Melissa Günes
Türkische Kulturgemeinde in Österreich, Linz, 5.11.2009
Hier ist es heute kalt und seltsam.
Was suchen wir hier eigentlich?
Im etwa 200 Kilometer von Wien entfernten Mauthausen — einem der gefürchtetsten Konzentrationslager des NS-Regimes auf österreichischem Boden — wurde nun auch den ermordeten türkischen Staatsangehörigen muslimischen und jüdischen Glaubens gedacht. Ein Denkmal, das von der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKG) gemeinsam mit Freunden aus Deutschland errichtet wurde, erinnert fortan an die Opfer. Eine feierliche Gedenkveranstaltung wurde zu diesem Anlass abgehalten. Das ehemalige Todeslager wird heute vom Österreichischen Bundeskanzleramt als Gedenkstätte und Museum Dankenweise erhalten.
Im Zweiten Weltkrieg wurden in Mauthausen Zehntausende Menschen auf barbarische Weise ermordet. Das Lager entwickelte sich rasch zu einem der gefürchtetsten im gesamten nationalsozialistischen Lagersystem — nicht zuletzt aufgrund seiner Einstufung als Lager der Stufe III. In diese Kategorie wurden Häftlinge deportiert, die als schwer belastet und „kaum noch erziehbar“ galten. Die Einstufung diente zugleich als Strafverschärfung für Gefangene aus anderen Lagern: Sie trugen fortan den Vermerk „RU“ — „Rückkehr unerwünscht“ — was bedeutete, dass sie direkt in den Tod getrieben werden sollten.

Insgesamt wird die Zahl der Häftlinge in Mauthausen auf über 200.000 geschätzt, eine endgültige Zahl wird jedoch nie vorliegen, da unzählige Häftlinge ohne Registrierung nach Mauthausen deportiert und dort ermordet wurden. Unter diesen 200.000 Häftlingen waren auch über 8.000 Frauen, die im Männerlager Mauthausen interniert worden waren. Die katastrophale Überbelegung führte nicht nur zu mehr als unmenschlichen Lebensbedingungen, sondern folglich zum Bau eines Zeltlagers im Herbst 1944, dort wurden die eingepferchten 10.000 Häftlinge nahezu sich selbst überlassen.

IKG Generalsekräter Raimund Fastenbauer
Koran auf Türkisch rezitiert, hebräische Gebete für die Opfer
Bei der Gedenkfeier, an der Mitglieder der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKG), der Botschafter der Republik Türkei Selim Yenel, der Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Raimund Fastenbauer, der Staatssekretär für Bildung, Kultur und Kunst Dr. Reinhold Hohengartner, der Vertreter des österreichischen Innenministers Staatssekretär Harald Hutterberger sowie der Verleger und Vorsitzende des TKG Think Tank Birol Kılıç teilnahmen, wurde der Koran auf Türkisch rezitiert und hebräische Gebete gesprochen — zum Gedenken an die Opfer.
Auf dem Gedenkstein für die türkischen Opfer der Jahre 1933–1945 steht in deutscher Sprache:
„Wir verneigen uns in Respekt vor diesen türkischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern mit muslimischen und jüdischen Wurzeln, die schmerzvoll gestorben sind.“

TKG Obmann Birol Kilic
Wer waren die Türken, die bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland deportiert wurden?
Tausende Bürgerinnen und Bürger, die aus Istanbul, Izmir und Edirne nach Europa — vor allem nach Deutschland — ausgewandert waren, wurden in Mauthausen ermordet. Angehörige dieser Opfer leben Berichten zufolge noch heute in Istanbul und Izmir. Namenlose Opfer. Es scheint, als ob es vorerst den Historikerinnen und Historikern überlassen bleibt, die Tragödie der Tausenden türkischen Opfer ans Licht zu bringen — denn viele von ihnen tauchen in keinen Registern auf.
Erwähnenswert ist auch der mutige Einsatz zahlreicher türkischer Diplomaten, die damals in Europa tätig waren und ihr eigenes Leben riskierten, um europäische und türkische Juden vor dem Holocaust zu retten. Der Botschafter der Republik Türkei, Selim Yenel, hob hervor: „Diese einzigartige Verantwortung und dieses menschliche Verhalten sind ein Beispiel für die gesamte Menschheit — und sollten es bleiben.“
Besonders herausragend ist das Beispiel des damaligen türkischen Botschafters in Marseille, Necdet Kent. Als ein Zug türkische Juden in die Konzentrationslager bringen sollte, stieg Kent kurzerhand selbst ein und forderte die Freilassung seiner Landsleute — andernfalls, so erklärte er, würde er ihnen in die Gaskammer folgen. Nach langen Verhandlungen wurden die Gefangenen auf Grundlage eines Sonderbefehls aus Berlin tatsächlich freigelassen. Dass ein Mensch solchen Mut beweist und für seine Landsleute einsteht — angesichts des eigenen Todes — ist heute kaum vorstellbar. Auch aus anderen europäischen Städten ist überliefert, dass sich türkische Diplomaten damals für ihre Landsleute einsetzten, mitunter mit Erfolg.

















