Monat: November 2018

16 11 2018
By: TKG 0

Goldenes Ehrenzeichen der Republik Österreich-Herzliche Gratulation

Türkische Kulturgemeinde in Österreich(TKG) Beitrat erhält Goldenes Ehrenzeichen der Republik Österreich.

Wir gratulieren hiermit herzlich im Namen der Türkische Kulturgemeinde in Österreicher (TKG) unseren Beirat Herrn Dr. Akkan Suver, in Istanbul, der als Chef der Marmara Foundation das goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich überreicht bekommen hat. Herr Dr. Suver hat in Ankara in der österreichischen Botschaft am 12. November 2018 das Goldene Ehrenzeichen von der Botschafterin Frau Dr. Ulrike Tilly empfangen. Wir haben die englische Version seiner Dankesrede in deutscher Sprache wie folgt übersetzt. Wir freuen uns, dass man auch einige Gedanken der TKG, insbesondere die Passarowitz Friedensvertrag vom 21.06.1718, miteingeflossen sind.


Die Rede von Dr. Akkan Suver in Ankara in der Österreichischen Botschaf
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Ankara, 12.11.2018

Eure Exzellenzen, verehrte Gäste, sehr geehrte Damen und Herren,

bevor ich mit meiner Rede beginne, geht meine aufrichtige Dankbarkeit an H.E. Mme. Dr. Ulrike Tilly, der Botschafterin von Österreich in Ankara, welche uns heute zusammengebracht hat, für Ihre sorgfältige und selbstlose Gastfreundschaft.

Bevor ich meine Rede beginne, geht meine Dankbarkeit auch an H.E. Erhard Busek, welcher zu meiner Zeremonie des Medal Awards gekommen ist. Eine große Wertschätzung hat die Republik Österreich meinen Bemühungen, die mit meinen Kollegen der Marmara Group Foundation, bezüglich Frieden und Dialog im Bereich der zivilen Gesellschaft, mit einer Medaille ausgedrückt. Das ist eine Demonstration und ein nobles Beispiel von Österreichs Beitrag zur zivilen Gesellschaft und humanitären Werten. Ich möchte euch wissen lassen, dass diese Ehrung mit der Medaille, nicht nur mein Herz berührt hat, sondern mich und meine Kollegen sehr stolz gemacht hat.

Um zu meinem Wort zu stehen, möchte ich hinzufügen, dass das Vienna Economic Forum, ein Teil der zivilen Gesellschaft und einer der wichtigsten Think-Tank Organisationen in Österreich, mich 2014 und 1017 mit dem „Success Award“, für meine Bemühungen an den Eurasion Economic Summits, im Bereich Frieden und Dialog geehrt hat. Ich nutze diese Gelegenheit um meinen herzlichen Dank dafür auszusprechen.

Der Eurasische Wirtschaftsgipfel, der unsere Bemühungen um die Weitergabe von Kulturen und Zivilisation von Menschen an Menschen in Harmonie darstellt, hat nichts anderes als die Absicht, dem Fundament für nachhaltigen Frieden und Wohlstand zu dienen. Mit diesem Glauben, wenn der Gedankenaustausch unter der Führung des Dialogs zwischen den Menschen etabliert ist, können wir Frieden erreichen und noch besser in menschlichem Anstand leben.

Ich betrachte diese Medaille nicht als bloßes Abzeichen. Diese Medaille bringt eine zusätzliche Verantwortung mit sich. Es ist die Verantwortung, noch härter dafür zu arbeiten, der Menschheit zu dienen und fruchtbarere Projekte zu ermöglichen.

Sehr geehrte Damen und Herren, vor dreihundert Jahren, am 21. Juli 1718, wurde nach einem zweijährigen Krieg der Vertrag von Passarowitz zwischen dem österreichischen König Karl VI. und dem osmanischen Sultan Ahmet III. unterzeichnet.

Die österreichischen Staatsmänner haben einen Auszug zu Beginn des Vertrags in lateinischer Sprache verfasst: „Nach dem blutigen und verheerenden Krieg, der vor zwei Jahren aufgrund des Unglücks zwischen dem österreichischen Kaiser und Sultan Ahmed dem Allmächtigen ausgebrochen war, kam es zu erheblichen Schäden, Not und Unglücks sowie kommerziellen Verlust. Die beiden Imperien, zusammen mit Gottes Willen, haben einen guten Grund für unnachgiebige Parteien erreicht, Versöhnung zu leisten, ein solches Blutvergießen zu vermeiden, das Wohlergehen der Kinder beider Imperien zu fördern und eine Überwachung für die Verbesserung ihrer Völker zu schaffen. “

Mit diesen weisen Worten können wir die Beziehung zwischen der Türkei und Österreich besser einschätzen. Schubert, Freud, Mozart, Beethoven, Strauss, Kafka, Romy Schneider, Arnold Schwarzenegger, Herbert von Karajan, Gustav Mahler, Nicky Lauda und Bruno Kreisky wurden alle in Österreich geboren. Baron Joseph von Hammer ist eine weitere bemerkenswerte Figur dieser Geographie. Er liefert die genaueste historische Darstellung des Osmanischen Reiches und bildet das Rückgrat unserer historischen Kultur. Daher ist die Seele, die uns heute hierhergebracht hat, das Erbe der Kultur und Zivilisation, die von der Vergangenheit an die Gegenwart weitergegeben werden. Heute hat sich dieses Erbe zwischen der Türkei und Österreich zu einer neuen Dimension entwickelt. Ich glaube, dass diese Medaille, die ich heute hier erhalte, zu neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Österreich führen wird. Bitte deuten Sie meine Worte nicht als „blumige Sprache“.

In dieser Hinsicht bleibe ich hoffnungsvoll und möchte meine Worte mit dem Hinweis auf eine vollkommenere österreichisch-türkische Beziehung abschließen. Ich habe die Hoffnung in mir, dass Österreich auch das Thema Zollunion im Rahmen einer 500-jährigen Freundschaft betrachten kann.

In meinem Namen sowie im Namen der Marmara Group Foundation, welche ich vertrete, bedanke ich mich beim Staat Österreich nochmals herzlich für diese Medaille und möchte Sie wissen lassen, dass ich die Medaille mit viel Stolz und Verantwortung schätzen werde.

Ich danke auch meinen Kollegen der Marmara Group Foundation, deren Unterstützung mich dazu geführt hat, heute hier zu sein.

Zum Schluss möchte ich meine Dankbarkeit auch meiner Frau Müjgan Suver ausdrücken, die neben mir gestanden hat und mich nicht nur als Partner, sondern auch als Freund unterstützt hat. Sie ist mir bei all den zivilgesellschaftlichen Anstrengungen und Problemen beigestanden. Und im Namen meiner Frau sowie mir selbst, danke ich auch unseren Kindern.

Und nochmals herzlichen Dank an die Republik Österreich, welcher ich hiermit auch zum 100. Geburtstag herzlich gratuliere und an unsere Gastgeberin Botschafterin H.E. Dr. Ulrike Tilly.

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12 11 2018
By: TKG 0

TKG: 100 Jahre Republik Österreich! Herzliche Gratulation…

TKG nimmt die „100 Jahre Republik Österreich“ als Anlass zur Forderung, mit der Hetze gegenüber andere Nationen und Glauben in Österreich, aufzuhören.

Die Türkische Kulturgemeinde in Österreich gratuliert herzlich für „100 Jahre Republik“ in Österreich und warnt vor der, in den letzten Monaten zugespitzten, Hetze und Verhetzung unter verschiedenen Vorwänden, gegen Menschen aus der Türkei und allgemein gegen ca. 700.000 Muslime in Österreich. Mit diesen Verhetzungen löst man keine Probleme sondern unterstützt direkt und indirekt die radikalen Kräfte.

Die Türkische Kulturgemeinde in Österreich hat in den letzten 25 Jahren, zusammen mit all seinen vorherigen Vereinen, gegen Religionsmissbrauch und vor Einmischung aus dem Ausland gewarnt, gekämpft und um eines gebeten: „Die Spreu vom Weizen zu trennen, zu differenzieren und sachlich.-konstruktiv zu kritisieren, damit in Österreich nicht wieder Hass, Spott und Vorurteil, wie in Vorzeiten des ersten und zweiten Weltkrieges vorherrscht.“

Verhetzung unter dem Vorwand der Kritik

Leider missbrauchen manche Parteien, NGOs und Medien Ihre Machtposition und hetzen tagtäglich die hunderttausend Menschen aus der Türkei und alle Muslime in Österreich, womit diesen das Leben seelisch und physisch schwer gemacht wird.

Als wehrhafte Demokraten müssen wir warnen

Die TKG hat bis jetzt an die Vernunft, den Verstand und den guten Willen der Mehrheit der Österreicher geglaubt und so konstruktives und zielführendes Wissen und Erfahrungen, gegen jegliche fundamentalistischen Bewegungen, für die freiheitlich demokratische Grundordnung in Österreich, als wehrhafte Demokraten zur Verfügung gestellt.

Wenn Sie Präsident Erdogan und seine verlängerten Arme in Österreich kritisieren wollen, dann kritisieren Sie direk diese Vereine und Personen und trennen Sie die Spreu vom Weizen. Nehmen Sie die ca. 300.000 Menschen nicht als Geiseln und hetzen Sie nicht gegen alle Menschen aus der Türkei in Österreich. Genauso gilt es für die anderen 700.000 muslimischen Österreicher

Als wehrhafte Demokraten sind wir auch gegen jegliche Diskrimierungen, Willkürherrschaft, kulturellen Rassismus (Neorassismus) und Antisemitismus. Insbesondere wenn es unter dem Deckmantel, „Hände reichen, aber nur für eine Gruppe an Menschen, um hier die demokratischen Kräfte abzuschaffen, Religionskritik, etc.“ gemacht wird.

Vielen Menschen in Österreich leiden unter dieser Verhetzung. Wir kennen diese Verhetzung aus der „NSDPA Propaganda„(Genug belegbare Beweise) . Unsere Aufgabe als TKG ist auch jetzt, bei „100 Jahren Republik“ zu warnen, damit man in Zukunft zumindest bei „Ursache-Wirkung“ Forschungen, als Beweiswarnung in die Geschichte geht.

ES LEBE DIE REPUBLIK ÖSTERREICH!

Türkische Kulturgemeinde in Österreich

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20181112_OTS0132/tkg-100-jahre-republik-oesterreich-herzliche-gratulation

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10 11 2018
By: TKG 0

ATATÜRK-TKG: „Wir erinnern uns mit Respekt und Sehnsucht. Er wird immer wichtiger…“

Türkische KULTURgemeinde in Österreich (TKG): „Mustafa Kemal Atatürk, der Begründer der säkularen modernen Türkei, starb am 10. November 1938 im Alter von knapp 57 Jahren.Wir erinnern uns mit Respekt und Sehnsucht. Er wird immer wichtiger…“

Das Gedenken an Mustafa Kemal Atatürk ist in der Türkei sehr stark ausgeprägt. Im Dolmabahtsche-Palast (Dolmabahçe Sarayı) in Istanbul starb Mustafa Kemal am 10. November 1938.  Die Uhren im ganzen Palast stehen entsprechend alter Sitte auf seiner Todesstunde. Zum Todestag Mustafa Kemals wird in der Türkei eine Trauerminute eingelegt, zu der landesweit Sirenen erklingen.

Atatürks Patriotismus genannt hat war nach innen gerichtet, bezog sich auf die Türkei und ihre Bevölkerung und beinhaltete nach außen keine aggressive Komponente. Er lehnte eine pantürkisch motivierte imperialistische Expansion im Gegensatz zu seinem früheren Rivalen Enver Pascha ab:

„Heute sind alle Nationen der Erde fast Verwandte geworden oder bemühen sich, es noch zu werden. Infolgedessen muss der Mensch nicht nur an die Existenz und das Glück derjenigen Nation denken, der er angehört, sondern auch an das Vorhandensein und Wohlbefinden aller Nationen der Welt … Wir wissen nicht, ob uns nicht ein Ereignis, das wir weit entfernt glauben, eines Tages erreicht. Aus diesem Grund muss man die gesamte Menschheit als einen Körper und eine Nation als sein Glied betrachten.(ATATÜRK)“[23]

 

 

Gesellschaftsreformer (1924–1938)

Atatürk und ein Bürger, 1930

Der Bruch mit den Strukturen und Institutionen des Osmanischen Reiches blieb ein Wagnis, das Widerstand hervorrief. Einige der wichtigen Mitstreiter aus den Anfängen des Befreiungskrieges, darunter Kâzım Karabekir und Ali Fuad, trennten sich von der Volkspartei des Präsidenten und gründeten mit der Erlaubnis Mustafa Kemals im November 1924 die oppositionelle Fortschrittspartei. Diese machte sich u. a. den Respekt vor Gewissensfreiheit und religiösen Gefühlen zum Programm und gewann Unterstützung unter den Anhängern der Scharia. Zur ernsten Herausforderung der jungen Republik und ihres Präsidenten wurde diese Entwicklung, als es im Februar 1925 in Südostanatolien zu einem Aufstand von Kurden kam, deren geistiger Führer Scheich Said die Rückkehr zu Sultanat und Kalifat propagierte. Mit aller Härte und Brutalität wurde der Scheich-Said-Aufstand militärisch niedergeschlagen und dabei das Ziel verfolgt, die kurdische Opposition weitestmöglich auszulöschen. Im Juni erging ein Verbot der Fortschrittspartei; Notstandsgesetze, Pressezensur und Justizapparat wurden gegen Opponenten in Stellung gebracht. Ein 1926 in Izmir aufgedecktes Mordkomplott dreier Verschwörer gegen den Präsidenten wurde von Mustafa Kemal als Gelegenheit genutzt, mit den Häuptern der Opposition als vermeintlichen Drahtziehern des geplanten Anschlags im Rahmen eines Schauprozesses vor dem „Freiheitsgericht“ abzurechnen. Die Republik nahm Züge einer Diktatur an.

Seine gebieterische und rastlos vorwärts drängende Natur war dem Leitbild eines modernen republikanischen Staatswesens nach westlichem Orientierungsmuster verpflichtet. Schon in einer Tagebuchaufzeichnung vom 6. Juni 1918 hatte er das Grundmotiv aller späteren Reformschritte formuliert:

„Sollte ich eines Tages großen Einfluß oder Macht besitzen, halte ich es für das Beste, unsere Gesellschaft schlagartig – sofort und in kürzester Zeit – zu verändern. Denn im Gegensatz zu anderen glaube ich nicht, daß sich diese Veränderung erreichen läßt, indem die Ungebildeten nur schrittweise auf ein höheres Niveau geführt werden. Mein Innerstes sträubt sich gegen eine solche Auffassung. Aus welchem Grund sollte ich mich auf den niedrigeren Stand der allgemeinen Bevölkerung zurückbegeben, nachdem ich viele Jahre lang ausgebildet worden bin, Zivilisations- und Sozialgeschichte studiert und in allen Phasen meines Lebens Befriedigung durch Freiheit erfahren habe? Ich werde dafür sorgen, daß sie auch dahin kommen. Nicht ich darf mich ihnen, sondern sie müssen sich mir annähern.“[10]

Dieses Programm verwirklichte er Zug um Zug, nachdem er gesiegt und in der Funktion des Staatspräsidenten die erstrebte Schlüsselposition innehatte. Es war eine Vielzahl tiefer Veränderungen in Tradition und Gewohnheiten, die er seinen Landsleuten binnen weniger Jahre umzusetzen vorgab.

Auf die Abschaffung des Kalifats ließ er ein äußeres Zeichen prowestlicher Säkularisierung folgen, indem er den Hut als männliche Kopfbedeckung als Teil der „nationalen Tracht“ propagierte (Hutrevolution) anstelle des für das ganze Osmanische Reich bis dahin typischen Mischung aus Fes, Turban und Kalpak. Wer fernerhin in der Öffentlichkeit mit diesen orientalischen Kopfbedeckungen angetroffen wurde, riskierte eine Geld- oder Gefängnisstrafe. In den gleichen Zeitraum fällt das Verbot der religiösen Bruderschaften und Orden. In Ostanatolien erhob sich gegen diese Entwicklungen teilweise erbitterter Widerstand, der mit Verhängung des Ausnahmezustands, scharfen Polizeimaßnahmen und Verhaftungen beantwortet wurde. 1934 erfolgte eine zweite Kleiderreform, welche den Geistlichen das Tragen ihres Gewands nur in ihren Arbeitsbereichen (Moschee, Beerdigung) gestattete.

Eine Umwälzung gesellschaftlicher Strukturen bedeuteten die von Mustafa Kemal eingeleiteten Schritte zur Frauenemanzipation, die in einer Neuordnung des ehelichen Scheidungsrechts, in der rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau, in der Förderung einer höheren Schulbildung und im Universitätszugang auch für Mädchen und Frauen zum Ausdruck kam.

Wie bei seinem Reformwerk nahezu durchgängig, ist Mustafa Kemal auch hier mit eigenem Beispiel vorangegangen. Als der langjährige Junggeselle schließlich heiratete, war es Latife Uşşaki, eine selbstbewusste, von westlichen Einflüssen geprägte Frau, deren emanzipiertes Auftreten ihm imponierte. Die Trauung am 29. Januar 1923 fand ohne religiöse Zeremonie statt und wurde vom Bürgermeister von Izmir vollzogen, wobei Mustafa Kemal die Gelegenheit nutzte, zu verkünden, dass alle Eheschließungen in der Türkei künftig ebenfalls von Vertretern des Staates durchzuführen seien. In der Ehe wie in der Öffentlichkeit konnte Lâtife eigene Standpunkte vertreten und so zu einer Modernisierung des Frauenbilds in der Türkei beitragen. Dabei zeigte sich allerdings auch, dass Mustafa Kemal mit seinen Staatsgeschäften und nächtlichen Diskussionsrunden zu sehr befasst war, um der jungen Frau ein ihren Wünschen entsprechendes Eheleben zu bieten. Als ihre Kritik nach zweieinhalbjähriger Ehe das für ihn tolerierbare Maß überstieg, betrieb er die am 22. Juli 1925 erfolgte Trennung und am 12. August 1925 bekanntgegebene Scheidung durch ein Talakname.[12] In der Folge gelang es ihm mittels gezielter Förderung von ihm adoptierter Mädchen und junger Frauen im eigenen Einflussbereich, das Ziel der Frauenemanzipation erfolgreich zur Geltung zu bringen. Von grundlegender gesamtgesellschaftlicher Bedeutung war die Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts. Seit 1930 konnten Frauen an Kommunalwahlen teilnehmen, seit 1934 auch an den Parlamentswahlen.

Mustafa Kemal als oberster Lehrer der Türkei

Es ist charakteristisch für seine Arbeits- und Vorgehensweise, dass Mustafa Kemal die Reformvorstellungen, die er in groben Zügen bereits früh entwickelt hatte, einem Kreis ausgewählter Berater und Sachkundiger bei spätabendlichen Tischgesellschaften vorstellte, für die er jeweils eine spezielle Liste der Einzuladenden ausgab. Offene Kritik ertrug er schlecht und duldete sie kaum; aber ohne den Rat und die Ideen von Sachkennern gehört zu haben, machte er sich auch nicht an die politische Umsetzung seiner Projekte.

Ende 1925 wurde die islamische Jahreszählung nach der Hedschra durch die christliche Zeitrechnung abgelöst (zu Einzelheiten der Reform des Kalenders und der Jahreszählung siehe: Rumi-Kalender).[13] Zehn Jahre später trat dann der Sonntag als arbeitsfreier Tag an die Stelle des den Muslimen heiligen Freitags. Außerdem wurde das metrische System eingeführt. Die am Koranorientierte Rechtsprechung wurde durch das Schweizer Zivilrecht[13], welches mit nur unbedeutenden Anpassungen übernommen wurde, abgelöst. Die Rechtsübernahme schloss auch das moderne Erbrecht und Familienrecht des Zivilgesetzbuches ein. Daneben wurden das deutsche Handelsrecht und das italienische Strafrecht[13] übernommen.

Als Amtssprache wurde die osmanische Hochsprache der bisherigen Eliten, die stark von der höfischen Sprache Persisch und von der heiligen Sprache Arabisch beeinflusst war, in einem von Sprachwissenschaftlern begleiteten Prozess durch die türkische Volkssprache abgelöst. Bis 1928 wurde die osmanische Sprache nach islamischer Tradition in der arabischen Schrift notiert. Mustafa Kemal ließ diese durch das lateinische Alphabet ersetzen, das der vokalreichen türkischen Sprache besser entsprach. Außerdem ließ es sich mit deutlich weniger Zeitaufwand erlernen[14] und verstärkte die durch Mustafa Kemal angestrebte Westorientierung. Auch auf diesem Feld legte er persönlich Hand an, indem er, mit Tafel und Kreide umherreisend, Unterricht erteilte.

„Vater der Türken“

Heinrich Krippel bei der Erstellung der Reiterstatue für das „Onur Anıtı“ in Samsun

Am Ende des durchgreifenden Reformprozesses stand eine Änderung des Namensrechts, die zu einer effektiveren Verwaltung des Personenstandwesens führen sollte und wiederum an westliche Muster anknüpfte: Jeder Bürger der Türkei wurde zur Annahme eines Familiennamens verpflichtet. Mustafa Kemal erhielt von der Nationalversammlung mit dem Gesetz Nr. 2587 vom 24. November 1934 den Namenszusatz bzw. Nachnamen Atatürk (Vater der Türken), welcher mit dem Gesetz Nr. 2622 unter gesetzlichen Schutz gestellt wurde. Für einige Vertraute und Weggefährten suchte er selbst die künftigen ehrenden Nachnamen aus. So auch für Ismet Pascha, der wegen seiner Verdienste im Befreiungskrieg gegen die Griechen nach dem Ort seiner beiden großen Schlachtenerfolge den Nachnamen İnönü erhielt. İsmet İnönü hat als Ministerpräsident über viele Jahre Mustafa Kemal Atatürk von der alltäglichen Regierungsroutine entlastet und wurde nach dessen Tod sein Nachfolger als Staatspräsident. Mustafa Kemals Namenswahl und die Ehrenbezeugungen, die er auf sich vereinte (1926 wurde in Istanbul ein erstes Denkmalerrichtet, dem ungezählte weitere im ganzen Lande folgten, s. u.), entsprachen den zeittypischen Formen des Personenkults in autoritären Regimen. Dieser hat in der Folge eine bis heute fortwirkende integrierende Wirkung für das türkische Staatswesen entfaltet. Atatürk gelang es, als Freiheitskämpfer, Staatspräsident und „oberster Lehrer der Nation“ mit seiner Person das Vakuum zu füllen, das mit der Abschaffung von Sultanat und Kalifat sowie mit der Abkehr von herkömmlichem Brauchtum zum Zwecke der Modernisierung einherging. So hat er es zweifellos auch als seine Aufgabe angesehen, seinem nach der Kriegsniederlage in gänzlich neuem staatlichen Rahmen zu organisierenden Volk ein Selbstbewusstsein und eine Identität zu vermitteln, ohne die es womöglich keinen stabilen neuen Staatsverband hätte bilden können. Er ist dabei sehr weit gegangen. Nicht nur, indem er, in glorifizierender Absicht, die Wurzeln des Türkentums in Mittelasien bis auf Attila und Dschingis Khan zurückführte, sondern vor allem, indem er über die Türkische Geschichtsthese und die Sonnensprachtheorie die Lehrmeinung verbreiten ließ, die Türken seien das älteste Volk der Welt, von dem alle anderen Völker direkt oder indirekt abstammten.[17]

 

Außenpolitisches Wirken

Der jugoslawische König Alexander I. und Mustafa Kemal mit Zylinderhut.

Atatürks Nationalismus war nach innen gerichtet, bezog sich auf die Türkei und ihre Bevölkerung und beinhaltete nach außen keine aggressive Komponente. Er lehnte eine pantürkisch motivierte imperialistische Expansion im Gegensatz zu seinem früheren Rivalen Enver Pascha ab:

„Heute sind alle Nationen der Erde fast Verwandte geworden oder bemühen sich, es noch zu werden. Infolgedessen muss der Mensch nicht nur an die Existenz und das Glück derjenigen Nation denken, der er angehört, sondern auch an das Vorhandensein und Wohlbefinden aller Nationen der Welt … Wir wissen nicht, ob uns nicht ein Ereignis, das wir weit entfernt glauben, eines Tages erreicht. Aus diesem Grund muss man die gesamte Menschheit als einen Körper und eine Nation als sein Glied betrachten.“[23]

1932 trat die Türkei dem Völkerbund bei. 1936 wurde ihr durch das Abkommen von Montreux die im Vertrag von Lausanne noch vorenthaltene Souveränität über die Meerengen Bosporus und Dardanellen sowie die diesbezügliche Kontrolle der Schifffahrt zugestanden. Zu Griechenland konnte schon von 1930 an ein gutnachbarliches Verhältnis hergestellt werden, und beim Balkanpakt1934 in Athen war es vor allem Atatürks multilateralen Ausgleichsbemühungen zuzuschreiben, dass ein die Türkei, Griechenland, Jugoslawien und Rumänien zusammenführendes Vertragswerk geschlossen werden konnte. Im selben Jahr schlug der griechische Premierminister Venizelos – wenn auch erfolglos – Mustafa Kemal Atatürk für den Friedensnobelpreis vor.

Zu den faschistischen Diktatoren Mussolini und Hitler hielt Atatürk unmissverständlich Abstand und hieß eine Vielzahl zu Beginn der NS-Herrschaft ins türkische Exil flüchtender Wissenschaftler, Künstler und Architekten in der Türkei willkommen, die eine Mitwirkung der Exilanten bei der Modernisierung des Landes und beim Aufbau des türkischen Hochschulwesens gut gebrauchen konnte. Für manche von ihnen wurden die Universitäten von Ankara und Istanbul[24] zu neuen Wirkungsstätten. Unter denen, die in der Türkei eine Zuflucht fanden, waren der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin Ernst Reuter sowie die Architekten Clemens Holzmeister, der den Regierungsbezirk in Ankara entwarf, und Bruno Taut, der 1938 den Katafalk zur Trauerfeier für den verstorbenen Atatürk entwerfen sollte.

Ambivalent war das Verhältnis Atatürks zur benachbarten Großmacht Sowjetunion. Beide Staaten unterstützten sich gegenseitig in dem Bemühen, die internationale Isolierung durch die Siegermächte zu überwinden. Auch die von sowjetischer Seite dem jungen türkischen Staat in begrenztem Umfang gewährten Aufbauhilfen hat Mustafa Kemal gern entgegengenommen. Von der kommunistischen Ideologie und dem sowjetischen Gesellschaftsmodell jedoch distanzierte er sich deutlich.

Bereits beim Festakt zum zehnjährigen Jubiläum der Republik Türkei im Oktober 1933 sah Mustafa Kemal einen möglichen neuen Krieg in Europa voraus und legte sein Land für diesen Fall auf einen Kurs der Neutralität fest.[25] Dem amerikanischen General Douglas MacArthur, der zur Manöverbeobachtung Anfang der 1930er Jahre die Türkei aufsuchte, gab er folgende Prophezeiung, die allerdings erst 1951 veröffentlicht wurde, mit auf den Weg:

„Meiner Meinung nach wird das Schicksal Europas wie gestern auch morgen von der Haltung Deutschlands abhängig sein. Diese außergewöhnlich dynamische und disziplinierte Nation von 70 Millionen wird, sobald sie sich einer politischen Strömung hingibt, die ihre nationalen Begierden aufpeitscht, früher oder später den Vertrag von Versailles zu beseitigen suchen. Deutschland wird in kürzester Zeit eine Armee aufstellen können, die imstande sein wird, ganz Europa, mit Ausnahme von England und Russland, zu besetzen … der Krieg wird in den Jahren 1940/45 ausbrechen … Frankreich hat keine Möglichkeit mehr, eine starke Armee aufzustellen. England kann sich bei der Verteidigung seiner Insel nicht mehr auf Frankreich verlassen. Amerika wird in diesem Krieg genau wie im Ersten Weltkrieg nicht neutral bleiben können. Und Deutschland wird wegen des amerikanischen Kriegseintritts diesen Krieg verlieren…“[26]

Alexander Rüstow-Kessler, der von 1933-1946 in Istanbul tätig war, schrieb über seine Zeit in der Emigration: „Wir Deutsche und sicherlich Österreich haben Anlass uns dankbar daran zu erinnern, dass die Türkei in den dunkelsten Stunden unserer Geschichte nach 1933 vielen vom nationalsozialistischen Regime verfolgten Deutschen und Österreich durch Atatürk Zuflucht geboten hat, auch vielen Hochschullehrern. Sie folgten dem Ruf Kemal Atatürks, der die Bedeutung von Wissenschaft und freier akademischer Forschung für ein modernes Staatswesen erkannt hatte. Sie sind hier aufgenommen worden, forschten an den Universitäten von Ankara und Istanbul und leisteten so auch einen Beitrag zum Aufbau eines modernen Hochschulwesens in der Türkei. Ich werde dem edlen und ritterlichen türkischen Volk für diese Möglichkeit immer dankbar bleiben.“ An diesen Satz möchte ich heute im Namen aller Deutschen und Österreich erinnern.“

Mustafa Kemal Pascha, genannt Atatürk, ist allgegenwärtig in der Türkei. Sein Porträt hängt in Geschäften, Büros, Wohnzimmern, sein Gesicht ist auf T-Shirts gedruckt, auf Postkarten und Postern, seine Unterschrift findet man auf Souvenirs wie Taschenmessern und Schreibgeräten.

Atatürk ist der Republikgründer, der mit militärischem Geschick und politischem Ehrgeiz aus der Konkursmasse des Osmanischen Reichs 1923 die moderne Türkei formte. Er schaffte die arabische Schrift ab, trennte strikt zwischen Religion und Staat und suchte die Anbindung an den Westen.

Mustafa Kemal Atatürk ist Gründer der Republik Türkei und erster Staatspräsident. Sein Geburtsname ist Mustafa.

Die Beinamen erhielt er im Laufe seines Lebens. Mustafa Kemal Atatürk 1881 n.Chr. ist in Thessaloniki, das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte, als Kind von Ali Riza Efendi, und Zübeyde Hanim geboren. Von den fünf Geschwistern Atatürks starben vier bereits in ihrer Kindheit, nur Makbule Atadan lebte bis zum Jahre 1956. Sein eigenes Geburtsdatum steht nicht genau fest, so dass er dafür später den 19. Mai wählte, an dem er 1919 mit 38 Jahren in der anatolischen Küstenstadt Samsun landete, um die Kräfte für die Befreiung des Landes von Siegermächten und Sultanat zu sammeln. Das Geburtshaus in Thessaloniki liegt neben dem türkischen Generalkonsulat.

Ein Teil des Gebäudes ist der Öffentlichkeit zugänglich und zeigt eine umfangreiche Ausstellung über Mustafa Kemal Atatürk. Während seiner Schulausbildung verlor er 1888 seinen Vater. Eine Weile blieb er bei seinem Onkel auf dem Rapla Bauernhof, kehrte dann nach Saloniki zurück und beendete seine Schule. In 1893 trat er als zwölfjähriger in die Askeri Rüştiye (Militärschule) ein. In dieser Schule wurde durch seinen Mathematiklehrer Mustafa Bey seinem Namen „Kemal“ (Vollkommener) angehängt, da er seine Schulleistungen würdigen wollte.

Die Abschlussprüfung 1895 absolvierte er als Viertbester. Im Anschluss an diese Ausbildung begann er in Istanbul sein Studium auf der Harp Okulu (Wehrdienstschule) zum Offizier. In 1902 wurde er Leutnant und setzte seine schulische Laufbahn auf der Wehrdienstakademie fort bis zum Hauptmann. In den Jahren 1905-1907 stand er in Damaskus im Dienst der fünften Armee der Osmanen, stieg weiter in seiner Offizierslaufbahn auf und wurde nach Monastir in die dritte Armee versetzt. In Damaskus kam Atatürk in Kontakt mit einem jungtürkisch-oppositionell ausgerichteten Beteiligten an einem gescheiterten Attentat auf Sultan Abdülhamid II. Nach Verbüßung einer Gefängnisstrafe war jener nach Syrien in die Verbannung geschickt worden und betrieb nun einen Buchladen, u.a. mit verbotenen französischen Schriften. Mit ihm gründete Mustafa Kemal die revolutionäre Organisation „Vaterland und Freiheit“, für die er in Jerusalem, Jaffa und Beirut weitere Mitglieder anwarb. Ende 1906 gab ihm sein militärischer Vorgesetzter Rückendeckung für eine verdeckte Reise zurück nach Saloniki, wo er Zugang zu den führenden Köpfen der jungtürkischen Opposition suchte und eine Zweigstelle seiner Organisation gründete. Der Gefahr, dort als Deserteur entdeckt zu werden, entkam er durch rechtzeitige Rückreise nach Syrien. Am 19. April 1909 nahm er in der in Istanbul einmarschierenden Armee der Befreiungsbewegung die Stellung als Generalstabchef ein. Im Jahre 1910 wurde er nach Frankreich geschickt, wo er an den Picardie-Manövern teilnahm und Französisch sowie westliche Lebensart lernte. In 1911 nahm Mustafa Kemal gemeinsam mit einer Gruppe von Freunden im Gebiet von Tobruk und Derne gegen Italien teil. Durch den Sieg am 22.12.1911 erhielt er im Anschluss den Titel des Kommandeurs von Derne. Als im Oktober 1912 der Balkankrieg ausbrach, beteiligte sich Mustafa Kemal mit den Truppen in Gallipoli und Bolayır am Krieg. Bei der Rückeroberung von Dimetoka und Edirne hat er große Dienste geleistet. Im Jahre 1913 wurde er zum Militärattache von Sofia ernannt und wurde er im Jahre 1914 zum Oberstleutnant ernannt. Seinen Dienst als Militärattache beendete er im Januar 1915. In der Zwischenzeit brach der I. Weltkrieg aus und das osmanische Reich brach zusammen.

Mustafa Kemal wurde mit der Gründung der 19. Division in Tekirdağ beauftragt. Zum größten Ruhm gelang Mustafa Kemal in Çanakkale, da es ihm in schweren und verlustreichen Kämpfen gelang die Meerenge „unpassierbar“ zu gestalten. Aber auch die englischen und französischen Flotten mussten am 18. März 1915 bei der Passierung der Dardanellen schwere Verluste hinnehmen, worauf entschlossen wurde, auf der Halbinsel Gallipoli Truppenlandungen vorzunehmen. Die am 25. April 1915 Arıburnu (Schlachtort auf Gallipoli) erreichenden Besatzungstruppen wurden durch die 19. Division unter dem Kommando Mustafa Kemals bei Conkbayırı aufgehalten. Aufgrund dieses Erfolges Mustafa Kemals wurde er zum Oberst ernannt. Die Engländer setzten am 6.-7. August 1915 abermals bei Arıburnu zum Angriff an. Der Kommandant der Anafartalar Gruppe (Anafartalar = Orte auf der Halbinsel Gallipoli) Mustafa Kemal erzielte am 9.-10. August den Sieg bei Anafartalar. Diesem Sieg folgte am 17. August der Sieg bei Kireçtepe und am 21. August der zweite Sieg bei Anafartalar. Der Widerstand musste mit 253.000 Soldaten bezahlt werden. Mustafa Kemal nahm nach Çanakkale 1916 bei den Kriegen in Edirne und Diyarbakır teil. Am 1.4.1916 stieg er zum Generalmajor auf. Nach Kämpfen mit russischen Truppen, konnte er die Rückeroberung von Muş und Bitlis erreichen.

Nach seinen kurzen Einsätzen in Damaskus und Aleppo kehrte er im Jahre 1917 wieder nach Istanbul zurück. Gemeinsam mit Kronprinz Vahidettin Efendi reiste er nach Deutschland, wo er eine genaue Analyse der Front vornahm. Nach dieser Reise erkrankte er und wurde in Wien als auch in Karlsbad behandelt. Am 15. August 1918 kehrte er als Kommandant der VII. Armee nach Aleppo zurück. An dieser Front führte er erfolgreiche Abwehrkämpfe gegen die englischen Streitkräfte. Am 31. Oktober 1918, einen Tag nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Mudros, wurde er zum Kommandanten der schnellen Eingreifstruppen ernannt. Als diese Armee aufgelöst wurde, kehrte er am 13. November 1918 nach Istanbul zurück und wurde im Harbiye Nezâreti (Kriegsministerium) beauftragt. Als die Entente Staaten nach dem Waffenstillstand von Mudros begannen, die osmanischen Armeen zu vereinnahmen, ging Mustafa Kemal am 19. Mai 1919 als Inspektor der 9. Armee nach Samsun. Mit dem in Amasya veröffentlichten Rundschreiben „Die Unabhängigkeit des Volkes wird durch die Entschlossenheit und Entscheidung des Volkes wieder gewonnen“ hat er am 22. Juni 1919 den Sivas-Kongress einberufen. In den am 23. Juli bis zum 7. August 1919 in Erzurum und am 4.-11. September 1919 in Sivas stattfindenden Kongressen wurden die Strategien zur Befreiung der Heimat festgelegt. Es gibt Kontroversen unter Historikern, in wie weit der dabei vorgestellte türkische Nationalismus eine Reaktion auf den von Briten geschürten anti-osmanischen arabischen Nationalismus war. Am 27. Dezember 1919 wurde Mustafa Kemal in Ankara mit großer Begeisterung empfangen. Am 23. April 1920 wurde durch die Eröffnung der Großen Türkischen Nationalversammlung ein wichtiger Schritt Richtung Gründung der Türkischen Republik unternommen. Mustafa Kemal wurde zum Vorsitzenden der Nationalversammlung und der Regierung gewählt.

Die Grosse Türkische Nationalversammlung akzeptierte die Gesetze, die zur erfolgreichen Durchführung des Befreiungskrieges notwendig waren, und begann umgehend mit deren Umsetzung. Der Türkische Befreiungskrieg begann am 15. Mai 1919 zur Befreiung von Izmir von der durch Briten unterstützten griechischen Besatzung, was mit der Befreiung Izmirs endete. Am 20. September 1920 folgten die Befreiung von Sarıkamış, Kars (30. Oktober 1920) und Gümrü (7. November 1920) und Sieg von Sakarya (13. September 1921). Im Anschluss ernannte die Grosse Türkische Nationalversammlung am 19. September 1921 Mustafa Kemal zum Generalfeldmarschalls mit dem Ehrentitel „Gazi“. Der Befreiungskrieg wurde am 24. Juli 1923 mit der Unterzeichnung des Vertrages von Lausanne abgeschlossen. Das im Vertrag von Sevres in viele kleine Enklaven zergliederte Land wurde wieder zusammengeführt. Am 23. April 1920 wurde in Ankara mit der Eröffnung der Grossen Türkischen Nationalversammlung die Gründung der Türkischen Republik bekannt gegeben. Am 1. November 1922 wurde das Amt des Kalifen und das Sultanat voneinander getrennt, das Sultanat abgeschafft. Somit wurden die Verbindungen mit dem Osmanischen Reich auf der Verwaltungsebene abgebrochen. Am 13. Oktober 1923 wurde die Republik akzeptiert, Atatürk wurde einstimmig zum Staatspräsidenten gewählt.

Am 3. März 1924 wurde auch das Kalifat durch Atatürk abgeschafft. Zu den Umgestaltungen des Rechts- Und Gesellschaftssystems gehörte die Abschaffung des islamischen Rechts [scharia], das aber ohnehin nur noch in einer pervertierten Form in den Resten des Osmanischen Reichs den Menschen keinen Schutz bieten konnte. Auch die daran gekoppelten Symbole wurden verboten, u.a. in den Hut- und Bekleidungsneuordnungen (25. November 1925). Das Tragen von Turbanen in der Öffentlichkeit wurde unter Strafandrohung verboten. Am 21. Juni 1934 folgte die Einführung des Familiennamens nach westlichem Vorbild. Am 30. November 1925 wurden die Derwischklöster und Heiligengrabmäler geschlossen. Am 26. November 1934 wurden Beinamen und frühere Titel abgeschafft. Ende 1925 wurde die islamische Zeitrechnung durch den Gregorianischen Kalender mit der Zählung ab Christi Geburt ersetzt. 1935 trat dann der Sonntag als arbeitsfreier Tag an die Stelle des den Muslimen heiligen Freitags. Bis 1931 wurden alle internationalen Maßeinheiten wie z.B. das Metermaß eingeführt. 1929/30 ereignete sich die Geschichte um die Bewegte Villa (Yürüyen Köşk). Als wichtigsten „Reformansatz“ Atatürks wird immer die Einführung der laizistischen Rechtsordnung durch die Herausgabe der Türkischen Zivilgesetze und anderer Gesetze angegeben (1924-1937).  Insbesondere die Trennung von Staat und Religion in Form des Laizismus wird ihm zugeschrieben. Allerdings liegt hierbei oft eine verklärte Betrachtungsweise des Osmanischen Reichs vor, da bereits zuvor der Scheichülislam eine Instanz war, welche die oberste religiöse Autorität stellte, während der Kalif und Sultan der Erbmonarchie die weltliche Macht beanspruchte. Nach der Einführung des Familiennamengesetzes wurde am 24. November 1934 an Mustafa Kemal von der Grossen Türkischen Nationalversammlung (der Familienname „ATATÜRK“ (Stammvater der Türken) verliehen.

Atatürk wurde am 24. April 1920 sowie am 13. August 1923 zum Vorsitzenden der TBMM gewählt. Das TBMM hat Atatürk in den Jahren 1927, 1931 und 1935 wiederum zum Staatspräsidenten gewählt. Am 29. Januar 1923 heiratete Atatürk Latife Hanım (Foto links). Die Trauung fand ohne religiöse Zeremonie statt und wurde vollzogen vom Bürgermeister von Izmir, wobei Atatürk die Gelegenheit nutzte zu verkünden, dass alle künftigen Eheschließungen in der Türkei ebenfalls von Vertretern des Staates durchzuführen seien. Die Ehe dauerte bis zum 5. August 1925 und wurde nach einer Auseinandersetzung, dessen Hintergründe nie veröffentlicht wurden, geschieden. Atatürk adoptierte die Mädchen Afet Inan, Sabiha Göktschen, Fikriye, Ülkü, Nebile, Rukiye, Zehra und den Hirtenjungen Mustafa. Die Jungen Abdurrahim und Ihsan wurden unter seine Obhut genommen.

Zur ernsten Herausforderung der jungen Republik und ihres Präsidenten wurde im gleichen Jahr eine Entwicklung, als im Februar 1925 in Südostanatolien ein Aufstand der Kurden ausbrach, dessen geistiger Führer, Scheich Said, die Rückkehr zu Sultanat und Kalifat propagierte. Der Aufstand wurde militärisch besiegt und Scheich Said hingerichtet. Im Gleichen Jahr gab es zudem Widerstand gegen die Hutrevolution. Zwischen dem 15. und 20. Oktober 1927 hielt er in dem Gebäude des ersten Parlaments, das heute Museum der Republikzeit ist, seine berühmte Marathonrede, die als Nutuk bekannt geworden ist. 1928 folgte die Buchstabenrevolution. Gekoppelt an die Reformen Atatürks wurde das Bildungs- und Kulturwesen umgestaltet. Am 1.11.1928 wurden die neuen türkischen Buchstaben auf Basis der Lateinischen eingeführt. Dieser Bruch mit der osmanischen Zeit führte dazu, dass die meisten Türken den Heiligen Qur’an nicht mehr in der Originalschrift lesen konnten. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass zum Ende des Osmanischen Reichs die Analphabetenrate ohnehin sehr hoch war. Die Inhalte des Heiligen Qur’an waren nur sehr wenigen Geistlichen [ulama] bekannt. Atatürk ließ den Heiligen Qur’an ins Türkische übertragen und las im Dolmabahtsche-Palast (Dolmabahçe Sarayı) als erster aus der Übersetzung vor. Zuvor gab es nur eine Übersetzung von den Nichtmuslimen Zeki Megamiz und Mihran Efendi. Atatürks Idee jedoch, dass in den Moscheen statt auf Arabisch nur noch auf Türkisch gebetet werden sollte, erwies sich als undurchführbar und wurde zurückgenommen. Von grundlegender gesellschaftlicher Bedeutung war die Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts. Seit 1930 konnten Frauen an Kommunalwahlen teilnehmen, seit 1934 auch an den Parlamentswahlen. Im Jahre 1937 vermachte Atatürk seine Bauernhöfe der Schatzkammer sowie einen Teil seiner Grundbesitze an die Stadtverwaltungen von Ankara und Bursa.

In seinem Erbe wurden seine Schwester, seine Adoptivkinder sowie das Institut für Türkische Sprache und Geschichte bedacht. Zu den Diktatoren Mussolini und Hitler hielt Atatürk unmissverständlich Abstand und hieß eine Vielzahl zu Beginn der NS-Herrschaft ins Exil flüchtender Wissenschaftler, Künstler und Architekten in der Türkei willkommen, die bei der Modernisierung des Landes und beim Aufbau des türkischen Hochschulwesens mithalfen. Für manche von ihnen wurden die Universitäten von Ankara und Istanbul zu neuen Wirkungsstätten. Unter denen, die in der Türkei eine Zuflucht fanden, waren z.B. der spätere Berliner Regierende Bürgermeister Ernst Reuter und der Architekt Bruno Taut, der 1938 den Katafalk zur Trauerfeier für den verstorbenen Atatürk entwerfen sollte. Biographen bescheinigen ihm zudem eine Zuneigung zu seinem Pferd Sakarya und seinem Hund Fox. In seinem Privatleben genoss er auch Alkohol, was zwar allgemein bekannt war aber aufgrund der islamischen Gebote dazu nie thematisiert wurde zu seinen Lebzeiten. Er starb am 10. November 1938, um 9.05 Uhr im Dolmabahtsche-Palast an einer Leberzirrhose, die nicht mehr geheilt werden konnte. Sein Leichnam wurde gegen alle Traditionen des Islam aufgebahrt. Erst neu Tage nach seinem Ableben soll im Dolmabahtsche-Palast (Dolmabahçe Sarayı) auf Drängen einer Verwandten ein Ritualgebet für Verstorbene durchgeführt, wobei umstritten ist, ob die religiösen Riten eingehalten wurden. Atatürk wurde nach Ankara überführt und am 21. November 1938 vorübergehend im Ethnographische Museum Adana in Alkohol zeremoniell bestattet. Nach dem Bau des Anıtkabir (Gedenkgrabstätte) wurde er am 10. November 1953 mit einer Zeremonie umgebettet.

Manche Aussagen, die Atatürk nach seinem Ableben zugeschrieben wurden, darunter Schmähaussagen, die Atatürk angeblich gegen Prophet Muhammad (s.) geäußert haben soll, wurden ihm von einigen westlichen Orientalisten zugeschrieben, finden sich aber nicht in originalen türkischen Quellen, so dass ihr Wahrheitsgehalt umstritten ist. Unbestritten hingegen ist seine besondere nationalistisch orientierte Denkweise, die so weit ging, dass er die Wurzeln des Türkentums in Mittelasien bis auf Attila und Dschingis Khan in glorifizierender Art zurückgeführte und die Lehrmeinung verbreiten ließ, die Türken seien eines der ältesten Völker der Welt, von dem viele der anderen Völker direkt oder indirekt abstammten; eine Lehrmeinung, die heute noch in der Türkei vorhanden ist. Außenpolitisch hatten insbesondere seine Befreiungskämpfe Wirkung. So verehrte ihn 1944 Indiens späterer Ministerpräsident Dschawaharlal Nehru als Vorkämpfer der Unabhängigkeit von den Kolonialmächten. Das Gedenken an Mustafa Kemal Atatürk ist in der Türkei sehr stark ausgeprägt. Im Dolmabahtsche-Palast (Dolmabahçe Sarayı) in Istanbul starb Mustafa Kemal am 10. November 1938.

Die Uhren im ganzen Palast stehen entsprechend alter Sitte auf seiner Todesstunde. Zum Todestag Mustafa Kemals wird in der Türkei eine Trauerminute eingelegt, zu der landesweit Sirenen erklingen. Sein Abbild findet sich auf sämtlichen Münzen und Geldscheinen der türkischen Währung. In vielen türkischen Städten stehen mehrere Atatürk-Statuen auf öffentlichen Plätzen und Parks. Daneben befinden sich in fast allen öffentlichen Gebäuden Büsten von Atatürk und einige Einrichtungen tragen seinen Namen: der Atatürk-Staudamm, der Internationale Flughafen Istanbuls (Atatürk Havalimanı) und das Istanbuler Atatürk Olimpiyat Stadı. Als erstes Denkmal Atatürks gilt eine Arbeit des österreichischen Bildhauer Heinrich Krippel auf der Saray-Spitze in Istanbul, welches 1925 entstand. Die Büste wurde zahllose Male reproduziert und findet sich überall im Land. Im Güvenpark in Ankara steht das „Denkmal des Vertrauens“. Es wurde 1935 nach den Entwürfen der österreichischen Bildhauer Clemens Holzmeister, Anton Hanak und Josef Thorak errichtet und trägt als Inschrift ein Zitat von Atatürk: „Türke, rühme dich, arbeite und vertraue. (Türk, öğün, calış, güven.).“ Das „Siegesdenkmal“ Atatürks des italienischen Bildhauers Pietro Canonica von 1927 auf dem Sieges-Platz in Ankara zeigt ihn in Uniform. Das „Republik-Denkmal“ (1927) des österreichischen Bildhauers Heinrich Krippel auf dem Ulus-Platz in Ankara zeigt Atatürk auf einem Pferd und soll den türkischen Freiheitskampf symbolisieren. Anhänger der laizistischen Ideologie Atatürks werden oft als „Kemalisten“ bezeichnet. Sie finden sich traditionell vor allem in der türkischen Armee, die sich als Hüter des „kemalistischen Erbes“ versteht.

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09 11 2018
By: TKG 0

TKG: GEDENKEN AN NOVEMBERPOGROME – „TÜRKISCHER TEMPEL“

Der Novemberpogrom bildete den Höhepunkt der anti-jüdischen Politik des nationalsozialistischen Regimes im Jahr 1938 und insbesondere am 9.-10. November. Die Systematik, mit der innerhalb einer einzigen Nacht die Synagogen im gesamten Reichsgebiet in Brand gesteckt wurden. Eine davon war der „Türkische Tempel“ – die Wiener türkisch-israelitische Gemeinde und Synagoge – in der Zirkusgasse 22 in 1020 Wien.“


In Österreich wurden, in der Nacht auf den 10. November 1938, 30 Juden getötet, 7.800 verhaftet und aus Wien rund 4.000 sofort ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Der Begriff „Pogrom“ kommt aus dem Russischen und bedeutet „Verwüstung“ und „Unwetter“. Die NS-Propaganda versuchte, die Aktion als spontane Antwort der Bevölkerung auf den Tod des deutschen Diplomaten Ernst von Rath, auszugeben. Dieser war am 7. November 1938 in Paris von einem 17-jährigen Juden, namens Herschel Grynszpan, niedergeschossen worden und starb später. (1)

Im ausgehenden 19. Jahrhundert erfuhr Wien infolge des stetigen Wachstums der jüdischen Bevölkerung und deren rechtlicher Gleichstellung, die es ihr erlaubte, auch nach außen hin sichtbare Gebetsstätten zu errichten, eine bis dahin nie erlebte Blüte im Synagogenbau. Unter den zahlreichen neu errichteten Gebetshäusern zählte der Tempel der türkisch-sephardischen Gemeinde zu den prachtvollsten überhaupt. Der Bau, der in den Jahren 1885-1887 im 2. Bezirk in der Zirkusgasse 22 errichtet worden war, wurde sogar über die österreichische Grenze hinaus als einer der schönsten Mitteleuropas angesehen und diente auch als Vorbild für auswärtige jüdische Kultstätten, unter anderem für die Synagoge in Sofia. (2)


von Naim Güleryüz

Deutsche Bearbeitung von Birol Kilic

Am 16. November 1885, bei den Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung einer neuen Synagoge in Wien 2., Zirkusgasse 22, wurden die eingeladenen Gäste vom Vorsitzenden der Wiener sefardischen Juden, Marcos Russo, mit folgenden Worten begrüßt: „Während der Regentschaft seiner Majestät Franz-Josef als Kaiser von Österreich und seiner Majestät Abdülhamid II. als Sultan des Osmanischen Reiches, der Dienstzeit von Sadullah Pascha als Botschafter des Osmanischen Reiches in Wien und Marcos Russo als Vorsitzender der türkisch-israelitischen Gemeinde, wurde mit dem Bau dieses Gebäudes angefangen, um die religiösen Bedürfnisse der sefardischen Juden zu befriedigen.“

Während der offiziellen Eröffnungszeremonie der Synagoge, deren Tor von nebeneinander gehissten österreichischen und osmanischen Fahnen geschmückt war, am 17. September 1887 um 19 Uhr, folgte auf sefardisch-spanische Gebete das Anoten-Gebet für Franz-Josef und Abdülhamid II. und die Nationalhymnen der beiden Länder.

Diese Synagoge, in deren Mittelhalle die lebensgroßen Portraits beider Herrscher hingen, wurde durch die Schönheit ihrer unverfälscht, modernisierten, traditionellen, östlich-spanischen Musik und die ausgezeichneten Gottesdienste auch unter den Aschkenasim beliebt. Nach der Gründung der Türkischen Republik wurden die Herrscherportraits entfernt und durch große Spiegel ersetzt.

In dieser Synagoge, die vom Architekten Ritter von Weidenfeld nach dem Vorbild des Alhambra-Palastes in Granada im Maghreb-Stil erbaut wurde, welche 314 Sitzplätze für Männer (bei Bedarf bis 594 ausbaubar), 100 Sitzplätze für Frauen und etwa 500 Stehplätze bot, wurde jedes Jahr der Geburtstag von Abdü lhamid II. mit einer besonderen Zeremonie gefeiert. Die österreichische Regierung wurde von einem leitenden Beamten des Außenministeriums und einem hochrangigen General des Kriegsministeriums vertreten; der osmanische Botschafter und das Botschaftspersonal nahmen in Galauniformen an der sog. Sultanfeier teil.

Während des Ersten Weltkrieges wehten nach wie vor österreichische und osmanische Fahnen, zu jedem feierlichen Anlass, zusammen am Tor der Synagoge, da die beiden Länder im Krieg auf der gleichen Seite kämpften.

In Folge der neuen nationalistischen Bewegung um 1925 fingen die Sefarden an, Wien zu verlassen. Die letzte prunkvolle Zeremonie in der Synagoge, an die man sich erinnert, war die Gedenkfeier zum 800. Geburtstag des großen Denkers Maimonides.

In der Kristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 teilte die Wiener sefardische Synagoge das Schicksal aller anderen deutschen und österreichischen Synagogen: sie wurde von den Nazis zerstört und in Brand gesteckt.

Woher kam nun dieses Interesse an den Osmanen, deren Sultan, Fahne und Nationalhymne in Wien, in der Stadt, die die Osmanen zwar unter Süleyman dem Prächtigen (1529) und mit Kara Mustafa Pascha (1683) zweimal belagert, aber nie regiert und vor deren Toren sie kehrt gemacht hatten? Gehen wir jetzt zu den Anfängen unserer Geschichte, in das Spanien des 18. Jahrhunderts zurück, wo noch die Inquisition herrschte.

Mosche Lopez Pereira

Laut Überlieferung wird zu dieser Zeit in Madrid ein Junge namens Mosche Lopez Pereira seiner Familie weggenommen, auf den Namen Diego dÂ’Aguilar getauft und als Priester erzogen. Diego macht schnelle Fortschritte in seiner Erziehung, wird zum leidenschaftlichen Befürworter der Inquisition und wird sogar zum Bischof ernannt. Mosche LopezÂ’s Mutter und Schwester sind Maranos und üben ihr Judentum heimlich aus. Seine Schwester wird denunziert, festgenommen und zur Verbrennung am Scheiterhaufen (Autodafé) verurteilt. Am Tag vor der Vollstreckung des Urteils besucht die traurige und hoffnungslose Mutter den Bischof Diego dÂ’Aguilar in seinem Palast und fleht um die Begnadigung ihrer Tochter, doch der Bischof lehnt diese Bitte ab. Die verzweifelte Mutter erzählt daraufhin die Wahrheit, erklärt ihm, dass sie seine Mutter und die Verurteilte seine Schwester sind, er in Wirklichkeit Mosche Lopez heißt.

Dieser Name erweckt viele Kindheitserinnerungen beim jungen Bischof. Er fängt zu weinen an, läuft aus seinem Palast hinaus, aber er kommt aber zu spät: seine Schwester ist auf dem Scheiterhaufen auf schreckliche Art und Weise gestorben. Diego, oder Mosche, zieht sein Bischofsgewand aus und wirft es weg. In diesem Land kann er nicht mehr bleiben und flieht nach Österreich, wo Maria Theresia regiert. Einst besuchte die Königin, damals noch Erzherzogin, mit ihrem Vater Karl VI. Madrid und schenkte dem Bischof als Dank eine Goldkette nach einem Empfang zu ihren Ehren. Die Kaiserin gewährt Mosche und einigen anderen Juden, die mit ihm fliehen konnten, Asyl und erlaubt ihnen, in Österreich zu bleiben und ihre Religion frei ausüben zu können.

Diese Darstellung basiert auf einer Erzählung von Graf von Hoyos, die von Dr. Angel Pulido Fernandez und Rabbi Dr. Manfred Papo überliefert wurde und unterscheidet sich von der Darstellung in Encyclopedia Judaica und in den geschichtlichen Untersuchungen. Laut Encyclopedia Judaica kommt Mosche Lopez Pereira im Jahre 1699 als Sohn eines Marano-Bankiers in Portugal auf die Welt. Der Vater ist im Besitz des portugiesischen Tabak-Monopols. Angesichts der Schwierigkeiten, als Marano in Portugal zu leben, immigriert Diego 1722 zuerst nach London und dann nach Wien. Nachdem er sich durch wessen Hilfe auch immer in Wien niedergelassen hat, tritt er aus der Kirche aus, kehrt zum Judentum zurück und nimmt wieder seinen ursprünglichen Namen Mosche (Moses) Lopez Pereira an.

Mosche Lopez besitzt das österreichische Tabakmonopol zwischen den Jahren 1723-1739 für 7 Millionen Gulden im Jahr, organisiert das Unternehmen neu und bekommt 1726 den Titel eines Barons verliehen. In dieser Zeit beteiligt er sich an den Baukosten des Schlosses Schönbrunn mit 300.000 Gulden. Mit dem Titel „Hofjude“ zum privaten Berater des Palastes ernannt, verwendet er seinen Einfluss für den Schutz der Leben und Rechte seiner Glaubensgenossen in Österreich und anderen Ländern, so z.B. 1742 in Mähren, 1744 in Prag, 1752 in Mantua und Belgrad. Auf einer silbernen Thora-Krone in der Wiener Synagoge (Sifrei-Torah-Pergamentrollen) befand sich der hebräische Eintrag „Mosche Lopez Pereira-5498“ (=1737-1738) und jedes Jahr am Jom Kippur-Fest wurde für ihn als den Gründer der Gemeinde gebetet, bis die Synagoge zerstört wurde.

In dieser Zeit siedelten sich andere spanisch-stämmige Familien wie Kamondo, Nisan und Eskenazi in Wien an. Mosche Lopez, seine Frau, Samuel Oppenheimer und sein Neffe Samson Wertheimer organisierten die sefardischen Juden in der Stadt und gründeten 1736 die erste sefardische Gemeinde in Wien. Die sefardischen Juden, mehrheitlich osmanischen Ursprungs, genossen die Klausel des Passarowitzer Vertrages (21. Juli 1718), die den osmanischen Bürgern Niederlassungs- und Handelsfreiheit garantierte und lebten in Frieden unter meist besseren Umständen als die österreichischen Juden. Die Gottesdienste wurden im Haus Nr. 307 innerhalb des Rings abgehalten, welches als Synagoge benutzt wurde.

Leider dauert dieser friedliche Zustand nicht lange. Mosche Lopez Pereira erfährt 1742, dass das Kaiserreich unter dem Einfluss der fanatischen Kirche die Juden deportieren will. Pereira berichtet die Lage über seine im Osmanischen Reich ansässigen Glaubensgenossen, speziell durch die Vermittlung des Obergeldwechslers Yuda Baruh, an Sultan Mahmud I. und es gelingt ihm, die Unterstützung des Sultans zu bekommen. Die Königin Maria Theresia kann es sich nicht erlauben, das durch einen Sonderbotschafter übermittelte Memorandum des Sultans abzulehnen und zieht ihren Erlass zurück.

Sefardische Familien in Wien

Um 1750 lebten mehrere sefardische Familien in Wien, die aus beruflichen Gründen aus der Türkei gekommen und sich hier niedergelassen hatten. Diese Juden, die ihre osmanische Zugehörigkeit immer beibehalten hatten und unter dem Schutz des Sultans standen, lebten mehrheitlich in Wien, zum Teil auch in Temesvar. Sie wurden türkische Juden genannt. Dieser Begriff wurde von österreichischen Ämtern angenommen, registriert und in offiziellen Dokumenten verwendet. Im Erlass vom 17. Juni 1778, der aus 14 Artikeln besteht und die Statuten der sefardischen Gemeinschaft bestimmt, ist von „türkisch-israelitischer Gemeinde“ die Rede. Die Vorsitzenden waren zu dieser Zeit Salamon Kapon und Israel B. Haim.

Bis 1840 errichteten die türkischen Juden ihre Gebetsräume in gemieteten Häusern. Nach dem unaufgeklärten Brand der Synagoge in der Oberen Donaustraße, 1824, wurde das Haus Nr. 321 in der Leopoldstrasse gemietet. Die Synagoge wurde 1848 erweitert und 1868 vollkommen neu erbaut und dennoch konnte sie den religiösen Bedürfnissen der immer größer werdenden osmanisch-jüdischen Bevölkerung der Stadt nicht genügen. Nach der Wahl von Marcos Russo zum Vorsitzenden der türkisch-israelitischen Gemeinde 1881 und seiner Wiederwahl 1885 wurde der Abriss der alten Synagoge und der Neubau eines größeren Gebetshauses einstimmig angenommen.

Erinnerungen der türkischen Juden in Wien

Dies ist also ist die kurze Zusammenfassung der interessanten Geschichte der türkischen Juden in Wien und der Synagoge, deren Bau am 16. November 1885 mit der Grundsteinlegung begonnen wurde. Einige wenige religions-rituelle Objekte der 1887 eröffneten und 1938 vernichteten Synagoge sind heute im Jüdischen Museum in Wien zu sehen, der Parochet wird im jüdischen im Museum in Jerusalem ausgestellt. Nur wenige Juden, die während der Nazi-Herrschaft festgenommen und nach Dachau transportiert wurden, blieben am Leben. Die wertvollsten Überbleibsel aus der prunkvollen Ära der Wiener türkisch-jüdischen Sefardim sind die Grabsteine im sefardischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs. Die heute in Wien lebenden sefardischen Juden haben ihre Wurzeln in Taschkent und Buchara und stehen in keinem Zusammenhang mit den osmanisch-türkischen sefardischen Juden.

Der große Brand von Edirne vernichtete im August 1905 in einer Nacht 13 Synagogen. Als Ersatz wurde mit dem Erlass vom 6. Jänner 1906 der Bau, der großen Synagoge im Gebiet der ehemaligen Mayor und Polya-Synagogen, stattgegeben. Die große Synagoge wurde vom französischen Architekten France Depre nach dem Vorbild der Wiener Synagoge erbaut und unter dem Namen Kal Kadosch Ha Gadol (Die heilige große Synagoge) im Jahre 1907 eröffnet. Leider leben in Edirne keine Juden mehr und die Synagoge, ihrem Schicksal überlassen, verfällt von Tag zu Tag trotz aller 1979 begonnenen zeitweiligen Rettungsversuche des Kultusministeriums, der Abgeordneten der Provinz, der Universität von Trakya und des Oberrabbinats der Türkei.

Die Große Synagoge von Edirne (türkisch Edirne Büyük Sinagoğu) welche zugleich die drittgrößte Synagoge Europas ist, wurde, von der türkischen Seite ausgehend, restauriert und am 26. März 2005 wiedereröffnet. (3)

Bibliographie

  1. Sefardische Juden: Juden, die gemäß dem Erlaß vom 31. März 1492 des spanischen Königs Ferdinand und der Königin Isabella Spanien verlassen mussten, um ihren Glauben und ihre Traditionen nicht aufzugeben und mehrheitlich im Osmanischen Reich Asylrecht bekamen.
  2. Anoten: Gebet für das Wohlergehen und Verbleib des Staatsoberhauptes des Landes, in dem man lebt.
  3. Aschkenasische Juden: Meist in Mittel- und Nordeuropa ansässige, polnisch- und deutschstämmige, nach Arthur Koestlers unbewiesener These zum Teil von kaspischen Türken abstammende Juden. Ab dem 12. Jh. flüchteten unzählige aschkenasische Juden immer wieder ins Osmanische Reich auf der Suche nach Schutz vor der Unterdrückung Folter und Massenvernichtung in diversen christlich-europäischen Ländern. Heute leben etwa 1000 aschkenasisch-türkische Juden in der Türkei.
  4. Kristallnacht: Die Nacht vom 9.auf den 10. November 1938, in der in Deutschland und Österreich hunderte von Synagogen zerstört und in Brand gesteckt wurden.
  5. Maranos: Juden, die während der Inquisiton offiziell dem Christentum beigetreten waren, aber ihren jüdischen Glauben heimlich beibehielten.
  6. Manfred Papo: 1919-1925 der stellvertretende Rabbiner der Wiener Synagoge, 1925-1928 Rabbiner der Salzburger Synagoge, nach 1928 in der Wiener Synagoge beschäftigt.
  7. Schriftrollen aus Pergament, auf der die fünf Bücher Mose in hebräischen Buchstaben von Hand aufgeschrieben sind. In jeder Synagoge werden sie in einem speziellen Schrein, dem Aron Kodesh (Heilige Lade) an der Ostwand in Richtung Jerusalem aufbewahrt.
  8. Das Fest des großen Fastens im Judentum.
  9. Abraham Salomon Kamondo, der von Kaiser Franz-Josef zum Ritter geschlagen und zum Ehrenbürger von Wien ernannt wurde, bekam 1865 die italienische Staatsbürgerschaft, nachdem im österreichisch-italienischen Krieg Venedig an die Italiener abgetreten werden musste und am 17. März 1861 die italienische Einheit gegründet wurde. Victor Emmanuel II. verlieh ihm am 28. April 1867 den Titel eines Grafen, der an den ältesten Sohn der Familie vererbt werden durfte.
  10. Parochet: der bestickte Vorhang des Thoraschrankes.
  11. Die vernichteten Synagogen: Polya, Tolya, Italya, Sicilya, Katalonya, Büyük Portokal, Küçük Portokal, Aragon, Geruş, Budin, Istanbul, Mayor und Ataman.
  12. (1) https://www.ikg-wien.at/gedenken-an-novemberpogrome/
  13. (2) Vorhalle des türkischen Tempels in Wien (Quelle: P. Kortz, Wien am Anfang d. 20. Jhdts, 1906). Ursula Prokop, Zeitschrift David. Die Synagoge in Sofia wurde 1905 vom österreichischen Architekten Friedrich Grünanger erbaut.
  14. (3) https://de.wikipedia.org/wiki/Große_Synagoge_(Edirne)
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05 11 2018
By: TKG 0

„Menschlichkeit ist stärker als Hass“

IKG und US-Botschaft gedenken gemeinsam den Opfern von Pittsburgh

Rund 250 Menschen waren am Freitag dem Aufruf von IKG und U.S. Embassy Vienna in den Wiener Stadttempel gefolgt, um den Opfern von Pittsburgh zu gedenken. Diese 11 Menschen mussten sterben, nur weil sie in der Tree-of-Life-Synagoge gebetet haben.

Wien. Die berührende Zeremonie in der Seitenstettengasse haben neben Präsident Oskar Deutsch, Oberrabbiner Arie Folger, Oberkantor Shmuel Barzilai, Charge d’affaires der USA Steve Hubler und der Chor des Stadttempels mitgestaltet. Zahlreiche Botschafterinnen und Botschafter europäischer Staaten wohnten der Zeremonie bei, ebenso wie Staatssekretärin Karoline Edtstadler und die Türkische KULTURgemeinde in Österreich.

Hier ein Auszug aus der Rede von IKG-Präsident Oskar Deutsch:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es waren Juden – wie wir.
Es war eine Synagoge – wie diese.
Elf Menschen wurden ermordet, weil sie Juden waren
– weil sie am Shabbat in ihrer Synagoge waren.

Der Talmud sagt: „Kol Israel Eravim Se Lase“
– „Alle Juden sind füreinander verantwortlich.“
Egal wo Jüdinnen und Juden angegriffen werden – wir fühlen nicht nur mit ihnen, es ist wie ein Angriff auf uns selbst, auf unsere Familie.
Aber das Leid der Hinterbliebenen in Pittsburgh können wir nicht nachempfinden. Die Lücke, die der Attentäter über die jüdische Gemeinde in Pittsburgh gebracht hat, ist in Worten nicht zu beschreiben.

80 Jahre nach den Novemberpogromen müssen wir feststellen, dass der Hass immer noch gedeiht.
Diesmal kam er aus dem rechtsextremen Eck, eine Ecke, die einzelne gerne verharmlosen – auch bei uns in Österreich.
Ob rechtsextrem, linksextrem oder islamistisch – der Antisemitismus in den Worten verwandelt sich wieder und wieder in einen Antisemitismus der Taten. Dieser Hass ist tödlich.

Weltweit gedeiht der Hass. Antisemitische Verschwörungstheorien haben Konjunktur. Der Jude wird als Bösewicht dargestellt. Nur wird er heute oft anders genannt, der Antisemitismus wird verschleiert.

Früher wurde „der Jude“ als Schädling bezeichnet, heute wird Jude durch „Israel“ ersetzt.

Früher wurden Juden einer Weltverschwörung bezichtigt, nach der Shoah gingen Antisemiten zu Codes über: Das Feindbild „Rothschild“ heißt heute „Soros“.

Früher wurde gegen Juden als Ritualmörder gehetzt, heute wird das Schächten als Ritualmord dämonisiert.

Dass wir heute gemeinsam mit Freunden der US-Botschaft und unserer Gemeinde gedenken – ist ein wichtiges Zeichen.
Wir tun das, weil wir als Menschen zusammenstehen, weil Menschlichkeit stärker als Hass ist.

Hass ist nicht nur ein schnell dahingeschriebenes Facebook-Posting oder ein Tweet. Hass kann töten. Daran erinnert der Anschlag von Pittsburgh.

Der Mörder von Pittsburgh war auf rechtsextremen Plattformen unterwegs. Dort wurde auch sein Hass genährt.

Nächste Woche jähren sich die Novemberpogrome zum 80. Mal. Im Jahr 1938 waren sie der Auftakt zur Schoah.

Wieder werden wir sagen: „Nie wieder“
Wieder werden wir fordern: „Niemals vergessen“
Aber was tun wir? Was tut die Politik, die Staatengemeinschaft, die Medien?

Die Jüdische Gemeinde mahnt. Wir sind laut. Wir treten gegen jede Form des Hasses auf, gegen Antisemitismus und gegen Rassismus.
– weil wir in den Jahrtausenden der jüdischen Geschichte ein feines Sensorium für gesellschaftliche Fehlentwicklungen bekommen haben.

Vor 37 Jahren, am 29. August 1981, haben zwei palästinensische Terroristen diesen Stadttempel angegriffen. Zwei Menschen starben.
Schon zwei Jahre zuvor gab es einen versuchten Anschlag in Wien. Und in ganz Europa gab es in den 1970er -Jahren mehrere Attentate gegen Israelis, gegen Juden.

Die jüdischen Gemeinden in Europa haben ihre Konsequenzen gezogen und massiv in Sicherheit investiert.
Heute, 80 Jahre nach den Novemberpogromen, sind jüdische Gemeinden professionell geschützt. Eigene Sicherheitsleute, die Polizei – ohne diesen Maßnahmen ist jüdisches Leben in Europa kaum vorstellbar.

In den USA war das bisher anders. Aber anstatt dass wir dem US-Beispiel folgen können, müssen amerikanische Gemeinden darüber nachdenken, wie sie ihre Mitglieder besser schützen können, sie müssen dem europäischen Beispiel folgen. Das ist doch absurd.

Diesmal war es ein rechtsextremer Antisemit. In Europa waren es in den vergangenen Jahren verstärkt muslimische Judenhasser
– Toulouse 2012, Burgas 2012, Brüssel 2014, Kopenhagen und Paris 2015.

Egal von welcher Seite Antisemitismus kommt, er ist nicht mehr oder weniger schlimm als der andere. Es gibt kein Ranking! Es ist dieselbe Feindseligkeit, die, wenn sie nicht bekämpft wird, tödlich endet.

Wir alle – Juden, Christen, Muslime, Agnostiker, Atheisten und Andersgläubige – wir alle müssen aufstehen, wir alle müssen Menschlichkeit in den Mittelpunkt rücken – und wir dürfen nicht wegschauen.
Um es mit Elie Wiesels Worten zu sagen: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“

Shabbat Shalom!

Quelle: IKG

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