Das Werk „Der Entsatz von Wien 1683“
Ein wissenschaftlich orientierten Würdigung und historisch-kritischen Rezension sowie ein europäischer Essay über Erinnerung, Verantwortung und friedliches Zusammenleben. Zugleich ein Denkanstoß, der die Erinnerungskulturen Polens, Österreichs, des Osmanischen Reiches, der Türkei und Wiens miteinander verbindet.
„Ode an die Jugend“ (Oda do młodości)
„O Jugend, der Nektar des Lebens
wird dir erst süß, wenn du ihn mit anderen teilst.
Himmlische Freude erfüllt die Herzen,
wenn ein goldenes Band sie miteinander verbindet.
Gemeinsam, junge Freunde!
Im Glück des Ganzen liegen die Ziele aller.
Stark durch Einigkeit, vom Wagemut beseelt –
gemeinsam, junge Freunde!
[…]
Das gefühllose Eis beginnt zu bersten,
und die Vorurteile, die das Licht verdunkeln, weichen.
Sei gegrüßt, Morgenröte der Freiheit –
hinter dir steigt die Sonne der Erlösung auf!“
Adam Mickiewicz (24. Dezember 1798 bis 26. November 1855 in Istanbul), polnischer Nationaldichter, Freiheitsdenker und politischer Emigrant, wurde bei Nowogródek geboren und starb in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Sein Werk Oda do młodości („Ode an die Jugend“, 1820) gilt als eines der bedeutendsten Gedichte der polnischen Romantik und als leidenschaftlicher Aufruf an die Jugend zu Mut, Freiheit, Idealismus und gesellschaftlichem Wandel. Seine Verse sprechen auch heute noch Generationen junger Menschen an.
Diese Verse des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz stellen nationalen, religiösen und kulturellen Grenzen die Kraft des gemeinsamen Handelns entgegen. Sie geben zugleich den Grundton dieses Beitrags vor: Erinnerung soll keine alten Feindbilder neu entzünden, sondern zum gegenseitigen Verständnis beitragen und Geschichte zur Lehre für eine gemeinsame Zukunft machen.
Der folgende Beitrag ist eine Würdigung des wissenschaftlichen Werkes Der Entsatz von Wien 1683, ein Bericht über seine Präsentation am 24. September 2026 in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie eine erste historisch-kritische Rezension aus der Sicht der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKG Think Tank). Das Buch zeigt, wie aus einem militärischen Ereignis ein über Jahrhunderte veränderter und politisch immer wieder beanspruchter Erinnerungsort wurde. Es würdigt historische Leistungen, ohne sie dem politischen Missbrauch zu überlassen. Gerade deshalb verdient dieses Werk Aufmerksamkeit – in Wien und Polen ebenso wie unter Menschen mit türkischer, tatarischer und südosteuropäischer Familiengeschichte.

Ein Abend, an dem ein altes Datum neu befragt wurde
Am Abend des 24. September 2026 füllte sich der Theatersaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit Menschen, die wegen eines Ereignisses gekommen waren, das 343 Jahre zurückliegt und dennoch bis in die Gegenwart hineinwirkt. Auf dem Umschlag des vorgestellten Buches ist Franz Geffels’ Darstellung der Entsatzschlacht zu sehen: Bewegung, Rauch, Pferde, Fahnen und Waffen. Im Saal dagegen herrschte Ruhe. Niemand beschwor alte Feindbilder, niemand mobilisierte, niemand stritt über die Lautstärke historischer Gefühle. Es wurde gefragt, unterschieden und eingeordnet.
Das war wohltuend. Denn der 12. September 1683 gehört zu jenen Daten, die selten allein bleiben. Kaum wird es genannt, treten Begriffe wie Abendland, Islam, Europa, Befreiung, Türkengefahr, Heldentum und Untergang hinzu. Mitunter scheint es, als müsse jede Generation die Schlacht noch einmal schlagen – diesmal mit Reden, Bildern, Denkmälern und politischen Parolen.
Der Abend an der ÖAW folgte einem anderen Verständnis von Geschichte. Er gab keine einfachen Antworten aus, sondern zeigte, wie Antworten entstehen, wer sie formuliert, wer von ihnen profitiert und welche Menschen durch sie zu Helden, Randfiguren oder ewigen Feinden gemacht werden.
Johannes Feichtinger begrüßte die Gäste. Es sprachen die Wiener Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler und der Botschafter der Republik Polen in Österreich, S. E. Zenon Kosiniak-Kamysz. Anschließend diskutierten die drei Autoren Johannes Feichtinger, Johann Heiss und Bogusław Dybaś unter der Moderation von Marlene Nowotny von ORF Ö1.
Wir von der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich – TKG Think Tank – nahmen als interessierte Wiener mit türkischer Herkunft, als Vertreter einer österreichischen Kultur- und Denkfabrik und auch als publizistisch tätige Beobachter teil. Wir kamen nicht, um das Osmanische Reich nachträglich zu verteidigen, und auch nicht, um den Sieg des Entsatzheeres zu verkleinern.
Dank an die Autoren und die beteiligten Institutionen
Die Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG) dankt den Autoren Johannes Feichtinger, Johann Heiss und Bogusław Dybaś für die wissenschaftliche Bearbeitung eines Themas, das bis heute starke Emotionen hervorruft und immer wieder in aktuelle politische Auseinandersetzungen hineingezogen wird. Unser Respekt gilt ebenso den Mitarbeiterinnen Heidemarie Uhl (†) und Sandra Klos. Die Forschung Heidemarie Uhls hat die österreichische Erinnerungskultur nachhaltig geprägt.
Worte, die Nähe schaffen
Die Amtsführende Stadträtin für Kultur und Wissenschaft, Mag. Veronica Kaup-Hasler, konnte wegen einer Knieoperation nicht persönlich an der Buchpräsentation teilnehmen. Sie ließ es sich dennoch nicht nehmen, den Gästen eine Videobotschaft zu übermitteln.
Wer diese Botschaft hörte, spürte, dass hier nicht nur eine Amtsträgerin sprach, sondern ein Mensch, der sich der besonderen Verantwortung seines Amtes sehr bewusst ist. Gerade bei einem historisch und gesellschaftspolitisch so sensiblen Thema fand sie ruhige, sorgfältige und freundliche Worte. Dabei hatte sie nicht nur einzelne Gruppen oder politische Positionen im Blick, sondern alle Menschen, die in Wien leben und diese Stadt gemeinsam zu ihrer Heimat gemacht haben.
Man konnte spüren, dass sie das Gewicht ihres Amtes kennt – ein Gewicht, das in schwierigen Fragen mitunter tonnenschwer auf den Schultern liegen muss. Umso wertvoller war die menschliche Wärme ihrer Botschaft. Sie wollte nicht trennen, belehren oder historische Wunden neu öffnen. Sie wollte Verantwortung übernehmen, Zusammenhalt stärken und deutlich machen, dass Wien eine Stadt für alle seine Bewohnerinnen und Bewohner sein muss.
Uns hat diese Haltung berührt. Ihre Worte haben unsere Verbundenheit mit Wien erneut gestärkt. Sie erinnerten uns daran, warum wir diese Stadt trotz aller schwierigen Kapitel ihrer Geschichte als unsere gemeinsame Heimat verstehen und warum es sich lohnt, für ihr friedliches und respektvolles Zusammenleben einzutreten.
Dafür sagen wir von Herzen: Herzlichen Dank.
Standfest für Polen, offen für Freundschaft
Ebenso herzlich danken wir dem Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafter der Republik Polen in Österreich, Zenon Kosiniak-Kamysz. Seine Ansprache war freundlich, verantwortungsbewusst und von einem aufrichtigen Willen zum Dialog getragen. Seine ruhigen und konstruktiven Worte haben uns sehr gefreut.
Seine Standfestigkeit war dabei jederzeit spürbar. Er vertrat die Interessen des polnischen Staates mit jener Klarheit und Entschlossenheit, die man von einem Botschafter erwarten darf. Doch diese Haltung wirkte nicht wie eine Mauer gegen andere. Im Gegenteil: Sie ließ Raum für Begegnung, gegenseitige Achtung und ein freundschaftliches Gespräch.
Botschafter Kosiniak-Kamysz zeigte, dass man die Interessen des eigenen Landes mit ganzer Kraft vertreten und zugleich ein verlässlicher Freund Österreichs sowie ein respektvoller Partner der Türkei sein kann. Das eine widerspricht dem anderen nicht. Gerade eine solche Verbindung von Standfestigkeit und Offenheit macht verantwortungsvolle Diplomatie glaubwürdig.
Für uns war seine Haltung zugleich ein wichtiges Zeichen: Man kann seinem eigenen Land und seiner Geschichte tief verbunden sein, ohne aus der Vergangenheit neue Gegensätze zu schaffen. Man kann die eigene Erinnerung bewahren und dennoch auf andere zugehen. Und man kann schwierige historische Fragen ansprechen, ohne Freundschaften zu gefährden.
Für diese verantwortungsvolle, konstruktive und herzliche Haltung sagen wir ebenfalls von Herzen: Herzlichen Dank.
Internationalen Begutachtungsverfahren unterzogen
Dank gebührt auch dem Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Verlag der ÖAW und dem Publikationskomitee der philosophisch-historischen Klasse. Das Werk wurde einem anonymen internationalen Begutachtungsverfahren unterzogen. Die Publikation wurde von der Stadt Wien – Kultur unterstützt. Vielen herzlichen Dank. Das sind keine nebensächlichen Angaben. Sie stehen für wissenschaftliche Prüfung, institutionelle Verantwortung und die Bereitschaft einer Stadt, auch ihre schwierigen Erinnerungen zum Gegenstand offener Forschung zu machen.
Eine solche Arbeit mit dem Titel „Der Entsatz von Wien 1683“ lebt von Archiven, historischen Sammlungen, Augenzeugenberichten, Bildern, Chroniken, Predigten, politischen Schriften und späteren Gedenkzeugnissen. Wissenschaft bedeutet dabei nicht, ein altes politisches Urteil durch ein neues zu ersetzen. Sie vergleicht Quellen, legt Widersprüche offen, trennt Überlieferung von überprüfbarer Tatsache und fragt danach, unter welchen Bedingungen eine bestimmte Erzählung entstanden ist.
Gerade bei 1683 ist diese Nüchternheit bzw. Sachlichkeit dringend notwendig. Wo militärischer Ruhm, nationale Ehre, Religion, kollektive Angst und moderne Identitätspolitik zusammentreffen, besteht immer die Gefahr, dass Geschichte zum Rohstoff der Gegenwart wird. Wir kennen dies sowohl aus positiven als auch aus negativen Beispielen aus der Türkei bzw. in Österreich.
Der vollständige Titel lautet: Der Entsatz von Wien 1683. Historiografie und kulturelles Gedächtnis in Österreich und Polen von 1683 bis zur Gegenwart. Das 319 Seiten umfassende Werk erschien 2026 im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften als Band 958 der „Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse“.
Seine besondere Stärke liegt bereits in der Anlage. Es behandelt nicht nur die Belagerung und die Schlacht, sondern verbindet die Ereignisgeschichte mit der Geschichte ihrer Erinnerung. Das klingt zunächst selbstverständlich, ist es aber nicht. Zwischen einem Geschehen und seiner späteren Deutung können Jahrzehnte, politische Umbrüche und neue gesellschaftliche Bedürfnisse liegen. Ein Denkmal erzählt deshalb niemals nur von der Zeit, an die es erinnern soll. Es erzählt auch von der Zeit, in der es errichtet wurde.
Wir kennen dies sowohl aus positiven als auch aus negativen Beispielen aus der Türkei. Wir haben das Buch natürlich sehr gerne gekauft und bereits einen ersten schnellen Blick hineingeworfen. In den nächsten Tagen werden wir es intensiv studieren.
„Facts & Figures“
Der erste Abschnitt des Buches widmet sich der Geschichte und den Quellen. Er behandelt die militärischen „Facts & Figures“, österreichische und polnische Augenzeugenberichte, zeitnahe Historiografie, die dynastische Politik König Jan III. Sobieskis und die internationale Gegenwartshistoriografie.
Schon der Titel des Sobieski-Kapitels macht die Methode des Buches sichtbar: „Das ‚Fiasko‘ der dynastischen Politik des ‚Siegerkönigs‘“. Damit wird Sobieskis militärische Leistung nicht bestritten. Untersucht wird vielmehr der Abstand zwischen dem großen Sieg auf dem Schlachtfeld, den politischen und dynastischen Hoffnungen des Herrschers Sobieski und der später geschaffenen Heldenfigur. Ein siegreicher Feldherr muss nicht in allen seinen politischen Zielen erfolgreich gewesen sein. Und ein historischer Mensch ist immer vielschichtiger als das Denkmal, das spätere Generationen aus ihm machen.
Der zweite und umfangreichste Teil untersucht das Gedächtnis: Wer galt in Wien wann als denkmalwürdig? Wie wurde in den ersten hundert Jahren an 1683 erinnert? Was änderte sich bei den Jubiläen von 1783, 1883, 1933 und 1983? Wie entwickelte sich der Kahlenberg zu einem polnischen Erinnerungsort? Und wie wurde er in der Gegenwart zum Schauplatz rechtsextremer Geschichtspolitik?
Der dritte Teil zieht Schlussfolgerungen, enthält Empfehlungen zur lange geplanten Errichtung eines Denkmals für 1683 und König Jan III. Sobieski am Kahlenberg und beschreibt die Entwicklungen seit dem Abschluss der ursprünglichen Studie im Jahr 2019.
Wien ist anders
Wir haben den Eindruck und zugleich die Zuversicht, dass auch die konservativen Parteien und die etablierten Parteien rechts der Mitte ihrer Verantwortung gegenüber der Stadt Wien und allen Menschen, die hier leben, gerecht werden und entsprechend handeln. Zu diesen Menschen gehören selbstverständlich auch jene, die vor rund 60 Jahren nach Wien gekommen sind und seither durch ihre Arbeit, ihre Steuerleistungen und ihr gesellschaftliches Engagement zum Aufbau und zum Erfolg dieser Stadt beitragen. Wir sind überzeugt, dass es auch in diesen Parteien genügend verantwortungsbewusste Politikerinnen und Politiker gibt, die Geschichte nicht zur Ausgrenzung instrumentalisieren, sondern sich für ein respektvolles und friedliches Zusammenleben einsetzen.
Wien ist anders. Wien lebt von Vielfalt, gegenseitigem Respekt und der Fähigkeit, Geschichte mit Vernunft, Augenmaß und Blick auf das Gemeinwohl ( Res publica) zu betrachten.
Die bewusst gewählte Perspektive
Wer von diesem Buch eine klassische, ausschließlich militärgeschichtliche Gesamtdarstellung mit minutiöser Rekonstruktion aller Truppenbewegungen erwartet, wird einen anderen Schwerpunkt vorfinden. Das ist keine Schwäche, sondern die bewusst gewählte Perspektive. Die zentrale Frage lautet nicht nur: Was geschah 1683? Sie lautet ebenso: Wer erzählte später welche Geschichte darüber – und mit welchem Ziel?
Ereignis, Erinnerung und politische Verwendung
Diese drei Ebenen auseinanderzuhalten, gehört zu den wichtigsten Leistungen des Werkes. Die erste Ebene ist das militärische und politische Geschehen: der osmanische Feldzug, die 61 Tage dauernde Belagerung, die Verteidigung Wiens, die Bildung des Entsatzheeres und die Schlacht vom 12. September 1683.
Die zweite Ebene ist die Erinnerung: Chroniken, Gemälde, Predigten, Jubiläen, Straßennamen, Schulbücher, Gedenktafeln, religiöse Feiern und Denkmäler.
Die dritte Ebene ist die politische Verwendung dieser Erinnerung: Wer beruft sich wann auf 1683? Welche Gegenwart soll mithilfe der Vergangenheit erklärt werden? Wer wird zum Vorbild erhoben, wer verschwindet, und wer wird zum Feind erklärt?
Das Buch zeigt, wie die historischen Tatsachen in knapp 350 Jahren von zeitgebundenen religiösen, nationalen, islamfeindlichen und antisemitischen Deutungen überlagert wurden. Kirche, Politik, nationale Vereinigungen, Geschichtswissenschaft und Medien wirkten in unterschiedlichen Epochen an diesen Deutungen mit.
Das bedeutet nicht, dass religiöse Sprache aus der Geschichte entfernt werden sollte. Die Menschen des 17. Jahrhunderts beteten vor Schlachten, deuteten Siege als göttliche Hilfe und Niederlagen als Strafe oder Prüfung. Dies galt nicht nur in Europa, sondern ebenso im damaligen Osmanischen Reich. Diese Vorstellungen gehören zur historischen Wirklichkeit. Problematisch wird es dort, wo die religiöse Sprache von damals, der Missbrauch von Religion oder die Politisierung von Religion, unabhängig davon, um welche Religion es sich handelt, ohne historische Einordnung in die Gegenwart übertragen und gegen heute lebende Menschen gerichtet wird.
Feichtingers wiederholte Kernthese: 1683 war kein Religions- oder Kulturkampf
Johannes Feichtinger formulierte diesen Punkt während der Präsentation nicht nur beiläufig. Er wiederholte ihn mehrfach und mit besonderem Nachdruck. Die anwesenden Vertreter der TKG notierten seine Worte unmittelbar: „Kein Kampf der Religionen. Kein Kampf der Kulturen. Kein Kampf moderner Nationen. Sondern ein Kampf der Machtfaktoren.“
Diese mehrfach wiederholte Formel bildete gleichsam den wissenschaftlichen Schlüssel zur gesamten Veranstaltung: Der Entsatz von 1683 war ein militärischer und politischer Machtkonflikt zwischen Imperien, Herrschern, Dynastien und unterschiedlichen Interessen – geführt in einer Epoche, in der Religion zwar Sprache, Legitimation und Selbstverständnis vieler Beteiligter prägte, die historischen Fronten aber nicht vollständig erklärte.
Der Anachronismus: Eine stille Krankheit
Diese Einordnung verharmlost den Krieg nicht. Sie schützt ihn vor dem Anachronismus. Denn der Anachronismus ist eine stille Krankheit unserer Zeit: Wir übertragen heutige Begriffe, Fronten und moralische Gewissheiten auf vergangene Jahrhunderte, ohne Zeit, Ort, Quellen und damalige Bedingungen sorgfältig und mehrfach zu prüfen. Wer nicht zuerst fragt, wann, wo und unter welchen Umständen etwas geschah, erklärt die Vergangenheit nicht – er schreibt sie für die politischen Bedürfnisse der Gegenwart um. Deshalb gilt gerade im Umgang mit Geschichte: prüfen, gegenprüfen und nochmals prüfen – Check, Recheck, Double-check. Der Anachronismus überträgt unbemerkt die Begriffe, Ängste und Feindbilder unserer Gegenwart auf vergangene Jahrhunderte. Dadurch wird Geschichte nicht verständlicher, sondern für heutige politische Zwecke umgeschrieben. Wer Vergangenheit verantwortungsvoll beurteilen will, muss deshalb immer wieder prüfen: Wann geschah etwas, unter welchen Bedingungen geschah es – und welche Vorstellungen unserer eigenen Zeit tragen wir nachträglich in das Geschehen hinein?
Religion spielte 1683 ohne Zweifel eine bedeutende Rolle. Religiöse Symbole, Gebete und Heilsvorstellungen waren auf beiden Seiten wirksam. Doch die Ursachen des Feldzuges, die Zusammensetzung der Armeen, die Bündnisse und die strategischen Interessen lassen sich nicht auf „Christentum gegen Islam“ reduzieren.
Auch moderne Nationalstaaten standen sich nicht gegenüber. Die politische Welt des 17. Jahrhunderts bestand aus Monarchien, dynastischen Herrschaftsräumen, Ständen, Fürstentümern, Vasallen, Konföderationen und Imperien. Loyalitäten folgten nicht ausschließlich Sprache, Religion oder einer nationalen Identität im heutigen Sinn.
Christliche Herrscher führten Kriege gegen andere christliche Herrscher; muslimische Herrscher kämpften ebenso gegen andere muslimische Mächte. Auch der Aufstieg des Osmanischen Reiches vollzog sich keineswegs nur in Auseinandersetzungen mit christlichen Staaten. Vor allem vom späten 14. bis ins 15. Jahrhundert unterwarfen die Osmanen mehrere muslimisch-türkische Beyliks in Anatolien oder gliederten sie ihrem Herrschaftsgebiet ein. Sultan Bayezid I. setzte dabei sogar christliche Vasallen gegen türkische Beyliks ein. Diese Konflikte wurden weniger durch eine eindeutige religiöse Trennlinie als durch Machtinteressen, territoriale Ansprüche und dynastische Rivalitäten bestimmt.
Auch spätere konfessionelle Auseinandersetzungen dürfen nicht losgelöst von ihrem politischen Zusammenhang betrachtet werden. Im frühen 16. Jahrhundert verbanden sich im osmanisch-safawidischen Konflikt religiöse Gegensätze mit territorialer Konkurrenz, Herrschaftssicherung sowie der Furcht vor inneren Aufständen und safawidischer Einflussnahme. Besonders kizilbasch-turkmenische Gruppen und Stammesverbände in Anatolien waren von osmanischer Verfolgung und Gewalt betroffen. Sie dürfen jedoch nicht pauschal und ohne historische Differenzierung mit sämtlichen heutigen alevitischen und bektaschitischen Gemeinschaften gleichgesetzt werden
Solche Konflikte hinterließen tiefe gesellschaftliche Wunden, die in unterschiedlichen kollektiven Erinnerungen teilweise bis heute schmerzhaft fortwirken. Gerade deshalb müssen ihre Ursachen, Zeiten und jeweiligen politischen Bedingungen sorgfältig voneinander unterschieden werden.
Keine rivalisierenden türkischen Fürstentümer
Dies erklärt zugleich, weshalb sich im osmanischen Kernland auf Dauer keine rivalisierenden türkischen Fürstentümer neben der Osmanendynastie behaupten konnten. Zwischen dem ausgehenden 13. und dem frühen 17. Jahrhundert verloren die anatolisch-türkischen Beyliks beziehungsweise Fürstentümer schrittweise ihre politische Selbständigkeit. Es wäre jedoch zu beschönigend, diesen Prozess lediglich als eine friedliche Eingliederung zu bezeichnen.
Besonders deutlich zeigt sich dies am Schicksal der Karamanoğulları. Sie gehörten zu den mächtigsten türkischen Rivalen der Osmanen in Anatolien. Nach jahrzehntelangen, teilweise äußerst gewaltsamen Auseinandersetzungen wurde ihr Herrschaftsgebiet in mehreren Etappen erobert, ihr Fürstentum politisch und militärisch zerschlagen und ihre unabhängige Herrschaft gegen Ende des 15. Jahrhunderts endgültig beseitigt. „Zerschlagen“ beziehungsweise „als politische Macht vernichtet“ bedeutet dabei nicht, dass die gesamte Bevölkerung ausgelöscht worden wäre. Beseitigt wurden das eigenständige Fürstentum und die Karamanoğulları-Dynastie als konkurrierende politische Macht.
Zugleich überschritten politische Bündnisse immer wieder die Grenzen der Religionen und Konfessionen. Christliche und muslimische Akteure verbündeten sich miteinander, sobald gemeinsame Machtinteressen dies nahelegten. Die Formel „Europa gegen den Islam“ macht daher aus einer vielschichtigen frühneuzeitlichen Machtordnung einen gegenwärtigen Kulturkampf, den es in dieser Form 1683 nicht gab..
Zwei vielschichtige Heere
Deswegen widerspricht die Zusammensetzung des 1683 vor Wien stehenden osmanischen Belagerungsheeres unter dem Oberbefehl Kara Mustafa Paschas der Vorstellung zweier geschlossener religiöser Blöcke. Zu diesem Heer gehörten Berufssoldaten, Janitscharen, Sipahis, Artilleristen, Mineure und Provinztruppen, außerdem Streitkräfte des Krimkhanats sowie Kontingente aus abhängigen oder mit dem Osmanischen Reich verbündeten Gebieten.
Die orthodox christlich geprägten Fürstentümer Walachei und Moldau standen unter osmanischer Oberhoheit und waren zu Tributzahlungen und militärischer Unterstützung verpflichtet. Auch Siebenbürgen war in das politische Abhängigkeitssystem der Hohen Pforte eingebunden. Solche Kontingente bestanden aus Christen. Ihre Teilnahme war jedoch nicht automatisch Ausdruck einer freien religiösen oder politischen Identifikation mit dem osmanischen Feldzug. Vasallenpflicht, Druck, dynastische Interessen und regionale Sicherheitsüberlegungen spielten eine Rolle.
Der walachische Fürst Şerban I. Cantacuzino stand offiziell auf osmanischer Seite, soll nach der historischen Überlieferung aber heimlich mit den Kaiserlichen kooperiert haben. Die überwiegend protestantischen ungarischen Kuruzzen unter Imre Thököly kämpften wiederum im Bündnis mit der Hohen Pforte gegen die habsburgische Herrschaft. Schon diese Beispiele zeigen, wie wenig sich die Fronten mit einer geraden konfessionellen Linie erklären lassen.
Auch das Entsatzheer war kein national einheitliches Heer. Es vereinte Truppen der polnisch-litauischen Adelsrepublik, kaiserlich-habsburgische Einheiten und Kontingente aus verschiedenen Territorien des Heiligen Römischen Reiches. Jan III. Sobieski führte die Koalition als Oberbefehlshaber. Die polnischen Truppen, darunter die berühmten geflügelten Husaren, leisteten in der entscheidenden Phase einen herausragenden Beitrag. Die kaiserlichen Kräfte standen unter maßgeblicher Führung von Herzog Karl V. von Lothringen; hinzu kamen unter anderem bayerische, sächsische, fränkische und schwäbische Verbände.
Die Beteiligung von Kosaken gehört ebenfalls zur Geschichte des Entsatzes. Über ihre genaue Zahl, ihre Einsatzorte und den Zeitpunkt des Eintreffens einzelner Gruppen finden sich unterschiedliche Angaben. Gerade deshalb ist Quellenkritik wichtiger als eine nachträgliche nationale Aneignung.
Im Heer Jan III. Sobieskis dienten muslimische Lipka-Tataren, deren Familien seit Generationen in Polen-Litauen lebten. Tatarische Fahnen nahmen am Feldzug von 1683 teil, darunter eine kleine Einheit unter dem Rittmeister Samuel Murza Krzeczowski. Muslime ritten also nicht nur gegen Wien, sondern auch zu seinem Entsatz. Die Lipka-Tataren, die auch als polnische, litauische oder belarussische Tataren bezeichnet werden, sind eine traditionsreiche muslimische Volksgruppe tatarisch-türkischer beziehungsweise historisch turksprachiger Herkunft. Seit mehr als sechs Jahrhunderten sind sie in den Gebieten des heutigen Polen, Litauen und Belarus beheimatet und gehören zur gemeinsamen Geschichte und Kultur dieser Länder.
Schon diese Beispiele genügen, um die Vorstellung infrage zu stellen, sämtliche Christen hätten auf der einen und sämtliche Muslime auf der anderen Seite gestanden.
Der Sieg war die Leistung einer Koalition. Er darf nicht einer einzigen heutigen Nation als ausschließliches Eigentum zugeschrieben und ebenso wenig als Legitimation gegen eine heutige Religion verwendet werden.
Sobieski und Starhemberg anerkennen, ohne sie zu vereinnahmen
Die TKG sieht keinen Grund, die historische Leistung König Jan III. Sobieskis zu verkleinern. Er war ein bedeutender Herrscher, ein erfahrener Feldherr und der Oberbefehlshaber des Entsatzheeres. Sein Beitrag am 12. September 1683 ist historisch belegt und verdient eine würdige Erinnerung.
Sachliche, seriöse türkische oder osmanische Geschichtsschreibung bestreitet weder die militärischen Fähigkeiten von König Jan III. Sobieski noch jene von Ernst Rüdiger von Starhemberg. Historische Fairness verlangt, Leistungen anzuerkennen, unabhängig davon, auf welcher Seite sie erbracht wurden: „Ehre dem, dem Ehre gebührt.“ Das gehört zur historischen Redlichkeit.
Wissenschaft beginnt nicht dort, wo man einen damaligen Gegner kleinmacht. Sie beginnt dort, wo man seine Entscheidungen, Fähigkeiten und Erfolge anerkennt, ohne ihn aus seiner Zeit und ihrem politischen, gesellschaftlichen und militärischen Zusammenhang zu lösen. Eine solche Einordnung verharmlost den Krieg nicht. Sie schützt die Geschichte vor anachronistischen Verzerrungen – und die Gegenwart vor der politischen Wiederverwertung alter Feindbilder.
Geschichte sollte dazu dienen, Lehren für die Zukunft zu ziehen, Kriege zu vermeiden, Verständnis zu fördern und Brücken zwischen Menschen zu bauen, nicht aber zu hetzen oder neue Feindbilder zu schaffen.
Das Gleiche gilt für Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg, der die Verteidigung Wiens leitete, und für den Festungsingenieur Georg Rimpler. Soldaten, bewaffnete Bürger, Handwerker, Studenten und weitere Einwohner hielten die Stadt unter äußerster Belastung. Sobieskis Entsatz und Starhembergs Verteidigung sind keine konkurrierenden Erinnerungen. Beide gehören in dasselbe historische Bild. Wer den einen würdigt, muss den anderen nicht verkleinern.
Sobieski wird auch nicht kleiner, wenn man zwischen dem historischen König und der späteren Symbolfigur unterscheidet. Im Gegenteil: Befreit man ihn von den nationalistischen und religiösen Projektionen späterer Jahrhunderte, wird er als Herrscher und Feldherr wieder erkennbar. Wer ihn dagegen zum zeitlosen Kämpfer gegen alle Musliminnen und Muslime bzw. Türkinnen und Türken erklärt, würdigt ihn nicht, sondern benutzt ihn.
Starhemberg, Kara Mustafa und Murad Giray: Entscheidungen, Verantwortung und spätere Legenden
Ohne den nahezu zweimonatigen Widerstand der von Stadtkommandant Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg geführten Verteidiger hätte das Entsatzheer möglicherweise eine bereits eingenommene Stadt erreicht. Ohne das Entsatzheer wiederum wäre die Verteidigung Wiens angesichts der fortschreitenden Minenangriffe, der schweren Verluste und der sich verschärfenden Versorgungslage vermutlich nicht mehr lange aufrechtzuerhalten gewesen.
Osmanische Quellen belegen zugleich, dass Merzifonlu Kara Mustafa Pascha Wien zur Übergabe aufforderte und zunächst darauf hoffte, die Stadt ohne einen verlustreichen Sturmangriff einzunehmen. Einige Historiker vermuten, er habe Wien möglichst unversehrt in seine Gewalt bringen wollen; auch die im Falle einer gewaltsamen Eroberung zu erwartende Plünderung durch die Truppen könnte bei seinen Überlegungen eine Rolle gespielt haben. Eine eindeutig belegte Absicht, Wien anschließend als osmanisches Verwaltungs- und Machtzentrum zu übernehmen, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Ebenso wenig darf der Wunsch nach einer kampflosen Übergabe als humanitäre Schonungspolitik verklärt werden.
Die Belagerung brachte Beschuss, Minenkrieg, Angriffe, Hunger, Krankheit, Tod und Zerstörung. Die Bevölkerung Wiens lebte wochenlang unter größter Bedrohung. Auch das Umland wurde schwer getroffen. Osmanische Chroniken berichten von massiver Gewalt, Plünderungen, Verschleppungen und Versklavungen in den angegriffenen Gebieten Niederösterreichs und Ungarns. Wissenschaftliche Redlichkeit verlangt deshalb eine doppelte Abgrenzung: keine Dämonisierung, aber auch keine Romantisierung.
Auch die Behauptung, Kara Mustafa Pascha sei kein eigentlicher Feldherr, sondern lediglich Staatsmann und Verwalter gewesen, greift zu kurz. Er war Großwesir, politischer Entscheidungsträger und militärischer Oberbefehlshaber des Feldzuges. Umstritten sind vielmehr seine strategischen Entscheidungen. Der Feldzug gegen die Habsburger war von Sultan Mehmed IV. grundsätzlich gebilligt worden; als ursprüngliche militärische Ziele galten jedoch vor allem die Festungen Yanıkkale, also Raab beziehungsweise Győr, und Komorn.
Die Entscheidung, unmittelbar gegen Wien zu ziehen, brachte Kara Mustafa Pascha am 27. Juni 1683 im Kriegsrat von Stuhlweißenburg vor. Mehrere Teilnehmer, darunter der Krim-Khan Murad Giray und Imre Thököly, warnten vor diesem Schritt oder empfahlen, den Angriff auf Wien auf das folgende Jahr zu verschieben. Kara Mustafa setzte sich dennoch durch. Ob Sultan Mehmed IV. das konkrete Angriffsziel Wien im Voraus ausdrücklich gebilligt hatte, muss deshalb von der grundsätzlich erteilten politischen und militärischen Vollmacht unterschieden werden.
Auch das Verhältnis zwischen Kara Mustafa Pascha und Murad Giray war von Spannungen geprägt. Der Krim-Khan hatte sich bereits im Kriegsrat gegen den unmittelbaren Vormarsch auf Wien ausgesprochen und wurde nach der Niederlage von Kara Mustafa abgesetzt und mitverantwortlich gemacht. Die lange verbreitete Erzählung, Murad Giray habe das Entsatzheer aus persönlicher Feindschaft absichtlich ungehindert die Donau überqueren und durch den Wienerwald ziehen lassen, gilt jedoch keineswegs als gesicherte Tatsache. Neuere Forschungen widersprechen dieser Darstellung ausdrücklich und betrachten sie als eine nachträgliche Vereinfachung der Niederlage.
Diese Einordnung entlastet Kara Mustafa Pascha weder von seiner politischen und militärischen Verantwortung für den Feldzug noch von den Folgen der Belagerung. Sie verhindert lediglich, dass aus einem historischen Akteur entweder die zeitlose Verkörperung des Bösen oder nachträglich ein missverstandener Menschenfreund gemacht wird.
Der gleiche Maßstab gilt für das Osmanische Reich insgesamt. Es war weder eine zeitlose Verkörperung des Bösen noch eine moderne Toleranzidylle. Es war ein vormodernes Imperium mit hierarchischen Rechtsverhältnissen, politischer Abhängigkeit, Sondersteuern, militärischer Gewalt und in bestimmten Epochen auch mit dem Devschirme-System, das in der deutschsprachigen Historiografie häufig als „Knabenlese“ bezeichnet wird. Zugleich gab es keine reichsweit und dauerhaft durchgesetzte Zwangsislamisierung sämtlicher christlicher und jüdischer Untertanen. Kirchen, Religionsgemeinschaften, Sprachen, Bräuche und lokale Institutionen konnten in vielen Regionen fortbestehen – allerdings nicht unter den Bedingungen moderner staatsbürgerlicher Gleichheit.
Gerade deshalb darf Geschichte nicht auf Helden, Verräter und Schurken reduziert werden. Der lange Widerstand der Wiener Verteidiger, das Eintreffen des Entsatzheeres, strategische Fehlentscheidungen, Versorgungsprobleme, innere Spannungen und unterschiedliche politische Interessen wirkten gleichzeitig zusammen. Differenzierung ist keine Entschuldigung. Sie ist die Voraussetzung dafür, historische Verantwortung präzise benennen und Geschichte überhaupt verstehen zu können. Sie ist die Voraussetzung dafür, Geschichte überhaupt zu verstehen.
Nach dem Entsatz: Der Krieg endete nicht, er verlagerte sich
Kaiser Leopold I., der Wien vor dem Eintreffen des osmanischen Heeres mit seinem Hof verlassen hatte, kehrte am 14. September 1683 – zwei Tage nach dem Sieg am Kahlenberg – in seine Residenzstadt zurück. Für Wien war die Belagerung beendet. Der Krieg selbst war es jedoch nicht. Er verlagerte sich nach Osten und wurde nun mit zunehmender Kraft auf dem Gebiet des Königreichs Ungarn fortgeführt.
Nur drei Jahre später, am 2. September 1686, erstürmten die von den Habsburgern geführten Truppen der Heiligen Liga unter Karl V. von Lothringen und Max Emanuel von Bayern die Stadt Buda, auf Deutsch Ofen. Leopold I. befand sich nicht persönlich am Ort des Geschehens und darf deshalb nicht als unmittelbarer Täter des folgenden Massakers bezeichnet werden. Der Feldzug wurde jedoch im Namen seiner Herrschaft geführt und diente der Ausweitung der habsburgischen Macht in Ungarn.
Nach der Einnahme der Stadt kam es zu schweren Ausschreitungen, Plünderungen und einem Massaker. Getötet wurden osmanische Soldaten, muslimische Einwohner, Frauen und Kinder sowie bereits kapitulierende Verteidiger. Auch die jüdische Gemeinde von Buda, deren Angehörige die Stadt gemeinsam mit den Osmanen verteidigt hatten, wurde nahezu vernichtet. Historische Darstellungen nennen etwa 3.000 getötete Türken beziehungsweise Muslime und rund die Hälfte der damals ungefähr 1.000 jüdischen Einwohner. Andere Menschen wurden gefangen genommen, verschleppt oder gegen Lösegeld freigekauft. Synagogen wurden niedergebrannt, Wohnungen und religiöse Schriften zerstört. Die Vorgänge waren so schwerwiegend, dass selbst der kaiserliche Hofkriegsrat untersuchen musste, weshalb Offiziere und Kommandanten der Heiligen Liga an der Tötung jüdischer Einwohner sowie türkischer Frauen, Kinder und kapitulierter Soldaten beteiligt gewesen waren.
Die Aussage, Leopold habe in Buda persönlich „Türken, Ungarn und Juden massakrieren lassen“, wäre dennoch zu pauschal. Für ein gezielt gegen die ungarische Bevölkerung gerichtetes Massaker in Buda ist die Quellenlage nicht gleichermaßen eindeutig. Ungarische Soldaten kämpften zudem auf beiden Seiten. Die gewaltsame Unterdrückung ungarischer Gegner der Habsburger zeigte sich jedoch wenig später an anderer Stelle besonders deutlich: Beim Eperjeser Blutgericht von 1687 ließ der kaiserliche General Antonio Caraffa Bürger und Adelige, überwiegend Protestanten und vermeintliche Anhänger des antihabsburgischen Aufstandsführers Imre Thököly, foltern und hinrichten. Unter den mindestens 24 Opfern befanden sich Ungarn, Deutsche und Slowaken; manche waren nach heutiger Erkenntnis unschuldig oder aufgrund erzwungener Aussagen verurteilt worden.
Die Erinnerung an 1683 darf deshalb nicht am 12. September stehen bleiben. Auf die Rettung Wiens folgten neue Feldzüge, Eroberungen, Massaker, Vertreibungen und politische Unterdrückung. Geschichte wird nicht gerechter, wenn lediglich Sieger und Besiegte ihre Plätze tauschen. Wer aus ihr eine Lehre gewinnen will, muss auch dorthin schauen, wo der gefeierte Sieg in neues Leid umschlug.
Ungarns damaliger Staatspräsident Pál Schmitt: Unter osmanischer Herrschaft bewahrten die Ungarn ihre Sprache und Religion
Wie unterschiedlich dieselbe Epoche erinnert und bewertet werden kann, zeigt eine bemerkenswerte Äußerung des damaligen ungarischen Staatspräsidenten Pál Schmitt. In einem Interview mit der spanischen Tageszeitung ABC bezeichnete er es sinngemäß als einen historischen Glücksfall, dass Ungarn rund 150 Jahre unter osmanischer Herrschaft gestanden habe. Zur Begründung führte er an, die Osmanen hätten den Ungarn weder einen Wechsel ihrer Sprache noch ihrer Religion aufgezwungen. Wäre Ungarn von einer anderen Macht beherrscht worden, so Schmitts Gedankengang, hätte die Gefahr einer sprachlichen und kulturellen Assimilation bestanden.
Diese Aussage war keine Verharmlosung der Kriege, Zerstörungen und menschlichen Verluste der osmanischen Herrschaft. Sie enthielt vielmehr einen vergleichenden Blick auf unterschiedliche Formen imperialer Politik. Zugleich lässt sie sich als indirekter Hinweis auf die späteren ungarischen Erfahrungen mit habsburgischer Zentralisierung und sprachlich-kulturellem Anpassungsdruck verstehen, auch wenn Schmitt die Habsburgermonarchie in diesem Zusammenhang nicht ausdrücklich nannte. Seine Äußerung zeigt, weshalb imperiale Geschichte nicht allein anhand religiöser Etiketten beurteilt werden kann: Für die betroffenen Gesellschaften waren auch Sprache, kulturelle Fortdauer und die Möglichkeit, die eigene Identität zu bewahren, von entscheidender Bedeutung.
Jede Epoche schreibt ihre eigene Geschichte
Einer der treffendsten Sätze des Buches steht als Titel über einem Kapitel: „Jede Epoche schreibt ihre eigene Geschichte.“ Das bedeutet nicht, dass jede Generation Tatsachen erfinden darf. Es bedeutet, dass jede Generation andere Fragen stellt, andere Figuren hervorhebt und andere an den Rand drängt.
1783 wurde anders erinnert als 1883. Das Jubiläum von 1883 stand im Zeichen eines wachsenden Nationalismus, imperialer Selbstbilder und konfessioneller Abgrenzung. In dieser Zeit gewann die Erzählung von der „Befreiung“ des Abendlandes gegenüber der älteren Erinnerung an die Verteidigung der Stadt besonderes Gewicht. 1933 wirkten autoritäre, katholisch-konfessionelle und nationalistische Entwicklungen auf das Gedenken ein. 1983 wurde das 300-Jahr-Jubiläum unter den Bedingungen des Kalten Krieges begangen.
Heute bestimmen andere Fragen den Blick: Migration, europäische Identität, das Verhältnis zum Islam, Rechtsextremismus, Antisemitismus und der Streit darüber, wem der öffentliche Raum gehört.
Gerade deshalb ist das Buch gegenwartsnah, ohne seine historische Aufgabe aufzugeben. Es zeigt, dass Erinnerung kein ruhender Besitz ist. Sie wird erzeugt, gepflegt, verändert und politisch eingesetzt.
Vom historischen König zur modernen Kampffigur
Während der Präsentation war eine Bildmontage zu sehen, die die brennenden Türme des World Trade Centers mit einer historischen Reiterfigur Sobieskis verband. Sie stammt aus einem islamfeindlichen Blogeintrag vom 11. September 2007 mit dem Titel „All Our September Elevenths“. Ein König des 17. Jahrhunderts wurde darin nachträglich zum Akteur eines globalen Konflikts des 21. Jahrhunderts gemacht.

Die Logik solcher Bilder ist einfach und gefährlich: Damals seien „die Türken“ vor Wien gestanden, heute stehe „der Islam“ vor Europa; damals habe Sobieski gerettet, heute brauche man einen neuen Befreiungsschlag. Aus Geschichte wird ein politischer Befehl.
Das Werk verfolgt, wie Sobieski und 1683 in rechtsextremen und identitären Milieus verwendet wurden. Der Kahlenberg wurde dabei nicht nur als historischer Ort, sondern als Bühne einer gegenwärtigen Feinderzählung beansprucht. Damit wird auch Sobieski selbst instrumentalisiert. Seine Zeit, seine dynastischen Ziele, seine Bündnisse und die polnische Geschichte verschwinden hinter der Figur eines vermeintlich ewigen Kämpfers „des Westens gegen den Islam“.
Diese Verkürzung wird auch Polen nicht gerecht. Die polnische Geschichte umfasst katholische Traditionen, die Tataren und jüdisches Leben, multiethnische Staatlichkeit, Teilungen, Aufstände, Exil, Besatzung, Widerstand, Solidarność und europäische Integration. Sie ist erheblich größer als die Rolle eines Bollwerks gegen eine Religion.
Die polnisch-türkische Geschichte endet nicht 1683
Rund neunzig Jahre nach der Schlacht begann 1772 die Teilung der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Weitere Teilungen folgten 1793 und 1795. Russland, Preußen und die Habsburgermonarchie teilten das Staatsgebiet unter sich auf; Österreich war an der ersten und dritten Teilung beteiligt. Von 1795 bis 1918 bestand kein souveräner polnischer Staat – 123 Jahre lang.
Die Teilungsmächte waren christlich geprägt, gehörten aber unterschiedlichen Konfessionen und politischen Traditionen an. Auch das widerlegt jede Vorstellung, europäische Geschichte lasse sich dauerhaft als geschlossenes Christentum gegen einen geschlossenen Islam erzählen.
Das Osmanische Reich bot im 19. Jahrhundert mehreren polnischen Freiheitskämpfern, Emigranten und Intellektuellen Zuflucht und neue Handlungsmöglichkeiten. Józef Bem trat als Murad Pascha in osmanische Dienste. Michał Czajkowski, später Mehmed Sadık Pascha, wirkte als Schriftsteller, politischer Organisator und Mitbegründer von Adampol, dem heutigen Polonezköy bei Istanbul. Adam Mickiewicz kam 1855 nach Konstantinopel, wo er sich im Umfeld des Krimkrieges mit polnischen Kräften gegen Russland befasste und starb. Konstanty Borzęcki, später Mustafa Celaleddin Pascha, machte als Offizier, General und Autor im Osmanischen Reich Karriere.
Diese Biografien beweisen keine ewige Freundschaft und löschen keinen früheren Krieg aus. Sie zeigen jedoch, dass Geschichte nicht aus einer einzigen Schlacht besteht. Zwischen Polen und dem Osmanischen Reich gab es Krieg und Diplomatie, Gegnerschaft und Zuflucht, Distanz und menschliche Nähe.
Auch der „Mazurek Dąbrowskiego“, die polnische Nationalhymne, gehört in diesen Zusammenhang. Sie entstand 1797 nach dem Verlust der polnischen Staatlichkeit als Lied der Polnischen Legionen. „Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben“, lautet ihr berühmter Anfang auf Deutsch. Die Hymne richtet sich historisch nicht gegen Türken, Muslime oder den Islam. Sie ist das Freiheitslied eines Volkes, dessen Staat durch Russland, Preußen und Österreich zerschlagen worden war.
Die richtige Schlussfolgerung daraus ist nicht, alte Feindschaften gegen Türken durch neue Feindschaften gegen Russen, Deutsche oder Österreicher zu ersetzen. Sie lautet: Kein Volk darf an einem einzigen Datum festgebunden werden.
Wien als großes Museum des „Türkengedächtnisses“
Die Erinnerung an die Osmanen ist im Wiener Stadtbild ungewöhnlich dicht. Straßennamen, Kanonenkugeln, Hauszeichen, Kirchenbilder, Reliefs, Gedenktafeln, Denkmäler und Legenden erinnern an die Belagerungen von 1529 und 1683. Der Stadtraum wirkt an manchen Stellen wie ein weit verzweigtes Museum des „Türkengedächtnisses“ – allerdings eines, dessen Beschriftungen aus sehr unterschiedlichen Jahrhunderten stammen.
Diese Spuren gehören zur Geschichte Wiens. Sie sollen nicht beseitigt, sondern erklärt werden. Viele Darstellungen entstanden nicht unmittelbar 1683, sondern Jahrzehnte oder Jahrhunderte später. Sie erzählen daher ebenso viel über ihre eigene Entstehungszeit wie über das Ereignis, auf das sie verweisen.
Das Bild eines besiegten oder unter den Füßen eines Siegers liegenden „Türken“ konnte einst als Triumphzeichen gelesen werden. Im heutigen Wien leben jedoch Menschen, deren Familiengeschichten mit der Türkei, dem Balkan, dem Nahen Osten und islamisch geprägten Gesellschaften verbunden sind. Sie sind keine Fortsetzung des osmanischen Belagerungsheeres. Sie sind Wienerinnen und Wiener.
Eine demokratische Stadt muss ihre alten Denkmäler nicht zerstören. Sie darf sie aber auch nicht schweigen lassen. Historische Einordnung, gut sichtbare Erläuterungen und zusätzliche Perspektiven verwandeln ein überliefertes Siegeszeichen in einen Lernort.
Yunus Emre, die Kosaken und die Frage nach dem Maß
Im Türkenschanzpark steht seit 1991 der von der Republik Türkei gestiftete Yunus-Emre-Brunnen. Er wurde als Zeichen von Freundschaft und Verständigung errichtet. Zwölf Jahre später, am 15. September 2003, wurde dort ein Kosakendenkmal enthüllt: ein auf einem Stein sitzender, Pfeife rauchender Kosake, in dessen Nähe ein Pferd grast. Die friedliche Darstellung war kein Zufall. Nach der Dokumentation der ÖAW wurde sie bewusst gewählt, um die Bedenken des Magistrats gegenüber einem weiteren Denkmal auszuräumen, das den Sieg über die Türken feiert.
Die Initiative ging 1999 von der Österreichisch-Ukrainischen Gesellschaft aus. Ermöglicht wurde das Vorhaben durch die ukrainische Botschaft und die Währinger Bezirksvorstehung; die größten Spenden kamen von der UTA Telekom AG und der Ukrtelekom. Die Dokumentation der ÖAW bezeichnet das Denkmal zugleich als Identifikationssymbol der jungen ukrainischen Nation und als Zeichen ihrer Hinwendung zu Europa.
Gerade hier zeigt sich jedoch die Spannung zwischen versöhnlicher Form und politischer Deutung. Die ÖAW-Dokumentation hält fest, dass in der damaligen Begründung auch das Verdienst der Ukrainer um die „Rettung Europas vor dem Islam“ hervorgehoben werden sollte. Bereits im Vorfeld der Enthüllung verwies der Währinger Bezirksvorsteher Karl Homole im Kurier vom 11. September 2003 auf den türkischen Freundschaftsbrunnen im selben Park: Zum 320. Jahrestag seien dort beide Länder friedlich vereint. Die ÖAW-Dokumentation ordnet diesen Hinweis als Versuch ein, mögliche kritische Stimmen präventiv zu beruhigen. Form, Begründung und politische Rede erzählten also nicht ganz dieselbe Geschichte.
Bereits 1983 war laut ÖAW-Dokumentation an der Leopoldskirche eine Gedenktafel für die beim Entsatz gefallenen Kosaken angebracht worden. Am 23. April 2013 folgte auf dem Leopoldsberg ein weiteres Kosakendenkmal. Es war ein Geschenk der Stadt Kiew und wurde vom Wiener Bürgermeister Michael Häupl und dem damaligen Leiter der Kiewer Stadtverwaltung, Olexandr Popov, enthüllt. Die Wiener Rathauskorrespondenz bezeichnete Popov seinerzeit vereinfachend als „Kiewer Bürgermeister“.
Damit stellt sich eine legitime Frage: Warum wurde dieselbe historische Beteiligung durch eine Gedenktafel und zwei größere Denkmäler mehrfach verdichtet? Die militärische Mitwirkung der Kosaken soll weder bestritten noch herabgesetzt werden. Doch Anerkennung kann in nationale Überhöhung umschlagen, wenn ein komplexes Koalitionsgeschehen immer stärker auf eine einzige Heldengruppe zugespitzt wird.
Bereits am 19. März 2019 bzw. 2013 kritisierte die in Österreich erscheinende türkischsprachige Zeitung diese Denkmalhäufung unter der scharf formulierten Überschrift „Adeta tarihten düşmanlık fışkırtıyorlar!“ – sinngemäß: „Aus der Geschichte wird regelrecht Feindschaft hervorgeholt.“ Der damalige Text war polemisch. Seine Grundfrage bleibt dennoch bedenkenswert: Wie wirkt ein öffentliches Denkmal auf Menschen, deren Herkunft mit der darin dauerhaft besiegten Gegenseite verbunden wird?
Heute lässt sich diese Frage genauer und ruhiger formulieren: Nicht jedes Kosakendenkmal ist türkenfeindlich. Nicht jede Ehrung Sobieskis ist islamfeindlich. Entscheidend sind Gestaltung, Inschrift, historische Einordnung und der politische Gebrauch, der später von einem Denkmal gemacht wird.
Auch die Kosakengeschichte besteht nicht nur aus Freiheit, Tapferkeit und europäischer Zugehörigkeit. Sie enthält ebenso Gewalt, Raubzüge und schwere Verbrechen an jüdischen, polnischen, katholischen und unierten Zivilisten, besonders während einzelner Aufstände und Pogromwellen. Daraus darf keine kollektive oder vererbbare Schuld heutiger Ukrainerinnen und Ukrainer abgeleitet werden. Eine rein heroische Darstellung wäre dennoch ebenso einseitig wie die pauschale Dämonisierung der Osmanen.
Der gleiche Maßstab muss für alle gelten: historische Leistungen anerkennen, dunkle Kapitel nicht verschweigen und keine Gemeinschaft zum ewigen Helden oder ewigen Täter erklären.
Christliche Kosaken enthaupteten den Bruder Jan III. Sobieskis
Wie problematisch eine eindimensionale Heroisierung der Kosaken sein kann, zeigt ein kaum beachtetes Kapitel aus der unmittelbaren Familiengeschichte Jan III. Sobieskis. Diese Überschrift ist bewusst deutlich gewählt. Sie richtet sich weder gegen die Ukraine noch gegen die heutige ukrainische Bevölkerung. Sie erinnert vielmehr an eine historisch belegte Tatsache, die jenen zu denken geben sollte, die den Namen Jan III. Sobieski aus seinem geschichtlichen Zusammenhang lösen und ihn zu einem modernen Symbol des Kampfes der Christen gegen Türken, Muslime oder den Islam machen wollen.
Der ältere Bruder des späteren polnischen Königs, Marek Sobieski, geriet nach der Niederlage des polnisch-litauischen Heeres bei Batoh im Juni 1652 zunächst in tatarische Gefangenschaft. Nach Angaben des Museums des Palastes König Jan III. in Wilanów wurde er am 3. Juni 1652 gemeinsam mit zahlreichen polnischen Kriegsgefangenen auf Befehl des christlichen Kosakenhetmans Bohdan Chmelnyzkyj enthauptet. Eine weitere Veröffentlichung desselben Museums bezeichnet ihn ausdrücklich als „von Kosaken enthauptet“. Die von uns beigefügte historische Darstellung sowie die angegebenen Quellen dokumentieren und erläutern dieses Ereignis.
Die geschichtliche Konstellation ist aufschlussreich: Bei Batoh kämpften orthodoxe christliche Kosaken gemeinsam mit muslimischen Krimtataren gegen das überwiegend katholisch geprägte Heer der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Der christliche Bruder Sobieskis geriet in muslimisch-tatarische Gefangenschaft und wurde auf Befehl eines christlich-orthodoxen Kosakenführers getötet. Das Geschehen war Teil einer Massentötung polnischer Kriegsgefangener, die in polnischen Quellen auch als Vergeltung für die kosakisch-tatarische Niederlage bei Beresteczko von 1651 erklärt wird.
Gerade dieses Beispiel zeigt, warum der 12. September 1683 nicht nachträglich zu einem zeitlosen Krieg „des Christentums gegen den Islam“ umgedeutet werden darf. Die politischen und militärischen Bündnisse des 17. Jahrhunderts verliefen quer durch religiöse Grenzen. Christen kämpften gegen Christen, Muslime gegen Muslime; christliche und muslimische Mächte verbündeten sich miteinander, wenn ihre politischen Interessen dies verlangten. Auch Jan III. Sobieski kämpfte nicht nur gegen Tataren und Kosaken. Er verhandelte mit Tataren, führte zeitweise eine sogenannte kosakische Reiterfahne, hielt sich als Mitglied einer diplomatischen Gesandtschaft in Konstantinopel auf, lernte Türkisch und Tatarisch und kämpfte 1656 mit verbündeten tatarischen Truppen gegen die christlichen Schweden und Brandenburger.
Die Enthauptung Marek Sobieskis darf ebenso wenig zur heutigen Feindschaft gegen Ukrainer instrumentalisiert werden, wie der Wiener Sieg von 1683 zur Feindschaft gegen Türken und Muslime missbraucht werden darf. Historische Aufklärung bedeutet, beide Verkürzungen zurückzuweisen.
Wer Sobieski heute ausschließlich zum Bannerträger eines angeblich ewigen Kampfes zwischen Christentum und Islam macht, ehrt ihn nicht. Er nimmt ihm seine historische Wirklichkeit und verwandelt seinen Namen in ein politisches Werkzeug. Das Schicksal seines eigenen Bruders zeigt dagegen mit erschütternder Klarheit: Die Konflikte jener Zeit waren Macht-, Herrschafts- und Bündniskonflikte – keine geradlinige Fortsetzung eines bis heute andauernden Religionskrieges.
Diese Vorgeschichte richtet sich weder gegen die Ukraine noch gegen eine würdige Erinnerung an die Kosaken. Sie zeigt vielmehr, weshalb historische Akteure nicht zu makellosen Helden und ihre Gegner nicht zu ewigen Feinden erklärt werden dürfen
Jan Sobieski kam 1654 nicht als König, nicht als Oberbefehlshaber und auch nicht als erklärter Feind des Osmanischen Reiches nach Istanbul. Jan Sobieski war ein junger polnischer Adliger und Offizier, der den osmanischen Staat, die militärische Organisation, die gesellschaftlichen Verhältnisse und die politische Kultur aus unmittelbarer Nähe kennenlernen wollte. Spätere Lebensbeschreibungen schreiben Jan Sobieski auch Kenntnisse der türkischen Sprache zu. Wie weit diese Sprachkenntnisse reichten, lässt sich heute kaum zuverlässig bestimmen. Sicher belegt ist jedoch der Aufenthalt Jan Sobieskis in Istanbul im Gefolge der Gesandtschaft Mikołaj Bieganowskis.
Im Topkapı-Palast regierte damals der erst zwölfjährige Sultan Mehmed IV. Sultan Mehmed IV. war seit 1648 osmanischer Herrscher. Wegen des jungen Alters Sultan Mehmeds IV. besaß Turhan Hatice Sultan, die Mutter Sultan Mehmeds IV., großen Einfluss am Hof. Die Audienz der polnischen Gesandtschaft fand somit in einer Zeit statt, in der die politische Ordnung des Osmanischen Reiches von inneren Machtkämpfen, dynastischen Interessen und dem wachsenden Einfluss bedeutender Hof- und Wesirsfamilien geprägt war.
Zur gleichen Zeit stand der etwa zwanzigjährige Kara Mustafa noch am Anfang der politischen Laufbahn. Kara Mustafa war im Haushalt der Familie Köprülü aufgewachsen und gehörte zum Umfeld Köprülü Mehmed Paschas. Kara Mustafa war 1654 noch nicht Großwesir, noch nicht Oberbefehlshaber und noch nicht der Mann, dessen Name später untrennbar mit der Belagerung Wiens verbunden werden sollte.
Für eine persönliche Begegnung zwischen Jan Sobieski, Sultan Mehmed IV. und Kara Mustafa im Jahr 1654 gibt es keinen belastbaren historischen Beleg. Auch die spätere Erzählung, osmanische Würdenträger hätten Jan Sobieski während einer Audienz erkannt und in Jan Sobieski bereits den künftigen großen Gegner des Osmanischen Reiches gesehen, gehört in den Bereich der nachträglich entstandenen Legenden. Die historisch gesicherte Nähe der drei Lebenswege ist dennoch bemerkenswert: Jan Sobieski hielt sich 1654 in Istanbul auf, Sultan Mehmed IV. saß auf dem osmanischen Thron und Kara Mustafa begann im Machtkreis der Familie Köprülü die politische Laufbahn.
Neunundzwanzig Jahre später hatten sich die Rollen grundlegend verändert.
Jan Sobieski sprach neben seiner Muttersprache Polnisch auch Latein, Französisch, Deutsch und Italienisch und verfügte zudem über praktisch nutzbare Kenntnisse in Türkisch und Tatarisch. Die tatarische Sprache ist bekanntlich eine Turksprache. „Tatarisch“ bezeichnet in diesem Zusammenhang vor allem das im Umfeld des Krim-Khanats verwendete Krimtatarische und nicht ohne Weiteres das heutige Standardtatarische der Republik Tatarstan. Sowohl Krimtatarisch als auch Tatarisch gehören zur Familie der Turksprachen, bilden jedoch unterschiedliche sprachliche Ausprägungen. Auch die seit dem späten Mittelalter in Polen und Litauen lebenden Lipka-Tataren sind eine muslimische Gemeinschaft turkischer Herkunft. Viele Lipka-Tataren übernahmen im Laufe der Jahrhunderte Polnisch, Ruthenisch beziehungsweise Belarussisch und Litauisch als Alltagssprachen, bewahrten jedoch ihre islamische Religion und ihre tatarische Identität. Jan Sobieskis Kontakte zur tatarisch-muslimischen Welt waren deshalb nicht nur Kontakte zu einem fernen Gegner, sondern auch Teil der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit der polnisch-litauischen Adelsrepublik.“
Die Beschäftigung Jan Sobieskis mit der türkischen und der türkisch-tatarischen Sprache begann wahrscheinlich nicht erst in Istanbul. Jan Sobieski war bereits während der Feldzüge von 1648 bis 1653 wiederholt mit Truppen des Krim-Khanats in Berührung gekommen. Im Jahr 1653 nahm Jan Sobieski am Feldzug von Żwaniec teil und befand sich während der Friedensverhandlungen unter den polnischen Geiseln, die dem Krim-Khan İslâm III. Giray vorübergehend übergeben wurden.
Die Beziehungen zur Krim, die militärischen Begegnungen mit tatarischen Verbänden und die notwendigen Verhandlungen mit Vertretern des Krim-Khanats machten Kenntnisse des Türkischen und des Tatarischen für einen polnischen Offizier von unmittelbarem praktischem Wert. Nach der polnischen biografischen Überlieferung verfügte Jan Sobieski deshalb bereits vor der Reise nach Istanbul über erste sprachliche Grundlagen, die Jan Sobieski zur Verständigung mit Tataren und osmanischen Gesprächspartnern nutzen konnte.
Während des Aufenthalts in Istanbul vom 29. März bis zum 21. Mai 1654 vertiefte Jan Sobieski diese Kenntnisse. Jan Sobieski lernte nicht nur weitere Elemente des Türkischen und des Tatarischen kennen, sondern beobachtete auch die osmanische Hofkultur, die diplomatischen Umgangsformen und die militärische Organisation des Reiches. Eine fließende Beherrschung beider Sprachen lässt sich aus den erhaltenen Quellen nicht sicher ableiten. Die Quellen und die biografische Überlieferung sprechen jedoch dafür, dass Jan Sobieski über praktisch nutzbare Kenntnisse verfügte und diese Kenntnisse während der Istanbuler Mission erweiterte
Jan Sobieski war nach dem Sieg bei Chotyn und der Königswahl von 1674 zum polnischen König Jan III. Sobieski geworden. Jan III. Sobieski verfügte über jahrzehntelange militärische Erfahrung im Kampf gegen Kosaken, Tataren, Schweden, Moskauer Truppen und Osmanen. Jan III. Sobieski kannte die militärischen Verhältnisse im östlichen und südöstlichen Europa nicht nur aus Büchern, sondern aus Feldzügen, Niederlagen, Verwundungen, Bündnissen und diplomatischen Begegnungen.
Kara Mustafa Paşa war 1676 zum Großwesir Sultan Mehmeds IV. aufgestiegen. Kara Mustafa Paşa vereinigte damit politische Regierungsgewalt und militärische Kommandogewalt. Kara Mustafa Paşa war kein bloßer Verwalter, sondern der wichtigste politische Entscheidungsträger unterhalb des Sultans und später der Oberbefehlshaber des Feldzuges von 1683.
Sultan Mehmed IV. war 1683 kein Kind mehr, sondern ein seit 35 Jahren regierender Sultan. Sultan Mehmed IV. übertrug Kara Mustafa Paşa den Oberbefehl über das osmanische Heer. Der von Sultan Mehmed IV. gebilligte Operationsrahmen richtete sich nach der zeitgenössischen osmanischen Überlieferung zunächst auf Yanıkkale, also Raab beziehungsweise Győr, und auf Komorn, also Komárom. Beide Festungen besaßen für die Kontrolle des habsburgisch-osmanischen Grenzraums große strategische Bedeutung.
Am 27. Juni 1683 trat in Stuhlweißenburg, dem heutigen Székesfehérvár und osmanischen İstolni Belgrad, der entscheidende Kriegsrat zusammen. Sultan Mehmed IV. nahm an diesem Kriegsrat nicht persönlich teil. Kara Mustafa Paşa legte den anwesenden Befehlshabern den Plan vor, nicht bei Yanıkkale und Komorn stehen zu bleiben, sondern unmittelbar gegen Wien zu ziehen.
Der Krim-Khan Murad Giray sprach sich gegen den sofortigen Vormarsch auf Wien aus. Auch der Beylerbeyi von Ofen, Uzun İbrahim Paşa, warnte vor der Ausweitung des Feldzuges. Murad Giray und Uzun İbrahim Paşa verwiesen auf die Risiken der langen Nachschubwege, die Stärke der habsburgischen Verteidigung und die Möglichkeit einer großen europäischen Entsatzkoalition. Murad Giray und Uzun İbrahim Paşa empfahlen, zunächst Yanıkkale und Komorn zu erobern und einen Angriff auf Wien gegebenenfalls auf einen späteren Feldzug zu verschieben.
Kara Mustafa Paşa setzte sich im Kriegsrat von Stuhlweißenburg dennoch durch. Mit der Entscheidung Kara Mustafa Paşas wurde aus einem Feldzug gegen strategische Grenzfestungen ein unmittelbarer Angriff auf die habsburgische Residenzstadt. Wien wurde nun zum konkreten Ziel.
An diesem 27. Juni 1683 verbanden sich die drei Lebenswege von 1654 endgültig zu einem gemeinsamen historischen Drama: Sultan Mehmed IV. war der osmanische Herrscher, unter dessen Autorität der Feldzug geführt wurde. Kara Mustafa Paşa war der Großwesir und Oberbefehlshaber, der den Marsch auf Wien durchsetzte. Jan III. Sobieski war der polnische König, der wenige Wochen später an die Spitze des Entsatzheeres treten sollte.
Am 14. Juli 1683 begann Kara Mustafa Paşa mit der Belagerung Wiens. Der Wiener Stadtkommandant Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg organisierte fast zwei Monate lang den militärischen Widerstand innerhalb der schwer beschädigten Befestigungen. Der kaiserliche Feldherr Karl V. von Lothringen sicherte die militärischen Bewegungen außerhalb Wiens und bereitete gemeinsam mit den verbündeten Kräften den Entsatz vor.
Anfang September 1683 führte Jan III. Sobieski die polnischen Truppen über die Donau. Jan III. Sobieski vereinigte die polnischen Verbände mit den kaiserlichen, bayerischen, sächsischen und weiteren Reichstruppen. Am 12. September 1683 griff das Entsatzheer die osmanischen Stellungen an.. Jan III. Sobieski übernahm als ranghöchster Herrscher den Oberbefehl über die verbündeten Kräfte. Karl V. von Lothringen, die deutschen Reichsfürsten und die polnischen Heerführer trugen gemeinsam zum militärischen Erfolg bei.
Am Abend des 12. September brach die osmanische Stellung zusammen. Kara Mustafa Paşa musste das Lager vor Wien aufgeben. Jan III. Sobieski betrat nach der Schlacht das verlassene Hauptquartier Kara Mustafa Paşas. Zwei Männer, die sich 1654 möglicherweise in derselben Welt, aber nachweislich nicht persönlich begegnet waren, standen 1683 auf entgegengesetzten Seiten eines europäischen Machtkonflikts.
Kara Mustafa Paşa zog sich über Ungarn nach Belgrad zurück. Sultan Mehmed IV. ließ Kara Mustafa Paşa am 25. Dezember 1683 in Belgrad hinrichten. Jan III. Sobieski kehrte als Sieger von Wien in die europäische Erinnerung ein. Sultan Mehmed IV. verlor vier Jahre später, 1687, den osmanischen Thron.
Die Geschichte besitzt damit eine beinahe tragische Dramaturgie: Jan Sobieski, der 1654 als junger polnischer Reisender und Offizier Istanbul kennenlernen wollte, führte 1683 das Entsatzheer vor Wien. Kara Mustafa, der 1654 noch am Anfang der politischen Laufbahn im Köprülü-Haushalt stand, entschied sich 1683 für den Marsch auf die habsburgische Hauptstadt und bezahlte die Niederlage mit dem Leben. Sultan Mehmed IV., der 1654 als zwölfjähriger Herrscher im Topkapı-Palast lebte, übertrug Kara Mustafa Paşa 1683 den Oberbefehl und ordnete nach der Niederlage die Hinrichtung Kara Mustafa Paşas an.
Diese Entwicklung darf dennoch nicht als vorherbestimmte Begegnung dreier religiöser Todfeinde erzählt werden. Jan III. Sobieski, Kara Mustafa Paşa und Sultan Mehmed IV. handelten innerhalb wechselnder Bündnisse, dynastischer Interessen, territorialer Konflikte und persönlicher Entscheidungen. Zwischen 1654 und 1683 lagen nicht nur 29 Jahre, sondern auch diplomatische Annäherungen, polnisch-osmanische Kriege, polnisch-tatarische Bündnisse, Kämpfe gegen Kosaken und Moskau sowie zahlreiche Veränderungen des europäischen Mächtegleichgewichts.
Die Geschichte führte Jan III. Sobieski, Kara Mustafa Paşa und Sultan Mehmed IV. nicht als ewige Vertreter zweier unveränderlicher Religionsblöcke zusammen. Die Geschichte führte Jan III. Sobieski, Kara Mustafa Paşa und Sultan Mehmed IV. als drei politische Akteure einer widersprüchlichen Epoche zusammen. Gerade diese Widersprüche machen die Ereignisse verständlicher – und menschlich dramatischer als jede nachträglich geschaffene Legende vom ewigen Kampf zwischen Christentum und Islam.
Jan Sobieskis Teilnahme an der Mission Mikołaj Bieganowskis und der Aufenthalt in Istanbul werden vom Museum des König-Jan-III.-Palastes in Wilanów ausdrücklich bestätigt; das Museum bezeichnet die angebliche frühe „Erkennung“ Sobieskis als später entstandene Legende. Der Kriegsrat vom 27. Juni 1683 und die vorherige Ausrichtung auf Yanıkkale und Komorn sind in den bereits genannten zeitgenössischen und wissenschaftlichen Quellen dokumentiert.
Polnische Patrioten, Wissenschaftler, Schriftsteller und Kommandeure mit tatarischen und turksprachigen Wurzeln
Wer über die Geschichte Polens und Litauens spricht, darf die Menschen tatarischer und anderer turksprachiger Herkunft nicht lediglich als historische Minderheit am Rand betrachten. Seit dem späten 14. Jahrhundert waren insbesondere die Lipka-Tataren Teil des Großfürstentums Litauen und später der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Sie dienten in der Armee, verteidigten das Land, beteiligten sich an Aufständen gegen die Teilungsmächte und wirkten später in Wissenschaft, Recht, Literatur und Kunst.
Dabei empfiehlt sich die Formulierung „tatarischer beziehungsweise turksprachiger Herkunft“. Der Ausdruck „türkischstämmig“ könnte fälschlich eine unmittelbare Herkunft aus der heutigen Republik Türkei vermuten lassen. Lipka-Tataren gehören historisch zur turksprachigen Welt, übernahmen jedoch im Laufe der Jahrhunderte überwiegend das Polnische, Litauische oder Belarussische. Ihre sunnitisch-muslimische Religion und Teile ihres kulturellen Gedächtnisses blieben dennoch erhalten.
Samuel Murza Krzeczowski – ein Tatar im Dienste Sobieskis
Samuel Murza Krzeczowski war ein tatarischer Rittmeister im Heer der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Nach der Überlieferung rettete er Jan III. Sobieski während der Schlacht bei Párkány 1683 das Leben. Bereits 1679 hatte Sobieski Krzeczowski und seinen Soldaten Land in Kruszyniany übertragen. Der Ort ist bis heute eines der wichtigsten Zentren des muslimisch-tatarischen Lebens in Polen. Die persönliche Verbindung zwischen Sobieski und Krzeczowski zeigt, dass muslimische Tataren nicht außerhalb der polnischen Geschichte standen, sondern in der Armee des Königs dienten und an ihrer Gestaltung beteiligt waren. Die Erzählung von der Lebensrettung Sobieskis ist allerdings als historische Überlieferung und nicht als zweifelsfrei belegte Tatsache zu kennzeichnen. wilanow-palac.pl
Józef Bielak – muslimischer General der polnisch-litauischen Armee
Józef Bielak (1741–1794) zählt zu den bedeutendsten Offizieren tatarischer Herkunft in der Geschichte Polen-Litauens. Er kämpfte in der Konföderation von Bar, im Polnisch-Russischen Krieg von 1792 zur Verteidigung der Verfassung vom 3. Mai und schließlich im Kościuszko-Aufstand. Bielak stieg zum Generalmajor der Armee des Großfürstentums Litauen auf und wurde mit dem Orden Virtuti Militari ausgezeichnet. Seine Laufbahn widerlegt jede Vorstellung, muslimische Identität und polnisch-litauischer Patriotismus hätten einander ausgeschlossen. slownik-biograficzny.uws.edu.pl
Jakub Azulewicz – gefallen bei der Verteidigung von Vilnius
Jakub Azulewicz (18. Jahrhundert–1794) war Oberst und Kommandeur eines tatarisch geprägten Vorhutregiments der litauischen Armee. Er schloss sich dem Kościuszko-Aufstand an und fiel 1794 im Kampf um Vilnius. Azulewicz steht beispielhaft für jene Tataren, die Polen-Litauen nicht als fremdes Herrschaftsgebiet, sondern als ihr eigenes Vaterland verteidigten. www.lituanistika.lt
Mustafa Achmatowicz – Tatar im Kościuszko-Aufstand
Auch Mustafa Achmatowicz gehörte zu den tatarischen Offizieren des Kościuszko-Aufstandes. Er führte Kavallerieverbände und kämpfte unter anderem bei Krupczyce, Maciejowice sowie während der Verteidigung des Warschauer Stadtteils Praga. Sein Name erinnert daran, dass Soldaten mit muslimischen Namen und tatarischer Herkunft in den entscheidenden Kämpfen um die polnische Unabhängigkeit standen.
Aleksander Sulkiewicz – Sozialist, Patriot und polnischer Legionär
Aleksander Sulkiewicz (1867–1916) stammte aus einer litauisch-tatarischen Familie. Er gehörte zu den frühen Organisatoren der Polnischen Sozialistischen Partei und war ein enger politischer Weggefährte Józef Piłsudskis. Sulkiewicz stellte seine organisatorischen Fähigkeiten in den Dienst der polnischen Unabhängigkeitsbewegung und fiel 1916 als Soldat der Polnischen Legionen am Stochód. In seiner Biografie verbanden sich tatarische Herkunft, sozialistisches Engagement und polnischer Patriotismus, ohne einander zu widersprechen. www.ipsb.nina.gov.pl
Maciej Sulkiewicz – zwischen Litauen, der Krim und Aserbaidschan
Maciej Sulkiewicz, auch Süleyman Sulkiewicz genannt (1865–1920), war ein General tatarischer Herkunft. Nach seiner Laufbahn in der Armee des Russischen Reiches leitete er 1918 die Regionalregierung der Krim. Später wurde er Generalstabschef der Armee der Demokratischen Republik Aserbaidschan. 1920 wurde er von den Bolschewiki hingerichtet. Sein Lebensweg verbindet die Geschichte der litauischen Tataren mit den nationalen Bewegungen auf der Krim und im Kaukasus. www.ipsb.nina.gov.pl
Aleksander Jeljaszewicz – Kommandeur der Tatarenschwadron
Aleksander Jeljaszewicz (1902–1978) war Major der polnischen Armee. In den letzten Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg führte er die Erste Tatarenschwadron des 13. Wilnaer Ulanenregiments. Die Einheit knüpfte bewusst an die jahrhundertealte militärische Tradition der Lipka-Tataren an. Sie war zugleich ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich tatarisches Erbe und Loyalität gegenüber dem polnischen Staat miteinander verbanden.
Osman Achmatowicz – ein großer Name der polnischen Chemie
Osman Achmatowicz (1899–1988) war ein bedeutender polnischer Chemiker tatarischer Herkunft. Er forschte insbesondere über Alkaloide und organische Naturstoffe, gehörte der Polnischen Akademie der Wissenschaften an und leitete von 1948 bis 1952 als Rektor die Technische Universität Łódź. Seine wissenschaftliche Laufbahn führte ihn außerdem in leitende Funktionen der polnischen Hochschul- und Forschungslandschaft. Er gehört nicht nur zur Geschichte der Tataren, sondern zur Wissenschaftsgeschichte Polens insgesamt. p.lodz.pl
Osman Achmatowicz junior – Namensgeber einer chemischen Reaktion
Auch sein Sohn Osman Achmatowicz junior wurde Chemiker. Die von ihm 1971 beschriebene Umwandlung bestimmter Furanverbindungen ging als Achmatowicz-Reaktion in die internationale organische Chemie ein. Damit trägt ein wissenschaftliches Verfahren von weltweiter Bedeutung bis heute den Namen einer polnisch-tatarischen Gelehrtenfamilie. en.chem-station.com
Jakub Szynkiewicz – Orientalist und erster Mufti Polens
Jakub Szynkiewicz (1884–1966) war Orientalist, Islamwissenschaftler und einer der wichtigsten religiösen Repräsentanten der polnisch-litauischen Tataren. Im Jahr 1925 wurde er zum ersten Mufti der neu gegründeten muslimischen Religionsgemeinschaft in der Zweiten Polnischen Republik gewählt. Er war am Wiederaufbau der muslimischen Institutionen beteiligt und vertrat die polnischen Muslime gegenüber staatlichen Stellen und im Ausland. Seine Tätigkeit während der deutschen Besatzungszeit bedarf einer eigenständigen kritischen Betrachtung; diese Kontroversen ändern jedoch nichts an seiner Bedeutung für die institutionelle Geschichte des Islam in Polen. dergipark.org.tr
Leon Najman-Mirza Kryczyński – Jurist, Historiker und Bewahrer des Tatarenerbes
Leon Najman-Mirza Kryczyński (1887–1939) war Jurist, Historiker, Journalist und einer der bedeutendsten Organisatoren des tatarischen Kulturlebens in der Zwischenkriegszeit. Er war maßgeblich an der Herausgabe des Rocznik Tatarski beteiligt, sammelte historische Dokumente und setzte sich dafür ein, die Geschichte der polnisch-litauischen Tataren als Bestandteil der Landesgeschichte sichtbar zu machen. Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde er im Rahmen der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen in Pommerellen ermordet. bibliotekatatarska.pl
Stanisław Kryczyński – Grundlagenwerk über die litauischen Tataren
Stanisław Kryczyński (1911–1941) war Historiker und Orientalist. Mit seiner 1938 erschienenen Untersuchung Tatarzy litewscy. Próba monografii historyczno-etnograficznej schuf er eines der grundlegenden Werke über Geschichte, Religion und Alltagsleben der litauischen Tataren. Seine wissenschaftliche Arbeit blieb trotz seines frühen Todes eine wichtige Grundlage der späteren Tataristik. www.vle.lt
Henryk Sienkiewicz – Polens Nobelpreisträger mit Lipka-tatarischen Familienwurzeln
Henryk Sienkiewicz (1846–1916), Literaturnobelpreisträger des Jahres 1905 und Verfasser von Quo Vadis, stammte aus einer verarmten polnischen Adelsfamilie, die das Wappen Oszyk führte. Nach der in der Sienkiewicz-Biografik verbreiteten Darstellung ging seine väterliche Linie auf litauische Tataren zurück, die sich im Großfürstentum Litauen niedergelassen hatten; sein Urgroßvater Michał soll im 18. Jahrhundert zum Christentum übergetreten sein. Die genaue genealogische Einordnung wird in der Forschung allerdings nicht einhellig beurteilt. Bemerkenswert bleibt, dass gerade Sienkiewicz, der in seiner Trilogie Tataren und Osmanen vielfach als Gegner zeichnete, zum Schöpfer eines polnischen Nationalepos wurde und in seiner frühen Erzählung Hania mit der Figur des Selim Mirza einem polnischen Tataren ein einfühlsames Porträt widmete. Seine Biografie zeigt, wie selbstverständlich Familien tatarischer Herkunft zu Trägern der polnischen Kultur und Nationalidee werden konnten.
Bruno Abakanowicz – Mathematiker, Erfinder und Ingenieur
Bruno Abdank-Abakanowicz (1852–1900) war Mathematiker, Elektroingenieur und Erfinder. Bekannt wurde er insbesondere durch den von ihm entwickelten Integraphen, ein mechanisches Gerät zur grafischen Lösung mathematischer Aufgaben. Seine Familie besaß entfernte Lipka-tatarische Wurzeln. Abakanowicz steht für den Beitrag tatarischstämmiger Familien zur technischen und wissenschaftlichen Modernisierung Polens.
Magdalena Abakanowicz – eine Weltkünstlerin mit tatarischen Familienwurzeln
Magdalena Abakanowicz (1930–2017) gehörte zu den international bedeutendsten polnischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Mit ihren monumentalen Textil- und Figurengruppen, den sogenannten Abakans, entwickelte sie eine unverwechselbare künstlerische Sprache. Sie entstammte einer polnischen Adelsfamilie mit tatarischen Wurzeln. Ihre Kunst ist kein Ausdruck einer besonderen tatarischen Religionszugehörigkeit; ihre Herkunft zeigt vielmehr, wie weit tatarische Familiengeschichten in die polnische Kultur hineinreichen.
Selim Chazbijewicz – Dichter, Wissenschaftler und Diplomat
Selim Chazbijewicz ist Dichter, Politikwissenschaftler, Historiker und Diplomat tatarischer Herkunft. In seinen Gedichten und wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt er sich mit Identität, Erinnerung und dem kulturellen Erbe der polnischen Tataren. Später vertrat er Polen als Botschafter in Kasachstan. Seine Biografie zeigt, dass die tatarische Tradition auch im modernen Polen nicht bloß museales Erbe, sondern ein lebendiger Teil des kulturellen und diplomatischen Lebens ist.
Musa Czachorowski – Stimme der zeitgenössischen tatarischen Literatur
Musa Czachorowski ist Dichter, Übersetzer, Journalist und Herausgeber. Er gehört zu den wichtigsten literarischen Stimmen der heutigen polnisch-tatarischen Gemeinschaft. Seine Veröffentlichungen verbinden islamische, tatarische und polnische Erfahrung, ohne daraus einander ausschließende Identitäten zu konstruieren.
Ananiasz Zajączkowski – ein Karaim als Begründer der polnischen Turkologie
Ananiasz Zajączkowski (1903–1970) war kein muslimischer Lipka-Tatar, sondern gehörte der karaimischen Gemeinschaft an. Die Karaimen sind eine historisch turksprachige Gemeinschaft, die der karäischen Richtung des Judentums folgt. Zajączkowski war einer der bedeutendsten polnischen Turkologen und Orientalisten des 20. Jahrhunderts. Er begründete 1932 die Turkologie an der Universität Warschau und forschte über türkische Sprachen, Literatur und die Kultur der Karaimen. Seine wissenschaftliche Lebensleistung gehört sowohl zur polnischen Wissenschaftsgeschichte als auch zum kulturellen Erbe der turksprachigen Juden Polen-Litauens.
Adam Mickiewicz – eine offene Frage der Herkunft
Bei Adam Mickiewicz (1798–1855) wird ebenfalls über mögliche Lipka-tatarische Wurzeln auf der mütterlichen Seite diskutiert. Diese Annahme ist jedoch nicht so eindeutig dokumentiert wie die väterliche Herkunft Henryk Sienkiewicz’. Sie sollte deshalb als Forschungsmeinung und nicht als gesicherte genealogische Tatsache dargestellt werden. Unabhängig davon wuchs Mickiewicz in der vielsprachigen und multireligiösen Welt des ehemaligen Großfürstentums Litauen auf, zu der Tataren und Karaimen seit Jahrhunderten gehörten.
Keine fremde Minderheit, sondern Mitgestalter der Geschichte
Diese Lebenswege zeigen, dass tatarische und turksprachige Herkunft in Polen und Litauen keine Gegenidentität begründete. Die genannten Persönlichkeiten waren loyale Verteidiger, Unabhängigkeitskämpfer, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler ihrer Länder. Einige blieben Muslime, andere wurden Christen; die Karaimen folgten ihrer eigenen jüdischen Glaubenstradition. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre Herkunft ihre Zugehörigkeit zu Polen oder Litauen nicht aufhob.
Sie waren nicht trotz ihrer Wurzeln polnische oder litauische Patrioten. Sie waren mit ihren Wurzeln polnische und litauische Patrioten. Die Geschichte der Lipka-Tataren und Karaimen steht deshalb nicht neben der Geschichte Polen-Litauens. Sie ist ein Teil von ihr.
Die Geschichte der Verbindungen zwischen Polen, Ungarn und dem Osmanischen Reich erschöpft sich jedoch nicht in den Biografien tatarischer oder turksprachiger Persönlichkeiten. Es gab auch Menschen anderer Herkunft, deren Lebenswege nationale, staatliche und religiöse Grenzen überschritten. Einer der eindrucksvollsten unter ihnen war der polnische General und ungarische Freiheitsheld Józef Bem, der im Osmanischen Reich den Namen Murad Pascha annahm und als Muslim starb.
Nationalheld Polens und Ungarns: Józef Bem – Murad Pascha
Polen, Ungarn und das Osmanische Reich in einem Leben
Ein Leben, das Polen, Ungarn und das Osmanische Reich auf außergewöhnliche Weise miteinander verband: Józef Bem, Nationalheld Polens und Ungarns, suchte nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution von 1848/49 Zuflucht im Osmanischen Reich. Er trat zum Islam über, nahm den Namen Murad Pascha an und wurde als erfahrener General, Artilleriespezialist und Ingenieur in die osmanische Armee aufgenommen.

Józef-Bem-Denkmal in Budapest –
Damit begann ein besonderes Kapitel europäisch-osmanischer Geschichte. Bem hatte für die Wiederherstellung Polens gekämpft, die ungarische Revolution verteidigt und hoffte auch im osmanischen Dienst auf eine neue Möglichkeit, der polnischen Freiheit zu dienen. Seine Biografie verbindet drei historische Erinnerungsräume, ohne dass einer den anderen verdrängt: Polen verehrt in ihm einen Unabhängigkeitskämpfer, Ungarn den legendären „Vater Bem“ und die osmanische Geschichte kennt ihn als Murad Pascha.

Józef-Bem-Denkmal im Warschauer Stadtbezirk Bemowo
Sein Leben steht für militärischen Mut und die Treue zu einer Freiheitsidee, die nationale und religiöse Grenzen überschritt. Józef Bem wurde durch seinen Dienst für Ungarn nicht weniger polnisch und durch seinen Übertritt zum Islam nicht weniger zu einem Helden Polens und Ungarns. Als Murad Pascha fügte er seinem Leben ein osmanisches Kapitel hinzu – er löschte die vorhergehenden Kapitel nicht aus.
Józef Zachariasz Bem (1794–1850) wurde weder als Türke noch als Muslim geboren. Er war ein polnischer Artillerieoffizier, Ingenieur und Unabhängigkeitskämpfer, dessen Lebensweg ihn nacheinander in den Dienst der polnischen, ungarischen und osmanischen Geschichte führte. Gerade deshalb eignet sich seine Biografie nicht für eine nachträgliche nationale Vereinnahmung. Sie zeigt vielmehr, dass politische Überzeugungen, religiöse Zugehörigkeit und staatlicher Dienst in der Geschichte weit komplizierter waren, als es heutige Freund-Feind-Erzählungen vermuten lassen.
Für die Wiederherstellung Polens
Bem wurde in Tarnów geboren, das seit der ersten Teilung Polens von 1772 zur Habsburgermonarchie gehörte. Bereits als junger Offizier nahm er auf napoleonischer Seite am Russlandfeldzug und 1813 an der Verteidigung Danzigs teil. Seine Hoffnung war mit jener vieler polnischer Patrioten verbunden, durch die militärische Niederlage der Teilungsmächte die Wiederherstellung eines unabhängigen polnischen Staates zu ermöglichen.
Während des polnischen Novemberaufstandes von 1830/31 gegen die russische Herrschaft zeichnete sich Bem besonders als Artilleriekommandeur aus. Bei Ostrołęka gelang es seinen Batterien, den russischen Vormarsch zeitweise aufzuhalten und größere Teile der polnischen Armee vor der Vernichtung zu bewahren. Dafür erhielt er den Orden Virtuti Militari und wurde zum General befördert.
Nach der Niederschlagung des Aufstandes ging Bem ins Exil. In Frankreich beteiligte er sich an den politischen und organisatorischen Bemühungen der sogenannten Großen Emigration. Er versuchte, polnische Emigranten zusammenzuführen und militärische Strukturen für einen zukünftigen Kampf um die staatliche Wiedergeburt Polens vorzubereiten. Auch als Ingenieur, Militärtheoretiker und Verfasser politischer Schriften verlor er dieses Ziel nicht aus den Augen.
Ein Pole wird zum Helden der ungarischen Revolution
Als 1848 in Europa revolutionäre Bewegungen ausbrachen, beteiligte sich Bem zunächst an der Verteidigung des revolutionären Wien. Nach der Niederschlagung des Wiener Oktoberaufstandes ging er nach Ungarn. Dort übernahm er im Auftrag der ungarischen Revolutionsregierung den Oberbefehl in Siebenbürgen.
Bem führte keine polnische Nationalarmee, sondern ein vielgestaltiges Heer, in dem unter anderem Ungarn, Szekler, Polen und Angehörige anderer Bevölkerungsgruppen kämpften. Durch seine Beweglichkeit, seine Artilleriekenntnisse und seine persönliche Tapferkeit errang er mehrere militärische Erfolge. Die ungarischen Soldaten nannten ihn mit großer Zuneigung „Bem apó“ – „Vater Bem“.
Er kämpfte für die ungarische Freiheit, ohne deshalb aufzuhören, polnischer Patriot zu sein. Für Bem standen der polnische und der ungarische Kampf nicht gegeneinander. Er betrachtete sie als Teile eines umfassenderen Ringens gegen die Herrschaft jener Mächte, die nationale Freiheitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa unterdrückten. In Polen und Ungarn wird er deshalb bis heute als Nationalheld geehrt. www.hungarianconservative.com
Zuflucht im Osmanischen Reich
Nach der militärischen Niederlage der ungarischen Revolution im August 1849 überschritt Bem mit anderen polnischen und ungarischen Flüchtlingen die Grenze zum Osmanischen Reich. Österreich und Russland verlangten die Auslieferung führender Emigranten. Die osmanische Regierung widersetzte sich jedoch diesem Druck und lieferte Bem und zahlreiche weitere Flüchtlinge nicht aus.
Diese Entscheidung gehört zu den wichtigen Kapiteln der polnisch-ungarisch-osmanischen Beziehungsgeschichte. Das Osmanische Reich wurde für viele Emigranten nicht lediglich zu einem geografischen Fluchtpunkt, sondern zu einem politischen Schutzraum gegenüber Russland und der Habsburgermonarchie.
Bem trat zum Islam über und nahm den Namen Murad an. In den Quellen finden sich die Namensformen Murad Pascha, Amurat Pascha und teilweise Murad Tevfik Pascha. Sein Religionswechsel hatte vermutlich mehrere Dimensionen. Er ermöglichte ihm den Eintritt in die osmanische Armee und verbesserte seine Stellung gegenüber den Auslieferungsforderungen Russlands und Österreichs. Ob daneben eine tiefe persönliche religiöse Überzeugung ausschlaggebend war, lässt sich aus den verfügbaren Quellen nicht abschließend bestimmen.
Es wäre daher ebenso unangemessen, seine Konversion als bloße taktische Täuschung abzuwerten, wie sie ohne hinreichende Belege zu einer rein spirituellen Bekehrungsgeschichte zu verklären. Fest steht: Bem nahm den Islam an, trat unter seinem neuen Namen in den osmanischen Dienst und starb als Murad Pascha und Muslim.
Warum machte ihn das Osmanische Reich zum Pascha?
Das Osmanische Reich erhob Bem nicht allein aus Gastfreundschaft in einen hohen Rang. Es verfügte in ihm über einen international erfahrenen Artillerieoffizier, Ingenieur, Militärtheoretiker und General, der gegen russische und habsburgische Armeen gekämpft hatte. Seine militärischen Kenntnisse besaßen für Istanbul einen konkreten strategischen Wert.
Bem versuchte, seine Erfahrungen zur Modernisierung der osmanischen Streitkräfte einzusetzen. Er beschäftigte sich mit der Verbesserung der Artillerie, mit technischen Anlagen, der Gewinnung von Salpeter und Eisenerz sowie mit wirtschaftlichen und infrastrukturellen Projekten. Quellen erwähnen außerdem Überlegungen zur Regulierung von Euphrat und Tigris. Der Titel Pascha und der ihm eingeräumte militärische Rang waren somit nicht lediglich symbolische Ehrenbezeugungen, sondern Ausdruck des Nutzens, den sich die osmanische Führung von seinem Wissen und seiner Erfahrung versprach.
Anstelle der emotionalen Formulierung, das Osmanische Reich habe Bem „besonders geliebt“, lässt sich historisch genauer sagen: Die osmanische Führung gewährte ihm Schutz, verweigerte seine Auslieferung, erkannte seine militärischen Fähigkeiten an, verlieh ihm einen hohen Rang und nahm ihn in den Dienst des Reiches auf. Diese Tatsachen sprechen deutlicher als jede nachträgliche Verklärung.
Auch als Murad Pascha vergaß er Polen nicht
Bem betrachtete seinen Eintritt in die osmanische Armee offenbar nicht als Abschied von der polnischen Sache. Er hoffte vielmehr darauf, dass ein zukünftiger Krieg zwischen dem Osmanischen Reich und Russland erneut die Möglichkeit eröffnen könnte, polnische Verbände aufzustellen und gegen die russische Teilungsmacht einzusetzen. Sein Ziel war die Bildung polnischer Legionen an der Seite des Sultans.
Darin setzte sich eine ältere polnische Exilstrategie fort: Polnische Patrioten suchten Unterstützung bei jenen Mächten, deren Interessen mit dem Widerstand gegen Russland zusammentrafen. Das Osmanische Reich erschien Bem daher nicht als Ersatz für Polen, sondern als möglicher politischer und militärischer Partner auf dem Weg zu dessen Wiederherstellung.
Seine Hoffnung erfüllte sich nicht. Unter dem diplomatischen Druck Russlands und Österreichs wurde Bem nicht in einem europäischen Grenzgebiet eingesetzt, sondern nach Aleppo geschickt. Die Versetzung nach Syrien wird in der Literatur teilweise als ehrenvolle, zugleich aber politisch beabsichtigte Entfernung von den europäischen Konfliktzonen beschrieben. Bem behielt seinen Rang, wurde jedoch aus jenem Raum ferngehalten, in dem er neue polnische oder ungarische militärische Aktivitäten hätte organisieren können. warsawinstitute.org
Auch Ungarn blieb Teil seines Lebens
Ebenso wenig bedeutete der osmanische Dienst, dass Bem seine Verbindung zur ungarischen Revolution verleugnete. Sein Ruhm in Ungarn gründet gerade auf der Erinnerung an seine Feldzüge in Siebenbürgen und seine Bindung an die ungarischen Soldaten. Der Beiname „Vater Bem“ überdauerte seine Konversion und seinen Eintritt in die osmanische Armee.
Polen verehrt ihn als Kämpfer des Novemberaufstandes und Vertreter der Unabhängigkeitsidee. Ungarn erinnert an ihn als einen seiner bedeutendsten Revolutionsgeneräle. In der osmanischen Geschichte erscheint er als Murad Pascha, militärischer Fachmann und Verteidiger Aleppos. Keine dieser Erinnerungen muss die andere verdrängen.
Murad Pascha in Aleppo
In Aleppo setzte Bem seine technischen und militärischen Arbeiten fort. Als die Stadt 1850 von schweren inneren Unruhen und Angriffen bedroht wurde, führte er osmanische Kräfte zu ihrer Verteidigung. Manche Darstellungen sprechen von aufständischen arabischen Gruppen, andere von beduinischen Stammesverbänden. Um die Ereignisse nicht nachträglich ethnisch zu vereinfachen, sollte von lokalen Aufständischen und angreifenden Stammeskräften gesprochen werden.
Bem wird zugeschrieben, durch sein militärisches Eingreifen auch die von Gewalt bedrohte christliche Bevölkerung Aleppos geschützt zu haben. Gerade dieser Punkt widerspricht einfachen religiösen Frontbildern: Ein in Polen christlich erzogener Freiheitskämpfer, der Muslim und osmanischer Pascha geworden war, führte Truppen eines muslimisch regierten Reiches und wirkte dabei am Schutz christlicher Einwohner mit. warsawinstitute.org
Bem starb nicht während dieses Kampfes. Wenige Wochen später, am 10. Dezember 1850, erlag er in Aleppo vermutlich der Malaria. Die Bezeichnung „gefallen“ oder „als Märtyrer gestorben“ wäre deshalb historisch nicht richtig. Treffender ist: Er starb als polnischer Patriot, ungarischer Freiheitsheld, osmanischer Pascha und Muslim in Aleppo.
Ein Held, den niemand allein besitzen kann
Im Jahr 1929 wurden Bems sterbliche Überreste nach Tarnów überführt. Dort entstand für ihn ein außergewöhnliches Mausoleum. Seine Erinnerung blieb jedoch über mehrere Länder verteilt: Denkmäler, Straßen und Plätze in Polen und Ungarn tragen seinen Namen; auch die türkische Erinnerung kennt ihn als Murad Pascha.
Bem wurde durch seine Konversion nicht weniger polnisch. Durch seinen Kampf für Ungarn wurde er nicht weniger Pole. Und durch seinen Dienst im Osmanischen Reich wurde seine ungarische Vergangenheit nicht ausgelöscht. Seine verschiedenen Zugehörigkeiten standen nicht zwingend gegeneinander; sie bildeten aufeinanderfolgende Kapitel desselben Lebens.
Gerade deshalb sollte keine Seite versuchen, ihn ausschließlich für sich zu beanspruchen. Die Türkei muss aus Józef Bem keinen gebürtigen Türken machen, um sein osmanisches Kapitel zu würdigen. Polen muss seine Konversion zum Islam nicht verschweigen, um ihn als polnischen Patrioten zu ehren. Ungarn muss seine polnische Herkunft nicht relativieren, um ihn als Helden der eigenen Revolution zu verehren.
Józef Bem blieb Polen verbunden, kämpfte für Ungarns Freiheit und fand im Osmanischen Reich Schutz, Rang und eine letzte Aufgabe. Sein Leben beweist nicht, dass nationale und religiöse Unterschiede bedeutungslos waren. Es zeigt vielmehr, dass sie den Menschen nicht zwangsläufig daran hindern mussten, für die Freiheit und das Leben anderer einzutreten.
Bem gehört daher weder Polen, Ungarn noch der Türkei allein. Er gehört zu den seltenen Gestalten der europäischen und osmanischen Geschichte, deren Lebensweg drei Erinnerungsräume miteinander verbindet, ohne einen von ihnen herabzusetzen.
Józef Bem war nicht der einzige polnische Patriot, dessen Weg in das Osmanische Reich führte. Wenige Jahre nach seinem Tod kam auch Adam Mickiewicz nach Istanbul. Der eine hatte als General für Polen und Ungarn gekämpft und sein Leben als Murad Pascha in Aleppo beendet; der andere suchte als Dichter und politischer Emigrant am Bosporus nach neuen Möglichkeiten für die Freiheit seines geteilten Vaterlandes.
Sobieski-Gedenken: Die Entscheidung ist gefallen – die Frage des Wie bleibt
Die seit Jahren geführte Debatte über ein Sobieski-Denkmal am Kahlenberg steht im Zentrum der gegenwärtigen Erinnerungspolitik. Das Buch widmet seinen Empfehlungen für einen solchen Erinnerungsort ein eigenes Kapitel und beschreibt im Nachwort die Entwicklung seit der Fertigstellung der ursprünglichen Studie im Jahr 2019.
Die politische und administrative Entscheidung ist inzwischen gefallen. Im November 2024 erteilte Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler der Errichtung der geplanten monumentalen Sobieski-Statue eine endgültige Absage. Die Stadt Wien werde keine Bühne schaffen, die für ausländerfeindliche Hetze und für das Schüren islamfeindlicher und antitürkischer Ressentiments instrumentalisiert werden könne. Nach Auffassung der Stadt ist das bestehende Gedenken am Kahlenberg bereits vollendet: Der dort gesetzte Granitstein erhielt im September 2018 eine dreisprachige Inschrift, die Frieden, Völkerverständigung, das europäische Verteidigungsbündnis und die mehr als 50.000 Toten in den Mittelpunkt stellt.
Damit ist die Frage nach einer neuen monumentalen Reiterstatue vorerst beantwortet. Nicht erledigt ist jedoch die weiter reichende Frage, wie Wien Sobieski, das Entsatzheer, die Verteidiger der Stadt, die Opfer und die lange Wirkungsgeschichte von 1683 künftig vermitteln will.
Für die TKG ist entscheidend: Die Kritik an einem bestimmten monumentalen Entwurf ist keine Ablehnung Sobieskis. Umgekehrt ist die Anerkennung seiner historischen Leistung nicht automatisch türken- oder islamfeindlich.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr allein, ob eine neue Statue errichtet werden soll. Sie lautet: Wie kann Sobieski so erinnert werden, dass ein öffentlicher Ort Wissen schafft und nicht als Bühne gegen heute lebende Menschen verwendet wird?
Das bestehende Gedenkzeichen und jede künftige historische Kontextualisierung sollten Sobieski als Oberbefehlshaber der Allianz klar sichtbar anerkennen und zugleich Starhemberg, Rimpler, Karl von Lothringen, die Verteidiger Wiens, die polnisch-litauischen, kaiserlichen und deutschen Verbände, die Kosaken und die weiteren Beteiligten einordnen. Sie sollten an die Zivilbevölkerung, an die Toten beider Heere und an die Folgen des langen Kriegszyklus erinnern.
Eine solche Gestaltung der Erinnerung müsste weder die historischen Unterschiede verwischen noch eine falsche Gleichheit aller politischen Ziele behaupten. Sie könnte vielmehr zeigen, dass Erinnerung reifer wird, wenn sie nicht nur Sieger ins Bild setzt, sondern auch Verantwortung sichtbar macht.
Kein heutiger Pole, Türke, Österreicher, Deutscher, Russe, Ukrainer, Christ, Muslim oder Angehöriger einer anderen Gemeinschaft ist erblicher Träger einer Schuld aus dem 17. Jahrhundert. Ein Denkmal im öffentlichen Raum gehört nicht allein jenen, die es errichten. Es wirkt auf alle, die daran vorbeigehen. Deshalb muss es der Res publica, der gemeinsamen öffentlichen Sache und dem Gemeinwohl, dienen.
Die notwendige Ergänzung: eine osmanisch-türkische Perspektive
Das vorgestellte Werk definiert seinen Gegenstand ausdrücklich als österreichische und polnische Perspektive. Dieser Rahmen ist wissenschaftlich nachvollziehbar und ermöglicht die gründliche Untersuchung zweier eng miteinander verflochtener Erinnerungstraditionen.
Gerade die Qualität des Buches macht jedoch sichtbar, welche Forschung als nächster Schritt wünschenswert wäre. Osmanische Chroniken, türkische Archive, militärische und diplomatische Dokumente sowie die spätere türkische Erinnerung an 1683 könnten das Bild erweitern. Auch Stimmen aus den damals beteiligten südosteuropäischen Regionen würden weitere Widersprüche, Abhängigkeiten und Handlungsspielräume sichtbar machen.
Auf dem Podium der Buchpräsentation war keine osmanistisch oder türkisch arbeitende wissenschaftliche Stimme vertreten. Das mindert nicht den Wert des Abends und ist angesichts des klar begrenzten Buchthemas kein Vorwurf. Es ist eine Einladung zur Fortsetzung. Die nächste wissenschaftliche Runde könnte die österreichische und polnische Gedächtnisgeschichte mit osmanischen, türkischen, rumänischen, ungarischen, krimtatarischen und weiteren Quellen ins Gespräch bringen.
Wissenschaft gewinnt nicht dadurch, dass jede Seite ihre eigene Wahrheit verteidigt. Sie gewinnt, wenn verschiedene Archive dieselbe Frage aushalten.
Was dieses Buch leistet – und wo die weitere Arbeit beginnt
Der größte Wert des Bandes liegt in der Verbindung von Ereignis- und Gedächtnisgeschichte. Er beschreibt nicht nur die Schlacht, sondern macht nachvollziehbar, wie aus der Schlacht ein Mythos, aus dem Mythos eine nationale Erzählung und aus der nationalen Erzählung ein politisches Instrument werden konnte.
Das Buch nimmt Sobieski seine historische Größe nicht. Es schützt ihn vor grober politischer Verkürzung. Es leugnet die Verteidigung Wiens nicht. Es verhindert aber, dass die Verteidigung einer Stadt zu einem ewigen Krieg gegen eine Weltreligion umgedeutet wird. Es relativiert das Leid der Belagerung nicht. Es zeigt jedoch, dass historisches Leid keine Erlaubnis erteilt, Jahrhunderte später lebende Menschen mit einer damaligen Armee gleichzusetzen.
Seine Grenze liegt in der gewählten Perspektive: Österreich und Polen stehen im Mittelpunkt; die osmanisch-türkische Seite erscheint notwendigerweise vor allem im Spiegel dieser Quellen- und Erinnerungstraditionen. Das muss benannt werden, ohne daraus einen Mangel zu konstruieren, den das Buch nie zu verbergen versucht. Eine wissenschaftliche Arbeit ist nicht unvollständig, weil sie eine begründete Fragestellung verfolgt. Sie wird dann problematisch, wenn sie ihren Ausschnitt für das Ganze ausgibt. Diesen Fehler begeht der Band nicht.
Eine abschließende Rezension sämtlicher Einzelbeiträge setzt selbstverständlich die vollständige Lektüre des gesamten Buches voraus. Die hier vorgelegte Würdigung und erste Rezension stützt sich auf die Präsentation, die dort festgehaltenen Aussagen, das offizielle Programm, das Inhaltsverzeichnis, die bibliografischen Angaben und die öffentlich zugänglichen Materialien der ÖAW. Schon auf dieser Grundlage ist erkennbar: Dieses Werk verdient eine breite und sorgfältige Lektüre.
Eine Lehre für Wien und Europa
Europa besitzt genügend Schlachten, um aus jeder von ihnen eine neue Grenze zu bauen. Seine politische Reife zeigt sich jedoch darin, ob es aus den Schlachten auch Brücken errichten kann.
Die Europäische Union entstand als Gegenentwurf zu Krieg, aggressivem Nationalismus und überlieferten konfessionellen Feindschaften. Sie ist nicht vollkommen. Doch ihre tiefste Idee besteht darin, historische Erfahrung nicht zu vergessen und trotzdem aus ihr keinen neuen Marschbefehl zu machen.
Auch Wien braucht keinen Gedächtnisverlust. Die Stadt braucht ein vollständigeres Gedächtnis. Dazu gehören Sobieski und Starhemberg, die Verteidiger, das Entsatzheer und die bedrohte Bevölkerung. Dazu gehören die christlichen Kontingente im osmanischen Herrschaftssystem und die unterschiedlichen Gruppen innerhalb der Koalition. Dazu gehören die Gewalt des Feldzuges, die späteren Mythen, die politischen Instrumentalisierungen und die Menschen, die heute mit ganz verschiedenen Familiengeschichten in dieser Stadt leben.
Am Ende dieses Abends blieb deshalb kein Bild eines einfachen Sieges zurück. Es blieb die Einsicht, dass Erinnerung eine Form öffentlicher Verantwortung ist. Geschichte muss erforscht und erzählt werden. Sie darf aber nicht wie ein Brandsatz in die Gegenwart geworfen werden.
Sobieskis historische Leistung verdient Anerkennung. Gleiches gilt für Starhemberg und die Verteidiger Wiens. Die wissenschaftliche Arbeit verdient Dank, die Toten verdienen Trauer. Die Lebenden aber verdienen eine Erinnerungskultur, die sie nicht erneut in feindliche Lager zwingt.
Geschichte soll weder eine nationale Waffe noch ein religiöser Brandsatz sein. In Demut muss sie der Res publica und dem Gemeinwohl als Lehre dienen.
Ein Gedicht aus einem Polen ohne Staat
„Sei gegrüßt, Morgenröte der Freiheit – hinter dir steigt die Sonne der Erlösung auf!“
Diese Verse gewinnen eine noch tiefere Bedeutung, wenn man sie vor dem Hintergrund der polnischen Geschichte liest. Nach den Teilungen von 1772, 1793 und 1795 wurde Polen durch Russland, Preußen und die Habsburgermonarchie vollständig von der politischen Landkarte Europas getilgt. Erst 1918 erlangte es seine staatliche Unabhängigkeit zurück. 123 Jahre lang existierte Polen als Nation, als Sprache, als Kultur und als Erinnerung – aber nicht als souveräner Staat.
Mickiewicz schrieb seine Oda do młodości im Jahr 1820. Sie entstand also nicht im geografischen Exil, wohl aber unter russischer Fremdherrschaft und in der geistigen Atmosphäre eines seiner Staatlichkeit beraubten Landes. Seine Verse gehören zu jenen Liedern und Gedichten, mit denen polnische Patrioten in der Heimat wie später im Ausland ihre Hoffnung, ihre Sprache und die Vorstellung eines freien Polens bewahrten.
Gerade zwei Passagen der Ode wirken vor diesem geschichtlichen Hintergrund besonders eindringlich:
„Ode an die Jugend“ (Oda do młodości)
„O Jugend, der Nektar des Lebens
wird dir erst süß, wenn du ihn mit anderen teilst.
Himmlische Freude erfüllt die Herzen,
wenn ein goldenes Band sie miteinander verbindet.
Gemeinsam, junge Freunde!
Im Glück des Ganzen liegen die Ziele aller.
Stark durch Einigkeit, vom Wagemut beseelt –
gemeinsam, junge Freunde!
Und am Ende des Gedichts heißt es:
„Das gefühllose Eis beginnt zu bersten,
und die Vorurteile, die das Licht verdunkeln, weichen.
Sei gegrüßt, Morgenröte der Freiheit –
hinter dir steigt die Sonne der Erlösung auf!“
—
„Pryskają nieczułe lody
I przesądy światło ćmiące.
Witaj, jutrzenko swobody,
Zbawienia za tobą słońce!“
Diese Zeilen sind mehr als jugendlicher Überschwang. Sie sind die Poesie eines Volkes, das politisch geteilt und beherrscht wurde, sich selbst aber nicht verloren gab. Polen lebte in dieser Zeit in seiner Sprache, seiner Literatur, seinen Liedern, seinen Familien und im Gedächtnis seiner Emigranten weiter. Die Dichtung wurde zu einer Heimat, die keine Teilungsmacht besetzen konnte.

Adam Mickiewicz (24. Dezember 1798–26. November 1855), polnischer Nationaldichter und Freiheitsdenker; geboren bei Nowogródek, gestorben in Konstantinopel (heute Istanbul, damals Osmanisches Reich).
Wenn wir heute in Wien über den 12. September 1683, über Jan III. Sobieski, die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich sprechen, dürfen wir die Geschichte deshalb nicht an diesem einen Tag anhalten. Die Geschichte endete nicht 1683. Gut ein Jahrhundert später beteiligten sich Russland, Preußen und Österreich an der vollständigen Aufteilung jenes polnisch-litauischen Gemeinwesens, dessen König Wien 1683 zu Hilfe gekommen war. Wer aus 1683 dauerhafte Freund- und Feindbilder für die Gegenwart ableiten will, muss sich daher fragen lassen, weshalb er die folgenden Kapitel derselben Geschichte ausblendet.
Zwischen Sobieskis Wiener Sieg und Mickiewicz’ Ode an die Jugend liegen rund 137 Jahre. In dieser Zeit hatten sich Bündnisse, Grenzen und Rollen grundlegend verändert. Aus Verbündeten konnten Teilungsmächte werden; aus früheren Gegnern konnten Zufluchtsorte entstehen. Das Osmanische Reich, gegen das Sobieski 1683 vor Wien kämpfte, wurde im 19. Jahrhundert zu einem Zufluchts- und Wirkungsraum polnischer Emigranten, die gegen die Teilungsmächte auf die Wiederherstellung ihres Landes hofften.
Auch Mickiewicz fand in Istanbul Aufnahme. Dort wollte er während des Krimkrieges den polnischen Freiheitskampf unterstützen; dort starb er am 26. November 1855. Seine sterblichen Überreste wurden zunächst nach Frankreich überführt und 1890 von Montmorency nach Krakau gebracht. Heute ruhen Jan III. Sobieski und Adam Mickiewicz unter dem Dach derselben Wawel-Kathedrale – der siegreiche König von 1683 und der Nationaldichter eines später geteilten, seiner Staatlichkeit beraubten Polens. Sie liegen nicht unmittelbar nebeneinander, aber sie gehören demselben nationalen Gedächtnis an.
Man darf sich deshalb eine letzte, vielleicht ungewöhnliche Frage erlauben: Was würden sich Jan III. Sobieski und Adam Mickiewicz heute erzählen?
Was würde der König denken, wenn ihm der Dichter berichtete, dass Polen rund ein Jahrhundert nach dem Wiener Sieg von christlichen Nachbarmächten geteilt und schließlich für 123 Jahre von der Landkarte gestrichen wurde? Was würde Sobieski empfinden, wenn Mickiewicz ihm jene Verse vortrüge, die 1820 – rund 137 Jahre nach der Schlacht von Wien – unter fremder Herrschaft entstanden?
Vielleicht würde Mickiewicz ihm sagen, dass ein militärischer Sieg einen Staat retten kann, aber nicht für alle Zeiten bestimmt, wer Freund und wer Feind bleiben wird. Vielleicht würde Sobieski ihm antworten, dass auch der größte Sieg dem Wandel der Geschichte unterliegt.
Und vielleicht würden beide gemeinsam erkennen, was wir bei jeder Diskussion über 1683 bedenken sollten: Ein einzelner Tag der Geschichte darf nicht zur ewigen Grenzlinie zwischen Völkern, Religionen und Kulturen erklärt werden. Denn die Geschichte geht weiter, Bündnisse verändern sich, Reiche vergehen – und am Ende bleibt nicht die Pflicht, alte Feindschaften zu erben, sondern die Verantwortung, aus ihnen zu lernen.
Für die Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG Think Tank)
Prof. Birol Kılıç, Obmann
Wien, 25. September 2026
PS – Hinweis zur Einordnung: Dieser Beitrag versteht sich als wissenschaftlich orientierte Würdigung, historisch-kritische Rezension und zusammenfassende Einordnung des Werkes „Der Entsatz von Wien 1683“ sowie seiner Präsentation an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er erhebt nicht den Anspruch einer historischen Monografie, sondern führt Erkenntnisse aus dem besprochenen Band, der Fachliteratur, öffentlich zugänglichen Quellen, der Veranstaltung und persönlichen Beobachtungen zusammen. Die Einschätzungen geben die Sicht des Verfassers im Namen der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKG Think Tank) wieder. Sachlich begründete Ergänzungen und Korrekturen sind im Sinne einer offenen wissenschaftlichen Auseinandersetzung ausdrücklich willkommen.
TKG- 12.09.1683: Geschichte in Demut erinnern – für Frieden, Gemeinwohl und gemeinsame Zukunft

Screenshot
Bibliografische Angaben
Johannes Feichtinger, Johann Heiss und Bogusław Dybaś: Der Entsatz von Wien 1683. Historiografie und kulturelles Gedächtnis in Österreich und Polen von 1683 bis zur Gegenwart. Unter Mitarbeit von Heidemarie Uhl (†) und Sandra Klos. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2026. Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse, Band 958. 319 Seiten.
Print-ISBN: 978-3-7001-5160-9
Online-ISBN: 978-3-7001-5161-6
DOI: 10.1553/978OEAW51609
Quellen und weiterführende Literatur
Das wissenschaftliche Werk und seine Präsentation
- Johannes Feichtinger, Johann Heiss und Bogusław Dybaś: Der Entsatz von Wien 1683. Historiografie und kulturelles Gedächtnis in Österreich und Polen von 1683 bis zur Gegenwart. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2026.
https://austriaca.at/?arp=0x0041f1fd - Österreichische Akademie der Wissenschaften: Der Entsatz von Wien 1683. Buchpräsentation am 24. September 2026.
https://www.oeaw.ac.at/ikw/veranstaltungen/veranstaltungsdetails/der-entsatz-von-wien-1683 - Österreichische Akademie der Wissenschaften: Buchpräsentation: Der Entsatz von Wien 1683.
https://www.oeaw.ac.at/detail/news/buchpraesentation-der-entsatz-von-wien-1683 - Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut für Sozialanthropologie: Buchpräsentation mit Podiumsdiskussion: Der Entsatz von Wien 1683.
https://www.oeaw.ac.at/isa/das-institut/neuigkeiten/buchpraesentation-mit-podiumsdiskussio - Österreichische Akademie der Wissenschaften: Programmfolder zur Buchpräsentation vom 24. September 2026.
https://www.oeaw.ac.at/fileadmin/Institute/IKT/PDF/Veranstaltungen/Programmfolder-IKW_September_Entsatz_2026_v2.pdf - Deutsche Nationalbibliothek: Bibliografischer Nachweis zu Der Entsatz von Wien 1683.
https://d-nb.info/1419597949
1683 und die österreichische Erinnerungskultur
- Österreichische Akademie der Wissenschaften: 1683 und die Folgen: 330 Jahre „Türkenbelagerung“.
https://www.oeaw.ac.at/detail/news/1683-und-die-folgen-330-jahre-tuerkenbelagerung - Österreichische Akademie der Wissenschaften: 1683 und die Folgen – Presseinformation vom 4. September 2013.
https://www.oeaw.ac.at/fileadmin/Institute/ISA/presse/pa_1683_und_die_folgen.pdf - Österreichische Akademie der Wissenschaften: Forschungsprojekt Türkengedächtnis – Denkmäler in Wien.
https://www.oeaw.ac.at/tuerkengedaechtnis/denkmaeler/wien - Die Presse: Stadtbild: Denkmäler prägen Bild des „bösen Türken“.
https://www.diepresse.com/721161/stadtbild-denkmaeler-praegen-bild-des-boesen-tuerken - KURIER: Schlacht um Kahlenberg: Extreme Rechte und ihre türkische Erzählung.
https://kurier.at/chronik/wien/wien-kahlenberg-demonstration-identitaere-antifa-gegendemo/403189343
Das Sobieski-Denkmal am Kahlenberg
- Stadt Wien: Kulturstadträtin zur Debatte um Sobieski-Denkmal: Keine Bühne für Spaltung der Gesellschaft, 8. November 2024.
https://presse.wien.gv.at/presse/2024/11/08/kulturstadtraetin-zur-debatte-um-sobieski-denkmal-keine-buehne-fuer-spaltung-der-gesellschaft - ORF Wien: Endgültige Absage für Sobieski-Statue, 8. November 2024.
https://wien.orf.at/stories/3280346/ - Vienna.at: Sobieski-Denkmal am Wiener Kahlenberg: So sieht die Entscheidung aus, 8. November 2024.
https://www.vienna.at/wiener-kahlenberg-erhalt-kein-sobieski-denkmal/9049693 - KURIER: ÖVP und FPÖ im Gleichschritt: Dennoch kein Denkmal für Sobieski.
https://kurier.at/chronik/wien/kahlenberg-kein-denkmal-sobieski-tuerkenbelagerung/403189673 - Stadt Wien: 58. Wiener Gemeinderat (11), 25. September 2024.
https://presse.wien.gv.at/presse/2024/09/25/58-wiener-gemeinderat-11
Türkenschanzpark, Yunus-Emre-Brunnen und Kosaken-Denkmäler
- Österreichische Akademie der Wissenschaften: Wien 18, Türkenschanzpark.
https://www.oeaw.ac.at/tuerkengedaechtnis/denkmaeler/ort/tuerkenschanzpark - Österreichische Akademie der Wissenschaften: Wien 18, Türkenschanzpark, Kosaken-Denkmal.
https://www.oeaw.ac.at/tuerkengedaechtnis/denkmaeler/ort/tuerkenschanzpark-kosaken-denkmal - Österreichische Akademie der Wissenschaften: Wien 18, Türkenschanzpark, Yunus-Emre-Brunnen.
https://www.oeaw.ac.at/tuerkengedaechtnis/denkmaeler/ort/tuerkenschanzpark-yunus-emre-brunnen - Austria-Forum: Denkmäler am Leopoldsberg.
https://austria-forum.org/attach/AEIOU/Leopoldsberg/Denkmal%20Leopoldsberg.pdf
Weitere Wiener Erinnerungszeichen
- Österreichische Akademie der Wissenschaften: Favoritenstraße/Kolschitzkygasse – Kolschitzky-Denkmal.
https://www.oeaw.ac.at/tuerkengedaechtnis/denkmaeler/ort/favoritenstrasse-kolschitzkygasse-kolschitzky-denkmal - Österreichische Akademie der Wissenschaften: Burggarten – Abraham-a-Sancta-Clara-Denkmal.
https://www.oeaw.ac.at/tuerkengedaechtnis/denkmaeler/ort/burggarten-abraham-a-sancta-clara-denkmal
Die Feier am Kahlenberg vom 6. September 2026
- Kanzlei des Präsidenten der Republik Polen: Schreiben des Präsidenten der Republik Polen zum 343. Jahrestag des Entsatzes von Wien.
https://www.prezydent.pl/aktualnosci/wypowiedzi-prezydenta-rp/listy/list-prezydenta-rp-w-343-rocznice-wiktorii-wiedenskiej%2C125878 - Botschaft der Republik Polen in Wien: Stellungnahme zum Besuch der First Lady Marta Nawrocka in Wien am 6. September 2026, OTS, 9. September 2026.
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20260909_OTS0153/stellungnahme-der-botschaft-der-republik-polen-zum-besuch-der-first-lady-marta-nawrocka-in-wien-am-6-september-2026 - KURIER: Polens First Lady wettert am Kahlenberg gegen „muslimischen Staat“.
https://kurier.at/politik/ausland/nawrocki-polen-kahlenberg-osmanisches-reich-prinz-eugen/403189010
Anmerkung: Die zugespitzte Überschrift ist gemeinsam mit der Klarstellung der Botschaft der Republik Polen (Nr. 24) zu lesen. Nach deren Darstellung hielt Marta Nawrocka weder eine Rede noch ergriff sie öffentlich das Wort; das Schreiben des Präsidenten verlas Paweł Szefernaker. - Salzburger Nachrichten: Polnische First Lady Marta Nawrocka besucht Österreich.
https://www.sn.at/politik/weltpolitik/polnische-first-lady-marta-nawrocka-besucht-oesterreich-art-671525
Die Belagerung von 1683 und osmanische Quellen
- Dominik Martinovsky: Die Schlacht am Kahlenberg als Wendepunkt in der Geschichte des Osmanischen Reiches. Diplomarbeit, Universität Wien, 2016.
https://utheses.univie.ac.at/detail/39287 - Koichiro Koyama: „Vekayi‘-i Beç“, a Turkish Source for the Siege of Vienna in 1683. Bulletin of the Society for Near Eastern Studies in Japan 14/2, 1971 (auf Japanisch).
https://www.jstage.jst.go.jp/article/jorient1962/14/2/14_2_125/_article - Dariusz Wybranowski: About Some Myths, Inaccuracies and Controversies Concerning the Turkish Expedition to Vienna (1683). Balcanica Posnaniensia 21, 2014 (auf Polnisch).
https://pressto.amu.edu.pl/bp/article/view/1426 - Dariusz Wybranowski: Grand Vizier Kara Mustafa’s Army towards the Population of the Attacked Areas of Hungary and Austria during the Vienna Expedition of 1683 in the Light of Selected Ottoman Sources. Balcanica Posnaniensia 31, 2024 (auf Polnisch).
https://pressto.amu.edu.pl/index.php/bp/article/view/43599 - Georg B. Michels: A Breathing Space for Vienna? The 1677 Ottoman Invasion of Ukraine and Its Impact on Hungary and the Habsburg Empire. Austrian History Yearbook 56, 2025.
https://www.cambridge.org/core/journals/austrian-history-yearbook/article/breathing-space-for-vienna-the-1677-ottoman-invasion-of-ukraine-and-its-impact-on-hungary-and-the-habsburg-empire/4A14A6C4EA42AF0B30D5CCFC8895A26B - Şuayp Ateş: 1075–1099/1664–1688 Tarihli Anonim Bir Esere Göre II. Viyana Seferinde Sadrazam Kara Mustafa Paşa. Erzurum Teknik Üniversitesi Sosyal Bilimler Enstitüsü Dergisi 14, 2022.
https://dergipark.org.tr/en/pub/etusbed/article/984143 - A True and Exact Relation of the Raising of the Siege of Vienna (London 1683), in: German History in Documents and Images.
https://germanhistorydocs.org/en/the-holy-roman-empire-1648-1815/ghdi%3Adocument-3580
Murad Giray und das Krim-Khanat
- Cihan Yalvar: Suçlamaların Gölgesinde Bir Kırım Hanı: Murad Giray Han. Yeditepe Üniversitesi Tarih Bölümü Araştırma Dergisi 3/6, 2019.
https://dergipark.org.tr/en/pub/yutad/article/591156 - Nurettin Gemici: Evliya Çelebi’ye Göre II. Viyana Muhasarasında Kırım Hanı’nın Yanlış Tutumunun Sebepleri. Türkiyat Mecmuası 26/1, 2016.
https://dergipark.org.tr/en/pub/iuturkiyat/article/259709 - Amet-han A. Sheykhumerov: The Army of the Crimean Khan Murad Giray on the Eve of and during the Battle of Vienna on September 12, 1683. Krymskoe istoričeskoe obozrenie 13/2, 2026 (auf Russisch), DOI: 10.22378/kio.2026.2.64-97.
https://journals.rcsi.science/2313-612X/article/view/434057
Marek Sobieski und die Schlacht bei Batoh
- Muzeum Wojska Polskiego: Bitwa pod Batohem.
https://muzeumwp.pl/timeline/bitwa-pod-batohem/ - Zentrales Staatliches Historisches Archiv der Ukraine: 370 Jahre Schlacht bei Batoh.
https://cdiak.archives.gov.ua/v_Bytva_pid_Batohom.php
Die polnische Nationalhymne und die Teilungen Polens
- Kanzlei des Präsidenten der Republik Polen: Hymn Rzeczypospolitej Polskiej.
https://t.prezydent.pl/dla-mediow/materialy-do-pobrania/hymn-rp - Institut für Nationales Gedenken: Marta Sankiewicz, Od Pieśni Legionów do hymnu Rzeczpospolitej. Historia Mazurka Dąbrowskiego.
https://ipn.gov.pl/pl/historia-z-ipn/179592 - Muzeum Wojska Polskiego: Mazurek Dąbrowskiego – polskim hymnem narodowym.
https://muzeumwp.pl/timeline/mazurek-dabrowskiego-polskim-hymnem-narodowym/ - Biblioteka Polskiej Piosenki: Mazurek Dąbrowskiego.
https://bibliotekapiosenki.pl/utwory/Mazurek_Dabrowskiego - University of Southern California, Polish Music Center: Maja Trochimczyk, Dąbrowski Mazurka.
https://polishmusic.usc.edu/research/national-anthems/dabrowski-mazurka/
Adam Mickiewicz, Konstantinopel und „Oda do młodości“
- Republik Polen, Botschaft in der Türkei: Adam Mickiewicz.
https://www.gov.pl/web/turkiye/adam-mickiewicz - Republik Polen, Botschaft in der Türkei: Adam Mickiewicz – English Version.
https://www.gov.pl/web/turkiye/adam-mickiewicz-english - Republik Polen, Botschaft in der Türkei: 170. Todestag von Adam Mickiewicz, 28. November 2025.
https://www.gov.pl/web/turkiye/adam-mickiewiczin-lmnn-170-yldnm - Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Türkei: Adam-Mickiewicz-Museum in Istanbul.
https://muze.gov.tr/muze-detay?distId=MRK§ionId=IDM01 - Muzeum Literatury Warschau: Adam-Mickiewicz-Museum Istanbul.
https://www.mickiewiczstambul.com/ - Muzeum Literatury Warschau: Śmierć i ostatnia droga Mickiewicza.
https://www.mickiewiczstambul.com/smierc-i-ostatnia-droga-mickiewicza/ - Wawel-Kathedrale: The Cathedral of National Poets and Heroes.
https://www.katedra-wawelska.pl/en/historia-katedry/katedra-wieszczow-i-bohaterow-narodowych/ - Nationalarchiv Krakau: Uroczystości pogrzebowe na Wawelu.
https://archiwalneopowiesci.ank.gov.pl/wystawa/romantycy-polscy-w-zasobie-archiwum-narodowego-w-krakowie/adam-mickiewicz-wieszcz-narodowy/uroczystosci-pogrzebowe-na-wawelu/ - Zintegrowana Platforma Edukacyjna: Oda do młodości – manifest pokolenia. Polnischer Originaltext nach der Zintegrowana Platforma Edukacyjna; deutsche Übertragung für den vorliegenden Beitrag.
https://zpe.gov.pl/a/oda-do-mlodosci—manifest-pokolenia/D18wCVOXr - Mikołaj Gliński: Adam Mickiewicz’s Eastern Face. Culture.pl, 2022.
https://culture.pl/en/article/adam-mickiewiczs-eastern-face
Lipka-Tataren und Karaimen in Polen-Litauen
- Vasili Pankratov u. a.: East Eurasian Ancestry in the Middle of Europe: Genetic Footprints of Steppe Nomads in the Genomes of Belarusian Lipka Tatars. Scientific Reports 6, 2016.
https://www.nature.com/articles/srep30197
Open-Access-Volltext:
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4958967/ - Şener Aktürk und Yury Katliarou: The Puzzle of the Lithuanian-Polish Tatars: The Only Muslim Community That Has Survived under Catholic Rule in Europe since the Middle Ages. Nationalities Papers, 2026.
https://www.cambridge.org/core/journals/nationalities-papers/article/puzzle-of-the-lithuanianpolish-tatars-the-only-muslim-community-that-has-survived-under-catholic-rule-in-europe-since-the-middle-ages/D38D85B09399469668B77A67CCFF8301 - Artur Konopacki, Joanna Kulwicka-Kamińska und Czesław Łapicz: Tatarzy litewscy czy Lipkowie? Rozważania historyczno-semantyczne oraz propozycje terminologiczne. Białystok 2017.
https://repozytorium.uwb.edu.pl/jspui/handle/11320/7193 - Nationales Denkmalinstitut Polen: Bohoniki und Kruszyniany – Moscheen und Mizars.
https://zabytek.pl/en/obiekty/bohoniki-kruszyniany-bohoniki-i-kruszyniany-meczety-i-mizary - Ananiasz Zajączkowski: Karaims in Poland. History, Language, Folklore, Science. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe; La Haye/Paris: Mouton, 1961.
- Mikhail Kizilov: The Sons of Scripture. The Karaites in Poland and Lithuania in the Twentieth Century. Warschau/Berlin: De Gruyter, 2015 (Open Access).
https://doi.org/10.1515/9783110425260
Persönlichkeiten tatarischer Herkunft in Polen und Litauen
- Selim Chazbijewicz: Sulkiewicz Maciej Sulejman. Polski Słownik Biograficzny, Bd. XLV, 2007–2008.
https://www.ipsb.nina.gov.pl/a/biografia/maciej-sulejman-sulkiewicz-1865-1920-general-premier-krymu - Marek Gałęzowski: Sulkiewicz Aleksander. Polski Słownik Biograficzny, Bd. XLV, 2007–2008.
https://www.ipsb.nina.gov.pl/a/biografia/aleksander-sulkiewicz-1867-1916-dzialacz-pps-zolnierz-legionow - Technische Universität Łódź: Professor Osman Achmatowicz.
https://p.lodz.pl/en/about-tul/history/rectors/professor-osman-achmatowicz - Ingvar Svanberg und David Westerlund (Hg.): Muslim Tatar Minorities in the Baltic Sea Region. Leiden/Boston: Brill, 2016 (Muslim Minorities, Bd. 20).
https://doi.org/10.1163/9789004308800 - Edyta Dzwonkowska: Henryk Sienkiewicz – Tatar z pochodzenia? Nurt SVD 142 (2017), Nr. 2, S. 60–77.
https://www.ceeol.com/search/article-detail?id=620634 - Mikołaj Gliński: The Man Behind Quo Vadis. Culture.pl, 2016.
https://culture.pl/en/article/the-man-behind-quo-vadis - Halina Floryńska-Lalewicz: Henryk Sienkiewicz. Culture.pl.
https://culture.pl/en/artist/henryk-sienkiewicz - Brill Reference Works: Biografischer Eintrag zu Henryk Sienkiewicz (Christian-Muslim Relations Online).
https://referenceworks.brill.com/display/entries/CMR2/COM_33830.xml
Józef Bem – Murad Pascha
- Szymon Polewka: General Józef Bem: Hero of Poles, Hungarians, and Turks. Warsaw Institute, 2024.
https://warsawinstitute.org/general-jozef-bem-hero-of-poles-hungarians-and-turks/ - Museum With No Frontiers / Österreichische Nationalbibliothek: Jozef Zachariasz Bem – Porträt als osmanischer Pascha (nur als Bildnachweis; das dort genannte Geburtsjahr 1795 ist unzutreffend, richtig ist 1794).
https://sharinghistory.museumwnf.org/database_item.php?id=object%3Bawe%3Bat%3B76%3Ben















