Auch Muslime und Juden beteten für Otto von Habsburg

04. September. 2014 / 11:33

Ein denkwürdiger und zugleich trauriger Tag in Wien. Tausende Menschen strömten zum Stephansdom um Otto von Habsburg die letzte Ehre zu erweisen. Mit dem Begräbnis des letzten Kaisersohns versank damit die einst einflussreiche Herrscherdynastie in der Kapuzinergruft. Otto von Habsburgs größter Wunsch war die Einigung dreier Religionen. Der letzte Wunsch des Kaisersohns: Christliche, jüdische und muslimische Gebete gesprochen.

 

von Mercedes Fränzel  


Dies konnte im Fernsehen live mit verfolgt werden. Was man jedoch weder in der Zeitung nachlesen, noch im Fernsehen live mit verfolgen konnte, war die am 14. Juli 2011 in der Kapuzinerkirche stattfindende Trauerfeier.


Diese fand im engen, familiären Kreis mit fünf Töchtern, zwei Söhnen, zweiundzwanzig Enkelkindern und engen Freunden statt.  Als einziger Moslem war der Vertreter der türkischen Kulturgemeinde in Österreih (TKG) Birol Kilic eingeladen.


Drei Religionen erwiesen dem Kaisersohn die letzte Ehre


Die Vertreter dreier Religionsgemeinschaften versammelten sich, um ihre Zusammengehörigkeit zu demonstrieren, für die Otto von Habsburg sein Leben lang eingetreten war. Sein großer Wunsch, verriet uns Dechant Pfarrer Rupprecht, war die Versöhnung des Judentums, Christentums und des Islams. Sowohl für ihn, als auch für seine Gattin Regina, standen niemals die Unterschiede verschiedener Religionen, sondern vielmehr die gemeinsame Basis und die gegenseitige Unterstützung im Vordergrund, betonte Karl Habsburg. Denn irgendwann, so Dechant Pfarrer Rupprecht, werden auch die scheinbaren Unterschiede zwischen den Religionen, die wir Menschen noch nicht begreifen können, aufgehoben werden.


Der letzte Wunsch des Kaisersohns:  Christliche, jüdische und muslimische Gebete gesprochen.


Dem letzten Wunsch des Kaisersohns nachkommend wurden christliche, jüdische und muslimische Gebete gesprochen. Durch Gebete, so Dechant Pfarrer Rupprecht, könne man sich oft besser verständigen und zueinander finden als durch gewöhnliche Gespräche.


Die christlichen Gebete wurden von Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky gesprochen, der aus den Paulus-Briefen las. Die Fürbitten wurden von Verwandten der Verstorbenen vorgetragen, gefolgt von einem gemeinsam gebeteten Vaterunser. Weihbischof Stephan Turnovszky schloss mit den Worten: ?Für ihn ist die Pilgerreise zu Ende.?


Ein Gedenkgebet nach jüdischer Tradition trug der frühere Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, Steven Langnas, vor.
Die muslimischen Gebete, welche bereits vor hundert Jahren für Kaiser Franz Joseph und seine Familie zu jedem seiner Geburtstage in allen Moscheen gesprochen wurden, trug der Großmufti von Sarajevo, Mustafa Ceric, zum letzten Mal für Otto von Habsburg vor, der sich trotz einer wichtigen Gedenkfeier nur drei Tage zuvor, die Zeit nahm, das Begräbnis seines langjährigen Freundes zu besuchen.


Ein Mann der Rechtschaffenheit und Courage


Das ökumene, arabische Gebet für die Seelen Otto von Habsburgs und seiner Frau Regina hinterließ einen ganz besonderen Eindruck bei der trauernden Gemeinde. Raisu-l-ulama Mustafa Cerić, Großmufti von Bosnien sagte, es sei ihm, als legitimer Erbe Raisu-l-ulama Muhammad D?emaludin Čau?ević?s, eine Ehre dessen Beispiel zu folgen und ein aufrichtiges Gebet für den Nachkommen seiner Majestät Otto von Habsburg, dem Sohn Österreich-Ungarns letztem Kaiser zu sprechen, welcher ihn ehrte, indem er ihn als ?Mann der Rechtschaffenheit und Courage? kennenlernen durfte.


Zwei Bosnier, durch die der Kaisersohn ein langes Leben führen durfte Großmufti Cerić erinnerte an eine Aussage, welche seine Kaiserliche Hoheit Otto von Habsburg vor einigen Jahren in einem Interview für das Sarajevo Journal "Start" machte:


"Kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges war ich in Deutschland. Zu dieser Zeit arbeitete ich an meinem Ph.D. und ging um einige meiner Dokumente zu holen. Natürlich war zu dieser Zeit Hitler der Regent. Als ich in München nach Hause kam, zu dem Haus meiner Großmutter, trat ein unbekannter Mann zu mir. Er war ein bosnischer Moslem von der deutschen Geheimpolizei, der folgende Worte zu mir sagte: "Seien Sie auf der Hut, wenn Sie hier bleiben sind morgen Sie an der Reihe." In der Tat schrieb ich zuweilen für eine der besten Anti-Nazi Zeitungen. Als ich zu dieser Zeit am Nachmittag nach München kam, schüchterte die Gestapo die Redaktionsleitung ein. Sie erwischten den Chefredakteur, der nur wenige Tage später starb. Als sie von der Verbindung zwischen mir und den Zeitungen erfuhren, begann die Suche. Natürlich verließ ich München als ich erfuhr, dass sie hinter mir her waren. Und zum zweiten Mal, zwei Jahre später, rettete ein bosnischer Mann mein Leben. Sein Name war Ismet Aganovic. Er sagte mir, dass jemand der mir nahestand, mit der Gestapo zusammenarbeitete und von meinen Verbindungen mit Anti-Nazi Zeitungen erzählte. Wenn also keine Bosnier gewesen wären, wäre ich nicht mehr hier."


"Ich bin stolz auf meine zwei Bosnier, die seiner Kaiserlichen Hoheit Otto von Habsburg halfen, ein langes und produktives Leben zu führen, das dafür sorgte, dass wir uns alle besser und sicherer in dieser verdrießlichen Welt fühlen", sagte Bosniens Großmufti und betonte wie stolz die Familie seines "teuren Freundes" sein könne, da sie die Ehre hatten, das Leben eines außergewöhnlichen Mannes zu teilen, dessen Licht der Menschlichkeit nicht nachlassen wird zu scheinen. "Oh Gott, lass meinen Freund, den Freund Bosniens, den Hüter eines neuen Europas, den Patron einer neuen Welt des Friedens, den Mann aller Zeiten, in Frieden und in Gottes ewig währender Gnade zusammen mit seiner Frau Regina ruhen, Amen!"


Mit diesen letzten, bewegenden Worten schloss Bosniens Großmufti seine Rede. Karl Habsburg folgt dem Beispiel seines Vaters


Durch die Totengebete sowohl nach jüdischer, christlicher, als auch muslimischer Tradition, wurde außerdem an Otto Habsburgs Eintreten für ein freies und unabhängiges Bosnien- Herzegowina erinnert. Sie betonten die enge Beziehung, welche Otto von Habsburg zu Lebzeiten zum Judentum und zum Islam hatte.
Auch die Worte des Familienoberhaupts Karl Habsburg über den Islam und das Judentum waren sehr positiv und bar jeglicher Hasstriaden und Vorurteile. Vielmehr waren seine Worte auf das monoloteistische Prinzip bezogen und er betonte ebenfalls, wie wichtig es für seine Eltern war, für das gemeinsame Interesse der Religionen einzutreten. Für sie wäre immer klar gewesen, so Karl Habsburg, dass das Einigende vor dem Trennenden stehe und die verschiedenen Religionen zusammenarbeiten müssen, um sich den Problemen des Atheismus und der Wertelosigkeit zu stellen.

Folgendes ist das Gebet, welches bereits Raisu-l-ulama Muhammad D?emaludin Čau?ević für seine Majestät Kaiser Franz Joseph I, anlässlich seines Geburtstags vor 100 Jahren in Bosnien vorlas:

"Wir danken dir Allmächtiger Gott, denn du bist alleshörend, denn du bist unseren Bedürfnissen nahe und du nimmst unsere Gebete an. Mögen wir Segenswünsche und Grüße über deinen liebsten und geliebten Boten, seine Familie und seine Gefährten bringen.

Wir alle gehören zu Gott und zu Gotten kehren wir wieder zurück.Unser geliebter Gott, du bist eins und einzigartig in deiner Kraft und deiner Pracht. Du bist der Einzige, der uns gibt was wir benötigen und niemand kann dies verhindern. Du erhöhst wen du erhöhen möchtest und du gewährst Macht, wem du Macht gewähren möchtest. In deiner Macht liegt alles Gute. Wahrlich, du hast die Macht alles zu vollbringen.

Unser Herr, wir sind deine Büßer und bieten dir unsere aufrichtigen Gebete im Tempel deiner Anwesenheit dar und bitten dich, bei deinen wahren Versprechen, bei deiner Herrlichkeit und Macht, bei deiner grenzenlosen Gnade und wir bitten dich bei deinen gesegneten und heiligen Boten und Propheten die königliche Familie, bekannt für ihre Gerechtigkeit und Objektivität überall und allerorts, die Familie unseres geliebten und großartigen Königs, unsers geliebten Kaisers Franz Joseph I, zu stärken.


Unser geliebter Herr, mit deinem Auge gib Acht auf seine edle Familie und halte ihn und seine Familie fern von allem Übel und Leid.Unser geliebter Herr, mögen er und seine Familie in deinem Vertrauen, deinem Glück und in deiner Zufriedenheit ruhen, und lasse nicht zu, dass seine Feinde oder Feinde seiner Familie ihnen Schaden zufügen. Unser geliebter Herr, halte jeden, der einen Gedanken hegt ihm oder seiner edlen Familie zu schaden, von der Tür deiner Gnade fern.Geliebter Herr, hilf und unterstütze unseren erhabenen Kaiser Franz Joseph I und stärke sein Heer.Geliebter Herr, sorge für seine Zufriedenheit und den Schutz und Wohlstand seines Königreichs.Unser Herr, mache ihn erfreut über Dinge, die dich erfreuen, dich zufriedenstellen und öffne ihm den Pfad der Liebe und lass die Liebe für den Schutz seines beständigen Schicksals, durch die Pracht deiner Boten und Propheten in sein Herz eintreten.Allmächtiger Gott, führe uns zusammen, vereinige unsere Herzen und leite unseren Weg zum Pfad des Friedens.Amen! Amen! Amen!Oh du, der du die hörst, die beten. Gepriesen sei Gott, der Herr der Welten. El-fatiha!"