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TKG: Geschichte verstehen, Erinnerung verantwortlich gestalten-„Der Entsatz von Wien 1683“

Würdigung und historisch-kritische Rezension

Eine Würdigung des wissenschaftlichen Werkes „Der Entsatz von Wien 1683“, ein Bericht über seine Präsentation am 24. September 2026 in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sowie eine erste Rezension aus Sicht der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKG Think Tank). Das Buch zeigt, wie aus einem militärischen Ereignis ein über Jahrhunderte veränderter Erinnerungsort wurde. Es würdigt historische Leistungen, ohne sie dem politischen Missbrauch zu überlassen. Gerade deshalb verdient es Aufmerksamkeit – in Wien, in Polen und ebenso unter Menschen mit türkischer und südosteuropäischer Familiengeschichte.

Ein Abend, an dem ein altes Datum neu befragt wurde

Am Abend des 24. September 2026 füllte sich der Theatersaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit Menschen, die wegen eines Ereignisses gekommen waren, das 343 Jahre zurückliegt und dennoch bis in die Gegenwart hineinwirkt. Auf dem Umschlag des vorgestellten Buches ist Franz Geffels’ Darstellung der Entsatzschlacht zu sehen: Bewegung, Rauch, Pferde, Fahnen und Waffen. Im Saal dagegen herrschte Ruhe. Niemand beschwor alte Feindbilder, niemand mobilisierte, niemand stritt über die Lautstärke historischer Gefühle. Es wurde gefragt, unterschieden und eingeordnet.

Das war wohltuend. Denn der 12. September 1683 gehört zu jenen Daten, die selten allein bleiben. Kaum wird es genannt, treten Begriffe wie Abendland, Islam, Europa, Befreiung, Türkengefahr, Heldentum und Untergang hinzu. Mitunter scheint es, als müsse jede Generation die Schlacht noch einmal schlagen – diesmal mit Reden, Bildern, Denkmälern und politischen Parolen.

Der Abend an der ÖAW folgte einem anderen Verständnis von Geschichte. Er gab keine einfachen Antworten aus, sondern zeigte, wie Antworten entstehen, wer sie formuliert, wer von ihnen profitiert und welche Menschen durch sie zu Helden, Randfiguren oder ewigen Feinden gemacht werden.

Johannes Feichtinger begrüßte die Gäste. Es sprachen die Wiener Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler und der Botschafter der Republik Polen in Österreich, S. E. Zenon Kosiniak-Kamysz. Anschließend diskutierten die drei Autoren Johannes Feichtinger, Johann Heiss und Bogusław Dybaś unter der Moderation von Marlene Nowotny von ORF Ö1.

Wir von der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich – TKG Think Tank – nahmen als interessierte Wiener mit türkischer Herkunft, als Vertreter einer österreichischen Kultur- und Denkfabrik und auch als publizistisch tätige Beobachter teil. Wir kamen nicht, um das Osmanische Reich nachträglich zu verteidigen, und auch nicht, um den Sieg des Entsatzheeres zu verkleinern.

Wir kamen, weil Wien unsere Stadt ist und weil die Art und Weise, wie diese Stadt erinnert, alle betrifft, die heute in ihr leben. Wir kamen auch, um mögliche Begegnungen wahrzunehmen, zu lernen, zuzuhören und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Man verließ den Saal nicht mit einer neuen Parole, sondern mit neuen Fragen. Für eine wissenschaftliche Buchpräsentation ist das vielleicht das beste Ergebnis.

Dank an die Autoren und die beteiligten Institutionen

Die Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG) dankt den Autoren Johannes Feichtinger, Johann Heiss und Bogusław Dybaś für die wissenschaftliche Bearbeitung eines Themas, das bis heute starke Emotionen hervorruft und immer wieder in aktuelle politische Auseinandersetzungen hineingezogen wird. Unser Respekt gilt ebenso den Mitarbeiterinnen Heidemarie Uhl (†) und Sandra Klos. Die Forschung Heidemarie Uhls hat die österreichische Erinnerungskultur nachhaltig geprägt.

Worte, die Nähe schaffen

Die Amtsführende Stadträtin für Kultur und Wissenschaft, Mag. Veronica Kaup-Hasler, konnte wegen einer Knieoperation nicht persönlich an der Buchpräsentation teilnehmen. Sie ließ es sich dennoch nicht nehmen, den Gästen eine Videobotschaft zu übermitteln.

Wer diese Botschaft hörte, spürte, dass hier nicht nur eine Amtsträgerin sprach, sondern ein Mensch, der sich der besonderen Verantwortung seines Amtes sehr bewusst ist. Gerade bei einem historisch und gesellschaftspolitisch so sensiblen Thema fand sie ruhige, sorgfältige und freundliche Worte. Dabei hatte sie nicht nur einzelne Gruppen oder politische Positionen im Blick, sondern alle Menschen, die in Wien leben und diese Stadt gemeinsam zu ihrer Heimat gemacht haben.

Man konnte spüren, dass sie das Gewicht ihres Amtes kennt – ein Gewicht, das in schwierigen Fragen mitunter tonnenschwer auf den Schultern liegen muss. Umso wertvoller war die menschliche Wärme ihrer Botschaft. Sie wollte nicht trennen, belehren oder historische Wunden neu öffnen. Sie wollte Verantwortung übernehmen, Zusammenhalt stärken und deutlich machen, dass Wien eine Stadt für alle seine Bewohnerinnen und Bewohner sein muss.

Uns hat diese Haltung berührt. Ihre Worte haben unsere Verbundenheit mit Wien erneut gestärkt. Sie erinnerten uns daran, warum wir diese Stadt trotz aller schwierigen Kapitel ihrer Geschichte als unsere gemeinsame Heimat verstehen und warum es sich lohnt, für ihr friedliches und respektvolles Zusammenleben einzutreten.

Dafür sagen wir von Herzen: Herzlichen Dank.

Standfest für Polen, offen für Freundschaft 

Ebenso herzlich danken wir dem Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafter der Republik Polen in Österreich, Zenon Kosiniak-Kamysz. Seine Ansprache war freundlich, verantwortungsbewusst und von einem aufrichtigen Willen zum Dialog getragen. Seine ruhigen und konstruktiven Worte haben uns sehr gefreut.

Seine Standfestigkeit war dabei jederzeit spürbar. Er vertrat die Interessen des polnischen Staates mit jener Klarheit und Entschlossenheit, die man von einem Botschafter erwarten darf. Doch diese Haltung wirkte nicht wie eine Mauer gegen andere. Im Gegenteil: Sie ließ Raum für Begegnung, gegenseitige Achtung und ein freundschaftliches Gespräch.

Botschafter Kosiniak-Kamysz zeigte, dass man die Interessen des eigenen Landes mit ganzer Kraft vertreten und zugleich ein verlässlicher Freund Österreichs sowie ein respektvoller Partner der Türkei sein kann. Das eine widerspricht dem anderen nicht. Gerade eine solche Verbindung von Standfestigkeit und Offenheit macht verantwortungsvolle Diplomatie glaubwürdig.

Für uns war seine Haltung zugleich ein wichtiges Zeichen: Man kann seinem eigenen Land und seiner Geschichte tief verbunden sein, ohne aus der Vergangenheit neue Gegensätze zu schaffen. Man kann die eigene Erinnerung bewahren und dennoch auf andere zugehen. Und man kann schwierige historische Fragen ansprechen, ohne Freundschaften zu gefährden.

Für diese verantwortungsvolle, konstruktive und herzliche Haltung sagen wir ebenfalls von Herzen: Herzlichen Dank.

Internationalen Begutachtungsverfahren unterzogen

Dank gebührt auch dem Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Verlag der ÖAW und dem Publikationskomitee der philosophisch-historischen Klasse. Das Werk wurde einem anonymen internationalen Begutachtungsverfahren unterzogen. Die Publikation wurde von der Stadt Wien – Kultur unterstützt. Vielen herzlichen Dank. Das sind keine nebensächlichen Angaben. Sie stehen für wissenschaftliche Prüfung, institutionelle Verantwortung und die Bereitschaft einer Stadt, auch ihre schwierigen Erinnerungen zum Gegenstand offener Forschung zu machen.

Eine solche Arbeit mit dem Titel „Der Entsatz von Wien 1683“ lebt von Archiven, historischen Sammlungen, Augenzeugenberichten, Bildern, Chroniken, Predigten, politischen Schriften und späteren Gedenkzeugnissen. Wissenschaft bedeutet dabei nicht, ein altes politisches Urteil durch ein neues zu ersetzen. Sie vergleicht Quellen, legt Widersprüche offen, trennt Überlieferung von überprüfbarer Tatsache und fragt danach, unter welchen Bedingungen eine bestimmte Erzählung entstanden ist.

Gerade bei 1683 ist diese Nüchternheit bzw. Sachlichkeit dringend notwendig. Wo militärischer Ruhm, nationale Ehre, Religion, kollektive Angst und moderne Identitätspolitik zusammentreffen, besteht immer die Gefahr, dass Geschichte zum Rohstoff der Gegenwart wird. Wir kennen dies sowohl aus positiven als auch aus negativen Beispielen aus der Türkei bzw. in Österreich.

Der vollständige Titel lautet: Der Entsatz von Wien 1683. Historiografie und kulturelles Gedächtnis in Österreich und Polen von 1683 bis zur Gegenwart. Das 319 Seiten umfassende Werk erschien 2026 im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften als Band 958 der „Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse“.

Seine besondere Stärke liegt bereits in der Anlage. Es behandelt nicht nur die Belagerung und die Schlacht, sondern verbindet die Ereignisgeschichte mit der Geschichte ihrer Erinnerung. Das klingt zunächst selbstverständlich, ist es aber nicht. Zwischen einem Geschehen und seiner späteren Deutung können Jahrzehnte, politische Umbrüche und neue gesellschaftliche Bedürfnisse liegen. Ein Denkmal erzählt deshalb niemals nur von der Zeit, an die es erinnern soll. Es erzählt auch von der Zeit, in der es errichtet wurde.
Wir kennen dies sowohl aus positiven als auch aus negativen Beispielen aus der Türkei. Wir haben das Buch natürlich sehr gerne gekauft und bereits einen ersten schnellen Blick hineingeworfen. In den nächsten Tagen werden wir es intensiv studieren.

Schon der Titel des Sobieski-Kapitels macht die Methode des Buches sichtbar: „Das ‚Fiasko‘ der dynastischen Politik des ‚Siegerkönigs‘“. Damit wird Sobieskis militärische Leistung nicht bestritten. Untersucht wird vielmehr der Abstand zwischen dem großen Sieg auf dem Schlachtfeld, den politischen und dynastischen Hoffnungen des Herrschers Sobieski und der später geschaffenen Heldenfigur. Ein siegreicher Feldherr muss nicht in allen seinen politischen Zielen erfolgreich gewesen sein. Und ein historischer Mensch ist immer vielschichtiger als das Denkmal, das spätere Generationen aus ihm machen.

Der zweite und umfangreichste Teil untersucht das Gedächtnis: Wer galt in Wien wann als denkmalwürdig? Wie wurde in den ersten hundert Jahren an 1683 erinnert? Was änderte sich bei den Jubiläen von 1783, 1883, 1933 und 1983? Wie entwickelte sich der Kahlenberg zu einem polnischen Erinnerungsort? Und wie wurde er in der Gegenwart zum Schauplatz rechtsextremer Geschichtspolitik?

Der dritte Teil zieht Schlussfolgerungen, enthält Empfehlungen zur lange geplanten Errichtung eines Denkmals für 1683 und König Jan III. Sobieski am Kahlenberg und beschreibt die Entwicklungen seit dem Abschluss der ursprünglichen Studie im Jahr 2019.

Wien ist anders

Wir haben den Eindruck und zugleich die Zuversicht, dass auch die konservativen Parteien und die etablierten Parteien rechts der Mitte ihrer Verantwortung gegenüber der Stadt Wien und allen Menschen, die hier leben, gerecht werden und entsprechend handeln. Zu diesen Menschen gehören selbstverständlich auch jene, die vor rund 60 Jahren nach Wien gekommen sind und seither durch ihre Arbeit, ihre Steuerleistungen und ihr gesellschaftliches Engagement zum Aufbau und zum Erfolg dieser Stadt beitragen. Wir sind überzeugt, dass es auch in diesen Parteien genügend verantwortungsbewusste Politikerinnen und Politiker gibt, die Geschichte nicht zur Ausgrenzung instrumentalisieren, sondern sich für ein respektvolles und friedliches Zusammenleben einsetzen.

Wien ist anders. Wien lebt von Vielfalt, gegenseitigem Respekt und der Fähigkeit, Geschichte mit Vernunft, Augenmaß und Blick auf das Gemeinwohl ( Res publica)  zu betrachten.

Die bewusst gewählte Perspektive

Wer von diesem Buch eine klassische, ausschließlich militärgeschichtliche Gesamtdarstellung mit minutiöser Rekonstruktion aller Truppenbewegungen erwartet, wird einen anderen Schwerpunkt vorfinden. Das ist keine Schwäche, sondern die bewusst gewählte Perspektive. Die zentrale Frage lautet nicht nur: Was geschah 1683? Sie lautet ebenso: Wer erzählte später welche Geschichte darüber – und mit welchem Ziel?

Ereignis, Erinnerung und politische Verwendung

Diese drei Ebenen auseinanderzuhalten, gehört zu den wichtigsten Leistungen des Werkes. Die erste Ebene ist das militärische und politische Geschehen: der osmanische Feldzug, die 61 Tage dauernde Belagerung, die Verteidigung Wiens, die Bildung des Entsatzheeres und die Schlacht vom 12. September 1683.

Die zweite Ebene ist die Erinnerung: Chroniken, Gemälde, Predigten, Jubiläen, Straßennamen, Schulbücher, Gedenktafeln, religiöse Feiern und Denkmäler.

Die dritte Ebene ist die politische Verwendung dieser Erinnerung: Wer beruft sich wann auf 1683? Welche Gegenwart soll mithilfe der Vergangenheit erklärt werden? Wer wird zum Vorbild erhoben, wer verschwindet, und wer wird zum Feind erklärt?

Das Buch zeigt, wie die historischen Tatsachen in knapp 350 Jahren von zeitgebundenen religiösen, nationalen, islamfeindlichen und antisemitischen Deutungen überlagert wurden. Kirche, Politik, nationale Vereinigungen, Geschichtswissenschaft und Medien wirkten in unterschiedlichen Epochen an diesen Deutungen mit.

Das bedeutet nicht, dass religiöse Sprache aus der Geschichte entfernt werden sollte. Die Menschen des 17. Jahrhunderts beteten vor Schlachten, deuteten Siege als göttliche Hilfe und Niederlagen als Strafe oder Prüfung. Dies galt nicht nur in Europa, sondern ebenso im damaligen Osmanischen Reich. Diese Vorstellungen gehören zur historischen Wirklichkeit. Problematisch wird es dort, wo die religiöse Sprache von damals, der Missbrauch von Religion oder die Politisierung von Religion, unabhängig davon, um welche Religion es sich handelt, ohne historische Einordnung in die Gegenwart übertragen und gegen heute lebende Menschen gerichtet wird.

Feichtingers wiederholte Kernthese: kein Religions- oder Kulturkampf

Johannes Feichtinger formulierte diesen Punkt während der Präsentation nicht nur beiläufig. Er wiederholte ihn mehrfach und mit besonderem Nachdruck. Die anwesenden Vertreter der TKG notierten seine Worte unmittelbar: „Kein Kampf der Religionen. Kein Kampf der Kulturen. Kein Kampf moderner Nationen. Sondern ein Kampf der Machtfaktoren.“

Diese mehrfach wiederholte Formel bildete gleichsam den wissenschaftlichen Schlüssel zur gesamten Veranstaltung: Der Entsatz von 1683 war ein militärischer und politischer Machtkonflikt zwischen Imperien, Herrschern, Dynastien und unterschiedlichen Interessen – geführt in einer Epoche, in der Religion zwar Sprache, Legitimation und Selbstverständnis vieler Beteiligter prägte, die historischen Fronten aber nicht vollständig erklärte.

Der Anachronismus:  Eine stille Krankheit

Diese Einordnung verharmlost den Krieg nicht. Sie schützt ihn vor dem Anachronismus. Denn der Anachronismus ist eine stille Krankheit unserer Zeit: Wir übertragen heutige Begriffe, Fronten und moralische Gewissheiten auf vergangene Jahrhunderte, ohne Zeit, Ort, Quellen und damalige Bedingungen sorgfältig und mehrfach zu prüfen. Wer nicht zuerst fragt, wann, wo und unter welchen Umständen etwas geschah, erklärt die Vergangenheit nicht – er schreibt sie für die politischen Bedürfnisse der Gegenwart um. Deshalb gilt gerade im Umgang mit Geschichte: prüfen, gegenprüfen und nochmals prüfen – Check, Recheck, Double-check.  Der Anachronismus  überträgt unbemerkt die Begriffe, Ängste und Feindbilder unserer Gegenwart auf vergangene Jahrhunderte. Dadurch wird Geschichte nicht verständlicher, sondern für heutige politische Zwecke umgeschrieben. Wer Vergangenheit verantwortungsvoll beurteilen will, muss deshalb immer wieder prüfen: Wann geschah etwas, unter welchen Bedingungen geschah es – und welche Vorstellungen unserer eigenen Zeit tragen wir nachträglich in das Geschehen hinein?

Religion spielte 1683 ohne Zweifel eine bedeutende Rolle. Religiöse Symbole, Gebete und Heilsvorstellungen waren auf beiden Seiten wirksam. Doch die Ursachen des Feldzuges, die Zusammensetzung der Armeen, die Bündnisse und die strategischen Interessen lassen sich nicht auf „Christentum gegen Islam“ reduzieren.

Auch moderne Nationalstaaten standen sich nicht gegenüber. Die politische Welt des 17. Jahrhunderts bestand aus Monarchien, dynastischen Herrschaftsräumen, Ständen, Fürstentümern, Vasallen, Konföderationen und Imperien. Loyalitäten folgten nicht ausschließlich Sprache, Religion oder einer nationalen Identität im heutigen Sinn.

Christliche Herrscher führten Kriege gegen andere christliche Herrscher; muslimische Herrscher kämpften ebenso gegen andere muslimische Mächte. Auch der Aufstieg des Osmanischen Reiches vollzog sich keineswegs nur in Auseinandersetzungen mit christlichen Staaten. Vor allem vom späten 14. bis ins 15. Jahrhundert unterwarfen die Osmanen mehrere muslimisch-türkische Beyliks in Anatolien oder gliederten sie ihrem Herrschaftsgebiet ein. Sultan Bayezid I. setzte dabei sogar christliche Vasallen gegen türkische Beyliks ein. Diese Konflikte wurden weniger durch eine eindeutige religiöse Trennlinie als durch Machtinteressen, territoriale Ansprüche und dynastische Rivalitäten bestimmt.

Auch spätere konfessionelle Auseinandersetzungen dürfen nicht losgelöst von ihrem politischen Zusammenhang betrachtet werden. Im frühen 16. Jahrhundert verbanden sich im osmanisch-safawidischen Konflikt religiöse Gegensätze mit territorialer Konkurrenz, Herrschaftssicherung sowie der Furcht vor inneren Aufständen und safawidischer Einflussnahme. Besonders kizilbasch-turkmenische Gruppen und Stammesverbände in Anatolien waren von osmanischer Verfolgung und Gewalt betroffen. Sie dürfen jedoch nicht pauschal und ohne historische Differenzierung mit sämtlichen heutigen alevitischen und bektaschitischen Gemeinschaften gleichgesetzt werden
Solche Konflikte hinterließen tiefe gesellschaftliche Wunden, die in unterschiedlichen kollektiven Erinnerungen teilweise bis heute schmerzhaft fortwirken. Gerade deshalb müssen ihre Ursachen, Zeiten und jeweiligen politischen Bedingungen sorgfältig voneinander unterschieden werden.

Keine rivalisierenden türkischen Fürstentümer

Dies erklärt zugleich, weshalb sich im osmanischen Kernland auf Dauer keine rivalisierenden türkischen Fürstentümer neben der Osmanendynastie behaupten konnten. Zwischen dem ausgehenden 13. und dem frühen 17. Jahrhundert verloren die anatolisch-türkischen Beyliks beziehungsweise Fürstentümer schrittweise ihre politische Selbständigkeit. Es wäre jedoch zu beschönigend, diesen Prozess lediglich als eine friedliche Eingliederung zu bezeichnen.

Besonders deutlich zeigt sich dies am Schicksal der Karamanoğulları. Sie gehörten zu den mächtigsten türkischen Rivalen der Osmanen in Anatolien. Nach jahrzehntelangen, teilweise äußerst gewaltsamen Auseinandersetzungen wurde ihr Herrschaftsgebiet in mehreren Etappen erobert, ihr Fürstentum politisch und militärisch zerschlagen und ihre unabhängige Herrschaft gegen Ende des 15. Jahrhunderts endgültig beseitigt. „Zerschlagen“ beziehungsweise „als politische Macht vernichtet“ bedeutet dabei nicht, dass die gesamte Bevölkerung ausgelöscht worden wäre. Beseitigt wurden das eigenständige Fürstentum und die Karamanoğulları-Dynastie als konkurrierende politische Macht.

Zugleich überschritten politische Bündnisse immer wieder die Grenzen der Religionen und Konfessionen. Christliche und muslimische Akteure verbündeten sich miteinander, sobald gemeinsame Machtinteressen dies nahelegten. Die Formel „Europa gegen den Islam“ macht daher aus einer vielschichtigen frühneuzeitlichen Machtordnung einen gegenwärtigen Kulturkampf, den es in dieser Form 1683 nicht gab..

Zwei vielschichtige Heere

Deswegen widerspricht die Zusammensetzung des 1683 vor Wien stehenden osmanischen Belagerungsheeres unter dem Oberbefehl Kara Mustafa Paschas   der Vorstellung zweier geschlossener religiöser Blöcke. Zu diesem Heer gehörten Berufssoldaten, Janitscharen, Sipahis, Artilleristen, Mineure und Provinztruppen, außerdem Streitkräfte des Krimkhanats sowie Kontingente aus abhängigen oder mit dem Osmanischen Reich verbündeten Gebieten.

Die orthodox christlich geprägten Fürstentümer Walachei und Moldau standen unter osmanischer Oberhoheit und waren zu Tributzahlungen und militärischer Unterstützung verpflichtet. Auch Siebenbürgen war in das politische Abhängigkeitssystem der Hohen Pforte eingebunden. Solche Kontingente bestanden aus Christen. Ihre Teilnahme war jedoch nicht automatisch Ausdruck einer freien religiösen oder politischen Identifikation mit dem osmanischen Feldzug. Vasallenpflicht, Druck, dynastische Interessen und regionale Sicherheitsüberlegungen spielten eine Rolle.

Der walachische Fürst Şerban I. Cantacuzino stand offiziell auf osmanischer Seite, soll nach der historischen Überlieferung aber heimlich mit den Kaiserlichen kooperiert haben. Die überwiegend protestantischen ungarischen Kuruzzen unter Imre Thököly kämpften wiederum im Bündnis mit der Hohen Pforte gegen die habsburgische Herrschaft. Schon diese Beispiele zeigen, wie wenig sich die Fronten mit einer geraden konfessionellen Linie erklären lassen.

Auch das Entsatzheer war kein national einheitliches Heer. Es vereinte Truppen der polnisch-litauischen Adelsrepublik, kaiserlich-habsburgische Einheiten und Kontingente aus verschiedenen Territorien des Heiligen Römischen Reiches. Jan III. Sobieski führte die Koalition als Oberbefehlshaber. Die polnischen Truppen, darunter die berühmten geflügelten Husaren, leisteten in der entscheidenden Phase einen herausragenden Beitrag. Die kaiserlichen Kräfte standen unter maßgeblicher Führung von Herzog Karl V. von Lothringen; hinzu kamen unter anderem bayerische, sächsische, fränkische und schwäbische Verbände.

Die Beteiligung von Kosaken gehört ebenfalls zur Geschichte des Entsatzes. Über ihre genaue Zahl, ihre Einsatzorte und den Zeitpunkt des Eintreffens einzelner Gruppen finden sich unterschiedliche Angaben. Gerade deshalb ist Quellenkritik wichtiger als eine nachträgliche nationale Aneignung.

Der Sieg war die Leistung einer Koalition. Er darf nicht einer einzigen heutigen Nation als ausschließliches Eigentum zugeschrieben und ebenso wenig als Legitimation gegen eine heutige Religion verwendet werden.

Sobieski und Starhemberg anerkennen, ohne sie zu vereinnahmen

Die TKG sieht keinen Grund, die historische Leistung König Jan III. Sobieskis zu verkleinern. Er war ein bedeutender Herrscher, ein erfahrener Feldherr und der Oberbefehlshaber des Entsatzheeres. Sein Beitrag am 12. September 1683 ist historisch belegt und verdient eine würdige Erinnerung.

Sachliche ,seriöse türkische oder osmanische Geschichtsschreibung bestreitet weder die militärischen Fähigkeiten von König Jan III. Sobieski noch jene von Ernst Rüdiger von Starhemberg. Historische Fairness verlangt, Leistungen anzuerkennen, unabhängig davon, auf welcher Seite sie erbracht wurden: „Ehre dem, dem Ehre gebührt.“  Das gehört zur historischen Redlichkeit.

Wissenschaft beginnt nicht dort, wo man einen damaligen Gegner kleinmacht. Sie beginnt dort, wo man seine Entscheidungen, Fähigkeiten und Erfolge anerkennt, ohne ihn aus seiner Zeit und ihrem politischen, gesellschaftlichen und militärischen Zusammenhang zu lösen. Eine solche Einordnung verharmlost den Krieg nicht. Sie schützt die Geschichte vor anachronistischen Verzerrungen – und die Gegenwart vor der politischen Wiederverwertung alter Feindbilder.

Geschichte sollte dazu dienen, Lehren für die Zukunft zu ziehen, Kriege zu vermeiden, Verständnis zu fördern und Brücken zwischen Menschen zu bauen, nicht aber zu hetzen oder neue Feindbilder zu schaffen.

Das Gleiche gilt für Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg, der die Verteidigung Wiens leitete, und für den Festungsingenieur Georg Rimpler. Soldaten, bewaffnete Bürger, Handwerker, Studenten und weitere Einwohner hielten die Stadt unter äußerster Belastung.  Sobieskis Entsatz und Starhembergs Verteidigung sind keine konkurrierenden Erinnerungen. Beide gehören in dasselbe historische Bild. Wer den einen würdigt, muss den anderen nicht verkleinern.

Sobieski wird auch nicht kleiner, wenn man zwischen dem historischen König und der späteren Symbolfigur unterscheidet. Im Gegenteil: Befreit man ihn von den nationalistischen und religiösen Projektionen späterer Jahrhunderte, wird er als Herrscher und Feldherr wieder erkennbar. Wer ihn dagegen zum zeitlosen Kämpfer gegen alle Musliminnen und Muslime bzw. TürkenInnen erklärt, würdigt ihn nicht, sondern benutzt ihn.

Starhemberg, Kara Mustafa und Murad Giray: Entscheidungen, Verantwortung und spätere Legenden

Ohne den nahezu zweimonatigen Widerstand der von Stadtkommandant Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg geführten Verteidiger hätte das Entsatzheer möglicherweise eine bereits eingenommene Stadt erreicht. Ohne das Entsatzheer wiederum wäre die Verteidigung Wiens angesichts der fortschreitenden Minenangriffe, der schweren Verluste und der sich verschärfenden Versorgungslage vermutlich nicht mehr lange aufrechtzuerhalten gewesen.

Osmanische Quellen belegen zugleich, dass Merzifonlu Kara Mustafa Pascha Wien zur Übergabe aufforderte und zunächst darauf hoffte, die Stadt ohne einen verlustreichen Sturmangriff einzunehmen. Einige Historiker vermuten, er habe Wien möglichst unversehrt in seine Gewalt bringen wollen; auch die im Falle einer gewaltsamen Eroberung zu erwartende Plünderung durch die Truppen könnte bei seinen Überlegungen eine Rolle gespielt haben. Eine eindeutig belegte Absicht, Wien anschließend als osmanisches Verwaltungs- und Machtzentrum zu übernehmen, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Ebenso wenig darf der Wunsch nach einer kampflosen Übergabe als humanitäre Schonungspolitik verklärt werden.

Die Belagerung brachte Beschuss, Minenkrieg, Angriffe, Hunger, Krankheit, Tod und Zerstörung. Die Bevölkerung Wiens lebte wochenlang unter größter Bedrohung. Auch das Umland wurde schwer getroffen. Osmanische Chroniken berichten von massiver Gewalt, Plünderungen, Verschleppungen und Versklavungen in den angegriffenen Gebieten Niederösterreichs und Ungarns. Wissenschaftliche Redlichkeit verlangt deshalb eine doppelte Abgrenzung: keine Dämonisierung, aber auch keine Romantisierung.

Auch die Behauptung, Kara Mustafa Pascha sei kein eigentlicher Feldherr, sondern lediglich Staatsmann und Verwalter gewesen, greift zu kurz. Er war Großwesir, politischer Entscheidungsträger und militärischer Oberbefehlshaber des Feldzuges. Umstritten sind vielmehr seine strategischen Entscheidungen. Der Feldzug gegen die Habsburger war von Sultan Mehmed IV. grundsätzlich gebilligt worden; als ursprüngliche militärische Ziele galten jedoch vor allem die Festungen Yanıkkale, also Raab beziehungsweise Győr, und Komorn.

Die Entscheidung, unmittelbar gegen Wien zu ziehen, brachte Kara Mustafa Pascha am 27. Juni 1683 im Kriegsrat von Stuhlweißenburg vor. Mehrere Teilnehmer, darunter der Krim-Khan Murad Giray und Imre Thököly, warnten vor diesem Schritt oder empfahlen, den Angriff auf Wien auf das folgende Jahr zu verschieben. Kara Mustafa setzte sich dennoch durch. Ob Sultan Mehmed IV. das konkrete Angriffsziel Wien im Voraus ausdrücklich gebilligt hatte, muss deshalb von der grundsätzlich erteilten politischen und militärischen Vollmacht unterschieden werden.

Auch das Verhältnis zwischen Kara Mustafa Pascha und Murad Giray war von Spannungen geprägt. Der Krim-Khan hatte sich bereits im Kriegsrat gegen den unmittelbaren Vormarsch auf Wien ausgesprochen und wurde nach der Niederlage von Kara Mustafa abgesetzt und mitverantwortlich gemacht. Die lange verbreitete Erzählung, Murad Giray habe das Entsatzheer aus persönlicher Feindschaft absichtlich ungehindert die Donau überqueren und durch den Wienerwald ziehen lassen, gilt jedoch keineswegs als gesicherte Tatsache. Neuere Forschungen widersprechen dieser Darstellung ausdrücklich und betrachten sie als eine nachträgliche Vereinfachung der Niederlage.

Diese Einordnung entlastet Kara Mustafa Pascha weder von seiner politischen und militärischen Verantwortung für den Feldzug noch von den Folgen der Belagerung. Sie verhindert lediglich, dass aus einem historischen Akteur entweder die zeitlose Verkörperung des Bösen oder nachträglich ein missverstandener Menschenfreund gemacht wird.

Der gleiche Maßstab gilt für das Osmanische Reich insgesamt. Es war weder eine zeitlose Verkörperung des Bösen noch eine moderne Toleranzidylle. Es war ein vormodernes Imperium mit hierarchischen Rechtsverhältnissen, politischer Abhängigkeit, Sondersteuern, militärischer Gewalt und in bestimmten Epochen auch mit dem Devschirme-System, das in der deutschsprachigen Historiografie häufig als „Knabenlese“ bezeichnet wird. Zugleich gab es keine reichsweit und dauerhaft durchgesetzte Zwangsislamisierung sämtlicher christlicher und jüdischer Untertanen. Kirchen, Religionsgemeinschaften, Sprachen, Bräuche und lokale Institutionen konnten in vielen Regionen fortbestehen – allerdings nicht unter den Bedingungen moderner staatsbürgerlicher Gleichheit.

Gerade deshalb darf Geschichte nicht auf Helden, Verräter und Schurken reduziert werden. Der lange Widerstand der Wiener Verteidiger, das Eintreffen des Entsatzheeres, strategische Fehlentscheidungen, Versorgungsprobleme, innere Spannungen und unterschiedliche politische Interessen wirkten gleichzeitig zusammen. Differenzierung ist keine Entschuldigung. Sie ist die Voraussetzung dafür, historische Verantwortung präzise benennen und Geschichte überhaupt verstehen zu können. Differenzierung ist keine Entschuldigung. Sie ist die Voraussetzung dafür, Geschichte überhaupt zu verstehen.

Nach dem Entsatz: Der Krieg endete nicht, er verlagerte sich

Kaiser Leopold I., der Wien vor dem Eintreffen des osmanischen Heeres mit seinem Hof verlassen hatte, kehrte am 14. September 1683 – zwei Tage nach dem Sieg am Kahlenberg – in seine Residenzstadt zurück. Für Wien war die Belagerung beendet. Der Krieg selbst war es jedoch nicht. Er verlagerte sich nach Osten und wurde nun mit zunehmender Kraft auf dem Gebiet des Königreichs Ungarn fortgeführt.

Nur drei Jahre später, am 2. September 1686, erstürmten die von den Habsburgern geführten Truppen der Heiligen Liga unter Karl V. von Lothringen und Max Emanuel von Bayern die Stadt Buda, auf Deutsch Ofen. Leopold I. befand sich nicht persönlich am Ort des Geschehens und darf deshalb nicht als unmittelbarer Täter des folgenden Massakers bezeichnet werden. Der Feldzug wurde jedoch im Namen seiner Herrschaft geführt und diente der Ausweitung der habsburgischen Macht in Ungarn.

Nach der Einnahme der Stadt kam es zu schweren Ausschreitungen, Plünderungen und einem Massaker. Getötet wurden osmanische Soldaten, muslimische Einwohner, Frauen und Kinder sowie bereits kapitulierende Verteidiger. Auch die jüdische Gemeinde von Buda, deren Angehörige die Stadt gemeinsam mit den Osmanen verteidigt hatten, wurde nahezu vernichtet. Historische Darstellungen nennen etwa 3.000 getötete Türken beziehungsweise Muslime und rund die Hälfte der damals ungefähr 1.000 jüdischen Einwohner. Andere Menschen wurden gefangen genommen, verschleppt oder gegen Lösegeld freigekauft. Synagogen wurden niedergebrannt, Wohnungen und religiöse Schriften zerstört. Die Vorgänge waren so schwerwiegend, dass selbst der kaiserliche Hofkriegsrat untersuchen musste, weshalb Offiziere und Kommandanten der Heiligen Liga an der Tötung jüdischer Einwohner sowie türkischer Frauen, Kinder und kapitulierter Soldaten beteiligt gewesen waren.

Die Aussage, Leopold habe in Buda persönlich „Türken, Ungarn und Juden massakrieren lassen“, wäre dennoch zu pauschal. Für ein gezielt gegen die ungarische Bevölkerung gerichtetes Massaker in Buda ist die Quellenlage nicht gleichermaßen eindeutig. Ungarische Soldaten kämpften zudem auf beiden Seiten. Die gewaltsame Unterdrückung ungarischer Gegner der Habsburger zeigte sich jedoch wenig später an anderer Stelle besonders deutlich: Beim Eperjeser Blutgericht von 1687 ließ der kaiserliche General Antonio Caraffa Bürger und Adelige, überwiegend Protestanten und vermeintliche Anhänger des antihabsburgischen Aufstandsführers Imre Thököly, foltern und hinrichten. Unter den mindestens 24 Opfern befanden sich Ungarn, Deutsche und Slowaken; manche waren nach heutiger Erkenntnis unschuldig oder aufgrund erzwungener Aussagen verurteilt worden.

Die Erinnerung an 1683 darf deshalb nicht am 12. September stehen bleiben. Auf die Rettung Wiens folgten neue Feldzüge, Eroberungen, Massaker, Vertreibungen und politische Unterdrückung. Geschichte wird nicht gerechter, wenn lediglich Sieger und Besiegte ihre Plätze tauschen. Wer aus ihr eine Lehre gewinnen will, muss auch dorthin schauen, wo der gefeierte Sieg in neues Leid umschlug.

Ungarns damaliger Staatspräsident Pál Schmitt: Unter osmanischer Herrschaft bewahrten die Ungarn ihre Sprache und Religion

Wie unterschiedlich dieselbe Epoche erinnert und bewertet werden kann, zeigt eine bemerkenswerte Äußerung des damaligen ungarischen Staatspräsidenten Pál Schmitt. In einem Interview mit der spanischen Tageszeitung ABC bezeichnete er es sinngemäß als einen historischen Glücksfall, dass Ungarn rund 150 Jahre unter osmanischer Herrschaft gestanden habe. Zur Begründung führte er an, die Osmanen hätten den Ungarn weder einen Wechsel ihrer Sprache noch ihrer Religion aufgezwungen. Wäre Ungarn von einer anderen Macht beherrscht worden, so Schmitts Gedankengang, hätte die Gefahr einer sprachlichen und kulturellen Assimilation bestanden.

Diese Aussage war keine Verharmlosung der Kriege, Zerstörungen und menschlichen Verluste der osmanischen Herrschaft. Sie enthielt vielmehr einen vergleichenden Blick auf unterschiedliche Formen imperialer Politik. Zugleich lässt sie sich als indirekter Hinweis auf die späteren ungarischen Erfahrungen mit habsburgischer Zentralisierung und sprachlich-kulturellem Anpassungsdruck verstehen, auch wenn Schmitt die Habsburgermonarchie in diesem Zusammenhang nicht ausdrücklich nannte. Seine Äußerung zeigt, weshalb imperiale Geschichte nicht allein anhand religiöser Etiketten beurteilt werden kann: Für die betroffenen Gesellschaften waren auch Sprache, kulturelle Fortdauer und die Möglichkeit, die eigene Identität zu bewahren, von entscheidender Bedeutung.

Jede Epoche schreibt ihre eigene Geschichte

Einer der treffendsten Sätze des Buches steht als Titel über einem Kapitel: „Jede Epoche schreibt ihre eigene Geschichte.“ Das bedeutet nicht, dass jede Generation Tatsachen erfinden darf. Es bedeutet, dass jede Generation andere Fragen stellt, andere Figuren hervorhebt und andere an den Rand drängt.

1783 wurde anders erinnert als 1883. Das Jubiläum von 1883 stand im Zeichen eines wachsenden Nationalismus, imperialer Selbstbilder und konfessioneller Abgrenzung. In dieser Zeit gewann die Erzählung von der „Befreiung“ des Abendlandes gegenüber der älteren Erinnerung an die Verteidigung der Stadt besonderes Gewicht. 1933 wirkten autoritäre, katholisch-konfessionelle und nationalistische Entwicklungen auf das Gedenken ein. 1983 wurde das 300-Jahr-Jubiläum unter den Bedingungen des Kalten Krieges begangen.

Heute bestimmen andere Fragen den Blick: Migration, europäische Identität, das Verhältnis zum Islam, Rechtsextremismus, Antisemitismus und der Streit darüber, wem der öffentliche Raum gehört.

Gerade deshalb ist das Buch gegenwartsnah, ohne seine historische Aufgabe aufzugeben. Es zeigt, dass Erinnerung kein ruhender Besitz ist. Sie wird erzeugt, gepflegt, verändert und politisch eingesetzt.

Vom historischen König zur modernen Kampffigur

Während der Präsentation war eine Bildmontage zu sehen, die die brennenden Türme des World Trade Centers mit einer historischen Reiterfigur Sobieskis verband. Sie stammt aus einem islamfeindlichen Blogeintrag vom 11. September 2007 mit dem Titel „All Our September Elevenths“. Ein König des 17. Jahrhunderts wurde darin nachträglich zum Akteur eines globalen Konflikts des 21. Jahrhunderts gemacht.

Die Logik solcher Bilder ist einfach und gefährlich: Damals seien „die Türken“ vor Wien gestanden, heute stehe „der Islam“ vor Europa; damals habe Sobieski gerettet, heute brauche man einen neuen Befreiungsschlag. Aus Geschichte wird ein politischer Befehl.

Das Werk verfolgt, wie Sobieski und 1683 in rechtsextremen und identitären Milieus verwendet wurden. Der Kahlenberg wurde dabei nicht nur als historischer Ort, sondern als Bühne einer gegenwärtigen Feinderzählung beansprucht. Damit wird auch Sobieski selbst instrumentalisiert. Seine Zeit, seine dynastischen Ziele, seine Bündnisse und die polnische Geschichte verschwinden hinter der Figur eines vermeintlich ewigen Kämpfers „des Westens gegen den Islam“.

Diese Verkürzung wird auch Polen nicht gerecht. Die polnische Geschichte umfasst katholische Traditionen, die Tataren und jüdisches Leben, multiethnische Staatlichkeit, Teilungen, Aufstände, Exil, Besatzung, Widerstand, Solidarność und europäische Integration. Sie ist erheblich größer als die Rolle eines Bollwerks gegen eine Religion.

Die polnisch-türkische Geschichte endet nicht 1683

Rund neunzig Jahre nach der Schlacht begann 1772 die Teilung der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Weitere Teilungen folgten 1793 und 1795. Russland, Preußen und die Habsburgermonarchie teilten das Staatsgebiet unter sich auf; Österreich war an der ersten und dritten Teilung beteiligt. Von 1795 bis 1918 bestand kein souveräner polnischer Staat – 123 Jahre lang.

Die Teilungsmächte waren christlich geprägt, gehörten aber unterschiedlichen Konfessionen und politischen Traditionen an. Auch das widerlegt jede Vorstellung, europäische Geschichte lasse sich dauerhaft als geschlossenes Christentum gegen einen geschlossenen Islam erzählen.

Das Osmanische Reich bot im 19. Jahrhundert mehreren polnischen Freiheitskämpfern, Emigranten und Intellektuellen Zuflucht und neue Handlungsmöglichkeiten. Józef Bem trat als Murad Pascha in osmanische Dienste. Michał Czajkowski, später Mehmed Sadık Pascha, wirkte als Schriftsteller, politischer Organisator und Mitbegründer von Adampol, dem heutigen Polonezköy bei Istanbul. Adam Mickiewicz kam 1855 nach Konstantinopel, wo er sich im Umfeld des Krimkrieges mit polnischen Kräften gegen Russland befasste und starb. Konstanty Borzęcki, später Mustafa Celaleddin Pascha, machte als Offizier, General und Autor im Osmanischen Reich Karriere.

Diese Biografien beweisen keine ewige Freundschaft und löschen keinen früheren Krieg aus. Sie zeigen jedoch, dass Geschichte nicht aus einer einzigen Schlacht besteht. Zwischen Polen und dem Osmanischen Reich gab es Krieg und Diplomatie, Gegnerschaft und Zuflucht, Distanz und menschliche Nähe.

Auch der „Mazurek Dąbrowskiego“, die polnische Nationalhymne, gehört in diesen Zusammenhang. Sie entstand 1797 nach dem Verlust der polnischen Staatlichkeit als Lied der Polnischen Legionen. „Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben“, lautet ihr berühmter Anfang auf Deutsch. Die Hymne richtet sich historisch nicht gegen Türken, Muslime oder den Islam. Sie ist das Freiheitslied eines Volkes, dessen Staat durch Russland, Preußen und Österreich zerschlagen worden war.

Die richtige Schlussfolgerung daraus ist nicht, alte Feindschaften gegen Türken durch neue Feindschaften gegen Russen, Deutsche oder Österreicher zu ersetzen. Sie lautet: Kein Volk darf an einem einzigen Datum festgebunden werden.

Wien als großes Museum des „Türkengedächtnisses“

Die Erinnerung an die Osmanen ist im Wiener Stadtbild ungewöhnlich dicht. Straßennamen, Kanonenkugeln, Hauszeichen, Kirchenbilder, Reliefs, Gedenktafeln, Denkmäler und Legenden erinnern an die Belagerungen von 1529 und 1683. Der Stadtraum wirkt an manchen Stellen wie ein weit verzweigtes Museum des „Türkengedächtnisses“ – allerdings eines, dessen Beschriftungen aus sehr unterschiedlichen Jahrhunderten stammen.

Diese Spuren gehören zur Geschichte Wiens. Sie sollen nicht beseitigt, sondern erklärt werden. Viele Darstellungen entstanden nicht unmittelbar 1683, sondern Jahrzehnte oder Jahrhunderte später. Sie erzählen daher ebenso viel über ihre eigene Entstehungszeit wie über das Ereignis, auf das sie verweisen.

Das Bild eines besiegten oder unter den Füßen eines Siegers liegenden „Türken“ konnte einst als Triumphzeichen gelesen werden. Im heutigen Wien leben jedoch Menschen, deren Familiengeschichten mit der Türkei, dem Balkan, dem Nahen Osten und islamisch geprägten Gesellschaften verbunden sind. Sie sind keine Fortsetzung des osmanischen Belagerungsheeres. Sie sind Wienerinnen und Wiener.

Eine demokratische Stadt muss ihre alten Denkmäler nicht zerstören. Sie darf sie aber auch nicht schweigen lassen. Historische Einordnung, gut sichtbare Erläuterungen und zusätzliche Perspektiven verwandeln ein überliefertes Siegeszeichen in einen Lernort.

Yunus Emre, die Kosaken und die Frage nach dem Maß

Im Türkenschanzpark steht seit 1991 der von der Republik Türkei gestiftete Yunus-Emre-Brunnen. Er wurde als Zeichen von Freundschaft und Verständigung errichtet. Zwölf Jahre später, am 15. September 2003, wurde dort ein Kosakendenkmal enthüllt: ein auf einem Stein sitzender, Pfeife rauchender Kosake, in dessen Nähe ein Pferd grast. Die friedliche Darstellung war kein Zufall. Nach der Dokumentation der ÖAW wurde sie bewusst gewählt, um die Bedenken des Magistrats gegenüber einem weiteren Denkmal auszuräumen, das den Sieg über die Türken feiert.

Die Initiative ging 1999 von der Österreichisch-Ukrainischen Gesellschaft aus. Ermöglicht wurde das Vorhaben durch die ukrainische Botschaft und die Währinger Bezirksvorstehung; die größten Spenden kamen von der UTA Telekom AG und der Ukrtelekom. Die Dokumentation der ÖAW bezeichnet das Denkmal zugleich als Identifikationssymbol der jungen ukrainischen Nation und als Zeichen ihrer Hinwendung zu Europa.

Gerade hier zeigt sich jedoch die Spannung zwischen versöhnlicher Form und politischer Deutung. Die ÖAW-Dokumentation hält fest, dass in der damaligen Begründung auch das Verdienst der Ukrainer um die „Rettung Europas vor dem Islam“ hervorgehoben werden sollte. Bereits im Vorfeld der Enthüllung verwies der Währinger Bezirksvorsteher Karl Homole im Kurier vom 11. September 2003 auf den türkischen Freundschaftsbrunnen im selben Park: Zum 320. Jahrestag seien dort beide Länder friedlich vereint. Die ÖAW-Dokumentation ordnet diesen Hinweis als Versuch ein, mögliche kritische Stimmen präventiv zu beruhigen. Form, Begründung und politische Rede erzählten also nicht ganz dieselbe Geschichte.

Bereits 1983 war laut ÖAW-Dokumentation an der Leopoldskirche eine Gedenktafel für die beim Entsatz gefallenen Kosaken angebracht worden. Am 23. April 2013 folgte auf dem Leopoldsberg ein weiteres Kosakendenkmal. Es war ein Geschenk der Stadt Kiew und wurde vom Wiener Bürgermeister Michael Häupl und dem damaligen Leiter der Kiewer Stadtverwaltung, Olexandr Popov, enthüllt. Die Wiener Rathauskorrespondenz bezeichnete Popov seinerzeit vereinfachend als „Kiewer Bürgermeister“.

Damit stellt sich eine legitime Frage: Warum wurde dieselbe historische Beteiligung durch eine Gedenktafel und zwei größere Denkmäler mehrfach verdichtet? Die militärische Mitwirkung der Kosaken soll weder bestritten noch herabgesetzt werden. Doch Anerkennung kann in nationale Überhöhung umschlagen, wenn ein komplexes Koalitionsgeschehen immer stärker auf eine einzige Heldengruppe zugespitzt wird.

Bereits am 19. März 2019 bzw. 2013 kritisierte die in Österreich erscheinende türkischsprachige Zeitung diese Denkmalhäufung unter der scharf formulierten Überschrift „Adeta tarihten düşmanlık fışkırtıyorlar!“ – sinngemäß: „Aus der Geschichte wird regelrecht Feindschaft hervorgeholt.“ Der damalige Text war polemisch. Seine Grundfrage bleibt dennoch bedenkenswert: Wie wirkt ein öffentliches Denkmal auf Menschen, deren Herkunft mit der darin dauerhaft besiegten Gegenseite verbunden wird?

Heute lässt sich diese Frage genauer und ruhiger formulieren: Nicht jedes Kosakendenkmal ist türkenfeindlich. Nicht jede Ehrung Sobieskis ist islamfeindlich. Entscheidend sind Gestaltung, Inschrift, historische Einordnung und der politische Gebrauch, der später von einem Denkmal gemacht wird.

Auch die Kosakengeschichte besteht nicht nur aus Freiheit, Tapferkeit und europäischer Zugehörigkeit. Sie enthält ebenso Gewalt, Raubzüge und schwere Verbrechen an jüdischen, polnischen, katholischen und unierten Zivilisten, besonders während einzelner Aufstände und Pogromwellen. Daraus darf keine kollektive oder vererbbare Schuld heutiger Ukrainerinnen und Ukrainer abgeleitet werden. Eine rein heroische Darstellung wäre dennoch ebenso einseitig wie die pauschale Dämonisierung der Osmanen.

Der gleiche Maßstab muss für alle gelten: historische Leistungen anerkennen, dunkle Kapitel nicht verschweigen und keine Gemeinschaft zum ewigen Helden oder ewigen Täter erklären.

Sobieski-Gedenken: Die Entscheidung ist gefallen – die Frage des Wie bleibt

Die seit Jahren geführte Debatte über ein Sobieski-Denkmal am Kahlenberg steht im Zentrum der gegenwärtigen Erinnerungspolitik. Das Buch widmet seinen Empfehlungen für einen solchen Erinnerungsort ein eigenes Kapitel und beschreibt im Nachwort die Entwicklung seit der Fertigstellung der ursprünglichen Studie im Jahr 2019.

Die politische und administrative Entscheidung ist inzwischen gefallen. Im November 2024 erteilte Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler der Errichtung der geplanten monumentalen Sobieski-Statue eine endgültige Absage. Die Stadt Wien werde keine Bühne schaffen, die für ausländerfeindliche Hetze und für das Schüren islamfeindlicher und antitürkischer Ressentiments instrumentalisiert werden könne. Nach Auffassung der Stadt ist das bestehende Gedenken am Kahlenberg bereits vollendet: Der dort gesetzte Granitstein erhielt im September 2018 eine dreisprachige Inschrift, die Frieden, Völkerverständigung, das europäische Verteidigungsbündnis und die mehr als 50.000 Toten in den Mittelpunkt stellt.

Damit ist die Frage nach einer neuen monumentalen Reiterstatue vorerst beantwortet. Nicht erledigt ist jedoch die weiter reichende Frage, wie Wien Sobieski, das Entsatzheer, die Verteidiger der Stadt, die Opfer und die lange Wirkungsgeschichte von 1683 künftig vermitteln will.

Für die TKG ist entscheidend: Die Kritik an einem bestimmten monumentalen Entwurf ist keine Ablehnung Sobieskis. Umgekehrt ist die Anerkennung seiner historischen Leistung nicht automatisch türken- oder islamfeindlich.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr allein, ob eine neue Statue errichtet werden soll. Sie lautet: Wie kann Sobieski so erinnert werden, dass ein öffentlicher Ort Wissen schafft und nicht als Bühne gegen heute lebende Menschen verwendet wird?

Das bestehende Gedenkzeichen und jede künftige historische Kontextualisierung sollten Sobieski als Oberbefehlshaber der Allianz klar sichtbar anerkennen und zugleich Starhemberg, Rimpler, Karl von Lothringen, die Verteidiger Wiens, die polnisch-litauischen, kaiserlichen und deutschen Verbände, die Kosaken und die weiteren Beteiligten einordnen. Sie sollten an die Zivilbevölkerung, an die Toten beider Heere und an die Folgen des langen Kriegszyklus erinnern.

Eine solche Gestaltung der Erinnerung müsste weder die historischen Unterschiede verwischen noch eine falsche Gleichheit aller politischen Ziele behaupten. Sie könnte vielmehr zeigen, dass Erinnerung reifer wird, wenn sie nicht nur Sieger ins Bild setzt, sondern auch Verantwortung sichtbar macht.

Kein heutiger Pole, Türke, Österreicher, Deutscher, Russe, Ukrainer, Christ, Muslim oder Angehöriger einer anderen Gemeinschaft ist erblicher Träger einer Schuld aus dem 17. Jahrhundert. Ein Denkmal im öffentlichen Raum gehört nicht allein jenen, die es errichten. Es wirkt auf alle, die daran vorbeigehen. Deshalb muss es der Res publica, der gemeinsamen öffentlichen Sache und dem Gemeinwohl, dienen.

Die notwendige Ergänzung: eine osmanisch-türkische Perspektive

Das vorgestellte Werk definiert seinen Gegenstand ausdrücklich als österreichische und polnische Perspektive. Dieser Rahmen ist wissenschaftlich nachvollziehbar und ermöglicht die gründliche Untersuchung zweier eng miteinander verflochtener Erinnerungstraditionen.

Gerade die Qualität des Buches macht jedoch sichtbar, welche Forschung als nächster Schritt wünschenswert wäre. Osmanische Chroniken, türkische Archive, militärische und diplomatische Dokumente sowie die spätere türkische Erinnerung an 1683 könnten das Bild erweitern. Auch Stimmen aus den damals beteiligten südosteuropäischen Regionen würden weitere Widersprüche, Abhängigkeiten und Handlungsspielräume sichtbar machen.

Auf dem Podium der Buchpräsentation war keine osmanistisch oder türkisch arbeitende wissenschaftliche Stimme vertreten. Das mindert nicht den Wert des Abends und ist angesichts des klar begrenzten Buchthemas kein Vorwurf. Es ist eine Einladung zur Fortsetzung. Die nächste wissenschaftliche Runde könnte die österreichische und polnische Gedächtnisgeschichte mit osmanischen, türkischen, rumänischen, ungarischen, krimtatarischen und weiteren Quellen ins Gespräch bringen.

Wissenschaft gewinnt nicht dadurch, dass jede Seite ihre eigene Wahrheit verteidigt. Sie gewinnt, wenn verschiedene Archive dieselbe Frage aushalten.

Was dieses Buch leistet – und wo die weitere Arbeit beginnt

Der größte Wert des Bandes liegt in der Verbindung von Ereignis- und Gedächtnisgeschichte. Er beschreibt nicht nur die Schlacht, sondern macht nachvollziehbar, wie aus der Schlacht ein Mythos, aus dem Mythos eine nationale Erzählung und aus der nationalen Erzählung ein politisches Instrument werden konnte.

Das Buch nimmt Sobieski seine historische Größe nicht. Es schützt ihn vor grober politischer Verkürzung. Es leugnet die Verteidigung Wiens nicht. Es verhindert aber, dass die Verteidigung einer Stadt zu einem ewigen Krieg gegen eine Weltreligion umgedeutet wird. Es relativiert das Leid der Belagerung nicht. Es zeigt jedoch, dass historisches Leid keine Erlaubnis erteilt, Jahrhunderte später lebende Menschen mit einer damaligen Armee gleichzusetzen.

Seine Grenze liegt in der gewählten Perspektive: Österreich und Polen stehen im Mittelpunkt; die osmanisch-türkische Seite erscheint notwendigerweise vor allem im Spiegel dieser Quellen- und Erinnerungstraditionen. Das muss benannt werden, ohne daraus einen Mangel zu konstruieren, den das Buch nie zu verbergen versucht. Eine wissenschaftliche Arbeit ist nicht unvollständig, weil sie eine begründete Fragestellung verfolgt. Sie wird dann problematisch, wenn sie ihren Ausschnitt für das Ganze ausgibt. Diesen Fehler begeht der Band nicht.

Eine abschließende Rezension sämtlicher Einzelbeiträge setzt selbstverständlich die vollständige Lektüre des gesamten Buches voraus. Die hier vorgelegte Würdigung und erste Rezension stützt sich auf die Präsentation, die dort festgehaltenen Aussagen, das offizielle Programm, das Inhaltsverzeichnis, die bibliografischen Angaben und die öffentlich zugänglichen Materialien der ÖAW. Schon auf dieser Grundlage ist erkennbar: Dieses Werk verdient eine breite und sorgfältige Lektüre.

Eine Lehre für Wien und Europa

Europa besitzt genügend Schlachten, um aus jeder von ihnen eine neue Grenze zu bauen. Seine politische Reife zeigt sich jedoch darin, ob es aus den Schlachten auch Brücken errichten kann.

Die Europäische Union entstand als Gegenentwurf zu Krieg, aggressivem Nationalismus und überlieferten konfessionellen Feindschaften. Sie ist nicht vollkommen. Doch ihre tiefste Idee besteht darin, historische Erfahrung nicht zu vergessen und trotzdem aus ihr keinen neuen Marschbefehl zu machen.

Auch Wien braucht keinen Gedächtnisverlust. Die Stadt braucht ein vollständigeres Gedächtnis. Dazu gehören Sobieski und Starhemberg, die Verteidiger, das Entsatzheer und die bedrohte Bevölkerung. Dazu gehören die christlichen Kontingente im osmanischen Herrschaftssystem und die unterschiedlichen Gruppen innerhalb der Koalition. Dazu gehören die Gewalt des Feldzuges, die späteren Mythen, die politischen Instrumentalisierungen und die Menschen, die heute mit ganz verschiedenen Familiengeschichten in dieser Stadt leben.

Am Ende dieses Abends blieb deshalb kein Bild eines einfachen Sieges zurück. Es blieb die Einsicht, dass Erinnerung eine Form öffentlicher Verantwortung ist. Geschichte muss erforscht und erzählt werden. Sie darf aber nicht wie ein Brandsatz in die Gegenwart geworfen werden.

Sobieskis historische Leistung verdient Anerkennung. Gleiches gilt für Starhemberg und die Verteidiger Wiens. Die wissenschaftliche Arbeit verdient Dank, die Toten verdienen Trauer. Die Lebenden aber verdienen eine Erinnerungskultur, die sie nicht erneut in feindliche Lager zwingt.

Geschichte soll weder eine nationale Waffe noch ein religiöser Brandsatz sein. In Demut muss sie der Res publica und dem Gemeinwohl als Lehre dienen.

Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG)

Wien, 25.09.2026

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Bibliografische Angaben

Johannes Feichtinger, Johann Heiss und Bogusław Dybaś: Der Entsatz von Wien 1683. Historiografie und kulturelles Gedächtnis in Österreich und Polen von 1683 bis zur Gegenwart. Unter Mitarbeit von Heidemarie Uhl (†) und Sandra Klos. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2026. Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse, Band 958. 319 Seiten.

Print-ISBN: 978-3-7001-5160-9
Online-ISBN: 978-3-7001-5161-6
DOI: 10.1553/978OEAW51609

Weiterführende Links

Buch und bibliografische Angaben beim Verlag der ÖAW:
https://verlag.oeaw.ac.at/produkt/der-entsatz-von-wien-1683/99201107

Digitale Ausgabe und dauerhafter DOI:
https://doi.org/10.1553/978OEAW51609

Inhaltsverzeichnis:
https://austriaca.at/5160-9toc

Buchpräsentation des Instituts für Kulturwissenschaften der ÖAW:
https://www.oeaw.ac.at/ikw/veranstaltungen/veranstaltungsdetails/der-entsatz-von-wien-1683

Stadt Wien zur Entscheidung über das Sobieski-Denkmal vom 8. November 2024:
https://presse.wien.gv.at/presse/2024/11/08/kulturstadtraetin-zur-debatte-um-sobieski-denkmal-keine-buehne-fuer-spaltung-der-gesellschaft

Stadt Wien zur Enthüllung des Kosakendenkmals am Leopoldsberg am 23. April 2013:
https://presse.wien.gv.at/2013/04/23/kiewer-buergermeister-popov-zu-besuch-bei-buergermeister-haeupl

TKG- 12.09.1683: Geschichte in Demut erinnern – für Frieden, Gemeinwohl und gemeinsame Zukunft
https://www.turkischegemeinde.at/tkg-12-09-1683-geschichte-in-demut-erinnern-fuer-frieden-gemeinwohl-und-gemeinsame-zukunft/

ÖAW-Dokumentation zum Kosakendenkmal im Türkenschanzpark:
https://www.oeaw.ac.at/tuerkengedaechtnis/denkmaeler/ort/tuerkenschanzpark-kosaken-denkmal

ÖAW-Dokumentation zum Yunus-Emre-Brunnen:
https://www.oeaw.ac.at/tuerkengedaechtnis/denkmaeler/ort/tuerkenschanzpark-yunus-emre-brunnen

ÖAW-Beitrag über die rumänischen Fürstentümer während der Belagerung:
https://www.oeaw.ac.at/en/tuerkengedaechtnis/kontexte/die-entsatzschlacht-1683/die-rolle-der-rumaenen-waehrend-der-zweiten-tuerkenbelagerung-1683

Beitrag von Johannes Feichtinger und Johann Heiss über die moderne Instrumentalisierung von 1683:
https://www.derstandard.at/story/3000000339705/der-entsatz-von-wien-1683-das-abendland-war-nie-wirklich-in-gefahr

„Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben“,

https://www.youtube.com/watch?v=yNz8EB_FeM8

 

Bildhinweise

Buchpräsentation „Der Entsatz von Wien 1683“ im Theatersaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am 24. September 2026. Foto: TKG.

Bei der Präsentation gezeigter Blogeintrag „All Our September Elevenths“ vom 11. September 2007: Beispiel für die moderne politische Verknüpfung Sobieskis mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Foto: TKG.

Buchcover: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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