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Die sephardische Diaspora im osmanischen Reich und die sephardisch-türkische Gemeinde in Wien

 
10 09 2010
By: Redaktion 2 0
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Univ. Prof. Dr. Jacob Allerhand

 

Die sephardische Diaspora im Osmanischen Reich und die sephardisch-türkische Gemeinde in Wien [in: Auf den Spuren der Osmanen in der österreichischen Geschichte. (=Wiener Osteuropa Studien, Band 14) Frankfurt am Main 2002 (Peter-Lang Verlag) p. 21-28]

 

Ein beträchtlicher Strom der aus Spanien Vertriebenen ergoss sich ins Osmanische Reich. Nachdem dieses Erez Israel annektiert hatte, war es zum Anziehungspunkt für jene Marranen geworden, die zu büßen und zu ihrem früheren Glauben zurückzukehren wünschten. Der Chronist Rabbi Elia Kapsali, der die Vertreibung miterlebte und der älteren Generation der jüdischen Bevölkerung im Osmanischen Reich angehörte, berichtet, dass nach 1492 „Tausende und Abertausende ausgewiesener Juden … kamen, so dass das Land … voll war von ihnen.“

 

Der Weg von der Iberischen Halbinsel zum Balkan und nach Kleinasien und häufig von dort nach Syrien und Erez Israel war weit, mühselig, voller Gefahren. Die Ausgewiesenen richteten sich ihre eigenen Durchgangsstationen ein, zum Beispiel in Häfen und Städten Italiens. Die physische Not und die plötzliche Verarmung waren nur schwer zu ertragen. Einer der Verbannten, der im Osmanischen Reich Zuflucht gefunden hatte, berichtet, dass „all ihr Geld für die Kosten ihrer Wanderung verbraucht worden war…“, als er mit seinen Leuten „inmitten eines Volkes, das ihre Sprache nicht verstand“ anlangte. Diesem Zeugen zufolge brachen auch Familien unterwegs auseinander. Denn „Männer kamen ohne ihre Frauen und Frauen ohne ihre Männer.“ Damit war eine Unterminierung des religiösen Familiengesetzes verbunden, da jeder, der allein war, alles tat, um einen Gefährten zu finden … ohne besonders heikel zu sein … ob das Verhältnis auch zulässig sei.“

 

Sultan Bayezid, der zur Zeit der Vertreibung regierte, hieß die vor den fanatischen Christen Geflohenen willkommen. Wie ein jüdischer Zeitgenosse berichtet, „sandte der Sultan viele Männer aus und ließ in seinem ganzen Reich in Wort und Schrift verkünden, dass keiner seiner Beamten in keiner seiner Städte es wagen solle, die Juden zu vertreiben oder zu verstoßen, sondern sie sollten sie willkommen heißen.“

 

Man darf annehmen, dass diese kaiserliche Protektion und der Befehl zur Gewährung des Wohnrechtes dem Einfluss der Führer der alteingesessenen jüdischen Gemeinde zu verdanken war. Diese unternahmen auch beträchtliche Anstrengungen, um ihren vertriebenen Brüdern materielle Hilfe zukommen zu lassen. „Dann mühten sich die Gemeinden (im Türkischen Reich)… gaben Geld wie Steine für die Befreiung von Gefangenen … in jenen Tagen … erwirkte der edle Mose Kapsali viel in Konstantinopel … bereiste die Kongregationen und zwang einen jeden, den ihm angemessenen Betrag zu geben.“ Diese aufgrund echter Anteilnahme am Geschick ihrer Glaubensgenossen erfolgte Hilfeleistung rief allerdings Überlegenheitsgefühle bei den Gebern hervor, die sich sehr groß vorkamen, weil sie den Heruntergekommenen gnädigst Hilfe sowie Status und Anerkennung zuteil werden ließen. Nachdem die aus Spanien Vertriebenen sich eingerichtet hatten – was auch im Osmanischen Reich relativ schnell geschah – kam es seitens dieser Juden aus Spanien und Portugal zu einer Reaktion gegenüber den türkischen Juden.

 

Doch nicht alle Exilanten bedurften der Hilfe. Auch im Osmanischen Reich fanden manche gleich Eingang in Hofkreise, so der Arzt Josef Hamon, der aus Granada dorthin kam, „und etwa fünfundzwanzig Jahre (ab 1493 als Arzt) zur Zeit des Königs, Sultan Bajasid, im königlichen Haushalt Dienst leistete und auch als vertrauter Freund seines Sohnes …Sultan Selim … und der in die Bresche sprang, um die Juden von großen Gefahren zu befreien“, wie es in der nach seinem Tod 1517 gehaltenen Grabrede heißt. Die Daten lassen erkennen, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in der Türkei zum Hofarzt ernannt wurde; man weiß, dass sein Sohn Mose ihm in diesem hohen Amt nachgefolgt ist.

 

Erfolg blieb nicht nur den Kreisen der Ärzte und Höflinge vorbehalten. Anscheinend war man im Osmanischen Reich der Meinung, dass die Absorbierung der Vertriebenen aus dem Westen kulturelle und sogar militärische Vorteile brachte. Unter den Exilanten scheinen erfahrene Eisengießer und Schießpulver-Hersteller gewesen zu sein, die dem Imperium von Nutzen waren. Elia Kapsali berichtete, der Herr habe „die Türken wegen der Juden gesegnet … denn dank der Juden besiegten die Türken große und mächtige Monarchen … Die Juden lehrten die Türken mit allen Arten von vernichtenden Waffen, Batterien und Feldgeschützen umzugehen. Und durch sie wurden die Türken mächtiger als alle Völker der Welt.“ Auch hatte er gehört, dass der Sohn des Sultans Bayezid, „Sultan Selim, die Juden wahrhaftig sehr liebte, denn er sah, dass er durch sie andere Nationen zerschmettern konnte … denn sie machten ihm eine große Menge von Geschützen und Waffen.“
Es ist eine militärgeschichtliche Tatsache, dass die Ausstattung der türkischen Armee mit Feuerwaffen etwa zur Zeit der Aufnahme der spanischen Exilanten in das Osmanische Reich erfolgte. Die türkischen Siege über die Mamluken und die Perser zu Beginn des 16. Jahrhunderts werden für gewöhnlich dem Einsatz von Feuerwaffen zugeschrieben. Aus Kapsalis Feststellung darf man also schließen, dass sich unter den aus Spanien vertriebenen Juden Experten für diese Art Feuerwaffen befanden und wesentlich zur Ausrüstung der türkischen Streitkräfte beitrugen.

 

Die Vertriebenen verteilten sich nach und nach in alle Hauptstädte des Reiches. In Konstantinopel, wo es im 16. Jahrhundert viele Synagogen gab, ließen sie sich auch in Vierteln nieder, in denen zuvor keine Juden gewohnt hatten. Auch Saloniki (Selanik) wurde ein Hauptzentrum der Juden und ebenso Adrianopel (Edirne) und Smyrna (Izmir). In kleineren Städten siedelten sich ebenfalls Juden an. Ausweisungen aus Süditalien trugen zur Diversifikation der jüdischen Gemeinde bei und vermehrten noch die zahlreichen Gemeinden im Reich. In der griechischen Stadt Arta, die nicht besonders groß war, „ließen sich vier Gemeinden nieder, die durch die Vertreibungen in den Königreichen von Spanien, Portugal, Sizilien, Kalabrien und Apulien (hierher) gekommen waren.“ Diese Gemeinden machten sich Seite an Seite mit „den Gemeinden von Einwohnern (sesshaft), die dort schon seit früheren Zeiten ansässige waren, wohl eingerichtet in ihren vornehmen Häusern und Innenhöfen.“

 

Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 und aus Portugal 1498 ließen sich diese sephardisch genannten Juden, einesteils in Mittel- und Westeuropa, hauptsächlich in Italien, Frankreich, Amsterdam und Hamburg nieder. Auch wenn es erst im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts zur Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien kam, so führten doch bereits seit dem 16. Jahrhundert sephardische Juden in Wien bestimmte Handelsgeschäfte und Finanztransaktionen durch. Ebenso scheint es schon früh auch familiäre Beziehungen zwischen in Wien ansässigen und so genannten türkischen Juden gegeben haben. Zur ständigen Niederlassung sephardisch-türkischer Juden in der Haupt- und Residenzstadt konnte es jedoch erst nach dem Friedensvertrag mit dem Osmanischen Reich, dem Frieden von Passarowitz im Jahre 1718 und verstärkt nach dem Belgrader Vertrag von 1739 kommen. Als türkische Staatsbürger unter dem Schutz des Sultans stehend genossen diese Juden wesentlich mehr Rechte als die Wiener Juden, die Untertanen des Habsburgischen Reiches waren. Die bedeutenden Handelsbeziehungen zwischen den Wiener Sephardim und türkischen Juden in den großen Balkan-Gemeinden sowie die Aktivitäten des sagenumwobenen Diego de Aguilar machten wohl die Gründung der sephardisch-türkischen Gemeinde Wien bereits im Jahr 1737 möglich.

 

Bedauernswerter Weise ist die Geschichte der Sephardim in Wien, die sich „türkisch-israelische Gemeinde“ nannte, nur von ihrem Gründungsjahr 1737 bis 1888 nachvollziehbar. Aus einem historischen Anlass hat Adolf von Zemlinsky eine Broschüre über diese Epoche geschrieben. Aber was die späteren Jahre betrifft, gibt es keine zuverlässigen Quellen zu diesem Thema, da die Nazis zusammen mit der schönen Synagoge in der berühmten „Reichskristallnacht“ auch die Archive verbrannt haben. So musste sich der Berichterstatter auf die Erinnerung der Zeitgenossen und deren Berichte über die Zeit nach 1888 verlassen.

 

Die Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien ist von einer Legende umwoben. Diese Legende geht ins 18. Jahrhundert zurück, als das Virus der Inquisition in Spanien und Portugal grassierte. Es wird erzählt, dass in jener unheilvollen Zeit ein jüdischer Knabe namens Moshe Lopez Pereyra von den Häschern der Inquisition geraubt, getauft und zum Geistlichen ausgebildet wurde. Am Tag der Taufe wurde er in Diego de Aguilar umbenannt. Seine Mutter und Schwester waren Marranen und praktizierten heimlich das Judentum, so wie viele es taten. Diego de Aguilar wurde im Laufe der Zeit zum Bischof ernannt und in die Aktivitäten der Inquisition involviert. Eines Tages wurde seine Schwester angezeigt, da sie der jüdischen Religion die Treue hielt, weswegen sie nach dem Gesetz der Inquisition mit dem Tod durch Verbrennung am Scheiterhaufen verurteilt wurde.

 

In der Nacht vor der Exekution – so die Legende – beschloss die verzweifelte Mutter, sich zum Bischof Diego de Aguilar zu begeben, um Gnade für ihre Tochter zu erbitten. Zu Beginn bekräftigte er die Ablehnung ihrer Bitte, aber als die unglückliche Mutter ihm offenbarte, dass das bedauernswerte Mädchen seine Schwester und sie seine Mutter sei und ihn darauf mit Moshe Lopez Pereyra ansprach, vollzog sich im Wesen des beinharten Geistlichen eine Wandlung. Der Name Moshe Lopez Pereyra rief bei ihm Jugenderinnerungen wach. Von Gefühlen überwältigt, vergoss er Tränen und versprach, sich um die Rettung seiner zum Tod verurteilten Schwester zu bemühen. Die Bemühung um das Leben der Schwester war erfolglos. Er kehrte dem bischöflichen Palais den Rücken, zog seine geistliche Tracht aus und teilte seiner Mutter mit, dass er nicht länger in Spanien bleiben wollte und flüchtete nach Österreich. Eine goldene Kette, die ihm Maria Theresia während eines Spanienbesuches gab, sollte ihm als Amulett dienen.

 

Kurz darauf erschien Moshe Lopez Pereyra in Wien, allerdings allein, da seine Mutter aus Kummer und Gram verstorben war. Er wurde freundlich aufgenommen und auch die kleine Schar Sephardim, die ihn begleiteten, bekamen nicht nur Asyl, sondern auch alle Rechte, ihre angestammte Religion auszuüben. Moshe Pereyra bekam den Titel eines Hofjuden, sowie die Pacht des österreichischen Tabakmonopols. Durch Reichtum und Ansehen gelange es ihm, zu hoher gesellschaftlicher Stellung zu gelangen, und es wird berichtet, dass der berühmte Kanzler Kaunitz bei ihm privat verkehrte.

 

Eines Tages erhielt Pereyra vertraute Information, dass die Regierung beabsichtigte – wahrscheinlich auf Druck des Klerus – die Juden aus Österreich zu vertreiben. Pereyra eilte sofort zu Hof, jedoch weigerte sich die Herrscherin, ihn zu empfangen, er erhielt auch den Hinweis, seine Kontakte zum Hof zu unterlassen. Da die türkischen Juden in Wien feste geschäftliche Bindungen mit ihrer Heimat knüpften, bemühte sich der Sultan, der sehr einflussreich war, dass die Kaiserin ihren Befehl widerrief. Er schickte einen besonderen Sendboten, um diesen Erlass aufzuheben. Die Herrscherin erfüllte die Bitte des Sultans, und die Ausweisung wurde annulliert. Als die Monarchin einige Tage darauf Moshe Pereyra zu sich bat, war er nirgends aufzufinden. Man erzählte, dass der Kurier des Sultans in Wien diese Stadt mit einem unbekannten Mann verlassen habe. Dieser Unbekannte könnte wohl Moshe Lopez Pereyra, Diego de Aguilar, gewesen sein, da die spanische Regierung seine Auslieferung beantragt hatte.

 

Inwiefern die Geschichte wahr ist, kann man schwer feststellen. Unwiderlegbar ist aber die Tatsache, dass die türkische Gemeinde nach 1938 eine Torarolle samt Krone mit der hebräischen Inschrift Mosche Lopez Pereyra – 5498, das dem Jahr 1737–1738 entspricht, spendete. Zu dieser Erinnerung wurde alljährlich am Vorabend des Jom Kippur ein Gebet für Moshe Lopez Pereyra als Gründer der türkisch israelitischen Gemeinde verrichtet. Das taten sie, da sie, im Gegensatz zu den Sephardim in Holland und anderswo, unter dem besonderen Schutz der türkischen Herrscher standen.

 

Diego de Aguilar, mit jüdischem Namen Moshe Lopez Pereyra, kam in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts anscheinend über Amsterdam nach Wien. Unter Karl VI. und Maria Theresia spielte er eine äußerst behutsame finanzielle Rolle für den Ärar, da er die Reorganisation des österreichischen Tabakgefälles übernommen hatte. Für seine außerordentlichen Verdienste wurde er vom Kaiser mit einem portugiesischen Adelsprädikat belohnt. Sein Wort hatte bei Hofe soviel Gewicht, dass er sich erfolgreich für die mährische Judenschaft einsetzen konnte. Für zahlreiche Gemeinden und einzelne Glaubensgenossen war er in Krisensituationen die letzte Hoffnung. Lediglich das Schicksal der Prager Juden konnte er trotz aller Bemühungen nicht abwenden. Einen Teil seiner Familie brachte Diego mit nach Wien: Seine Mutter Sara Pereyra, sein Vater Abraham Lopez de Pereyra, zwei seiner Kinder sowie sein Schwager Jakob ben Jeschurun Alvarez wurden auf dem alten jüdischen Friedhof in der Seegasse begraben. Er selbst starb 1763 in London. Bis zu ihrer Zerstörung befanden sich in der sephardischen Synagoge Wiens eine Torakrone und Rimmonim mit der Aufschrift „Mosche Lopez Pereyra 5498 (1737/38)“, und bis 1938 wurde an jedem Jom Kippur ein eigenes Gedenkgebet für ihn als Gründer der Gemeinde gesprochen.

 

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hielten die Sephardim ihren Gottesdienst im Haus Nr. 307 innerhalb der Stadtmauern ab. Danach diente ein Haus in der Oberen Donaustraße als Bethaus. 1778 erließ die Regierung eine Regulation für die Türkisch-israelitische Synagoge. Sie bestand aus 14 „Puncten, die der in Sagechen aufgestellte Kais.Königl. Commissarius der gesamten Alhir sich befindlichen Türkischen Judenschaft um alhiessige Türkische Jüdische Synagoge in gute Ordnung zu bringen und in selber zu erhalten ex offo aufgesetzt“. Die Regulation stellte die konstitutionelle Basis für die sephardische Gemeinde dar und fixierte rechtlich alle Gemeindeangelegenheiten von der Steuereinnahme bis zur Aufgabe der verschiedenen Funktionäre. 1818 waren 210 sephardische Juden als permanent in Wien lebend registriert, 1868 die doppelte Anzahl. 1824 wurde das Haus in der Oberen Donaustraße durch einen Brand zerstört. Danach diente das Haus Nr. 321 Große Hafnergasse (später Große Mohrengasse), das man 1843 adaptierte, als Synagoge. Die Gemeinde wuchs stetig und prosperierte. Ab 1840 wurde sie von den sieben reichsten Mitgliedern geleitet. Die Räumlichkeiten in der Hafnergasse wurden zu klein. Aufgrund der Intervention des Sultans konnte das Grundstück Nr. 401 in der Großen Fuhrmanngasse (später Zirkusgasse 22) erworben werden. Die hier erbaute Synagoge wurde 1868 eingeweiht. In Zusammenhang mit dem Synagogenbau kam es auch zu einer Überarbeitung der „Puncte“ von 1778. Diese „Statuten der Türkisch-Jüdischen Gemeinde“ von 1868 legten die interne Gemeindestruktur, Zugehörigkeitsfrage sowie die Rechte und Pflichten der Mitglieder neu fest. Wegen schwerer Konstruktionsfehler musste die Synagoge bald wieder abgerissen werden. An derselben Stelle wurde 1887 der neue türkische Tempel im maurischen Stil, ein Prachtbau des Architekten Ritter von Wiedenfeld, eingeweiht. In der Eingangshalle hingen die Portraits von Kaiser Franz Joseph I. und Abdülhamid II. Im Hinterhof wurde ein Brunnen für die Taschlich Zeremonie zu Rosch ha-Schana gegraben, hier wurde auch jedes Jahr die Sukka aufgebaut. Der Geburtstag des Sultans wurde alljährlich in der Synagoge zelebriert, wobei sowohl die türkische als auch die österreichische Nationalhymne gesungen wurden.

 

Zu den Gemeindeeinrichtungen gehörte natürlich die Beerdigungsgesellschaft chebhra Kaddischa, der Verein Halbascha, der für die Einkleidung armer Kinder sorgte, die Biqqur cholim, die Kranke und Alte unterstützte, die Vereinigung Hakhnasat Orchim, die sich um durchreisende Sephardim kümmerte, der Armenfonds Fondo de los Desfavorecidos sowie der Unterstützungsfonds für den Gesangsverein Schir Ha-kawod. Der Bankier Menachem Elijahu aus Bukarest ließ in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in der Novaragasse 29 eine Ganztagsschule, Midrasch Elijahu, einrichten. Langjähriger Lehrer an dieser Schule war David Alkalay, einer der früheren sephardischen Zionisten.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte Anton Schmidts Druckerei mit den Publikationen sephardisch religiöser und linguistischer Literatur mit den großen Druckereien in Amsterdam, Italien und der Türkei durchaus konkurrieren. Auch sephardische Gelehrte aus Übersee ließen in Wien drucken.

 

Ende des 19. Jahrhunderts war Wien ein kleines, aber wichtiges Zentrum sephardischer Kultur. Die Universität zog Sephardim aus Belgrad, Bulgarien, Rumänien, Triest, Rhodos, Ägypten und Marokko an. Noch weit vor der Jahrhundertwende bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts war Wien ein Begriff für den spanisch-jüdischen (Ladino) Buchdruck, was einerseits aus dem wachsenden Einfluss Österreich-Ungarns auf den Balkan, anderseits aus den edukativen Aktivitäten der Alliance Israelite Universelle resultierte. Auch eine Reihe spaniolischer Periodika erschien hier, beispielhaft seien „El Mundo Sefardi“, „Carmi“ und „El Correo de Vienna“ genannt. Für einige der 18 zwischen 1856 und 1923 in Wien herausgegebenen spaniolischen Zeitschriften waren das Zielpublikum auch die Juden in der Türkei. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wurde die Studentenorganisation „Esperanza“ gegründet sowie die kulturelle Vereinigung „Union Espanola“, deren Promotoren Mosche Galimir und R. Nissim Obhadia waren. Die „Esperanza“ übersiedelte Anfang der 30er Jahre nach Sarajevo. Für die Ziele der Alliance setzte sich in Wien besonders der bekannte Journalist Schem Tov Semo ein, der eine Synthese aus sephardischer Tradition, Zionismus sowie modernem Erziehungs- und Wirtschaftswesen anstrebte, wie sie schon früher von R. Jehuda Bibas aus Korfu und später von R. Jehuda Alkalay aus Sarajevo propagiert wurde.

 

Problematisch gestaltete sich das Verhältnis zwischen der in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts konstituierten aschkenasischen Kultusgemeinde und der sephardisch-türkischen Gemeinde. Besonders seit die Israelitische Kultusgemeinde Wien die einzige offizielle jüdische Vertretung der Regierung war, kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Aschkenasim und Sephardim, die ihre organisatorische Unabhängigkeit nicht aufgeben wollten. 1909 erst kam es zu einer vorläufigen Übereinkunft: Die türkische Gemeinde hatte den Status einer in der Kultusgemeinde integrierten Korporation, wurde jedoch von der Steuerabgabe an die Kultusgemeinde befreit. Nach der Ausrufung der Republik schließlich erklärte die sephardisch-türkische Gemeinde wieder ihre volle Unabhängigkeit. 1922 wurde sie jedoch gezwungen, ihren Status als „Verband der türkischen Israeliten zu Wien“ innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde gemäß der Regulation von 1909 wieder anzunehmen, wobei ihr allerdings Sonderprivilegien eingeräumt wurden.

 

Der sephardische Ritus wurde im türkischen Tempel lange Zeit strikt eingehalten. Es war bis in die 80er Jahre die einzige große Synagoge Wiens ohne Chor. Während sich bei den Aschkenasim durch das Wirken Sulzers vieles veränderte, hielt die sephardische Gemeinde an ihren orientalischen Weisen fest. Als 1881 Marcus M. Russo zum Präsidenten gewählt wurde, entschloss sich dieser jedoch zur Modernisierung: Jakob Bauer wurde zum Oberkantor bestellt, Isidor Löw zum zweiten Kantor; beide waren Aschkenasim, da keine ausgebildeten sephardischen Chazzamim zur Verfügung standen. Die traditionellen sephardischen Melodien wurden dem westlichen Stil angepasst, ohne allerdings ihren orientalisch geprägten Hintergrund zu verlieren. Der Chor bestand aus 10 bis 15 Jungen. Dreißig Jahre hindurch, bis 1918, war Michael Papo Chakam Baschi, der Oberrabbiner der Gemeinde. Ihm folgte Obhadia. Während des Ersten Weltkriegs war Isaak Altaras aus Sarajevo Oberkantor am türkischen Tempel, danach, bis 1938, Isaak Asseo aus Belgrad. Ein besonderes Ereignis, an dem auch die Aschkenasim teilnahmen, war die jährliche Simchat Tora Feier der Sephardim in Wien: Ein Gabbai in türkischer Tracht führte die Prozession an. Ihm folgten 20 Chorjungen und erwachsene Chormitglieder, der Chormeister, der Oberkantor und der Chakam Baschi. Dahinter kamen die Träger mit den 25 Torarollen, angeführt von Chatam Tora und dem Chatam Bereschit. Den Schluss bildete eine Gruppe von Kindern, die drei kleine Siphre Tora trugen.

 

Ende der 20er Jahre kam es zu einer drastischen Dezimierung der Mitgliederzahl der sephardischen Gemeinde. Die Gründe dafür sind einerseits in der hoffnungslosen Wirtschaftslage jener Zeit, anderseits auch in der Übersiedelung R. Obhadias nach Pari, wohin ihm viele Anhänger folgten, zu sehen. Das letzte große Ereignis in der sephardischen Gemeinde war die Feier zum 800. Geburtstag Maimonides im Jahre 1935 unter dem Präsidenten Heskia. Im November 1938 wurde der türkische Tempel Wiens zerstört. Die österreichischen Sephardim, die nicht fliehen konnten, wurden nach Dachau gebracht.

 

Ein beträchtlicher Strom der aus Spanien Vertriebenen ergoss sich ins Osmanische Reich. Nachdem dieses Erez Israel annektiert hatte, war es zum Anziehungspunkt für jene Marranen geworden, die zu büßen und zu ihrem früheren Glauben zurückzukehren wünschten. Der Chronist Rabbi Elia Kapsali, der die Vertreibung miterlebte und der älteren Generation der jüdischen Bevölkerung im Osmanischen Reich angehörte, berichtet, dass nach 1492 „Tausende und Abertausende ausgewiesener Juden … kamen, so dass das Land … voll war von ihnen.“

 

Der Weg von der Iberischen Halbinsel zum Balkan und nach Kleinasien und häufig von dort nach Syrien und Erez Israel war weit, mühselig, voller Gefahren. Die Ausgewiesenen richteten sich ihre eigenen Durchgangsstationen ein, zum Beispiel in Häfen und Städten Italiens. Die physische Not und die plötzliche Verarmung waren nur schwer zu ertragen. Einer der Verbannten, der im Osmanischen Reich Zuflucht gefunden hatte, berichtet, dass „all ihr Geld für die Kosten ihrer Wanderung verbraucht worden war…“, als er mit seinen Leuten „inmitten eines Volkes, das ihre Sprache nicht verstand“ anlangte. Diesem Zeugen zufolge brachen auch Familien unterwegs auseinander. Denn „Männer kamen ohne ihre Frauen und Frauen ohne ihre Männer.“ Damit war eine Unterminierung des religiösen Familiengesetzes verbunden, da jeder, der allein war, alles tat, um einen Gefährten zu finden … ohne besonders heikel zu sein … ob das Verhältnis auch zulässig sei.“

 

Sultan Bayezid, der zur Zeit der Vertreibung regierte, hieß die vor den fanatischen Christen Geflohenen willkommen. Wie ein jüdischer Zeitgenosse berichtet, „sandte der Sultan viele Männer aus und ließ in seinem ganzen Reich in Wort und Schrift verkünden, dass keiner seiner Beamten in keiner seiner Städte es wagen solle, die Juden zu vertreiben oder zu verstoßen, sondern sie sollten sie willkommen heißen.“

 

Man darf annehmen, dass diese kaiserliche Protektion und der Befehl zur Gewährung des Wohnrechtes dem Einfluss der Führer der alteingesessenen jüdischen Gemeinde zu verdanken war. Diese unternahmen auch beträchtliche Anstrengungen, um ihren vertriebenen Brüdern materielle Hilfe zukommen zu lassen. „Dann mühten sich die Gemeinden (im Türkischen Reich)… gaben Geld wie Steine für die Befreiung von Gefangenen … in jenen Tagen … erwirkte der edle Mose Kapsali viel in Konstantinopel … bereiste die Kongregationen und zwang einen jeden, den ihm angemessenen Betrag zu geben.“ Diese aufgrund echter Anteilnahme am Geschick ihrer Glaubensgenossen erfolgte Hilfeleistung rief allerdings Überlegenheitsgefühle bei den Gebern hervor, die sich sehr groß vorkamen, weil sie den Heruntergekommenen gnädigst Hilfe sowie Status und Anerkennung zuteil werden ließen. Nachdem die aus Spanien Vertriebenen sich eingerichtet hatten – was auch im Osmanischen Reich relativ schnell geschah – kam es seitens dieser Juden aus Spanien und Portugal zu einer Reaktion gegenüber den türkischen Juden.

 

Doch nicht alle Exilanten bedurften der Hilfe. Auch im Osmanischen Reich fanden manche gleich Eingang in Hofkreise, so der Arzt Josef Hamon, der aus Granada dorthin kam, „und etwa fünfundzwanzig Jahre (ab 1493 als Arzt) zur Zeit des Königs, Sultan Bajasid, im königlichen Haushalt Dienst leistete und auch als vertrauter Freund seines Sohnes …Sultan Selim … und der in die Bresche sprang, um die Juden von großen Gefahren zu befreien“, wie es in der nach seinem Tod 1517 gehaltenen Grabrede heißt. Die Daten lassen erkennen, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in der Türkei zum Hofarzt ernannt wurde; man weiß, dass sein Sohn Mose ihm in diesem hohen Amt nachgefolgt ist.
Erfolg blieb nicht nur den Kreisen der Ärzte und Höflinge vorbehalten. Anscheinend war man im Osmanischen Reich der Meinung, dass die Absorbierung der Vertriebenen aus dem Westen kulturelle und sogar militärische Vorteile brachte. Unter den Exilanten scheinen erfahrene Eisengießer und Schießpulver-Hersteller gewesen zu sein, die dem Imperium von Nutzen waren. Elia Kapsali berichtete, der Herr habe „die Türken wegen der Juden gesegnet … denn dank der Juden besiegten die Türken große und mächtige Monarchen … Die Juden lehrten die Türken mit allen Arten von vernichtenden Waffen, Batterien und Feldgeschützen umzugehen. Und durch sie wurden die Türken mächtiger als alle Völker der Welt.“ Auch hatte er gehört, dass der Sohn des Sultans Bayezid, „Sultan Selim, die Juden wahrhaftig sehr liebte, denn er sah, dass er durch sie andere Nationen zerschmettern konnte … denn sie machten ihm eine große Menge von Geschützen und Waffen.“

 

Es ist eine militärgeschichtliche Tatsache, dass die Ausstattung der türkischen Armee mit Feuerwaffen etwa zur Zeit der Aufnahme der spanischen Exilanten in das Osmanische Reich erfolgte. Die türkischen Siege über die Mamluken und die Perser zu Beginn des 16. Jahrhunderts werden für gewöhnlich dem Einsatz von Feuerwaffen zugeschrieben. Aus Kapsalis Feststellung darf man also schließen, dass sich unter den aus Spanien vertriebenen Juden Experten für diese Art Feuerwaffen befanden und wesentlich zur Ausrüstung der türkischen Streitkräfte beitrugen.

 

Die Vertriebenen verteilten sich nach und nach in alle Hauptstädte des Reiches. In Konstantinopel, wo es im 16. Jahrhundert viele Synagogen gab, ließen sie sich auch in Vierteln nieder, in denen zuvor keine Juden gewohnt hatten. Auch Saloniki (Selanik) wurde ein Hauptzentrum der Juden und ebenso Adrianopel (Edirne) und Smyrna (Izmir). In kleineren Städten siedelten sich ebenfalls Juden an. Ausweisungen aus Süditalien trugen zur Diversifikation der jüdischen Gemeinde bei und vermehrten noch die zahlreichen Gemeinden im Reich. In der griechischen Stadt Arta, die nicht besonders groß war, „ließen sich vier Gemeinden nieder, die durch die Vertreibungen in den Königreichen von Spanien, Portugal, Sizilien, Kalabrien und Apulien (hierher) gekommen waren.“ Diese Gemeinden machten sich Seite an Seite mit „den Gemeinden von Einwohnern (sesshaft), die dort schon seit früheren Zeiten ansässige waren, wohl eingerichtet in ihren vornehmen Häusern und Innenhöfen.“

 

Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 und aus Portugal 1498 ließen sich diese sephardisch genannten Juden, einesteils in Mittel- und Westeuropa, hauptsächlich in Italien, Frankreich, Amsterdam und Hamburg nieder. Auch wenn es erst im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts zur Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien kam, so führten doch bereits seit dem 16. Jahrhundert sephardische Juden in Wien bestimmte Handelsgeschäfte und Finanztransaktionen durch. Ebenso scheint es schon früh auch familiäre Beziehungen zwischen in Wien ansässigen und so genannten türkischen Juden gegeben haben. Zur ständigen Niederlassung sephardisch-türkischer Juden in der Haupt- und Residenzstadt konnte es jedoch erst nach dem Friedensvertrag mit dem Osmanischen Reich, dem Frieden von Passarowitz im Jahre 1718 und verstärkt nach dem Belgrader Vertrag von 1739 kommen. Als türkische Staatsbürger unter dem Schutz des Sultans stehend genossen diese Juden wesentlich mehr Rechte als die Wiener Juden, die Untertanen des Habsburgischen Reiches waren. Die bedeutenden Handelsbeziehungen zwischen den Wiener Sephardim und türkischen Juden in den großen Balkan-Gemeinden sowie die Aktivitäten des sagenumwobenen Diego de Aguilar machten wohl die Gründung der sephardisch-türkischen Gemeinde Wien bereits im Jahr 1737 möglich.

 

Bedauernswerter Weise ist die Geschichte der Sephardim in Wien, die sich „türkisch-israelische Gemeinde“ nannte, nur von ihrem Gründungsjahr 1737 bis 1888 nachvollziehbar. Aus einem historischen Anlass hat Adolf von Zemlinsky eine Broschüre über diese Epoche geschrieben. Aber was die späteren Jahre betrifft, gibt es keine zuverlässigen Quellen zu diesem Thema, da die Nazis zusammen mit der schönen Synagoge in der berühmten „Reichskristallnacht“ auch die Archive verbrannt haben. So musste sich der Berichterstatter auf die Erinnerung der Zeitgenossen und deren Berichte über die Zeit nach 1888 verlassen.

 

Die Gründung einer sephardischen Gemeinde in Wien ist von einer Legende umwoben. Diese Legende geht ins 18. Jahrhundert zurück, als das Virus der Inquisition in Spanien und Portugal grassierte. Es wird erzählt, dass in jener unheilvollen Zeit ein jüdischer Knabe namens Moshe Lopez Pereyra von den Häschern der Inquisition geraubt, getauft und zum Geistlichen ausgebildet wurde. Am Tag der Taufe wurde er in Diego de Aguilar umbenannt. Seine Mutter und Schwester waren Marranen und praktizierten heimlich das Judentum, so wie viele es taten. Diego de Aguilar wurde im Laufe der Zeit zum Bischof ernannt und in die Aktivitäten der Inquisition involviert. Eines Tages wurde seine Schwester angezeigt, da sie der jüdischen Religion die Treue hielt, weswegen sie nach dem Gesetz der Inquisition mit dem Tod durch Verbrennung am Scheiterhaufen verurteilt wurde.

 

In der Nacht vor der Exekution – so die Legende – beschloss die verzweifelte Mutter, sich zum Bischof Diego de Aguilar zu begeben, um Gnade für ihre Tochter zu erbitten. Zu Beginn bekräftigte er die Ablehnung ihrer Bitte, aber als die unglückliche Mutter ihm offenbarte, dass das bedauernswerte Mädchen seine Schwester und sie seine Mutter sei und ihn darauf mit Moshe Lopez Pereyra ansprach, vollzog sich im Wesen des beinharten Geistlichen eine Wandlung. Der Name Moshe Lopez Pereyra rief bei ihm Jugenderinnerungen wach. Von Gefühlen überwältigt, vergoss er Tränen und versprach, sich um die Rettung seiner zum Tod verurteilten Schwester zu bemühen. Die Bemühung um das Leben der Schwester war erfolglos. Er kehrte dem bischöflichen Palais den Rücken, zog seine geistliche Tracht aus und teilte seiner Mutter mit, dass er nicht länger in Spanien bleiben wollte und flüchtete nach Österreich. Eine goldene Kette, die ihm Maria Theresia während eines Spanienbesuches gab, sollte ihm als Amulett dienen.

 

Kurz darauf erschien Moshe Lopez Pereyra in Wien, allerdings allein, da seine Mutter aus Kummer und Gram verstorben war. Er wurde freundlich aufgenommen und auch die kleine Schar Sephardim, die ihn begleiteten, bekamen nicht nur Asyl, sondern auch alle Rechte, ihre angestammte Religion auszuüben. Moshe Pereyra bekam den Titel eines Hofjuden, sowie die Pacht des österreichischen Tabakmonopols. Durch Reichtum und Ansehen gelange es ihm, zu hoher gesellschaftlicher Stellung zu gelangen, und es wird berichtet, dass der berühmte Kanzler Kaunitz bei ihm privat verkehrte.

 

Eines Tages erhielt Pereyra vertraute Information, dass die Regierung beabsichtigte – wahrscheinlich auf Druck des Klerus – die Juden aus Österreich zu vertreiben. Pereyra eilte sofort zu Hof, jedoch weigerte sich die Herrscherin, ihn zu empfangen, er erhielt auch den Hinweis, seine Kontakte zum Hof zu unterlassen. Da die türkischen Juden in Wien feste geschäftliche Bindungen mit ihrer Heimat knüpften, bemühte sich der Sultan, der sehr einflussreich war, dass die Kaiserin ihren Befehl widerrief. Er schickte einen besonderen Sendboten, um diesen Erlass aufzuheben. Die Herrscherin erfüllte die Bitte des Sultans, und die Ausweisung wurde annulliert. Als die Monarchin einige Tage darauf Moshe Pereyra zu sich bat, war er nirgends aufzufinden. Man erzählte, dass der Kurier des Sultans in Wien diese Stadt mit einem unbekannten Mann verlassen habe. Dieser Unbekannte könnte wohl Moshe Lopez Pereyra, Diego de Aguilar, gewesen sein, da die spanische Regierung seine Auslieferung beantragt hatte.

 

Inwiefern die Geschichte wahr ist, kann man schwer feststellen. Unwiderlegbar ist aber die Tatsache, dass die türkische Gemeinde nach 1938 eine Torarolle samt Krone mit der hebräischen Inschrift Mosche Lopez Pereyra – 5498, das dem Jahr 1737–1738 entspricht, spendete. Zu dieser Erinnerung wurde alljährlich am Vorabend des Jom Kippur ein Gebet für Moshe Lopez Pereyra als Gründer der türkisch israelitischen Gemeinde verrichtet. Das taten sie, da sie, im Gegensatz zu den Sephardim in Holland und anderswo, unter dem besonderen Schutz der türkischen Herrscher standen.

 

Diego de Aguilar, mit jüdischem Namen Moshe Lopez Pereyra, kam in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts anscheinend über Amsterdam nach Wien. Unter Karl VI. und Maria Theresia spielte er eine äußerst behutsame finanzielle Rolle für den Ärar, da er die Reorganisation des österreichischen Tabakgefälles übernommen hatte. Für seine außerordentlichen Verdienste wurde er vom Kaiser mit einem portugiesischen Adelsprädikat belohnt. Sein Wort hatte bei Hofe soviel Gewicht, dass er sich erfolgreich für die mährische Judenschaft einsetzen konnte. Für zahlreiche Gemeinden und einzelne Glaubensgenossen war er in Krisensituationen die letzte Hoffnung. Lediglich das Schicksal der Prager Juden konnte er trotz aller Bemühungen nicht abwenden. Einen Teil seiner Familie brachte Diego mit nach Wien: Seine Mutter Sara Pereyra, sein Vater Abraham Lopez de Pereyra, zwei seiner Kinder sowie sein Schwager Jakob ben Jeschurun Alvarez wurden auf dem alten jüdischen Friedhof in der Seegasse begraben. Er selbst starb 1763 in London. Bis zu ihrer Zerstörung befanden sich in der sephardischen Synagoge Wiens eine Torakrone und Rimmonim mit der Aufschrift „Mosche Lopez Pereyra 5498 (1737/38)“, und bis 1938 wurde an jedem Jom Kippur ein eigenes Gedenkgebet für ihn als Gründer der Gemeinde gesprochen.

 

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hielten die Sephardim ihren Gottesdienst im Haus Nr. 307 innerhalb der Stadtmauern ab. Danach diente ein Haus in der Oberen Donaustraße als Bethaus. 1778 erließ die Regierung eine Regulation für die Türkisch-israelitische Synagoge. Sie bestand aus 14 „Puncten, die der in Sagechen aufgestellte Kais.Königl. Commissarius der gesamten Alhir sich befindlichen Türkischen Judenschaft um alhiessige Türkische Jüdische Synagoge in gute Ordnung zu bringen und in selber zu erhalten ex offo aufgesetzt“. Die Regulation stellte die konstitutionelle Basis für die sephardische Gemeinde dar und fixierte rechtlich alle Gemeindeangelegenheiten von der Steuereinnahme bis zur Aufgabe der verschiedenen Funktionäre. 1818 waren 210 sephardische Juden als permanent in Wien lebend registriert, 1868 die doppelte Anzahl. 1824 wurde das Haus in der Oberen Donaustraße durch einen Brand zerstört. Danach diente das Haus Nr. 321 Große Hafnergasse (später Große Mohrengasse), das man 1843 adaptierte, als Synagoge. Die Gemeinde wuchs stetig und prosperierte. Ab 1840 wurde sie von den sieben reichsten Mitgliedern geleitet. Die Räumlichkeiten in der Hafnergasse wurden zu klein. Aufgrund der Intervention des Sultans konnte das Grundstück Nr. 401 in der Großen Fuhrmanngasse (später Zirkusgasse 22) erworben werden. Die hier erbaute Synagoge wurde 1868 eingeweiht. In Zusammenhang mit dem Synagogenbau kam es auch zu einer Überarbeitung der „Puncte“ von 1778. Diese „Statuten der Türkisch-Jüdischen Gemeinde“ von 1868 legten die interne Gemeindestruktur, Zugehörigkeitsfrage sowie die Rechte und Pflichten der Mitglieder neu fest. Wegen schwerer Konstruktionsfehler musste die Synagoge bald wieder abgerissen werden. An derselben Stelle wurde 1887 der neue türkische Tempel im maurischen Stil, ein Prachtbau des Architekten Ritter von Wiedenfeld, eingeweiht. In der Eingangshalle hingen die Portraits von Kaiser Franz Joseph I. und Abdülhamid II. Im Hinterhof wurde ein Brunnen für die Taschlich Zeremonie zu Rosch ha-Schana gegraben, hier wurde auch jedes Jahr die Sukka aufgebaut. Der Geburtstag des Sultans wurde alljährlich in der Synagoge zelebriert, wobei sowohl die türkische als auch die österreichische Nationalhymne gesungen wurden.

 

Zu den Gemeindeeinrichtungen gehörte natürlich die Beerdigungsgesellschaft chebhra Kaddischa, der Verein Halbascha, der für die Einkleidung armer Kinder sorgte, die Biqqur cholim, die Kranke und Alte unterstützte, die Vereinigung Hakhnasat Orchim, die sich um durchreisende Sephardim kümmerte, der Armenfonds Fondo de los Desfavorecidos sowie der Unterstützungsfonds für den Gesangsverein Schir Ha-kawod. Der Bankier Menachem Elijahu aus Bukarest ließ in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in der Novaragasse 29 eine Ganztagsschule, Midrasch Elijahu, einrichten. Langjähriger Lehrer an dieser Schule war David Alkalay, einer der früheren sephardischen Zionisten.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte Anton Schmidts Druckerei mit den Publikationen sephardisch religiöser und linguistischer Literatur mit den großen Druckereien in Amsterdam, Italien und der Türkei durchaus konkurrieren. Auch sephardische Gelehrte aus Übersee ließen in Wien drucken.

 

Ende des 19. Jahrhunderts war Wien ein kleines, aber wichtiges Zentrum sephardischer Kultur. Die Universität zog Sephardim aus Belgrad, Bulgarien, Rumänien, Triest, Rhodos, Ägypten und Marokko an. Noch weit vor der Jahrhundertwende bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts war Wien ein Begriff für den spanisch-jüdischen (Ladino) Buchdruck, was einerseits aus dem wachsenden Einfluss Österreich-Ungarns auf den Balkan, anderseits aus den edukativen Aktivitäten der Alliance Israelite Universelle resultierte. Auch eine Reihe spaniolischer Periodika erschien hier, beispielhaft seien „El Mundo Sefardi“, „Carmi“ und „El Correo de Vienna“ genannt. Für einige der 18 zwischen 1856 und 1923 in Wien herausgegebenen spaniolischen Zeitschriften waren das Zielpublikum auch die Juden in der Türkei. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wurde die Studentenorganisation „Esperanza“ gegründet sowie die kulturelle Vereinigung „Union Espanola“, deren Promotoren Mosche Galimir und R. Nissim Obhadia waren. Die „Esperanza“ übersiedelte Anfang der 30er Jahre nach Sarajevo. Für die Ziele der Alliance setzte sich in Wien besonders der bekannte Journalist Schem Tov Semo ein, der eine Synthese aus sephardischer Tradition, Zionismus sowie modernem Erziehungs- und Wirtschaftswesen anstrebte, wie sie schon früher von R. Jehuda Bibas aus Korfu und später von R. Jehuda Alkalay aus Sarajevo propagiert wurde.

 

Problematisch gestaltete sich das Verhältnis zwischen der in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts konstituierten aschkenasischen Kultusgemeinde und der sephardisch-türkischen Gemeinde. Besonders seit die Israelitische Kultusgemeinde Wien die einzige offizielle jüdische Vertretung der Regierung war, kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Aschkenasim und Sephardim, die ihre organisatorische Unabhängigkeit nicht aufgeben wollten. 1909 erst kam es zu einer vorläufigen Übereinkunft: Die türkische Gemeinde hatte den Status einer in der Kultusgemeinde integrierten Korporation, wurde jedoch von der Steuerabgabe an die Kultusgemeinde befreit. Nach der Ausrufung der Republik schließlich erklärte die sephardisch-türkische Gemeinde wieder ihre volle Unabhängigkeit. 1922 wurde sie jedoch gezwungen, ihren Status als „Verband der türkischen Israeliten zu Wien“ innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde gemäß der Regulation von 1909 wieder anzunehmen, wobei ihr allerdings Sonderprivilegien eingeräumt wurden.

 

Der sephardische Ritus wurde im türkischen Tempel lange Zeit strikt eingehalten. Es war bis in die 80er Jahre die einzige große Synagoge Wiens ohne Chor. Während sich bei den Aschkenasim durch das Wirken Sulzers vieles veränderte, hielt die sephardische Gemeinde an ihren orientalischen Weisen fest. Als 1881 Marcus M. Russo zum Präsidenten gewählt wurde, entschloss sich dieser jedoch zur Modernisierung: Jakob Bauer wurde zum Oberkantor bestellt, Isidor Löw zum zweiten Kantor; beide waren Aschkenasim, da keine ausgebildeten sephardischen Chazzamim zur Verfügung standen. Die traditionellen sephardischen Melodien wurden dem westlichen Stil angepasst, ohne allerdings ihren orientalisch geprägten Hintergrund zu verlieren. Der Chor bestand aus 10 bis 15 Jungen. Dreißig Jahre hindurch, bis 1918, war Michael Papo Chakam Baschi, der Oberrabbiner der Gemeinde. Ihm folgte Obhadia. Während des Ersten Weltkriegs war Isaak Altaras aus Sarajevo Oberkantor am türkischen Tempel, danach, bis 1938, Isaak Asseo aus Belgrad. Ein besonderes Ereignis, an dem auch die Aschkenasim teilnahmen, war die jährliche Simchat Tora Feier der Sephardim in Wien: Ein Gabbai in türkischer Tracht führte die Prozession an. Ihm folgten 20 Chorjungen und erwachsene Chormitglieder, der Chormeister, der Oberkantor und der Chakam Baschi. Dahinter kamen die Träger mit den 25 Torarollen, angeführt von Chatam Tora und dem Chatam Bereschit. Den Schluss bildete eine Gruppe von Kindern, die drei kleine Siphre Tora trugen.

 

Ende der 20er Jahre kam es zu einer drastischen Dezimierung der Mitgliederzahl der sephardischen Gemeinde. Die Gründe dafür sind einerseits in der hoffnungslosen Wirtschaftslage jener Zeit, anderseits auch in der Übersiedelung R. Obhadias nach Pari, wohin ihm viele Anhänger folgten, zu sehen. Das letzte große Ereignis in der sephardischen Gemeinde war die Feier zum 800. Geburtstag Maimonides im Jahre 1935 unter dem Präsidenten Heskia. Im November 1938 wurde der türkische Tempel Wiens zerstört. Die österreichischen Sephardim, die nicht fliehen konnten, wurden nach Dachau gebracht.