Als sich die UNESCO 1978 mit dem bevorstehenden 100. Geburtstag Mustafa Kemal Atatürks befasste, würdigte sie nicht einfach den Gründer eines weiteren Nationalstaates. In ihrem Beschluss ist von einem außergewöhnlichen Reformer, von internationaler Verständigung und dauerhaftem Frieden, vom Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus sowie vom Respekt vor den Menschenrechten die Rede. Dass diese Sicht auf Atatürk keineswegs nur eine türkische Selbstdarstellung war, zeigen auch Urteile höchst unterschiedlicher Zeitgenossen: Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt, Eleftherios Venizelos, Jawaharlal Nehru, Muhammad Ali Jinnah, Charles de Gaulle und John F. Kennedy begegneten Atatürk aus völlig verschiedenen politischen Welten – und kamen dennoch zu bemerkenswerten Einschätzungen.
Über das Wort „Diktator“ und die Schwierigkeit, eine Epoche aus der Gegenwart zu beurteilen
Dieser Beitrag ist der erste Teil der Reihe „Atatürk aus Wiener Perspektive“.
Über Mustafa Kemal Atatürk, den Gründer der laizistischen und modernen Türkischen Republik im Jahr 1923 – in einer äußerst schwierigen Zeit –, wird bis heute über ein einziges Wort gestritten, das oft mehr beendet als erklärt:„Diktator“. Manche verwenden es, weil sie auf die autoritären Züge der frühen Republik, die Einparteienherrschaft, die begrenzte politische Opposition und harte staatliche Maßnahmen hinweisen wollen. Darüber kann und muss man sprechen. Andere benutzen dasselbe Wort allerdings nicht als historischen Begriff, sondern als politische Waffe gegen Atatürk, gegen den Laizismus oder überhaupt gegen die Republik, die aus seinem politischen Projekt hervorging. Wer sich ein ernsthaftes Urteil bilden will, kommt deshalb um die Zeit, in der dieser Staat entstand, nicht herum.
Europa nach dem Ersten Weltkrieg war kein ruhiger Kontinent, auf dem überall liberale Demokratien blühten und allein Ankara einen anderen Weg einschlug. Das deutsche Kaiserreich war zusammengebrochen und Deutschland musste den Versailler Vertrag akzeptieren. Für Österreich galt Saint-Germain, für Ungarn Trianon. Das Habsburgerreich war verschwunden, das Russische Reich von Revolution und Bürgerkrieg erfasst, Italien geriet 1922 unter Mussolini, Stalin baute in der Sowjetunion seine Herrschaft aus und 1933 kam Hitler in Deutschland an die Macht. Diese Regime waren nicht identisch, und es wäre historisch falsch, sie einfach in einen Topf zu werfen. Aber sie gehören zu jener Zwischenkriegszeit, in der Demokratie, Faschismus, Kommunismus, Nationalismus, Revolution und autoritäre Staatsmodelle miteinander rangen.
Für das besiegte Osmanische Reich war Sèvres vorgesehen. Der Vertrag von 1920 hätte den verbliebenen osmanischen Raum in einem Ausmaß beschnitten und unter fremden Einfluss gestellt, das die türkische Nationalbewegung nicht akzeptierte. Mustafa Kemal und seine Mitstreiter entschieden sich gegen diese Ordnung, führten den Unabhängigkeitskrieg und erreichten mit dem Vertrag von Lausanne 1923 die internationale Anerkennung der neuen Türkei.
Interessant wird Atatürks Biografie aber gerade dort, wo der Krieg endet. Er beseitigte das Sultanat und setzte sich nicht selbst auf den freigewordenen Thron. Er gründete auch keine neue Dynastie. Aus der Nationalversammlung in Ankara entwickelte sich die Republik. Das war noch keine pluralistische Demokratie in unserem heutigen Verständnis; die politische Ordnung wurde zunehmend von einer Partei beherrscht und Opposition war nur in engen Grenzen möglich. Das sollte man weder verschweigen noch nachträglich schönreden.
Gleichzeitig wäre es ebenso verkürzt, nur diesen Teil der Geschichte zu sehen. Die Republik erhielt eine Verfassung und ein Parlament, das Rechts- und Bildungswesen wurde neu geordnet, die Bindung des Staates an eine Staatsreligion 1928 aus der Verfassung entfernt und der Laizismus 1937 ausdrücklich als Verfassungsgrundsatz festgeschrieben. 1928 erfolgte der Übergang zum lateinischen Alphabet. Frauen erhielten 1930 kommunale politische Rechte und 1934 das aktive und passive Wahlrecht bei den Parlamentswahlen. Parallel dazu wurde in einem weitgehend agrarischen, durch jahrelange Kriege erschöpften Land versucht, Industrie aufzubauen, staatliche Unternehmen zu gründen, Infrastruktur zu entwickeln und eine moderne Verwaltung herzustellen.
Genau in diesem Spannungsverhältnis sollte man Atatürk betrachten: ein autoritär regierender Staatsgründer in einer ausgesprochen autoritären Epoche, zugleich aber ein Mann, dessen politisches Projekt nicht auf einer neuen Monarchie, einer Rassenlehre oder einem expansiven Weltreich beruhte, sondern auf der Errichtung eines republikanischen, nationalen und säkularen Staates und auf dessen beschleunigter Modernisierung.
Ob man alle seine Entscheidungen gutheißt, ist eine andere Frage. Geschichte verlangt keine Verehrung. Sie verlangt zunächst, dass man ihre Maßstäbe und ihre Umstände kennt.
Was die UNESCO 1978 tatsächlich beschloss
Vor diesem Hintergrund gewinnt die UNESCO-Entscheidung von 1978 an Bedeutung.
Die 20. Generalkonferenz der UNESCO tagte vom 24. Oktober bis zum 28. November 1978 in Paris. In der offiziellen Resolution zum bevorstehenden hundertsten Geburtstag Mustafa Kemal Atatürks findet sich eine Sprache, die für eine internationale Organisation ungewöhnlich deutlich ist.
Die Generalkonferenz erinnerte daran, dass Persönlichkeiten, die für internationale Verständigung, Zusammenarbeit und Frieden gearbeitet hätten, kommenden Generationen als Beispiel dienen sollten. Atatürk wird darin ausdrücklich als „exceptional reformer“, als außergewöhnlicher Reformer in den Arbeitsgebieten der UNESCO, bezeichnet. Die Resolution nennt ihn außerdem den Führer „eines der frühesten Kämpfe gegen Kolonialismus und Imperialismus“ und verweist auf sein Bemühen um Verständigung zwischen den Völkern, dauerhaften Frieden und die Achtung der Menschenrechte.
Das steht tatsächlich in dem 1979 veröffentlichten offiziellen Protokollband der UNESCO-Generalversammlung. Dort wird zugleich ausdrücklich festgestellt, dass 1981 der hundertste Geburtstag des Gründers der Republik Türkei begangen werde. Die UNESCO beschloss eine intellektuelle und technische Zusammenarbeit mit der türkischen Regierung und unterstützte ein internationales Symposium über Atatürks Persönlichkeit und Werk.
In der Türkei wurde daraus im Laufe der Jahre häufig die verkürzte Formulierung, die UNESCO habe „1981 zum Atatürk-Jahr erklärt“. Der tatsächliche Wortlaut ist etwas differenzierter. Die UNESCO hat nicht darüber abgestimmt, wer der größte Staatsmann der Geschichte gewesen sei, und sie hat auch keine Weltrangliste politischer Führer aufgestellt. Das ist wichtig, weil die dokumentierte Würdigung stark genug ist und keine nachträgliche Vergrößerung braucht.
Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob Atatürk von der UNESCO zum „größten Menschen der Welt“ gewählt wurde. Das wurde er nicht. Interessanter ist, weshalb eine Organisation wie die UNESCO ausgerechnet bei ihm Begriffe wie Reform, Menschenrechte, internationale Verständigung, Frieden sowie Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus verwendete.
Dafür lohnt sich der Blick auf Menschen, die Atatürk von außen beobachteten.
Churchill: „Diktatur“ und Achtung in ein und demselben Text
Winston Churchill ist für diese Betrachtung besonders interessant, gerade weil sein Urteil nicht in das einfache Schema von Freund oder Feind passt.
Churchill gehörte 1915 als First Lord of the Admiralty zu den wichtigsten politischen Befürwortern der Dardanellenoperation. Auf der anderen Seite wurde bei Gallipoli jener osmanische Offizier bekannt, der später Mustafa Kemal Atatürk heißen sollte. Für Großbritannien und seine Verbündeten endete das Unternehmen in einer schweren Niederlage.
Man könnte deshalb erwarten, Churchill habe Atatürk auch später ausschließlich als Gegner betrachtet. Das Gegenteil ist der Fall.
Am 15. Dezember 1938, gut einen Monat nach Atatürks Tod, schrieb Churchill im „Daily Telegraph and Morning Post“ über ihn. Bemerkenswert ist dabei gerade die Ambivalenz seines Textes: Churchill sprach ohne Umschweife von Atatürks langer „dictatorship“. Im selben Zusammenhang bezeichnete er ihn jedoch als „hero, champion, and father of modern Turkey“ und würdigte ausdrücklich seine Politik der Zurückhaltung und des guten Willens gegenüber Griechenland. Der Artikel wurde später in Churchills Buch „Step by Step“ aufgenommen.
Das ist für die heutige Diskussion fast lehrreicher als ein einseitiges Lob. Churchill brauchte die autoritäre Wirklichkeit der türkischen Führung nicht zu leugnen, um gleichzeitig die historische Leistung Atatürks anzuerkennen.
Vielleicht zeigt gerade dies, warum das Etikett „Diktator“ allein so wenig erklärt.
Venizelos: Der ehemalige Gegner schreibt nach Oslo
Noch schwerer wiegt der Fall Eleftherios Venizelos.
Zwischen Griechenland und der türkischen Nationalbewegung hatte wenige Jahre zuvor Krieg geherrscht. Die Ereignisse von 1919 bis 1922, die Katastrophe von Kleinasien aus griechischer und der Befreiungskrieg aus türkischer Sicht, Vertreibungen, Flucht und schließlich der Bevölkerungsaustausch hinterließen auf beiden Seiten tiefe Wunden.
Trotzdem nominierte Venizelos Mustafa Kemal 1934 für den Friedensnobelpreis. Das ist keine später erfundene Atatürk-Anekdote; die Nominierung findet sich im offiziellen Nobel-Archiv: „Mustafa Pascha Kemal“ als Kandidat, E. Venizelos als Nominator.
Der politische Wert dieser Nominierung liegt auf der Hand. Venizelos war kein türkischer Nationalist und kein Bewunderer aus sicherer Entfernung. Er hatte selbst an der Spitze Griechenlands gestanden, als sich die Interessen beider Länder erbittert gegenüberstanden. Am 12. Januar 1934 schrieb er nach Oslo und begründete seinen Schritt mit der Veränderung der Türkei und insbesondere mit der türkisch-griechischen Verständigung. In einer wissenschaftlichen Untersuchung wird diese Nominierung ebenfalls dokumentiert.
Man kann lange Zitate über Atatürk sammeln; kaum eines sagt so viel wie diese Handlung. Ein ehemaliger Kriegsgegner schlug den Führer der Gegenseite wenige Jahre später für den Friedensnobelpreis vor.
Roosevelt sah 1937 eine Republik, die erst vierzehn Jahre alt war
Franklin D. Roosevelt begegnete Atatürk nicht persönlich. Er beobachtete jedoch, was in der jungen Republik geschah.
Im April 1937 sah Roosevelt im Weißen Haus einen von Julien Bryan in der Türkei gedrehten Film. Anschließend schrieb er Atatürk persönlich und erklärte, wie sehr ihn die Veränderungen beeindruckt hätten, die in einer vergleichsweise kurzen Zeit verwirklicht worden seien. Das US-amerikanische Office of the Historian bestätigt, dass Roosevelts Brief vom 6. April 1937 seine Bewunderung für die Leistungen der modernen Türkei unter Atatürks Führung ausdrückte.
Die zeitliche Dimension sollte man dabei nicht vergessen: Roosevelt blickte nicht auf ein längst abgeschlossenes Geschichtskapitel zurück. Die Republik Türkei war gerade vierzehn Jahre alt. Viele der Reformen, über die heute aus der Distanz von fast einem Jahrhundert gesprochen wird, waren damals noch Gegenwart. Roosevelt hoffte sogar auf eine persönliche Begegnung. Sie kam nicht mehr zustande; Atatürk starb im November 1938.
Nehru: Atatürk aus der Gefängniszelle eines anderen Freiheitskampfes
Noch interessanter wird Atatürks Wirkung, wenn man Europa und die Vereinigten Staaten verlässt.
Jawaharlal Nehru erinnerte sich 1963 sehr konkret daran, was Mustafa Kemal für seine eigene Generation in Indien bedeutet hatte. Er bezeichnete „Kemal Pasha“ als einen Helden seiner Jugend. Nehru und andere indische Unabhängigkeitskämpfer hätten selbst im Gefängnis die Nachrichten aus Anatolien verfolgt. Als die Meldung vom türkischen Sieg über die griechischen Streitkräfte eintraf, hätten sie sich darüber gefreut und sogar im Gefängnis gefeiert. Später, schrieb Nehru, habe auch Atatürks Modernisierungsprogramm seine Bewunderung verstärkt.
Das ist ein wichtiger Schlüssel zur UNESCO-Formulierung über den Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus.
Für einen indischen Nationalisten unter britischer Herrschaft war der türkische Unabhängigkeitskrieg etwas anderes als für einen Diplomaten in London oder Paris. In Anatolien wurde sichtbar, dass eine nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten vorgesehene politische Ordnung nicht zwangsläufig als endgültiges Schicksal akzeptiert werden musste.
Nehru machte daraus kein türkisches Exportmodell. Er sagte nicht, Indien müsse die Türkei kopieren. Aber er schilderte Jahrzehnte später noch sehr persönlich, welche psychologische Wirkung der türkische Erfolg auf Menschen hatte, die selbst um Unabhängigkeit kämpften.
Jinnah und die Erinnerung an Atatürk in Britisch-Indien
Auch Muhammad Ali Jinnah, der spätere Gründer Pakistans, gehörte zu jener politischen Generation Südasiens, die Atatürks Aufstieg aufmerksam verfolgte.
Nach Atatürks Tod wurde innerhalb der All India Muslim League zu Gedenkveranstaltungen aufgerufen; der 18. November 1938 wurde als „Kemal Day“ begangen. Das ist historisch deshalb bemerkenswert, weil Ankara tausende Kilometer entfernt lag und Pakistan noch gar nicht existierte.
Für viele Muslime in Britisch-Indien war Atatürk zwar nicht in jeder Hinsicht ein politisches oder religiöses Vorbild – seine radikale Säkularisierung wurde durchaus kontrovers gesehen –, aber die erfolgreiche Behauptung staatlicher Unabhängigkeit und der Aufbau eines neuen Staates machten einen erheblichen Eindruck.
Gerade solche Widersprüche machen die Geschichte interessanter. Bewunderung bedeutete keineswegs, dass Nehru oder Jinnah jede Entscheidung Atatürks teilten. Sie sahen in ihm vielmehr einen Mann, dem es gelungen war, nach militärischer Niederlage und staatlichem Zerfall politische Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
De Gaulle vor dem Grab Atatürks
Charles de Gaulle kam im Oktober 1968 in die Türkei. Auch seine eigene politische Biografie war von militärischer Niederlage, Besatzung, Widerstand, staatlichem Wiederaufbau und der Vorstellung nationaler Souveränität geprägt.
Nach seinem Besuch im Anıtkabir schrieb de Gaulle in das Gästebuch einen kurzen französischen Satz, der vielleicht gerade deshalb im Gedächtnis geblieben ist: „De toutes les gloires Atatürk a atteint la plus grande, celle du renouveau national.“ Sinngemäß: Von allen Formen des Ruhmes habe Atatürk die größte erreicht, nämlich die Erneuerung seiner Nation. Der Eintrag ist in einer ausführlichen Untersuchung über de Gaulles Türkeibesuch von 1968 dokumentiert.
Das war nicht die höfliche Bemerkung irgendeines Besuchers. Hier stand ein französischer General und Staatspräsident, der sich selbst mit der Wiederherstellung seines Landes nach einer nationalen Katastrophe identifizierte, vor dem Grab eines anderen Staatsgründers.
Vielleicht verstand de Gaulle deshalb sehr genau, welchen Teil von Atatürks Biografie er hervorheben wollte.
Kennedy, zwölf Tage vor Dallas
John F. Kennedy erinnerte am 10. November 1963, zum 25. Todestag Atatürks und vierzig Jahre nach Gründung der Republik, an dessen historische Leistung.
In seiner Botschaft nannte er Atatürk einen der großen Männer des Jahrhunderts und verwies auf dessen Führung, sein Verständnis der modernen Welt und seine Rolle als militärischer Führer. Besonders bemerkenswert ist Kennedys Hinweis darauf, dass aus einem zusammenbrechenden Reich eine freie Türkei entstanden sei und die Republik ihre Unabhängigkeit behauptet habe.
Auch hier bekommt das Dokument durch sein Datum eine zusätzliche historische Dimension. Kennedy sprach am 10. November 1963 über Atatürk. Zwölf Tage später wurde er in Dallas ermordet. Es gehörte zu den letzten Wochen seines eigenen Lebens.
Und was ist mit der berühmten UNESCO-Geschichte vom Schweden und vom Sowjetdelegierten?
Hier sollte man besonders vorsichtig sein.
Seit vielen Jahren kursiert die Geschichte, ein schwedischer Delegierter habe bei der UNESCO zunächst Bedenken gegen eine besondere Würdigung Atatürks geäußert. Wenn man dies für Atatürk tue, habe er sinngemäß argumentiert, könnten andere Staaten dasselbe für Washington, Napoleon oder andere historische Führer fordern. Daraufhin soll ein sowjetischer Delegierter aufgestanden sein und erklärt haben, diese Sorge sei unbegründet, weil das 20. Jahrhundert keinen zweiten Atatürk hervorgebracht habe. Am Ende habe sogar der Schwede seine Meinung geändert. Es ist eine ausgesprochen wirkungsvolle Geschichte.
Aber in dem von der UNESCO veröffentlichten Resolutionstext steht sie nicht. Auch die angeblichen Wortmeldungen lassen sich in der heute verbreiteten Form nicht ohne Weiteres als authentisches stenografisches Protokoll nachweisen.
Deshalb gehört sie, solange kein entsprechendes Primärdokument vorliegt, in die Kategorie der überlieferten Anekdoten und nicht in Anführungszeichen wie eine gesicherte UNESCO-Rede.
Das ist keine Kleinigkeit. Gerade wer Atatürk ernst nimmt, sollte bei ihm genauer mit Quellen umgehen als diejenigen, die ihm im Internet dutzendweise Sätze von Gandhi, Einstein, Lloyd George oder anderen berühmten Männern unterschieben. Er braucht diese Sätze nicht.
Die Dokumente sind stärker als die Legenden
Es gibt nämlich genügend Material, das niemand erfinden muss. Churchill bezeichnete Atatürk trotz seiner eigenen Verwendung des Begriffes „dictatorship“ als Helden, Vorkämpfer und Vater der modernen Türkei. Roosevelt schrieb ihm, weil ihn die in kurzer Zeit erreichten Veränderungen beeindruckten. Venizelos nominierte seinen ehemaligen Gegner für den Friedensnobelpreis. Nehru erinnerte sich daran, wie er im britischen Gefängnis den türkischen Sieg feierte. De Gaulle sprach von der Erneuerung einer Nation. Kennedy sah in Atatürk einen der großen Männer seines Jahrhunderts.
Diese Menschen bildeten keine politische Gemeinschaft. Churchill war britischer Imperialpolitiker und Kriegsführer, Nehru ein Antikolonialist, Venizelos ein ehemaliger Kriegsgegner, Roosevelt und Kennedy amerikanische Präsidenten, de Gaulle ein französischer National- und Staatsmann. Ihre Vorstellungen von Staat, Demokratie, Nation und Gesellschaft unterschieden sich erheblich.
Gerade deshalb ist es interessant, dass sie in Atatürk etwas sahen, das über die türkische Innenpolitik hinausging.Nicht denselben Atatürk – das wäre historisch unglaubwürdig –, aber jeweils eine Seite derselben ungewöhnlichen Biografie.
Warum die UNESCO-Würdigung bis heute einen zweiten Blick verdient
Damit kehrt die Frage wieder nach Paris ins Jahr 1978 zurück.
Die UNESCO entschied nicht darüber, ob Mustafa Kemal Atatürk ein Heiliger, ein fehlerloser Politiker oder der größte Mensch der Geschichte gewesen sei. Sie musste auch nicht entscheiden, ob jede Maßnahme seiner Regierung nach den Maßstäben des Jahres 1978 oder gar unserer Gegenwart demokratisch gewesen wäre. Sie nannte etwas Konkreteres.
Atatürk sei ein außergewöhnlicher Reformer gewesen; er habe zu den frühen Führern eines Kampfes gegen Kolonialismus und Imperialismus gehört; seine Politik habe auf Frieden, internationale Verständigung und die Achtung der Menschenrechte gezielt. So steht es im offiziellen Resolutionstext der 20. UNESCO-Generalkonferenz.
Man darf diese Beurteilung diskutieren. Man kann widersprechen, ergänzen und auf die Schattenseiten der frühen Republik hinweisen. Das gehört zur historischen Auseinandersetzung. Nur sollte man sich zuvor vergegenwärtigen, über welche Zeit man spricht.
Ein Offizier aus Saloniki erlebte den Zerfall jenes Reiches, dessen Uniform er getragen hatte. Nach einem verlorenen Weltkrieg widersetzte er sich einer Friedensordnung, die er für unannehmbar hielt, führte einen nationalen Widerstand, gewann die politische Souveränität des Landes zurück und hätte anschließend – wie es in der Geschichte oft genug geschehen ist – aus seinem militärischen Ruhm eine persönliche Dynastie machen können. Er tat es nicht.
Er schaffte das Sultanat ab und gründete eine Republik, deren politische Ordnung zwar autoritär blieb, die aber zugleich einen tiefgreifenden Bruch mit der alten Staats- und Gesellschaftsordnung vollzog. In weniger als zwei Jahrzehnten veränderten sich Recht, Bildung, Schrift, Stellung der Frau, Verwaltung, Wirtschaftspolitik und das Verhältnis von Staat und Religion in einem Ausmaß, das selbst Menschen bemerkten, die weder Türken noch Kemalisten waren.
Vielleicht beginnt genau dort eine ernsthafte Diskussion über Atatürk.
Nicht mit der Behauptung, er habe keine Fehler gehabt. Aber auch nicht mit einem einzigen Wort, das vorgibt, bereits alles über ihn erklärt zu haben.
Die Dokumente von Churchill bis Nehru und von Venizelos bis zur UNESCO zeigen zumindest eines: Die Frage, warum Mustafa Kemal Atatürk weit außerhalb der Türkei Beachtung fand, lässt sich nicht allein mit türkischem Nationalgefühl beantworten.
Und genau dieser Frage soll diese Reihe weiter nachgehen.
Österreichische Namen beim Aufbau der jungen Republik
Gerade von Wien aus sollte man dabei auch jene zahlreichen österreichischen oder eng mit Wien verbundenen Architekten, Künstler und Wissenschaftler nicht vergessen, denen die junge Republik Arbeits- und Wirkungsmöglichkeiten eröffnete. Ihre Namen tauchen heute in ganz unterschiedlichen Bereichen der türkischen Modernisierung auf.
Clemens Holzmeister – der Tiroler Architekt prägte mit Ministerien, Regierungsbauten, dem Präsidentensitz in Çankaya und später dem Gebäude der Großen Nationalversammlung das neue Ankara wesentlich mit.
Ernst Arnold Egli – in Wien geboren und an der Technischen Hochschule Wien ausgebildet, arbeitete vor allem am Aufbau moderner Schulen und Bildungsbauten und wirkte damit unmittelbar am Bildungsprogramm der jungen Republik mit.
Robert Oerley – der Wiener Architekt, Stadtplaner und frühere Präsident der Wiener Secession arbeitete ab 1927 in der Türkei und war mehrere Jahre an Architektur, Städtebau und dem Aufbau des neuen Ankara beteiligt.
Anton Hanak – der große Wiener Bildhauer begann die Arbeiten am Güven-Anıtı in Ankara und brachte damit ebenfalls Wiener Bildhauerkunst in den öffentlichen Raum der neuen Hauptstadt.
Margarete Schütte-Lihotzky – die Wiener Architektin kam 1938 gemeinsam mit Wilhelm Schütte in die Türkei. Beide entwickelten unter anderem Schulbauprojekte für Istanbul, Ankara und Anatolien; für Schütte-Lihotzky wurde die Türkei zugleich Teil ihres Exils vor dem Nationalsozialismus.
Aber nicht nur Architektur und Kunst verbinden Wien mit der jungen Republik.
Richard von Mises, der österreichische Mathematiker und Wissenschaftstheoretiker, übernahm nach seiner Flucht aus Deutschland einen neu geschaffenen Lehrstuhl in Istanbul und arbeitete dort bis 1939.
Hilda Geiringer, 1893 in Wien geboren und an der Universität Wien promoviert, kam 1934 nach Istanbul und wurde dort Professorin für Mathematik.
Leo Spitzer, 1887 in Wien geboren und einer der bedeutenden Romanisten seiner Generation, erhielt nach seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten 1933 eine Professur für Europäische Philologie an der Universität Istanbul.
Andreas Tietze, 1914 in Wien geboren, fand ab 1938 in Istanbul Zuflucht und begann dort jene jahrzehntelange Beschäftigung mit türkischer Sprache, Literatur und Kultur, die ihn später zu einem der international bedeutendsten Turkologen aus Österreich machte. Nach seiner Rückkehr wurde er Professor an der Universität Wien.
Erich Ruttin, Wiener HNO-Spezialist und Direktor am Rudolfspital, übernahm 1934 die Leitung der HNO-Abteilung der Universität Istanbul und beteiligte sich an der medizinischen Hochschulreform.
Max Sgalitzer, Professor für medizinische Radiologie in Wien, wurde 1938 aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung aus der Universität gedrängt und fand anschließend an der Universität Istanbul eine neue Wirkungsstätte als Leiter der radiologischen Abteilung.
Diese Namen – Holzmeister, Egli, Krippel, Oerley, Hanak, Schütte-Lihotzky, von Mises, Geiringer, Spitzer, Tietze, Ruttin und Sgalitzer – zeigen, dass die Verbindung zwischen Österreich und der jungen türkischen Republik weit mehr war als eine diplomatische Randnotiz. In Architektur, Kunst, Mathematik, Medizin und Geisteswissenschaften entstanden persönliche und institutionelle Verbindungen, deren Spuren bis heute sichtbar sind.
Gerade in Wien sollte man sich dieser Menschen erinnern. Ein Teil von ihnen erhielt in der Türkei bedeutende Aufträge, ein anderer Teil fand dort später Schutz und wissenschaftliche Arbeitsmöglichkeiten, als Österreich und Deutschland ihnen diese Möglichkeiten unter nationalsozialistischer Herrschaft nahmen.
Umso bitterer ist der historische Kontrast: Jene moderne, laizistische Republik, an deren Aufbau so viele europäische Wissenschaftler, Künstler und Architekten mitwirkten, wird heute durch eine reaktionäre Gegenbewegung in ihren republikanischen und säkularen Grundlagen zunehmend ausgehöhlt, während demokratische und säkulare Kräfte unter erheblichen politischen Druck geraten. Diese Geschichte gehört deshalb nicht nur zur türkischen, sondern ebenso zur österreichischen Erinnerung.
Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG Think Tank)
Obmann, Prof. Dipl.-Ing. Birol Kilic
Wien, 02.09.2026
Quellen und Dokumente
UNESCO – Offizielle Resolution der 20. Generalkonferenz 1978
Atatürk-Beschluss auf Seite 69, Resolution 3/1.5 & 2.3/4.
https://treaties.un.org/doc/source/docs/unesco_res_5_9.2_1-E.pdf
UNESCO – Offizielles Archiv der 20. Generalkonferenz
Vollständiger Band der Resolutionen der UNESCO-Generalkonferenz 1978.
https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000114032
Einweihung des Denkmals von Atatürks Bildhauer Heinrich Krippel am 100. Jahrestag und Tag der Republik Türkei https://www.turkischegemeinde.at/einweihung-des-denkmals-von-atatuerks-bildhauer-heinrich-krippel-am-100-jahrestag-und-tag-der-republik-tuerkei/
Nobel Prize – Offizielles Nominierungsarchiv
Dokumentation der Nominierung Mustafa Kemal Atatürks für den Friedensnobelpreis durch Eleftherios Venizelos im Jahr 1934.
https://www.nobelprize.org/nomination/archive/
U.S. Department of State – Franklin D. Roosevelt und Atatürk
Offizielle amerikanische Dokumentation zum Schreiben Roosevelts vom 6. April 1937, in dem er seine Bewunderung für die Leistungen der modernen Türkei unter Atatürks Führung ausdrückte.
https://history.state.gov/historicaldocuments/frus1938v02/d589
The Nehru Archive – Jawaharlal Nehru über Atatürk
Rede Nehrus vom 10. November 1963, in der er Atatürk als einen Helden seiner Jugend bezeichnet und an die Wirkung des türkischen Unabhängigkeitskampfes auf die indische Freiheitsbewegung erinnert.
https://nehruarchive.in/documents/in-new-delhi-kemal-attatu%CC%88rk-10-november-1963-xdj4g
John F. Kennedy Presidential Library – Kennedy über Atatürk
Offizielle Tonaufnahme und Archivdokumentation von Kennedys Würdigung Atatürks vom 4. November 1963.
https://www.jfklibrary.org/asset-viewer/archives/jfkwha-237-001
Belleten – Charles de Gaulle und Atatürk
Wissenschaftliche Dokumentation des Türkei-Besuchs Charles de Gaulles im Oktober 1968 und seines Eintrags im Gästebuch des Anıtkabir.
https://belleten.gov.tr/eng/full-text/1980/tur
The Churchill Project – Winston Churchill über Mustafa Kemal Atatürk
Dokumentation von Churchills Einschätzungen Atatürks und der Herkunft seiner bekannten Würdigung als „hero, champion, and father of modern Turkey“.
https://winstonchurchill.hillsdale.edu/churchill-and-ataturk/
The Churchill Project – Churchill und die Türkei
Weitere historische Einordnung von Churchills Verhältnis zu Atatürk und zur modernen Türkei.
https://winstonchurchill.hillsdale.edu/why-the-turks-like-churchill/
Atatürk Ansiklopedisi – Muhammad Ali Jinnah, Britisch-Indien und Atatürk
Dokumentation der Reaktionen in Britisch-Indien auf Atatürks Tod sowie des sogenannten „Kemal Day“ im November 1938.
https://ataturkansiklopedisi.gov.tr/detay/929/Atat%C3%BCrk-D%C3%B6neminde-T%C3%BCrkiye-Hindistan-%C4%B0li%C5%9Fkileri
















