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Güngörs Fehldiagnosen: Von den „etablierten Außenseitern“ zur „Arabisierung“ der Türkeistämmigen in Österreich – dieselben Menschen, neue Etiketten

Von den „etablierten Außenseitern“ zur „Arabisierung“: Kenan Güngör, die Wiener Migrantenstudie und offene Fragen an Medien, Politik und Wissenschaft.

Eine Debatte, die größer geworden ist als die Studie selbst.   Zehn Tage später nach der TKG  Kritik mit dem Titel am 13.05.2026, “ Die TKG fordert von den Verantwortlichen der Güngör-Studie wissenschaftliche „Verantwortung“ veröffentlichte DER STANDARD den Beitrag am 23.05.2026  „Valide oder wertlos? Warum die Wiener Migrantenstudie für Streit sorgt“.

2023 beschrieb Kenan Güngör die Türkeistämmigen in Österreich im STANDARD als „etablierte Außenseiter“, die „schon lange hier – und doch fremd geblieben“ seien. Drei Jahre später warnt derselbe Autor vor einer angeblichen „Arabisierung“ derselben Bevölkerungsgruppe. Die Begriffe wechseln, die Diagnosen wechseln, die betroffene Community bleibt dieselbe. Die TKG dokumentiert die Hintergründe, Widersprüche und gesellschaftlichen Folgen dieser wiederkehrenden Fremdheitsdiagnosen.

Die Diskussion um die sogenannte Wiener Migrantenstudie von Kenan Doğan Güngör ist längst keine rein wissenschaftliche Auseinandersetzung mehr. Sie hat Medien, Politik, Integrationsinstitutionen und zahlreiche gesellschaftliche Akteure erreicht. Mit ihren Ergebnissen wurden politische Bewertungen begründet, gesellschaftliche Entwicklungen erklärt und weitreichende Aussagen über muslimische Jugendliche, Menschen mit Migrationsgeschichte und ganze Herkunftsgruppen getroffen.

Gerade deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob die öffentliche Wirkung dieser Studie tatsächlich im Verhältnis zu ihrer wissenschaftlichen Belastbarkeit steht.

Je größer die öffentliche Wirkung einer Untersuchung ist, desto größer wird auch die Verantwortung ihrer Autorinnen und Autoren sowie jener Medien und Institutionen, die ihre Ergebnisse verbreiten.

13. Mai 2026: Die TKG stellte grundlegende Fragen zur wissenschaftlichen Belastbarkeit der Studie

Bereits am 13. Mai 2026 veröffentlichte die Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG) eine ausführliche öffentliche Kritik an der Wiener Migrantenstudie. Im Mittelpunkt standen dabei nicht parteipolitische Fragen, sondern wissenschaftliche und gesellschaftliche Grundsatzfragen.

Die TKG stellte damals die Frage, wie eine ausdrücklich nicht repräsentative Untersuchung als Grundlage weitreichender gesellschaftlicher Diagnosen über muslimische Jugendliche, Menschen mit Migrationsgeschichte und ganze Herkunftsgruppen dienen könne. Kritisiert wurden insbesondere die fehlende Repräsentativität der Stichprobe, die weitreichenden Verallgemeinerungen, die Vermischung empirischer Ergebnisse mit gesellschaftspolitischen Interpretationen sowie die Gefahr, dass methodische Einschränkungen in den Hintergrund geraten, während gesellschaftliche Diagnosen als gesicherte Erkenntnisse präsentiert werden.

Die TKG warnte davor, dass aus statistischen Beobachtungen gesellschaftliche Wahrheiten werden könnten und dass auf dieser Grundlage Bilder über Muslime, Migranten und Türkeistämmige entstehen, die weit über die tatsächliche Aussagekraft der Daten hinausreichen.

23. Mai 2026: Der STANDARD greift die Debatte auf

Zehn Tage später veröffentlichte DER STANDARD den Beitrag „Valide oder wertlos? Warum die Wiener Migrantenstudie für Streit sorgt“.

Der Artikel sollte offensichtlich die Kontroverse um die Studie einordnen. Bemerkenswert war dabei, dass mehrere der vom STANDARD befragten Fachleute genau jene Fragen aufgriffen, die bereits zuvor öffentlich diskutiert worden waren.

Die Extremismusforscherin Daniela Pisoiu erklärte, dass es eine „Repräsentativitätsnähe“ nicht gebe. Entweder sei eine Befragung repräsentativ oder nicht. Noch deutlicher wurde ihre Aussage, man könne „mit den Zahlen aus der Studie eigentlich nichts anfangen“.

Der Politologe Rami Ali warnte vor Verallgemeinerungen, die über die tatsächliche Aussagekraft der Daten hinausgehen.

Das Leibniz-Institut GESIS verwies darauf, dass Umfragen ohne Zufallsstichprobe keine geeignete Grundlage darstellen, wenn Aussagen über eine Gesamtpopulation getroffen werden sollen.

Damit standen plötzlich genau jene Themen im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion, die bereits zuvor Gegenstand kritischer Nachfragen gewesen waren: Repräsentativität, Aussagekraft, Verallgemeinerung und gesellschaftliche Verantwortung.

Eine weitere bemerkenswerte Asymmetrie

Bemerkenswert erscheint auch die publizistische Behandlung der Debatte.

Während zahlreiche Berichte über die Kritik an der Studie frei zugänglich waren, erschien ausgerechnet der ausführliche STANDARD-Beitrag vom 23. Mai 2026, der die von Kenan Güngör vertretene Position ausführlich darstellte und verteidigte, hinter einer Bezahlschranke.

Die TKG bewertet diesen Umstand nicht als Beweis für eine politische Absicht. Dennoch bleibt die Frage legitim, weshalb ausgerechnet jener Beitrag, in dem die Studie gegen ihre Kritiker verteidigt wird, einer breiteren Öffentlichkeit nur eingeschränkt zugänglich war. Gerade bei gesellschaftlich sensiblen Debatten über Integration, Muslime und Minderheiten sollte Transparenz Vorrang vor Zugangshürden haben.

„Repräsentativitätsnah“ – ein wissenschaftlicher Begriff oder eine sprachliche Konstruktion?

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Verteidigungslinie von Kenan Güngör.

Im STANDARD erklärte er, die Studie sei zwar nicht repräsentativ „im strengen Sinn“, jedoch „repräsentativitätsnah“. Darüber hinaus bezeichnete er die Ergebnisse als „valide und belastbar“ und erklärte, eine tatsächlich repräsentative Untersuchung würde vermutlich „nicht signifikant andere Ergebnisse“ liefern.

Gerade an diesem Punkt beginnt die eigentliche wissenschaftliche Debatte.

Wenn Fachleute erklären, dass es eine Kategorie wie „Repräsentativitätsnähe“ nicht gebe, stellt sich zwangsläufig die Frage, welche wissenschaftliche Funktion dieser Begriff erfüllt. Handelt es sich um eine anerkannte methodische Kategorie oder um eine sprachliche Konstruktion, die das Problem einer fehlenden Repräsentativität abschwächen soll?

Ebenso stellt sich die Frage, auf welcher Grundlage Aussagen über die Ergebnisse einer Studie getroffen werden können, die nie durchgeführt wurde. Die Behauptung, eine repräsentative Untersuchung würde vermutlich zu ähnlichen Resultaten gelangen, mag eine persönliche Einschätzung sein. Sie ist jedoch kein empirischer Befund.

Gerade deshalb ist die Diskussion über die wissenschaftliche Tragfähigkeit dieser Aussagen legitim und notwendig.

„Daumen mal Pi“? Wenn aus einer gesellschaftlichen Diagnose plötzlich eine Schätzung wird

Besonders bemerkenswert erscheint eine weitere Aussage von Kenan Güngör im STANDARD. Auf die Frage, ob die Ergebnisse der nicht repräsentativen Studie auf die Gesamtheit der muslimischen Jugendlichen in Wien übertragbar seien, antwortete er sinngemäß mit „Daumen mal Pi“ in ähnlichem Ausmaß und erklärte zugleich, eine repräsentative Studie würde „nicht signifikant andere Ergebnisse“ liefern.

Gerade diese Formulierung verdient besondere Aufmerksamkeit. Denn über Monate hinweg wurde die Wiener Migrantenstudie von Medien, Politikerinnen und Politikern, Institutionen und Interessenvertretungen als wichtige Grundlage für integrationspolitische Debatten präsentiert. Mit ihren Ergebnissen wurden gesellschaftliche Entwicklungen erklärt, politische Forderungen begründet und weitreichende Aussagen über muslimische Jugendliche und Menschen mit Migrationsgeschichte getroffen.

Umso bemerkenswerter erscheint es, wenn ausgerechnet der Studienleiter selbst die Übertragbarkeit seiner Ergebnisse letztlich mit einer „Daumen mal Pi“-Einschätzung verteidigt — während dieselbe Studie von zahlreichen politischen Akteuren, Medien und Institutionen als seriöse Grundlage für integrationspolitische Bewertungen herangezogen wurde. Denn die Frage betrifft nicht eine nebensächliche statistische Feinheit. Sie betrifft den Kern der öffentlichen Legitimation der Studie.

Wenn eine Untersuchung ausdrücklich nicht repräsentativ ist, gleichzeitig aber Rückschlüsse auf zehntausende Jugendliche gezogen werden, dann handelt es sich nicht mehr nur um eine methodische Debatte. Dann stellt sich die Frage nach der wissenschaftlichen Belastbarkeit jener gesellschaftlichen Diagnosen, die auf dieser Grundlage verbreitet wurden.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Schätzungen im Alltag zulässig sind. Die eigentliche Frage lautet, ob weitreichende gesellschaftliche Diagnosen über muslimische Jugendliche, Menschen mit Migrationsgeschichte und ganze Herkunftsgruppen auf eine Datengrundlage gestützt werden dürfen, deren Übertragbarkeit letztlich selbst vom Studienautor nicht empirisch nachgewiesen, sondern lediglich vermutet wird.

Je größer die politische Wirkung, je größer die mediale Reichweite und je größer die gesellschaftlichen Folgen einer Studie sind, desto kleiner sollte der Raum für „Daumen mal Pi“ werden. Wo mit wissenschaftlicher Autorität gesprochen wird, sollten Vermutungen nicht den Stellenwert von Belegen erhalten.

Wie wurde aus einer umstrittenen Studie eine gesellschaftliche Referenz?

Die eigentliche Geschichte beginnt nicht bei der Studie selbst.

Sie beginnt dort, wo aus einer Studie politische und gesellschaftliche Rückschlüsse gezogen werden.

Die Wiener Migrantenstudie wurde in zahlreichen Berichten, Interviews, Diskussionen und politischen Stellungnahmen als Referenz verwendet. Mit ihrer Hilfe wurden Aussagen über Integrationsprobleme, religiöse Einstellungen, Demokratieverständnis und gesellschaftliche Entwicklungen getroffen.

Deshalb stellt sich heute eine Reihe von  TKG Fragen:

1-) Wie oft wurde diese Studie in politischen Debatten zitiert?

2-) Wie oft wurde sie als seriöse Grundlage gesellschaftlicher Diagnosen verwendet?

3-) Wie viele mediale Berichte stützten sich auf ihre Ergebnisse?

4-) Und wie viele Menschen wurden aufgrund dieser Interpretationen pauschal als Teil eines Problems wahrgenommen?

Es geht dabei nicht um die Frage, ob Forschung kritisiert werden darf.

Es geht um die Frage, wer Verantwortung übernimmt, wenn aus wissenschaftlich umstrittenen Ergebnissen gesellschaftliche Gewissheiten entstehen.

29. August 2023: Als die Türkeistämmigen zu „etablierten Außenseitern“ erklärt wurden

Die aktuelle Debatte ist nicht die erste Auseinandersetzung zwischen der TKG und Kenan Güngör. Bereits am 29. August 2023 veröffentlichte Güngör im STANDARD den Gastkommentar „Türkeistämmige in Österreich – die etablierten Außenseiter. Schon lange hier – und doch fremd geblieben.“

 

Die TKG widersprach dieser Darstellung damals öffentlich. Kritisiert wurde insbesondere die pauschalisierende Beschreibung von Menschen mit Wurzeln in der Türkei sowie die Übertragung des Elias-Begriffs „Etablierte und Außenseiter“ auf eine vielfältige Bevölkerungsgruppe mit höchst unterschiedlichen Lebensrealitäten.

Nach Auffassung der TKG entstand damals der Eindruck, dass hunderttausende Menschen auf eine gesellschaftliche Diagnose reduziert wurden, die ihrer tatsächlichen Vielfalt nicht gerecht werden konnte.

Von den „etablierten Außenseitern“ zur „Arabisierung“ – dieselbe Community, neue Diagnose

Drei Jahre später taucht dieselbe Bevölkerungsgruppe erneut in einem neuen Deutungsrahmen auf. 2023 waren die Türkeistämmigen „etablierte Außenseiter“. 2026 wird über eine angebliche „Arabisierung“ diskutiert.Die Begriffe haben sich verändert.Die Schlagworte haben sich verändert. Die betroffene Gemeinschaft ist dieselbe geblieben.

Genau darin sieht die TKG ein grundlegendes Problem. Menschen mit Wurzeln in der Türkei erscheinen immer wieder als Gegenstand gesellschaftlicher Diagnosen. Mal werden sie als Außenseiter beschrieben, mal als kulturell bedroht, mal als Integrationsproblem, mal als Opfer bestimmter Entwicklungen.

Doch nur selten wird dieselbe Energie darauf verwendet, die tatsächliche Vielfalt dieser Gemeinschaft sichtbar zu machen: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Unternehmerinnen und Unternehmer, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studierende, Familien, Vereinsfunktionäre, Künstlerinnen und Künstler sowie hunderttausende Bürgerinnen und Bürger, die längst Teil der österreichischen Gesellschaft sind.

Auffällig ist aus Sicht der TKG weniger, dass Kenan Güngör gesellschaftliche Entwicklungen analysiert. Auffällig ist vielmehr, dass über Jahre hinweg immer wieder dieselbe Bevölkerungsgruppe im Zentrum neuer Diagnosen erscheint: einmal als „etablierte Außenseiter“, später als Gegenstand einer methodisch umstrittenen Migrantenstudie und schließlich als mögliche Betroffene einer „Arabisierung“. Die Begriffe wechseln, die Deutungsmuster verändern sich, die betroffene Community bleibt bemerkenswert oft dieselbe.

29.August 2023: Als Kenan Güngör hunderttausende Türkeistämmige zu „etablierten Außenseitern“ erklärte

Wer war Norbert Elias  – und warum die TKG die Verwendung seines Begriffs „Etablierte und Außenseiter“ kritisiert

Der von Kenan Güngör im STANDARD-Gastkommentar vom 29. August 2023 verwendete Begriff „Etablierte und Außenseiter“ stammt nicht von ihm selbst. ( Siehe unten Der Standard und Replik auf der TKG Seiten)  Er geht auf den deutsch-jüdischen Soziologen und Sozialphilosophen Norbert Elias (1897–1990) zurück, einen der bedeutendsten Sozialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts.

Norbert Elias musste nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Deutschland verlassen und emigrierte nach England. Gemeinsam mit John L. Scotson veröffentlichte er 1965 die bekannte Studie „The Established and the Outsiders“ („Etablierte und Außenseiter“). Untersucht wurde darin keine Religionsgruppe, keine Einwanderergemeinschaft und keine ethnische Minderheit, sondern eine englische Kleinstadt, in der zwei sozial weitgehend ähnliche Bevölkerungsgruppen lebten. Der zentrale Befund bestand darin, dass gesellschaftliche Ausgrenzung nicht zwangsläufig auf ethnischen, religiösen oder kulturellen Unterschieden beruhen muss, sondern häufig durch Machtverhältnisse, Gruppendynamiken, soziale Netzwerke und etablierte Vorurteile entsteht.

Genau an diesem Punkt setzt die Kritik der TKG an.

Nach Auffassung der TKG wird der Elias-Begriff in Güngörs Gastkommentar nicht als analytisches Instrument zur Beschreibung gesellschaftlicher Mechanismen verwendet, sondern auf eine Weise eingesetzt, die den Eindruck erweckt, hunderttausende Menschen mit Wurzeln in der Türkei seien als Kollektiv „etablierte Außenseiter“, die „schon lange hier – und doch fremd geblieben“ seien.

Aus Sicht der TKG verschiebt sich damit der Bedeutungsgehalt des ursprünglichen Elias-Konzepts erheblich. Während Elias soziale Prozesse der Ausgrenzung untersuchte, erscheint in Güngörs Darstellung die betroffene Bevölkerungsgruppe selbst als Träger eines dauerhaften Außenseiterstatus. Die Aufmerksamkeit verlagert sich damit von gesellschaftlichen Strukturen auf die vermeintlichen Eigenschaften der beschriebenen Gruppe.

Gerade deshalb sprach die TKG bereits 2023 von einer problematischen kulturalistischen Deutung. Nicht weil Norbert Elias problematisch wäre, sondern weil ein ursprünglich differenziertes soziologisches Konzept nach Auffassung der TKG dazu verwendet wurde, eine äußerst heterogene Bevölkerungsgruppe unter einem gemeinsamen Etikett zusammenzufassen.

Die Frage lautet daher nicht, ob Norbert Elias ohne Quelle zitiert werden darf. Die Frage lautet vielmehr, ob ein Begriff, der zur Analyse sozialer Macht- und Ausgrenzungsmechanismen entwickelt wurde, geeignet ist, mehrere hunderttausend Menschen mit höchst unterschiedlichen Biografien, politischen Überzeugungen, Bildungswegen, Berufen und Lebensrealitäten unter der Überschrift „etablierte Außenseiter“ zusammenzufassen.

Genau hier sieht die TKG den Kern des Problems.

Die eigentliche Frage

Die eigentliche Frage lautet nicht, ob Kenan Güngör oder seine Kritiker recht haben.

Die eigentliche Frage lautet, wie methodisch umstrittene Untersuchungen zu gesellschaftlichen Wahrheiten werden können, wie aus statistischen Annahmen politische Gewissheiten entstehen und warum ganze Bevölkerungsgruppen immer wieder Gegenstand öffentlicher Diagnosen werden. Wissenschaft braucht Kritik. Medien brauchen Widerspruch. Demokratie braucht Debatte.

Was sie nicht braucht, sind pauschale Zuschreibungen, vereinfachende Fremdheitsdiagnosen und gesellschaftliche Etiketten, die komplexe Lebensrealitäten auf wenige Schlagworte reduzieren.

Gerade deshalb hält die TKG an ihrer Forderung fest: mehr wissenschaftliche Sorgfalt, mehr Transparenz, mehr Differenzierung und mehr Respekt gegenüber den Menschen, über die gesprochen wird.

Integration, Islam und Fördergelder – eine unbequeme Debatte

In Österreich ist rund um die Themen Islam, Integration, Extremismus, Radikalisierung und Migration in den vergangenen Jahren ein eigener Politik-, Medien- und Förderungsbereich entstanden. Zahlreiche Vereine, Projekte, Studien, Beratungsstellen, Forschungsaufträge, Expertengremien und Kampagnen werden direkt oder indirekt mit öffentlichen Mitteln finanziert.

Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Eine demokratische Gesellschaft muss bereit sein, in Integration, Bildung, Prävention und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu investieren.

Problematisch wird es jedoch dann, wenn rund um dieselben Themen immer dieselben Personen, Organisationen und Deutungsmuster dominieren, während kritische Gegenstimmen kaum Gehör finden. Es entsteht der Eindruck eines geschlossenen Systems, in dem bestimmte Narrative gefördert, andere hingegen marginalisiert werden.

Die TKG stellt daher eine grundsätzliche Frage: Entsteht hier mit öffentlichen Geldern ein Markt für Integrations-, Islam- und Extremismusdebatten, in dem gesellschaftliche Probleme nicht nur beschrieben, sondern teilweise auch dauerhaft reproduziert werden?

Wer von Integrationsproblemen lebt, hat nicht immer ein Interesse daran, dass Integrationsprobleme verschwinden.

Wer von Radikalisierungsdebatten lebt, hat nicht immer ein Interesse daran, dass Radikalisierung als gesellschaftliches Phänomen zurückgeht.

Wer von der Rolle als Islam-, Integrations- oder Extremismusexperte lebt, steht zumindest vor der Herausforderung, die notwendige wissenschaftliche Distanz zu bewahren.

Diese Fragen richten sich nicht gegen einzelne Personen. Sie betreffen die Funktionsweise eines Systems, das zunehmend öffentliche Meinung, politische Entscheidungen und Förderstrukturen beeinflusst.

Gerade deshalb braucht eine demokratische Gesellschaft Vielfalt – nicht nur innerhalb der Bevölkerung, sondern auch bei den Stimmen, die über diese Bevölkerung sprechen.

Mit Steuergeld finanzierte Fremdheitsdiagnosen? Wenn Forschung beginnt, ganze Bevölkerungsgruppen zu problematisieren

Unter Berufung auf wissenschaftliche Autorität sollte Meinungs- und Sozialforschung nicht mit öffentlichen Geldern finanziert werden, wenn der Eindruck entsteht, dass wissenschaftliche Ergebnisse zur politischen Deutung gesellschaftlicher Entwicklungen eingesetzt werden. Öffentliche Forschung genießt in einer Demokratie ein besonderes Vertrauen. Gerade deshalb sind die Anforderungen an Transparenz, Methodik, Nachvollziehbarkeit und gesellschaftliche Verantwortung besonders hoch.

Mit öffentlichen Geldern finanzierte Forschung darf nicht den Eindruck erwecken, parteipolitische Narrative zu bestätigen oder gesellschaftliche Gruppen pauschal unter Generalverdacht zu stellen. Sie darf nicht dazu beitragen, Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, Kultur oder ihres Namens indirekt zu problematisieren. Noch weniger darf sie dazu führen, dass ganze Bevölkerungsgruppen zu Objekten öffentlicher Fremdheitsdiagnosen werden.

Gerade in einer pluralistischen und rechtsstaatlichen Demokratie sollte Forschung Vertrauen schaffen, differenzieren und zur Versachlichung gesellschaftlicher Debatten beitragen. Forschung soll aufklären, nicht etikettieren. Sie soll erklären, nicht polarisieren. Sie soll Brücken bauen und nicht dazu beitragen, bestehende gesellschaftliche Spannungen zu vertiefen.

Wenn jedoch wissenschaftlich umstrittene Ergebnisse über Monate hinweg in Politik, Medien und öffentlichen Debatten als scheinbar gesicherte Grundlage für weitreichende Aussagen über Muslime, Migranten oder bestimmte Herkunftsgruppen verwendet werden, dann muss die Frage erlaubt sein, ob hier die Grenzen zwischen Wissenschaft, politischer Interpretation und öffentlicher Meinungsbildung ausreichend beachtet wurden.

Die TKG weist seit mehr als 35 Jahren darauf hin, dass religiöser Missbrauch, gesellschaftliche Parallelentwicklungen, Integrationsdefizite und integrationspolitische Fehlsteuerungen reale Herausforderungen darstellen. Diese Probleme dürfen weder verharmlost noch tabuisiert werden. Ebenso entschieden wendet sich die TKG jedoch gegen pauschale Zuschreibungen, kollektive Verdächtigungen und vereinfachende Gesellschaftsbilder, die Millionen individueller Lebensrealitäten auf wenige Schlagworte reduzieren.

Das Ziel war und ist nicht die Verharmlosung von Problemen, sondern die Stärkung der Res Publica, des Gemeinwohls und des rechtsstaatlichen Zusammenlebens. Denn eine offene Gesellschaft lebt nicht davon, Menschen in Kategorien einzuteilen, sondern davon, sie als Individuen mit gleichen Rechten, gleicher Würde und gleicher Verantwortung anzuerkennen.

Die Türkische Kulturgemeinde in Österreich versteht sich seit ihrer Gründung als unabhängige Stimme innerhalb der österreichischen Zivilgesellschaft. Sie warnt dort, wo sie Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt erkennt, unabhängig davon, ob diese Gefahren von religiösen Extremisten, politischen Ideologien, integrationspolitischen Fehlentwicklungen oder von wissenschaftlich legitimierten Pauschalurteilen ausgehen.

Die TKG wird daher auch weiterhin als verfassungstreue und wehrhafte Stimme der Zivilgesellschaft präsent sein. Als Zusammenschluss von Verfassungspatriotinnen und Verfassungspatrioten sieht sie ihre Aufgabe darin, auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen, Debatten anzustoßen und dort Einspruch zu erheben, wo Menschenwürde, Gleichbehandlung, wissenschaftliche Redlichkeit oder gesellschaftlicher Frieden gefährdet erscheinen.

Denn die Stärke einer Demokratie zeigt sich nicht daran, wie sie mit Mehrheiten umgeht. Sie zeigt sich daran, wie verantwortungsvoll sie über Minderheiten spricht.

Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG-Think Tank)

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