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Polonika veröffentlicht deutschsprachigen Essay von Birol Kılıç über 1683 und den Kahlenberg

Die seit 1995 in Österreich erscheinende polnische Zeitschrift Polonika hat in ihrer Ausgabe Nr. 5 (316), September/Oktober 2026, einen ausführlichen deutschsprachigen Essay von Birol Kılıç veröffentlicht. Der Obmann der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKG), Verleger und Publizist, widmet sich darin auf drei Seiten der langen Geschichte zwischen Polen und Türken, der Erinnerung an den 12. September 1683 und der seit Jahren geführten Debatte über ein Denkmal für König Jan III. Sobieski am Wiener Kahlenberg.

von Ata Sel, Wien, 30.09.2026

Der Beitrag trägt den Titel „Vom Stern meiner Großmutter in Istanbul bis zum Kahlenberg in Wien“. Darunter steht die programmatische Zeile: „Polen und Türken: eine Geschichte, die nicht 1683 endet“. Schon damit wird deutlich, worum es Kılıç geht: Er bestreitet weder den polnischen Sieg noch die historische Bedeutung Sobieskis, will die Beziehungen zwischen Polen und der osmanisch-türkischen Welt aber nicht auf eine einzige Schlacht reduzieren.

Polonika, die heuer auf 31 Jahre Publikationsgeschichte verweist und sich als Zeitschrift für die polnische Community in Österreich versteht, gibt dem Text ungewöhnlich viel Raum. Der Essay beginnt auf Seite 37 und erstreckt sich über die Seiten 38 und 39. Auch im Editorial der Ausgabe wird auf den Beitrag hingewiesen. Dort wird ausdrücklich erwähnt, dass Kılıç über die polnisch-türkischen Beziehungen, die Erinnerung an das Jahr 1683 und die Idee eines Denkmals für Jan III. Sobieski am Kahlenberg schreibt.

Vom Garten der Großmutter zur europäischen Geschichte

Kılıç beginnt seinen Essay nicht mit Kanonen, Heeren oder Königen, sondern mit einer persönlichen Erinnerung aus Istanbul. Seine Großmutter, die selbst Krieg und Verlust erlebt hatte, habe ihm als Kind Geschichten erzählt und dabei versucht, keine Vorurteile an die nächste Generation weiterzugeben. Eines Abends habe sie in den Nachthimmel gezeigt und erklärt, man solle sich vorstellen, jeder Stern stehe für ein anderes Volk, mit eigener Geschichte, eigener Sprache, eigenen Schmerzen und eigenen Erinnerungen.

Ein besonders heller Stern wurde für den jungen Kılıç zum Stern Polens. Seine Großmutter erzählte ihm von Polen und von jenen Polen, die in Istanbul und im Osmanischen Reich Zuflucht gefunden hatten. Damals kannte er, wie er schreibt, weder Józef Bem noch Adam Mickiewicz, Konstanty Borzęcki oder Adampol. Viel später erst habe er verstanden, welche historische Wirklichkeit sich hinter den Geschichten seiner Großmutter verbarg.

Gerade diese persönliche Ebene macht den Text anders als viele Beiträge über 1683. Die Geschichte wird nicht als abstrakter Konflikt zweier Blöcke erzählt, sondern als Geschichte von Menschen, deren Rollen sich im Lauf der Jahrhunderte verändern konnten: Gegner wurden später Gastgeber, Flüchtlinge wurden Generäle, Dichter fanden im Reich eines früheren Gegners Zuflucht, und aus militärischen Frontlinien entstanden andere politische Beziehungen.

„1683 – wichtig, aber nicht die ganze Geschichte“

Eine der zentralen Zwischenüberschriften des Beitrags lautet „1683 – wichtig, aber nicht die ganze Geschichte“. Dieser Satz fasst den Ausgangspunkt des Essays ziemlich genau zusammen.

Kılıç stellt die militärische Bedeutung des 12. September 1683 nicht infrage. Jan III. Sobieski war ein großer polnischer König, und seine führende Rolle beim Entsatz Wiens sei unbestritten. Österreich dürfe sich an die Verteidigung Wiens erinnern, Polen dürfe auf Sobieski stolz sein, und auch Menschen türkischer Herkunft müssten sich dieser Geschichte stellen.

Aber, so die Gegenfrage: Warum sollte die Geschichte an diesem einen Tag enden?

Nur 89 Jahre später begann mit der ersten Teilung Polens eine völlig andere Epoche. 1795 verschwand Polen als souveräner Staat von der politischen Landkarte Europas. In den folgenden Jahrzehnten fanden polnische Patrioten, Offiziere, Intellektuelle und politische Flüchtlinge immer wieder im Osmanischen Reich Schutz oder eine neue Wirkungsstätte.

Damit wird aus dem vermeintlich einfachen Bild „Polen gegen Osmanen“ eine deutlich kompliziertere Geschichte.

Was Polen selbst über die Türkei schreibt

Bemerkenswert ist auch, dass Kılıç in Polonika nicht nur türkische oder persönliche Quellen heranzieht, sondern ausdrücklich darauf verweist, wie die polnische Seite selbst ihre Beziehungen zum Osmanischen Reich darstellt.

Unter der Zwischenüberschrift „Was Polen selbst über die Türkei schreibt“ verweist der Essay auf die lange diplomatische Geschichte zwischen Polen und dem Osmanischen Reich. Die Beziehungen werden bis in das frühe 15. Jahrhundert zurückgeführt. Kılıç erinnert außerdem an die in Polen bis heute gepflegte Überlieferung, wonach das Osmanische Reich die Teilungen Polens nicht anerkannt habe und polnischen politischen Emigranten Zuflucht gewährte.

Auch die bekannte Erzählung über den bei Hofzeremonien angeblich stets „noch unterwegs“ befindlichen polnischen Gesandten aus „Lehistan“ wird erwähnt. Historisch lasse sich nicht jedes Detail dieser Überlieferung beweisen, schreibt Kılıç sinngemäß. Dennoch sei sie zu einem Symbol dafür geworden, dass Polen politisch nicht einfach aus dem Bewusstsein verschwunden war.

Polnische Patrioten im Osmanischen Reich

Der Essay nennt eine ganze Reihe polnischer Persönlichkeiten, deren Lebenswege zeigen, wie eng Polen und das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert verbunden waren.

Józef Bem, eine der bedeutenden Gestalten der polnischen und ungarischen Freiheitsbewegungen, ging nach der Niederlage der ungarischen Revolution von 1848/49 in das Osmanische Reich, nahm den Namen Murad Pascha an und trat in osmanische Dienste. In Polen gilt Bem bis heute als Nationalheld; auch in Ungarn wird er als Freiheitsheld verehrt.

Adam Mickiewicz, einer der größten polnischen Nationaldichter, kam während des Krimkrieges 1855 nach Konstantinopel. Er hoffte, der Krieg gegen Russland könne auch der polnischen Sache dienen. Mickiewicz starb am 26. November 1855 in Istanbul. Heute ruhen er und Jan III. Sobieski beide in der Wawel-Kathedrale in Krakau – zwei Männer derselben polnischen Erinnerung, deren Lebenswege zugleich ganz unterschiedliche Verbindungen zur osmanischen Welt zeigen.

Kılıç nennt darüber hinaus Michał Czajkowski, der als Mehmed Sadık Pascha bekannt wurde, Konstanty Borzęcki, den späteren Mustafa Celâleddin Pascha, Antoni Aleksander Iliński, der im Osmanischen Reich als İskender Pascha wirkte, sowie weitere polnische Exilanten und Militärs.

Gerade diese Namen machen deutlich, weshalb Kılıç von einer Geschichte spricht, die nicht 1683 endet.

Adampol: ein Stück Polen am Bosporus

Einen eigenen Abschnitt widmet der Essay Adampol, dem heutigen Polonezköy bei Istanbul. Die Siedlung entstand 1842 und wurde zu einem dauerhaften Ort polnischer Erinnerung im Osmanischen Reich.

Für Menschen, deren eigener Staat zeitweise nicht existierte, sei ein solcher Ort mehr gewesen als eine Siedlung. Sprache, katholischer Glaube, Familienerinnerung und polnische Identität konnten dort weiterleben.

Kılıç geht aber noch einen Schritt weiter. Die polnischen Emigranten seien nicht nur Schutzsuchende gewesen. Einige hätten ihr Wissen, ihre militärische Erfahrung und ihre intellektuelle Arbeit auch in das Osmanische Reich eingebracht. Konstanty Borzęcki beziehungsweise Mustafa Celâleddin Pascha wird dabei als besonders eindrucksvolles Beispiel genannt. Sein Werk Les Turcs anciens et modernes habe weit über seine eigene Zeit hinaus gewirkt und gehöre zu jenen Schriften, die später auch für die Entwicklung eines modernen türkischen Geschichts- und Staatsverständnisses von Interesse waren.

Damit wird die Beziehung nicht als Einbahnstraße beschrieben. Osmanische Herrscher gewährten polnischen Emigranten Schutz; polnische Persönlichkeiten hinterließen zugleich Spuren in ihrem neuen Umfeld.

Was würden Sobieski und Mickiewicz einander erzählen?

Eine der interessantesten Passagen trägt die Überschrift „Wenn Sobieski und Adam Mickiewicz sprechen könnten“.

Kılıç stellt dabei keine künstliche Versöhnungsszene her. Er benutzt die beiden Persönlichkeiten vielmehr, um die Veränderbarkeit von Geschichte sichtbar zu machen. Sobieski könnte vom Jahr 1683 erzählen, Mickiewicz von den Teilungen Polens und von einem Polen, das keinen eigenen Staat mehr besaß. Der eine war König eines souveränen Landes und Sieger vor Wien, der andere kämpfte als Dichter und politischer Emigrant für eine Heimat, die von der Landkarte verschwunden war in Istanbul.

Gerade darin liegt für Kılıç eine Lehre: Staaten, Bündnisse und Fronten sind nicht für alle Zeiten festgeschrieben.

Das Osmanische Reich, dessen Armee 1683 vor Wien stand, wurde später zum Zufluchtsort für Menschen eines Landes, dessen König damals zu den wichtigsten Gegnern der Osmanen gehört hatte.

Wer aus einer einzigen Schlacht eine ewige Feindschaft zwischen Völkern machen wolle, müsse deshalb einen großen Teil der späteren Geschichte ausblenden.

„Ein großer Name darf nicht verkürzt werden“

Auch Sobieski selbst wird im Essay nicht gegen die geplante Erinnerung ausgespielt. Im Gegenteil: Unter der Überschrift „Ein großer Name darf nicht verkürzt werden“ argumentiert Kılıç, dass gerade ein bedeutender historischer Name nicht auf ein simples „wir gegen die anderen“ reduziert werden sollte.

Ein Sobieski-Denkmal sei für ihn nicht an sich türkenfeindlich oder islamfeindlich. Entscheidend sei vielmehr, welche Bedeutung ein solches Monument im Wien des 21. Jahrhunderts erhalten soll.

Wer 1683 erinnere, aber die spätere Geschichte vollständig ausblende, erzähle einen historisch wahren, aber unvollständigen Teil. Kılıç verweist in diesem Zusammenhang auch auf die in Wien geführte Debatte über den Kahlenberg und auf frühere Überlegungen, dort stärker Frieden, Bündnis und Solidarität sichtbar zu machen.

Die Frage lautet also nicht: Sobieski – ja oder nein?

Sie lautet: Welcher Sobieski soll erinnert werden, in welchem historischen Zusammenhang, und welche Botschaft soll dieses Erinnern heute haben?

Ein Denkmal, das verbinden kann

Auf dieser Grundlage entwickelt Kılıç in Polonika die Idee eines Denkmals, das verbinden kann. Sobieski soll darin einen würdigen und seiner historischen Bedeutung entsprechenden Platz erhalten. Zugleich könnten Ernst Rüdiger von Starhemberg, die Verteidigung Wiens sowie weitere historische Zusammenhänge sichtbar werden. Auch die osmanische Seite und das spätere Kapitel, in dem das Osmanische Reich polnischen Flüchtlingen Schutz gewährte, könnten in die historische Einordnung einfließen.

Das würde Sobieski, so Kılıç, nicht kleiner machen. Vielmehr könnte ein solches Denkmal zeigen, dass Nachfahren von Völkern, die 1683 gegeneinander kämpften, heute gemeinsam vor derselben Geschichte stehen können.

Aus dieser in Polonika formulierten Idee entwickelt Kılıç inzwischen einen weitergehenden Vorschlag: Aus einem bloßen „Denkmal der Allianz“ soll ein „Denkmal der Allianz und des Respekts“ werden.

Der Begriff „Allianz“ beschreibt das historische Bündnis, das 1683 Wien entsetzte. Der Begriff „Respekt“ kommt hinzu, weil ein Monument, das heute errichtet wird, nicht nur zu den Toten des 17. Jahrhunderts spricht, sondern auch zu den Menschen des 21. Jahrhunderts.

Respekt bedeutet dabei nicht, historische Rollen zu verwischen. Ein Angreifer bleibt ein Angreifer, ein Verteidiger bleibt ein Verteidiger, und Sobieskis Sieg bleibt ein Sieg. Respekt bedeutet vielmehr, aus diesem historischen Befund kein erbliches Feindbild für Menschen zu machen, die Jahrhunderte später leben.

Ein gemeinsames Kunstprojekt für Polen, Österreich und die Türkei

Kılıç schlägt deshalb vor, die künftige Gestaltung des Kahlenbergs nicht allein als politische oder bilaterale Frage zwischen Wien und Warschau zu behandeln. Denkbar wäre vielmehr ein gemeinsamer künstlerischer Prozess, an dem polnische, österreichische und türkische Künstlerinnen und Künstler beteiligt werden.

Ein international ausgeschriebener Wettbewerb könnte unterschiedliche Entwürfe hervorbringen. Eine unabhängige Jury aus Vertreterinnen und Vertretern der Kunst, der Geschichtswissenschaft und der beteiligten Länder könnte darüber beraten, welches Konzept dem historischen Ort am besten gerecht wird.

Dabei ginge es nicht darum, drei nationale Denkmäler nebeneinanderzustellen oder die Geschichte künstlich auszugleichen. Die Herausforderung wäre anspruchsvoller: Sobieskis historisches Gewicht müsste sichtbar bleiben, ebenso die Verteidigung Wiens und das Bündnis von 1683. Zugleich sollte das Denkmal verhindern, dass der osmanische Gegner des Jahres 1683 mit Menschen türkischer oder muslimischer Herkunft des Jahres 2026 gleichgesetzt wird.

Ein solches Projekt könnte selbst zu einem Teil der Botschaft werden. Polen, Österreicher und Türken würden nicht darüber verhandeln, wer die Geschichte „besitzt“, sondern gemeinsam darüber, wie sie im öffentlichen Raum erzählt werden soll.

Respekt ist keine Einbahnstraße

Für Kılıç ist dabei der Begriff Respekt zentral. Wer Respekt verlangt, müsse ihn auch selbst zeigen. Das sei nicht nur eine moralische Forderung, wie sie in religiösen Traditionen oder bei Kant formuliert wurde, sondern eine praktische Voraussetzung für das Zusammenleben in einer freiheitlichen, demokratischen, säkularen und rechtsstaatlichen Republik.

Eine Republik könne nicht allein von Paragraphen, Behörden und Institutionen leben. Sie brauche Menschen, die einander als gleichberechtigte Bürger anerkennen, Unterschiede aushalten und die Würde des anderen nicht davon abhängig machen, woher dessen Familie kommt oder welcher Religion er angehört.

An dieser Stelle führt Kılıç den Begriff der res publica, der gemeinsamen öffentlichen Sache, ins Spiel. Ohne Gemeinwohl könne eine Republik auf Dauer nicht funktionieren; ohne gegenseitigen Respekt lasse sich dieses Gemeinwohl schwer tragen.

Damit erhält die Debatte um einen Sockel auf dem Kahlenberg plötzlich eine viel größere Dimension. Sie handelt nicht mehr nur von einer Statue, sondern von der Frage, wie eine vielfältige europäische Stadt mit ihrer Vergangenheit umgeht.

Was vom Stern bleibt

Am Ende des Polonika-Essays kehrt Kılıç zu seiner Großmutter zurück. Die entsprechende Zwischenüberschrift lautet „Was vom Stern bleibt – Erinnerung an edle Menschen“.

Wenn er heute an sie denke, sehe er noch ihre Hand, die in den Istanbuler Nachthimmel zeigte. Damals kannte er weder Sobieski noch Bem, Mickiewicz, Borzęcki oder Adampol. Er sah einen hellen Stern und hörte von Menschen, die ihre Heimat im Herzen nicht aufgegeben hatten.

Heute, schreibt Kılıç, verstehe er besser, weshalb seine Großmutter gerade diese Menschen bewunderte. Sie liebten Polen und achteten zugleich das Land, das ihnen Schutz gegeben hatte.

Diese Verbindung zwischen Heimatliebe und Dankbarkeit ist vielleicht die persönlichste Aussage des gesamten Textes.

Und sie führt direkt zum Kahlenberg zurück.

Mehr als drei Jahrhunderte nach 1683 wäre die Aufgabe eines Denkmals dann nicht, eine längst geschlagene Armee noch einmal symbolisch zu besiegen. Es könnte vielmehr zeigen, dass Geschichte erinnert werden kann, ohne Feindschaft zu vererben.

Aus einem Ort der Konfrontation könnte so ein gemeinsamer Erinnerungsort werden – nicht gegen Sobieski, sondern gerade unter Anerkennung seiner historischen Leistung; nicht gegen Polen, Österreich oder die Türkei, sondern mit dem Anspruch, aus ihrer komplizierten gemeinsamen Geschichte etwas für die Zukunft zu lernen.

Das ist die dritte Perspektive, die Kılıç in die Kahlenberg-Debatte einbringt: Sobieski ehren, die Geschichte vollständig erzählen und aus der Erinnerung an eine Allianz auch eine Kultur des Respekts entwickeln.

PS:

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