist davon überzeugt, dass alle ums Leben gekommen sind.

 

Auf der anderen Seite wissen wir, dass am 26. März 1944 32 Juden aus dem KZ „Haidari“ in Griechenland freigelassen wurden, nachdem sich die Türkische Botschaft in Athen eingestaltet hatte. Isak Gerson, einstiger Gefangener im KZ „Haidari“, der heute in Amerika lebt, bestätigt das in einem von ihm persönlich geschriebenen Brief. Nicht nur in Berlin, Hamburg, Marseille, und Athen, sondern auch in Varna, Sofia und Budapest haben sich die türkischen Diplomaten für ihre Landsleute eingesetzt.

 

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14 09 2010
By: Redaktion 2 0

Die Türkische KULTURgemeinde ist gegen eine Quotenregelung

Es widerspricht auch dem grundsätzlichen sozialen Verständnis der Bevölkerung und geht an die Grenzen der Verfassungswidrigkeit.

Der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft IGGÖ, Ibrahim Olgun, schlug zuletzt eine Quotenregelung für ethnische Gruppen in Kindergärten vor. In Kindergärten sollten Kontingente für Ethnien vorgesehen werden, um auch Nichtmuslime anzusprechen.

Für die Türkische KULTURGgemeinde in Österreich(TKG) als Think Tank NGO sind Kontingente nach Ethnien nichts anderes, als eine Festsetzung bestimmter Quoten nach Herkunft, also nach Rassen. In der Praxis könnte das etwa bedeuten: 40 Prozent türkische Kinder, 20 Prozent österreichische Kinder, 20 Prozent arabische Kinder, 20 Prozent afrikanische Kinder – mit der logischen Aufgliederung nach Herkunft in Afrika.

 

Artikel 7 Absatz 1 der Bundesverfassung sagt:

Alle Bundesbürger sind vor dem Gesetz gleich. Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen.

Artikel 14 der Europäischen Menschrechtskonvention sagt:

Der Genuss der in der vorliegenden Konvention festgelegten Rechte und Freiheiten ist ohne Benachteiligung zu gewährleisten, die insbesondere im Geschlecht, in der Rasse, Hautfarbe, Sprache, Religion, in den politischen oder sonstigen Anschauungen, in nationaler oder sozialer Herkunft, in der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, im Vermögen, in der Geburt oder im sonstigen Status begründet sind.

Artikel 21 Absatz 1 der Europäischen Grundrechtecharta sagt:

Diskriminierungen insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der genetischen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltanschauung, der politischen oder sonstigen Anschauung, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung sind verboten.

 

Weil es für uns auch ein wichtiges Anliegen ist und das Thema öffentlich wurde möchten wir hier, ohne jemanden zu verurteilen oder etwas vorzuwerfen in aller Freundschaft warnen:

Die Aufgliederung nach Rassen, damit untrennbar verbunden die Relation zu „guten“ und „schlechten“ Rassen, war vor 80 Jahren Teil der Ideologie eines unmenschlichen Regimes.

Quoten für Kinder nach rassischer Herkunft einzuführen, ist nicht nur menschenrechtswidrig, sondern widerspricht auch dem grundsätzlichen sozialen Verständnis der Bevölkerung und geht an die Grenzen der Verfassungswidrigkeit. Kindern oder Familien etwa zu sagen: Du darfst dort nicht mehr hinein, weil Deine Rasse schon die Quote erfüllt hat, ist deshalb ein tiefer Rückfall in eine vergangene – und offenbar noch nicht von allen überwundene – Ideologie.

 

Rückfragen & Kontakt:

Türkische Kulturgemeinde in Österreich(TKG)

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11 09 2010
By: Redaktion 2 0

TKG: Allah und Koran sind nicht gegen Darwin und Evolutionstheorie!

Evolutionstheorie, Darwin, Islam und Bildung: Wir wollen, dass alle Kinder in Österreich, die muslimischen Glaubens sind, die vom Bildungsministerium zur Verfügung gestellte biologische Evolutionstheorie lernen. Des Weiteren fordern wir, dass die Kinder nicht in Hinterhöfen von Vertretern von Vereinen, Verbänden oder Religionsgemeinschaften dazu angestiftet werden, die biologische Evolutionstheorie in Frage zu stellen.

 

Zwischen der biologischen Evolutionstheorie und dem islamischen Glauben besteht keine Inkompatibilität, die Idee der Evolution hat einen festen Platz in der islamischen Ideengeschichte. Kurz: Weder Allah noch der Koran sind gegen Darwin und die Evolutionstheorie! Ganz im Gegenteil, sie unterstützen die Wissenschaft, WissenschaftlerInnen, den Verstand und die Vernunft.

Man kann den Koran nur durch Metaphern verstehen, weil wir das Wesen Gottes mit dem menschlichen Verstand nicht erfassen können. Die Begriffe im Koran zur Erschaffung der Menschen sind Metaphern ohne wissenschaftlichen Anspruch, weil der Koran keine Quelle für wissenschaftliche Erkenntnisse ist. Der Verstand wird im Koran als Quelle für wissenschaftliche Erkenntnisse erwähnt und gelobt. Die Evolutionstheorie ist eine Wissenschaftstheorie ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit und steht damit nicht im Widerspruch zum Koran und der islamischen Wissenschaftstheorie.

Wie Gott einen Menschen wirklich erschaffen hat, wissen wir nicht. Das ist für uns Menschen auch nicht möglich. Wir haben nur die Aufgabe, die Werke Gottes als Mensch zu verstehen und zu deuten. Was Darwin gemacht hat, ist genau das: er erklärt, wie er die Zeichen Gottes zu verstehen versucht:

 

 „Wir machten aus dem Wasser alles Lebendige. Wollen sie denn nicht glauben? (Koran: 21/30)

 

„Gott ist der Schöpfer aller DINGE und ER ist der ERHALTER aller Dinge.“ ( Koran Vers 39/62 

 

Die Evolutionstheorie wurde von dem berühmten muslimischen Philosoph Ibn Miskeveyh’ten, der zwischen 940 und 1030 gelebt hat, schon früher in seinem Buch “El-Fevzül-Asgar“ beschrieben. Hier schreibt er, dass die Evolution der Pflanzen mit einer übermächtigen Kraft Gottes kreiert wurde und sich die Evolutionstheorie über das Wasser und das Tierreich entwickelt hat.

Demnach hat der Philosoph Ibn Miskeveyh’ten die Resultate, die Darwin veröffentlicht hat, schon vor 850 Jahren geschrieben. Vor ihm haben in der griechischen Antike der Philosoph Anaximander (611-547 v.Chr.) nachher Aristo (300 v.Chr.), sowie der römische Philosoph Lucretius darüber geschrieben. Der Koran unterstützt an erster Stelle Verstand, Vernunft und Wissenschaft. Die wissenschaftlichen Vorzüge der Evolutionstheorie stehen nicht im Gegensatz zum auf den Verstand und die Zeit bezogenen Koraninhalt.

 

Türkische KULTURgemeinde in Österreich (TKG)
Obmann
Dipl.-Ing. Birol Kilic

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10 09 2010
By: Redaktion 2 0

Die sephardische Diaspora im osmanischen Reich und die sephardisch-türkische Gemeinde in Wien

 

Univ. Prof. Dr. Jacob Allerhand

 

Die sephardische Diaspora im Osmanischen Reich und die sephardisch-türkische Gemeinde in Wien [in: Auf den Spuren der Osmanen in der österreichischen Geschichte. (=Wiener Osteuropa Studien, Band 14) Frankfurt am Main 2002 (Peter-Lang Verlag) p. 21-28]

 

Ein beträchtlicher Strom der aus Spanien Vertriebenen ergoss sich ins Osmanische Reich. Nachdem dieses Erez Israel annektiert hatte, war es zum Anziehungspunkt für jene Marranen geworden, die zu büßen und zu ihrem früheren Glauben zurückzukehren wünschten. Der Chronist Rabbi Elia Kapsali, der die Vertreibung miterlebte und der älteren Generation der jüdischen Bevölkerung im Osmanischen Reich angehörte, berichtet, dass nach 1492 „Tausende und Abertausende ausgewiesener Juden … kamen, so dass das Land … voll war von ihnen.“

 

Der Weg von der Iberischen Halbinsel zum Balkan und nach Kleinasien und häufig von dort nach Syrien und Erez Israel war weit, mühselig, voller Gefahren. Die Ausgewiesenen richteten sich ihre eigenen Durchgangsstationen ein, zum Beispiel in Häfen und Städten Italiens. Die physische Not und die plötzliche Verarmung waren nur schwer zu ertragen. Einer der Verbannten, der im Osmanischen Reich Zuflucht gefunden hatte, berichtet, dass „all ihr Geld für die Kosten ihrer Wanderung verbraucht worden war…“, als er mit seinen Leuten „inmitten eines Volkes, das ihre Sprache nicht verstand“ anlangte. Diesem Zeugen zufolge brachen auch Familien unterwegs auseinander. Denn „Männer kamen ohne ihre Frauen und Frauen ohne ihre Männer.“ Damit war eine Unterminierung des religiösen Familiengesetzes verbunden, da jeder, der allein war, alles tat, um einen Gefährten zu finden … ohne besonders heikel zu sein … ob das Verhältnis auch zulässig sei.“

 

Sultan Bayezid, der zur Zeit der Vertreibung regierte, hieß die vor den fanatischen Christen Geflohenen willkommen. Wie ein jüdischer Zeitgenosse berichtet, „sandte der Sultan viele Männer aus und ließ in seinem ganzen Reich in Wort und Schrift verkünden, dass keiner seiner Beamten in keiner seiner Städte es wagen solle, die Juden zu vertreiben oder zu verstoßen, sondern sie sollten sie willkommen heißen.“

 

Man darf annehmen, dass diese kaiserliche Protektion und der Befehl zur Gewährung des Wohnrechtes dem Einfluss der Führer der alteingesessenen jüdischen Gemeinde zu verdanken war. Diese unternahmen auch beträchtliche Anstrengungen, um ihren vertriebenen Brüdern materielle Hilfe zukommen zu lassen. „Dann mühten sich die Gemeinden (im Türkischen Reich)… gaben Geld wie Steine für die Befreiung von Gefangenen … in jenen Tagen … erwirkte der edle Mose Kapsali viel in Konstantinopel … bereiste die Kongregationen und zwang einen jeden, den ihm angemessenen Betrag zu geben.“ Diese aufgrund echter Anteilnahme am Geschick ihrer Glaubensgenossen erfolgte Hilfeleistung rief allerdings Überlegenheitsgefühle bei den Gebern hervor, die sich sehr groß vorkamen, weil sie den Heruntergekommenen gnädigst Hilfe sowie Status und Anerkennung zuteil werden ließen. Nachdem die aus Spanien Vertriebenen sich eingerichtet hatten – was auch im Osmanischen Reich relativ schnell geschah – kam es seitens dieser Juden aus Spanien und Portugal zu einer Reaktion gegenüber den türkischen Juden.

 

Doch nicht alle Exilanten bedurften der Hilfe. Auch im Osmanischen Reich fanden manche gleich Eingang in Hofkreise, so der Arzt Josef Hamon, der aus Granada dorthin kam, „und etwa fünfundzwanzig Jahre (ab 1493 als Arzt) zur Zeit des Königs, Sultan Bajasid, im königlichen Haushalt Dienst leistete und auch als vertrauter Freund seines Sohnes …Sultan Selim … und der in die Bresche sprang, um die Juden von großen Gefahren zu befreien“, wie es in der nach seinem Tod 1517 gehaltenen Grabrede heißt. Die Daten lassen erkennen, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in der Türkei zum Hofarzt ernannt wurde; man weiß, dass sein Sohn Mose ihm in diesem hohen Amt nachgefolgt ist.

 

Erfolg blieb nicht nur den Kreisen der Ärzte und Höflinge vorbehalten. Anscheinend war man im Osmanischen Reich der Meinung, dass die Absorbierung der Vertriebenen aus dem Westen kulturelle und sogar militärische Vorteile brachte. Unter den Exilanten scheinen erfahrene Eisengießer und Schießpulver-Hersteller gewesen zu sein, die dem Imperium von Nutzen waren. Elia Kapsali berichtete, der Herr habe „die Türken wegen der Juden gesegnet … denn dank der Juden besiegten die Türken große und mächtige Monarchen … Die Juden lehrten die Türken mit allen Arten von vernichtenden Waffen, Batterien und Feldgeschützen umzugehen. Und durch sie wurden die Türken mächtiger als alle Völker der Welt.“ Auch hatte er gehört, dass der Sohn des Sultans Bayezid, „Sultan Selim, die Juden wahrhaftig sehr liebte, denn er sah, dass er durch sie andere Nationen zerschmettern konnte … denn sie machten ihm eine große Menge von Geschützen und Waffen.“
Es ist eine militärgeschichtliche Tatsache, dass die Ausstattung der türkischen Armee mit Feuerwaffen etwa zur Zeit der Aufnahme der spanischen Exilanten in das Osmanische Reich erfolgte. Die türkischen Siege über die Mamluken und die Perser zu Beginn des 16. Jahrhunderts werden für gewöhnlich dem Einsatz von Feuerwaffen zugeschrieben. Aus Kapsalis Feststellung darf man also schließen, dass sich unter den aus Spanien vertriebenen Juden Experten für diese Art Feuerwaffen befanden und wesentlich zur Ausrüstung der türkischen Streitkräfte beitrugen.

 

Die Vertriebenen verteilten sich nach und nach in alle Hauptstädte des Reiches. In Konstantinopel, wo es im 16. Jahrhundert viele Synagogen gab, ließen sie sich auch in Vierteln nieder, in denen zuvor keine Juden gewohnt hatten. Auch Saloniki (Selanik) wurde ein Hauptzentrum der Juden und ebenso Adrianopel (Edirne) und Smyrna (Izmir). In kleineren Städten siedelten sich ebenfalls Juden an. Ausweisungen aus Süditalien trugen zur Diversifikation der jüdischen Gemeinde bei und vermehrten noch die zahlreichen Gemeinden im Reich. In der griechischen Stadt Arta, die nicht besonders groß war, „ließen sich vier Gemeinden nieder, die durch die Vertreibungen in den Königreichen von Spanien, Portugal, Sizilien, Kalabrien und Apulien (hierher) gekommen waren.“ Diese Gemeinden machten sich Seite an Seite mit „den Gemeinden von Einwohnern (sesshaft), die dort schon seit früheren Zeiten ansässige waren, wohl eingerichtet in ihren vornehmen Häusern und Innenhöfen.“

 

Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 und aus Portugal 1498 ließen sich diese sephardisch genannten Juden, einesteils in Mittel- und Westeuropa, hauptsächlich in Italien, Frankreich, Amsterdam und Hamburg nieder. Auch wenn es erst im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts zur Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien kam, so führten doch bereits seit dem 16. Jahrhundert sephardische Juden in Wien bestimmte Handelsgeschäfte und Finanztransaktionen durch. Ebenso scheint es schon früh auch familiäre Beziehungen zwischen in Wien ansässigen und so genannten türkischen Juden gegeben haben. Zur ständigen Niederlassung sephardisch-türkischer Juden in der Haupt- und Residenzstadt konnte es jedoch erst nach dem Friedensvertrag mit dem Osmanischen Reich, dem Frieden von Passarowitz im Jahre 1718 und verstärkt nach dem Belgrader Vertrag von 1739 kommen. Als türkische Staatsbürger unter dem Schutz des Sultans stehend genossen diese Juden wesentlich mehr Rechte als die Wiener Juden, die Untertanen des Habsburgischen Reiches waren. Die bedeutenden Handelsbeziehungen zwischen den Wiener Sephardim und türkischen Juden in den großen Balkan-Gemeinden sowie die Aktivitäten des sagenumwobenen Diego de Aguilar machten wohl die Gründung der sephardisch-türkischen Gemeinde Wien bereits im Jahr 1737 möglich.

 

Bedauernswerter Weise ist die Geschichte der Sephardim in Wien, die sich „türkisch-israelische Gemeinde“ nannte, nur von ihrem Gründungsjahr 1737 bis 1888 nachvollziehbar. Aus einem historischen Anlass hat Adolf von Zemlinsky eine Broschüre über diese Epoche geschrieben. Aber was die späteren Jahre betrifft, gibt es keine zuverlässigen Quellen zu diesem Thema, da die Nazis zusammen mit der schönen Synagoge in der berühmten „Reichskristallnacht“ auch die Archive verbrannt haben. So musste sich der Berichterstatter auf die Erinnerung der Zeitgenossen und deren Berichte über die Zeit nach 1888 verlassen.

 

Die Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien ist von einer Legende umwoben. Diese Legende geht ins 18. Jahrhundert zurück, als das Virus der Inquisition in Spanien und Portugal grassierte. Es wird erzählt, dass in jener unheilvollen Zeit ein jüdischer Knabe namens Moshe Lopez Pereyra von den Häschern der Inquisition geraubt, getauft und zum Geistlichen ausgebildet wurde. Am Tag der Taufe wurde er in Diego de Aguilar umbenannt. Seine Mutter und Schwester waren Marranen und praktizierten heimlich das Judentum, so wie viele es taten. Diego de Aguilar wurde im Laufe der Zeit zum Bischof ernannt und in die Aktivitäten der Inquisition involviert. Eines Tages wurde seine Schwester angezeigt, da sie der jüdischen Religion die Treue hielt, weswegen sie nach dem Gesetz der Inquisition mit dem Tod durch Verbrennung am Scheiterhaufen verurteilt wurde.

 

In der Nacht vor der Exekution – so die Legende – beschloss die verzweifelte Mutter, sich zum Bischof Diego de Aguilar zu begeben, um Gnade für ihre Tochter zu erbitten. Zu Beginn bekräftigte er die Ablehnung ihrer Bitte, aber als die unglückliche Mutter ihm offenbarte, dass das bedauernswerte Mädchen seine Schwester und sie seine Mutter sei und ihn darauf mit Moshe Lopez Pereyra ansprach, vollzog sich im Wesen des beinharten Geistlichen eine Wandlung. Der Name Moshe Lopez Pereyra rief bei ihm Jugenderinnerungen wach. Von Gefühlen überwältigt, vergoss er Tränen und versprach, sich um die Rettung seiner zum Tod verurteilten Schwester zu bemühen. Die Bemühung um das Leben der Schwester war erfolglos. Er kehrte dem bischöflichen Palais den Rücken, zog seine geistliche Tracht aus und teilte seiner Mutter mit, dass er nicht länger in Spanien bleiben wollte und flüchtete nach Österreich. Eine goldene Kette, die ihm Maria Theresia während eines Spanienbesuches gab, sollte ihm als Amulett dienen.

 

Kurz darauf erschien Moshe Lopez Pereyra in Wien, allerdings allein, da seine Mutter aus Kummer und Gram verstorben war. Er wurde freundlich aufgenommen und auch die kleine Schar Sephardim, die ihn begleiteten, bekamen nicht nur Asyl, sondern auch alle Rechte, ihre angestammte Religion auszuüben. Moshe Pereyra bekam den Titel eines Hofjuden, sowie die Pacht des österreichischen Tabakmonopols. Durch Reichtum und Ansehen gelange es ihm, zu hoher gesellschaftlicher Stellung zu gelangen, und es wird berichtet, dass der berühmte Kanzler Kaunitz bei ihm privat verkehrte.

 

Eines Tages erhielt Pereyra vertraute Information, dass die Regierung beabsichtigte – wahrscheinlich auf Druck des Klerus – die Juden aus Österreich zu vertreiben. Pereyra eilte sofort zu Hof, jedoch weigerte sich die Herrscherin, ihn zu empfangen, er erhielt auch den Hinweis, seine Kontakte zum Hof zu unterlassen. Da die türkischen Juden in Wien feste geschäftliche Bindungen mit ihrer Heimat knüpften, bemühte sich der Sultan, der sehr einflussreich war, dass die Kaiserin ihren Befehl widerrief. Er schickte einen besonderen Sendboten, um diesen Erlass aufzuheben. Die Herrscherin erfüllte die Bitte des Sultans, und die Ausweisung wurde annulliert. Als die Monarchin einige Tage darauf Moshe Pereyra zu sich bat, war er nirgends aufzufinden. Man erzählte, dass der Kurier des Sultans in Wien diese Stadt mit einem unbekannten Mann verlassen habe. Dieser Unbekannte könnte wohl Moshe Lopez Pereyra, Diego de Aguilar, gewesen sein, da die spanische Regierung seine Auslieferung beantragt hatte.

 

Inwiefern die Geschichte wahr ist, kann man schwer feststellen. Unwiderlegbar ist aber die Tatsache, dass die türkische Gemeinde nach 1938 eine Torarolle samt Krone mit der hebräischen Inschrift Mosche Lopez Pereyra – 5498, das dem Jahr 1737–1738 entspricht, spendete. Zu dieser Erinnerung wurde alljährlich am Vorabend des Jom Kippur ein Gebet für Moshe Lopez Pereyra als Gründer der türkisch israelitischen Gemeinde verrichtet. Das taten sie, da sie, im Gegensatz zu den Sephardim in Holland und anderswo, unter dem besonderen Schutz der türkischen Herrscher standen.

 

Diego de Aguilar, mit jüdischem Namen Moshe Lopez Pereyra, kam in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts anscheinend über Amsterdam nach Wien. Unter Karl VI. und Maria Theresia spielte er eine äußerst behutsame finanzielle Rolle für den Ärar, da er die Reorganisation des österreichischen Tabakgefälles übernommen hatte. Für seine außerordentlichen Verdienste wurde er vom Kaiser mit einem portugiesischen Adelsprädikat belohnt. Sein Wort hatte bei Hofe soviel Gewicht, dass er sich erfolgreich für die mährische Judenschaft einsetzen konnte. Für zahlreiche Gemeinden und einzelne Glaubensgenossen war er in Krisensituationen die letzte Hoffnung. Lediglich das Schicksal der Prager Juden konnte er trotz aller Bemühungen nicht abwenden. Einen Teil seiner Familie brachte Diego mit nach Wien: Seine Mutter Sara Pereyra, sein Vater Abraham Lopez de Pereyra, zwei seiner Kinder sowie sein Schwager Jakob ben Jeschurun Alvarez wurden auf dem alten jüdischen Friedhof in der Seegasse begraben. Er selbst starb 1763 in London. Bis zu ihrer Zerstörung befanden sich in der sephardischen Synagoge Wiens eine Torakrone und Rimmonim mit der Aufschrift „Mosche Lopez Pereyra 5498 (1737/38)“, und bis 1938 wurde an jedem Jom Kippur ein eigenes Gedenkgebet für ihn als Gründer der Gemeinde gesprochen.

 

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hielten die Sephardim ihren Gottesdienst im Haus Nr. 307 innerhalb der Stadtmauern ab. Danach diente ein Haus in der Oberen Donaustraße als Bethaus. 1778 erließ die Regierung eine Regulation für die Türkisch-israelitische Synagoge. Sie bestand aus 14 „Puncten, die der in Sagechen aufgestellte Kais.Königl. Commissarius der gesamten Alhir sich befindlichen Türkischen Judenschaft um alhiessige Türkische Jüdische Synagoge in gute Ordnung zu bringen und in selber zu erhalten ex offo aufgesetzt“. Die Regulation stellte die konstitutionelle Basis für die sephardische Gemeinde dar und fixierte rechtlich alle Gemeindeangelegenheiten von der Steuereinnahme bis zur Aufgabe der verschiedenen Funktionäre. 1818 waren 210 sephardische Juden als permanent in Wien lebend registriert, 1868 die doppelte Anzahl. 1824 wurde das Haus in der Oberen Donaustraße durch einen Brand zerstört. Danach diente das Haus Nr. 321 Große Hafnergasse (später Große Mohrengasse), das man 1843 adaptierte, als Synagoge. Die Gemeinde wuchs stetig und prosperierte. Ab 1840 wurde sie von den sieben reichsten Mitgliedern geleitet. Die Räumlichkeiten in der Hafnergasse wurden zu klein. Aufgrund der Intervention des Sultans konnte das Grundstück Nr. 401 in der Großen Fuhrmanngasse (später Zirkusgasse 22) erworben werden. Die hier erbaute Synagoge wurde 1868 eingeweiht. In Zusammenhang mit dem Synagogenbau kam es auch zu einer Überarbeitung der „Puncte“ von 1778. Diese „Statuten der Türkisch-Jüdischen Gemeinde“ von 1868 legten die interne Gemeindestruktur, Zugehörigkeitsfrage sowie die Rechte und Pflichten der Mitglieder neu fest. Wegen schwerer Konstruktionsfehler musste die Synagoge bald wieder abgerissen werden. An derselben Stelle wurde 1887 der neue türkische Tempel im maurischen Stil, ein Prachtbau des Architekten Ritter von Wiedenfeld, eingeweiht. In der Eingangshalle hingen die Portraits von Kaiser Franz Joseph I. und Abdülhamid II. Im Hinterhof wurde ein Brunnen für die Taschlich Zeremonie zu Rosch ha-Schana gegraben, hier wurde auch jedes Jahr die Sukka aufgebaut. Der Geburtstag des Sultans wurde alljährlich in der Synagoge zelebriert, wobei sowohl die türkische als auch die österreichische Nationalhymne gesungen wurden.

 

Zu den Gemeindeeinrichtungen gehörte natürlich die Beerdigungsgesellschaft chebhra Kaddischa, der Verein Halbascha, der für die Einkleidung armer Kinder sorgte, die Biqqur cholim, die Kranke und Alte unterstützte, die Vereinigung Hakhnasat Orchim, die sich um durchreisende Sephardim kümmerte, der Armenfonds Fondo de los Desfavorecidos sowie der Unterstützungsfonds für den Gesangsverein Schir Ha-kawod. Der Bankier Menachem Elijahu aus Bukarest ließ in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in der Novaragasse 29 eine Ganztagsschule, Midrasch Elijahu, einrichten. Langjähriger Lehrer an dieser Schule war David Alkalay, einer der früheren sephardischen Zionisten.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte Anton Schmidts Druckerei mit den Publikationen sephardisch religiöser und linguistischer Literatur mit den großen Druckereien in Amsterdam, Italien und der Türkei durchaus konkurrieren. Auch sephardische Gelehrte aus Übersee ließen in Wien drucken.

 

Ende des 19. Jahrhunderts war Wien ein kleines, aber wichtiges Zentrum sephardischer Kultur. Die Universität zog Sephardim aus Belgrad, Bulgarien, Rumänien, Triest, Rhodos, Ägypten und Marokko an. Noch weit vor der Jahrhundertwende bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts war Wien ein Begriff für den spanisch-jüdischen (Ladino) Buchdruck, was einerseits aus dem wachsenden Einfluss Österreich-Ungarns auf den Balkan, anderseits aus den edukativen Aktivitäten der Alliance Israelite Universelle resultierte. Auch eine Reihe spaniolischer Periodika erschien hier, beispielhaft seien „El Mundo Sefardi“, „Carmi“ und „El Correo de Vienna“ genannt. Für einige der 18 zwischen 1856 und 1923 in Wien herausgegebenen spaniolischen Zeitschriften waren das Zielpublikum auch die Juden in der Türkei. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wurde die Studentenorganisation „Esperanza“ gegründet sowie die kulturelle Vereinigung „Union Espanola“, deren Promotoren Mosche Galimir und R. Nissim Obhadia waren. Die „Esperanza“ übersiedelte Anfang der 30er Jahre nach Sarajevo. Für die Ziele der Alliance setzte sich in Wien besonders der bekannte Journalist Schem Tov Semo ein, der eine Synthese aus sephardischer Tradition, Zionismus sowie modernem Erziehungs- und Wirtschaftswesen anstrebte, wie sie schon früher von R. Jehuda Bibas aus Korfu und später von R. Jehuda Alkalay aus Sarajevo propagiert wurde.

 

Problematisch gestaltete sich das Verhältnis zwischen der in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts konstituierten aschkenasischen Kultusgemeinde und der sephardisch-türkischen Gemeinde. Besonders seit die Israelitische Kultusgemeinde Wien die einzige offizielle jüdische Vertretung der Regierung war, kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Aschkenasim und Sephardim, die ihre organisatorische Unabhängigkeit nicht aufgeben wollten. 1909 erst kam es zu einer vorläufigen Übereinkunft: Die türkische Gemeinde hatte den Status einer in der Kultusgemeinde integrierten Korporation, wurde jedoch von der Steuerabgabe an die Kultusgemeinde befreit. Nach der Ausrufung der Republik schließlich erklärte die sephardisch-türkische Gemeinde wieder ihre volle Unabhängigkeit. 1922 wurde sie jedoch gezwungen, ihren Status als „Verband der türkischen Israeliten zu Wien“ innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde gemäß der Regulation von 1909 wieder anzunehmen, wobei ihr allerdings Sonderprivilegien eingeräumt wurden.

 

Der sephardische Ritus wurde im türkischen Tempel lange Zeit strikt eingehalten. Es war bis in die 80er Jahre die einzige große Synagoge Wiens ohne Chor. Während sich bei den Aschkenasim durch das Wirken Sulzers vieles veränderte, hielt die sephardische Gemeinde an ihren orientalischen Weisen fest. Als 1881 Marcus M. Russo zum Präsidenten gewählt wurde, entschloss sich dieser jedoch zur Modernisierung: Jakob Bauer wurde zum Oberkantor bestellt, Isidor Löw zum zweiten Kantor; beide waren Aschkenasim, da keine ausgebildeten sephardischen Chazzamim zur Verfügung standen. Die traditionellen sephardischen Melodien wurden dem westlichen Stil angepasst, ohne allerdings ihren orientalisch geprägten Hintergrund zu verlieren. Der Chor bestand aus 10 bis 15 Jungen. Dreißig Jahre hindurch, bis 1918, war Michael Papo Chakam Baschi, der Oberrabbiner der Gemeinde. Ihm folgte Obhadia. Während des Ersten Weltkriegs war Isaak Altaras aus Sarajevo Oberkantor am türkischen Tempel, danach, bis 1938, Isaak Asseo aus Belgrad. Ein besonderes Ereignis, an dem auch die Aschkenasim teilnahmen, war die jährliche Simchat Tora Feier der Sephardim in Wien: Ein Gabbai in türkischer Tracht führte die Prozession an. Ihm folgten 20 Chorjungen und erwachsene Chormitglieder, der Chormeister, der Oberkantor und der Chakam Baschi. Dahinter kamen die Träger mit den 25 Torarollen, angeführt von Chatam Tora und dem Chatam Bereschit. Den Schluss bildete eine Gruppe von Kindern, die drei kleine Siphre Tora trugen.

 

Ende der 20er Jahre kam es zu einer drastischen Dezimierung der Mitgliederzahl der sephardischen Gemeinde. Die Gründe dafür sind einerseits in der hoffnungslosen Wirtschaftslage jener Zeit, anderseits auch in der Übersiedelung R. Obhadias nach Pari, wohin ihm viele Anhänger folgten, zu sehen. Das letzte große Ereignis in der sephardischen Gemeinde war die Feier zum 800. Geburtstag Maimonides im Jahre 1935 unter dem Präsidenten Heskia. Im November 1938 wurde der türkische Tempel Wiens zerstört. Die österreichischen Sephardim, die nicht fliehen konnten, wurden nach Dachau gebracht.

 

Ein beträchtlicher Strom der aus Spanien Vertriebenen ergoss sich ins Osmanische Reich. Nachdem dieses Erez Israel annektiert hatte, war es zum Anziehungspunkt für jene Marranen geworden, die zu büßen und zu ihrem früheren Glauben zurückzukehren wünschten. Der Chronist Rabbi Elia Kapsali, der die Vertreibung miterlebte und der älteren Generation der jüdischen Bevölkerung im Osmanischen Reich angehörte, berichtet, dass nach 1492 „Tausende und Abertausende ausgewiesener Juden … kamen, so dass das Land … voll war von ihnen.“

 

Der Weg von der Iberischen Halbinsel zum Balkan und nach Kleinasien und häufig von dort nach Syrien und Erez Israel war weit, mühselig, voller Gefahren. Die Ausgewiesenen richteten sich ihre eigenen Durchgangsstationen ein, zum Beispiel in Häfen und Städten Italiens. Die physische Not und die plötzliche Verarmung waren nur schwer zu ertragen. Einer der Verbannten, der im Osmanischen Reich Zuflucht gefunden hatte, berichtet, dass „all ihr Geld für die Kosten ihrer Wanderung verbraucht worden war…“, als er mit seinen Leuten „inmitten eines Volkes, das ihre Sprache nicht verstand“ anlangte. Diesem Zeugen zufolge brachen auch Familien unterwegs auseinander. Denn „Männer kamen ohne ihre Frauen und Frauen ohne ihre Männer.“ Damit war eine Unterminierung des religiösen Familiengesetzes verbunden, da jeder, der allein war, alles tat, um einen Gefährten zu finden … ohne besonders heikel zu sein … ob das Verhältnis auch zulässig sei.“

 

Sultan Bayezid, der zur Zeit der Vertreibung regierte, hieß die vor den fanatischen Christen Geflohenen willkommen. Wie ein jüdischer Zeitgenosse berichtet, „sandte der Sultan viele Männer aus und ließ in seinem ganzen Reich in Wort und Schrift verkünden, dass keiner seiner Beamten in keiner seiner Städte es wagen solle, die Juden zu vertreiben oder zu verstoßen, sondern sie sollten sie willkommen heißen.“

 

Man darf annehmen, dass diese kaiserliche Protektion und der Befehl zur Gewährung des Wohnrechtes dem Einfluss der Führer der alteingesessenen jüdischen Gemeinde zu verdanken war. Diese unternahmen auch beträchtliche Anstrengungen, um ihren vertriebenen Brüdern materielle Hilfe zukommen zu lassen. „Dann mühten sich die Gemeinden (im Türkischen Reich)… gaben Geld wie Steine für die Befreiung von Gefangenen … in jenen Tagen … erwirkte der edle Mose Kapsali viel in Konstantinopel … bereiste die Kongregationen und zwang einen jeden, den ihm angemessenen Betrag zu geben.“ Diese aufgrund echter Anteilnahme am Geschick ihrer Glaubensgenossen erfolgte Hilfeleistung rief allerdings Überlegenheitsgefühle bei den Gebern hervor, die sich sehr groß vorkamen, weil sie den Heruntergekommenen gnädigst Hilfe sowie Status und Anerkennung zuteil werden ließen. Nachdem die aus Spanien Vertriebenen sich eingerichtet hatten – was auch im Osmanischen Reich relativ schnell geschah – kam es seitens dieser Juden aus Spanien und Portugal zu einer Reaktion gegenüber den türkischen Juden.

 

Doch nicht alle Exilanten bedurften der Hilfe. Auch im Osmanischen Reich fanden manche gleich Eingang in Hofkreise, so der Arzt Josef Hamon, der aus Granada dorthin kam, „und etwa fünfundzwanzig Jahre (ab 1493 als Arzt) zur Zeit des Königs, Sultan Bajasid, im königlichen Haushalt Dienst leistete und auch als vertrauter Freund seines Sohnes …Sultan Selim … und der in die Bresche sprang, um die Juden von großen Gefahren zu befreien“, wie es in der nach seinem Tod 1517 gehaltenen Grabrede heißt. Die Daten lassen erkennen, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in der Türkei zum Hofarzt ernannt wurde; man weiß, dass sein Sohn Mose ihm in diesem hohen Amt nachgefolgt ist.
Erfolg blieb nicht nur den Kreisen der Ärzte und Höflinge vorbehalten. Anscheinend war man im Osmanischen Reich der Meinung, dass die Absorbierung der Vertriebenen aus dem Westen kulturelle und sogar militärische Vorteile brachte. Unter den Exilanten scheinen erfahrene Eisengießer und Schießpulver-Hersteller gewesen zu sein, die dem Imperium von Nutzen waren. Elia Kapsali berichtete, der Herr habe „die Türken wegen der Juden gesegnet … denn dank der Juden besiegten die Türken große und mächtige Monarchen … Die Juden lehrten die Türken mit allen Arten von vernichtenden Waffen, Batterien und Feldgeschützen umzugehen. Und durch sie wurden die Türken mächtiger als alle Völker der Welt.“ Auch hatte er gehört, dass der Sohn des Sultans Bayezid, „Sultan Selim, die Juden wahrhaftig sehr liebte, denn er sah, dass er durch sie andere Nationen zerschmettern konnte … denn sie machten ihm eine große Menge von Geschützen und Waffen.“

 

Es ist eine militärgeschichtliche Tatsache, dass die Ausstattung der türkischen Armee mit Feuerwaffen etwa zur Zeit der Aufnahme der spanischen Exilanten in das Osmanische Reich erfolgte. Die türkischen Siege über die Mamluken und die Perser zu Beginn des 16. Jahrhunderts werden für gewöhnlich dem Einsatz von Feuerwaffen zugeschrieben. Aus Kapsalis Feststellung darf man also schließen, dass sich unter den aus Spanien vertriebenen Juden Experten für diese Art Feuerwaffen befanden und wesentlich zur Ausrüstung der türkischen Streitkräfte beitrugen.

 

Die Vertriebenen verteilten sich nach und nach in alle Hauptstädte des Reiches. In Konstantinopel, wo es im 16. Jahrhundert viele Synagogen gab, ließen sie sich auch in Vierteln nieder, in denen zuvor keine Juden gewohnt hatten. Auch Saloniki (Selanik) wurde ein Hauptzentrum der Juden und ebenso Adrianopel (Edirne) und Smyrna (Izmir). In kleineren Städten siedelten sich ebenfalls Juden an. Ausweisungen aus Süditalien trugen zur Diversifikation der jüdischen Gemeinde bei und vermehrten noch die zahlreichen Gemeinden im Reich. In der griechischen Stadt Arta, die nicht besonders groß war, „ließen sich vier Gemeinden nieder, die durch die Vertreibungen in den Königreichen von Spanien, Portugal, Sizilien, Kalabrien und Apulien (hierher) gekommen waren.“ Diese Gemeinden machten sich Seite an Seite mit „den Gemeinden von Einwohnern (sesshaft), die dort schon seit früheren Zeiten ansässige waren, wohl eingerichtet in ihren vornehmen Häusern und Innenhöfen.“

 

Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 und aus Portugal 1498 ließen sich diese sephardisch genannten Juden, einesteils in Mittel- und Westeuropa, hauptsächlich in Italien, Frankreich, Amsterdam und Hamburg nieder. Auch wenn es erst im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts zur Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien kam, so führten doch bereits seit dem 16. Jahrhundert sephardische Juden in Wien bestimmte Handelsgeschäfte und Finanztransaktionen durch. Ebenso scheint es schon früh auch familiäre Beziehungen zwischen in Wien ansässigen und so genannten türkischen Juden gegeben haben. Zur ständigen Niederlassung sephardisch-türkischer Juden in der Haupt- und Residenzstadt konnte es jedoch erst nach dem Friedensvertrag mit dem Osmanischen Reich, dem Frieden von Passarowitz im Jahre 1718 und verstärkt nach dem Belgrader Vertrag von 1739 kommen. Als türkische Staatsbürger unter dem Schutz des Sultans stehend genossen diese Juden wesentlich mehr Rechte als die Wiener Juden, die Untertanen des Habsburgischen Reiches waren. Die bedeutenden Handelsbeziehungen zwischen den Wiener Sephardim und türkischen Juden in den großen Balkan-Gemeinden sowie die Aktivitäten des sagenumwobenen Diego de Aguilar machten wohl die Gründung der sephardisch-türkischen Gemeinde Wien bereits im Jahr 1737 möglich.

 

Bedauernswerter Weise ist die Geschichte der Sephardim in Wien, die sich „türkisch-israelische Gemeinde“ nannte, nur von ihrem Gründungsjahr 1737 bis 1888 nachvollziehbar. Aus einem historischen Anlass hat Adolf von Zemlinsky eine Broschüre über diese Epoche geschrieben. Aber was die späteren Jahre betrifft, gibt es keine zuverlässigen Quellen zu diesem Thema, da die Nazis zusammen mit der schönen Synagoge in der berühmten „Reichskristallnacht“ auch die Archive verbrannt haben. So musste sich der Berichterstatter auf die Erinnerung der Zeitgenossen und deren Berichte über die Zeit nach 1888 verlassen.

 

Die Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien ist von einer Legende umwoben. Diese Legende geht ins 18. Jahrhundert zurück, als das Virus der Inquisition in Spanien und Portugal grassierte. Es wird erzählt, dass in jener unheilvollen Zeit ein jüdischer Knabe namens Moshe Lopez Pereyra von den Häschern der Inquisition geraubt, getauft und zum Geistlichen ausgebildet wurde. Am Tag der Taufe wurde er in Diego de Aguilar umbenannt. Seine Mutter und Schwester waren Marranen und praktizierten heimlich das Judentum, so wie viele es taten. Diego de Aguilar wurde im Laufe der Zeit zum Bischof ernannt und in die Aktivitäten der Inquisition involviert. Eines Tages wurde seine Schwester angezeigt, da sie der jüdischen Religion die Treue hielt, weswegen sie nach dem Gesetz der Inquisition mit dem Tod durch Verbrennung am Scheiterhaufen verurteilt wurde.

 

In der Nacht vor der Exekution – so die Legende – beschloss die verzweifelte Mutter, sich zum Bischof Diego de Aguilar zu begeben, um Gnade für ihre Tochter zu erbitten. Zu Beginn bekräftigte er die Ablehnung ihrer Bitte, aber als die unglückliche Mutter ihm offenbarte, dass das bedauernswerte Mädchen seine Schwester und sie seine Mutter sei und ihn darauf mit Moshe Lopez Pereyra ansprach, vollzog sich im Wesen des beinharten Geistlichen eine Wandlung. Der Name Moshe Lopez Pereyra rief bei ihm Jugenderinnerungen wach. Von Gefühlen überwältigt, vergoss er Tränen und versprach, sich um die Rettung seiner zum Tod verurteilten Schwester zu bemühen. Die Bemühung um das Leben der Schwester war erfolglos. Er kehrte dem bischöflichen Palais den Rücken, zog seine geistliche Tracht aus und teilte seiner Mutter mit, dass er nicht länger in Spanien bleiben wollte und flüchtete nach Österreich. Eine goldene Kette, die ihm Maria Theresia während eines Spanienbesuches gab, sollte ihm als Amulett dienen.

 

Kurz darauf erschien Moshe Lopez Pereyra in Wien, allerdings allein, da seine Mutter aus Kummer und Gram verstorben war. Er wurde freundlich aufgenommen und auch die kleine Schar Sephardim, die ihn begleiteten, bekamen nicht nur Asyl, sondern auch alle Rechte, ihre angestammte Religion auszuüben. Moshe Pereyra bekam den Titel eines Hofjuden, sowie die Pacht des österreichischen Tabakmonopols. Durch Reichtum und Ansehen gelange es ihm, zu hoher gesellschaftlicher Stellung zu gelangen, und es wird berichtet, dass der berühmte Kanzler Kaunitz bei ihm privat verkehrte.

 

Eines Tages erhielt Pereyra vertraute Information, dass die Regierung beabsichtigte – wahrscheinlich auf Druck des Klerus – die Juden aus Österreich zu vertreiben. Pereyra eilte sofort zu Hof, jedoch weigerte sich die Herrscherin, ihn zu empfangen, er erhielt auch den Hinweis, seine Kontakte zum Hof zu unterlassen. Da die türkischen Juden in Wien feste geschäftliche Bindungen mit ihrer Heimat knüpften, bemühte sich der Sultan, der sehr einflussreich war, dass die Kaiserin ihren Befehl widerrief. Er schickte einen besonderen Sendboten, um diesen Erlass aufzuheben. Die Herrscherin erfüllte die Bitte des Sultans, und die Ausweisung wurde annulliert. Als die Monarchin einige Tage darauf Moshe Pereyra zu sich bat, war er nirgends aufzufinden. Man erzählte, dass der Kurier des Sultans in Wien diese Stadt mit einem unbekannten Mann verlassen habe. Dieser Unbekannte könnte wohl Moshe Lopez Pereyra, Diego de Aguilar, gewesen sein, da die spanische Regierung seine Auslieferung beantragt hatte.

 

Inwiefern die Geschichte wahr ist, kann man schwer feststellen. Unwiderlegbar ist aber die Tatsache, dass die türkische Gemeinde nach 1938 eine Torarolle samt Krone mit der hebräischen Inschrift Mosche Lopez Pereyra – 5498, das dem Jahr 1737–1738 entspricht, spendete. Zu dieser Erinnerung wurde alljährlich am Vorabend des Jom Kippur ein Gebet für Moshe Lopez Pereyra als Gründer der türkisch israelitischen Gemeinde verrichtet. Das taten sie, da sie, im Gegensatz zu den Sephardim in Holland und anderswo, unter dem besonderen Schutz der türkischen Herrscher standen.

 

Diego de Aguilar, mit jüdischem Namen Moshe Lopez Pereyra, kam in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts anscheinend über Amsterdam nach Wien. Unter Karl VI. und Maria Theresia spielte er eine äußerst behutsame finanzielle Rolle für den Ärar, da er die Reorganisation des österreichischen Tabakgefälles übernommen hatte. Für seine außerordentlichen Verdienste wurde er vom Kaiser mit einem portugiesischen Adelsprädikat belohnt. Sein Wort hatte bei Hofe soviel Gewicht, dass er sich erfolgreich für die mährische Judenschaft einsetzen konnte. Für zahlreiche Gemeinden und einzelne Glaubensgenossen war er in Krisensituationen die letzte Hoffnung. Lediglich das Schicksal der Prager Juden konnte er trotz aller Bemühungen nicht abwenden. Einen Teil seiner Familie brachte Diego mit nach Wien: Seine Mutter Sara Pereyra, sein Vater Abraham Lopez de Pereyra, zwei seiner Kinder sowie sein Schwager Jakob ben Jeschurun Alvarez wurden auf dem alten jüdischen Friedhof in der Seegasse begraben. Er selbst starb 1763 in London. Bis zu ihrer Zerstörung befanden sich in der sephardischen Synagoge Wiens eine Torakrone und Rimmonim mit der Aufschrift „Mosche Lopez Pereyra 5498 (1737/38)“, und bis 1938 wurde an jedem Jom Kippur ein eigenes Gedenkgebet für ihn als Gründer der Gemeinde gesprochen.

 

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hielten die Sephardim ihren Gottesdienst im Haus Nr. 307 innerhalb der Stadtmauern ab. Danach diente ein Haus in der Oberen Donaustraße als Bethaus. 1778 erließ die Regierung eine Regulation für die Türkisch-israelitische Synagoge. Sie bestand aus 14 „Puncten, die der in Sagechen aufgestellte Kais.Königl. Commissarius der gesamten Alhir sich befindlichen Türkischen Judenschaft um alhiessige Türkische Jüdische Synagoge in gute Ordnung zu bringen und in selber zu erhalten ex offo aufgesetzt“. Die Regulation stellte die konstitutionelle Basis für die sephardische Gemeinde dar und fixierte rechtlich alle Gemeindeangelegenheiten von der Steuereinnahme bis zur Aufgabe der verschiedenen Funktionäre. 1818 waren 210 sephardische Juden als permanent in Wien lebend registriert, 1868 die doppelte Anzahl. 1824 wurde das Haus in der Oberen Donaustraße durch einen Brand zerstört. Danach diente das Haus Nr. 321 Große Hafnergasse (später Große Mohrengasse), das man 1843 adaptierte, als Synagoge. Die Gemeinde wuchs stetig und prosperierte. Ab 1840 wurde sie von den sieben reichsten Mitgliedern geleitet. Die Räumlichkeiten in der Hafnergasse wurden zu klein. Aufgrund der Intervention des Sultans konnte das Grundstück Nr. 401 in der Großen Fuhrmanngasse (später Zirkusgasse 22) erworben werden. Die hier erbaute Synagoge wurde 1868 eingeweiht. In Zusammenhang mit dem Synagogenbau kam es auch zu einer Überarbeitung der „Puncte“ von 1778. Diese „Statuten der Türkisch-Jüdischen Gemeinde“ von 1868 legten die interne Gemeindestruktur, Zugehörigkeitsfrage sowie die Rechte und Pflichten der Mitglieder neu fest. Wegen schwerer Konstruktionsfehler musste die Synagoge bald wieder abgerissen werden. An derselben Stelle wurde 1887 der neue türkische Tempel im maurischen Stil, ein Prachtbau des Architekten Ritter von Wiedenfeld, eingeweiht. In der Eingangshalle hingen die Portraits von Kaiser Franz Joseph I. und Abdülhamid II. Im Hinterhof wurde ein Brunnen für die Taschlich Zeremonie zu Rosch ha-Schana gegraben, hier wurde auch jedes Jahr die Sukka aufgebaut. Der Geburtstag des Sultans wurde alljährlich in der Synagoge zelebriert, wobei sowohl die türkische als auch die österreichische Nationalhymne gesungen wurden.

 

Zu den Gemeindeeinrichtungen gehörte natürlich die Beerdigungsgesellschaft chebhra Kaddischa, der Verein Halbascha, der für die Einkleidung armer Kinder sorgte, die Biqqur cholim, die Kranke und Alte unterstützte, die Vereinigung Hakhnasat Orchim, die sich um durchreisende Sephardim kümmerte, der Armenfonds Fondo de los Desfavorecidos sowie der Unterstützungsfonds für den Gesangsverein Schir Ha-kawod. Der Bankier Menachem Elijahu aus Bukarest ließ in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in der Novaragasse 29 eine Ganztagsschule, Midrasch Elijahu, einrichten. Langjähriger Lehrer an dieser Schule war David Alkalay, einer der früheren sephardischen Zionisten.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte Anton Schmidts Druckerei mit den Publikationen sephardisch religiöser und linguistischer Literatur mit den großen Druckereien in Amsterdam, Italien und der Türkei durchaus konkurrieren. Auch sephardische Gelehrte aus Übersee ließen in Wien drucken.

 

Ende des 19. Jahrhunderts war Wien ein kleines, aber wichtiges Zentrum sephardischer Kultur. Die Universität zog Sephardim aus Belgrad, Bulgarien, Rumänien, Triest, Rhodos, Ägypten und Marokko an. Noch weit vor der Jahrhundertwende bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts war Wien ein Begriff für den spanisch-jüdischen (Ladino) Buchdruck, was einerseits aus dem wachsenden Einfluss Österreich-Ungarns auf den Balkan, anderseits aus den edukativen Aktivitäten der Alliance Israelite Universelle resultierte. Auch eine Reihe spaniolischer Periodika erschien hier, beispielhaft seien „El Mundo Sefardi“, „Carmi“ und „El Correo de Vienna“ genannt. Für einige der 18 zwischen 1856 und 1923 in Wien herausgegebenen spaniolischen Zeitschriften waren das Zielpublikum auch die Juden in der Türkei. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wurde die Studentenorganisation „Esperanza“ gegründet sowie die kulturelle Vereinigung „Union Espanola“, deren Promotoren Mosche Galimir und R. Nissim Obhadia waren. Die „Esperanza“ übersiedelte Anfang der 30er Jahre nach Sarajevo. Für die Ziele der Alliance setzte sich in Wien besonders der bekannte Journalist Schem Tov Semo ein, der eine Synthese aus sephardischer Tradition, Zionismus sowie modernem Erziehungs- und Wirtschaftswesen anstrebte, wie sie schon früher von R. Jehuda Bibas aus Korfu und später von R. Jehuda Alkalay aus Sarajevo propagiert wurde.

 

Problematisch gestaltete sich das Verhältnis zwischen der in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts konstituierten aschkenasischen Kultusgemeinde und der sephardisch-türkischen Gemeinde. Besonders seit die Israelitische Kultusgemeinde Wien die einzige offizielle jüdische Vertretung der Regierung war, kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Aschkenasim und Sephardim, die ihre organisatorische Unabhängigkeit nicht aufgeben wollten. 1909 erst kam es zu einer vorläufigen Übereinkunft: Die türkische Gemeinde hatte den Status einer in der Kultusgemeinde integrierten Korporation, wurde jedoch von der Steuerabgabe an die Kultusgemeinde befreit. Nach der Ausrufung der Republik schließlich erklärte die sephardisch-türkische Gemeinde wieder ihre volle Unabhängigkeit. 1922 wurde sie jedoch gezwungen, ihren Status als „Verband der türkischen Israeliten zu Wien“ innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde gemäß der Regulation von 1909 wieder anzunehmen, wobei ihr allerdings Sonderprivilegien eingeräumt wurden.

 

Der sephardische Ritus wurde im türkischen Tempel lange Zeit strikt eingehalten. Es war bis in die 80er Jahre die einzige große Synagoge Wiens ohne Chor. Während sich bei den Aschkenasim durch das Wirken Sulzers vieles veränderte, hielt die sephardische Gemeinde an ihren orientalischen Weisen fest. Als 1881 Marcus M. Russo zum Präsidenten gewählt wurde, entschloss sich dieser jedoch zur Modernisierung: Jakob Bauer wurde zum Oberkantor bestellt, Isidor Löw zum zweiten Kantor; beide waren Aschkenasim, da keine ausgebildeten sephardischen Chazzamim zur Verfügung standen. Die traditionellen sephardischen Melodien wurden dem westlichen Stil angepasst, ohne allerdings ihren orientalisch geprägten Hintergrund zu verlieren. Der Chor bestand aus 10 bis 15 Jungen. Dreißig Jahre hindurch, bis 1918, war Michael Papo Chakam Baschi, der Oberrabbiner der Gemeinde. Ihm folgte Obhadia. Während des Ersten Weltkriegs war Isaak Altaras aus Sarajevo Oberkantor am türkischen Tempel, danach, bis 1938, Isaak Asseo aus Belgrad. Ein besonderes Ereignis, an dem auch die Aschkenasim teilnahmen, war die jährliche Simchat Tora Feier der Sephardim in Wien: Ein Gabbai in türkischer Tracht führte die Prozession an. Ihm folgten 20 Chorjungen und erwachsene Chormitglieder, der Chormeister, der Oberkantor und der Chakam Baschi. Dahinter kamen die Träger mit den 25 Torarollen, angeführt von Chatam Tora und dem Chatam Bereschit. Den Schluss bildete eine Gruppe von Kindern, die drei kleine Siphre Tora trugen.

 

Ende der 20er Jahre kam es zu einer drastischen Dezimierung der Mitgliederzahl der sephardischen Gemeinde. Die Gründe dafür sind einerseits in der hoffnungslosen Wirtschaftslage jener Zeit, anderseits auch in der Übersiedelung R. Obhadias nach Pari, wohin ihm viele Anhänger folgten, zu sehen. Das letzte große Ereignis in der sephardischen Gemeinde war die Feier zum 800. Geburtstag Maimonides im Jahre 1935 unter dem Präsidenten Heskia. Im November 1938 wurde der türkische Tempel Wiens zerstört. Die österreichischen Sephardim, die nicht fliehen konnten, wurden nach Dachau gebracht.

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09 09 2010
By: Redaktion 2 0

Christentum stammt aus der Türkei?

Man fragt uns Österreicher mit türkischer Abstammung, ob wir uns mit dem Christentum auskennen. Wir dürfen hier noch einen Schritt nach vorne gehen und Ihnen kurz und prägnant erzählen, dass in der Welt das Urchristentum und seine Verbreitung aus der Türkei stammt.

 

von Birol Kilic 

Hiermit möchten wir nur einen Überblick über das Urchristentum in der Türkei geben. Türkei als Land und Anatolien als Gebiet sind natürlich auch Orte, die bei den Österreichern stark mit dem Islam assoziiert werden. Was allerdings vergessen oder übersehen wird, ist aber, dass Anatolien eigentlich jener Ort ist, aus dem das Wort und das Konzept des Christentums stammt, und wo der christliche Glaube zum ersten Mal seine universelle Form bekommen hat.

Auch viele Orte, die für das Christentum von heiliger Bedeutung sind, liegen in Anatolien. Während die heutigen abendländischen Nationen mit Speeren auf die Jagd nach Hirschen gingen, bildete sich in Anatolien eine sesshafte Ackergesellschaft, wobei das Christentum die Hauptreligion Anatoliens wurde.

Die Bedeutung des Begriffes Christus und die erste Anwendung davon in Antiokeia im Süden der Türkei

Das Wort Christ stammt aus der hebräischen Sprache. Das Wort “mashia” bedeutet “mit Öl geschmiert, durch Öl gesegnet”. Die israelitischen Pfarrer und Könige wurden, wenn sie zum Einsatz kamen, mit Öl gesegnet. An vielen Stellen der Tora kann man über diesen Prozess lesen. Das Wort “Mashia” war ein Titel des israelitischen Königs. Die arabische Übersetzung des Wortes hat auch dieselbe Bedeutung, nämlich “mit Öl geschmiert”. Die griechische Übersetzung dafür lautet “Khristos”, woraus das Wort “Khristianos” abgeleitet wird. Und genau dieses Wort wird zum ersten Mal in Antiokeia (heute Antakya, liegt im Süden der Türkei) zum Ausdruck gebracht. “Khristos” bedeutet “Folger des Messias, Freund des Messias”.

Nun, wer war der Erste, der behauptete, dass Jesus derjenige Messias war, der von den Juden erwartet wurde? Einer der Ersten, der erkannte, dass Jesus der Messias war, hieß Simon. Nach dieser Anerkennung nannte Jesus den Simon Petrus, was auf Hebräisch “Felsen” heißt.  Folglich sagt Jesus:  “Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Und ich will dir des Himmelsreichs Schlüssel geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein”. Von diesen Sätzen von Jesus ausgehend, erklärte die katholische Kirche Jesus zum ersten Papst, und die erste Gemeinde wurde auf einem Felsen in Antiokeia erbaut. Der Glaube, den Jesus der Messias verbreitete, fand nicht nur in Jerusalem Anklang, sondern auch unter den Diaspora Juden. In einer der Versammlungen nahm auch ein Jude namens Saulus von Tarsus teil, der später zu einem Apostel wurde, und mit seinem römischen Namen Paulus auch weltweit bekannt wurde. Die Gedanken und der Glaube von Jesus waren eigentlich nichts anderes als eine Umformulierung des Judentums. Er selber meinte ja auch nicht, dass er eine neue Religion erfunden hatte. Zur Zeit Jesu war das Christentum eher eine Sekte des Judentums, dann aber kam Paulus.

Die geografische Welt des Paulus

Geboren wurde er in Tarsus, einer kleinen Stadt an der Südküste der heutigen Türkei, wahrscheinlich im Jahr 10 n. Chr. In Jerusalem absolvierte er sein Studium. Schon früh unternahm Paulus einige Missionsreisen in Kleinasien, Griechenland, Makedonien und auch auf Zypern, was nicht zuletzt zu seiner Verhaftung in Jerusalem führte. Er verbrachte einige Zeit im Gefängnis in Cäsarea am Meer und wurde schließlich in Rom hingerichtet. Dies ist die verkürzte Lebensgeschichte des Apostels Paulus.

Der politische Rahmen des Paulus

Das Römische Reich erstreckte sich zu Paulus‘ Zeiten von der Atlantikküste im Westen Spaniens und Nordafrikas bis hin zur Ostküste des Schwarzen Meeres, von der Nordseeküste bis zur äthiopischen Grenze im Süden. Ein riesiges Rechteck mit dem Mittelmeer im Zentrum. Rund fünf Millionen Quadratkilometer, auf denen sich heute etwa dreißig Staaten befinden.

Als das Christentum zum ersten Mal namentlich genannt wurde, glaubte man daran, dass der Messias schon geschickt und demzufolge das Judentum überwältigt wurde. Deswegen wurde die neue Religion nur als eine Religion gesehen, die unter den Juden akzeptiert werden sollte. Dieser Umstand machte es schwierig, das Christentum zu Massen zu verbreiten. Genau in diesem Punkt hat Paulus viel für die Verbreitung des Christentums beigetragen. Paulus hatte versucht, das Christentum nicht unter den Juden, sondern unter Paganen zu verbreiten, von denen er wusste, dass sie eine neue Religion einfacher akzeptieren würden. Er lehnte auch Anwendungen und Gebote wie Beschneidung, Speisegesetze und Sabbat ab, und schrieb in seinen korinthischen Briefen, dass das Tragen eines Kopftuches eine Voraussetzung für das Christentum sei. In diesem Zusammenhang wurde er oft als frauenfeindlich kritisiert. Wegen seines Glaubens geriet er in einen heftigen Streit mit den Christen aus Jerusalem, dennoch war er erfolgreich bei der Verbreitung des Glaubens  insbesondere in Anatolien.

Verschiedene Ansichten zu seiner Person

Einige behaupten, Paulus war „modern“, andere bezeichnen ihn als originellsten Denker der frühen Kirche. Heute neigt man jedoch eher dazu, Paulus als frauenfeindlichen und unsensiblen dogmatischen Geist hinzustellen. Ihm wird nachgesagt, die reine Botschaft der Liebe Jesu zu einer repressiven Sündenlehre verbogen zu haben.

Viele Christen haben Paulus bereits ins Abseits gestellt und pflegen einen Glauben ohne beziehungsweise gegen ihn. Ein ungeliebter Apostel. Wer kennt noch die Bedeutung seiner Reden oder liest seine Briefe? Ist es jedoch nicht so, dass ohne ihn und seine geniale Gabe, die grundlegenden Wahrheiten des Christentums zu formulieren, die Christenheit eine Sekte geblieben wäre und die Botschaft Jesu nicht im Laufe von 2000 Jahren die gesamte Welt erreicht hätte? Eines ist jedoch klar: Paulus ist die bekannteste, zugleich aber auch umstrittenste Persönlichkeit des Urchristentums. Viele der Schriften im Neuen Testament haben entweder direkt oder indirekt mit ihm zu tun! Egal ob Schüler- oder Gegnerschaft des Paulus, große theologische und kirchliche Erneuerungen nahmen ihren Ausgangspunkt mit Blick auf Paulus. Martin Luther, Karl Barth oder auch John Wesley, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Wende von Paulus prägte die Wende im Abendländischen Gedankengut

Für die Verbreitung des Christentums war Paulus auch deswegen sehr wichtig, weil er jener Apostel war, der die Lehre Jesu in einem kontextuellen Zusammenhang brachte und Leute zutiefst davon überzeugen konnte. Eine Überzeugungskraft, die er seiner griechisch-römischen Rhetorikausbildung zu verdanken hatte. Die Tadellosigkeit, die er sich selbst vorwarf, da es ihm nicht gelang gesetzeskonform zu leben, wurde später, nachdem er immer mehr Interesse an Jesus Christus und seiner Sekte bekommen hatte, zu einer Tadellosigkeit der Religion und seiner Gesetze, jener Gesetze, die Jesu kreuzigen ließen. Die Verbreitung des Christentums an die Massen erfolgte durch eine stärkere Betonung des Glaubens an Individualismus.  Der Ursprung für die Verbreitung dieser Thesen war wiederum Anatolien, wo sich seit Anfang der Geschichte Thesen und Antithesen kreuzten und zu Synthesen verschmolzen.
Man erinnert sich an das Buch von Platon „Politeia“, wo er als Mittel für den kommunalen Wohlstand das individualistische „Streben nach geglücktem Leben“ als Ideal für jeden Einzelnen formuliert.

Religiöse Schriften und Briefe, die in Anatolien geschrieben wurden

Paulus hat seine religiösen Schriften und Briefe im Wesentlichen auf anatolischem Boden verfasst, wie z.B. den ersten Korintherbrief. Auch die Empfänger waren oftmals Gemeinden in Anatolien, wie z.B. die Epheser, denen er aus dem Gefängnis in Rom schrieb. Auch Petrus schrieb seinen ersten Pastoralbrief an die verfolgten Christen in Anatolien. Johannes, der für die Verbreitung des Christentums eine wichtige Rolle gespielt hat, ist eines natürlichen Todes gestorben. Sein Grab befindet sich in Selçuk bei Ephesos. Über der Grabstätte war zuerst eine bescheidene Kirche errichtet worden, die dann unter Kaiser Justinian durch eine prächtige Basilika ersetzt wurde.

Johannes und die sieben Gemeinden

Als Paulus seine Missionsreisen in Anatolien machte, blieb er jahrelang in Ephesos. Und als er dort war, gab es in Ephesus bereits eine christliche Gemeinde, die wahrscheinlich von Johannes begründet worden war. Johannes hielt sich eigentlich in Jerusalem auf. Wo er sich jedoch zwischen den Jahren 37 und 48 aufhielt, ist bis heute nicht ganz klar. Angenommen wird, dass er mit Maria nach Ephesos ausgewandert sei, von dort im Jahre 48 nach Jerusalem gereist und im Jahre 67 wieder nach Ephesos zurückgekehrt und dort gestorben sei.

Johannes wendet sich in seiner „Geheimen Offenbarung“ an die sieben Gemeinden Anatoliens, die er symbolisch als „Sieben Engel, sieben Sterne, sieben Leuchter“ bezeichnet. Diese auch „Sieben Kirchen“ genannten Gemeinden auf westanatolischem Boden befanden sich in folgenden Städten:

1.    Alasehir (Philadelphia), eine Kreisstadt in der Provinz Manisa.

2.    Izmir, mit dem alten Namen Smyrna.

3.    Bergama (Pergamon), welches einst die  Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs war.

4.    Akhisar (Thyateria), ebenfalls ein  Städtchen bei Manisa.

5.    Laodikeia, war eine im 3. Jh. v. Chr. gegründete Stadt, sechs Kilometer nördlich vom jetzigen Denizli nahe dem Dorf Eski Hisar.

6.    Sardes nahe bei Salihli, die alte  Hauptstadt des Lydischen Königreiches.

7.    Ephesos (Efes bei Selçuk), in römischer Zeit Hauptstadt der Provinz Asia.

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08 09 2010
By: Redaktion 2 0

Naim Güleryüz war in Wien: Zur Geschichte der Juden in der Türkei

Diese Abendveranstaltung des Sankt Georgs Absolventinnenvereins im Jüdischen Museum in Wien, fand am Sonntag, den 8. November statt und fang großen Anklang bei den Besuchern unter denen sich auch Ehrengäste Fastenbauer (Generalsekretär des Bundesverbandes der israelitischen Kultusgemeinde Österreich), ? (der neue türkische Botschafter in Wien) und Franz Kangler (Direktor des Sankt Georgs Kolleg).

 

Der türkische Botschafter eröffnete den Abend und hieß alle herzlich willkommen. Er trug kurz einen Ausschnitt aus einem Brief von Albert Einstein an den türkischen Premierminister vor, erzählte, dass er in seinem Leben zwei wichtige Dinge gelernt hatte und zwar stets bescheiden zu sein und das die Wahrheit immer ans Licht kommt und übergab das Wort an den Vorsitzenden des Absolventinnenvereins des Sankt Georg Kollegs. Dies ist eine österreichische Schule in Istanbul, die versucht, die Nationen einander anzunähern und zu zeigen, dass die Beziehungen untereinander auch kultureller Natur sind. Der Beginn dieses Abends, so hieß es weiter, sei der Beginn eines großen Projekts und schließlich wurde das Wort an den Vortragenden Naim Güleryüz übergeben, der anlässlich diesen schönen Abends extra aus Istanbul eingeflogen wurde.

 

Er berichtete, dass Istanbul, als Brücke zwischen zwei Kulturen und Kontinenten, Asien und Europa, fungiert und diese traumhafte Stadt die einzige sei, in der Moscheen, Kirchen und Synagogen nebeneinander existieren. 1492 als Columbus Amerika entdeckte, befanden sich auf seinem Schiff hauptsächlich Besatzungsmitglieder aus Spanien, die jüdischen Glaubens waren. Sie mussten Spanien um Mitternacht verlassen und machten sich auf eine große und abenteuerliche Reise. Das Osmanische Reich gewährte ihnen letzten Endes Asyl. Sie trugen zum Wirtschaftsaufschwung des Landes bei und brachten neben ihrer Sprache Ladino eine reiche Kultur in ihre neue Heimat, der heutigen Türkei, mit.1992 als dieses historische Ereignis sein 500. Jubiläum feierte, wurde erkannt, dass die meisten Menschen, noch immer nicht genug über die Herkunft und Abstammung der Juden wissen und es deswegen nicht genug ist auf nationaler Ebene darüber zu berichten. Vor allem den in Amerika, wo die Hälfte der gesamten jüdischen Bevölkerung lebt, sei es wichtig die Menschen darüber aufzuklären und die Geschichte der Juden, vor allem die Sefarden zu erzählen. Jedoch wollte Naim Güleryüz an diesem Abend keine Geschichtsstunde halten, aber er gab einen kurzen und prägnanten Überblick über die Jahrhunderte lange Geschichte der türkischen Juden und nahm dabei die wichtigsten Punkte heraus. Noch heute werden die Nachkommen der damaligen Flüchtlinge aus Spanien Sefarden genannt, zur Zeit umfasst die türkische Gemeinde in der Türkei etwa 20 000 Mitglieder. Die Mehrheit von ihnen lebt in den großen Städten wie Istanbul, Ankara und Izmir. 96 % von ihnen sind Sefarden, der Rest Ashkenasi. Ursprünglich gab es vier verschiedene Arten von Juden: Die einen die von Babylon in den Süd-östlichen Teil der Türkei kamen, diejenigen mit romanischer Abstammung, die als Sklaven und Soldaten nach Anatolien gebracht wurden und sich dort einlebten und schließlich eben die Ashkenasi und die Sefarden. Letztere kamen eben erst sehr spät, im Jahre 1492, in das osmanische Reich, konnten sich aber sehr schnell du sehr gut integrieren, aufgrund ihres enormen Wissens aus der goldenen Zeit.

 

Naim Güleryüz erklärte, dass in der goldenen Zeit  Juden mit Moslems und Christen in ganz Europa zusammenwirkten und erstaunliche Forschungen und Entwicklungen im Bereich der Medizin, Kunst und Technologie hervorbrachten. Heutzutage sprechen alle Juden in der Türkei Türkisch, aber das war nicht immer so. Güleryüz? Eltern zum Beispiel sprachen nur Französisch. Auch Hebräische und Spanisch gerieten in Vergessenheit und Türkisch wurde erst ab 1923 in den Schulen unterrichtet. Spanisch ist eine wunderschöne Sprache, so Güleryüz, sie bildet eine Brücke zwischen der Geschichte von gestern und heute und es ist wichtig, so erzählt er weiter, diese Sprache nicht gänzlich zu verlieren. Schließlich wird sie rund um den ganzen Globus gesprochen, sei es nun Spanien selbst, oder auch Portugal, Südamerika und in Teilen von Florida(USA).

 

Von den zahlreichen jüdischen Zeitungen in der Türkei ist heute nur mehr die wöchentliche Zeitschrift „Şalom“, die sich mit Politik und Kultur befasst. Die sogenannten „Social Clubs“ der Juden in der Türkei, die es seit 1895 gibt, sind besonders wichtig, das es als Minderheit in einem Land unter anderem sehr schwer sein kann, die Kultur zu bewahren. Weiters ist es ebenso schwer, dass ein jüdischer Mann einer jüdische Frau zum heiraten findet. Aus all diesen Gründen haben sich die ?Social Clubs? in den letzten 114 Jahren sehr gut bewährt.

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05 09 2010
By: Redaktion 2 0

Heirat und Tod in der Türkei

Von Canan Bulkur, Birol Kilic

 

Kleinasien beherbergt seit den frühesten und den bekannten Epochen der Menschheitsgeschichte bis heute eine bunte Vielfalt von Zivilisationen; laut historischen und archäologischen Quellen blickt es auf eine zehntausendjährige Geschichte zurück und stellt heute die Summe der Errungenschaften all dieser Zivilisationen dar.

 

Alle monotheistischen und  polytheistischen Religionen, die einst hier aufeinander trafen, sich vermischten und verwoben, bilden das Erbe der  anatolischen Kultur. So blieb auch der Islam als die Religion, die heute in dieser Region am weitesten verbreitet ist, nicht unbeeinflusst von all diesen verschiedenen Religionen.

 

Jeder Mensch wird in einen bestimmten Kulturkreis hineingeboren, wo er aufwächst, sich entwickelt und bis zu seinem Tod lebt. In diesem Sinne kommt dem Kulturkreis die Aufgabe zu, dem Individuum zu einer Identität zu verhelfen. So basieren auch die Geschlechterrollen, die Ehe als eine gesellschaftliche Institution sowie deren Rituale und Feste auf diesem Selbstverständnis der kulturellen Identität.

 

Heiratsbräuche in der heutigen Türkei

Die Ehe ist eine Institution, innerhalb derer zwei Menschen verschiedenen Geschlechts die Entscheidung treffen, ihr Leben zusammen zu verbringen. Diese Institution ist sowohl von einer rechtlichen wie einer religiösen Seite geprägt. Der Islam sieht die Ehe als eine religiöse Pflicht und begreift sie als Garant für die Gründung von Familien und den Fortbestand der gesellschaftlichen Sittlichkeit. Aus diesem Grunde werden auch sämtliche Zeremonien in Zusammenhang mit der Ehe als religiöse Pflichten aufgefasst. Im Folgenden werden nun die Rituale und Feste bezüglich der Ehe einzeln aufgeführt.

 

Heiratsfähigkeit und -alter

Generell gibt es eine Reihe von Maßstäben, nach denen bestimmt wird, ob eine Frau oder ein Mann im heiratsfähigen Alter ist. Diese Maßstäbe wurzeln in den Traditionen. In der Türkei wird der Beginn des Pubertätsalters auf 10 bis 14 Jahre angenommen. Die Pubertät verursacht sowohl bei Jungen wie bei Mädchen biologisch-physiologische sowie psychologische Veränderungen. Zusammen mit der Pubertät steigt auch die persönliche Verantwortlichkeit und Jungen wie Mädchen nehmen nunmehr an den wirtschaftlichen, sozialen sowie kulturellen Aktivitäten ihrer Familie teil. Wurde früher zwar das Pubertätsalter mit dem Heiratsalter gleichgesetzt, so ist dies heute, im Zeitalter der Moderne, nicht mehr von Gültigkeit. Nur in manchen ländlichen Regionen, in denen das traditionelle Leben noch andauert, wird diese Regel beachtet. In den Städten hingegen liegt das Heiratsalter weitaus höher, was seine Ursachen darin hat, dass sowohl die Traditionen an Einfluss verloren haben und die ökonomischen Bedingungen schwieriger sind. So wird es in den Städten als falsch angesehen, dass Mädchen und Jungen vor dem Abschluss der Schule heiraten.
Bei der Schließung von Ehen gibt es traditionell eine Hierarchie der Art, dass in einer Familie zuerst der älteste Bruder beziehungsweise die älteste Schwester heiratet, danach die anderen Geschwister. Doch auch dies hat sich in den letzten Jahren verändert. Bei der Eheschließung sind wirtschaftliche und soziale Kriterien von großer Bedeutung. Wie jedoch die Gesellschaft von geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen geprägt ist, hat dies auch seine Auswirkungen auf die Eheschließung. Das heißt, dass den Männern und deren Familien eine aktivere Rolle zugeschrieben wird als der Frau beziehungsweise deren Familie und demnach erwartet man Schritte hin zu einer Heirat von dem Mann oder dessen Familie.

 

Brautschau, Werbung um ein Mädchen, um die Hand anhalten, Brautwahl

Die Brautschau ist eine Einrichtung die dazu dient, dass sich die Familien der jungen Leute, die heiraten wollen, kennen lernen. Soll eine Ehe nach diesem Brauch geschlossen werden, geht man zur Brautschau zu der Familie des Mädchens, das von Verwandten des Mannes oder von Nachbarn ausgesucht wurde. Zuerst wird die in Frage kommende Braut von den weiblichen Verwandten des Mannes besucht und falls sie als geeignet angesehen wird, schildern diese den Besuch in lobenden Worten gegenüber dem zukünftigen Bräutigam. Wünscht dieser es, dann wird ein zweiter Besuch von Seiten der ältesten Mitglieder seiner Familie durchgeführt. Haben sich die Heiratskandidaten jedoch zuvor geeinigt, dann gehen die ältesten Mitglieder der Familie an einem vereinbarten Tag zu der Familie der zukünftigen Braut, um um ihre Hand anzuhalten. Dabei werden Süßigkeiten, insbesondere Schokolade, überreicht und diese müssen dann auf einem silbernen Teller angeboten werden. Diese Geschenke wie Blumen und Schokolade sind Zeugen der wirtschaftlichen Situation des Mannes. Aber auch im Hause der Frau werden Vorbereitungen getroffen. Als Wichtigstes zählt dabei die Zubereitung von Kaffee von Seiten der zukünftigen Ehefrau. Ohnehin ist der Kaffee in kultureller Hinsicht  in vielerlei Weise bedeutungsvoll: So trägt eine Kaffeetasse die Erinnerung von vierzig Jahren und deshalb ist es nicht grundlos, warum zu Beginn eines solch wichtigen Ereignisses wie Eheschließung Kaffee angeboten wird. Während des Kaffeetrinkens oder danach sagt dann der älteste männliche Verwandte aus der Familie des Mannes oder der Vater des zukünftigen Bräutigams – an dessen Stelle kann auch ein geachteter älterer Verwandter treten – die Worte: „Nachdem es Gott so gewollt hat, bitten wir um ihre Tochter für unseren Sohn“. Es ist eine kulturelle Eigenheit, dass die Familie der zukünftigen Frau sich bitten lässt und nicht sofort „Ja“ sagt, um zu zeigen, dass sie nicht daran interessiert sind, ihre Tochter sofort zu verheiraten. So antworten sie mit den Worten „Wenn es das Schicksal will“. Wird die Schokolade, die der Familie der Frau überreicht wurde, geöffnet und den Gästen angeboten, so kommt dieses einem „Ja“ gleich. Wird sie hingegen nicht geöffnet, so bedeutet dies, dass man noch etwas nachdenken möchte und ein zweiter Besuch muss gemacht werden. Bei diesem zweiten Besuch wird dann die Vereinbarung zur Eheschließung getroffen. Wurde die Schokolade indes geöffnet, wird gleich ein Tag vereinbart, an dem man sich das Wort geben wird.

 

Ehevereinbarung

Die Vereinbarung zur Schließung der Ehe kann sowohl an demselben Tag stattfinden, an dem man um die Hand der zukünftigen Braut anhält, wie auch an einem anderen Tag. Die Feier besteht im Anstecken der Ringe und wird im Haus der Frau durchgeführt. Die Fingerringe symbolisieren, dass sich Frau und Mann gegenseitig das Wort gegeben haben. Danach wird ein Termin für die Verlobung vereinbart, der nicht allzu spät liegen sollte, denn nach islamischem Brauch sollen die Heiratskandidaten so bald wie möglich verheiratet werden. Aus diesem Grunde wird gleich nach der Ehevereinbarung die religiöse Trauung, das heißt die Trauung vor dem Imam, vollzogen, ohne die weiteren Zeremonien abzuwarten. Dieser Brauch gewährleistet den Heiratskandidaten, dass sie sich in Ruhe treffen können.

 

Verlobung

In der Türkei werden alle Ausgaben für die Verlobungsfeier von Seiten der Braut aufgebracht, weshalb diese einen Spiegel der sozioökonomischen Lage der Frau darstellen. Die Familie des Mannes hingegen kleidet für die Verlobung die Frau neu ein und überreicht den Mitgliedern der Familie der Braut Geschenke, die aus handgefertigten Textilien bestehen und die wiederum die ökonomische Lage des Mannes spiegeln. Gleich nach der Verlobung wird von Seiten der Frau ebenfalls ein solches Geschenk, bestehend aus Textilien, zusammengestellt und der Familie des Bräutigams geschickt. Die Verlobungsfeier findet im Haus der Braut oder in einem dafür angemieteten Saal statt und sämtliche Verwandte und Nachbarn werden eingeladen. Es wird Essen oder auch nur Kuchen und süßes Gebäck verteilt. Die Mutter des Bräutigams überreicht der Braut, die das neue Verlobungskleid trägt, Schmuck, der aus einem Ring, einem Armreif oder einer Halskette bestehen kann. Bei der Verlobungsfeier wird ebenso der Verlobungsring an den Finger der rechten Hand von Braut und Bräutigam angesteckt, ein Amt, das einem der ältesten männlichen Verwandten aus der Familie der Braut zukommt. Liegen zwischen Verlobung und Hochzeit religiöse Feiertage, so überreicht der Bräutigam der Braut und ihrer Familie Geschenke. Fällt zum Beispiel das Opferfest in diesen Zeitraum, so kauft der Bräutigam einen Schafbock, schmückt ihn, färbt seinen Rücken mit Henna und schickt ihn der Familie der Braut. Ist die Familie des Mannes reich, so behängt sie darüber hinaus die Stirn des Schafbocks mit Gold. Die Gäste, die an der Verlobungsfeier teilnehmen, überreichen dem Paar Geschenke oder stecken Geld und Gold an ihre Kleidung. Die Dauer der Verlobungszeit bestimmen die Familien, jedoch wird gleich nach der Verlobung die religiöse Trauung vollzogen.

 

Hochzeitsvorbereitungen

In der Zeit zwischen Verlobung und Hochzeit vervollständigt die Braut ihre Aussteuer, die dann in eine Truhe gelegt wird. Die Aussteuer kann von der Mutter der Braut, einer Verwandten oder von der Braut selbst hergestellt werden. Die Holztruhen mit der Aussteuer sind von großer kultureller Bedeutung und sind daher verziert, wobei insbesondere Verzierungen aus Perlmutt sehr begehrt sind. Die Aussteuer der Braut wird einige Tage vor der Hochzeit gewaschen und diese Arbeit sollte von den Freundinnen der Braut erledigt werden. Die gewaschene und gebügelte Aussteuer wird zuerst im Haus der Braut zur Ansicht ausgebreitet und diejenigen, die die Aussteuer inspizieren möchten, bringen ein Geschenk mit. Danach wird die Aussteuer in das Haus gebracht, in dem das Paar leben wird, wobei diese Prozedur von regional unterschiedlichen Bräuchen begleitet ist. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass es ein vergnügliches Unternehmen ist. In manchen Gegenden wird die Aussteuer in das neue Haus gebracht, noch bevor die Braut eingetroffen ist, in anderen Regionen gemeinsam mit der Frau. Die Aussteuer symbolisiert die Ehre der Braut und wird deshalb mit Sorgfalt vorbereitet und überbracht. Und alle wollen die Aussteuer bestaunen.

Die Hochzeit ist eine Feier, die verschiedene Stufen umfasst und in ländlichen Gebieten drei bis sieben Tage dauern kann, in den Städten hingegen eins bis zwei Tage.
Der Termin für die Hochzeit wird gemeinsam festgelegt und vor der Hochzeit wird gemeinsam mit der Braut ein Hochzeitseinkauf unternommen, bei dem neben notwendigen Dingen auch das Kleid für die Henna-Nacht sowie das Brautkleid erstanden werden. Verlobung und Hochzeit können am selben Tag und am selben Ort gefeiert werden, die Verlobung in einem Saal der Stadtverwaltung und die Hochzeit in einem anderen Saal, in dem dem Vergnügen keine Grenzen gesetzt sind. Mietet man einen solchen Saal an, dann kann der Standesbeamte auch dorthin bestellt werden.

Zur Hochzeit werden andere Gäste als zur Verlobung geladen. In manchen Gegenden wird an das Haus des Bräutigams eine Fahne, meist die türkische, angebracht als Zeichen, dass eine Hochzeit stattfinden wird.

 

Die Nacht der Henna

Die Henna-Nacht ist eine Feier, die am Tag vor der Hochzeit durchgeführt wird. Es ist die letzte Nacht, die die Braut nur unter Frauen, darunter die weiblichen Mitglieder ihrer Familie und Nächsten sowie ihre Freundinnen, und als Jungfrau verbringen wird. Traditionell ist diese Feier von Traurigkeit bestimmt, verläuft in den Städten heute aber vergnüglicher, denn es wird als das letzte Amüsement vor der Eheschließung betrachtet. Heutzutage werden in städtischen Regionen Ehen ausschließlich vor dem Standesbeamten geschlossen.

Das Färben mit Henna ist eine Tradition, die weit zurückreicht. Die Hände der Braut, des Bräutigams und der geladenen Gäste werden mit Henna gefärbt, womit die Heiligkeit der Ehe zum Ausdruck gebracht wird. Denn die schützende Eigenheit der Henna ist seit alters her bekannt und man bezweckt mit ihrem Auftragen, dass die Ehe lang währt und beschützt wird.

Die Henna, mit dem die Hände der Braut eingefärbt werden, wird von der Familie des Mannes gekauft. Henna, Nüsse und andere Knabbereien, ein Tag vor der Henna-Nacht eingekauft, werden in das Haus der Braut geschickt, manchmal auch mitgebracht, wenn man zur Henna-Nacht geht. Die Henna wird auf spezielle sorgfältige Weise auf einem Tablett vorbereitet.

Die Henna-Nacht findet im Haus der Braut statt. Die geladenen Frauen und Mädchen aus der Familie des Bräutigams versammeln sich zuerst in dessen Haus und gehen dann zusammen zu dem Haus der Braut. Bis die Frauen aus der Familie des Bräutigams eintreffen, vergnügen sich die Braut und ihre Gäste, um dann in eine traurige Stimmung zu verfallen und das Vergnügen den Frauen aus der Familie des Bräutigams zu überlassen.

Die Braut trägt in dieser Nacht eine besondere Kleidung und ihr Kopf ist mit einem roten Schleier verhüllt. Die Henna wird vorbereitet und dann in ein silbernes oder aus Kupfer hergestelltes Tablett gegeben. Die Henna wird  von einer Frau aufgetragen, die allseits geachtet und beliebt ist. Die Braut sitzt in der Mitte und ihr Gesicht ist in Richtung Mekka gewandt. Die jungen Mädchen um sie herum singen Lieder und Gebetsweisen. Das Tablett mit dem Henna und den brennenden Kerzen darauf lässt man um den Kopf der Braut kreisen, manchmal wird das Tablett auch auf dem Kopf der Braut gedreht, darunter ein Kissen. Sollen die Hände der Braut mit Henna eingefärbt werden, so öffnet diese ihre Hände nicht gleich. Erst wenn ihre Schwiegermutter ihr Gold in die Hand legt, öffnet sie diese und die Hände, in manchen Gegenden auch die Füße, werden mit Henna gefärbt. In einigen Regionen wird zu diesem Zeitpunkt der Zeremonie der Bräutigam eingelassen und die Hände von Braut wie Bräutigam werden zu gleicher Zeit mit Henna gefärbt. Damit wird die Heiligkeit der Ehe in noch bedeutungsvollerer Weise unterstrichen. Während dem Färben mit Henna werden die traurigsten Lieder gesungen, um die Braut zum Weinen zu bringen, denn ihr Weinen ist unabdingbar. Die Lieder handeln von der Mutter und von Trennung. Im Allgemeinen berichten die Weisen, die in der Henna-Nacht gesungen werden, von Kummer und Unrecht, von Fremde und den Schwierigkeiten des Lebens. Während dieser Zeremonie bringen die Frauen mit diesen Liedern das zum Ausdruck, was ihnen öffentlich zu sagen nicht erlaubt ist. Generell weicht die Traurigkeit nach dem Färben mit Henna einer allgemeinen Heiterkeit. Ist die Henna-Nacht zu Ende, gehen die verheirateten und älteren Frauen nach Hause, die jungen Mädchen hingegen verbringen die Nacht an der Seite der Braut, wobei es Bedingung ist, nicht zu schlafen. Denjenigen, die dennoch einschlafen, werden Streiche gespielt: Ihre Gesichter werden eingefärbt oder ihre Kleider ans Bett angenäht.

 

Das Abholen der Braut

Im Rahmen dieser Zeremonie wird die Braut vom Haus ihrer Familie abgeholt und in das Haus des Bräutigams gebracht. In den Städten begeben sich die Paare gleich nach der Hochzeit auf die Hochzeitsreise. Deshalb ist das traditionelle Abholen der Braut nach dem Hochzeitsfest eine durchaus feierliche Angelegenheit. Der Hochzeitszug geht – zu Fuß, wenn es nah ist, mit dem Auto, wenn der Ort entfernter liegt – zum Haus der Braut. Die Schwiegermutter nimmt allerdings an diesem Hochzeitszug nicht teil. Die Braut wartet zu Hause auf den Hochzeitszug, der von unterschiedlichsten Vergnügungen begleitet ist, die je nach Region verschieden sind. So ist es Brauch, den Weg des Hochzeitszuges abzuschneiden und Geld zu verlangen, um diesen wieder frei zu geben, was selbst in den Städten praktiziert wird.

Kommt der Hochzeitszug beim Haus der Braut an, wird Geld verlangt, damit die Türe geöffnet wird. Während sich die Braut vorbereitet, tanzen die Teilnehmer des Hochzeitszuges vor dem Haus. Die Braut erhält von ihrem Vater die erbetene Erlaubnis und dieser bindet ihr eine rote Schleife zum Zeichen ihrer Reinheit und Ehre um die Hüfte. Anstelle des Vaters kann auch der ältere Bruder diese Zeremonie ausführen. Während sich die Braut aufmacht, das Haus zu verlassen, setzt sich ihr kleinster Bruder auf die Truhe mit der Aussteuer und erst wenn er Geld erhält, kann die Braut aus dem Haus treten. Die Mutter der Braut weint, denn es ist der letzte Abschied von ihrer Tochter.
Der Bräutigam nimmt die Braut unter den Arm und führt sie aus dem Haus. In den Städten wird Konfetti über der Braut in die Luft geworfen, in ländlichen Regionen Weizenkörner als Symbol für Fruchtbarkeit. Während dieser Zeremonie werden von der Braut bestimmte Handlungsweisen erwartet, die sich zwar von Region zu Region ändern, deren gemeinsames Ziel jedoch darin besteht zu gewährleisten, dass das Eheleben glücklich beginnt und dauerhaft weiter besteht. Einige dieser Handlungsweisen sind:

–    Während die Braut das Haus verlässt versetzt sie der Türe einen Fußtritt, damit ihre schlechten Veranlagungen hinter ihr bleiben.
–    Die Braut nimmt den Koran unter den rechten und ein Brot unter den linken Arm zum Zeichen ihres guten und sittlichen Charakters und als Symbol dafür, dass sie eine gute Hausfrau werden wird.
–    Man gibt der Frau Sauerteig oder Haushaltsgeräte wie einen Besen oder ein Nudelholz in die Hand, damit sie eine gute Hausfrau wird und ihren Haushalt mit Geschicklichkeit führt.

Dem Hochzeitszug werden verschiedenste Geschenke überreicht und wenn die Braut ihr Elternhaus verlässt, werden Lieder gesungen und die Braut steigt in das Auto (in vergangenen Zeiten benutzte man auf den Dörfern eine Pferdekutsche). Während des Einsteigens wird direkt vor ihren Füßen ein Tonkrug zerbrochen, um das neue Leben für heilig zu erklären.

 

Die Braut wird in das Haus des Ehemannes gebracht

Wird der Brautzug nicht aufgelöst, nachdem die Braut abgeholt wurde, so sucht dieser wichtige Orte auf. Noch bevor die Braut am Haus des Ehemannes ankommt, erhält die Braut Geschenke von Schwiegermutter und Schwiegervater. Während sie im Auto sitzt, legt man ein Baby in ihre Arme, um ihre Gebärfähigkeit zu steigern. Unter Gebeten steigt die Braut aus dem Auto, wobei man auf die unterschiedlichsten Bräuche treffen kann. In manchen Region muss die Braut auf einen Löffel treten oder diesen zerbrechen. In wieder anderen Regionen muss sie auf einen umgedrehten Kessel treten, manchmal auf ein Hanfseil. Diesen Bräuchen ist die Absicht gemein, die Ausdauer der Braut zu stärken. In manchen Gegenden muss die Braut auf ein Schaffell treten um damit zu zeigen, dass sie fügsam ist. Während die Braut aus dem Auto steigt werden vom Dach aus Trauben, geröstete Kichererbsen und die Früchte der Ölweide über sie gestreut. Dies gibt dem Wunsch Ausdruck, dass ihr Haus fruchtbar sein soll. In anderen Gegenden wiederum wird der Wunsch, dass die Braut von gutem Charakter ist, mit dem Zerbrechen eines Glases oder eines Tontopfes bestärkt. Bevor sie durch die Türe tritt, wird der Braut in manchen Gegenden auch ein Löffel Honig gegeben mit dem Wunsch, über ihre Lippen sollen keine schlechten Worte treten. Der Bräutigam muss hingegen je nach Region einen Granatapfel, einen Apfel oder eine Orange so auf den Boden werfen, dass sie in Teile zerberstet um damit zu zeigen, dass er seine Familie beschützt und sich um sie kümmert.

Ist die Braut bis zu der Türe ihres neuen Heims gekommen, nimmt man ihr den Brautschleier ab. Das Betreten des Hauses unterliegt wiederum verschiedensten Zeremonien, deren gemeinsames Ziel der Wunsch ist, dass die Braut verständnisvoll und von gutem Benehmen ist und dass nur freundliche Worte von ihr zu vernehmen sein werden. Auch soll mit diesen Bräuchen verhindert werden, dass in der großen Familie Probleme auftreten. Ein Teil dieser Bräuche wird in den Städten nicht mehr praktiziert, manchmal sind sie auch ganz verschwunden. Da die Großfamilie in den Städten an Bedeutung verloren hat und die Jugendlichen heute ihr eigenes Heim gründen, sind diese Bräuche nur noch in manchen Dörfern oder Gegenden, in denen das traditionelle Leben andauert, aufzufinden.  Zu diesen Bräuchen zählen: Die Braut springt auf dem rechten Fuß über die Schwelle und küsst die Hände der Älteren. Man lässt Braut und Bräutigam Fruchtsaft trinken und bittet sie in das Zimmer, wo der Bräutigam seiner jungen Frau ein Geschenk überreicht. In manchen Regionen wird der Braut erst zu diesem Zeitpunkt der Schleier abgenommen. Danach verlassen sie das Zimmer und vergnügen sich bis zum Abend, der Bräutigam mit seinen Freunden, die Braut mit den Gästen, die in das Haus des frischen Ehemannes gekommen sind.

 

Erstmaliges Zusammenkommen

Das erste Zusammenkommen von Braut und Bräutigam, nachdem die religiöse wie standesamtliche Eheschließung vollzogen wurde, nennt man ‚GerdekÂ’. Nunmehr ist ihre Ehe sowohl von Gott wie von Seiten der Gesellschaft bestätigt worden. Auch wenn diese nicht rechtskräftig ist, so gibt es dennoch immer noch Ehen, die ausschließlich vor dem Imam vollzogen werden. Am verbreitetsten ist hingegen, die Ehe zugleich sowohl vor dem Imam wie auf dem Standesamt zu schließen.

Mit den Fäusten auf ihn einschlagend bringt man den Bräutigam in das Brautgemach. Mit dieser Zeremonie wird beabsichtigt, den Bräutigam für die Hochzeitsnacht zu stärken. Betritt der Ehemann das Brautgemach, verrichtet er das rituelle Gebet. Derweil hat man dem neuen Paar Speisen wie Huhn und Baklava gebracht. An der Seite der Braut befindet sich eine Frau, die das junge Paar auffordert, sich gegenseitig die Hand zu geben. Die Frau verlässt danach das Zimmer. Die Braut hüllt sich in Schweigen und der Bräutigam versucht sie zum Sprechen zu bringen, indem er ihre Geschenke überreicht.

Nach dem islamischen Glauben und der gesellschaftlichen Ethik darf die Braut auf keinen Fall vor ihrer Hochzeit mit einem Mann zusammen gewesen sein. Es ist Bedingung, dass ihrer Jungfernschaft von dem Mann, den sie heiratet, ein Ende gesetzt wird. In vielen Regionen ist dies eine Frage der Ehre. Aus diesem Grunde ist die Hochzeitsnacht die Nacht, in der die Ehre der Frau bestätigt wird. In manchen Gegenden wird die Tatsache, dass die Braut Jungfrau ist, mit Pistolenschüssen der gesamten Bevölkerung bekannt gegeben, in anderen Regionen hängt man stattdessen eine Fahne auf.

In den Städten sind solche Bräuche so gut wie verschwunden. Haben sie aber noch Bestand, so werden nach der Hochzeitsnacht Vergnügungen aller Art veranstaltet, um die Jungfräulichkeit zu feiern und um die Braut zu sehen. Diese breitet ihre Aussteuer aus, so dass alle Gäste sie betrachten können.

 

Die Eheschließung vor dem Imam, die religiöse Trauung

Die religiöse Trauung bedeutet aus dem Blickwinkel des Islam die Ehe zu heiligen und die Eheschließung vor dem Imam ist eine religiöse Feier, die die Anerkennung der Ehe vor Gott gewährleistet. Während früher ausschließlich religiöse Trauungen durchgeführt wurden, schließt man eine Ehe heute sowohl vor dem Imam wie auf dem Standesamt, um der Frau rechtliche Sicherheit zu bieten.

Die Trauung vor dem Imam ist eine religiöse Pflicht. Vor der eigentlichen Trauung hält der Imam eine Predigt, spricht Gebete und dankt Gott. Um die Trauung zu vollziehen sagt er: „Diese Frau (es wird der Name der Braut genannt) gebe ich Dir als Ehegattin“. Der Bräutigam oder ein Vertreter sagt daraufhin: „Auch ich erkläre mich einverstanden sie gegen eine Mitgift von … (die Summe wird mit lauter Stimme genannt) zu heiraten“. Mit diesen Worten, die in Anwesenheit von zwei Zeugen ausgesprochen werden, ist die Trauung vollzogen.

Das Wichtige bei der religiösen Trauung ist die Festsetzung der Mitgift, die man ‚mihirÂ’ nennt und die erhoben wird, um die Frau in der Zukunft abzusichern. Denn falls es zu einer Scheidung kommt, wird entsprechend der Mitgift die Entschädigung, die die Frau erhält, bestimmt. Die Mitgift kann in Form von Gold, Geld oder Gütern festgesetzt werden und wird im Allgemeinen in Anwesenheit von Zeugen in schriftlicher oder mündlicher Form festgehalten.

 

Begräbnis- und Beerdigungsbräuche in der Türkei heute

Die islamische Welt besteht aus vielen Glaubensrichtungen. Aus diesem Grunde wurden aus allen diesen Rechtsschulen die gemeinsamen Bräuche ausgesucht und ausgewertet. Wenn heute auch sämtliche Bräuche, die man im Hause des Verstorbenen durchführt und die die Beförderung des Sarges auf den Friedhof bestimmen, von Verstädterung und Industrialisierung beeinflusst sind, so handelt es sich hierbei jedoch um Bräuche, die zum größten Teil noch praktiziert werden.

Unterschiede sind im Alewitentum festzustellen. Der alewitische Glaube beruht auf Produzieren und Teilen, auf Teilnahme und dem Prinzip der Mehrheit sowie auf Freiheit und Gleichheit. Das Leben ist ein Kampf und Geburt, Heirat und Tod sind Stufen dieses Lebens. War der Verstorbene reich, so wird bei den Alewiten ein siebentägiges Totenmahl abgehalten (ein Überbleibsel aus der Tradition der Hettiter). War der Verstorbene hingegen arm, so wird in der Gemeinde Geld gesammelt, ein Opfertier geschlachtet und seine Schulden beglichen. Wird der Leichnam aus dem Haus heraus getragen, wird eine religiöse Feier durchgeführt, wobei Lieder in einer bestimmten Tonart gesungen werden. Mit dieser Feier und einem Eimer Wasser, der dem Sarg hinterher ausgeschüttet wird, gibt man dem Toten das letzte Geleit. Am Abend des Tages, an dem die Beerdigung stattfand, veranstaltet man für den Verstorbenen eine religiöse Versammlung mit einem Gottesdienst.

In manchen Regionen stehen dabei die Frauen, in Trauer gehüllt und ihr Kinn auf einer Haselnussgerte abgestützt. Hatte der Verstorbene Schulden, werden diese bezahlt und hatte er jemanden gekränkt oder beleidigt, so bittet man diese Person um Verzeihung, denn es ist nicht erlaubt, mit einer Ungerechtigkeit, die man begangen hat, in die Ewigkeit einzugehen. Die Beerdigungsfeierlichkeiten werden von den alewitischen Oberhäuptern geleitet. Das Oberhaupt spricht für den Verstorbenen folgende Worte: „Wenn das, was vor Dir liegt, Samt ist, so hast Du ihn selbst gewoben; sind es aber Dornen, so hast Du sie selbst gepflanzt“.

Das Opfertier, das am ersten Tag geschlachtet wurde, wird als Todesmahl dargereicht und auf diese Weise verteilt. Der Zeit zwischen dem ersten und dem vierzigstem Tag wird als dem „Ort zwischen Tod und Auferstehung“ gedacht. Am vierzigsten Tag nach der Beerdigung wird mit der Erlaubnis der Gemeinde ein weiterer Gottesdienst abgehalten. An diesem Tag wird ein Essen gegeben, eine religiöse Versammlung veranstaltet, im Kreise getanzt, Verse vorgetragen und Lieder gesungen. Nach alewitischem Glauben werden das Waschen des Toten, das Anlegen des Totenkleides und die Abhaltung von Gebeten nicht in der Moschee, sondern in den, der Gemeinde eigenen Versammlungshäusern durchgeführt. Die weiteren Bräuche gleichen größtenteils denjenigen der anderen Rechtsschulen, die im Folgenden dargestellt werden.

Eine Person, die sich im Sterben befindet, nennt man „muhtezar“. Diesem wird das Glaubensbekenntnis vorgetragen und der Sterbende wird aufgefordert, es selbst aufzusagen. Diesen Vorgang nennt man „telkin“ (Einflüsterung). Das Waschen des Toten nennt man „gaslşmeyyit“ und sämtliche Vorgänge, von der Totenwaschung bis zum Begräbnis nennt man „teçhiz“.

Das Waschen des Toten, seinen Leib in das Leichentuch einhüllen, das Abhalten des Totengebetes und die Bestattung sind religiöse Pflichten, genannt „farz“. Diese sind einzuhalten. Über den Verstorbenen sind nur gute Worte zu sprechen, man soll sich nur an seine guten Seiten erinnern und sich davor hüten, Schlechtes über ihn zu sagen.
Bei der Aufbahrung des Toten wird der Leichnam auf die rechte Seite in Richtung Mekka gedreht, seine Füße weisen ebenfalls in diese Richtung und sein Kopf wird etwas erhöht gelagert, damit gewährleistet wird, dass auch sein Gesicht in Richtung Mekka blickt.

Einer Person, die im Sterben liegt, bringt man den Kelime-i Tevhid oder das Glaubensbekenntnis und lässt es ihn auch selbst aufsagen. Dessen Sinn lässt sich in folgende Worte fassen: „Ich bitte Allah um Erbarmen und Barmherzigkeit. Denn ich glaube an ihn. Es gibt keinen Gott außer Allah“. Wenn das die letzten Worte eines Verstorbenen sind, dann geht er in das Paradies ein. Es gilt als gute Tat, im Haus eines Toten den Koran zu rezitieren, denn man geht davon aus, dass es die Seele des Toten beruhigen werde. Insbesondere wird empfohlen, die Suren „Yasin“ und „Rad“ zu lesen.

Sind die Augen nach Eintreten des Todes geöffnet, werden sie geschlossen und ein Band vom Kinn über den Kopf gebunden, damit auch der Mund geschlossen bleibt. Während dies getan wird, sagt man Gebete auf. Insbesondere folgendes Gebet ist für eine solchen Situation geeignet: „Mein Gott, stehe dieser Person bei. Mache ihn glücklich mit Deinem Gesicht. Schenke ihm in dieser anderen Welt, in die er sich begibt, mehr Gutes und Glück als er es in der Welt erfahren hat, von der er kommt“.

Zur Aufbahrung des Toten zieht man seine Kleider aus und legt ihn auf ein hölzernes Brett. Über ihn wird eine Decke ausgebreitet, die auch sein Gesicht bedeckt. Damit der Tote nicht anschwillt legt man ein Messer, einen Dolch oder ein Stück Eisen auf seinen Bauch. Arme und Hände werden an den Seiten ausgestreckt angelegt. Neben dem Toten sollte sich niemand aufhalten, der die rituelle Waschung nicht vorgenommen hat. Schöne Düfte sollen den Toten umgeben, wozu man ein Räucherstäbchen anzünden oder Rosenwasser versprühen kann. Solange der Tote nicht gewaschen ist, sollte man den Koran nicht rezitieren, man kann dies jedoch in einem anderen Zimmer tun. Ist ein solches nicht vorhanden, muss das Gesicht des Toten vollständig bedeckt sein und man kann mit leiser Stimme dann aus dem Koran lesen. Man sollte die Nachricht über seinen Tod allen Verwandten und Bekannten zutragen und sämtliche Angehörige, Nachbarn, Bekannte und alle, die er liebte, sollen an seiner Seite sein, um dem Verstorbenen ihre letzte Pflicht zu erweisen, was nach islamischem Glauben als fromme Tat nicht unbeantwortet bleiben wird.

 

Die Waschung des Toten

Es ist wichtig, den Toten schnellstens zu waschen, in ein Leichentuch zu hüllen und ihn zu begraben. Der Tote wird zur Waschung auf einem Holzgestell oder auf einem Holzbrett, auf dem Rücken liegend, aufgebahrt und seine Füße weisen nach Mekka. In der Umgebung des Toten werden wohlriechende Düfte verstreut, wozu Räucherstäbchen drei, fünf oder sieben Mal angezündet werden. Über den Toten wird bis zu den Knien eine Decke ausgebreitet und seine Kleider werden ihm ausgezogen. Der Tote muss an einem uneinsehbaren Ort gewaschen werden und die Waschung kann entweder der nächste Angehörige oder eine dafür beauftragte Person vornehmen, die für ihren Dienst Geld erhält. Handelt es sich bei dem Verstorbenen um einen Mann, so muss dieser ebenfalls von einem Mann gewaschen werden, dementsprechend muss die Waschung einer weiblichen Toten eine Frau vornehmen. Eine Ausnahme gilt nur für Ehegatten. Die Waschung beginnt mit dem Aussprechen der Bismillah-Formel und die Worte „Ich bitte Allah um Gnade“ werden bis zum Ende der Waschung wiederholt. Die Person, die die Waschung vornimmt, wickelt einen Stoff um ihre Hände oder trägt Handschuhe. An dem Toten muss die rituelle Reinigung vorgenommen werden und wenn kein Wasser vorhanden ist, kann dies auch mit sauberer Erde vollzogen werden. Dem Toten wird zuerst das Gesicht gewaschen. Weil der Mund geschlossen ist, kommen Mund und Nase nicht mit Wasser in Berührung, wie das eigentlich bei der rituellen Reinigung Vorschrift ist. Nur Lippen, Nasenlöcher und Bauchnabel werden gewaschen, wie auch Hände, Arme, Füße und der Kopf. Auf diese Weise ist die rituelle Reinigung vollzogen. Ist ein kleines Kind gestorben, muss die rituelle Waschung nicht vorgenommen werden. Nach dieser Prozedur wird warmes Wasser über den Toten gegossen, das Haar und – bei einem Mann – der Bart wird mit einer Pflanze namens „hatmi“ (Malve) gewaschen. Ist diese Pflanze nicht aufzufinden, werden Haare und Bart ungekämmt mit normaler Seife gereinigt. Danach wird die rechte und linke Seite des Körpers noch drei Mal gewaschen. Entsprechend den Vorschriften wird dies als genügend angesehen, auch wenn man den Toten noch weiter waschen kann. Dies zeugt wohl von geografischen Regionen, in denen Wasser knapp ist und nicht verschwendet werden darf. Zuletzt wird der Tote etwas angehoben und man wäscht seinen Rücken.

Haare und Nägel des Toten werden nicht geschnitten und ist der Verstorbene nicht beschnitten, so kann dies auch nachträglich nicht vorgenommen werden. Beim Waschen darf keine Baumwolle benutzt werden und nach der Waschung wird der Tote mit einem Handtuch abgetrocknet.

 

Das Leichentuch

Es ist notwendig, den Körper des Toten in ein Tuch zu hüllen, das im Allgemeinen weiß ist und aus Baumwolle besteht. Am besten ist weißer Wäschestoff. Für Frauen kann das Leichentuch auch aus Seide oder aus gefärbten Stoffen sein und das Leichentuch von Frauen wird fünf Mal, das von Männern drei Mal gefaltet. Bevor es um den Toten gehüllt wird, sprüht man drei oder fünf Mal Duftstoffe über das Tuch. Der Tote wird von links nach rechts in das Tuch gehüllt und wenn man befürchtet, dass sich das Tuch öffnen wird, kann man es mit einem Gurt zusammenbinden. Einer Frau werden, sind ihre Haare lang, zwei Zöpfe geflochten und über das Leichentuch über die Brust gelegt. Ihr Gesicht wird anschließend mit einem Tuch verhüllt. Das Leichentuch muss mit dem Geld des Verstorbenen gekauft werden. Ist kein Geld vorhanden, kommen die Angehörigen dafür auf oder es wird auf der Beerdigung dafür gesammelt. Das Leichentuch für Frauen bezahlen die Ehegatten. Schließlich legt man den in das Leichentuch gehüllten Toten in einen Holzsarg und bringt ihn zum Totengebet in die Moschee.

 

Das Totengebet

Für einen Toten, an dem die Waschung vorgenommen wurde und den man in ein Leichentuch eingehüllt hat, muss man das Totengebet nach Mekka gerichtet sprechen, nachdem man die rituelle Waschung vollzogen hat. Das Totengebet muss mit dem Aussprechen der Intention beginnen und es muss gesagt werden, ob es sich bei dem Toten um eine Frau, einen Mann oder um ein Kind handelt. Das Totengebet wird von dem Imam angeleitet, der das Gebet beginnen lässt, indem er mit lauter Stimme die Intention ausspricht, was – für einen Mann – mit den Worten geschieht „Für diesen Mann“ beziehungsweise für eine Tote „Für diese Frau“. Kıyam (Aufstehen) und tekbir (Aussprechen der Formel Allah ekber) sind Teile des Totengebets. Man steht in einer Reihe und wendet sich in Richtung des Toten und in Richtung Mekka. Dann erhebt man die Hände, spricht die Formel Allah ekber und verschränkt dann die Hände vor dem Bauch. Danach wird das Gebet Sübhaneke rezitiert und wieder spricht man, dieses Mal ohne die Hände zu heben, die Formel Allah ekber, um dann die Sure Fatiha zu lesen. Zum Schluss wird noch einmal die Formel Allah ekber gesprochen, ohne die Hände zu heben, und gemeinsam mit allen Muslimen für den Toten gebetet und bei Gott um Gnade für ihn gebeten. Damit endet das Totengebet. Es ist nicht notwendig, dass bei dem Totengebet viele Menschen anwesend sind. Spricht der Imam und ein Mann oder eine Frau das Totengebet, ist dies ausreichend. Auch wenn bei einem Totengebet nur Frauen anwesend sind genügt dies den Vorschriften. Bei dem Totengebet können Männer und Frauen in einer Reihe stehen, es wird jedoch als angemessener betrachtet, wenn die Frauen hinter den Männern stehen. Das Totengebet wird nicht in der Moschee, sondern in deren Garten abgehalten, wo der Tote auf einer Steinbank, genannt „musalla taşı“, aufgebahrt wird. Nur in der Moschee von Mekka wird das Totengebet in der Moschee abgehalten. Am Ort des Begräbnisses wird bei Sonnenaufgang und -untergang das Totengebet nicht gesprochen.

 

Das letzte Geleit

Nachdem das Totengebet abgehalten wurde, muss der Tote so schnell wie möglich bestattet werden. Den Sarg tragen vier Personen, die diesen von vier Seiten her auf ihre Schultern nehmen. Dies ist von großer Wichtigkeit, da sie damit dem Verstorbenen Ehre und Achtung erweisen. Einen Toten wie einen Gegenstand in einem Auto oder auf einem Tier zu befördern wird nicht als angemessen betrachtet. Trägt man ihn hingegen auf den Schultern, so zeigt man diesem Menschen den ihm zustehenden Wert. Handelt es sich bei dem Toten um ein Kind, so kann auch eine Person diesen Leichnam tragen. Der Sarg führt den Beerdigungszug an und die vier Personen, die den Sarg tragen, müssen sich von Zeit zu Zeit abwechseln. Ein Wechsel nach zehn Schritten gilt dabei als angemessen. Die Beerdigungsteilnehmer dürfen nie vor dem Sarg laufen und es ist ihnen untersagt, über tägliche Angelegenheiten zu reden. Sie sollten Gebete oder den Koran rezitieren. Auch ist es verboten, hinter dem Toten übermäßig zu weinen oder ein übertriebenes Verhalten zu zeigen, denn dies gilt als eine Verletzung der Hochachtung gegenüber Allah. Trauer zu zeigen und lautlos zu weinen entsprechen am ehesten der Situation.

 

Begräbnis

Wurde der Sarg zum Grab gebracht und von den Schultern der Träger gehoben, dürfen sich die Teilnehmer der Beerdigung setzten. Das Grab muss eine Manneslänge tief und eine halbe Manneslänge breit sein. Das Grab kann entweder zuvor ausgehoben worden sein oder dann ausgegraben werden, wenn der Sarg gebracht wird, wobei das Graben als überaus fromme Tat gilt. Man kann das Grab aber auch ausgraben lassen. Es zeigt in Richtung Mekka und auch der Tote wird in dieser Richtung in das Grab gelegt. Über ihm wird aus Holz, Schilf oder Ziegellehm ein Gestell errichtet das verhindert, dass Erde über ihn geworfen wird, was als Zeichen der Ehre gegenüber dem Toten verstanden wird. Ist das Grab sehr feucht und von weicher Erde, kann der Tote auch im Sarg bestattet werden.

Der Leichnam wird unter Gebeten in das Grab gelegt und anschließend wird es mit Erde zugeschüttet, die jedoch nicht flach enden darf, sondern wie ein Kamelhöcker aufgeschüttet wird. Die Beerdigung muss tagsüber stattfinden.

Nachdem der Leichnam in das Grab gelegt wurde, rezitiert man aus dem Koran. Aus diesem Grunde verlassen die Beerdigungsteilnehmer die Grabstätte nicht sofort. Man nimmt an, dass auf diese Weise der Tote beim ‚GrabverhörÂ’ leichter antworten kann, denn nach islamischen Glauben gibt es ein solches Verhör, das der Tote leichter überstehen kann, wenn ständig Gebete gesprochen werden.

 

Bräuche nach dem Begräbnis

Nach der Beerdigung müssen die Angehörigen sieben Tage lang Geschenke und Essen, entsprechend ihrer ökonomischen Lage, an die Armen verteilen. Im Haus der Angehörigen darf jedoch kein Essen gekocht werden und die täglichen Arbeiten ruhen. Die Angehörigen müssen drei Tage lang im Hause bleiben, um Gäste, darunter Nachbarn und Verwandte, die kommen, um Beileid zu wünschen, zu empfangen und zu bewirten. Soweit wie möglich sollten die Beileidswünsche innerhalb dieser drei Tage überbracht werden.

Das Grab muss sauber gehalten werden, denn man sollte nicht vergessen, dass die Rechte der Toten genau so wichtig sind wie die der Lebenden.
Nach dem Begräbnis sollte das Grab, wenn keine außerordentlichen Gründe vorliegen, nicht wieder geöffnet werden.

Das Grab sollte ein Mal in der Woche, möglichst am Freitag oder Samstag, besucht werden, wobei man vor dem Grab steht und den Koran rezitiert. Da man annimmt, dass wenn man direkt mit dem Toten spricht, dieser einen hört, sprechen viele Leute mit lauter Stimme am Grab. Man sollte jedoch nicht von täglichen Dingen reden, sondern eher ein religiös bestimmtes Verhalten zeigen.

In der islamischen Welt ist der Begriff des Märtyrertums von überaus bedeutender Wichtigkeit. Man glaubt, dass die Menschen, die als Märtyrer gestorben sind, direkt in das Paradies kommen. Über ihren Sarg wird bei der Beerdigungsfeier eine Fahne ausgebreitet. Für Personen, die zum Märtyrer wurden, weil sie ihr Vaterland schützten, werden eigene Feierlichkeiten durchgeführt.

Nach der Beerdigungsfeier bemüht man sich im Haus der Angehörigen, der Seele des Verstorbenen Ruhe zu gewähren, indem man den Koran lesen lässt. Aus diesem Grunde trifft man sich mit Nachbarn und Verwandten am siebten Tag, am vierzigsten Tag und am zweiundfünfzigsten, um den Koran gemeinsam zu lesen. Auf diesen Versammlungen liest man vor allem aus dem Mevlid, einer Lobhymne an den islamischen Propheten Mohammed Mustafa. Es wurde zwar zum Brauch, dass auf allen Versammlungen aus dem Mevlid gelesen wird, aber eigentlich wäre eine Rezitation des Korans angebrachter. In jedem Gebet werden Wünsche für das Glück aller Märtyrer, aller Toten und für alle Menschen auf der Welt geäußert.

Damit die Toten an den Orten, an denen sie begraben wurden, jeder Zeit ungestört sind, wird ihrer stets im Guten erinnert und für sie gebetet.

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05 09 2010
By: Redaktion 2 0

Die Geschichte der türkischen Juden

von Naim Güleryüz Forscher und Präsident  der  „Fünfhundertjahre Stiftung“ (Quintencennial Foundation)

Deutsche Bearbeitung von Birol Kilic

Vorwort

In der Mitternacht vom ersten August auf den zweiten des Jahres 1492, als Columbus mit seiner Flotte sich auf den Weg machte, für eine Entdeckungsreise, die später seine berühmteste sein wird, fuhr er von dem relativ unbekannten Hafen von Palos ab, da die Ausfahrten von Cadiz und Sevilla durch die sephardischen Juden, die durch das Ausweisungsedikt der Königin Isabella und des Königs Ferdinand von Spanien vertrieben worden sind, versperrt waren.

 

Die Juden wurden gezwungen, entweder zum Christentum überzutreten oder das Land  unter der Androhung: „Sie wagen ja nicht zurückzukommen…. nicht einmal einen unbefugten  Schritt zurückzutreten, auf welche Art und Weise es auch sei“ zu verlassen. Sie ließen ihr Land, ihr Eigentum, ihre persönlichen Sachen und alles, was ihres war und mit dem sie vertraut  waren, zurück, um ihren Glauben, ihre Tradition, ihr Erbe nicht aufgeben zu müssen.

 

Im fernen Türkisch-Osmanischen Reich reichte ein Herrscher den verfolgten Juden von Spanien, den Sephardim, sofort die Hand zum Willkommensgruß. Es war Sultan Bayazid II.

 

Als wir uns damals an das Jahr 1992 annäherten, an das 500. Jubiläum der Entdeckung des Amerikanischen Kontinents, war die jüdische Diaspora nicht nur mit dem Andenken der Vertreibung , sondern auch mit dem sieben Jahrhunderte langem,  aufblühenden jüdischen Leben unter der moslemischen Herrschaft in Spanien und mit den Empfang der Juden im Osmanischen Reich im Jahre 1492 beschäftigt.

 

Dieser Humanismus ist im Einklang mit der Wohltätigkeit und dem Wohlwollen, die vor allem von der Türkischen Regierung gegenüber den Leuten der verschiedenen Glaubensrichtungen, Kulturen und Hintergründen entgegengebracht wird.  Tatsächlich kann die Türkei als ein Modell für jede Nation, die aus aller Welt Flüchtlinge vor seiner Tür findet, dienen.

 

Im Jahr 1992 werden die türkischen Juden nicht nur den Jahrestag dieses gütigen Willkommens feiern, sondern  auch den bemerkenswerten Geist der Toleranz und der Akzeptanz, der die gesamte jüdische Erfahrung in der Türkei kennzeichnete. Die geplanten Veranstaltungen, Symposien, Konferenzen, Konzerte, Ausstellungen, Filme und Bücher, die Renovierung alter Synagogen usw. werden die Langlebigkeit und die Prosperität der jüdischen Gemeinde in Erinnerung rufen. Als ein Ganzes beabsichtigen die Veranstaltungen den Reichtum und die Sicherheit des Lebens der Juden, die sie im Osmanischen Reich und anschließend in der Türkischen Republik gefunden haben, in dieser mehr als fünfhundert Jahre dauernden friedlichen  Zeitspanne, zu demonstrieren und zu zeigen, dass es tatsächlich nicht unmöglich ist, für die Leute verschiedenen Glaubens unter einer Fahne zu leben.

 

Die Geschichte der Juden in Anatolien hat viele Jahrhunderte vor der Einwanderung der sephardischen Juden angefangen. Die Reste der jüdischen Siedlungen vom 4. Jahrhundert (v. C.) wurden in der ägäischen Region entdeckt. Der Historiker Josephus Flavius berichtet, dass Aristoteles „während seiner Reise durch  Kleinasien jüdische Leute traf, mit denen er einen Meinungsaustausch hatte.”

 

Antike Synagogen-Ruinen wurden in Sardis, in der Nähe von Izmir mit dem Datum von 220 v. C. gefunden. Und Spuren anderer jüdischer Siedlungen wurden in der Nähe von Bursa, im Südosten und entlang des Ägäischen Meeres, des Mittelmeers und an der  Schwarzmeerküste entdeckt.

 

Eine in Ankara gefundene bronzene Säule bestätigt die Rechte, die Kaiser Augustus  den Juden von Kleinasien gewährte.

 

Mit der türkischen Eroberung blühten jüdische Bevölkerungsgruppen in Anatolien auf und florierten weiter. Als die Osmanen 1324 Bursa eroberten und die Stadt zu ihrer Hauptstadt machten, fanden sie hier eine unterdrückte Jüdische Gemeinde. Die Juden empfingen  die Türken als Retter. Sultan Orhan gab ihnen die Erlaubnis  Etz ha-Hayyim („Der Baum des Lebens“) eine Synagoge zu erbauen, die bis vor 50 Jahren auch in Takt geblieben war.

 

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts, als die Osmanen ihre Hauptstadt in Edirne gründeten, wanderten Juden aus Europa, darunter auch Karaiten, in die Stadt ein.[1] Ebenso fanden Juden, die 1376 aus Ungarn, oder die, die aus  Frankreich von Charles VI im September 1394 vertrieben worden sind, weiters die, die im frühen 15.Jahrhundert  aus Sizilien flüchteten, Zuflucht im Osmanischen Reich. In den 1420ern, flohen die Juden aus Saloniki, damals unter venezianischer Herrschaft, nach Edirne.[2]

 

Die osmanische Gesetzgebung war viel toleranter als die byzantinische. Tatsächlich, beginnend im frühem 15. Jahrhundert, haben die Türken die Einwanderung der Juden  aktiv unterstützt. Ein Brief, der von Rabbi Yitzak Sarfati aus Edirne, zu den jüdischen Gemeinden in Europa geschickt wurde, „lud seine Leute ein, die Erniedrigungen, die sie unter dem Christentum leiden, zu verlassen und in der Türkei Sicherheit und Wohlfahrt zu suchen.“[3]

 

Als  Mehmet II., „Der Eroberer“, im Jahre 1453 Istanbul eroberte, begegnete er hier einer unterdrückten romanischen  (byzantinischen) jüdischen Gemeinde, die ihn mit Begeisterung willkommen hieß. Sultan Mehmet II verkündete allen Juden, „sich im besten Lande niederzulassen, jeder neben seinem Feigenbaum, mit Silber und Gold, mit Reichtum und mit den Tieren“.[4]

 

1470 wurden die Juden aus Bayern von Ludwig X. vertrieben und auch sie fanden Zuflucht im Osmanischen Reich.[5]

 

Die  Aufnahme durch Sultan Bayazid II. gab den vertriebenen Sephardim neue Hoffnung. 1492 erteilte der Sultan den Regierungen der Provinzen den Befehl “ zum Eintritt der Juden nicht einzumischen oder denen keine Schwierigkeiten zu verursachen, sondern sie herzlich zu empfangen.“[6]  Nach Bernard Lewis: „Den  Juden wurde nicht nur erlaubt, sich niederzulassen, sondern sie wurden dazu ermutigt, es wurde ihnen dabei geholfen, manchmal wurden sie sogar gezwungen.“

 

Immanual Aboab führte die berühmte Bemerkung auf Bayazid II. zurück, dass „der katholische Monarch fälschlicherweise als weise betrachtet worden sei, weil er durch die Vertreibung der Juden Spanien verarmt und die Türkei bereichert hat.”[7]

 

Die Ankunft der sephardischen Juden änderte die Struktur der Gemeinde und die ursprüngliche Gruppe von romanischen Juden ging in der neuen Gemeinde völlig auf.

 

Über die Jahrhunderte hat sich eine zunehmende Anzahl von europäischen Juden, die der Verfolgung entfliehen wollten,  im Osmanischen Reich niedergelassen. Im Jahr 1537 fanden die Vertriebenen von Apulien (Italien) – nachdem die Stadt unter der Leitung  von Papal gefallen ist – ebenso eine sichere Zuflucht wie die, die 1542 aus Böhmen von König Ferdinand vertrieben worden waren.[8] Im März 1556 schrieb Sultan Suleyman der Prächtige einen Brief an Papst Paul IV, in dem er ihn nach der sofortigen Entlassung von Ancona Marranos fragte, den er als Osmanischen Staatsbürger deklarierte. Der Papst hatte keine andere Alternative als ihn zu entlassen, da das Osmanische Reich damals die Supermacht  war.

 

Im Jahre 1477 waren 1647 jüdische Haushalte in Istanbul. Sie machten 11% aller Haushalte aus. Ein halbes Jahrhundert später wurden 8070 jüdische Häuser in der Stadt aufgelistet.

 

Die Geschichte der Türkischen Juden

 

300 Jahre nach der Vertreibung konkurrierten der Wohlstand und die Kreativität der osmanischen Juden mit denen des Goldenen Zeitalters in Spanien. Vier türkische Städte; nämlich Istanbul, Izmir, Safed und Saloniki wurden die Zentren des Sephardischen Judentums.

 

SEPHARAD

 

Was bedeutet das?
Sepharad ist der hebräische Name von Spanien.

 

Es ist aber eine weniger bekannte Tatsache, dass das Wort Sepharad in den Heiligen Schriften   vorkommt; (Obadiah 1:20) im Sinne einer Region um Sardis herum, wo jüdische Vertriebene nach der Besetzung von Jerusalem von Nebukadnezar deportiert worden waren. Dieser Name wurde später Spanien zugewiesen. Die sog. Sephardim sind die Juden, die 1492 aus Spanien  und später 1496 aus Portugal vertrieben worden sind.

 

Viele Hofphysiker waren Juden: Hakim Yakoub, Joseph und Moshe Hamon, Daniel Fonseca, Gabriel Buenauentura, um nur einige wenige zu nennen.

 

Einer von den meist signifikanten Erfindungen, die die Juden ins Osmanische Reich gebracht haben, war die Druckerpresse. 1493, nur ein Jahr nach der Vertreibung aus Spanien, errichteten David und Samuel ibn Nahmias die erste hebräische Druckerpresse.

 

Osmanische Diplomatie wurde öfters von den Juden ausgeführt. Joseph Nasi, zum Herzog von Naxos ernannt, war der frühere Portugiese Marrano Joao Miques. Ein anderer portugiesischer Marrano[9], Aluaro Mandes, wurde für seine diplomatischen Dienste für den  Sultan, zum Herzog von Mytilene ernannt. Salamon ben Nathan Eskenazi sorgte für die ersten diplomatischen Beziehungen zum Britischen Imperium. Jüdische Frauen wie Dona Gracia Mendes Nasi, „La Seniora”, und Esther Kyra übten beträchtlichen Einfluss am Hof aus.

 

In der freien Atmosphäre des Osmanischen Reiches blühte die jüdische Literatur auf.

 

Joseph Caro übersetzte  „Shulhan Arouh“. Shlomo haLevi Alkabes komponierte  „Lekhah Dodi”; eine Hymne, die den Sabbat willkommen hieß, entsprechend sowohl den sephardischen wie ashkinazischen Ritualen. Jacob Culi fing an, dem berühmten „MeAm Loez” zu schreiben. Rabbi Abraham ben Isaac Assa wurde bekannt als der Vater der Judeo-Spanischen Literatur.

 

Am 27.Oktober im Jahre 1840 erließ Sultan Abdulmecid seinen berühmten Ferman bezüglich  der „Blut Verleumdung Anschuldigung“, in dem er sagte:“…..und aufgrund  der Liebe, die wir für  unsere Untertanen  haben, können wir nicht erlauben, dass die jüdische Nation, deren Unschuldigkeit für die angebliche Verbrechen offensichtlich ist, weiters geplagt und gepeinigt  zu werden wegen den Anschuldigungen, die in der Wahrheit nicht das geringste Fundament haben…..“

 

Nach der osmanischen Tradition, war jede nichtmuslimische Gemeinde verantwortlich für seine eigenen Institutionen, einschließlich der Schulen. Im frühen 19. Jahrhundert hat Abraham de Camondo eine moderne Schule gegründet, „La Escola“. Diese Schule verursachte einen ernsthaften Konflikt zwischen den konservativen und den säkularisierten Rabbis, der nur durch die Intervention von Sultan Abdülaziz 1864 geschlichtet werden  konnte. Im selben Jahr wurde das Werk Takkanot haKehilla („Die Grundsätze der jüdischen Gemeinde“) veröffentlicht, das die Strukturen der Gemeinde definierte. Ein wichtiges Ereignis im Leben der osmanischen Juden war die Abspaltung im 17. Jahrhundert, die von  Sabetay Sevi, einem Pseudomessias, der in Izmir lebte, geführt wurde. Er trat später mit seinen Anhängern zum Islam über.

 

Die Bemühungen um eine Reform des Osmanischen Reiches  haben 1856 zu einer Proklamation von „Hatti Humayun” geführt, die alle osmanischen Bürger, moslemische wie nicht-moslemische, vor dem Gesetz gleichstellte. Als ein Ergebnis fing die Führerschaft der Gemeinde an von religiösen Figuren zu den säkularen Kräften überzugehen. Der Erste Weltkrieg brachte ein Ende des Glanzes des Osmanischen Reiches. An seine Stelle trat die junge türkische Republik. Mustafa Kemal Atatürk wurde als Präsident gewählt; das Kalifat wurde abgeschafft und eine säkulare Verfassung wurde ins Leben gerufen. Im Vertrag von Lausanne aus dem Jahr 1923 wurde die Türkei als ein völlig unabhängiger Staat in seinen heutigen Grenzen anerkannt.  Es wurden ihr drei nichtmoslemische, religiöse Gruppen sowie Minderheitenrechte zugestanden und man erlaubte ihnen mit ihren eigenen Schulen, sozialen Institutionen und Fonds weiterzumachen. 1926, am Vorabend der Adaptation des Schweizer Zivilrechts, gab die Jüdische Gemeinde ihren Minderheitenstatus in Fragen des Privatrechts auf.

 

Während der tragischen Tage des Zweiten Weltkrieges gelang es der Türkei seine Neutralität zu bewahren. Schon 1933 forderte Atatürk viele jüdische, prominente Professoren aus Nazi Deutschland auf zu fliehen und sich in der Türkei einzusiedeln. Davor und während der Kriegsjahre leisteten diese Akademiker einen großen Beitrag zur Entwicklung des türkischen Hochschulsystems. Während des Zweiten Weltkriegs diente die Türkei als ein sicherer Übergang für viele Juden, die dem Horror des Nationalsozialismus zu entkommen versuchten.

 

Während die jüdischen Gemeinden von Griechenland beinahe zur Gänze von Hitler ausgerottet worden sind, sind die türkischen Juden in Sicherheit gewesen. Verschiedene  türkische Diplomaten, Botschafter Behic Erkin und Numan Menemencioglu, die Generalkonsule Fikret Sefik Özdoganci, Bedii Arbel, Selahattin Ulkumen; die Konsule Namik  Kemal Yolga und Necdet Kent, um einige von ihnen zu nennen [10], haben  sich  mit ihrer ganzen Kraft bemüht, die türkischen  Juden vom  Holocaust zu retten und waren  auch  erfolgreich.

 

Salahattin  Ülkümen,  Generalkonsul  in  Rhodos während  der Jahre 1943 und 1944, wurde von  Yad  Vashem als  ein  „Gerechter Gentleman“, als ein „Hassid Umot ha´ Olam“ im  Juni 1990 anerkannt. Die Türkei setzt ihre Bemühungen fort, eine  Zuflucht, ein sicherer Hafen  für alle diejenigen, die vor Dogmatismus, Intoleranz und vor Verfolgung fliehen, zu sein.

 

Die gegenwärtige Größe der jüdischen Gemeinde wird ungefähr auf 26.000 geschätzt. Die größte Mehrheit lebt in Istanbul. Ungefähr 2500 Leute leben in Izmir. Andere kleinere Gruppen sind in Adana, Ankara, Bursa, Canakkale, Iskenderun und in Kirklareli verteilt. Die Sephardische Gruppe macht 96% der Gemeinde aus. Eschkinazis bilden den Rest der Gemeinde. Es gibt ungefähr 100 Karaiten, die die Autorität des Oberrabbiners nicht anerkennen.

 

Die türkischen Juden werden gesetzlich – wie seit vielen Jahrhunderten- von  Hahambasi, dem Oberrabbiner, vertreten. Rav David Asseo, Oberrabbiner seitdem er 1961 gewählt wurde, wird von einem religiösen Beirat -bestehend aus ein Rosh Bet Din und drei Hahamim- unterstützt. Fünfunddreißig Rechtsberater kümmern sich für um die säkularen  Angelegenheiten der Gemeinde und ein Führungskomitee von vierzehn Leuten, mit einem Präsidenten, der aus den Rechtsberatern gewählt wird, beschäftigt sich mit den alltäglichen Problemen.

 

Synagogen werden  als  religiöse Stiftungen (Vakifs) klassifiziert. Es sind  16 Synagogen in Istanbul, die heute noch in Betrieb sind. Es gibt den Gottesdienst an Urlaubsorten nur während des Sommers. Manche davon  sind  sehr alt, insbesondere die Ahrida Synagoge in  Balat, die noch vor dem 15.Jahrhundert zu datieren ist.

 

Hasköy und Kuzguncuk Friedhöfe, die aus dem 15. und  16. Jahrhundert stammen, sind heute noch im Gebrauch.

 

Die meisten jüdischen Kinder besuchen staatliche Schulen oder private türkischsprachige oder  fremdsprachige Schulen, viele sind an den Universitäten inskribiert. Zusätzlich hat die  Gemeinde eine Volksschule für 300 Schüler und eine Unterstufen-Schule für 250 Schüler in Istanbul sowie einen Kindergarten für 140 Kinder in  Izmir.

 

Türkisch und Hebräisch sind die Unterrichtssprachen. Es wird 35 Stunden pro Woche  unterrichtet.

 

Während jüngere Juden Türkisch als ihre Muttersprache sprechen, spricht die ältere Generation zu Hause Französisch oder JudeoSpanisch (Ladino).

 

Eine bewusste Anstrengung wurde aufgebracht, um das Erbe von Ladino zu aufbewahren.

 

Lange Zeit  hatten  die  Juden  ihre eigene Presse. La Buena Esperansa und La Puerta dew Oriente wurden 1843 in Izmir und zehn Jahre später Or Israel in Istanbul  publiziert.

Nur eine Zeitung hat überlebt: Salom (Shalom), eine achtseitige Wochenzeitschrift mit sieben  Seiten auf Türkisch und eine Seite auf  Ladino.

 

Ein Gemeindekalender (Halila) wird  jedes  Jahr vom Oberrabbiner gedruckt und wird  gratis an alle, die ihren Beitrag (Kisba) für Wohltätigkeitsorganisationen gezahlt haben,  verteilt.  Die Gemeinde darf keine Steuern  erheben, aber sie  kann  um  Spenden bitten.

 

Zwei jüdische Krankenhäuser, das eine mit 98 Betten –  Or  haHayim in  Istanbul – und  das andere mit  22  Betten – Karatas Krankenhaus in Izmir – gehören zur Gemeinde.

 

Beide Städte haben Altenheime (Moshav Zekinim) und verschiedene  Wohltätigkeitsorganisationen  um die  Armen, den  Kranken, den bedürftigen Kindern  und  den  Waisenkindern,  zu  helfen.

 

Soziale Klubs mit Bibliotheken, Kultur- und Sportanstalten, Diskotheken stehen  jungen Menschen  zu Verfügung. Hier haben sie die Chance, sich  mit den anderen  zu  treffen.

 

Die  jüdische  Gemeinde ist  heute  natürlich  eine  ganz  kleine Gruppe  in  der  Türkei, wenn wir in Betracht ziehen,  dass von der gesamten Population  99 % Moslems sind und dies mehr als 60 Millionen sind.

 

Aber trotz ihrer geringen  Anzahl  haben  sich  die Juden mit ihren Erfolgen  hervorgetan.

 

Es  sind  zahlreiche  jüdische  Professoren, die an den Universitäten in Istanbul und in  Ankara unterrichten,  und viele türkische Juden sind prominente Leute in  der  Wirtschaft, in der Industrie und in den freiberuflichen Professionen.

 

Die Geschichte der türkischen Juden  – von Naim Güleryüz

 

1992 steht für den  fünfhundertsten  Jahrestag des großzügigen  Empfangs  von  Sephardim aus der  türkischen  Heimat.

 

Türkische Juden fühlten, dass  es  angemessen  und richtig wäre,  eine umfassende Feier in  der  Türkei, in  den  Vereinigten  Staaten und in  Europa in Gang zu setzen.

 

Jüdische Geschichte ist voll von traurigen Ereignissen, die mit Gedenkfeiern und Gedenkdiensten gekennzeichnet sind. Aber nun war da ein wichtiges Ereignis zu feiern.   Zum einen der Jahrestag der Ankunft der sephardischen Juden im Osmanischen Reich und zum zweiten fünfhundert Jahre kontinuierliches, friedliches  Zusammenleben in der  Türkei.

 

Die Fünfhundertjahre Stiftung wurde 1989 von  einer  Gruppe von  113 türkischen Bürgern, von  Moslems und  Juden zugleich, gegründet. Die „Quincentennial“ Stiftung, die in Istanbul gegründet worden ist und auch dort ihren Hauptsitz hat, plant ein dreijähriges, kulturelles und akademisches  Programm in der Türkei und im Ausland, hauptsächlich in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in Mexiko, in Frankreich, England, in Italien und in  Europa.

 

Die Stiftung  fängt mit einem sehr ehrgeizigen  Programm an, das der Bedeutung  des Anlasses gemäß ist. Was ihnen an  der  Anzahl fehlt, haben die türkischen Juden mit  Enthusiasmus und Engagement wettgemacht. Und sie gehen ihrer Vision mit Begeisterung nach.

 

Dieses Programm wurde entworfen, um das vielfältige und  reiche  Erbe der türkischen  Juden einem breiteren  Publikum bekanntzumachen.

 

 

[1] Mark Alan Epstein, „The Ottoman Jewish Communities and their role in

the 15th and 16th centuries“

[2] Joseph Nehama, „Histoire des Israelites de Salonique“

[3] Bernard Lewis, „The Jews of Islam“

[4] Encyclopedia Judaica, Volume 16 page 1532

[5] Avram Galante, „Histoire des Juifs d’lstanbul“, Volume 2

[6] Abraham Danon, in the Review Yossef Daath No. 4

[7] Immanual Aboab, „A Consolacam as Tribulacoes de Israel, III Israel“

[8] H. Graetz, „History of the Jews“

[9] Das Wort hat auf spanisch verschiedene Bedeutungen. Es bedeutet u.a. (sowie das Wort Schwein)  auch zum Christentum zwangskonvertierte Jude, der insgeheim seiner eigenen Religion nachgeht. (Anmerkung der Übersetzerin L.A.K. )

[10] Yad Vashem ist die nationale Gedenkstätte in Israel zur Erinnerung an Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten. (Die Anmerkung der Übersetzerin)

10 Immanual Aboab, „A Consolacam as Tribulacoes de

Israel, III Israel

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01 09 2010
By: Redaktion 2 0

Christentum, Anatolien und Reisen!

Das Gebiet der heutigen Türkei, besonders ihr asiatischer Teil, Anatolien, war der Schauplatz mehrerer wichtiger Ereignisse in der Geschichte des Alten, wie auch des Neuen Testamentes. Dem 1. Buch Moses zufolge begannen die Kinder Noahs und die Tiere, die Noah in der Arche gerettet hatte, vom Gebirge Ararat aus die Erde wieder zu bevölkern. In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen (Apg 11,26). Der Ararat liegt im Osten der Türkei, Haran und Antiochia im Süden, nahe der syrischen Grenze.

Die geographische Lage Anatoliens hat die Geschichte des Landes in außergewöhnlichem Maße beeinflusst. Anatolien ist eine Landbrücke zwischen Osten und Westen, zwischen Norden und Süden, ein Teil des Dreiecks, das Europa, Asien und Afrika miteinander verbindet. Tausend und abertausend Jahre lang wurde Anatolien durch die Völker bereichert, die es durchzogen, und trug zu ihrer Bereicherung bei. Anatolien ist gesegnet mit günstigen geographischen Bedingungen: jahreszeitlichen Schwankungen im Klima mit genug Niederschlag begünstigt, ausreichender Tierwelt, die gutes Fleisch und Fisch liefert sowie genug harten Gesteins wie Quarz, Obsidian und Feuerstein für die Anfertigung von Werkzeugen. Aus diesem Grund spielte sich die Entwicklung des Menschen in der Jungsteinzeit vom reinen Jäger zum Ackerbauern an den Abhängen des Taurus, des Amanus-und Zagros-Gebirges ab, wo die Bedingungen für den Ackerbau eher von Vorteil waren als für Weidewirtschaft. Vielleicht spiegelt sich das Drama dieser revolutionären Entwicklung in der alten Tragödie von Kain, dem Ackersmann und Abel, dem Hirten wider, einer Tragödie, so oft wiederholt, daß sie zur Ballade, Legende und Erzählung der Heiligen Schrift wurde (Gen 4).

Hier in Anatolien entspringen zwei der Flüsse, die den Garten Eden bewässerten. Dem Hazar-See in den Bergen des Taurus, südlich von Elazig, entspringt der Tigris. Der Euphrat entsteht aus den Niederschlägen, die in der Osttürkei niedergehen und sich im Keban-Stausee, westlich von Elazig, sammeln (Gen 2,10-14). Nicht allzu weit von Elazig entfernt, in südlicher Richtung, zwischen den beiden Flüssen, liegt der Ort Harran, von dem aus Abraham mit seiner Familie ins Land Kanaan aufbrach (Gen 12,4).

 

DIE SIEBEN GEMEINDEN DER OFFENBARUNG IN ANATOLIEN

Biblische Quellen:

Ephesos Offb 1,11; 2,1-7; 2,8-1
Smyrna Epheserbrief Apg 18,19-28; 19,1-40
Pergamon Offb 2,12-17
Thyatira Offb 2,18-29
Sardes Offb 3,1-6
Philadelphia Offb 3,7-13
Laodizea Offb 3,14-22; Kol 2,1; 4,13-16

 

ST.JOHANNES

In Anatolien  wurden  schon immer mit Vorlieben die Stätten besucht, an denen die in der Offenbarung des Johannes erwähnten Gemeinden beheimatet waren. Man glaubt im Allgemeinen, daß die Zahl 7 hier einen Symbolcharakter hat und das nicht nur gerade diese sieben Gemeinden der Ermutigung und Ermahnung bedurften. Aber die apokalyptische Botschaft hat gerade diesen Gemeinden einen Stempel des Mysteriösen und Bedeutenden aufgedrückt, dessen Auslegung die Theologen auch heute noch beschäftigt.

Drei der Orte sind noch heute bewohnt: Smyrna (Izmir), Philadelphia (Alasehir) und Thyatira (Akhisar). Bergama liegt unmittelbar neben dem alten Pergamon, Goncali am Fuße des Hügels von Laodizea, und das Dorf Sartmustafa, nicht weit von Sardes. Ephesos, Thyatira und Laodizea werden auch an anderer Stelle im Neuen Testament erwähnt. Von den sieben Orten vermittelt nur Ephesos noch heute dem Besucher den Eindruck einer geschäftigen Metropole zu Beginn des Christentums.

Im Laufe des 1. Jh.n.Chr. wurde im Römischen Reich von allen Bürgern die Verehrung früherer und amtierender Kaiser sowie der Roma, der weiblichen Personifizierung der Stadt Rom, verlangt. Da die meisten der ersten Christen aus dem Judentum kamen und die Juden dem römischen Götterkult nicht zu befolgen brauchten, waren auch die ersten Christen davon ausgenommen. Doch als sich das Christentum unter den Nichtjuden ausbreitete, kam am Ende des ersten Jahrhunderts die Mehrzahl der Christen aus dem Heidentum. Die Religion Jesu hatte sich von der jüdischen Religion getrennt. Als der auf die Nachfolger Jesu ausgeübte Druck, den römischen Götterkult zu befolgen, zunahm, konnten immer mehr Christen der Verfolgung nicht standhalten und kamen von ihrem Glauben ab. Daher vermutet man, daß die Niederschrift der Offenbarung im letzten oder vorletzten Jahr der Herrschaft des Kaisers Domitian (81-96 n.Chr.) erfolgt sein muss, als Christenverfolgungen in Rom und in den Ostprovinzen recht häufig waren.

 

ST. PAULUS

Die missionarische Reise des heiligen Paulus. Der Zeltmacher: Paulus wurde in Tarsus geboren, das heute in einer der landwirtschaftlich wichtigsten Regionen der Türkei liegt. Als Junge erlernte er den Beruf der Zeltmacher. Während seiner Ausbildung in Jerusalem war er Komplize der Besteiniger Stefans, dem ersten christlichen Märtyrer. Aber später, als er eine Vision durch Jesus erlebte, gab er sich ganz dem Christentum hin.

Als „jüngerer Jesus“, ernannt von Barnabas, arbeitete er in Antiochia (Antakya). Die Menschen die er in Antiochia traf, wurden von seinem Denken beeinflusst. Durch diese Beeinflussung wurden das Interesse an Synagogen und dem Judentum verstärkt. Paul hielt sich an die Regeln der jüdischen Religion. Paulus, der Apostel, pilgerte zu Fuß auf trockenen, staubigen Straßen, mit Pferdewagen und Booten von Antiochia (Antakya) nach Alexandria Troas (Odun Iskelesi), in den mittleren Jahren des 1. Jhs., insgesamt dreimal, auf verschiedenen Routen. Paulus schrieb: „Ich war ständig unterwegs auf den Straßen, habe Gefahren überstanden in Flüssen, Städten, Meeren und auf dem Land. Ich habe schwer und hart gearbeitet, habe gehungert und gedurstet, habe gefastet, habe Kälte überstanden.“ Durch die Lehren Paulus entfaltete sich das Christentum in den westlichen Gebieten des Mittelmeeres. Drei Jahrhunderte später war das Christentum die Hauptreligion Anatoliens.

Der Ararat liegt im Osten der Türkei.. Der Gipfel des Ararat erhebt sich 5137 m über N.N. Er ist höher als alle Berge des Festlandes der USA, mit Ausnahme von Alaska, und höher, als alle Berge Europas, mit Ausnahme des Kaukasus.   Der Ararat ist ein erloschener Vulkan. Zur Zeit ist das oberste Drittel des Berges ständig mit Schnee bedeckt; die letzten hundert Meter vor dem Gipfel sind vereist. Bergsteiger haben einige Zeit nach Sonnenaufgang frisches Wasser aus der Schneeschmelze zur Verfügung bis zum späten Nachmittag, wenn kalte Luft die Wirkung der Sonne aufhebt. Unter der Schneedecke sind die Hänge mit großen Blöcken aus schwarzem Basalt übersät, manche davon so groß wie ein Bauernhaus.   Seit Jahren haben immer wieder Expeditionen den Ararat in der Hoffnung bestiegen, dort Überreste von Noachs Arche zu finden. Sowohl Josephus um 70 n.Chr. wie auch Marco Polo um 1300 n.Chr. erwähnen die Existenz der Arche auf dem Ararat, doch beide stützen sich auf Berichte anderer. Josephus erwähnte, daß ihre Überreste für jeden klar zu sehen seien. In den letzten Jahren haben viele Forschergruppen dort nach ihr gesucht. Die Möglichkeit, daß alte Geschichten auf historische Fakten beruhen könnten, gibt immer wieder neuen Ansporn, und jede Entdeckung eines Wahrheitsgehaltes in bisher angezweifelten Berichten führt zu erneuten Anstrengungen in der Suche nach archäologischer Bestätigung.   Die Geschichte von Noahs Arche, wie sie in der Bibel geschildert wird, geht zurück auf eine frühe babylonische Sage, die im Gilgamesch-Epos aufgezeichnet ist. Der Held der älteren Version war ein gewisser Utnapischtim, ein Liebling des Gottes der Weisheit. Es ist wahrscheinlich, daß die babylonische Sage auf einer ungewöhnlich verheerenden Überschwemmung des Euphrat-Beckens beruht und daß die Arche in dieser Geschichte an einem Abhang des Zagros-Gebirges gestrandet ist. Das biblische Wort, das wir als „Ararat“ lesen, könnte ebenso gut „Urartu“ sein. Auch „Land in weiter Ferne“ oder „ein Ort im Norden“ bedeuten. Der  auf Türkische “ Büyük Agri Dagi“  ist ein grandioser Berg und nicht schwer zu besteigen für jemanden, der körperliche Anstrengung in größeren Höhenlagen gewöhnt ist. Aber es ist doch nicht sehr wahrscheinlich, daß Noachs Arche dort gefunden wird. Trotzdem hält das Interesse am Ararat an. Dadurch werden auch die Leistungen der Archäologen, die uns zu einem besseren Verständnis des Alten Testamentes verhelfen, nicht beeinträchtigt.   Die Besteigung des Ararat ist in drei Tagen möglich , aber vier Tage einzuplanen, wäre sinnvoller, um mehr Zeit für die Erforschung des Gipfels zu nutzen. Die beste Jahreszeit für eine Besteigung ist gegen Ende August.

 

Quelle:

http://www.fertours.com

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01 09 2010
By: Redaktion 2 0

Der Heilige Gral

Jesus ist in der Türkei

 

Der Heilige Kelch, über dessen Aufenthaltsort sich nach dem Erscheinen des Buches (Da Vinci Code) zahllose Vermutungen verbreitet hatten, soll sich in einer Kirche in Antakya (das alte Antiochien) in der Türkei befinden. Zum Reichtum des vieltausendjährigen anatolischen Kulturschatzes hat auch das Christentum mit seinen Gaben beigetragen. Nicht nur, dass sich das Christentum in seiner Frühzeit in Anatolien ausbreitete, hier gewann es auch im Wesentlichen seine organisatorische Gestalt. Selbst als die muslimischen Türken nach Anatolien eingewandert waren, konnten die Christen mit ihren Kirchen,  Klöstern und Gemeinden weiterleben.

 

Der Archäologe Josef Naseh, Vorsitzender der Stiftung der Orthodoxen Kirche in Antakya, sucht     gemeinsam mit vier Freunden den Kelch, von dem Jesus Christus sagte: „Mein Leib und mein Blut sind
in diesem Kelch.“ Naseh verteidigt die These, dass der Heilige Kelch, der nach dem Erscheinen von Dan BrownÂ’s Buch „Da Vinci Code“ auf der ganzen Welt zum Tagesgespräch wurde, in der nach Jerusalem zweitheiligsten Stadt, Antakya, befindet. Nach der Veröffentlichung des Buches „Da Vinci Code“, das Verkaufsrekorde brach, gibt es kaum noch jemanden, der die Geschichte des Heiligen Kelches nicht kennt. Es wurde behauptet, der Kelch sei in Italien, in England, in Kanada, einer weiteren Behauptung zufolge sollte er sich in Istanbul, unter Çemberlita (Verbrannte Säule) befinden. Seit Neuestem kursiert das Gerücht, dass sich der Heilige Kelch in Antakya, Hatay, befindet. Der Archäologe Josef Naseh, Vorsitzender der Stiftung der Orthodoxen Kirche in Antakya, unterstreicht die Wichtigkeit der Stadt Antakya als die nach Jerusalem zweitwichtigste Heilige Stadt und sagt:

 

„Antakya ist die zweitwichtigste Heilige Stadt nach Jerusalem. Nach Jesu Tod sind die Jünger hierher gekommen. Die Mutter Gottes ist von hier nach Ephesus gereist. Sicherlich haben sie den Heiligen Kelch mitgebracht, weil Jesus Christus über den Kelch sagte: ‚Mein Leib und mein Blut sind in diesem KelchÂ’.“ Nach Aussage von Naseh sind die Annahmen von Leonardo da Vinci auf die Zeit nach der Renaissance ausgerichtet und nicht sehr realistisch, denn in den Jahren davor, in denen der Kelch versteckt wurde, gab es im Westen keine Kultur zur Aufbewahrung einer solchen Reliquie.

 

Als das Christentum in Palästina geboren wurde, wetteiferten im Vorderen Orient östlicher Mystizismus, jüdische Messiaserwartung, griechische Philosophie und römische Universalität miteinander. In diesem Umfeld entwickelte sich das Christentum, in dem Jesus die frohe Botschaft vom nahen Reich Gottes und vom Tag der Abrechnung verkündete. Aufgrund dieser Hoffnung sammelten sich um ihn viele aufrichtige und reine Menschen. Doch das Christentum konnte in Palästina, wo es entstanden war, keine Wurzeln schlagen. Nachdem Jesus gekreuzigt, Stephanus gesteinigt und Jakobus enthauptet worden war, erschien den Gläubigen das Bleiben als recht gefährlich und sie beschlossen, in andere Länder zu gehen, um den neuen Glauben zu verbreiten. Aber nicht nach Rom oder Athen, sondern nach Anatolien machten sich die Jünger in kleineren und größeren Gruppen auf. Sie wählten Antakya (das alte Antiochien), Tarsus und Ephesos. Dorthin wanderte der Lieblingsjünger Johannes aus, dem Jesus am Kreuz seine Mutter Maria anvertraut hatte. Besonders Antakya spielt in der Geschichte des Christentums eine wichtige Rolle, denn hier war die erste christliche Gemeinde gegründet worden, die mit dem Judentum gebrochen hatte; es war ein großes Missionszentrum entstanden, und schließlich vollzog hier Paulus seine endgültige Bekehrung und Entwicklung. Zu der Zeit schloss sich Paulus aus Tarsus den Jüngern an. Zuerst hatte er an der Verfolgung der Jesusjünger teilgenommen. Etwa im Jahre 33 überzeugte ihn eine Vision davon, dass Jesus der Messias sei, und nun wurde er einer der entschiedensten Verteidiger des neuen Glaubens. Er verkündigte mit Nachdruck die Wahrheit, dass alle Menschen gerettet würden durch den Glauben an Jesus, den Gesalbten Gottes, ohne dass die Beschneidung oder die (jüdischen) Religionsvorschriften notwendig seien. Die erste Missionsreise führte ihn (zwischen 45 – 48) nach Zypern und Anatolien. Dabei begleiteten ihn Barnabas und Markus, die Evangelisten. Paulus predigte in Anatolien, im heutigen Antalya, Konya und Nigde und in den Städten Perge, Ikonium, Lystra und Derbe. Dort entstanden neue christliche Gemeinden.

 

Zwischen 50 und 52 unternahm Paulus, wieder ausgehend von Anatolien, eine zweite Missionsreise zu den Heiden. Mit ihm waren Silas und Timotheus und anfangs auch noch Lukas und Barnabas. Zuerst besuchte der Apostel die Gemeinden um Nigde und Konya herum. Dann, nachdem er Phrygien und Galatien hinter sich gelassen hatte, ging er nach Thrakien, Makedonien und Griechenland hinüber. Über Ephesos und Jerusalem kehrte er nach Antiochia zurück.

 

Paulus machte noch eine dritte Missionsreise (53 – 58). Nachdem er wieder die Gemeinden in Galatien und Phrygien besucht hatte, blieb er drei Jahre lang in Ephesos. Dort gab es schon eine christliche Gemeinde, die wahrscheinlich von Johannes begründet worden war. Johannes hielt sich, wie man weiß, im Jahre 48 in Jerusalem auf. Wo er die Zeit zwischen den Jahren 37 und 48 verbracht hatte, ist unbekannt. Man nimmt an, dass er mit Maria nach Ephesos ausgewandert sei, von dort im Jahre 48 nach Jerusalem gereist und im Jahre 67 wieder nach Ephesos zurückgekehrt sei. Paulus musste Ephesos wegen des Aufstandes der Silberschmiede unter Demetrius verlassen, die durch die Ausbreitung des Christentums das Geschäft mit silbernen Artemistempelchen gefährdet sahen. Der Apostel starb im Jahre 67 in Rom durch Enthauptung.

 

Paulus hat seine religiösen Schriften und Briefe im Wesentlichen auf anatolischem Boden verfasst, wie z.B. den ersten Korintherbrief. Auch die Empfänger waren oftmals Gemeinden in Anatolien, wie z.B. die Epheser, denen er aus dem Gefängnis in Rom schrieb. Auch Petrus schrieb seinen ersten Pastoralbrief an die verfolgten Christen in Anatolien. Johannes, der für die Verbreitung des Christentums eine wichtige Rolle gespielt hat, ist eines natürlichen Todes gestorben. Sein Grab befindet sich in Selçuk bei Ephesos. Über der Grabstätte war zuerst eine bescheidene Kirche errichtet worden, die dann unter Kaiser Justinian durch eine prächtige Basilika ersetzt wurde. Johannes wendet sich in seiner „Geheimen Offenbarung“ an die sieben Gemeinden Anatoliens

 

Kelch aus Keramik

 

Naseh hat mit vier Freunden – unter denen ein Geophysiker – begonnen, nach dem Heiligen Kelch zu suchen und behauptet, ihre Theorie sei glaubhafter als die zuvor vertretenen. Nach Naseh besteht der Heilige Kelch nicht aus Gold, Silber oder einem anderen Metall, sondern aus Keramik. Die archäologischen Funde der Zeit würden dies belegen.

 

Die neu gefundene Kirche

 

Nachdem vor drei Jahren eine Toilette im Erdgeschoß eines Hauses in Antakya drei Meter absackte, traten Reste einer Kirche zutage, die die Suchergruppe in helle Aufregung versetzten. Naseh ist zuversichtlich, den Heiligen Kelch in dieser Kirche zu finden, die alle architektonischen Merkmale einer christlich-orthodoxen Kirche trägt. Nach der Erteilung der notwendigen Erlaubnis seitens des Kultusministeriums werden die Studien in der Kirche beginnen. Die Gruppe wird am 21. April in Antakya zusammenkommen und den Arbeitskalender bestimmen. Eine der ersten Arbeiten wird eine fotogrammetrische Studie sein, d.h. das Fundament der gefundenen Kirche wird geröntgt. Entsprechend der daraus gewonnenen Erkenntnisse werden die Ausgrabungsarbeiten beginnen. Nach NasehÂ’s Aussage steht auch der Gouverneur von Hatay, Abdulkadir Sari, dieser Forschungsarbeit positiv gegenüber.

 

Was ist die Bedeutung dieses Kelches

 

Nach christlichem Glauben ist dieser Kelch der, aus dem Jesus beim Letzten Abendmahl Wein trank. Bei der Kommunionszeremonie teilen die Christen das in Wein getauchte Brot mit ihren Priestern, um das Letzte Abendmahl seelisch nachzuvollziehen. Einer anderen Deutung zufolge ist der Heilige Kelch das Gefäß, in dem das Blut Jesu gesammelt wurde, als er ans Kreuz genagelt wurde. Eine weitere Deutung dieses meistgesuchten Stückes nach dem Erscheinen von Dan BrownÂ’s Buch „Da Vinci Code“ ist die Weiblichkeit von Maria Magdalena, der angeblichen Geliebten Jesu. Manche behaupten, dass der Heilige Kelch die Fruchtbarkeit Maria Magdalenas symbolisiert und versuchen, die Fährte der Nachkommen Jesu aufzunehmen.  (Ayda KAYAR/DHA)

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