Ein denkwürdiger und zugleich trauriger Tag in Wien: Am 14. Juli 2011 strömten Tausende Menschen zum Stephansdom, um Otto von Habsburg die letzte Ehre zu erweisen. Mit dem Begräbnis des letzten Kaisersohnes versank die einst einflussreiche Herrscherdynastie endgültig in der Kapuzinergruft. Otto von Habsburgs größter Wunsch war die Einigung der drei Religionen. Sein letzter Wille: Es sollten christliche, jüdische und muslimische Gebete gesprochen werden.
von Mercedes Fränzel,17.07.2011 ( Yeni Vatan Gazetesi/Neue Heimat Zeitung)
WIEN. Dies konnte im Fernsehen live mitverfolgt werden. Was man jedoch weder in der Zeitung nachlesen noch im Fernsehen miterleben konnte, war die am 14. Juli 2011 in der Kapuzinerkirche stattfindende Trauerfeier. Diese fand im engen familiären Kreis mit fünf Töchtern, zwei Söhnen, zweiundzwanzig Enkelkindern und engen Freunden statt.
Als einziger Muslim neben dem Großmufti von Sarajevo war der Vertreter der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKG), Birol Kilic, eingeladen.
Kilic erklärte: „Ich habe Otto von Habsburg kennen und lieben gelernt. Seine entschiedene Gegnerschaft zu Faschismus und Nationalsozialismus sowie sein aufrichtiges und offenes Eintreten für ein friedliches und vereintes Europa sind für uns richtungsweisend. Mein aufrichtiges Beileid gilt der Familie Habsburg-Lothringen. Er war ein Mensch von seltener Integrität, dessen Denken und Handeln stets von Verantwortung, Humanität und einem tiefen Glauben an die Kraft des Dialogs geprägt waren. Sein Wirken hat Generationen geprägt – über politische und kulturelle Grenzen hinaus. Otto von Habsburg bleibt ein Symbol für Versöhnung, europäische Einigkeit und moralische Standhaftigkeit in schwierigen Zeiten. Sein Vermächtnis verpflichtet uns, die Idee eines geeinten Europas mit derselben Leidenschaft und Entschlossenheit weiterzutragen, die ihn sein Leben lang begleitet hat.“

Otto Habsburgs Herz wandert nach Ungarn
Nach dem Requiem im Stephansdom und der anschließenden Beisetzung von Otto Habsburgs Leiche in der Kapuzinergruft wird dessen Herz in einer Herzurne nach Ungarn gebracht. Dort soll es im Kloster Pannonhalma bestattet werden. Pressesprecherin Eva Demmerle, “Otto Habsburg hat sehr an Ungarn gehangen, er war von den Mönchen im Kloster Pannonhalma erzogen worden, deswegen soll sein Herz dort bestattet werden.”

Drei Religionsvertreter erwiesen dem Kaisersohn die letzte Ehre
Die Vertreter der drei Religionsgemeinschaften versammelten sich, um jene Zusammengehörigkeit zu demonstrieren, für die Otto von Habsburg sein Leben lang eingetreten war. Sein großer Wunsch, so verriet uns Dechant Pfarrer Rupprecht, war die Versöhnung zwischen Judentum, Christentum und Islam. Sowohl für ihn als auch für seine Gattin Regina standen niemals die Unterschiede zwischen den Religionen im Vordergrund, sondern vielmehr die gemeinsame Basis und die gegenseitige Unterstützung, betonte Karl Habsburg-Lothringen. Denn irgendwann, so Dechant Pfarrer Rupprecht, werden auch die scheinbaren Unterschiede zwischen den Religionen, die wir Menschen heute noch nicht begreifen können, aufgehoben sein.
Dem letzten Wunsch des Kaisersohnes entsprechend wurden christliche, jüdische und muslimische Gebete gesprochen. Durch das Gebet, so Dechant Pfarrer Rupprecht, könne man sich oft besser verständigen und einander näherkommen als durch gewöhnliche Gespräche.
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„Für ihn ist die Pilgerreise zu Ende“
Die christlichen Gebete wurden von Wiens Weihbischof Stephan Turnovszky gesprochen, der aus den Briefen des Apostels Paulus las. Die Fürbitten wurden von Angehörigen des Verstorbenen vorgetragen, gefolgt von einem gemeinsam gebeteten Vaterunser. Weihbischof Stephan Turnovszky schloss die Zeremonie mit den Worten: „Für ihn ist die Pilgerreise zu Ende.“

Ein Gedenkgebet nach jüdischer Tradition wurde vom ehemaligen Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, Steven Langnas, vorgetragen.
Die muslimischen Gebete, die bereits vor hundert Jahren für Kaiser Franz Joseph und dessen Familie anlässlich jedes seiner Geburtstage in allen Moscheen gesprochen wurden, wurden vom Großmufti von Sarajevo, Mustafa Cerić, zum letzten Mal für Otto von Habsburg rezitiert.
Trotz einer wichtigen Gedenkfeier nur drei Tage zuvor nahm sich der Großmufti die Zeit, um am Begräbnis seines langjährigen Freundes teilzunehmen.

“Ein Mann der Rechtschaffenheit und Courage”
Das ökumenische, arabische Gebet für die Seelen Otto von Habsburgs und seiner Frau Regina hinterließ einen ganz besonderen Eindruck bei der trauernden Gemeinde. Raisu-l-ulama Mustafa Cerić, Großmufti von Bosnien, sagte, es sei ihm als legitimer Erbe von Raisu-l-ulama Muhammad Demaludin Čauević eine Ehre, dessen Beispiel zu folgen und ein aufrichtiges Gebet für den Nachkommen seiner Majestät Otto von Habsburg, dem Sohn Österreich-Ungarns letzten Kaisers, zu sprechen. Er betonte, dass er Otto von Habsburg als “Mann der Rechtschaffenheit und Courage” kennenlernen durfte.
Zwei Bosnier, durch die der Kaisersohn ein langes Leben führen durfte
Großmufti Cerić erinnerte an eine Aussage, die Seine Kaiserliche Hoheit Otto von Habsburg vor einigen Jahren in einem Interview für das Sarajevo Journal “Start” machte: “Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges war ich in Deutschland. Zu dieser Zeit arbeitete ich an meinem Ph.D. und ging, um einige meiner Dokumente zu holen. Natürlich war zu dieser Zeit Hitler der Regent. Als ich in München nach Hause kam, zu dem Haus meiner Großmutter, trat ein unbekannter Mann zu mir. Er war ein bosnischer Moslem von der deutschen Geheimpolizei, der folgende Worte zu mir sagte: ‘Seien Sie auf der Hut, wenn Sie hier bleiben, sind morgen Sie an der Reihe.’ In der Tat schrieb ich zuweilen für eine der besten Anti-Nazi-Zeitungen. Als ich zu dieser Zeit am Nachmittag nach München kam, schüchterte die Gestapo die Redaktionsleitung ein. Sie erwischten den Chefredakteur, der nur wenige Tage später starb. Als sie von der Verbindung zwischen mir und den Zeitungen erfuhren, begann die Suche. Natürlich verließ ich München, als ich erfuhr, dass sie hinter mir her waren. Und zum zweiten Mal, zwei Jahre später, rettete ein bosnischer Moslem mein Leben. Sein Name war Ismet Aganović. Er sagte mir, dass jemand, der mir nahestand, mit der Gestapo zusammenarbeitete und von meinen Verbindungen mit Anti-Nazi-Zeitungen erzählte. Wenn also keine Bosnier gewesen wären, wäre ich nicht mehr hier.”
“Ich bin stolz auf meine zwei Bosnier, die Seiner Kaiserlichen Hoheit Otto von Habsburg halfen, ein langes und produktives Leben zu führen, das dafür sorgte, dass wir uns alle besser und sicherer in dieser schwierigen Welt fühlen”, sagte Bosniens Großmufti und betonte, wie stolz die Familie seines “teuren Freundes” sein könne, da sie die Ehre hatten, das Leben eines außergewöhnlichen Mannes zu teilen, dessen Licht der Menschlichkeit nicht nachlassen wird zu scheinen.
“Oh Gott, lass meinen Freund, den Freund Bosniens, den Hüter eines neuen Europas, den Patron einer neuen Welt des Friedens, den Mann aller Zeiten, in Frieden und in Gottes ewig währender Gnade zusammen mit seiner Frau Regina ruhen, Amen!” Mit diesen letzten, bewegenden Worten schloss Bosniens Großmufti seine Rede.
Karl Habsburg folgt dem Beispiel seines Vaters
Durch die Totengebete sowohl nach jüdischer, christlicher als auch muslimischer Tradition wurde außerdem an Otto von Habsburgs Eintreten für ein freies und unabhängiges Bosnien-Herzegowina erinnert. Sie betonten die enge Beziehung, die Otto von Habsburg zu Lebzeiten zum Judentum und zum Islam hatte. Auch die Worte des Familienoberhaupts Karl Habsburg über den Islam und das Judentum waren sehr positiv und frei von Hass oder Vorurteilen. Vielmehr bezogen sich seine Worte auf das monotheistische Prinzip, und er betonte ebenfalls, wie wichtig es für seine Eltern war, sich für das gemeinsame Interesse der Religionen einzusetzen. Für sie war immer klar, so Karl Habsburg, dass das Einigende vor dem Trennenden stehe und die verschiedenen Religionen zusammenarbeiten müssen, um sich den Problemen des Atheismus und der Wertelosigkeit zu stellen.

Folgendes ist das Gebet, welches bereits Raisu-l-ulama Muhammad Demaludin Čauević vor 100 Jahren für Seine Majestät Kaiser Franz Joseph I. anlässlich seines Geburtstags in Bosnien vorlas:
“Wir danken dir, Allmächtiger Gott, denn du bist alles hörend, denn du bist unseren Bedürfnissen nahe und nimmst unsere Gebete an. Mögen wir Segenswünsche und Grüße über deinen liebsten und geliebten Boten, seine Familie und seine Gefährten bringen.
Wir alle gehören zu Gott und zu Gott kehren wir wieder zurück. Unser geliebter Gott, du bist eins und einzigartig in deiner Kraft und deiner Pracht.
Du bist der Einzige, der uns gibt, was wir benötigen, und niemand kann dies verhindern. Du erhöhst, wen du erhöhen möchtest, und gewährst Macht, wem du Macht gewähren möchtest. In deiner Macht liegt alles Gute. Wahrlich, du hast die Macht, alles zu vollbringen.
Unser Herr, wir sind deine Büßer und bieten dir unsere aufrichtigen Gebete im Tempel deiner Anwesenheit dar und bitten dich, bei deinen wahren Versprechen, bei deiner Herrlichkeit und Macht, bei deiner grenzenlosen Gnade und bei deinen gesegneten und heiligen Boten und Propheten die königliche Familie, bekannt für ihre Gerechtigkeit und Objektivität überall und allerorts, die Familie unseres geliebten und großartigen Königs, unseres geliebten Kaisers Franz Joseph I., zu stärken.
Unser geliebter Herr, mit deinem Auge gib Acht auf seine edle Familie und halte ihn und seine Familie fern von allem Übel und Leid.
Unser geliebter Herr, mögen er und seine Familie in deinem Vertrauen, deinem Glück und deiner Zufriedenheit ruhen, und lasse nicht zu, dass seine Feinde oder die Feinde seiner Familie ihnen Schaden zufügen.
Unser geliebter Herr, halte jeden, der einen Gedanken hegt, ihm oder seiner edlen Familie zu schaden, von der Tür deiner Gnade fern. Geliebter Herr, hilf und unterstütze unseren erhabenen Kaiser Franz Joseph I. und stärke sein Heer. Geliebter Herr, sorge für seine Zufriedenheit und den Schutz sowie den Wohlstand seines Königreichs. Unser Herr, mache ihn erfreut über Dinge, die dich erfreuen, dich zufriedenstellen, und öffne ihm den Pfad der Liebe und lass die Liebe für den Schutz seines beständigen Schicksals durch die Pracht deiner Boten und Propheten in sein Herz eintreten.
Allmächtiger Gott, führe uns zusammen, vereinige unsere Herzen und leite unseren Weg zum Pfad des Friedens. Amen! Amen! Amen!
Oh du, der du die hörst, die beten. Gepriesen sei Gott, der Herr der Welten. El-Fatiha!”( yenivatan.at, 17.07.2011, vo Mercedes Fränzel )
















