Ata Sel, Wien, 25.06.2005
Der jetzige Obmann des TKG Think Tanks, Birol Kılıç, nahm 1993 gemeinsam mit dem Journalisten Ahmet Özay im Namen der European Association of Turkish Academics (EATA) an der UNO-Weltkonferenz über Menschenrechte in Wien teil.
Im Rahmen der Konferenz wurde eine Informationsveranstaltung zum Thema „Turkish Minorities and the Neo-Nazi Movement in Germany“ abgehalten. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten dabei die rassistischen Gewalttaten in Deutschland, insbesondere der Mordanschlag von Solingen vom 29. Mai 1993, bei dem fünf Menschen türkischer Herkunft ums Leben kamen, sowie der Mordanschlag von Mölln in der Nacht zum 23. November 1992, bei dem drei Menschen türkischer Herkunft getötet und weitere Personen verletzt wurden.
Birol Kılıç, damals 22 Jahre alt, war zu dieser Zeit Vorstandsmitglied der EATA und als Kommunikationsleiter für Europa tätig. Gleichzeitig studierte er an der Technischen Universität Wien Elektrotechnik mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik. Darüber hinaus arbeitete er bereits journalistisch und war beim österreichischen Bundeskanzleramt offiziell als Journalist akkreditiert. Für den türkischen Rundfunk war er für TRT – Türkiye’nin Sesi Radyosu (Voice of Turkey) tätig.

Im Zuge der Weltkonferenz über Menschenrechte wurde von Kilic ein sieben Meter langer Stand, neben vielen weiteren Ständen von NGOs, organisiert um dort die rassistischen Vorfälle gegenüber Türken in Deutschland den tausenden Besuchern, unter anderem auch vielen Journalisten, nahezubringen.
Ahmet Özay hat hier einen großen Dienst erwiesen und durch seine Erfahrung und Fleiß die EATA großzügig unterstützt.
Bei dem Brandanschlag im nordrhein-westfälischen Solingen kamen in den frühen Morgenstunden des 29.Mai 1993 fünf Menschen ums Leben, 14 weitere wurden verletzt. Die Opfer waren hauptsächlich türkischer Abstammung.
Der Hintergrund des Anschlags waren rechtsextreme und rassistische Motive.
Siehe auch: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13682474.html



Schimon Peres am EATA-Stand bei der UNO-Weltkonferenz 1993 in Wien
Im Juni 1993 fand in Wien die UNO-Weltkonferenz über Menschenrechte statt. Vertreterinnen und Vertreter von Regierungen, internationalen Organisationen und zahlreichen Nichtregierungsorganisationen aus vielen Ländern kamen in der österreichischen Hauptstadt zusammen. Auch zahlreiche zivilgesellschaftliche Vereinigungen waren mit eigenen Informationsständen vertreten, an denen Dokumentationen, Berichte und Materialien zu aktuellen Menschenrechtsfragen präsentiert wurden.

Zu diesen Organisationen gehörte die European Association of Turkish Academics (EATA). Am EATA-Stand wurden insbesondere die Situation türkischer Minderheiten in Europa, die zunehmende rechtsextreme Gewalt in Deutschland sowie die rassistischen Brandanschläge von Mölln 1992 und Solingen 1993 thematisiert. Im Verlauf der Konferenz besuchten zahlreiche Politiker, Diplomaten, Journalisten und Vertreter internationaler Institutionen den EATA- Stand.
Einer der prominenten Besucher war der damalige israelische Außenminister Schimon Peres. Peres kam im Rahmen der UNO-Weltkonferenz zum Stand der EATA und sprach dort mit den anwesenden Vertretern der Organisation. Birol Kılıç (TRT – Türkiye’nin Sesi Radyosu -Voice of Turkey), damals 22 Jahre alt, war Vorstandsmitglied der EATA und für die Kommunikationsarbeit auf europäischer Ebene zuständig .
Der Journalist Ahmet Özay führte mit Peres ein ausführliches Interview
( für die EP), das wenige Wochen später veröffentlicht wurde.
Das Gespräch erschien Anfang August 1993 in der EP unter der Schlagzeile:
Simon Peres: „Ich fühle mich den türkischen Opfern verbunden.“
Ausgangspunkt des Interviews waren die rechtsextremen Anschläge in Deutschland und die Frage, ob die damalige neonazistische Gewalt eine neue Form des alten Rassismus darstelle.
Auf die Frage, wie er den neuen Rassismus in Europa und insbesondere die von deutschen Neonazis verübten Gewalttaten beurteile, erklärte Peres:
„Zwischen dem alten und dem neuen Rassismus gibt es keinen Unterschied. Rassismus ist keine Frage des Alters oder einer bestimmten Epoche. Wo immer er auftritt, hat er eine Tradition, die Menschen Leid zufügt.“
Dann folgte eine der zentralen Aussagen des gesamten Gesprächs:
„Ich fühle mich den türkischen Opfern in Deutschland verbunden.“
Peres bezeichnete die Vorgänge in Deutschland als erschreckend und betonte, dass Deutschland und die internationale Gemeinschaft dieser Entwicklung entschieden entgegentreten müssten.
Auf die Frage nach den Anschlägen von Mölln und Solingen und danach, ob sich daraus eine neue, sich selbst verstärkende rechtsextreme Bewegung entwickeln könne, antwortete Peres zurückhaltend, aber deutlich:
Er hoffe, dass es nicht zu einer solchen Entwicklung komme. Zugleich warnte er davor, rassistische Gewalt zu unterschätzen. Man müsse sehr aufmerksam sein, bevor eine solche Bewegung ein gefährliches Ausmaß erreiche. Viele Deutsche hätten sich zwar gegen die damaligen Anschläge gestellt, dennoch sei Rassismus eine Erscheinung, die überall dort bekämpft werden müsse, wo sie auftrete.
Sinngemäß erklärte Peres:
„Rassismus ist eine gefährliche Krankheit. Man muss gegen ihn vorgehen, bevor er ein gefährliches Ausmaß erreicht.“
Auf die Frage, welche konkrete Haltung Israel gegenüber dem zunehmenden Rechtsextremismus in Deutschland einnehme, sagte Peres, dass für ihn nicht die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit der Opfer entscheidend sei.
Er erklärte: „Ob es sich um Türken oder um Angehörige einer anderen Nation handelt – wir fühlen uns auf der Seite der Opfer.“
Er fügte hinzu, dass man die deutsche Öffentlichkeit und die zuständigen Stellen vor einer solchen Entwicklung warnen müsse.
Besonders deutlich wurde Peres, als im Interview über das junge Alter einzelner Täter gesprochen wurde. Die Frage lautete sinngemäß, ob das Alter von 15 oder 16 Jahren eine Erklärung oder gar Entschuldigung für solche Gewalttaten sein könne.
Peres antwortete: „Ob jemand 15 oder 16 Jahre alt ist – der Mord an fünf Frauen ist ein schreckliches Verbrechen.“
Er forderte, dass die deutschen Behörden alle notwendigen Maßnahmen treffen müssten, damit sich derartige Verbrechen nicht wiederholen könnten.
Auf die Frage nach einer möglichen Zusammenarbeit von Türken und Juden in Deutschland gegen rechtsextreme Gewalt antwortete Peres ebenfalls grundsätzlich.
Er sagte, dass Türken, Juden und andere gesellschaftliche Gruppen ihre Kräfte bündeln müssten, um die deutsche Öffentlichkeit auf die Gefahren rassistischer Gewalt aufmerksam zu machen.
Dabei formulierte er einen Gedanken, der über die damalige deutsch-türkisch-jüdische Debatte hinausging: „Ob Araber, Türken, Juden oder Muslime – wir stehen auf der Seite der Opfer.“
Peres rückte damit nicht nationale oder religiöse Zugehörigkeit, sondern die Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern in den Mittelpunkt.
In diesem Zusammenhang sagte er sinngemäß: „Die Welt besteht nicht nur aus Rassen und Nationen. Auf der einen Seite stehen unschuldige Opfer, auf der anderen Menschen, die sich zu Mördern entwickeln.“
Diese Passage war eine der grundsätzlichen Aussagen des Interviews. Peres machte deutlich, dass sich die moralische Bewertung rassistischer Gewalt nicht danach richten dürfe, welcher ethnischen, religiösen oder nationalen Gruppe ein Opfer angehöre.
Auf die Frage, welche Botschaft er angesichts der Entwicklung in Deutschland und Europa an die türkische Bevölkerung richte, warnte Peres schließlich vor den möglichen Folgen einer unterschätzten rassistischen Bewegung.
Er sagte: „Selbst ein kleines Feuer kann ausreichen, um einen schrecklichen Brand auszulösen.“
Und weiter:
Man müsse alles Notwendige tun, damit sich dieses Feuer nicht ausbreite und nicht die Grundlagen der Zivilisation beschädige.
Gerade diese Worte erhielten vor dem Hintergrund der Ereignisse von Mölln und Solingen besonderes Gewicht. Beim Brandanschlag von Mölln in der Nacht zum 23. November 1992 wurden drei Menschen türkischer Herkunft getötet. Beim rassistischen Brandanschlag von Solingen am 29. Mai 1993 kamen fünf Angehörige einer türkischen Familie ums Leben. Die Anschläge lösten weit über Deutschland hinaus Entsetzen aus und waren auch während der Wiener UNO-Weltkonferenz Gegenstand zahlreicher Gespräche und Veranstaltungen.
Der Besuch Schimon Peres’ am Stand der European Association of Turkish Academics (EATA) und das dort entstandene Gespräch dokumentieren, wie stark das Thema rechtsextremer Gewalt gegen Menschen türkischer Herkunft bereits 1993 auf internationaler Ebene wahrgenommen wurde.
Für die EATA gehörte die Aufklärung über Mölln, Solingen und die Lage türkischer Minderheiten in Deutschland zu den zentralen Themen ihrer Präsenz bei der Wiener Menschenrechtskonferenz. Dass ein amtierender israelischer Außenminister den Stand besuchte und sich dort mit Vertretern der Organisation über diese Fragen austauschte, war deshalb von besonderer Bedeutung.
Mehr als drei Jahrzehnte später wirken viele Aussagen aus diesem Gespräch bemerkenswert aktuell. Vor allem der Satz von Peres, „Ich fühle mich den türkischen Opfern in Deutschland verbunden“ stand für eine Haltung, die ethnische und religiöse Grenzen bewusst überwinden sollte. Seine Botschaft lautete im Kern: Entscheidend ist nicht, welcher Herkunft ein Mensch ist, sondern ob grundlegende Menschenrechte verletzt werden und ob eine Gesellschaft bereit ist, sich rassistischer Gewalt entgegenzustellen. Diese Gewalt beginnt oft bereits mit Worten, insbesondere gegenüber Minderheiten, wenn direkt oder indirekt Hass geschürt, Vorurteile vernebelt, Respektlosigkeit gefördert und Menschen herabgewürdigt oder geringgeschätzt werden.















