Monat: Oktober 2016

26 10 2016
By: Redaktion 2 0

„Alles Gute zum Nationalfeiertag“

Nach dem 26. Oktober 1955 konnte Österreich auch darangehen ein Instrument aufzubauen, das die Aufgabe hatte, die neu erreichten Werte Frieden, Freiheit und Unabhängigkeit zu schützen und zu verteidigen. Es lebe die Republik Österreich!

TKG: „Alles Gute zum Nationalfeiertag“

 

Nationalfeiertag ist ”Tag des Friedens”

2015 Ex-Bundespräsident Heinz Fischer

 

Wien (APA/OTS). In seinem Tagesbefehl zum Nationalfeiertag würdigt (2015) der Bundespräsident die friedenssichernde Tätigkeit des Bundesheeres

 

Soldatinnen und Soldaten,
Angehörige des Bundesheeres,
der Zentralstelle und der Heeresverwaltung!

Der österreichische Nationalfeiertag erinnert uns – wie Sie alle wissen – daran, dass am 26. Oktober 1955 nach dem Abzug aller ausländischen Besatzungssoldaten aus Österreich das Verfassungsgesetz über die österreichische Neutralität beschlossen wurde.

Unser Nationalfeiertag ist daher auch ein Tag des Friedens.

Nach dem 26. Oktober 1955 konnte Österreich auch darangehen ein Instrument aufzubauen, das die Aufgabe hatte, die neu erreichten Werte Frieden, Freiheit und Unabhängigkeit zu schützen und zu verteidigen – unser Bundesheer.

Seit damals hat sich das Bild Europas stark verändert. Vor 20 Jahren fiel der „Eiserne Vorhang“ und der Prozess der Demokratisierung im Osten unseres Kontinents wurde eingeleitet. Viele dieser Länder sind inzwischen – so wie Österreich – Mitglied der Europäischen Union und versuchen, gemeinsam und solidarisch an einer friedlichen und sicheren europäischen Zukunft zu bauen.

Durch unsere neue Rolle in einem starken, vereinten Europa haben sich auch die Aufgaben des Österreichischen Bundesheeres gewandelt. Es geht längst nicht mehr nur um die Sicherung der eigenen Staatsgrenzen. Unsere Soldatinnen und Soldaten helfen im Rahmen von internationalen Friedensmissionen und humanitären Hilfsaktionen tatkräftig mit, dass Menschen in Krisengebieten mehr Sicherheit zuteil wird und den Menschenrechten mehr Achtung geschenkt wird.

Aber auch im Inland ist das Bundesheer nach wie vor zur Stelle, wenn es gebraucht wird. So haben im vergangenen Sommer die Soldatinnen und Soldaten bei den Hochwassereinsätzen in bewährter Weise ihre Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt, um betroffenen Menschen zu helfen und so rasch wie möglich die Schäden zu beseitigen.

Zur Bewältigung der globalen Herausforderungen ist neben der Stärkung der Europäischen Union auch eine Stärkung der Vereinten Nationen erstrebenswert. Es ist wichtig, dass unser Engagement für Frieden, für Menschenrechte und Menschenwürde auch global vertreten wird.

Als Bundespräsident und Oberbefehlshaber des Österreichischen Bundesheeres möchte ich allen Soldatinnen und Soldaten, Angehörigen des Bundesheeres, der Zentralstellen und der Heeresverwaltung meinen Dank und meine Hochachtung zum Ausdruck bringen.

Für die Zukunft wünsche ich alles Gute.

Es lebe das Österreichische Bundesheer!

Es lebe die Republik Österreich!

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25 10 2016
By: Redaktion 2 0

„Du schaust, und die Wolken ziehen/Bakarsın Bulutlar Gider“

Premiere in deutscher Sprache findet am 2. November, in türkischer Sprache am 7. November im Werk-X Eldorado am Petersplatz statt.

 

„Du schaust, und die Wolken ziehen/Bakarsın Bulutlar Gider„ von Özen Yula ist ein Zweipersonenstück, das im türkischen religiös-konservativen Milieu einer Großstadt spielt. Die Uraufführung wurde in Istanbul über die Grenzen der weltanschaulichen Lager hinweg zum Erfolg.
Regisseurin Ülkü Akbaba hat es ins Deutsche übersetzt und realisiert die Wiener Aufführung gemeinsam mit zwei SchauspielerInnen, Kenan Ece und Zeynep Buyraç in beiden Sprachen.

 

Eine junge Frau (Betül) im islamisch-konservativen Milieu der Stadt bekommt unerwartet Besuch. Ein fremder Mann (Kaya) überbringt ihr den Brief ihres kürzlich verstorbenen Ehemannes. Was könnte der Brief enthüllen? Es entsteht ein packender Dialog über die strikten Konventionen des religiösen Milieus und das individuellen Streben nach Selbstverwirklichung, über die Verwurzelung im Glauben und die Anforderungen des modernen Lebens. Diese Begegnung zerstört nach und nach alle Gewissheiten ihres sorgsam geordneten Lebens, das aus Konsum und Alltags-Religiosität besteht. Nach Phasen des Leugnens, Ablenkens und Herunterspielens stellen sich beide Zug um Zug den schmerzhaften Wahrheiten ihres Lebens.

 

Aufführungen in Deutsch und in Türkisch richten sich an alle Theaterinteressierten in Wien, insbesondere aber auch an ein migrantisches Publikum, das sich mit seinen Interessen, Fragen und Lebensproblemen im vielfältigen Theaterangebot in der Stadt nach wie vor unzureichend vertreten fühlt.

 

Aufführungstermine:

 

in deutscher Sprache: 4./ 9./ 14./ 15./16./19. November 2016

in türkischer Sprache: 11./12./18. November 2016

Beginn jeweils 20 Uhr

www.wolkenziehen.at 

Tickets: www.werk-x.at 

Tel: 01 535 32 00 11

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24 10 2016
By: Redaktion 2 0

Aufklärung: Was bedeutet „Das Schem Jisrael“ und vergleich mit Tauhid?

Das Schema (Schma) ist das zentrale Credo des Judentums und bringt einerseits den strengen Monotheismus dieser Religion, andererseits auch den Gedanken der Auserwähltheit zum Ausdruck. Es ist im Islam mit dem Begriff Tauhīd/Tevhid(Türkisch) zu vergleichen. Tauhid (Glaube an die Einheit (und Einzigkeit) (Gottes)‘) bedeutet „Glaube an die Einheit Gottes“, abgeleitet aus dem Verb/ waḥḥada / ‚vereinigen, vereinheitlichen‘ und entspricht dem Begriff Monotheismus. Lā ilāha illā ʾllāh(u) „Es gibt keinen Gott außer Gott“ . Tauhīd bedeutet, Gott als den Einen erklären, sich zum Glauben an die Einheit Gottes bekennen.

von Dr. Martin Bauschke/schule-weltethos

 

Das Schema (Schma) ist das zentrale Credo des Judentums und bringt einerseits den strengen Monotheismus dieser Religion, andererseits auch den Gedanken der Auserwähltheit zum Ausdruck.

Das Schema ist die Kernbotschaft der göttlichen, durch Mose übermittelten „Weisung“ (hebr. Tora). Es findet sich in Deuteronomium (= 5. Mose) 6,4. Vgl. auch im Talmud: Traktat Sukkot 42a; Tr. Berachot 13b.

 

• Der hebräische Text wird durch Juden so ausgesprochen: schəma jisrael adonai elohenu adonai echad.

• Der hebräische Text wird durch Juden im Deutschen so wiedergegeben: „Höre Israel! Der EWIGE ist unser G’tt, der EWIGE ist eins/einer/einzig.“

• Der hebräische Text lautet folgendermaßen mit exakter Übersetzung: !Israel Höre שְׁ מַע יִשְׂ רָאֵל .einzig/einer ist JHWH, Gott unser ist JHWH יְהוָה אֱלֹהֵינוּ יְהוָה אֶחָד Aufgrund des Gebots der Tora, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen (das dritte der sog. „ZEHN GEBOTE“), wird der Gottesname JHWH (lies: „Jahwe“ oder „Jehova“) von Juden generell niemals ausgesprochen, sondern im Hebräischen mit Adonaj („der Herr“) oder auch ha-Schem („der Name“) und im Deutschen mit „der EWIGE“ wiedergegeben.

 

Es hat sich quasi prophylaktisch sogar die Gewohnheit oder der Brauch (minhag) entwickelt,  nicht nur den Eigennamen Gottes, sondern auch das Gattungswort GOTT nur unvollständig abzudrucken, um einen Missbrauch zu vermeiden: also G’tt statt Gott (engl. G’d statt God, frz. D.ieu statt Dieu, span. D’s statt Dios) zu schreiben.

Das Schema sowie die anschließenden Verse der Tora (Dtn. 6,4ff) gehören zum täglichen rituellen Gebet am Morgen beim Schacharit (שחרית = Morgengebet) und am Abend beim Ma’ariw (מעריב = Abendgebet).

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23 10 2016
By: Redaktion 2 0

Entfremdung: Der Neoliberalismus macht einsam und krank!

Das zeigen jüngste Erhebungen zu psychischen Störungen bei Kindern einmal mehr.

von Freitag.de 

 

Kann man sich eine schwerwiegendere Anklage gegen ein System vorstellen als eine epidemische Ausbreitung psychischer Erkrankungen? Heute leiden Menschen auf der ganzen Welt unter Angststörungen, Stress, Depressionen, sozialen Phobien, Essstörungen, dem Zwang, sich selbst zu verletzen und Einsamkeit. Die jüngsten Zahlen über die psychische Gesundheit von Kindern in England geben ein schreckliches Bild ab machen deutlich, dass es sich um eine globale Krise handelt.

Es mag dafür viele Gründe geben, aber mir scheint, dass ein grundelegende Ursache überall dieselbe ist: Menschliche Wesen, diese ultrasozialen Säugetiere, deren Gehirne darauf ausgerichtet sind, auf andere Menschen zu reagieren, werden systematisch auseinandergetrieben. Wirtschaftliche und technologische Veränderungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie erzählen uns beständig, dass wir unser Glück im kompetetiven Eigeninteresse finden, und in einem grenzenlosen Individualismus.

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Der Konkurrenzdruck im Bildungssystem wird immer härter. Die Jobsuche grenzt oft genug an eine Nahtoderfahrung, bei der immer verzweifeltere Menschen immer weniger Stellen hinterherjagen. Endlose Wettbewerbe und Castingshows im Fernsehen fördern völlig unrealistische Erwartungen, während die realen Möglichkeiten immer weniger werden.

Die wachsende soziale Lücke wird mit Konsum gestopft. Doch er heilt nicht die Krankheit der Isolation, sondern verstärkt den Hang unseren sozialen Status zu vergleichen – bis wir alles andere verschlungen haben und anfangen, uns selbst zu zerfleischen. Die sozialen Medien bringen uns zusammen und treiben uns gleichzeitig auseinander, indem sie uns ermöglichen, unser soziales Ansehen genau zu quantifizieren. Sie zeigen uns, dass andere mehr Freunde und Follower haben als wir.

Wie Rhiannon Lucy Cosslett sehr gut gezeigt hat, verändern Mädchen und junge Frauen routinemäßig ihre geposteten Fotos, um schlanker zu wirken. Manche Handys machen das mit ihren Beauty-Settings ganz automatisch, ohne ihre Besitzerinnen überhaupt zu fragen. So kann man heute zu seiner eigenen Dünnspiration werden. Willkommen in der nächsten Stufe der Hobb’schen Dystopie: ein Krieg aller gegen sich selbst.

Ist es verwunderlich, dass in diesen einsamen Innenwelten, in denen Berührung durch einen Klick auf die Filterfunktion ersetzt werden, junge Frauen massenhaft an psychischen Störungen leiden? Eine neue Studie in England legt nahe, dass jede vierte Frau zwischen 16 und 24 sich schon einmal selbst verletzt hat und jede achte an posttraumatischen Belastungsstörungen leidet. 26 Prozent der Frauen dieser Altersgruppe sind von Angst, Depression, Phobien oder Zwangsstörungen betroffen. So sieht eine öffentliche Gesundheitskrise aus.

 

Weiter:

www.freitag.de/autoren/the-guardian/alle-gegen-sich-selbst

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18 10 2016
By: Redaktion 2 0

Santander Bank wurde wegen zu hoher Verzugszinsen und Mahnspesen geklagt!

Der VKI (Verein für Konsumenteninformation) hat im Auftrag des Sozialministeriums gegen die AGB der Santander Bank im Kreditgeschäft wegen zu hoher Verzugszinsen und Mahnspesen geklagt und Recht bekommen.

 

Laut die Sektion Konsumentenpolitik im Sozialministerium hat die Santander Bank hatte zuvor bei nicht rechtzeitiger Zahlung der Kreditrate nicht nur die erlaubten 5% Verzugszinsen pro Jahr verrechnet, sondern einen durch die vierteljährliche Kapitalisierung (Saldoerstellung) über 5% hinausgehenden Zinssatz.

Die Mahnkosten wiederum stehen einem Unternehmen nur zu, wenn sie in einem angemessenen Verhältnis zur betriebenen Forderung stehen; eine Einschränkung, die die AGB von Santander nicht erwähnten. Zudem wurden die Kosten pro Mahnschreiben umso teurer je öfter man gemahnt wurde, wofür das Gericht keine sachliche Rechtfertigung sah.

Die Bank hat daher auf Grund des Urteils KundInnen mit aktiven und fällig gestellten Verträgen, bei denen Verzugszinsen (5% Aufschlag) verrechnet wurden,  von sich aus entschädigt.

Darüber hinaus können Kundinnen der Santander Bank die Rückerstattung von Mahnspesen verlangen, wenn diese pro Mahnung den Betrag von 20 € überstiegen haben. Dafür können sie sich noch bis Ende des Jahres sowohl an die Bank direkt als auch an den VKI wenden.

Selbst wenn Kreditnehmerinnen ihre Schuld nicht zahlen konnten und schließlich von einem Gericht zur Zahlung verurteilt wurden – also ein Urteil über das Bestehen der Schuld existiert – zahlt die Bank obige Entschädigungen. Voraussetzung in diesem Fall ist allerdings, dass in den letzten 36 Monaten zumindest eine Zahlung geleistet wurde.

Zusammenfassung: Der Ausgleich der Verzugszinsen wird von der Bank selbsttätig vorgenommen; wollen die KundInnen aber auch eine Entschädigung für zu hohe Mahnkosten, müssen sie sich aktiv an die Bank oder den VKI wenden. (VKI)

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16 10 2016
By: Redaktion 2 0

„Türken-Luther“: Prof.Dr. Yasar Nuri Öztürk und „Der verfälschte Islam“

Prof.Dr. Yasar Nuri Öztürk, bekannter islamischer Theologe in der Türkei, argumentiert seit vielen Jahren gegen verzerrte Auslegungen des Koran. So öffnet sein Buch „Der verfälschte Islam“ Türen zum Dialog.

 

 

Letztlich sind Öztürks Ansichten extrem, doch sein Ansatz muss als reformatorisch bezeichnet werden. Schon mancher hat ihn daher als den „Türken-Luther“ bezeichnet. Tatsächlich lehrt er echt lutherisch die „Rückkehr zum Koran“.

Yasar Nuri Öztürk gilt vielen Menschen als Reformtheologe, doch er selber bezeichnet sich als nur Muslim. Ihm geht es darum, den Islam in seiner reinen und ursprünglichen Form zu rekonstruieren. Es ist keine Salafist. Der promovierte Philosoph möchte den islamischen Glauben von dem Ballast der Jahrhunderte befreien, der ihn überdeckt hat und die ursprünglichen Inhalte der Religion freilegen. Daher unterscheidet Öztürk einerseits zwischen einem „Islam der Traditionen“, der auf den Sitten und Gebräuchen des Nahen Osten basiert, sowie dem „wahren Islam“ andererseits, festgehalten im Koran und verkündet durch den Propheten Muhammad.

Bereits zur Frühzeit des Islam, kurz nach dem Tode des Propheten, hätten die Menschen begonnen, den Islam zu verfälschen. Schuld daran seien die damaligen Herrscher gewesen, die den ursprünglichen Islam mit heidnischen arabischen Traditionen vermischt hätten. Öztürk verurteilt daher den Missbrauch der Religion zu politischen Zwecken. Und er warnt davor, die Person des Propheten zu instrumentalisieren und ihn in einen übermenschlichen Stand zu erheben: Muhammad, den der Koran selbst als Menschen bezeichnet, werde heutzutage in solchem Maße verehrt, dass die Gläubigen nicht nur seinen Bart, seine Fingernägel und seine Kleidung hochschätzten, sondern auch seine Exkremente.

Die Überhöhung des Propheten habe aber auch dazu geführt, dass die Muslime sich andere Vorbilder geschaffen hätten, Personen, die in religiöser Hinsicht nicht in Frage gestellt werden dürften und dadurch unfehlbar seien. Dazu gehören in erster Linie die geistlichen Würdenträger. Nach Öztürks Meinung hatte diese Handlung nur das Ziel, kritische und vernunftbewusste Menschen aus dem islamischen Diskurs auszuschließen.

Doch Öztürk befürwortet die Kritik durch die Anwendung der Vernunft. Für ihn ist diese das wichtigste Handwerkszeug des gläubigen Muslims. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch seine Argumentationen. Skeptisch steht er den heutigen Phänomenen in der islamischen Welt gegenüber, die er als „Degenerationserscheinungen im Islam“ verurteilt und deren Ursprung er im Aberglauben sieht, der sich in der islamischen Welt verbreitet hat und auf dem viele Praktiken der Muslime heutzutage beruhen.

Yasar Nuri Öztürks „Der verfälschte Islam“ eignet sich weniger zur durchgehenden Lektüre, sondern mehr als Nachschlagewerk und Ratgeber. So geht er wichtigen Fragen nach wie dem Genuss von alkoholischen Getränken. Öztürk hält diesen für erlaubt, wenn auch eingeschränkt, solange er nicht in den Zustand der Trunkenheit führe. Damit umgeht er das koranische Alkoholverbot. In den Augen vieler strenggläubiger Muslime wäre dies schon ein Tabubruch.

Doch Öztürk geht noch weiter: Das rituelle Gebet, das jeder Muslim fünf Mal am Tag verrichten muss, stellt für ihn keine Pflicht dar, sondern ist lediglich eine freiwillige Handlung. Öztürk wendet sich in seinem Buch auch gegen die Verhängung der Todesstrafe gegen solche Muslime, die ihren Glauben wechseln. Diese Handlung sei alleine eine religiöse Angelegenheit zwischen dem einzelnen Menschen und Gott. Da die Sanktionierung von Abtrünnigen jedoch zum religiösen Dogma erhoben worden sei, habe sich in der jüngsten Zeit so etwas wie eine „islamische Inqusition“ entwickelt, die einzig dem politisierten Islam dazu diene, Gegner zu neutralisieren oder auszuschalten.

Und hätte die Frankfurter Richterin, die einen Vers des Korans so auslegte, dass der Ehemann das Recht habe seine Frau zu schlagen, bei Öztürk nachgelesen, so hätte sie erfahren: Das inkriminierte Wort „daraba“ lässt sich auf 20 verschiedene Weisen übersetzen. Und man sollte, so Öztürk, bei der Übersetzung der „Logik des Korans“ und nicht der Logik der Fundamentalisten folgen: Der Prophet habe seine der Untreue verdächtigte Ehefrau Aischa nicht geschlagen, sondern sie in ihr Elternhaus verwiesen. Öztürk schlägt vor, ebenso zu verfahren.

Und er wendet sich ganz klar gegen die in vielen islamischen Ländern praktizierte Geschlechtertrennung, in dem er sie als eine alte arabische Sitte bezeichnet. Yasar Nuri Öztürks Ansichten sind extrem, doch sein Ansatz muss als reformatorisch bezeichnet werden. Schon mancher hat ihn daher als den „Türken-Luther“ bezeichnet. Tatsächlich lehrt er echt lutherisch die „Rückkehr zum Koran“, also die Schrift als einzigen Maßstab. Und permanent reizt er das gesamte traditionell islamische Establishment. So erklärte er alle islamischen Rechtsschulen zu unnötigem Ballast oder die letzten 800 Jahre Theologie für weitgehend vernunftfrei.

Zudem wettert er gegen die Strenggläubigen, die sich gottgefällig wähnen, weil sie Schweinefleisch und Alkohol meiden, während sie ungerührt ihre Frauen versklaven. Solche Provokation hat ihren Preis: Über Jahre wagte sich Öztürk nur mit Bodyguards und Waffe unterm Jackett auf die Straße. Aber so viele Todesdrohungen er auch bekommt, die Zahl seiner Verehrer ist größer: Öztürk vertritt keine Minderheitenmeinung.

In seiner Heimat ist er ein Medienstar: Er hat regelmäßige Auftritte im türkischen Fernsehen und schreibt in einer Kolumne in einer türkischen Tageszeitung. Seine zahlreichen Bücher erreichen hohe Auflagen. Mehr solcher kritischen Geister würden der islamischen Welt sicherlich gut tun.

 

Rezensiert von Abdul-Ahmad Rashid

http://www.deutschlandradiokultur.de

Yasar Nuri Öztürk: Der verfälschte Islam
Übersetzt von Nevfel Cumart.
Grupello-Verlag, Düsseldorf 2007, 192 Seiten, 14,90 Euro

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14 10 2016
By: Redaktion 2 0

Wie umgehen mit in Stein gemeißeltem Hass?

Judensäue an Kirchenmauern! Es gibt auch genug in Stein gemeißeltem Hass gegen Türken. Aus der Gesichte muss man Lernen. Aus der Geschichte kann man manchmal auch nicht lernen, weil jede Situation neu ist. Aus der Geschichte könnte man lernen, aber oft gelingt es nicht. Darüber sollte man diskutieren. Aber bleiben wir bei Judensäue an Kirchenmauern bei Bayerischer Rundfunk/ br.de Bericht: “ In Stein gemeißelter Antisemitismus: Eine Sau, an deren Zitzen Juden säugen und der ein Rabbiner unter den Schwanz schaut. Weg damit, sagen die einen. Geschichte lässt sich nicht einfach entsorgen, die anderen. Wie also umgehen mit judenfeindlicher Propaganda an alten Kirchenmauern?“

Es ist die Predigtkirche von Martin Luther, auf die alle blicken, jetzt, zum Reformationsjubiläum. Und dann das: Ein Relief aus dem Jahr 1305 zeigt eine Judensau. Es sorgt bereits seit Monaten für Streit. Ein britischer Theologe forderte letzte Woche erneut die Entfernung des Spottbildes.

Anders sieht das Christian Fuhrmeister vom Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Aus speziell kunstgeschichtlicher Sicht sollten solche historischen Objekte in ihrem ursprünglichen Kontext erhalten bleiben. Das gilt auch und gerade für problematische Darstellungen und Denkmäler, sagt er. Von Entfernung oder Verbannung in ein Museum hält der Kunsthistoriker nichts. ( Quelle: Bayerischer Rundfunk)

 

Mehr: 

http://www.br.de/themen/religion/judensau-kirchenmauer-100.html

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09 10 2016
By: Redaktion 2 0

TKG-Aufklärung: „Was sagt der Qur’an (Koran) zum Judentum?“

Was sagt der Qur’an (Koran) zum Judentum? Koran Kapital (Sure) 7-Vers 159: „Und unter dem Volk Moses gab es eine Gemeinschaft, die nach der Wahrheit leiteten und danach Gerechtigkeit übten.“ (Koran, 7: 159)

 

Koran Kapital(Sure) 5-Vers 69: „Gewiß, diejenigen, die glauben, und diejenigen, die dem Judentum angehören, und die Ṣābier und die Christen, – wer (immer) an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und rechtschaffen handelt, – über die soll keine Furcht kommen, noch sollen sie traurig sein“. ( Koran, 5,69)

Bevor wir Einzelheiten dessen betrachten, was der Qur’an zum Judentum und zu den Juden sagt, möchte ich einige Vorbemerkungen vorwegschicken:

Der Qur’an entstand im 7. Jhdt., als die beiden anderen abrahamitischen Religionen schon etabliert waren. Er versteht sich als Niederschlag der religiösen Erfahrung des Propheten Muhammad, die gesondert von Überlieferungen von seinen übrigen Handlungen und Aussagen sowie biographischen Darstellungen schriftlich festgehalten wurde. Der Prophet sah sich selbst in einer Linie u.a. mit den biblischen Propheten, in ähnlicher Weise sollte seine Botschaft auf religiöse Missstände (Götzendienst) und soziale Ungerechtigkeit korrigierend einwirken, darüber hinaus gibt es hier auch einen Ausblick auf die Beziehungen zwischen den monotheistischen Religionen. Zu den Werkzeugen, die für die Bearbeitung des Textes erforderlich sind, gehören:

 

Sprache: 

 

Arabisch ist eine lebendige Sprache, bei der sich in den vergangenen 1400 Jahren naturgemäß Veränderungen ergeben haben, so dass es auch für Muttersprachler notwendig ist, der ursprünglichen Bedeutung nachzuspüren. Schon seit sehr früher Zeit sind daher Wörterbücher und Grammatiken geschrieben worden, und Kommentatoren wie Zamakhshari (12. Jhdt.) und Baidawi (13. Jhdt.) haben großes Gewicht auf sprachliche Aspekte gelegt.

Da Arabisch und Hebräisch als semitische Sprachen miteinander verwandt sind, kommt es im jüdisch-muslimischen Dialog oft zu einer schnellen Verständigung über Schlüsselbegriffe (z.B. nabî, salâm, dîn etc.).

Zu den Besonderheiten gehören der Aufbau auf Verbstämmen, aus denen Wörter hergeleitet werden, die zusammen Wortfelder ergeben, mit deren Hilfe man Bedeutungsnuancen erschließen kann – so hängt z.B. Salâm (Friede) mit Islâm (Hingabe, Versöhnung) zusammen und kommt von einer Wurzel, die einen ganzheitlichen, ausgewogenen Zustand impliziert.

Verbformen, die ursprünglich eher auf abgeschlossene oder unabgeschlossene Handlungen oder Prozesse hinweisen als auf „Zeiten“ – so wird z.B. der Ausdruck sadaqAllâhul-azîm, den man nach der Qur’anrezitation ausspricht, oft übersetzt mit „G-tt sprach die Wahrheit“, und auf die Offenbarungszeit bezogen, während es eher die Feststellung ist: „G-tt spricht (grundsätzlich) die Wahrheit“, eine unabhängig von der Zeit abgeschlossene Tatsache.

Der Gebrauch des bestimmten Artikels: er erscheint im Arabischen sehr viel öfter als in europäischen Sprachen, wird aber oft demonstrativ gebraucht, d.h. wenn im Text „die Juden“, „die Christen“ oder „die Araber“ erwähnt werden, geht es nicht um alle Juden, Christen oder Araber, sondern um diejenigen von ihnen, die aus einem bestimmten Zusammenhang bekannt sind.

 

 

Geschichte:

 

Anders als die Bibel entstand der Qur’an in einem relativ übersichtlichen Zeitraum von 23 Jahren. In seiner endgültigen Fassung ist er nach hermeneutischen und didaktischen Gesichtspunkten angeordnet als eine kontinuierliche Lesung, und tatsächlich haben viele Muslime eine bestimmte Routine, nach der sie den Qur’an immer wieder ganz lesen, sei es im Ramadan, zu bestimmten Anlässen oder ganz einfach in Form einer täglichen Lesung. Gleichzeitig ist aber die chronologische Abfolge immer wichtig genug geblieben, um zumindest in groben Umrissen in der Kopfzeile jeder Sura angedeutet zu werden. Darüberhinaus ist die Kenntnis des historischen Hintergrundes jedes einzelnen Abschnittes (auch eine Sura ist nicht immer als Ganzes entstanden) als wesentliche Voraussetzung zur verbindlichen Interpretation. Seit jeher hat man sich daher mit den Offenbarungsanlässen (asbab an-nuzûl) beschäftigt (wenn auch die Überlieferungen, die dabei eine Rolle spielen, selbst der kritischen Untersuchung zu unterziehen sind). Dies wird an den islamischen Hochschulen auch weltweit zumindest formal gelehrt. Der Kommentar von Tabari (10. Jhdt.), der auch für seine Sammlung von Geschichtsüberlieferungen bekannt ist, befaßt sich schwerpunktmäßig vor allem mit historischen Hintergründen. Abgesehen davon setzt der Qur’an die Kenntnis älterer (u.a. biblischer) Traditionen voraus. Wo diese Kenntnis fehlt, bleiben Anspielungen auf deren Inhalte zumindest schwer verständlich.

 

Systematik:

 

Da ist einmal der Zusammenhang im Text selbst zu beachten, denn wie in jeder anderen Schrift (und das braucht nicht einmal eine heilige Schrift zu sein) kann man aus isolierten Bruchstücken von Versen oder gar Sätzen das Gegenteil dessen herleiten, was intendiert ist (sowohl muslimische Extremisten als auch antiislamische Polemiker benutzen auf diese Weise den Text gern im Steinbruchverfahren).

 

Ein weiterer Punkt ist die thematische Arbeit, indem man systematisch ein bestimmtes Thema verfolgt – in unserem Fall Judentum und Juden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die methodischen Grundbegriffe zu kennen und der Frage nachzugehen, ob z.B. eine Aussage allgemeingültig (‚amm) oder speziell (khass), grundsätzlich (mujmal) oder erläuternd (mufassir) ist und auf welcher der verschiedenen äußeren und inneren Bedeutungsebenen wir uns bewegen.

 

Darüber hinaus weist der Qur’an selbst wiederholt darauf hin, dass er im Zusammenhang mit anderen „Zeichen G-ttes“ in der Natur, der Geschichte und anderen heiligen Schriften gelesen und verstanden werden will. In Verbindung mit der Sunna (der Praxis des Propheten und der Urgemeinde) und Vernunftmethoden ist der Qur’an schließlich eine Grundlage zum Ijtihâd (wörtl. intensive Bemühung, Rechtsfindung aus islamischen Prinzipien für eine gegebene Problemstellung).

 

Zwei Drittel des Qur’an wurden in Mekka offenbart, wo Muhammad geboren wurde, den Kaufmannsberuf erlernte und ausübte und eine Familie gründete. Hier erfahren wir auch von seinem Engagement für soziale Gerechtigkeit und seine religiöse Suche. Mekka lag an der Kreuzung von antiken Handelsstraßen, die vier Kontinente miteinander verbanden. Auf diese Weise war Reichtum zustande gekommen, aber auch eine tiefe Kluft zwischen arm und Reich. Abgesehen davon war Mekka ein Zentrum der Pilgerfahrt zu einem uralten Heiligtum, das allerdings damals mit polytheistischen Kulten verbunden war, während einige Menschen immer noch mit den mündlichen Überlieferungen vertraut waren, die ihre Abstammung von Abraham herleiteten, und sich ihrer Verwandtschaft mit ihren jüdischen Kollegen und Konkurrenten durchaus bewusst waren, manchmal sogar eigene monotheistische Ansätze suchten (Hanifen). Abgesehen von jüdischen Kaufleuten gab es auf der arabischen Halbinsel jüdische oder judaisierte Stämme sowie vereinzelte Christen. Muhammads Kritik richtete sich gegen Polytheismus und soziale Ungerechtigkeit, und seine Zukunftshoffnung war auf den Glauben an den Einen G-tt und die Verantwortung vor Ihm begründet.

 

In den mekkanischen Abschnitten des Qur’an finden wir also allgemeine Grundsätze von Glauben und Ethik mit einer Betonung der individuellen Verantwortlichkeit, darunter auch einen konzentrierten Abschnitt in Sura 17:22-38, der klare Parallelen zum biblischen Dekalog aufweist. Darüber hinaus finden wir Warnungen vor Arroganz, Unrecht und Achtlosigkeit, für die Menschen am Tag des göttlichen Gerichts zur Rechenschaft gezogen werden, die Verheißung der Früchte von Aufrichtigkeit, Menschlichkeit und guten Handlungen, die in einem zukünftigen Garten zu ernten sind (vgl. z.B. Sura 107:1-7; 99:6-8; 95:1-8 usw.) sowie Rückverweise auf die Erfahrungen älterer Gesandter G-ttes und früherer Generationen (z.B. Sura 21:48-93).

 

In Medina werden die Texte komplexer. Nach der Auswanderung (Hijra) finden wir als neuen Schwerpunkt die Bezugnahme auf Gemeinschaftsbildung. Um die Wurzeln späterer Konflikte verstehen zu können, ist es erforderlich, die Vorgeschichte zu untersuchen. Allem Anschein nach gab es mehrere Generationen vor der Hijra eine Vorherrschaft der lokalen jüdischen Stämme, von der sich die arabischen Stämme lösten und einen unabhängigen Status, vielleicht sogar eine Umkehrung der Verhältnisse erreichten. Hier ist noch einiges an Forschung notwendig. Jedenfalls gab es unmittelbar vor der Hijra eine generationenlange Fehde mit jüdischen und arabischen Stammesgruppen auf beiden Seiten, die zu einer allgemeinen Erschöpfung führte. Eine friedliche Lösung erhoffte man sich von der Vermittlung Muhammads, der daher zusammen mit den in Mekka verfolgten frühen Muslimen eingeladen wurde. Das Ergebnis war tatsächlich ein Friedensschluss und ein Vertrag, der den Stadtstaat „Madinatun-Nabi“ als Föderation autonomer Stämme mit einer gemeinsamen Außen- und Verteidigungspolitik begründete. Die arabischen Stämme nahmen dabei mehr oder weniger aufrichtig den Islam an, und die jüdischen Stämme behielten ihre gesellschaftliche und religiöse Identität und ihre interne Rechtsautonomie. Ein happy end?

 

In Wirklichkeit ist jedoch ein Friedensabkommen immer ein Neuanfang mit neuen Herausforderungen: Welche Hoffnungen und Erwartungen hatten die beteiligten gesellschaftlichen Gruppen damit verbunden, und wie weit sind sie erfüllbar? Wie geht man mit Spannungen um, die schon zur Tradition geworden waren? Wie wirkt sich der Übergang von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft aus? Was wird aus den Ambitionen derer, die vom Krieg Vorteile hatten?

 

Im Fall von Medina haben wir verschiedene, oft widersprüchliche Berichte von der Dynamik zwischen den verschiedenen Gesellschaftsgruppe und Individuen. Muslime sind meistens vertraut mit der Art und Weise, wie der Prophet die Muhâjirûn (Auswanderer) und die Ansâr (Helfer in der lokalen Bevölkerung) miteinander integrierte, mit den zahllosen Beispielen von Solidarität und Austausch. Andererseits erfahren wir von der Enttäuschung einiger arabischer Stammesführer darüber, dass die opportunistischen (munâfiq) Motive hinter ihrem Übertritt nicht den gewünschten Erfolg hatten. Wir fragen uns nach den Folgen von Rückschlägen und materiellen Engpässen auf die jeweiligen Stämme und Sippen. Wir finden Spuren von Dialog und Polemik zwischen Religionsgemeinschaften, und hören von Einzelnen, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Rechtssystemen für eigene Zwecke zu nutzen versuchten. Dass es nach außen zu Zusammenstößen mit den heidnischen Quraish kam, hat jedenfalls praktische Versuche zu einer tiefergreifenden Versöhnung erheblich behindert.

 

In diesem Zusammenhang gab es einige Führer von Munâfiqûn und jüdischen Stämmen, die sich Hintertürchen offen hielten und mit dem Feind paktierten. Es braucht mehr als die traditionellen asbab an-nuzûl, um die soziopolitischen Hintergründe der inneren Konflikte zu klären, die daraus folgen, und die relevanten Qur’antexte von diesem Gesichtspunkt her zu betrachten.

 

Wie in Mekka gibt es Rückblicke auf Erfahrungen früherer prophetischer Gestalten und ihrer Gemeinschaften, jetzt aber auch zur Veranschaulichung von praktischen und ethischen Fragen. In unserem Zusammenhang wichtig ist die Bezugnahme auf die „Leute der Schrift“ im Hinblick auf das Zusammenleben mit ihnen, aber auch als kritische Lektion für die junge Gemeinschaft der Muslime, die erst im Entstehen begriffen war und noch keine einschlägigen eigenen Erfahrungen hatte. Wir finden  Kritik an Lehren und Praktiken in lokalen jüdischen (und christlichen) Gruppierungen (Allem Anschein nach gehörten diese Gruppierungen nicht dem „Mainstream“, ihrer jeweiligen religiösen Tradition an, denn sonst wären einige dieser Kritikpunkte unzutreffend.)

 

Es fällt auf, dass im Qur’an die „Kinder Israel“ oft direkt angesprochen werden, im Sinne von „erinnert euch an G-ttes Gnade und haltet euren Bund“, auch im Zusammenhang mit Tadel für die Nichteinhaltung der Gebote, wenn auch sanfter als bei den biblischen Propheten (z.B. 4:40-42). Die Inhalte treffen aber generell auf jede Gemeinschaft zu, die auf einem Bund mit G-tt und ethischen Prinzipien beruht und in Stagnation und Selbstsucht abgleitet, und die erwähnten Werte sind durchaus Teil des islamischen ethisch-rechtlichen Systems wie z.B. der Gedanke in Sura 5:35: „… wenn jemand einen Menschen tötet …, ist es, als ob er die ganze Menschheit getötet hätte, und wenn jemand einem Menschen das Leben rettet, ist es, als ob er der ganzen Menschheit das Leben gerettet hätte.“ Die Lehren aus diesen exemplarischen Ermahnungen treffen nicht unbedingt auf die Juden in der übrigen Welt zu, wohl aber auf Muslime zukünftiger Generationen wie im folgenden Beispiel:

 

Und (denke daran), wie Wir mit den Kindern Israel einen Bund schlossen: Dient keinem außer Mir und (erweist) den Eltern Güte und den Verwandten und den Waisen und den Armen und verwirklicht das Gebet und gebt die Spende. Dann wandtet ihr euch ab und rebelliertet bis auf wenige von euch. (2:83)

 

Anfangs wird allgemein der Leser angesprochen (aller Wahrscheinlichkeit ein Muslim) und an den Bund G-ttes mit den Kindern Israel mit allen Implikationen erinnert. Dann folgt eine unerwartete Wendung zur zweiten Person Plural. Ist damit eine direkte Kritik an lokalen Gruppen für die Abwendung von Prinzipien intendiert bzw. eine Kritik an Juden, für die es zutrifft? Oder wendet sich die Anrede an die muslimischen Leser zur präventiven Reflexion oder Selbstkritik? Oder ist es vielleicht beides?

 

Wichtig ist jedenfalls, dass es nicht um „alle“ geht und dass es durchaus Angehörige der betreffenden Gemeinschaft gibt, die treu an ihrem Bund festhalten. Auf die „Leute der Schrift“ bezogen wird dies noch stärker in Sura 3:113-115 betont:

 

Sie sind nicht alle gleich. Unter den Leuten der Schrift gibt es eine Gemeinschaft, die (für das Rechte) einsteht. Sie tragen in der Nacht G-ttes Zeichen vor und werfen sich (vor Ihm) nieder. Sie glauben an G-tt und an den Jüngsten Tag und regen zum Guten an und verwehren Böses und wetteifern miteinander zum Guten. Sie gehören zu den Rechtschaffenen. Was sie an Gutem tun, nichts wird ihnen vorenthalten, und G-tt kennt die Achtsamen.

 

Daher ist ein weiterer Punkt die Kritik an Absolutheitsansprüchen.

 

Grundsätzlich betont der Qur’an wiederholt, dass es im wesentlichen dieselbe Botschaft war, die die prophetischen Lehrer im Laufe der Menschheitsgeschichte den Völkern und Generationen gebracht haben, und beklagt Haltungen, die religiöse Unterschiede zum Vorwand für Konflikte und Spaltungen nehmen (siehe z.B. Sura 42:13-15). Tatsächliche inter- und intrareligiöse Spannungen, die zur Prophetenzeit bekannt waren, spiegeln sich z.B. in Sura 2:113:

 

Die Juden sagen: die Christen fußen auf nichts, und die Christen sagen: die Juden fußen auf nichts, und doch studieren beide die Schrift. Gleicher Art, gerade wie sie, redeten auch diejenigen, die kein Wissen hatten. Aber G-tt entscheidet am Tag der Auferstehung zwischen dem, worin sie uneins waren.

Trotz gegenseitiger Polemik gab es aber offensichtlich damals auch Juden und Christen, die auf konstruktive Weise zusammenlebten. Somit wäre der bestimmte Artikel irreführend, wenn wir darunter „alle“ verstehen würden, und es ist ein Missbrauch, wenn er absichtlich auf „alle“ bezogen wird, wie es leider immer wieder geschieht. Der bestimmte Artikel verweist, wie zuvor erwähnt, auf als bekannt vorausgesetzte Beispiele, und niemand käme beispielsweise auf den Gedanken, das Wort al-A’râb in Sura 9:97: „Die Wüstenaraber sind am hartnäckigsten in der Ablehnung und der Heuchelei …“ so zu verstehen, als ob es auf alle Wüstenaraber oder gar alle Araber Bezug nähme!

 

Statt ihre Lektion zu lernen, sind Muslime jedoch mittlerweile Teil der Kontroverse geworden. Die Diskriminierung der „Leute der Schrift“ in Geschichte und Gegenwart war bei Muslimen vielleicht „nicht so schlimm wie bei anderen“; vielleicht gab es weniger Zwangsmaßnahmen und Vertreibungen und auf weite Strecken ein fruchtbares Zusammenleben (z.B. Andalusien, Palästina, der indische Subkontinent). Aber am Ideal gemessen bleibt immer noch viel zu wünschen übrig.

 

Das bringt uns zu dem qur’anischen Vorwurf des Missbrauchs oder der Entstellung von heiligen Schriften.

 

Im modernen Diskurs taucht gegenüber den „Leuten der Schrift“ oft der Vorwurf auf, sie hätten die Bibel „verfälscht“, wobei u.a. auf Sura 3:78 verwiesen wird:

 

Unter ihnen gibt es eine Gruppe, die mit ihren Zungen die Schrift verdrehen, so dass ihr meint, es ei aus der Schrift, während es nicht in der Schrift ist, und sie sagen: „Es ist von G-tt“, während es nicht von G-tt ist, und sie sprechen bewusst eine Lüge gegen G-tt aus.

 

Im Zusammenhang mit unserem Thema möchte ich mich hier auf die Torah beschränken und auf verschiedene Sichtweisen hinweisen, die von Fachleuten vertreten werden. Sie reichen von der Auffassung, die sich zumindest teilweise mit orthodoxen jüdischen Positionen deckt, dass nämlich die gesamte Torah Mose gegeben wurde (z.B. Shah Waliullah, gest. 1763; Muhammad Abduh, gest. 1905) über die Auffassung, sie sei sinngemäß (bil ma’na) offenbart worden, bis hin zu Vorstellungen von einer Integration verbal inspirierter Lehren in eine Rahmenerzählung des Lebens und Wirkens prophetischer Persönlichkeiten und der Schlüsselerfahrungen der Kinder Israel zu einem einzigartigen, die Generationen umspannenden Gefüge – letzteres auch in Verbindung mit Ergebnissen der historisch-kritischen Bibelforschung. Allerdings gibt es unter muslimischen Gelehrten nie die Vorstellung, die ganze Torah sei Menschenwerk.

 

Andererseits kennen Gelehrte aller Schriftreligionen, auch der Muslime, sehr wohl die Versuchungen, denen man bei der Auslegung der Schriften ausgesetzt ist, und die Notwendigkeit der Selbstdisziplin und Aufrichtigkeit bei der Predigt und Lehre. Inzwischen gibt es in allen drei Religionen Beispiele von selektiver Auslegung, absichtlich oder unabsichtlich, zugunsten bestimmter Interessen, die nicht nur dem Ruf der Religion überhaupt Schaden zugefügt, sondern ganz konkret Menschenleben gefordert haben.

 

Kritik an Treulosigkeit seitens der „Leute der Schrift“

 

Es gibt im Qur’an wenig direkte Bezugnahme auf Konflikte speziell mit den jüdischen Stämmen in Medina. So bezieht sich z.B. Sura 8:48-61 auf die Qainuqah nach dem Kampf von Badr 624 n.C., Sura 49:2-11 auf die Banu Nadir nach dem Kampf von Uhud 625 n.C. und Sura 22:22-27 auf die Banu Quraiza nach dem Grabenkrieg 627 n.C.. In kriegsbezogenen Texten geht es sonst um die Auseinandersetzung mit den heidnischen Quraish in Mekka. Zu wenig erforscht ist bislang noch die Verbindung zwischen den Munâfiqûn und einigen jüdischen Stammesführern. Der Schock, dass es Mitmonotheisten gab, die mit polytheistischen Feinden gemeinsame Sache machten, muss für die Muslime aber ebenso stark gewesen sein wie die ernüchternde Erkenntnis, dass es in den eigenen Reihen verräterische Elemente gab. Während man sich auf den ersten Blick vor „anderen“ durch Abgrenzung schützen kann, wird es bei den Munâfiqûn problematischer, denn „wenn du sie anschaust, bewunderst du ihr Äußeres, und wenn sie sprechen, hörst du ihnen zu … sie sind der Feind, also hüte dich vor ihnen“ (Sura 63:6).

 

Da die Munâfiqûn aber formaljuristisch der Umma der Muslime angehörten, wurde bei der Bestrafung von Verratsfällen islamisches Recht angewandt. Für die Juden galt demgegenüber jüdisches Recht, und zwar nach ihrem eigenen Verständnis, das nicht deckungsgleich mit den Rechtsvorstellungen von Juden anderswo in der Welt gewesen sein muss, und nicht einmal der Prophet selbst hatte die Möglichkeit, hier eigenmächtig einzugreifen. Nach dieser Rechtsauffassung wurden im Fall der Banu Quraiza die kampffähigen Männer hingerichtet, andere Stämme wurden ausgewiesen, und die übrigen jüdischen Gruppen wurden unter den Schutz der Muslime gestellt. Hier bleibt für Historiker einiges zu klären, und die Forschung sollte nicht durch Idealisierung oder die grundsätzliche Vorverurteilung der einen oder anderen Seite beeinträchtigt werden.

 

Für alle ist jedoch angeraten zu lernen, welche Schritte nach einem „Friedensvertrag“ zur tatsächlichen Aussöhnung und Vertrauensbildung notwendig sind.

 

Und schließlich gibt es Aussagen der Wertschätzung der „Leute der Schrift“ und die Einladung, sich auf Gemeinsamkeiten zu besinnen, wie sie auch in einer Kalligraphie über dem Haupteingang unseres Zentrums enthalten ist:

 

„Sprich: Ihr Leute der Schrift, kommt herbei zu einem Wort, das zwischen uns und euch gleich ist: dass wir niemandem dienen außer G-tt und Ihm nichts zur Seite setzen und dass nicht die einen von uns die anderen als Herren neben G-tt annehmen …“ (Sura 3:64).

 

Chronologisch verlaufen parallel zu den Kritik aussprechenden und auf den Konflikt bezogenen speziellen Texten allgemeine Aussagen zur Koexistenz zumindest der drei abrahamitischen Religionen und münden ein in den Ausblick in Sura 5:47-51

 

Wir hatten die Torah niedergesandt mit Führung und Licht darin. Danach haben die Propheten, die sich (G-tt) hingegeben hatten, den Juden (alladhîna hâdû – kann auch übersetzt werden: „denen, die Rechtleitung empfangen haben“) Recht gesprochen, und desgleichen die Rabbiner und Gelehrten, denn ihnen war befohlen, an G-ttes Schrift festzuhalten, und sie waren Zeugen dafür. Also fürchtet nicht die Menschen, sondern fürchtet Mich und verkauft nicht Meine Zeichen um einen geringfügigen Preis. Und wer nicht nach dem richtet, was G-tt niedergesandt hat – sie sind die Leugner (kâfirûn). … Und Wir ließen Jesus, den Sohn der Maria, in ihren Spuren folgen, das bestätigend, was ihm in der Torah voranging, und Wir gaben ihm das Evangelium mit Führung und Licht darin, das bestätigend, was ihm in der Torah voranging … Und Wir haben dir die Schrift in Wahrheit niedergesandt, das bestätigend, was ihr an Schrift voranging und zur Bewahrung dessen. Richte also zwischen ihnen nach dem, was G-tt niedergesandt hat, und folge nicht ihren Wünschen gegen die Wahrheit, die zu dir gekommen ist. Einem jeden von euch haben Wir ein ethisch-rechtliches System (shir’ah) und einen Weg (minhaj) gegeben. Wenn G-tt gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Er will euch jedoch prüfen durch das, was Er euch gegeben hat. Wetteifert also miteinander zum Guten. Zu G-tt ist euer aller Heimkehr, dann wird Er euch über das aufklären, worin ihr uneinig gewesen seid.

 

Die Entwicklung in Medina lässt uns mit ernsthaften Fragen, die uns bis heute beschäftigen: Wie können verschiedene gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Gruppen miteinander in einer Stadt, in einem Staat, in einer Welt leben? Ist Einheit nur als Uniformität denkbar? Geht es um ein System mit einer herrschenden Gruppe und Minderheiten, um Kultur und Subkulturen? Wie wäre eine echte multikulturelle Gesellschaft zu gestalten? Die muslimischen Reiche waren immer multiethnische und multireligiöse Gebilde, und es gab immer wieder die Herausforderung, mit Konflikten umzugehen, die durch materielle Versorgungsengpässe, interne Machtkämpfe und dergleichen zustandekamen. Die Welt wird immer komplexer, und es ist an der Zeit, sich gemeinsam Gedanken zur gemeinsamen Gestaltung der Zukunft zu machen.

 

In diesem Zusammenhang sehe ich einige „Hausaufgaben“. Zunächst die für die Muslime:

 

Es ist wichtig, dass wir auf breiter Basis den Qur’an gewissenhaft lesen, also nicht nur im rituellen Zusammenhang rezitieren und schon gar nicht als Steinbruch für irgendwelche Ideologien benutzen. Offenbarung bringt keine einfachen Instant-Lösungen für Probleme, sondern Denkanstöße für verantwortliche menschliche Entscheidungen.

 

In diesem Zusammenhang dürfen wir es nicht dabei bewenden lassen, früheren Propheten und heiligen Schriften verbale Anerkennung zu zollen. Es ist an der Zeit, das aufzuholen, was wir in den letzten 1400 Jahren versäumt haben, und uns inhaltlich damit auseinandersetzen – zum besseren Verständnis anderer religiöser Traditionen und unserer eigenen Grundlagen.

 

Und schließlich ist es notwendig, die Geschichte kritisch aufzuarbeiten. Es ist sicher wichtig, vorbildliche Persönlichkeiten zur Orientierung für unsere jüngere Generation hervorzuheben. Aber Geschichte ist mehr als ein Epos, wenn wir wirklich davon lernen wollen.

 

Insgesamt ist viel Forschungs- und Erziehungsarbeit zu leisten, denn ähnliche Aufgaben gibt es in jeder religiösen Tradition, abgesehen davon, dass wir einander besser kennenlernen und eine gegenseitige Vertrauensbasis schaffen müssen. Das bringt uns gleichzeitig näher an unsere gemeinsame Verantwortung, „den Garten zu bebauen und zu bewahren“ (Gen. 2:15) bzw. „G-ttes Statthalter auf Erden“ (2:30) zu sein, denn im Zeitalter der globalen Kommunikation und Interaktion kann dies nicht mehr so verstanden werden, als ob es einer Nation oder Glaubensgemeinschaft vorbehalten wäre.

Halima Krausen ist am Islamischen Zentrum Hamburg tätig und bei der Initiative für Islamische Studien.(© talmud.de 2006)

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01 10 2016
By: Redaktion 2 0

Eine polnische Oase in der Türkei

Wer den Istanbuler Stadtteil Beykoz auf der asiatischen Seite des Bosporus verlässt und auf der Straße nach Alemdag nach Kleinasien weiterfährt, stößt noch im Gemeindegebiet Istanbuls auf ein kleines Dorf Polonezköy(Adamdorf-Polendorf). Der türkische Name bedeutet Polendorf, und tatsächlich lebten hier auch zu Beginn des dritten Jahrtausends katholische Polen. Ihre Vorfahren kamen 1842 als Flüchtlinge und Asylsuchende in das Land des Sultans.

 

Von Prof. Dr. Rudolf Grulich – Dokumentation zur Journalistenreise von Kirche in Not, Juni 2005

 

Heute ist es umgekehrt: Seit Jahren kommen Asylsuchende aus der Türkei nach Mitteleuropa, zumeist Kurden aus Südostanatolien. Vor sechzig Jahren war es noch anders: Nach 1933 flohen zahlreiche von den Nationalsozialisten verfolgte Deutsche in die Türkei und erhielten dort bereitwillig Aufnahme. Bereits im Juli 1933 emigrierten die ersten Hochschullehrer aus Deutschland nach Istanbul und Ankara, nach dem „Anschluss“ Österreichs auch aus Wien. Unter ihnen waren bekannte Wissenschaftler: Agrarexperten, Altphilologen, Architekten, Mediziner, Juristen, Musikwissenschaftler. Viele kehrten nach 1945 zurück, wie Ernst Reuter, der spätere regierende Bürgermeister von Berlin. Sein Sohn Edzard Reuter, der langjährige Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz, hat seine Kindheit in der Türkei verbracht und berichtet, dass für seinen Vater „der Aufenthalt [dort] eine unglaubliche Phase seines Lebens gewesen ist“.

 

Weniger bekannt ist, dass auch im 19. Jahrhundert das Türkische Reich des Sultans ein Zufluchtsland war. Als vor 150 Jahren im August 1849 die ungarischen Aufständischen ihren Kampf gegen Habsburg verloren geben mussten und kapitulierten, flohen Tausende in die Türkei, darunter auch der Führer des Aufstandes, Lajos Kossuth. Er blieb bis 1851 in Istanbul, ehe er sich in Italien niederließ. Auch der polnische General und internationale Freiheitskämpfer Jozef Bem, der im Herbst 1848 die Verteidigung des aufständischen Wien geleitet hatte und den Kossuth am 1. Dezember 1848 zur Oberkommandierenden der Revolutionsarmee in Siebenbürgen ernannte, floh damals in die Türkei. Vor allem Offiziere traten dort in den türkischen Dienst, so auch Bem, der als Amurat Pascha bis zu seinem frühen Tode Ende 1850 Kommandeur der syrischen Armee in Aleppo war.

 

Bem war als polnischer Flüchtling in der Türkei keine Ausnahme. Auch vielen anderen Polen bot das Türkische Reich Zuflucht, vor allem nach den erfolglosen Aufständen von 1831 und 1863 gegen Russland. Daran erinnerte auch Papst Johannes Paul II. vor 20 Jahren bei seinem Besuch in Istanbul, als er sich am 30. November 1979 mit der dortigen polnischen Gemeinde traf. Er erinnerte seine Landsleute daran, dass es der Sultan war, der die Aufteilung Polens Ende des 18. Jahrhunderts nicht hinnahm, „ein etwas ungewöhnliches Faktum“, wie es der Papst nannte. Der Papst erwähnte auch, dass es bei Empfängen für das Diplomatische Korps bei der Hohen Pforte noch Jahrzehntelang hieß: „Der Botschafter von Lehistan (Polen) ist noch nicht eingetroffen.“ Damit sollte an das Schicksal des aufgeteilten Polens erinnert werden. „Hier haben die polnischen Aufständischen von 1830/31 Zuflucht gefunden,“ betonte der Papst, „ die von den Türken aus den Armeen des Zaren freigekauften Kriegsgefangenen, die polnischen Soldaten der 1856 aufgelösten Zamoyski-Division.“ Johannes Paul II. nannte auch Fürst Adam Jerzy Czartoryski, der 1842 eine polnische Kolonie auf der asiatischen Seite von Konstantinopel gründete, die nach ihm zunächst Adampol benannt wurde und heute offiziell Polonezköy heißt.

 

Das Dorf hat seinen polnischen Charakter bis heute erhalten, denn eine Kirche der Muttergottes von Tschenstochau, in der auch noch heute katholische Gottesdienste gehalten werden, fällt dem Besucher ebenso auf wie Häuser, die auch in den Beskiden oder Galizien stehen könnten und polnische Segenswünsche tragen. Fürst Czartorysky hatte 1842 mit Hilfe der Lazaristen Grund und Boden für die ersten Siedler erworben, die sich bald auch eine kleine Kapelle errichteten, die der hl. Anna geweiht war. „1855 traf unser größter Dichter, Adam Mickiewiecz, in Istanbul ein“, betonte der Papst 1979 vor der polnischen Gemeinde, „um hier den patriotischen Geist unter den Polen zu stärken und eine polnische Legion zu bilden, die nach der Vorstellung der Romantik zur Befreiung der Heimat dienen sollte, die nach dem November-Aufstand noch stärker unterdrückt worden war.“ Als Russland vom Sultan die Auslieferung polnischer Flüchtlinge verlangte, lehnte dies der Sultan mit Berufung auf den Koran und dem Gebot der Gastfreundschaft ab. Adampol hatte polnische Selbstverwaltung und war das einzige Stück eines freien Polen, bis Polen als Staat 1918 wieder erstand. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrten manche Bewohner zurück, aber der Ort blieb bestehen, auch wenn er andere Nachbarn bekam, als die griechisch bewohnten Nachbardörfer umgesiedelt und Türken vom Balkan angesiedelt wurden.

 

„Ihr seid Erben jener Polen, die vor mehr als 100 Jahren diese polnische Oase am Bosporus gegründet haben“, sagte der Papst 1979 bei seinem Türkeibesuch zu ihnen. „Als euer Landsmann und zugleich erster Papst polnischer Herkunft begegne ich euch heute mit großer innerer Bewegung.“

 

Man muss sich in dem kleinen Dorf Zeit lassen, um seine 150-jährige Geschichte auszuloten. 1992 erschien in türkischer und englischer Sprache sogar eine kleine Festschrift. Man findet türkische und polnische Gedenktafeln an die großen Besucher. Mickiewicz starb sogar hier. Erst später wurde er in die Gruft der Könige nach Krakau überführt.

 

Franz Liszt besuchte auf einer Konzertreise nach Istanbul ebenso diese polnische Siedlung wie Gustave Flaubert, und natürlich fehlt als Besucher auch nicht der Gründer der modernen Türkei Kemal Atatürk.

 

70 Häuser reihen sich in den drei Straßen des Ortes. Kirche und Friedhof fallen ins Auge. Einige Pensionen, ein Hotel Gülay, das Restaurant Ziya, ein Cafe und ein Teehaus zeigen, dass es auch bescheidenen Tourismus gibt. Den Eingang zur Pension Rizi schmückt ein Holztor mit lebensgroßen Holzfiguren. Die Besitzerin ist Frau Elena Ryzy. An polnischen Familiennamen von Hausbesitzern begegnen uns Dohoda und Wilkoszewski, Biskupski und Gazewicz. Vor Frederik Nowicki war Edward Dohoda Bürgermeister bzw. Muhtar, eine Bezeichnung, die jedem Karl May-Leser bekannt ist.“

 

im Vergleich zu anderen Stadteilen hat dieses Dorf seine alte Struktur weitesgehend beibehalten- die Zeit scheint stehengeblieben zu sein in dieser Oase. Und das in einer Megacity wie Istanbul- das fasziniert mich noch immer deshalb habe ich vor diesen besonderen Ort Istanbuls zu thematisieren. ich will hierbei die überwiegend polnische Bevölkerung interviewen- v.a. interessiert es mich wie diese Diaspora es geschafft hat ihr Gebiet so zu erhalten wie es jetzt ist.

 

die malerische Landschaft und überhaupt diese Ruhe die man an dem Ort inmitten der umgebenen Hektik findet sind die Gründe warum viele Istanbuler das Polendorf aufsuchen. Der Tourismus und seine Auswirkungen und überhaupt das Polendorf im Verhältnis zu der „Mutter“ Istanbul sind alles Gebiete, die ich erforschen möchte.

 

Soweit erstmal, ich hoffe ich kann noch ein paar Leute mitreißen diesen Ort zu erkunden- wie wärs Emine und ljubica? 🙂

 

(übrigens gibt es auf der europäischen seite ein Pendant nämlich das arnavut köyü -Albanerdorf, welches sich zu einer noblen Wohnsiedlung am Bosporus entwickelt hat)

 

https://www.youtube.com/watch?v=ARzXgNqeLtk

 

https://www.youtube.com/watch?v=ZAemEhCq5-U

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