Wien ist nicht Paris – und Paris ist nicht Wien. Gewalt entschlossen bekämpfen, aber nicht ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht stellen..
Die Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG) verfolgt die seit Wochen andauernden Proteste und schweren Ausschreitungen in Frankreich mit Sorge und Besonnenheit. Die Demonstrationen begannen mit Schülerprotesten und entwickelten sich zu einer landesweiten Bewegung. Zunächst ging es um Missstände im Bildungswesen, später zunehmend auch um steigende Lebenshaltungskosten und soziale Ungleichheit. Wiederholt, insbesondere am 17. Oktober, kam es dabei zu schweren Gewalttaten.
Keine pauschalen Schuldzuweisungen
Die TKG warnt davor, diese Ereignisse vorschnell mit Migration oder Religion gleichzusetzen und daraus Rückschlüsse auf Musliminnen und Muslime in Österreich abzuleiten. Frankreich und Österreich haben unterschiedliche historische und gesellschaftliche Voraussetzungen: Frankreichs koloniale Vergangenheit und Österreichs Geschichte der Arbeitsmigration haben unterschiedliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen geprägt. Daraus lassen sich jedoch weder pauschale Schuldzuweisungen noch Rückschlüsse auf ganze Bevölkerungsgruppen ableiten.
Die Verantwortung für Gewalttaten tragen die jeweiligen Täterinnen und Täter – nicht ihre Herkunfts- oder Religionsgemeinschaften. Aus den Ereignissen in Frankreich darf daher kein Generalverdacht gegen die muslimischen Österreicherinnen und Österreicher abgeleitet werden.
Politische Warnungen brauchen überprüfbare Tatsachen
Wenn in der politischen Debatte von einem „Gewaltbündnis aus Linksextremen und Islamisten“ gesprochen wird, müssen solche Behauptungen durch konkrete und überprüfbare Tatsachen untermauert werden. Die Bekämpfung von gewaltbereitem Islamismus und jeder anderen Form des Extremismus ist selbstverständlich notwendig. Daraus darf jedoch weder eine Gleichsetzung von Islamismus und Muslimen noch ein pauschaler Verdacht gegen die muslimische Bevölkerung entstehen. Sicherheitspolitik braucht Wachsamkeit, Sachlichkeit und rechtsstaatliche Konsequenz, nicht zusätzliche gesellschaftliche Feindbilder.
Friedlicher Protest ist ein Grundrecht – Gewalt ist keine Lösung
Die TKG bekennt sich ausdrücklich zum grundrechtlich geschützten Recht auf friedlichen Protest und verurteilt jede Form von Gewalt, Einschüchterung und Zerstörung. Sie appelliert an alle, sich nicht von Provokationen vereinnahmen zu lassen. Wer zu Gewalt oder gesellschaftlicher Spaltung aufruft, spricht nicht in unserem Namen.
Wachsamkeit gegenüber Einflussnahme aus dem Ausland
Zugleich verweist die TKG auf die in österreichischen und europäischen Sicherheitsberichten dokumentierten Versuche ausländischer Akteure, gesellschaftliche Spannungen durch Desinformation und verdeckte Einflussnahme zu verstärken. Die TKG warnt daher vor der Möglichkeit, dass auch in Österreich religiöse Identitäten oder vermeintliche Vertretungsansprüche für gezielte Provokationen missbraucht werden könnten, um Feindbilder zu erzeugen und Musliminnen und Muslime in Misskredit zu bringen. Auch verdeckte Finanzierungen oder finanzielle Abhängigkeiten können grundsätzlich als Instrumente ausländischer Einflussnahme dienen.
Solche möglichen Einflussnahmen müssen bei konkreten Hinweisen sorgfältig geprüft werden; sie dürfen weder ohne Belege behauptet noch leichtfertig ausgeschlossen werden. Bloße Vermutungen dürfen jedoch keinen Verdacht gegen religiöse Gemeinschaften, Vereine oder deren Mitglieder begründen. Entscheidend sind überprüfbare Tatsachen und eine sorgfältige rechtsstaatliche Prüfung.
Die TKG appelliert insbesondere an junge Menschen, ihr Grundrecht auf friedlichen Protest selbstbestimmt und verantwortungsvoll wahrzunehmen und sich weder für Gewalt noch für fremdgesteuerte Provokationen instrumentalisieren zu lassen.
Die zuständigen österreichischen Behörden sind aufgerufen, konkreten Hinweisen auf rechtswidrige Einflussnahmen, Gewaltaufrufe und gezielte Provokationen im Rahmen ihrer gesetzlichen Zuständigkeiten konsequent nachzugehen und jeder Form von Hass gegen religiöse oder gesellschaftliche Gruppen mit den Mitteln des Rechtsstaates entgegenzutreten.
Österreich ist unsere Heimat
Viele türkeistämmige Familien sind seit mehr als sechs Jahrzehnten in Österreich verwurzelt und haben – vor allem durch die Leistungen der Gastarbeitergeneration – zur Entwicklung und zum Wohlstand dieses Landes beigetragen. Österreich ist für viele von uns zur neuen Heimat geworden; für unsere Kinder und Enkel ist es längst ihre selbstverständliche Heimat. Niemand muss seine Zugehörigkeit zur Republik Österreich immer wieder aufs Neue beweisen. Entscheidend sind die Achtung der Gesetze und der Grundrechte sowie die Verantwortung für das Gemeinwohl.
Unser Stolz gilt der Republik Österreich, ihrer demokratischen Grundordnung und ihren rechtsstaatlichen Werten. Diese Werte zu schützen bedeutet auch, die Würde und die Rechte jedes einzelnen Menschen zu achten – unabhängig von Herkunft, Religion oder Weltanschauung.
Besonnenheit, Dialog, gegenseitiger Respekt und faire Differenzierung bleiben unsere gemeinsame Verantwortung – zum Wohle aller Menschen in diesem Land.
„Friede daheim, Friede in der Welt.“
Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG)
Wien, 21.10.2026













