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Die TKG fordert von den Verantwortlichen der Güngör-Studie wissenschaftliche Verantwortung

TKG DOKUMENTATION, Wien 13.05.2026

Warum wird eine ausdrücklich nicht repräsentative Studie wie repräsentative Forschung präsentiert?

TKG kritisiert Güngör Studie: Nicht repräsentative Studie, 17 Monate alte Daten und Aussagen ohne erkennbare empirische Grundlage

Die Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG, Think Tank) hat die 127 Seiten starke Meinungsforschungsstudie „Zwischen Anerkennung und Abwertung: Einstellungen junger Zugewanderter in Wien“ vollständig analysiert. Die Studie enthält einen zentralen methodischen Hinweis, der nach Überzeugung der TKG in der öffentlichen Debatte bislang nicht mit der gebotenen Deutlichkeit hervorgehoben wurde:

„Auch daraus lässt sich schlussfolgern, dass verallgemeinernde Aussagen – etwa ‚die Jugendlichen‘, wenn es korrekt ‚die befragten Jugendlichen‘ lauten müsste – im Text berechtigt sind – auch wenn nochmals dezidiert darauf hingewiesen wird, dass diese Studie nicht repräsentativ ist.“ (Forschungsbericht, S. 14)

Die TKG stellt hierzu die Frage: Warum wird dieser zentrale methodische Hinweis nicht bereits zu Beginn des Forschungsberichts in einer Weise hervorgehoben, die für Journalistinnen und Journalisten, Politiker, NGOs und andere interessierte Leserinnen und Leser sofort erkennbar ist?

Im Forschungsbericht selbst wird ausdrücklich festgehalten: „Es handelt sich um keine repräsentative Studie.“ Dieser zentrale methodische Hinweis wurde in der öffentlichen Debatte nach Einschätzung der TKG nicht mit jener Deutlichkeit kommuniziert, die bei einer derart sensiblen Studie erforderlich wäre. Zugleich blieben wesentliche Befunde des Berichts weitgehend im Hintergrund: Kapitel 6 dokumentiert erhebliche Diskriminierungserfahrungen muslimischer Jugendlicher; Kapitel 7.3 behandelt muslimfeindliche Ressentiments. Wer diese Befunde ausblendet und stattdessen vor allem alarmierende Einzelwerte hervorhebt, riskiert eine einseitige und politisch leicht instrumentalisierbare öffentliche Wahrnehmung.

Demox Research

Die Studienleitung lag bei Kenan Dogan Güngör (think.difference). Die Datenerhebung wurde laut Forschungsbericht jedoch von Demox Research durchgeführt, einem eigenständigen Meinungsforschungsinstitut und Mitglied des VMÖ (Verband der Marktforschung Österreich). Als VMÖ-Mitglied ist Demox Research dem ICC/ESOMAR International Code on Market, Opinion and Social Research and Data Analytics 2025 verpflichtet.

Die TKG ist der Auffassung, dass die öffentliche Kommunikation rund um diese Studie erhebliche methodische, ethische und wissenschaftskommunikative Fragen auf.

17 Monate alte Daten als aktuelle Grundlage politischer Debatten

Die Feldarbeit fand laut Forschungsbericht zwischen dem 17. September und dem 19. Dezember 2024 statt. Die mediale Zuspitzung erfolgte im Mai 2026, also rund 17 Monate nach Abschluss der Datenerhebung.

Gerade im Bereich von Integration, Religion, Schule und gesellschaftlichem Zusammenhalt verändern sich Einstellungen und Entwicklungen laufend.

Die TKG geht davon aus, dass  es daher problematisch ist , wenn eine ältere und ausdrücklich nicht repräsentative Studie ohne deutliche Hervorhebung dieser Einschränkungen als aktuelle Grundlage integrationspolitischer Debatten verwendet wird.

Das vielfach zitierte „41 Prozent“ ist ein gewichteter Ergebniswert

Die Studie dokumentiert auf Seite 13, dass sich Online- und Offline-Befragungen signifikant unterschieden und diese Unterschiede durch soziodemografische Merkmale nicht ausreichend erklärt werden konnten. Dennoch wurden beide Gruppen in einer rechnerischen 50:50-Gewichtung zusammengeführt.

Das vielfach zitierte Ergebnis von „41 Prozent“ setzt sich aus 16 Prozent „voll und ganz“ und 25 Prozent „eher“ Zustimmung zu der Aussage zusammen, dass religiöse Vorschriften über den Gesetzen in Österreich stünden. Es handelt sich somit nicht um einen ungewichteten Rohwert, sondern um einen rechnerisch gewichteten Ergebniswert.

Die TKG sieht sich veranlasst festzuhalten, dass  diese methodisch zentrale Information in der öffentlichen Kommunikation nicht mit derselben Deutlichkeit vermittelt wie die alarmierenden Schlagzeilen.

Selektive Wissenschaftskommunikation und zentrale methodische Grenzen

Der Forschungsbericht hält auf Seite 14 ausdrücklich fest, dass „diese Studie nicht repräsentativ ist“. Dennoch präsentiert Kenan Dogan Güngör nach Überzeugung  der TKG in öffentlichen Interviews weitreichende Aussagen über „Arabisierung“, Schulkonversionen und konservative Muslime, ohne diese zentrale methodische Einschränkung mit jener Deutlichkeit hervorzuheben, die bei einem mit öffentlichen Mitteln finanzierten wissenschaftlichen Forschungsprojekt zu erwarten wäre.

Gleichzeitig werden die im Bericht dokumentierten signifikant höheren Diskriminierungserfahrungen muslimischer Jugendlicher (Kapitel 6 „Diskriminierung und Anerkennung“, S. 62–67) sowie die festgestellten muslimfeindlichen Ressentiments in der Gesellschaft (Kapitel 7.3 „Muslimfeindliche Ressentiments“, S. 82–84) in der öffentlichen Kommunikation kaum thematisiert.

Nach Einschätzung der TKG stellt sich daher eine zentrale Frage: Wie können auf Basis einer ausdrücklich nicht repräsentativen Stichprobe pauschale Aussagen über zehntausende muslimische Kinder und Jugendliche in Wien getroffen werden?

Insgesamt entsteht dadurch der Eindruck einer selektiven Wissenschaftskommunikation, die geeignet ist, bestehende Vorurteile zu verstärken, gesellschaftliche Spannungen zusätzlich zu verschärfen und politische Narrative zu begünstigen.

Diskriminierungserfahrungen muslimischer Jugendlicher wurden kaum thematisiert

Der Forschungsbericht enthält zugleich Befunde, die in der öffentlichen Diskussion weitgehend unbeachtet blieben.

In Kapitel 6 „Diskriminierung und Anerkennung“ (S. 62–67) wird ausdrücklich festgehalten, dass muslimische Jugendliche signifikant häufiger Diskriminierung erleben als christliche Jugendliche. Auf Seite 64 heißt es wörtlich: „Die Ergebnisse machen deutlich, dass die muslimische Zugehörigkeit in einem höheren Maße mit Diskriminierungserfahrungen verknüpft ist.“

Kapitel 7.3 „Muslimfeindliche Ressentiments“ (S. 82–84) dokumentiert darüber hinaus, dass 36 Prozent aller Befragten der Aussage zustimmen: „Es gibt schon zu viele Muslime in Österreich.“

Nach dem Dafürhalten der TKG, gehören diese Befunde zum Kern der Studie. Sie wurden in der öffentlichen Kommunikation jedoch nicht mit vergleichbarer Deutlichkeit hervorgehoben.

Aussagen von Kenan Doğan Güngör in Die Presse: „Wiener Schulen: Dann konvertieren die nicht-muslimischen Kinder zum Islam“

Nachdem der Forschungsbericht veröffentlicht worden war, erklärte Kenan Doğan Güngör in einem Interview mit der Tageszeitung Die Presse vom 7. Mai 2026 unter der Überschrift „Wiener Schulen: Dann konvertieren die nicht-muslimischen Kinder zum Islam“ unter anderem:

„Dadurch wird das Islamverständnis zunehmend arabisiert.“

„Dann konvertieren die nicht-muslimischen Kinder zum Islam.“

„Derzeit gibt es ein Wettrennen, wer das Fasten besser einhält.“

„Vielen moderaten Muslimen fehlen die Argumente gegen die Eiferer.“

„Gefühlt in jeder zweiten oder dritten Klasse gibt es da ein Kind, das zumindest überlegt, zu konvertieren.“

„Es sind eher schlechte Zeiten für Atheisten.“

Nach eingehender Analyse des 127-seitigen Forschungsberichts findet die Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG) für diese Aussagen keine unmittelbar ausgewiesene empirische Grundlage im veröffentlichten Datenmaterial.

Gleichzeitig weist der Forschungsbericht ausdrücklich darauf hin, dass die Studie nicht repräsentativ ist. Auf Seite 14 wird wörtlich festgehalten, dass „nochmals dezidiert darauf hingewiesen wird, dass diese Studie nicht repräsentativ ist.“ Dieser methodisch zentrale Hinweis wurde in den öffentlichen Aussagen von Kenan Doğan Güngör nach Kenntnis der TKG nicht mit derselben Deutlichkeit hervorgehoben.

Ebenso blieben in seinen öffentlichen Stellungnahmen wesentliche Befunde des Berichts weitgehend unerwähnt, insbesondere die in Kapitel 6 dokumentierten erheblichen Diskriminierungserfahrungen muslimischer Jugendlicher sowie die in Kapitel 7.3 dargestellten muslimfeindlichen Ressentiments innerhalb der Gesamtstichprobe.

Nach Überzeugung der TKG entsteht dadurch der Eindruck, dass persönliche Interpretationen des Studienleiters über die unmittelbar dokumentierten Befunde hinausgehen. Wenn zugleich die ausdrücklich festgehaltene Nicht-Repräsentativität der Studie und die im Bericht selbst dargestellten Diskriminierungserfahrungen muslimischer Jugendlicher nicht in vergleichbarer Deutlichkeit kommuniziert werden, kann dies als selektive Wissenschaftskommunikation wahrgenommen werden.

Selbstverständlich gilt in einer freiheitlichen Demokratie das verfassungsrechtlich geschützte Grundrecht auf freie Meinungsäußerung. Von einem Studienleiter, der öffentlich finanzierte Forschungsprojekte verantwortet und seine Aussagen mit wissenschaftlicher Autorität versieht, darf jedoch erwartet werden, dass er die Ergebnisse mit der gebotenen methodischen Zurückhaltung, wissenschaftlichen Objektivität und professionellen Distanz interpretiert.

304 Minderjährige mit hochsensiblen Aussagen konfrontiert

Von insgesamt 1.221 ausgewerteten Personen waren 304 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren.

Sie wurden unter anderem mit der Aussage konfrontiert: „Man muss bereit sein, für die Verteidigung seines Glaubens zu kämpfen und zu sterben.“

Die TKG vertritt die Position, dass  erheblicher Klärungsbedarf hinsichtlich der dokumentierten Einwilligung der Erziehungsberechtigten, des Datenschutzes sowie der ethischen Begleitung der Befragung besteht.

Methodische, ethische und Meinungsforschung ESOMAR-Ethisch Kodex bezogene Fragen

Nach Überzeugung der TKG werfen insbesondere folgende Punkte Fragen im Lichte des ICC/ESOMAR Code 2025 auf:

  1. Die ausdrückliche Nicht-Repräsentativität der Studie.
  2. Die Verwendung 17 Monate alter Daten als aktuelle Grundlage.
  3. Die Gewichtung methodisch divergierender Teilstichproben.
  4. Die selektive Hervorhebung alarmierender Ergebnisse.
  5. Das Ausblenden zentraler Diskriminierungsbefunde.
  6. Die Befragung von 304 Minderjährigen zu hochsensiblen Themen.
  7. Öffentliche Aussagen des Studienleiters ohne unmittelbar erkennbare empirische Grundlage.

Die TKG betont ausdrücklich, dass diese Punkte Fragen aufwerfen, jedoch keine abschließende Feststellung eines Verstoßes darstellen.

Zentrale Frage der TKG

Warum erwähnt Kenan Dogan Güngör in seinen öffentlichen Auftritten nicht mit der gebotenen Deutlichkeit, dass es sich laut seinem eigenen Forschungsbericht ausdrücklich um keine repräsentative Studie handelt, und warum werden die zentralen Befunde über die überdurchschnittlichen Diskriminierungserfahrungen muslimischer Jugendlicher nicht in gleicher Weise hervorgehoben?

Appell für mehr wissenschaftliche Transparenz

Wer mit wissenschaftlichem Anspruch öffentliche Debatten prägt und mit öffentlichen Mitteln finanzierte Forschungsergebnisse präsentiert, sollte auch bereit sein, die methodischen, rechtlichen und ethischen Grundlagen seiner Arbeit vollständig und transparent offenzulegen.

Gerade in einer pluralistischen und rechtsstaatlichen Demokratie sollte Forschung Vertrauen stärken, differenzieren und zur Versachlichung beitragen – nicht gesellschaftliche Polarisierung vertiefen.

Quellen

Forschungsbericht (PDF):
https://think-difference.com/wp-content/pdf/Studie_Jugend_Abwertung-final-.pdf?utm_source=chatgpt.com

ICC/ESOMAR Code 2025 (PDF):
https://standards.esomar.org/assets/documents/icc-esomar-code-2025.pdf

Die Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG, Think Tank) hat den 127-seitigen Forschungsbericht „Zwischen Anerkennung und Abwertung: Einstellungen junger Zugewanderter in Wien“ vollständig analysiert. Die Studienleitung lag bei Kenan Dogan Güngör (think.difference), die Datenerhebung wurde von Demox Research durchgeführt.

 

 

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