ÖsterreichPolitikTürkei

Ein österreichischer Verleger mit türkischen Wurzeln bringt österreichische Erinnerungsgeschichte ins Parlament

von r.n.l Birol Kilic, Harald Böck, Christoph Bathelt, Frau Bathelt

Das Buch „Die Heimat in der Schultasche“ wurde in den Sonderbereich „Altösterreich“ der Parlamentsbibliothek aufgenommen. Die Graphic Novel erzählt eine wahre Fluchtgeschichte aus der Perspektive eines Kindes – und erinnert daran, wie Krieg, Vertreibung und Neubeginn die österreichische Nachkriegsgeschichte bis heute prägen.

Wien, 08.07.2026 –Das 2023 im Wiener Neue Welt Verlag erschienene Buch „Die Heimat in der Schultasche“ wurde in den Sonderbereich „Altösterreich“ der Bibliothek des Österreichischen Parlaments aufgenommen. Der Direktor der Parlamentsbibliothek, Mag. Harald Böck, empfing Vertreter des Verlags gemeinsam mit dem Autor, Historiker und Publizisten Christoph Bathelt, der die Geschichte seiner eigenen Familie dokumentiert hat, sowie dessen Mutter. Ebenfalls anwesend war der Verleger des Buches und CEO des Neue Welt Verlags, der Publizist, Autor, Verleger und Obmann der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKG Think Tank), Prof. DI Birol Kılıç. Böck gab dabei auch einen kurzen Überblick über die Parlamentsbibliothek und stellte das Werk persönlich in den Ausstellungsbereich.

Die Programmphilosophie des Neue Welt Verlags wird auf der Webseite als österreichisch beschrieben, aber stets mit dem Blick über die Grenzen hinaus in die „Neue Welt“. Genau in diesem Sinne steht auch dieses Buch: Es erzählt eine österreichische und mitteleuropäische Geschichte, öffnet sie aber zugleich für eine breitere europäische und menschliche Perspektive.

Eine Graphic Novel über ein Kriegskind

Bei dem Buch handelt es sich um eine Graphic Novel, die auf einer wahren Flucht- und Vertreibungsgeschichte beruht. Im Mittelpunkt steht Heinz Herwig Bathelt, der am Ende des Zweiten Weltkriegs als sechsjähriges Kind aus Schlesien nach Österreich kam. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines Kindes erzählt und macht erfahrbar, was Krieg, Heimatverlust, Angst, Unsicherheit und Entwurzelung für jene bedeuteten, die als Kinder keine Entscheidung über ihr Schicksal treffen konnten und dennoch die Folgen der großen politischen Katastrophen Europas tragen mussten.

„Altösterreich“ als historischer Erinnerungsraum

Dass dieses Buch in der Parlamentsbibliothek im Sonderbereich „Altösterreich“ Platz findet, ist mehr als die bloße Aufnahme eines einzelnen Titels in eine Sammlung. Es berührt einen größeren historischen Zusammenhang: die Erinnerung an das alte Österreich, an die ehemalige Habsburgermonarchie, an die nach dem Zerfall alter Ordnungen entstandenen Brüche, an Krieg, Zerstörung, Flucht, Vertreibung und an jene Menschen, die nach 1945 ihre Heimat verloren, in Österreich eine neue Heimat fanden, obwohl sie dort lange nicht willkommen waren. In diesem Zusammenhang wird „Die Heimat in der Schultasche“ zu einem Werk, das nicht nur eine Familiengeschichte erzählt, sondern ein Stück europäischer Erfahrungsgeschichte sichtbar macht.

Der Begriff „Altösterreich“

Der Begriff „Altösterreich“ verweist auf eine historische Welt, die nach dem Ersten Weltkrieg politisch zerbrach, deren kulturelle, familiäre und biografische Spuren aber bis heute in vielen Lebensgeschichten fortwirken. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Millionen Menschen aus Regionen Mittel- und Osteuropas vertrieben oder mussten fliehen. Viele von ihnen kamen nach Österreich. Unter ihnen befanden sich Menschen, deren Familiengeschichten mit dem alten Österreich, mit der Habsburgermonarchie, mit Schlesien, Böhmen, Mähren, der Bukowina, Galizien oder anderen Regionen des einstigen mitteleuropäischen Raumes verbunden waren.

Das Parlament als Ort demokratischer Erinnerung

Die Aufnahme eines solchen Buches in die Bibliothek des Österreichischen Parlaments ist daher auch erinnerungspolitisch von Bedeutung. Das Parlament ist nicht nur ein Ort der Gesetzgebung. Es ist auch ein Ort des demokratischen Gedächtnisses. Dort wird sichtbar, welche Themen eine Republik als Teil ihrer historischen Verantwortung versteht. Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg gehören zu diesen Themen. Sie betreffen nicht nur Statistiken, Grenzverschiebungen oder politische Abkommen, sondern konkrete Menschen, Familien, Kinder und Biografien.

Erinnerung ohne Hass

„Die Heimat in der Schultasche“ nähert sich diesem Thema nicht mit einer Sprache der Anklage, der Verbitterung oder der Rache. Das Buch erzählt von Schmerz, Verlust und Armut, aber es verwandelt diese Erfahrung nicht in Hass. Gerade darin liegt seine besondere Stärke. Es zeigt, dass Erinnerung nicht spalten muss. Erinnerung kann auch verbinden, wenn sie menschliches Leid ernst nimmt und zugleich den Willen zur Versöhnung bewahrt.

Die Heimat in der Schultasche

Der Titel des Buches ist dabei programmatisch. Die Heimat passt nicht wirklich in eine Schultasche. Und doch trägt ein Kind, das aus seiner Welt herausgerissen wird, Reste dieser Heimat mit sich: Erinnerungen, Bilder, Gerüche, Ängste, einzelne Gegenstände, Bruchstücke von Sprache und Familie. Die Schultasche wird so zu einem Symbol für eine verlorene Kindheit und für den Versuch, in einer neuen Umgebung weiterzuleben. Das Buch macht diese Erfahrung in einer Form zugänglich, die auch junge Leserinnen und Leser erreichen kann.

Frauen und Kinder als Opfer von Krieg und Gewalt

Der Neue Welt Verlag beschreibt das Werk als eine wahre Fluchtgeschichte am Ende des Zweiten Weltkriegs. Frauen und Kinder seien oft die hilflosesten Opfer von Krieg und Gewalt. Diese Feststellung bildet den humanitären Kern des Projekts. Fast täglich sehen Menschen heute in den Medien Bilder von Kriegen, Vertreibungen und zerstörten Lebenswelten. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er-Jahren und der aktuelle Krieg in der Ukraine oder anderen Ländern haben erneut gezeigt, dass Flucht und Heimatverlust keine fernen historischen Begriffe sind. Sie können jederzeit auch in unmittelbarer europäischer Nachbarschaft Realität werden.

Das lange Schweigen über Vertreibung

Gleichzeitig erinnert das Buch daran, dass auch Deutschland und Österreich selbst in großem Ausmaß von Flucht und Vertreibung betroffen waren. Millionen deutschsprachige Menschen verloren nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat. In vielen Familien blieb diese Erfahrung lange unausgesprochen. Trauerarbeit, Traumabewältigung und eine breitere öffentliche Beschäftigung mit den sogenannten Kriegskindern setzten vielerorts erst spät ein. Gerade deshalb kommt Werken, die diese Erfahrungen verständlich, empathisch und ohne ideologische Verhärtung erzählen, eine besondere Bedeutung zu.

Ein schwieriges Thema in zugänglicher Form

Die Entscheidung, die Geschichte von Heinz Herwig Bathelt als Graphic Novel zu erzählen, ist ebenfalls bemerkenswert. Umfangreiche wissenschaftliche Werke über Flucht, Vertreibung und Kriegskinder sind wichtig, erreichen aber oft nur ein spezialisiertes Publikum. Eine Graphic Novel kann einen anderen Zugang eröffnen. Sie verbindet Text und Bild, historische Erfahrung und emotionale Anschaulichkeit. Sie kann jungen Menschen einen Einstieg in ein schwieriges Thema ermöglichen, ohne die Schwere des Stoffes zu verharmlosen.

Der Autor Christoph Bathelt über seinen Vater Heinz Herwig Bathelt

Der Autor, Historiker und Publizist Christoph Bathelt, der die Geschichte seines Vaters dokumentiert hat, beschreibt die Bedeutung des Projekts mit persönlichen Worten. Das Trauma der Flucht und die darauffolgende arme Kindheit hätten seinen Vater Heinz Herwig Bathelt  tief geprägt, ihn aber nie verbittert oder verhärtet. Die Erfahrungen seines Vaters bestätigten für ihn ein Wort Viktor Frankls, wonach es nur zwei menschliche „Rassen“ gebe: die „Rasse“ der anständigen Menschen und die „Rasse“ der unanständigen Menschen.

Bathelt betont, er sei froh, dass der Neue Welt Verlag und sein Freund Birol Kılıç diese Absicht verstanden und das Buch veröffentlicht hätten, weil es das Verbindende und damit Versöhnende dokumentiere. Das Buch könne auch für heutige Migrantinnen und Migranten ein Tor sein, um sich besser mit den Empfindlichkeiten ihrer neuen Heimat auseinanderzusetzen, wenn sie verstehen, wie diese Gesellschaft entstanden ist.

Brücke zur Gegenwart

Diese Aussage verweist auf eine zweite Ebene des Buches. Es geht nicht nur um die Vergangenheit der Vertriebenen nach 1945. Es geht auch um die Frage, wie heutige Gesellschaften mit Erinnerung umgehen. Wer selbst eine Migrationsgeschichte hat oder aus einer Familie stammt, die Vertreibung, Flucht, Krieg oder Entwurzelung erlebt hat, kann in solchen historischen Erfahrungen Anknüpfungspunkte finden. Die Geschichte der Heimatvertriebenen ist daher nicht nur eine Geschichte der Vergangenheit. Sie kann auch helfen, heutige Debatten über Zugehörigkeit, Integration, Heimat und Verantwortung differenzierter zu führen.

Neue Welt Verlag: Österreichisch mit Blick in die „Neue Welt“

Der Verleger Birol Kılıç beschreibt die Programmphilosophie des Neue Welt Verlags als österreichisch, aber zugleich offen für den Blick über Grenzen hinaus. Der Verlag wolle seit vielen Jahren Brücken zwischen Menschen, Kulturen und Generationen bauen – mit Humanismus, Friedensverständnis und Empathie. Mit diesem Projekt sei nicht nur formal etwas Neues geschaffen worden. Es sei auch ein Thema gewählt worden, das die Vergangenheit des europäischen Kontinents bis heute präge.

 

Europäische Fluchtgeschichten

Kılıç verweist in diesem Zusammenhang auch auf andere Flucht- und Vertreibungserfahrungen in Europa. Er habe viele Geschichten von Türken, Albanern und Bosniaken gehört, die vom Balkan vertrieben wurden und in die Türkei geflüchtet waren, sowie von Menschen, die vor und nach dem Ersten Weltkrieg durch Gewalt, Massaker und politische Umbrüche ihr Hab und Gut verloren hätten. Österreich, Ungarn und Deutschland waren im Ersten Weltkrieg Waffenbrüder. Auch die Erfahrungen von Bosniaken, die aus Bosnien flohen, und von Menschen aus dem Kosovo, die seit den 1990er-Jahren als Flüchtlinge nach Wien und Österreich kamen, sich hier ein neues Leben aufbauten und integrierten, seien Teil einer europäischen Erinnerung, die dokumentiert werden müsse.

Damit spannt das Buch einen Bogen zwischen verschiedenen historischen Erfahrungen von Flucht und Vertreibung. Die Geschichte eines schlesischen Kindes am Ende des Zweiten Weltkriegs steht nicht isoliert. Sie verweist auf ein Grundthema Europas: Menschen verlieren ihre Heimat durch Krieg, Nationalismus, Gewalt, Zusammenbruch von Staaten und politische Radikalisierung. Manche schaffen es, in einer neuen Umgebung Fuß zu fassen. Andere bleiben ein Leben lang von Verlust und Trauma geprägt. Eine demokratische Erinnerungskultur muss diese Erfahrungen ernst nehmen, ohne sie gegeneinander auszuspielen.

Frieden als Grundhaltung: „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt“

In der Stellungnahme des Verlegers wird auch der Friedensgedanke ausdrücklich betont. Kılıç verweist auf Mustafa Kemal Atatürks Grundsatz „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt“ und auf die Überzeugung, dass Krieg nur dann legitim sein könne, wenn er der Verteidigung des Vaterlandes diene. Daraus leitet er eine klare Haltung ab: Europa, Österreich und die Welt bräuchten eine Kultur des Friedens, der Wachsamkeit und der demokratischen Verantwortung. Für die freiheitlich-demokratische säkulare  Grundordnung des Rechtsstaates müsse man jeden Tag eintreten.

Eine typische und zugleich außergewöhnliche Geschichte

Die Geschichte von Heinz H. Bathelt ist nach Angaben des Verlags einerseits typisch für viele Menschen seiner Generation, andererseits aber wegen seiner genauen Beobachtungsgabe und zahlreicher überraschender Details außergewöhnlich. Illustriert wurde das Buch von der slowakischen Grafikerin Klára Štefanovičová. Es erschien im DIN-A4-Format, als Softcover, und umfasst 32 farbige Seiten.

Österreichische Erinnerungsgeschichte

Ein österreichischer Verleger mit türkischen Wurzeln publiziert österreichische Erinnerungsgeschichte. Das ist für den Neue Welt Verlag kein Einzelfall. Der Verlag hat sich bereits in früheren Publikationen mit historischen Verbindungslinien zwischen Österreich, Europa und der Türkei beschäftigt. Dazu zählen unter anderem das gemeinsam mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften herausgegebene Werk „Orient und Okzident – 500 Jahre Erinnerungen und Wahrnehmungen“, Publikationen zu dem bedeutenden Turkologen Prof. Dr. Andreas Tietze sowie das Buch über den Altösterreicher Heinrich Krippel, der als Bildhauer zentraler Atatürk-Denkmäler in die Geschichte einging. Der Verlag unterstützte zudem das Denkmal für Krippel in Ober-St.-Veit.

„Nicht nur eine biografische Randnotiz“

Besonders hervorzuheben ist der verlegerische Hintergrund dieses Projekts. Birol Kılıç, Publizist und Verleger des Neue Welt Verlags in Wien, hat mit „Die Heimat in der Schultasche“ ein Werk über eines der sensibelsten Kapitel der österreichischen und mitteleuropäischen Nachkriegsgeschichte herausgegeben: Flucht, Vertreibung, Heimatvertriebene, Kriegskinder und die Suche nach einer neuen Heimat.

Aus Sicht von Birol Kılıç ist „Die Heimat in der Schultasche“ nicht nur eine biografische Randnotiz, sondern ein kulturpolitisch bedeutsames Erinnerungsprojekt. Ein österreichischer Verlag mit türkisch geprägter Verlegerbiografie widmet sich damit einem österreichischen und mitteleuropäischen Thema, das tief in die Geschichte dieses Landes hineinreicht: Flucht, Vertreibung, Heimatverlust und der schwierige Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg.

Damit steht auch „Die Heimat in der Schultasche“ in einer verlegerischen Linie, die österreichische Geschichte nicht eng national, sondern als Teil eines größeren europäischen und kulturellen Gedächtnisses versteht. Österreich erscheint in dieser Perspektive als ein Land mit Höhen und Tiefen, mit großen Söhnen und Töchtern unterschiedlicher Herkunft, aber mit einer gemeinsamen Verantwortung für Erinnerung, Demokratie und Frieden.

Zugehörigkeit durch Verantwortung und Taten

In einer Zeit, in der Herkunft oft als Trennlinie verstanden wird, zeigt dieses Buch das Gegenteil. Ein österreichischer Verleger mit türkischer und migrantischer Biografie trägt dazu bei, eine österreichische Schmerzerfahrung sichtbar zu machen und in die öffentliche Erinnerung einzuschreiben. Er macht damit deutlich, dass Zugehörigkeit zu Österreich nicht nur über Abstammung, sondern auch über Verantwortung, Respekt vor der Geschichte des Landes und aktive Teilnahme an seiner demokratischen Kultur entsteht. Ohne diese Menschen und alle Menschen in Österreich wäre der demokratische und wirtschaftliche Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg in dieser Form nicht möglich gewesen.

Ein Beitrag zur gemeinsamen Erinnerung

Die Aufnahme von „Die Heimat in der Schultasche“ in den Sonderbereich „Altösterreich“ der Parlamentsbibliothek ist deshalb nicht nur für den Neue Welt Verlag von Bedeutung. Sie ist auch ein Zeichen dafür, dass Erinnerungskultur offen, verbindend und dialogfähig sein kann. Das Werk zeigt, dass ein österreichischer Verleger mit türkischen Wurzeln in Österreich nicht auf Themen wie Migration, Integration oder Minderheiten reduziert werden muss, sondern auch über die historischen Wunden und Schmerzen der österreichischen Mehrheitsgesellschaft publizieren kann. Genau darin liegt die eigentliche Stärke dieses Buches: Es verbindet historische Sensibilität mit humanistischer Haltung und macht aus einer Familiengeschichte einen Beitrag zur gemeinsamen österreichischen und europäischen Erinnerung.

Weitere Informationen zum Buch:

https://oe1.orf.at/ugcsubmission/view/40fadb02-68d7-45a0-8a0b-1c2248443707/Die-Flucht-aus-Sicht-eines-sechsjaehrigen-Kindes

https://neueweltverlag.at/krieg-und-kriegsfolgen-als-graphic-novel/

https://neueweltverlag.at/

You may also like

More in Österreich