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50 Jahre nach den Massakern von Auschwitz, Treblinka und Dachau

 
15 09 2010
By: Redaktion 2 0
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Ahmet Özay und Birol Kilic (Deutsch)

 

 

Die türkischen Opfer des Dritten Reichs sind betrübt

 

An der Gedenkfeier, die anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung des nationalsozialistischen Todeslagers Auschwitz durch die Rote Armee veranstaltet wurde, haben neben den 16 Staatspräsidenten auch der deutsche damalige Bundespräsident Roman Herzog teilgenommen.

 

50 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges gedenkt man in Veranstaltungen (die bis Juni dauerten) der ca. 6 Millionen Juden, Polen, Russen, Ungarn, Rumänen und Roma und Sinti, die in Konzentrationslager wie Auschwitz, Riga, Buchenwald oder Dachau vernichtet wurden. Heute lassen sich Grabmäler finden, die für die jüdischen, russischen, albanischen und ungarischen Opfer der Konzentrationslager errichtet wurden. Diese ehemaligen Todeslager befinden sich heute innerhalb der Grenzen verschiedener Staaten wie Polen, Frankreich, Österreich und Deutschland.

 

 

Die dem Naziregime zum Opfer gefallenen Türken

 

Die Türken, die in Deutschland leben, sind in den letzten Jahren mit dem wachsenden Neonazi-Terror konfrontiert. Was war aber das Schicksal der Türken in Deutschland im Jahre 1939, als der zweite Weltkrieg ausbrach, und was davor? Das in den Archiven verstaubte Schicksal türkischer Staatsbürger in den Konzentrationslagern unterscheidet sich kaum von jenem der anderen Völker.

 

Theresienstadt war früher eine Garnisonstadt, die unter der österreichisch-ungarischen Kaiserin Maria Theresia gebaut worden ist. Im „Totenbuch“ des Konzentrationslagers Theresienstadt, das heute in der Tschechischen Republik liegt, findet man Todesregistrierungen von zehn Menschen, die den Nachnamen  „Türk“, „Türkel“, „Tuna“ und „Balaban“ getragen haben. Diese Personen wurden in Österreich in Haft genommen und per Zug in das Konzentrationslager transportiert. Es existieren keine detaillierten Hinweise über ihre Identität (Totenbuch Theresienstadt, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Junius Verlag, 1987, Wien). Aber unter den Namen der 17 Länder, deren Bürger in Theresienstadt der Nazidiktatur zum Opfer gefallen sind, wird auch die Türkei erwähnt.

 

 

Ein türkischer Journalist im Konzentrationslager

 

Als das Konzentrationslager Dachau, das sich heute im Bundesland Bayern befindet, am 26. April 1945 durch die englische Armee befreit wurde, waren 86 von den 67.665 im Register eingetragenen Menschen türkische Staatsbürger (Registrierung mit den Datierungen 16.-26. April 1945 aus dem Archiv des KZ Dachau).

 

Dr. Emrullah Gün, ein in der Presseabteilung der türkischen Botschaft in Budapest tätiger Journalist, war einer der türkischen Staatsangehörigen, die, mit der Begründung judenfreundlich, aber  bolschewisten- und deutschfeindlich zu sein, in das KZ Dachau eingeliefert wurden. Nach dem Haftbefehl, der von der Gestapo, Hitlers Geheimpolizei, erstellt worden war, war Dr. Gün „einer der gefährlichsten deutschfeindlichen Journalisten“ (Die Übersetzung des Schreibens mit der Nummer R.S.H.IV 3 A 147221, das von der nationalsozialistischen Geheimpolizei Gestapo an das Gefängnis Feldkirch in Österreich geschickt wurde, lautet folgendermaßen: „Dr. Gün Nerin Emrullah, 24 jähriger türkischer Staatsbürger, tätig in der Presseabteilung der türkischen Botschaft in Budapest. Er wurde nach dem Haftbefehl der österreichischen Bundespolizei mit der Nummer IV 3 A 147 221 in Haft genommen, da er einer der gefährlichsten deutschfeindlichen Journalisten ist, der mit seinen Artikeln in den Medien viel Aufsehen erregt hat. Feldkirch 12.4.1945“). Seine Festnahme hatte zum Ziel, ihn zum Schweigen zu bringen, da er mit seinen Artikeln in den Medien viel Aufsehen erregt hatte (Dr. Emrullah Gün lebt heute in den USA. Es wurde festgestellt, dass er anlässlich einer Jubiläumsfeier zur Befreiung von Dachau durch die Aliierten in den sechziger Jahren einmal nach Deutschland gekommen ist). 13 Tage nach seiner Einlieferung in das KZ wurde er allerdings von englischen Truppen vor dem Tode gerettet. Ein anderer, der wie Dr. Emrullah Gün lebend gerettet wurde, ist der im Jahr 1920 in Istanbul geborene Rüstem Ali, der Gefangene mit der Nummer „84 284“.

 

In den Registern von Dachau sind außerdem auch die in Istanbul geborenen und in Paris und Marseille lebenden Juden Isak Mirzahi und Aleksander Aslan eingetragen. Jedoch nahm das Schicksal von Aleksander Aslan einen anderen Lauf als jenes von Dr. Emrullah Gün. Er wurde am 14. Oktober 1944 in das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich eingeliefert (Registrierung aus dem Jahre 1945 aus dem Archiv des KZ Dachau).

 

In Mauthausen, wo besonders die russischen, polnischen und jüdischen Gefangenen mit sogenannten Methoden wie „kaltes Bad“, „Muselmann“ und „Herzinfektion“ vernichtet wurden, sind 200.000 Menschen ums Leben gekommen. In Mauthausen,  wo tausende  Menschen aus verschiedenen Ländern der Welt ermordet wurden, lassen sich in den Registern neben  Aleksander Aslan noch 30 andere türkische Staatsbürger finden (Die Geschichte des KZ Mauthausen, Hans Marsalek, eine Veröffentlichung der österreichischen Lagergemeinschaft Mauthausen, Seite 141, 1980 Wien). Nach den heute zur Verfügung stehenden Daten ist das Schicksal dieser Menschen noch immer unbekannt.

 

 

Die Regierung von Vichy und die türkischen Gefangenen

 

Der Naziterror gegenüber den türkischen Staatsbürgern bleibt nicht auf Deutschland und Österreich begrenzt. Die mit Hitler kooperierende Vichy Regierung fing in Frankreich mit einer Menschenjagd an. Von dem KZ „Drancy“ in der Nähe von Paris wurden Menschen mit Zügen nach Auschwitz, Buchenwald und Treblinka transportiert. 1.282 der 67.488 Personen, die von „Drancy“ in die verschiedenen KZ eingeliefert wurden, waren von türkischer Staatsangehörigkeit, was bei 330 Personen durch die Nazibehörden jedoch nicht bestätigt worden war, da es sich um türkische Juden und um aserbaidschanische, tatarische, und usbekische Soldaten handelte, die während ihres Dienstes in der sowjetischen Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren. Herr Mirza Hayit, deutscher Staatsbürger usbekischer Herkunft  und Offizier in den Roten Armee während des zweiten Weltkrieges und selbst auch ehemaliger Kriegsgefangener, vermutet, dass ein Teil dieser Leute sowjetische Muslime gewesen sind. Denn gemäß dem damaligen türkischen Botschafter in Marseille, befanden sich zu dieser Zeit nicht viele Türken in Frankreich.

 

Über das Schicksal dieser 1.282 Menschen existieren keine eindeutigen Hinweise, jedoch vermutet man, dass ihre Leben in den Gaskammern von Auschwitz und Buchenwald ein Ende gefunden haben (Dimension des Völkermordes, Wolfgang Benz, R.Oldenburg Verlag, Seite 134, 1991 München). Einige Zeilen in einer deutschen Veröffentlichung liefern die einzige Information über das Schicksal der türkischen Juden in Belgien (Dimensionen des Völkermordes, Wolfgang Benz, R.Oldenburg Verlag, Seite 130, 1991 München). Gemäß diesem Werk werden diese Juden in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 1943 verhaftet und mit einem Sonderzug der Nummer 22A in die KZ Buchenwald und Ravensbrück verfrachtet. Über das Ende der in Belgien ansässigen türkischen Juden kann man angesichts der vorhandenen Daten nicht viel sagen.

 

 

Das Rote Kreuz schweigt

 

Als die 16 Präsidenten der westlichen Staaten in Auschwitz zusammenkamen, um der Kriegsopfer zu gedenken, mussten sich die türkischen und türkisch-jüdischen Opfer von Dachau, Mauthausen, Auschwitz und Buchenwald noch immer mit ihrer Einsamkeit in den „Todeslisten“ abfinden.

 

Das Deutsche Rote Kreuz verfügt über ein vollständiges Namenregister der 50 Millionen Kriegsopfer, die entweder während des Krieges ums Leben gekommen oder verschollen sind. Als wir uns an das „Büro für international vermisste Personen vom Roten Kreuz“ gewendet habe, verlangten die Beamten jeweils eine „Ermächtigungsurkunde“ von den Familien der Betroffenen, um die gewünschten Informationen freigeben zu können. Mit diesen Ermächtigungsurkunden ist es möglich über das Schicksal der tausenden namenlosen Opfer Auskunft zu erhalten und zu erfahren, wie und wo Türken und türkische Juden ums Leben gekommen sind. Eine andere Möglichkeit wäre diese Information auf offiziellem Wege zu verlangen wie es auch die anderen Staaten getan haben.

 

 

Die namenlosen Opfer und stillen Helden des Naziterrors

 

Die Länder deren Bürger im Holocaust ums Leben gekommen sind, waren in Auschwitz auf Präsidentschaftsebene vertreten. Von der niederländischen Prinzessin Beatrix bis zu Albaniens Präsident Sali Berisa waren alle Staatsoberhäupter anwesend.

 

Für den Augenblick sieht es so aus, als ob es den Historiken überlassen ist und in den übermenschlichen Bemühungen der türkischen Diplomaten liegt, die Tragödie der tausenden türkischen Opfer und die Rettung der unzähligen türkischen Juden ans Tageslicht zu bringen.

 

Neue Angaben über das Drama der türkischen Juden findet man in einem Brief, der am 19. Mai 1944 von Thomas Rahey, einem ehemaligen Leiter des KZ  „Bergen-Besen“ in Niedersachsen Deutschland, an Prof. Dr. Stanford Shaw, ein Professor an der Universität von Kalifornien, geschrieben wurde. Nach diesem Brief wurden 105 türkisch-jüdische Gefangene am 4. März 1944 nach langen Diskussionen zwischen Adolf Eichmann dem sogenannten „Judenmetzger“ und dem Nazifunktionär Rudolf Kastzner auf freien Fuß gesetzt. Diese Menschen, die nach ihrem Retter die „Kastzner Gruppe“ genannt werden, reisten nach Schweden ein und wurden von der dortigen türkischen Botschaft mit einem Sonderschiff in die Türkei geschickt. Sie kamen am 10. April 1945 in Istanbul an.

 

In einem mit dem Datum 17. Januar 1943 versehenen Brief aus Amsterdam an die türkische Botschaft in Berlin wurde um Hilfe für die türkisch-jüdischen Gefangenen in den Niederlanden gebeten (Die Briefe von Avram Besuse mit dem Datum 22. Juli 1943).

 

Dieser Brief wurde von Avram Besuse, einem 1894 in Istanbul geborenen Teppichverkäufer, in Amsterdam geschrieben. Einem Schreiben der Hamburger Botschaft mit der Datierung 9. März 1943 entnimmt man, dass sich die türkischen Behörden um die Freilassung der 35 in den Niederlanden lebenden türkischen Juden bemühen. Auch nach Ankara richteten sich die Hoffnungen von 16 in Gelibolu, Istanbul, Edirne und Jerusalem geborenen Juden türkischer Herkunft, die entweder aus der türkischen Staatsbürgerschaft ausgetreten waren oder sich zu der Zeit noch in einer unklaren Situation befanden.

 

Gemäß den Noten des Deutschen Außenministeriums mit dem Datum 5. April 1943 und 21. Mai 1943 wird die Rückkehr der türkischen Staatsbürger jüdischer Herkunft aus den Niederlanden in die Türkei toleriert. Gegen die Ausreise einiger Personen in einer von der Hamburger Botschaft erstellten Liste, mit der Begründung, dass sie keine türkischen Staatsangehörige wären, wurde jedoch Einspruch erhoben. Unter den letzteren befanden sich auch Avram Besuse und seine Familie.

 

In höchster Verzweiflung wandte sich Avram Besuse an das türkische Außenministerium und Parlament. Daraufhin wurden ihm und seinen Angehörigen türkische Pässe ausgestellt, welche ihnen die Einreise in die Türkei ermöglichte.

 

 

Der stille Held ist am Leben

 

In diesem Zusammenhang sollte man die übermenschlichen Bemühungen des damaligen türkischen Botschafters Marseilles nicht vergessen. Der heute 85 jährige in Istanbul ansässige Necdet Kent stieg in einen Zug, der türkische Juden in die Konzentrationslager transportieren sollte mit ein und teilte den Behörden mit, er wäre bereit mit seinen Landsleuten in die Gaskammer zu gehen, sollten diese nicht sofort auf freien Fuß gesetzt werden. Daraufhin wurden diese Menschen nach langen Diskussionen, wie in Bergen-Besen, mit einem Sonderbefehl aus Berlin freigelassen. Leider hatte die Geschichte für die türkischen Juden in anderen Teilen Frankreichs kein so glimpfliches Ende. Die 1.282 türkischen Staatsbürger in „Drancy“ wurden in Konzentrationslagen in Osteuropa eingeliefert.

 

Harri Ojalvo von der „500. Jahr Stiftung“, der lange auf diesem Gebiet geforscht hat, bestätigt, dass man nichts mehr von diesen 1.282 Menschen gehört hat und ist davon überzeugt, dass alle ums Leben gekommen sind.

 

Auf der anderen Seite wissen wir, dass am 26. März 1944 32 Juden aus dem KZ „Haidari“ in Griechenland freigelassen wurden, nachdem sich die Türkische Botschaft in Athen eingestaltet hatte. Isak Gerson, einstiger Gefangener im KZ „Haidari“, der heute in Amerika lebt, bestätigt das in einem von ihm persönlich geschriebenen Brief. Nicht nur in Berlin, Hamburg, Marseille, und Athen, sondern auch in Varna, Sofia und Budapest haben sich die türkischen Diplomaten für ihre Landsleute eingesetzt.