Zwischen Kulturalismus und Pauschalisierung – eine Replik auf den Gastkommentar von Kenan Güngör im STANDARD vom 29. August 2023 mit dem Titel „Türkeistämmige in Österreich – die etablierten Außenseiter. Schon lange hier – und doch fremd geblieben. Das liegt auch, aber nicht nur an gesellschaftlicher Ausgrenzung.“
Der Gastkommentar von Kenan Güngör im STANDARD vom 29. August 2023 mit der Überschrift „Türkeistämmige in Österreich – die etablierten Außenseiter. Schon lange hier – und doch fremd geblieben. Das liegt auch, aber nicht nur an gesellschaftlicher Ausgrenzung“ wirft aus Sicht der TKG grundlegende integrationspolitische und gesellschaftliche Fragen auf.
Besonders problematisch erscheint dabei die Kombination aus Überschrift, Bildsprache und inhaltlicher Argumentation. Gerade von einem Mitglied des Expertenrats der Bundesregierung für Integration wäre eine differenzierte Betrachtung einer äußerst vielfältigen Bevölkerungsgruppe zu erwarten gewesen. Stattdessen entsteht der Eindruck einer pauschalisierenden Zuschreibung gegenüber Menschen mit Wurzeln in der Türkei in Österreich.
Nach Auffassung der TKG ist diese Darstellung von einem kulturalistischen Ansatz geprägt. “Kulturalismus” – häufig auch als „Rassismus ohne Rassen“ oder als Form des Neorassismus beschrieben – reduziert Menschen auf zugeschriebene kulturelle Merkmale und verstellt den Blick auf ihre tatsächliche gesellschaftliche Vielfalt, ihre individuellen Lebenswege und ihre Leistungen.
Eine derartige Ferndiagnose anhand einer pauschalisierenden Überschrift und einer symbolisch aufgeladenen Bildsprache wird der Realität von Hunderttausenden Menschen mit Wurzeln in der Türkei in Österreich nicht gerecht. Sie birgt vielmehr die Gefahr, bestehende Vorurteile zu verfestigen und gesellschaftliche Gräben zu vertiefen, anstatt zum gegenseitigen Verständnis beizutragen.
Aus Sicht der TKG schadet ein solcher Ansatz den Integrationsbemühungen in Österreich mehr, als dass er ihnen nützt. Integration lebt von Differenzierung, Respekt und individueller Betrachtung – nicht von Verallgemeinerungen über ganze Bevölkerungsgruppen.

„Etablierte und Außenseiter“: Warum wird keine Quelle genannt und weshalb erfolgt eine derart weitreichende Übertragung auf die heutige Situation?
Nach Ansicht der TKG wird der Begriff „Etablierte und Außenseiter“ aus der Figurationssoziologie von Norbert Elias in einer Weise verwendet, die den ursprünglichen wissenschaftlichen Kontext nur eingeschränkt berücksichtigt. Norbert Elias (1897–1990), der vor dem Nationalsozialismus aus Deutschland fliehen musste und später in Großbritannien wirkte, entwickelte das Konzept im Rahmen einer konkreten sozialwissenschaftlichen Untersuchung über Macht- und Gruppenverhältnisse innerhalb einer englischen Gemeinde.
Die TKG hält die Übertragung dieses Modells auf die heutige, äußerst vielfältige und in allen gesellschaftlichen Bereichen vertretene Gruppe von rund 400.000 Menschen mit Wurzeln in der Türkei in Österreich für problematisch. Durch die gewählte Überschrift, die Bildsprache und zentrale Aussagen des Gastkommentars kann nach Auffassung der TKG der Eindruck entstehen, dass „Türkeistämmige“ als homogene Gruppe dargestellt werden, die trotz jahrzehntelanger Präsenz in Österreich dauerhaft außerhalb der gesellschaftlichen Mitte stehe.
Eine derartige Verallgemeinerung wird der tatsächlichen Vielfalt dieser Bevölkerungsgruppe nicht gerecht. Menschen mit Wurzeln in der Türkei sind heute in Österreich in allen sozialen Schichten, Berufsgruppen und Lebensbereichen vertreten – als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Unternehmerinnen und Unternehmer, Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler sowie als Ärztinnen, Pflegekräfte, Ingenieurinnen, Juristen und viele andere mehr.
Die TKG befürchtet daher, dass durch die gewählte Darstellung stereotype Wahrnehmungen verstärkt werden könnten. Kritisch diskutiert werden sollten konkrete gesellschaftliche oder politische Problemfelder sowie klar benennbare Akteure und Gruppierungen – nicht jedoch eine gesamte Bevölkerungsgruppe unter einer pauschalen ethnischen Zuschreibung.
Die TKG bezeichnet diesen Ansatz daher sinngemäß als: „Erst problematisieren, dann die Lösung anbieten.“ Ein solcher Zugang trägt nach ihrer Auffassung nicht zu einer sachlichen Integrationsdebatte bei und wird der gesellschaftlichen Realität in Österreich nicht gerecht.
Die Türkeistämmigen in Österreich die aus der Türkei Zugewanderten (auf Einladung der WKO Österreich und des Bundesministeriums ab 1960) sind heute keine Außenseiter, und bilden keine „Etablierten-Außenseiter-Figuration“.
„Etablierte und Außenseiter“ -Norbert Elias Studie 1958-161
Ausgangspunkt der Studie von Norbert Elias (Untersuchungszeitraum: 1958-1961) war die Beobachtung, dass sich die etablierten EngländerInnen in England (Güngörs vergleicht ÖsterreicherInnen) von den neuen MitbewohnerInnen, also den Engländern (er vergleicht hier die Neuankömmlinge als Türkischstämmige in Österreich) distanzierten und sich nicht auf private Kontakte mit den „Neuen“ einließen und es kam es zu einer massiven Stigmatisierung der Neuankömmlinge.
Stattdessen kam es zu einer massiven Stigmatisierung der Neuankömmlinge. Ein türkisches Sprichwort sagt: „Sitze krumm und spreche gerade und die Wahrheit“. Das kann man für Österreich und gegen ÖsterreicherInnen nicht behaupten und ist ungerecht. Im Gegenteil, viele ältere türkischstämmige Menschen erinnern sich trotz vieler Schwierigkeiten und Trümmer an ein mehr menschliches und freundliches Österreich. Insbesondere gegenüber Türkeistämmigen ( Waffenbruderschaft 1914-1918, Aufbau der modernen Atatürk-Türkei ab 1923 wo tausende ÖsterreicherInnen und UngarnInnen in Türkei bis 1960 GastarbeiterInnen bzw. Fachkräfte ). ÖsterreicherInnen haben in der Türkei ein sehr gutes Image, weil sie als GastarbeiterInnen , WissenschaftlerInnen, Künstler und Fachkräfte in allen Bereichen die moderne säkulare Republik mit aufgebaut haben, wofür wir bis heute dankbar sind.
Die Türkeistämmigen in Österreich die aus der Türkei Zugewanderten (auf Einladung der WKO Österreich und des Bundesministeriums ab 1960) sind heute keine Außenseiter, und bilden keine „Etablierten-Außenseiter-Figuration“.
Einzig normale Lebensform zu verabsolutieren (Kulturalismus, Neorassismus)
Und gerade deswegen halten den Artikel für sehr bedenklich, weil hier versucht wird, bestimmte Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuche einer bestimmten Gruppe von Menschen („den Türkeistämmigen“) sozusagen als einzig normale Lebensform zu verabsolutieren (Kulturalismus, Neorassismus) und „den Türkeistämmigen“ pauschal als selbstverständlich zuzuschreiben.
Dabei sind die Türkeistämmige in Österreich bunt, vielfältig und etabliert und keineswegs Außenseiterinnen und Außenseiter oder ewig Fremde geblieben, sondern überall in Österreich in allen Berufen und Lebensbereichen und in allen sozialen Klassen und Schichten präsent.
Die Zuschreibung Güngörs mit Überschrift und Foto dient in Wahrheit der bereits erwähnten Ausgrenzung „der Türkeistämmigen“ in Österreich. Mit der altbekannten Stammtischmethode „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ wird die Stimmung angeheizt und dient noch mehr der Abgrenzung, dem Hass, der Etikettierung und der Legitimation „erst jetzt bzw. ab jetzt“ von der Aufnahmegesellschaft nicht normal behandelt zu werden und dient den Rechtsextremen bzw. anderen Kräften unter dem Vorwand verschiedener Parteien aber einem Hass und Vorurteilen in vielen Lebensbereichen in Österreich und der EU gegenüber Türkeistämmige in Österreich bzw. in Europa haben.
Führte zu zahlreichen pauschalisierenden und abwertenden Reaktionen gegenüber Türkeistämmigen in Österreich
Nach Veröffentlichung des Gastkommentars waren in sozialen Medien und anderen Online-Foren zahlreiche pauschalisierende, abwertende und teils menschenverachtende Kommentare gegenüber Menschen mit türkischen Wurzeln in Österreich zu beobachten. Für viele Betroffene entstand dadurch der Eindruck, dass bestehende Vorurteile nicht hinterfragt, sondern vielmehr verstärkt und gesellschaftlich legitimiert würden.
Nach Auffassung der TKG kann eine derart pauschalisierende Darstellung einer sehr heterogenen Bevölkerungsgruppe dazu beitragen, gesellschaftliche Spannungen zu vertiefen und stereotype Wahrnehmungen zu verfestigen. Eine sachliche Integrationsdebatte sollte jedoch Brücken bauen und differenzieren, anstatt ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht zu stellen oder auf problematische Zuschreibungen zu reduzieren.
Die TKG lehnt daher pauschalisierende und stigmatisierende Darstellungen von Menschen aufgrund ihrer Herkunft entschieden ab und erhebt gegen solche Verallgemeinerungen Einspruch.
Bildsprache und Schlagzeile verstärken problematische Stereotype
Die Kombination aus Überschrift, Bildsprache und inhaltlicher Argumentation vermittelt nach Auffassung der TKG ein problematisches Gesamtbild. Insbesondere kann dadurch der Eindruck entstehen, Menschen mit türkischen Wurzeln seien auch nach Jahrzehnten des Lebens in Österreich grundsätzlich und dauerhaft „Außenseiter“ der österreichischen Gesellschaft.
Eine solche Darstellung wird weder der gesellschaftlichen Realität noch der tatsächlichen Vielfalt dieser Bevölkerungsgruppe gerecht. Menschen mit Wurzeln in der Türkei sind heute in Österreich in allen gesellschaftlichen Bereichen vertreten und leisten als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Unternehmerinnen und Unternehmer, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler sowie in zahlreichen weiteren Berufen einen wichtigen Beitrag zum Gemeinwesen.
Darüber hinaus kann eine solche Darstellung auch den unzutreffenden Eindruck erwecken, Österreich sei gegenüber Menschen mit türkischen Wurzeln grundsätzlich ausgrenzend eingestellt. Eine derartige Verallgemeinerung weist die TKG ausdrücklich zurück. Die große Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher begegnet Menschen unterschiedlicher Herkunft mit Respekt, Fairness und demokratischem Verantwortungsbewusstsein.
Gerade deshalb sollte eine verantwortungsvolle Integrationsdebatte differenzieren, konkrete Probleme benennen und Kritik präzise adressieren, anstatt pauschale Zuschreibungen gegenüber einer gesamten Bevölkerungsgruppe zu fördern.
Zum freien Shitstorm zur Verfügung gestellt?
Nach Auffassung der TKG wird durch die Kombination aus Überschrift, Bildsprache und Argumentation im STANDARD ein bestimmtes Bild von „Türkeistämmigen in Österreich“ verfestigt. Viele Betroffene empfinden diese Darstellung als herabwürdigend, weil sie eine sehr vielfältige Bevölkerungsgruppe auf wenige stereotype Merkmale reduziert.
Zahlreiche Leserinnen und Leser mit Wurzeln in der Türkei hatten nach Erscheinen des Gastkommentars den Eindruck, als würden sie allein aufgrund ihrer Herkunft kollektiv bewertet und unter Generalverdacht gestellt. In sozialen Medien und anderen Internetforen waren in der Folge zahlreiche pauschalisierende, abwertende und teilweise menschenverachtende Kommentare gegenüber Türkeistämmigen zu beobachten.
Die TKG sieht daher die Gefahr, dass eine solche Darstellung bestehende Vorurteile verstärken und Menschen mit türkischen Wurzeln einer breiten öffentlichen Abwertung aussetzen kann.
Die Fallstricke des Kulturalismus
Mit Kritik können wir umgehen. Kritik ist notwendig, um Fehler zu erkennen und gesellschaftliche Entwicklungen zu verbessern. Problematisch wird es jedoch dort, wo nicht einzelne Personen, Gruppen oder konkrete politische Strömungen kritisiert werden, sondern eine gesamte Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Herkunft oder einer vermeintlich gemeinsamen Kultur erklärt und bewertet wird.
Gerade darin sehen wir die Gefahr des Kulturalismus. Komplexe gesellschaftliche Fragen werden auf kulturelle Zuschreibungen reduziert. Aus Individuen werden Gruppen, aus Gruppen werden Stereotype und aus Stereotypen werden vermeintliche Erklärungen.
Wenn mehr als tausend Leserinnen und Leser unter einem Gastkommentar eine Minderheitengruppe diskutieren, kritisieren oder verurteilen, dann trägt auch die gewählte Darstellung Verantwortung dafür, wie diese Diskussion geführt wird.
Eine herablassende, pauschalisierende oder vereinfachende Ferndiagnose über Hunderttausende Menschen wird weder der gesellschaftlichen Realität noch der Vielfalt der Betroffenen gerecht und schadet aus Sicht der TKG den Integrationsbemühungen in Österreich.
Statt Pauschalisierung aller Türkeistämmigen bitte konkrete Kritik
Wir kritisieren seit Jahren namentlich jene reaktionären, extremistischen, demokratiefeindlichen oder fundamentalistischen Gruppierungen aus der Türkei, die unter dem Deckmantel von Religion, Nationalismus oder politischer Loyalität die freiheitlich-demokratische Grundordnung Österreichs missbrauchen.
Deshalb halten wir Pauschalisierungen wie „die Türkeistämmigen in Österreich“ für problematisch. Wer konkrete politische oder gesellschaftliche Missstände kritisieren möchte, sollte die verantwortlichen Akteure benennen und nicht Hunderttausende Menschen unter einer gemeinsamen ethnischen Zuschreibung zusammenfassen.
Menschen ermutigen statt entmutigen
Menschen mit Wurzeln in der Türkei sollten ermutigt werden, Verantwortung zu übernehmen, sich gesellschaftlich einzubringen und ihre demokratischen Rechte wahrzunehmen. Integration gelingt durch Bildung, Arbeit, Sprache, Leistung und gegenseitigen Respekt – nicht durch pauschale Zuschreibungen.
Die TKG ist überzeugt, dass Österreich von einer differenzierten Debatte mehr profitiert als von einer Diskussion, die den Eindruck erweckt, eine gesamte Bevölkerungsgruppe sei dauerhaft „Außenseiter“.
Die türkeistämmigen Menschen sind kein Selbstbedienungsladen
Wir appellieren an alle Menschen mit Wurzeln in der Türkei in Österreich, ihre demokratischen Rechte selbstbewusst wahrzunehmen, sich weiterhin aktiv für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzusetzen und sich weder einschüchtern noch gegeneinander ausspielen zu lassen.
Dazu braucht es keine Einflussnahme aus dem Ausland, von welcher Seite auch immer. Es genügt die österreichische Bundesverfassung, die Achtung der Menschenwürde und der aufklärerische Geist einer offenen Gesellschaft. Wer diese Grundsätze verinnerlicht, braucht weder politische Vormünder noch kulturelle Aufseher.
Menschen mit Wurzeln in der Türkei dürfen nicht zum Gegenstand politischer, medialer oder integrationspolitischer Experimente werden. Sie sind keine statistische Größe, keine Projektionsfläche gesellschaftlicher Ängste und kein Material für sozialwissenschaftliche Ferndiagnosen. Sie sind Menschen. Sie sind Bürgerinnen und Bürger, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Unternehmerinnen und Unternehmer, Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler, Familienväter und Familienmütter. Sie sind Teil Österreichs.
Entschuldigung in aller Freundschaft, aber die türkeistämmigen Menschen sind kein Selbstbedienungsladen für Politik, Medien, Integrationsindustrie oder akademische Karrieren. Sie sind auch kein gesellschaftliches Versuchsfeld, auf dem man nach Belieben Theorien erprobt, Etiketten verteilt oder immer neue Defizitbeschreibungen produziert. Wer Menschen über Jahrzehnte hinweg erklärt, untersucht, kategorisiert und problematisiert, sollte gelegentlich auch zuhören.
Nach dieser Sachverhaltsdarstellung erwarten wir zumindest eines
Wir erwarten von Herrn Güngör als Mitglied des Expertenrats der Bundesregierung für Integration, als Integrationsexperten sowie als Mitglied des Integrationsbeirats der Stadt Wien, dass er sich von pauschalisierenden Zuschreibungen gegenüber Türkeistämmigen in Österreich heute und künftig ausdrücklich distanziert.
Die Gründe wurden oben in dieser Sachverhaltsdarstellung dargelegt. Es folgt eine ausführlichere Darstellung mit historischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bezügen, Bildern, Fakten, Vergleichen und Quellen. Möglicherweise wird daraus eines Tages ein kritischer Essay oder ein Buch entstehen, ähnlich unserem Essayband „Einspruch gegen Fakehistory“.
Denn das Thema „Türkeistämmige in Österreich“ ist zu sensibel, zu komplex und zu missbrauchsanfällig, um es einfachen Formeln zu überlassen. Es kann von politischen Akteuren, ideologischen Gruppen und Interessensvertretern im In- und Ausland instrumentalisiert werden. Wer mit solchen Zuschreibungen arbeitet, sollte sich der gesellschaftlichen Folgen bewusst sein.
Wir sehen und beobachten diese Entwicklungen seit vielen Jahren. Gerade deshalb halten wir es für unsere demokratische Pflicht, mit unseren bescheidenen Mitteln aufzuklären, zu widersprechen und zu warnen. Nicht aus Feindseligkeit, sondern aus Verantwortung. Nicht gegen Österreich, sondern für Österreich.
Österreich bietet sehr viel
Die versöhnliche Schlussbemerkung des Gastkommentars kann uns nach der gewählten Überschrift und den darin enthaltenen Verallgemeinerungen nicht beruhigen: „Es gibt viel Luft nach oben, wir sind nicht im Stau, wir sind der Stau.“
Was für ein Stau bitte?
Österreich hat den Menschen aus der Türkei sehr viel gegeben. Dafür sind viele dankbar. Gleichzeitig haben Hunderttausende Menschen aus der Türkei in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel für Österreich geleistet. Sie haben gearbeitet, Unternehmen gegründet, Steuern bezahlt, Kinder großgezogen, Häuser gebaut, Kranke gepflegt, Wissen vermittelt und Wohlstand geschaffen.
Die überwältigende Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher ist weder rassistisch noch von pauschalen Vorurteilen gegenüber Menschen mit Wurzeln in der Türkei geprägt. Wer Österreich auf Rassismus reduziert, wird diesem Land ebenso wenig gerecht wie jener, der alle Türkeistämmigen auf Integrationsdefizite reduziert.
Österreich ist größer als seine Vorurteile. Und die türkeistämmigen Menschen in Österreich sind größer als die Klischees, mit denen man sie gelegentlich beschreibt.
Deshalb können wir an dieser Stelle nur eines sagen:
Danke Österreich.
Ja, es gibt Probleme. Wie in jeder offenen Gesellschaft. Aber wir werden sie nur lösen, wenn wir unterscheiden statt verallgemeinern, wenn wir differenzieren statt stigmatisieren und wenn wir gemeinsam die Spreu vom Weizen trennen, ohne dabei ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht zu stellen.
Denn Integration beginnt dort, wo Menschen einander als Individuen begegnen – und endet dort, wo sie nur noch als Kategorie betrachtet werden.
Türkische Kultuurgemeinde in Österreich (TKG Think Tank)
Wien, 13.09.2023
Links und Quellen:
Türkeistämmige in Österreich – die etablierten Außenseiter von Kenan Güngör, Gastkommentar, Standard am 29.08.2023
Schon lange hier – und doch fremd geblieben. Das liegt auch, aber nicht nur an gesellschaftlicher Ausgrenzung
https://www.derstandard.at/story/3000000184653/die-etablierten-au223enseiter
Einspruch: “Erdogan hat den TürkInnen Selbstwertgefühl gegeben.”
Einspruch: “Erdogan hat den TürkInnen Selbstwertgefühl gegeben.”

















