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1683, Sobieski und der Kahlenberg: TKG schlägt ein „Denkmal der Allianz und des RESPEKTS“ vor

Ata Sel, Wien, 30.09.2026

Die in Österreich erscheinende polnische Zeitschrift Polonika hat in ihrer Ausgabe Nr. 5 (316), September/Oktober 2026, dem deutschsprachigen Essay von Birol Kılıç drei Seiten gewidmet. Unter dem Titel „Vom Stern meiner Großmutter in Istanbul bis zum Kahlenberg in Wien“ und der Unterzeile „Polen und Türken: eine Geschichte, die nicht 1683 endet“ schreibt der Wiener Verleger, Publizist und Obmann der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich über die lange polnisch-osmanisch-türkische Geschichte, über Jan III. Sobieski und über eine Frage, die den Kahlenberg seit Jahren begleitet: Wie soll Wien heute an den 12. September 1683 erinnern?

Dabei geht es längst nicht mehr nur um eine Statue. Auf dem Kahlenberg steht seit Jahren jener Granitblock, der ursprünglich als Sockel für ein in Polen gefertigtes Reiterstandbild Jan III. Sobieskis vorgesehen war. Die Initiative dazu war 2013 von einem Verein in Krakau ausgegangen. Die Enthüllung der Statue war für den 12. September 2018, den 335. Jahrestag der Entsatzschlacht, geplant. Wien entschied sich jedoch gegen die Aufstellung.

Die Stadt bestreitet damit nicht die historische Bedeutung Sobieskis. Ihre Einwände richteten sich gegen die konkrete Form des Denkmals und gegen die politische Bedeutung, die ein heroisierendes Reiterstandbild an diesem Ort entwickeln könnte. Eine von der Stadt beauftragte österreichisch-polnische Expertengruppe empfahl schließlich, anstelle eines klassischen Heldendenkmals ein „Friedens- und Allianzdenkmal“ zu schaffen, das Sobieskis Leistung und jene des polnisch-litauischen Heeres würdigen, gleichzeitig aber Frieden, Bündnis und Völkerverständigung stärker hervorheben sollte. Die Stadt Wien erklärte im November 2024 außerdem, man wolle am Kahlenberg keine neue Bühne schaffen, die für fremdenfeindliche, antitürkische oder islamfeindliche Agitation verwendet werden könne. Sie verwies dabei ausdrücklich auf die politische Instrumentalisierung der Erinnerung an 1683 durch rechtsextreme und identitäre Gruppen.

Der bestehende Granitstein erhielt bereits 2018 eine Inschrift in deutscher, polnischer und englischer Sprache. Darin wird die Schlacht als Kulminations- und Wendepunkt des Ringens zwischen dem Osmanischen und dem Habsburgerreich beschrieben, Sobieskis führende Rolle im europäischen Verteidigungsbündnis genannt und an mehr als 50.000 Tote der Kämpfe erinnert. Der Text endet mit der Hoffnung, die Erinnerung an 1683 möge dem friedlichen Zusammenleben in Europa dienen.

Das von der Republik Polen geplante Geschenk eines Sobieski-Denkmals fand keine Zustimmung.

Die polnische Seite betrachtet die Angelegenheit dennoch nicht als abgeschlossen. Die polnische Botschaft in Wien erklärte 2024, die Schlacht und König Jan III. Sobieski verdienten in Wien ein angemessenes und würdiges Gedenken, und sprach sich dafür aus, alle betroffenen Seiten in die weitere Lösung einzubeziehen.

Damit stehen seit Jahren zwei nachvollziehbare Anliegen nebeneinander: Polen möchte Sobieskis historische Leistung am Kahlenberg sichtbar gewürdigt sehen. Wien wiederum will verhindern, dass aus dem Erinnern an eine Schlacht des 17. Jahrhunderts ein politischer Ort entsteht, an dem alte Feindbilder gegen Menschen der Gegenwart gerichtet werden.

Die von der SPÖ regierte Stadt Wien akzeptiert am Kahlenberg als Sobieski-Denkmal einen Granitsockel, auf dessen Vorderseite lediglich „12 IX 1683“ steht. Der Sockel wurde 2013 für ein in Polen gegossenes Reiterstandbild König Sobieskis errichtet, das auf Initiative eines Krakauer Denkmalkomitees entstehen sollte. Die Stadt lehnte jedoch die Aufstellung der Statue ab. Stattdessen wurde der Sockel 2018 mit einer Inschrift in deutscher, polnischer und englischer Sprache versehen. Diese beschreibt die Schlacht als einen Wendepunkt im Kampf zwischen zwei Imperien, erinnert an mehr als 50.000 Tote und ruft zu einem friedlichen Zusammenleben in Europa auf.

Eine Geschichte, die nicht 1683 endet

Genau an diesem Punkt setzt der in Polonika veröffentlichte Essay an. Kılıç beginnt allerdings nicht auf dem Schlachtfeld, sondern mit einer Erinnerung aus seiner Kindheit in Istanbul. Seine Großmutter habe ihm, so schreibt er, in sternklaren Nächten Geschichten von Menschen und Völkern erzählt. Jeder Stern könne für ein Volk stehen, mit seiner eigenen Sprache, Geschichte, seinen Verlusten und Erinnerungen. Ein besonders heller Stern wurde für ihn damals zum Stern Polens.

Von Józef Bem, Adam Mickiewicz, Konstanty Borzęcki oder Adampol wusste er als Kind noch nichts. Erst viel später verstand er, dass hinter den Erzählungen seiner Großmutter eine Geschichte lag, in der Polen und Osmanen nicht nur als Gegner vorkamen. Krieg und Niederlage gehörten dazu, ebenso aber Diplomatie, Exil, Zuflucht, Migration und persönliche Lebenswege, die sich mit den politischen Fronten eines früheren Jahrhunderts kaum erklären lassen. Eingefügtes Markdown

Eine zentrale Zwischenüberschrift des Polonika-Textes lautet deshalb: „1683 – wichtig, aber nicht die ganze Geschichte“.

Kılıç stellt weder Sobieskis militärische Leistung noch die Bedeutung des 12. September 1683 infrage. Jan III. Sobieski führte das Entsatzheer, das entscheidend zur Beendigung der osmanischen Belagerung Wiens beitrug. Polen darf sich an diesen König erinnern, Österreich an die Verteidigung Wiens. Auch Menschen türkischer Herkunft hätten keinen Grund, sich diesem Kapitel der Geschichte zu entziehen.

Die Frage ist vielmehr, warum die gemeinsame Geschichte ausgerechnet an diesem Punkt enden sollte.

Weniger als ein Jahrhundert später begann mit der ersten Teilung Polens eine völlig andere Epoche. 1795 verschwand Polen als souveräner Staat von der politischen Landkarte Europas. In den folgenden Jahrzehnten kamen polnische Patrioten, Offiziere, Schriftsteller und politische Flüchtlinge in das Osmanische Reich. Aus dem Staat, dessen Armee 1683 vor Wien gestanden hatte, wurde für manche Polen später ein Zufluchtsort.

Józef Bem ging nach der Niederlage der ungarischen Revolution von 1848/49 in das Osmanische Reich, nahm den Namen Murad Pascha an und trat in osmanische Dienste. Adam Mickiewicz kam 1855 während des Krimkrieges nach Konstantinopel und starb dort. Michał Czajkowski wurde als Mehmed Sadık Pascha bekannt, Konstanty Borzęcki als Mustafa Celâleddin Pascha, Antoni Aleksander Iliński als İskender Pascha. Adampol, das heutige Polonezköy bei Istanbul, wurde bereits 1842 zu einem dauerhaften Ort polnischen Lebens am Bosporus. Eingefügtes Markdown

Diese Lebenswege verändern nicht, was 1683 geschah. Sie zeigen jedoch, wie wenig sich Geschichte auf eine Vorstellung von ewig miteinander verfeindeten Völkern reduzieren lässt.

Sobieski ehren, ohne ihn auf ein Feindbild zu reduzieren

In Polonika trägt ein Abschnitt die Überschrift „Ein großer Name darf nicht verkürzt werden“. Gemeint ist Jan III. Sobieski.

Kılıç hält ein Sobieski-Denkmal nicht schon deshalb für türkenfeindlich oder islamfeindlich, weil es einen polnischen König ehrt, der 1683 gegen die Osmanen kämpfte. Gerade eine bedeutende historische Persönlichkeit werde aber verkürzt, wenn sie Jahrhunderte später nur noch als Symbol eines dauerhaften „Wir gegen die anderen“ benutzt werde.

Deshalb lautet die entscheidende Frage für ihn nicht: Sobieski-Denkmal – ja oder nein?

Die interessantere Frage lautet, in welchem historischen Zusammenhang Sobieski am Kahlenberg erinnert werden soll. Neben dem polnischen König gehören Karl V. von Lothringen, Ernst Rüdiger von Starhemberg, die Verteidiger Wiens und die unterschiedlichen Kräfte des Entsatzheeres zu dieser Geschichte. Ebenso wenig muss die Erinnerung mit dem 12. September 1683 abbrechen. Dass polnische Emigranten im 19. Jahrhundert ausgerechnet im Osmanischen Reich Schutz fanden, gehört ebenfalls zur Geschichte zwischen Polen und der osmanisch-türkischen Welt. Eingefügtes Markdown

Ein Denkmal könnte diese Zusammenhänge sichtbar machen, ohne den militärischen Ausgang der Schlacht umzudeuten und ohne Angreifer und Verteidiger nachträglich gleichzusetzen.

Warum für Kılıç der Respekt vor dem Frieden kommt

An diesem Punkt geht Kılıç heute über seinen ursprünglichen Polonika-Essay hinaus.

Die Idee eines „Friedens- und Allianzdenkmals“ stammt nicht von ihm. Sie wurde von der österreichisch-polnischen Expertengruppe formuliert, die sich im Auftrag der Stadt Wien mit der Erinnerung am Kahlenberg beschäftigte. Presseservice der Stadt Wien Kılıç greift diesen Gedanken auf, setzt jedoch an einer anderen Stelle an: Für ihn braucht Frieden zunächst eine Voraussetzung, und diese heißt Respekt.

Daraus entstand die Formulierung „Denkmal der Allianz und des Respekts“.

Der Begriff „Allianz“ verweist auf eine historische Tatsache. Wien wurde 1683 nicht durch einen einzelnen Mann und auch nicht durch eine einzige Nation entsetzt. Sobieski stand an der Spitze eines Bündnisses unterschiedlicher Kräfte. „Respekt“ dagegen richtet den Blick auf die Gegenwart.

Damit ist keine nachträgliche Harmonisierung des Krieges gemeint. Wer Wien belagerte, wer die Stadt verteidigte und wer zum Entsatz kam, lässt sich historisch benennen. Respekt verlangt nicht, diese Rollen zu verwischen. Er verlangt aber, die Toten, Verluste und Erinnerungen nicht nur auf einer Seite wahrzunehmen und Menschen des 21. Jahrhunderts nicht zu Stellvertretern von Armeen des 17. Jahrhunderts zu machen.

Für Kılıç ist dieser Punkt auch deshalb wichtig, weil er seit mehr als drei Jahrzehnten in Wien lebt und immer wieder beobachtet hat, wie schnell in der Erinnerungssprache „Osmanen“, „Türken“ und „Muslime“ ineinander übergehen können. Das betrifft keineswegs alle Österreicher und lässt sich auch keiner einzelnen politischen Partei pauschal zuschreiben. Problematisch wird es dort, wo aus dem Osmanen von 1683 nahezu unbemerkt der „Türke“ von heute wird.

Gerade am Kahlenberg ist diese Frage keine theoretische. Am 12. September 2026 fand dort eine Veranstaltung der Identitären unter dem Titel „Helden von Wien! Gedenkveranstaltung zur zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683“ statt. Martin Sellner sprach, eine Sobieski-Figur wurde aufgestellt, Gegenkundgebungen fanden gleichzeitig statt. Die Polizei war mit zahlreichen Kräften vor Ort. news.ORF.at

Kılıç war als journalistischer Beobachter dort und suchte auch das Gespräch mit Teilnehmern. Besonders in Erinnerung blieb ihm ein Wiener, der sich selbst als FPÖ-nah bezeichnete und sagte, er sei aus Neugier gekommen, um Martin Sellner zu hören. Der Mann erzählte zugleich offen, dass eine frühere Lebensgefährtin Türkin gewesen sei und er mit dieser Zeit schöne Erinnerungen verbinde. Im Gespräch über 1683 äußerte er dann die Vorstellung, die Türken sollten auf den Kahlenberg kommen und sich vor einem Sobieski-Denkmal für 1683 entschuldigen.

Kılıç reagierte nicht mit einer Beschimpfung. Er fragte zurück, wohin eine solche Logik führen würde. Müssten dann heutige Österreicher für die Beteiligung der Habsburgermonarchie an den Teilungen Polens persönlich um Entschuldigung bitten? Müsste man heutigen Deutschen oder Russen persönliche Verantwortung für die Zerschlagung Polens im Jahr 1939 zuschreiben?

Der Wiener erklärte, darüber wisse er wenig. Das Gespräch blieb dennoch ruhig und freundlich.

Gerade deshalb macht Kılıç diesem Mann keinen persönlichen Vorwurf. Im Gegenteil: Er erinnert sich an einen Menschen, der ihm offen begegnete, zuhörte und mit dem ein Gespräch möglich blieb, obwohl beide in einem wichtigen Punkt völlig unterschiedlicher Meinung waren. Für Kılıç liegt darin mehr Erkenntnis als in einer gegenseitigen Beschimpfung.

Politische Bezeichnungen wie rechts, links, konservativ, sozialdemokratisch, grün oder kommunistisch können politische Positionen beschreiben. Sie erklären aber nicht den ganzen Menschen. Aus seiner Sicht würde Österreich sich selbst keinen Gefallen tun, wenn politische Gegnerschaft wieder zur gegenseitigen moralischen Vernichtung führt. Ideologien müssen kritisiert werden können, Rassismus und Menschenfeindlichkeit ebenso. Aber auch ein harter politischer Widerspruch sollte nicht automatisch bedeuten, dass man dem anderen seine Würde als Gesprächspartner abspricht.

Kılıç verbindet diese Haltung auch mit persönlichen Erfahrungen aus seiner Jugend in Istanbul. Er erlebte noch die Jahre vor dem Militärputsch von 1980, als sich junge Menschen, die sich als rechts oder links verstanden, auf den Straßen bekämpften und töteten. Solche Erfahrungen haben seinen Blick auf politische Lagerbildung geprägt. Nicht weil politische Unterschiede unwichtig wären, sondern weil er gesehen habe, was geschehen kann, wenn aus einem politischen Gegner ein Feind wird, mit dem nicht mehr gesprochen werden soll.

Von hier aus versteht sich auch sein Satz: Erst Respekt, dann Frieden.

Nicht als moralische Belehrung, sondern als Erfahrung. Ein Frieden, bei dem nur die eigene Erinnerung zählt, bleibt zerbrechlich. Wenn eine Seite Respekt für ihre Geschichte verlangt, muss sie bereit sein, auch die Erinnerung und Würde des anderen wahrzunehmen. Erst auf dieser Grundlage kann aus einer historischen Allianz ein Gedanke entstehen, der auch im 21. Jahrhundert trägt.

Ein gemeinsamer künstlerischer Weg

Kılıç schlägt deshalb vor, die Zukunft des Kahlenbergs nicht ausschließlich in bilateralen politischen Verhandlungen zwischen Wien und Warschau zu entscheiden. Ein möglicher Weg wäre ein internationaler Kunst- und Ideenwettbewerb, an dem sich Künstlerinnen und Künstler aus Polen, Österreich und der Türkei beteiligen könnten. Historikerinnen und Historiker, Kunstfachleute und unabhängige Expertinnen und Experten könnten die eingereichten Entwürfe gemeinsam beurteilen.

Diese konkrete Wettbewerbsform ist eine Weiterentwicklung von Kılıç und nicht mit der bereits bestehenden Empfehlung des österreichisch-polnischen Expertengremiums zu verwechseln. Im Polonika-Essay selbst findet sich bereits die Überlegung, einen künftigen Erinnerungsort gemeinsam mit polnischen, österreichischen und türkischen Historikern und Künstlern zu entwickeln. Eingefügtes Markdown

Dabei müsste es nicht darum gehen, drei nationale Symbole nebeneinanderzustellen. Ein überzeugender Entwurf müsste schwierigeres leisten: Sobieskis historische Bedeutung sichtbar machen, die Verteidigung Wiens und die Allianz von 1683 erklären und zugleich vermeiden, dass der damalige osmanische Gegner mit Menschen türkischer oder muslimischer Herkunft im heutigen Wien gleichgesetzt wird.

Schon der Weg zu einem solchen Denkmal könnte Teil seiner Aussage werden. Polen, Österreicher und Türken würden dann nicht darüber streiten, wem die Geschichte gehört, sondern gemeinsam darüber nachdenken, wie sie in einer europäischen Stadt des 21. Jahrhunderts erzählt werden kann.

Res publica und die gemeinsame Stadt

Für Kılıç führt die Diskussion damit über den konkreten Sockel am Kahlenberg hinaus. Er greift den alten Begriff der res publica auf – die gemeinsame öffentliche Sache.

Ein Denkmal im öffentlichen Raum gehört nicht nur jener Gruppe, die sich mit seinem Helden identifiziert. Es steht in einer Stadt und spricht damit auch zu Menschen, deren Familiengeschichten, Religionen und historische Erinnerungen ganz andere sind.

Eine Republik besteht deshalb nicht allein aus Gesetzen, Gerichten und Behörden. Sie lebt auch davon, dass Menschen mit unterschiedlichen politischen Vorstellungen und unterschiedlichen Herkünften denselben öffentlichen Raum teilen können, ohne einander zu historischen Feinden zu erklären.

In diesem Sinne verbindet Kılıç den Begriff des Gemeinwohls mit dem Respekt. Eine pluralistische Gesellschaft muss nicht verlangen, dass alle dieselbe Geschichte erzählen. Sie muss aber ermöglichen, dass unterschiedliche Erinnerungen nebeneinander bestehen, ohne dass daraus neue Feindbilder entstehen.

Gerade deshalb ist die Kahlenberg-Debatte inzwischen mehr als die Frage, ob auf einem Granitsockel eine Statue stehen soll. Sie berührt auch die Frage, wie Wien mit seiner eigenen Vergangenheit umgehen will und welche Sprache es für diese Vergangenheit im 21. Jahrhundert findet.

Vom Stern in Istanbul zurück zum Kahlenberg

Am Ende seines Polonika-Essays kehrt Kılıç zu seiner Großmutter zurück. Die Zwischenüberschrift lautet „Was vom Stern bleibt – Erinnerung an edle Menschen“.

Als Kind wusste er nichts von Sobieski, Bem, Mickiewicz, Borzęcki oder Adampol. Er sah einen hellen Stern über Istanbul und hörte von Menschen, die ihre Heimat nicht vergessen hatten. Erst Jahrzehnte später verstand er, warum seine Großmutter von jenen Polen mit besonderem Respekt sprach: Sie liebten ihr eigenes Land und konnten zugleich jenes Land achten, das ihnen in schwierigen Zeiten Schutz geboten hatte. Eingefügtes Markdown

Vielleicht liegt darin auch eine mögliche Antwort für den Kahlenberg.

Sobieski muss nicht kleiner gemacht werden, damit Menschen türkischer Herkunft ihren Platz in Wien haben. Die Niederlage des Osmanischen Heeres muss nicht verschwiegen werden, damit die Toten dieser Seite menschlich erinnert werden können. Und die Geschichte Polens muss nicht gegen die Geschichte der Türkei ausgespielt werden, wenn beide Seiten bereit sind, auch die Erinnerung des anderen wahrzunehmen.

Aus dieser Überlegung entwickelt sich Kılıçs dritte Perspektive: Sobieski ehren, 1683 in seinem historischen Zusammenhang erzählen und einen Erinnerungsort schaffen, der aus der damaligen Allianz keine neue Frontlinie macht.

Der zusätzliche Begriff „Respekt“ ist dabei keine Verzierung des bereits vorhandenen Gedankens eines Friedens- und Allianzdenkmals. Er bezeichnet für Kılıç die Voraussetzung, ohne die Frieden leicht zu einer bloßen Inschrift werden kann.

Am Kahlenberg könnte deshalb zuerst die gegenseitige Anerkennung stehen – der Respekt vor Sobieski und den Verteidigern Wiens, vor den Toten, vor unterschiedlichen historischen Erfahrungen und vor den Menschen, die heute gemeinsam in dieser Stadt leben. Erst daraus kann ein Frieden entstehen, der nicht nur auf einem Stein steht, sondern auch im Umgang mit Geschichte Bestand hat.

 

PS:

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