Am 02. Juli 2026 ( Sonntag) veröffentlichte die seriöse, säkulare und investigativ arbeitende türkische Tageszeitung Cumhuriyet (Die Republik) auf ihrer prominenten Kultur‑ und Gesellschaftsseite( Seite2) einen Artikel des Wiener Verlegers und Obmanns der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKG Think Tank), Prof. Birol Kilic, unter dem Titel „Warum ich in der Wiener Ballsaison an Beethoven denken muss?“.
Der Think Tank TKG hat den Essay-Artikel ohne Kommentar ins Türkische übersetzt.
Warum ich in der Wiener Ballsaison an Beethoven denken muss?
Zwischen Kristalllüstern und Stille: Warum Beethoven in Wien nie schweigt
Cumhuriyet, 01.02.2026, von Birol Kilic, Wien
Ab Ende November wechselt die Stadt in eine andere Sprache: die Sprache der Bälle. Mit mehr als vierhundert Ballveranstaltungen verwandelt sich Wien in das Zentrum der Ballkultur. Säle, Kristalllüster, schwarze Fräcke und hinter steinernen Mauern verborgene Erinnerungen… Jedes Jahr, wenn ich an der Staatsoper vorbeigehe, legt sich dasselbe Gefühl auf mein Herz: Diese Stadt, die eine atemberaubend widersprüchliche Geschichte und ebenso außergewöhnliche Menschen hervorgebracht hat, erinnert einen zugleich an die Zerbrechlichkeit und die Widerstandskraft des Menschseins. Draußen die schneidende Kälte, drinnen eine glitzernde Welt – und über all dieser Pracht ein feiner kafkaesker Nebel. Eleganz und Beklemmung stehen Seite an Seite, als hätten sie sich seit Jahrhunderten aneinander gewöhnt.

Am 12. Februar 2026 wird der Wiener Opernball – der Ball aller Bälle – dieses Haus wieder für eine Nacht in einen Ballsaal verwandeln, und ich werde unbedingt dabei sein und beobachten. Während die Welt von Kriegsängsten, wirtschaftlichen Erschütterungen und dem Ruf nach Gerechtigkeit durchgeschüttelt wird, bereitet Wien sich darauf vor, sein Ritual erneut zu drehen. Das ist das Schicksal dieser Stadt: Selbst aus Schmerz macht sie einen Walzer. Wenn „Alles Walzer“ erklingt, bewegt sich die Zeit nicht mehr geradeaus, sondern beginnt Kreise zu ziehen – als würde die Stadt selbst für einen Moment den Atem der Geschichte anhalten.
Doch das wahre Gedächtnis Wiens liegt nicht in den Bällen, sondern in der Musik – und in den Menschen, die dieser Stadt ihren Stempel aufgedrückt haben. Und die stärkste Stimme dieses Gedächtnisses ist jener goldene Name, zu dem wir immer wieder zurückkehren: Beethoven.
Er ist der unsichtbare Dirigent dieser Stadt, der noch immer jede Gasse, jeden Platz, jeden Winterabend mit einer leisen moralischen Schwingung erfüllt.
Er vergrößerte die Stimme der Menschheit
Als Beethoven nach Wien kam, träumte er davon, Schüler Mozarts zu werden; Mozarts Tod ließ diesen Traum unerfüllt. Doch Beethovens Ankunft in Wien veränderte die Richtung der Musikgeschichte. Damals war Wien mit seinen aristokratischen Salons die Kulturhauptstadt Europas. Diese Stadt nährte Beethoven nicht nur – sie verwandelte ihn. Beethoven, der die Ideale von Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Brüderlichkeit in Musik übersetzte, wurde in diesen steinernen Gassen zu einem moralischen Gewissen. Auch als sein Gehör schwand, komponierte er weiter und ließ die Stimme der Menschheit wachsen.
Er hörte die Welt nicht mehr – aber die Welt hörte ihn. Und bis heute hört sie ihn, besonders in Wien, wo jeder Ton wie ein Echo der Freiheit wirkt.
Ein Moment der Menschlichkeit: Beethoven und Haydn im kafkaesken Wien
Im Hintergrund dieser Geschichte steht Joseph Haydn. Haydns letzter öffentlicher Auftritt fand im Saal der heutigen Österreichischen Akademie der Wissenschaften statt. An jenem Abend, an dem der alte „Papa Haydn“ mühsam in seine Loge geführt wurde, stand Beethoven auf, ging zu seinem Lehrer und küsste seine Hand. Diese Szene ist nicht nur ein musikalischer Moment; sie ist die reinste Form menschlicher Anständigkeit. Wer verstehen will, woher Beethovens Gerechtigkeitssinn stammt, braucht nur diesen Augenblick.
Eine Stadt aus Licht und Schatten
Wien ist deshalb nicht nur ein Konzertsaal, sondern ein Produktionsort für Schönheit und Unruhe zugleich. In derselben Stadt schwebt Strauss’ Walzer, hallen Freuds dunkle Korridore nach, hört man die Schritte Kafkas. Wien ist die Stadt Hitlers – und zugleich die Stadt Theodor Herzls, des geistigen Vaters Israels. Wien ist kafkaesk: Hoffnung und Frieden, Anstachelung und Hass, das Gefühl eines ausweglosen Labyrinths – alles wandert hier auf denselben Straßen nebeneinander.
Diese Stadt namens Wien trägt ihre Widersprüche wie ein kostbares, aber schweres Kleid: funkelnd, aber voller Schatten. Wien ist eine Stadt, die ihre Widersprüche präsentiert wie ein Frankenstein‑Labor, in dem wissenschaftliche Meinungsforschungen und gesellschaftliche Experimente nebeneinander brodeln – glänzend im Selbstbild, doch stets begleitet von historischen Schatten. In einer Metropole, die sich gerne auf ihr ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein beruft, bleibt es eine alltägliche Herausforderung, Mensch zu sein und menschlich zu bleiben. Denn gerade hier zeigt sich immer wieder, wie schnell jene Geschichte in den Hintergrund rückt, aus der sich klare Lehren ziehen ließen – Lehren, die helfen könnten, Vernunft, Maß und einen nüchternen Blick auf die Realität zu bewahren.
Ein Blick von Wien in die Türkei
Mit genau diesen Gefühlen blicke ich auf die Türkei und höre die Stimmen von Millionen, die nach Gerechtigkeit verlangen, nach Rechtsstaatlichkeit suchen, nach innerem Frieden dürsten. Diese Stimmen erinnern mich an Beethoven – an einen Mann, der trotz zunehmender Taubheit nicht verstummte, sondern im Gegenteil den größten Friedensruf der Menschheit komponierte.
Die 9. Symphonie: Die Menschheit erhebt ihre Stimme
Das Finale der 9. Symphonie von Beethoven, der zum Zeitpunkt der Komposition bereits vollständig taub war, ist die „Ode an die Freude“ – nicht nur die Hymne Europas, sondern die Hymne der Menschheit: „Alle Menschen werden Brüder.“
Beethovens 9. Symphonie mit dem berühmten Chorfinale wurde am 7. Mai 1824 im Theater am Kärntnertor in Wien uraufgeführt. Dieses Theater befand sich genau dort, wo heute das Hotel Sacher bzw. die Wiener Staatsoper stehen. Beethoven wollte unbedingt anwesend sein – und er war es. Doch er konnte den Jubel nicht hören.
Der Moment, in dem Beethoven die Menschheit sah
Als das Werk endete, waren die Menschen überwältigt. Sie erhoben sich, applaudierten minutenlang, riefen, weinten. Beethoven jedoch stand mit dem Rücken zum Publikum, völlig in seiner lautlosen Welt gefangen. Erst als eine Sängerin – nach den meisten Quellen die Altistin Caroline Unger – ihn sanft am Arm berührte und zu den jubelnden Menschen drehte, sah er, was er nicht mehr hören konnte:ein Meer aus Dankbarkeit, Bewunderung und Menschlichkeit. Beethoven konnte keinen einzigen Ton hören, aber er sah die Tränen, die Begeisterung, die brüderliche Ergriffenheit. Und in diesem Moment wurde sichtbar, was seine Musik uns bis heute zuflüstert:
Selbst in den dunkelsten Momenten verstummen Hoffnung, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit nicht – sie werden nur tiefer hörbar. Auch für die Türkei…
Der wahre Wiener Winter
Vielleicht ist das der wahre Wiener Winter: ein leiser, aber unzerstörbarer Glaube daran, dass die Menschlichkeit immer wieder zu ihrer eigenen friedlichen Melodie findet.
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