Am 19. Mai 2026 veröffentlichte die säkulare und investigative türkische Qualitätszeitung Cumhuriyet (Die Republik) auf ihrer renommierten Kultur- und Gesellschaftsseite einen Artikel des Wiener Verlegers und Obmanns der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich (TKG Think Tank),
Prof. DI Birol Kılıç, unter dem Titel „Wien 1793 – Gesehen mit den Augen eines osmanischen Dragoman-Diplomaten“.
Der Artikel bietet faszinierende Einblicke in das Wien des ausgehenden 18. Jahrhunderts aus der Sicht eines Diplomaten aus Istanbul. Die Darstellung basiert auf Originalnotizen, die bislang lediglich der türkischen und niederländischen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden; eine deutsche Ausgabe steht noch aus. Kılıç liefert mit seinem Beitrag einen fundierten Überblick über das Werk. Wir veröffentlichen an dieser Stelle die ausführliche Fassung dieser Rezension.
.Wien 1793 – Gesehen mit den Augen eines Osmanischen Dragoman- Diplomaten
Cumhuriyet, Seite 2, Birol Kılıç, 19.04. 2026, Wien
Sie zeigen Wien nicht durch die Augen eines europäischen Reisenden, sondern durch den Blick eines Beobachters aus der osmanischen Welt
Unglaublich… Haben Sie sich jemals gefragt, wie Wien im Jahr 1793 aussah? Wie die Straßen beschaffen waren, wie das tägliche Leben verlief, wie die Menschen lebten und sich in dieser Stadt bewegten? Wenn ja, dann könnte dieses Werk Ihr Interesse wecken.
Denn wenn man einen Zeitzeugen des Jahres 1793 erleben möchte – jemanden, der beschreibt, wie Wien damals aussah, von den Straßen über die Frauen und Geschäfte bis hin zur Beleuchtung auf dem Weg zur Oper – und der sogar Kaiser Franz II. (1792–1806), den letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, persönlich in Wien gesehen hat, während er siebzehn Tage lang als Botschaftsdrogman (Übersetzer) tätig war, dann sollte man dieses Buch über Wien und andere europäische Städte lesen. Dieses Werk öffnet ein Fenster in eine vergangene Zeit.
Der Text ist nicht in der distanzierten Sprache eines Historikers verfasst, sondern klingt wie die unmittelbare Stimme eines Tagebuchs. In seinen Zeilen liegen die Frische der Beobachtung, die Nähe des Erlebten und die Authentizität eines Menschen, der mitten im damaligen Wien stand. Jahr 1793…Derzeit arbeiten wir auch mit dem „Neue Welt Verlag” aus Wien daran, dieses türkisch-niederländische Buch gemeinsam mit dem Herausgeber Tütüncü in deutscher Sprache herauszugeben. Bevor es soweit ist, möchte ich jedoch gerne einen kurzen Einblick in die Entstehung und Bedeutung dieses Werkes von Testa aus dem Jahr 1793 geben und einige Hintergrundinformationen dazu liefern..
Der Autor dieser im Jahr 1793 in Wien angefertigten Aufzeichnungen ist Gesbart Baron Testa, ein osmanischer Bürger und Untertan genuesischer( aus Italien) Abstammung sowie römisch-katholischen Glaubens. Testa wurde am 1. August 1770 in Istanbul geboren. Seine Geschichte ist zugleich die Geschichte einer Familie, die über Jahrhunderte hinweg zwischen zwei Welten lebte.
Die Familie Testa gehörte zu jenen levantinischen Familien Galatas, deren Leben sich im Schnittpunkt von Handel, Diplomatie und Kultur bewegte. Ihre Wurzeln reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück, als sich ihre Vorfahren aus der Seerepublik Genua( Italien) in Galata niederließen. Dieses Viertel am Goldenen Horn war damals einer der internationalsten Orte der östlichen Mittelmeerwelt – ein Treffpunkt von Händlern, Diplomaten und Reisenden aus Europa und dem Osmanischen Reich.
Nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 überreichten Vertreter der Genuesen von Galata Sultan Mehmed II. die Schlüssel des Viertels. Der Sultan gewährte den Bewohnern Schutz und Handelsprivilegien. In den folgenden Jahrhunderten entwickelten sich daraus enge Beziehungen zwischen den levantinischen Familien Galatas und der osmanischen Verwaltung. Viele dieser Familien wurden zu wichtigen Vermittlern zwischen Europa und der Hohen Pforte.
Auch in der Familie Testa setzte sich diese Tradition fort. Bereits der Großvater Gaspard Testas arbeitete als Dolmetscher an der niederländischen Botschaft in Istanbul. Dass der junge Testa denselben Weg einschlug, war daher kaum überraschend. Es war die Fortsetzung einer Familienlinie, die seit Generationen zwischen Europa und der osmanischen Welt vermittelte.
1791 trat Gaspard Testa als Dolmetscher in den Dienst der niederländischen Botschaft. Im Laufe der Jahre machte er eine bemerkenswerte diplomatische Karriere: zunächst als Attaché, später als Kanzler, Sekretär und schließlich als Geschäftsträger. Sein Leben war ganz der Aufgabe gewidmet, zwischen zwei politischen Welten zu vermitteln.
Als Testa im Jahr 1793 nach Wien kam, regierte Kaiser Franz II. über die Habsburgermonarchie. Franz II. galt nicht als großer Reformer, sondern als vorsichtiger Bewahrer der bestehenden Ordnung. Diese Ordnung war jedoch nicht von ihm geschaffen worden. Ihre Grundlagen waren bereits im 18. Jahrhundert unter seiner Großmutter Maria Theresia und ihrem Sohn Joseph II. gelegt worden, die durch umfassende Reformen Verwaltung, Bildung und Staat modernisierten.
Franz II. selbst galt als zurückhaltender und pflichtbewusster Herrscher. Zeitgenossen beschrieben ihn als nüchtern und stark auf Stabilität bedacht. Große politische Visionen lagen ihm weniger als die Bewahrung von Ruhe, Ordnung und Kontinuität im Staat – besonders in den unruhigen Jahren der Französischen Revolution und der napoleonischen Umbrüche.
Genau in diese Welt trat der junge Gaspard Testa ein, als er im Herbst 1793 Wien erreichte – eine Stadt, die ihm zugleich vertraut und fremd erscheinen musste. Vertraut, weil sie ein Zentrum europäischer Diplomatie war. Fremd, weil ihre Ordnung, ihre Straßen, ihre Beleuchtung und ihr öffentliches Leben eine andere Vorstellung von Stadt und Staat widerspiegelten als jene, die er aus Istanbul kannte.
Gerade deshalb sind seine Notizen aus dem Jahr 1793 über Wien heute so faszinierend. Sie zeigen Wien nicht durch die Augen eines europäischen Reisenden, sondern durch den Blick eines Beobachters aus der osmanischen Welt. Manchmal genügt dabei eine scheinbar kleine Beobachtung – eine gepflasterte Straße, eine Laterne oder eine Szene im Theater –, um den Unterschied zwischen zwei politischen Kulturen sichtbar zu machen.
Testas Tagebuch ist deshalb mehr als nur ein Reisebericht. Es ist ein seltenes Dokument der Begegnung zweier Welten.
.Wie kamen die Genuesen nach Istanbul?
Zur Zeit, aus der die Familie Testa stammt, existierte Italien als einheitlicher Staat noch nicht. Die italienische Halbinsel bestand vielmehr aus zahlreichen unabhängigen Stadtstaaten und Republiken, darunter Venedig, Florenz, Pisa und die mächtige Seerepublik Genua. Diese Republiken waren bedeutende Handelsmächte des Mittelmeerraums und unterhielten weitreichende Handelsnetze von Spanien bis zum Schwarzen Meer.
Ahdnamen für die Genuesen
Die sogenannten Ahdnamen für die Genuesen waren offizielle Urkunden des Osmanischen Reiches, mit denen genuesischen Kaufleuten und der Bevölkerung von Galata insbesondere während und nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 Schutz und Handelsprivilegien gewährt wurden. Diese Dokumente garantierten den Genuesen Sicherheit für Leben und Eigentum sowie weitreichende wirtschaftliche Rechte, damit sie ihre Handelsaktivitäten im Mittelmeer und im Schwarzen Meer weiterhin ausüben konnten. In der europäischen Geschichtsschreibung werden solche Urkunden häufig als Schutz- und Privilegienbriefe oder als frühe Formen von Handelskapitulationen bezeichnet.
Die bekannteste und grundlegende dieser Urkunden ist die Ahdname, die Sultan Mehmed II., genannt „der Eroberer“, im Jahr 1453 den Einwohnern von Galata – vor allem den dort lebenden Genuesen – verlieh. Nachdem Galata seine Schlüssel übergeben hatte, gewährte der Sultan der lokalen Bevölkerung Schutz und erklärte sinngemäß, dass sie unter seiner Garantie stehen und ihre Geschäfte weiterhin ausüben könnten. Mehmed II., der sich nach der Einnahme der Stadt auch als Kayser-i Rûm („Kaiser von Rom“) verstand, sah sich bewusst in der Tradition der römisch-byzantinischen Kaiser und orientierte sich dabei auch am historischen Vorbild Konstantins des Großen, des Gründers Konstantinopels.
Zu den wichtigsten Bestimmungen dieser Ahdnamen gehörten wirtschaftliche und rechtliche Privilegien für genuesische Kaufleute. Ihnen wurden vergleichsweise niedrige Zölle eingeräumt sowie das Recht, in den osmanischen Häfen frei Handel zu treiben. Darüber hinaus wurden diese Privilegien von späteren osmanischen Herrschern – darunter Bayezid II., Selim I. und Süleyman I. – bei ihrem Regierungsantritt erneuert und bestätigt, wodurch die wirtschaftliche Präsenz der genuesischen Händler über lange Zeit gesichert blieb.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieser Vereinbarungen war die religiöse Toleranz. Die Kirchen der genuesischen Gemeinschaft wurden geschützt, und den Angehörigen dieser lateinischen Bevölkerung wurde erlaubt, ihren christlichen Glauben frei auszuüben.
In der historischen Entwicklung stellen diese Ahdnamen ein bedeutendes Beispiel für die Handels- und Diplomatiepolitik des Osmanischen Reiches dar. Sie zeigen, wie das Reich bereits in seiner frühen Phase stabile wirtschaftliche Beziehungen zu westlichen Seemächten aufbaute und diese durch rechtliche Garantien absicherte.
Die Wiederentdeckung des Tagebuchs
Die Notizen Testas wurden gelesen, erschlossen und herausgegeben von Mehmet Tütüncü, einem Vertreter der zweiten Generation niederländischer Staatsbürger mit türkischen Wurzeln, der sich sowohl in den Niederlanden als auch in der Türkei durch seine historischen Publikationen einen Namen gemacht hat. Ihm sind wir zu großem Dank verpflichtet. Denn seiner sorgfältigen Arbeit verdanken wir es, dass wir heute die Aufzeichnungen eines christlichen und zugleich glücklichen osmanischen Bürgers lesen können, der im Jahr 1793 seine Eindrücke von Wien festhielt.
Mehmet Tütüncü lebt in den Niederlanden, ich selbst in Wien. Uns verbindet nicht nur das Interesse an Geschichte, sondern auch die Leidenschaft für Bücher und ihre Veröffentlichung. Seit Jahren schicken wir uns gegenseitig Publikationen zu. Auf diese Weise gelangte schließlich auch das Werk von Testa in unsere Hände. Tütüncü hatte das Manuskript in einer dunklen Kammer in Holland entdeckt, es ans Licht gebracht, in modernes Niederländisch und Türkisch übertragen und mit eigenen Mitteln als Buch veröffentlicht.
Ein Tagebuch aus Wien
In Wien hatte ich die Gelegenheit, dieses Notizbuch eines Drogman-Zeitzeugen eingehend zu studieren. Seine Familie stammte ursprünglich aus Genua und lebte seit dem 15. Jahrhundert im Osmanischen Reich, wo sie zahlreiche Privilegien genoss. Testa selbst war ein Sohn Istanbuls – ebenso wie ich.
Es sind jedoch nicht immer die großen Ereignisse, an denen sich der Zustand einer Epoche erkennen lässt. Zwar markieren Schlachten, Revolutionen und Verträge die dramatischen Wendepunkte der Geschichte. Doch das eigentliche Gesicht einer Zeit zeigt sich häufig in den unscheinbaren Dingen des Alltags: im Pflaster einer Straße, im Licht einer Laterne oder in der Art, wie Menschen sich im öffentlichen Raum bewegen. Gerade in diesen kleinen Details offenbart sich oft die tiefere Wahrheit einer Epoche. Und genau deshalb ist Testas Tagebuch so wertvoll: Es zeigt uns nicht nur die großen Bühnen der Geschichte, sondern vor allem das leise, alltägliche Leben einer vergangenen Welt.
Eine Begegnung zweier Welten
Als der junge osmanische Diplomat Gaspard Testa im Herbst des Jahres 1793 nach Wien kam, sah er deshalb nicht nur eine europäische Residenzstadt. Er begegnete einer Ordnung. Und in dieser Ordnung erkannte er – vielleicht ohne es selbst vollständig zu formulieren – den Unterschied zwischen zwei politischen Welten.
Es gibt Texte, die nicht nur von einer Reise berichten, sondern zugleich davon, wie zwei Imperien einander wahrnehmen. Das Reisetagebuch des jungen osmanischen Untertanen Gaspard Testa (1770–1847) gehört zu diesen seltenen Dokumenten. Testa, der in den vielsprachigen Straßen Galatas aufgewachsen war und aus einer Familie stammte, deren Leben eng mit der Diplomatie verbunden war, verließ im Jahr 1793 zum ersten Mal die Grenzen des Osmanischen Reiches. Im Gefolge des niederländischen Botschafters machte er sich von Istanbul aus auf den Weg nach Wien.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung dieses Tagebuchs. Über Jahrhunderte hinweg war es meist Europa gewesen, das den Orient beschrieb und interpretierte. Reisende aus dem Westen beobachteten den Osten und formten daraus ein Bild, das lange Zeit das europäische Verständnis der Welt prägte. Bei Testa kehrt sich diese Blickrichtung um. Hier beobachtet ein Mann aus der osmanischen Welt Europa – mit Neugier, Aufmerksamkeit und jener nüchternen Genauigkeit, die oft mehr verrät als große politische Analysen.
Denn Testa interessiert sich nicht in erster Linie für höfische Zeremonien oder diplomatische Rituale. Sein Blick fällt auf andere Dinge: auf Straßen, auf Werkstätten, auf Märkte und auf das Verhalten der Menschen im Alltag. Gerade diese scheinbar kleinen Beobachtungen zeigen ihm, wie unterschiedlich zwei politische und gesellschaftliche Ordnungen funktionieren.
Dass wir dieses Tagebuch heute lesen können, verdanken wir der Arbeit des Historikers Mehmet Tütüncü, der in den Niederlanden seit vielen Jahren zu den Beziehungen zwischen der osmanischen Welt und Europa forscht. Sein Werk über Gaspard Testas Reisetagebuch hat ein Dokument aus den Archiven ans Licht geholt, das lange Zeit nur wenigen Spezialisten bekannt war. Tütüncü veröffentlichte seine Untersuchung zunächst 2002 auf Niederländisch und später, im Jahr 2023, auch auf Türkisch. Damit wurde ein Text zugänglich, der nicht nur für Historiker von Interesse ist, sondern für jeden, der verstehen möchte, wie Europa und die osmanische Welt einander am Ende des 18. Jahrhunderts wahrnahmen.
Als jemand, der selbst in Wien lebt und publiziert, erscheint es mir daher nur angemessen, diesen Dank gleich zu Beginn auszusprechen. Denn ohne diese editorische Arbeit wäre Testas Stimme heute kaum hörbar.
Liest man das Tagebuch, fällt schnell auf, dass Testa weniger ein politischer Kommentator als vielmehr ein genauer Beobachter ist. Seine Notizen sind von einer Mischung aus Staunen und analytischer Neugier geprägt. Gerade deshalb besitzen sie bis heute eine erstaunliche Frische.
Denn Testa beschreibt nicht nur eine Reise. Er beschreibt eine Begegnung mit einer anderen Ordnung der Welt.
Wer war Gaspard Testa?
Gaspard Testa wurde am 1. August 1770 in Istanbul geboren. Seine Geschichte ist zugleich die Geschichte einer Familie, die über Jahrhunderte hinweg zwischen zwei Welten lebte. Die Testas gehörten zu jenen levantinischen Familien, deren Leben sich im Schnittpunkt von Handel, Diplomatie und Kultur bewegte.
Ihre Wurzeln reichen weit zurück. Bereits um 1260 ließ sich die Familie, ursprünglich aus Genua stammend, in Galata nieder. Galata war damals ein Ort, an dem sich verschiedene Sprachen, Religionen und Handelsinteressen begegneten. Wer dort aufwuchs, lernte früh, zwischen Welten zu vermitteln.
Diese Fähigkeit sollte für die Familie Testa zu einer Art historischer Berufung werden.
Nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 gehörten Mitglieder der Familie zu jenen, die dem osmanischen Sultan Mehmed II. die Schlüssel von Galata überreichten. Aus diesem Moment entwickelte sich ein besonderes Verhältnis zwischen der Familie und der osmanischen Verwaltung. Über Generationen hinweg wurden die Testas zu Vermittlern zwischen europäischen Mächten und der Hohen Pforte.
In einer Zeit, in der Diplomatie ohne Sprachkenntnisse kaum möglich war, waren solche Vermittler von unschätzbarem Wert. Sie übersetzten nicht nur Worte, sondern auch politische Kulturen.
Eine Familie zwischen Imperien
Auch Gaspards Großvater diente bereits als Dolmetscher an der niederländischen Botschaft in Istanbul. Dass der junge Testa denselben Weg einschlug, war daher keine zufällige Entscheidung, sondern die Fortsetzung einer Familienlinie, die seit Jahrhunderten zwischen Europa und der osmanischen Welt vermittelte.
1791 trat Gaspard Testa als Dolmetscher in den Dienst der niederländischen Botschaft. Im Laufe der Jahre sollte er eine bemerkenswerte diplomatische Karriere machen: zunächst als Attaché, später als Kanzler, Sekretär und schließlich als Geschäftsträger. Sein Leben war ganz der Aufgabe gewidmet, zwischen zwei politischen Welten zu vermitteln.
1846 wurde ihm der Titel eines Barons verliehen. Ein Jahr später, 1847, starb er in Istanbul. Begraben liegt er in der Kirche Santa Maria Draperis nahe dem niederländischen Generalkonsulat – ein Ort, der symbolisch für das Leben eines Mannes steht, der zwischen Kulturen und Staaten wirkte.
Ein Tagebuch aus dem Archiv
Das Reisetagebuch, das Testa während seiner Reise im Jahr 1793 verfasste, ist ein erstaunlich kleines Dokument: nur 26 Blätter, insgesamt 52 Seiten, geschrieben auf Französisch.
Doch sein historischer Wert ist weit größer als sein Umfang vermuten lässt. Die Handschrift wurde später teilweise dem niederländischen Staatsarchiv übergeben und befindet sich heute unter den Papieren der Familie van Dedem. Lange Zeit blieb sie dort unbeachtet – ein stilles Dokument in den Archiven Europas.
Erst die Arbeit des Historikers Mehmet Tütüncü brachte diesen Text wieder ans Licht. Mit großer Sorgfalt rekonstruierte er den historischen Kontext und veröffentlichte das Werk zunächst auf Niederländisch und später auf Türkisch.
Damit wurde eine Quelle zugänglich, die nicht nur eine Reise beschreibt, sondern auch einen seltenen Perspektivwechsel ermöglicht.
Zwei Jahrhunderte diplomatischer Beziehungen
Die Reise, die Testa 1793 unternahm, fand in einem besonderen historischen Moment statt. Zu diesem Zeitpunkt verband das Osmanische Reich und die Niederlande bereits eine fast zweihundertjährige diplomatische Beziehung.
Diese Beziehung beruhte nicht allein auf Handel. Sie war auch Teil der politischen Kräftebalance Europas.
Im frühen 17. Jahrhundert suchten sowohl die Niederlande als auch das Osmanische Reich Verbündete gegen die katholischen Großmächte Europas. Die Habsburger und Spanien dominierten weite Teile des Kontinents und der Weltmeere. Für beide Staaten konnte daher ein pragmatisches Bündnis sinnvoll sein.
1612 gewährte der osmanische Sultan niederländischen Kaufleuten weitreichende Rechte im Reich: sie durften reisen, Handel treiben und sich niederlassen. Diese Entscheidung legte den Grundstein für stabile diplomatische Beziehungen.
Schon bald entstanden niederländische Handelskolonien in Städten wie Aleppo, Smyrna und Konstantinopel. Diplomatie folgte dem Handel.
Die Rückreise eines Botschafters
Der niederländische Botschafter Frederik Gysbert Baron van Dedem hatte acht Jahre in Istanbul verbracht. 1793 endete seine Mission.
Van Dedem war ein niederländischer Aristokrat. Sein Familiensitz, das Schloss De Gelder in der Provinz Overijssel, symbolisierte seine gesellschaftliche Stellung. Nach Jahren diplomatischer Arbeit war es Zeit, nach Hause zurückzukehren.
Diese Rückreise wurde zur Reisegesellschaft von zehn Personen.
Zu ihr gehörten neben dem Botschafter seine Frau Adriana Frederica Johanna Sloet und sein Sohn Anthony. Hinzu kamen eine Kaufmannswitwe aus Amsterdam, ein schwedischer Diplomat, ein Offizier aus Triest, ein Professor, ein Prager Kaufmann, ein Diener – und Gaspard Testa.
Am 5. September 1793 verließ die Gruppe Istanbul. Vor ihnen lagen mehr als 1500 Kilometer.
Aufbruch aus Istanbul
Die Reise begann mit Postkutschen und Pferdegespannen. Ein offizieller Wegführer begleitete die Gruppe bis zur österreichischen Grenze. Auch Janitscharen wurden abgestellt, um die Reisenden zu schützen.
Reisen im späten 18. Jahrhundert bedeutete Geduld. Schon kurz nach dem Aufbruch brach in der Nähe von Eyüp die Achse einer Kutsche. Solche Zwischenfälle waren keine Ausnahme. Brücken waren oft baufällig, Straßen schlecht instand gehalten.
Postpferde mussten immer wieder gewechselt werden, und häufig fehlten frische Tiere. Reisen war langsam. Und manchmal gefährlich.
Räuber, Krankheit und Unsicherheit
Besonders auf der Strecke zwischen Edirne und Philippopolis warnte der Wegführer vor Räubern. Er versuchte sogar, die Gruppe von der Hauptstraße abzubringen. Später stellte sich heraus, dass diese Warnungen übertrieben waren.
Doch die Unsicherheit blieb. Auch Unterkünfte waren ein Problem. Manche Nächte verbrachte die Gruppe in Geschäften oder einfachen Schuppen. Die weiblichen Reisenden schliefen gelegentlich sogar in den Kutschen.
Hinzu kam eine weitere Gefahr, die damals in Europa allgegenwärtig war: die Pest. An der österreichisch-osmanischen Grenze in Zemlin wurde die Reisegruppe zehn Tage lang unter Quarantäne gestellt.
Europa und Wien in Aufruhr
Während Testa durch den Balkan reiste, befand sich Europa in einer seiner dramatischsten Phasen. Die Französische Revolution hatte den Kontinent erschüttert. Im Januar 1793 wurde Ludwig XVI. hingerichtet. Wenige Monate später, im Oktober desselben Jahres, folgte Marie Antoinette. Für die europäischen Monarchien war dies ein Schock.
Die politische Ordnung des Kontinents begann zu wanken. Und genau in diesem Moment betrat der junge osmanische Diplomat Wien.
Siebzehn Tage in Wien
Am 23. Oktober 1793 erreichte die Reisegesellschaft Wien. Nach Wochen auf staubigen Straßen, nach zerbrochenen Wagenachsen, Quarantäne und improvisierten Unterkünften öffnete sich nun eine andere Welt.
Die Gruppe bezog Quartier in einem Gasthof am Graben, einer der elegantesten Straßen der Stadt. Der niederländische Botschafter van Dedem mietete dort ein komfortables Appartement. Wien war damals eine der bedeutendsten Residenzstädte Europas – politisches Zentrum der Habsburgermonarchie und zugleich ein Ort intensiven kulturellen Lebens.
Kaum angekommen, wurde van Dedem krank. Doch nach der Behandlung durch den Hofarzt Brambilla besserte sich sein Zustand rasch, und bald begann die gesellschaftliche Routine der Diplomatie: Einladungen, Theaterbesuche, Gespräche mit hochrangigen Persönlichkeiten.
Unter den Besuchern befanden sich Prinz Colloredo-Mels, der einflussreiche Staatsmann Prinz von Kaunitz, der Marquis di Gallo sowie mehrere europäische Diplomaten. Für Testa jedoch war etwas anderes wichtiger als diplomatische Begegnungen. Sein Blick richtete sich auf die Stadt selbst.
Straßen und Ordnung
Eines der ersten Dinge, die Testa in Wien bemerkte, waren die Straßen. „Zum ersten Mal sah ich Straßen, die mit quadratischen Steinen gepflastert waren“, notierte er. Auch die Gehwege waren befestigt, und die Straßennamen waren deutlich angeschrieben. Diese Beobachtung wirkt auf den heutigen Leser banal. Doch für jemanden, der aus einer osmanischen Großstadt kam, war dies bemerkenswert.
Denn hier zeigte sich eine andere Vorstellung davon, wie eine Stadt organisiert sein sollte. Wien war nicht nur eine Ansammlung von Gebäuden; es war ein geordnetes System. Die Straßen wurden regelmäßig gereinigt und repariert. Die Orientierung fiel leichter. Der öffentliche Raum wirkte kontrolliert und gepflegt.
In Istanbul dagegen war die städtische Struktur stärker durch Viertel, religiöse Gemeinschaften und lokale Gewohnheiten geprägt. Die Verwaltung griff weniger direkt in die Gestaltung des urbanen Alltags ein. Testas Beobachtung deutet damit auf einen tieferen Unterschied hin: auf zwei verschiedene Vorstellungen von Stadt.
Die Nacht wird öffentlich
Besonders beeindruckt war Testa von der Beleuchtung der Stadt. „Nachts wurde Wien durch birnenförmige Laternen erhellt“, schrieb er.
Heute erscheint uns dies selbstverständlich. Doch im späten 18. Jahrhundert war öffentliche Beleuchtung ein Symbol moderner Stadtverwaltung. Über Jahrhunderte war die Nacht ein Raum der Unsicherheit gewesen. Dunkle Straßen bedeuteten Gefahr – für Reisende ebenso wie für Bewohner. Die Laternen Wiens veränderten diese Erfahrung. Die Stadt blieb auch nach Sonnenuntergang zugänglich. Menschen konnten sich sicher bewegen. Der öffentliche Raum hörte nicht mit dem Einbruch der Dunkelheit auf.Es war eine kleine technische Veränderung – mit großen gesellschaftlichen Folgen.
Frauen im öffentlichen Leben
Eine weitere Beobachtung beschäftigte Testa besonders: die Rolle der Frauen. Bereits kurz nach dem Überschreiten der osmanischen Grenze fiel ihm auf, dass Frauen in den Städten sichtbar arbeiteten. Sie standen hinter Verkaufstheken, betrieben Geschäfte oder waren im Dienstleistungsbereich tätig.
In seinem Tagebuch schrieb er: „In meine Heimat ( Istanbul) können Frauen keine Läden führen; sie beschäftigen sich vor allem mit den Arbeiten im Haus. Hier jedoch sah ich, dass sie jede Art von Arbeit verrichteten.“
Diese Beobachtung ist bemerkenswert, weil Testa sie ohne moralisches Urteil festhält. Er beschreibt lediglich eine Realität, die sich von der ihm vertrauten unterscheidet. Doch gerade darin liegt ihre Bedeutung. Denn wirtschaftliche Teilhabe verändert Gesellschaften. Wenn Frauen im öffentlichen Raum arbeiten, verändert sich auch die Struktur des Alltags – und damit die soziale Dynamik einer Stadt.
Der Kaiser im Theater
Eine Szene im Theater überraschte Testa besonders. Als der Kaiser seine Loge betrat, erhob sich niemand im Publikum. Für Testa war dies fast unvorstellbar. In der osmanischen politischen Kultur war die Gegenwart des Sultans mit einem klaren Zeremoniell verbunden. Wer ihm begegnete, zeigte Respekt durch sichtbare Gesten – man stand auf, trat zur Seite, senkte den Blick. Im Wiener Theater jedoch blieb das Publikum sitzen.
Noch erstaunlicher war für Testa, dass Menschen im Parterre frei über den Kaiser sprachen, als wäre er eine gewöhnliche Person. Für einen Beobachter aus dem Osmanischen Reich musste diese Szene irritierend wirken. Sie zeigte eine andere Beziehung zwischen Herrscher und Gesellschaft. Nicht unbedingt Opposition – aber eine größere Distanzlosigkeit. Eine andere politische Kultur.
Hunde, Hygiene und Ordnung
Auch scheinbar nebensächliche Details fielen Testa auf.In Wien liefen keine herrenlosen Hunde auf den Straßen. Jeder Hund trug ein Halsband und gehörte einem Besitzer. Die Polizei ließ außerdem keine toten Tiere auf der Straße liegen. Diese Beobachtung war für Testa bemerkenswert, weil die Situation in Istanbul anders aussah. Dort lebten viele streunende Hunde in den Straßen der Stadt.
Der Unterschied war mehr als nur eine Frage der Tierhaltung. Er spiegelte ein wachsendes Interesse der europäischen Staaten an öffentlicher Hygiene wider. Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in vielen Städten eine neue Politik der öffentlichen Gesundheit. Saubere Straßen, kontrollierte Tierhaltung und organisierte Abfallentsorgung wurden Teil staatlicher Verantwortung.
Fabriken und Produktion
Während seines Aufenthalts besuchte Testa auch eine Seidenmanufaktur.Dort beobachtete er Maschinen, die Stoffe mit erstaunlicher Geschwindigkeit produzierten. Obwohl weniger Arbeiter beschäftigt waren als in vergleichbaren Werkstätten in Konstantinopel, war die Produktivität deutlich höher.
Für Testa war dies ein Hinweis auf einen technologischen Unterschied. Die Produktion im Osmanischen Reich beruhte häufig auf Handarbeit und großen Arbeitsgruppen. In Mitteleuropa dagegen begannen mechanische Vorrichtungen die Effizienz zu erhöhen. Diese Beobachtung zeigt, wie aufmerksam Testa wirtschaftliche Entwicklungen registrierte. Er verstand, dass sich die Stärke eines Staates nicht nur auf dem Schlachtfeld entscheidet, sondern auch in Werkstätten und Fabriken.
Mehrstöckige Häuser und Hausnummern
Ein weiteres Detail faszinierte ihn: die Architektur der Stadt.Viele Wiener Häuser waren fünf oder sogar sieben Stockwerke hoch. Mehrere Familien lebten in einem Gebäude, ohne einander unbedingt zu kennen.
Jedes Haus besaß zudem eine Nummer. Für Testa war dies eine praktische Innovation. Hausnummern erleichterten Verwaltung, Postverkehr und militärische Registrierung. Es war ein kleines Element – doch es machte sichtbar, wie Verwaltung und Alltag miteinander verbunden waren.
Zwei Imperien, zwei Wege
Die Beobachtungen Testas sind mehr als persönliche Eindrücke eines Reisenden. Sie spiegeln eine größere historische Entwicklung. Im 18. Jahrhundert hatte die Habsburgermonarchie unter Maria Theresia und Joseph II. umfangreiche Reformen eingeleitet: Schulpflicht, Verwaltungsreformen, Verbesserungen der Infrastruktur und eine stärkere Rolle des Staates im öffentlichen Leben. Das Osmanische Reich hingegen bewegte sich langsamer in Richtung Reform.
Sultan Selim III. begann zwar militärische Modernisierungen, doch viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens blieben stärker von traditionellen Strukturen geprägt. Der Unterschied zwischen beiden Reichen zeigte sich daher nicht nur in politischen Institutionen – sondern auch im Alltag. In Straßen. In Fabriken.
Ein Blick aus dem Osten
Testas Tagebuch ist deshalb so faszinierend, weil es Europa aus einer ungewohnten Perspektive beschreibt. Er ist kein europäischer Reisender, der den Orient exotisch betrachtet. Stattdessen ist er ein Mann aus der osmanischen Welt, der Europa mit wachem Blick beobachtet.
Er staunt, aber er urteilt selten. Er registriert Unterschiede, ohne sofort Schlüsse zu ziehen. Gerade diese Nüchternheit macht seine Notizen zu einer wertvollen historischen Quelle.
Das Ende der Reise
Ende November 1793 erreichte die Reisegesellschaft schließlich die Niederlande. Am 26. November überquerten sie den Wassergraben von Schloss De Gelder, dem Familiensitz des Botschafters van Dedem. Nach drei Monaten war die Reise beendet.
Testa blieb noch einige Monate in Holland, besuchte die Universität Leiden und unterstützte Gelehrte bei Übersetzungen osmanischer Texte. Danach kehrte er nach Istanbul zurück. Dort verbrachte er den Rest seines Lebens als Diplomat – ein Mann zwischen zwei Welten.
Die Religion des Staates ist die Gerechtigkeit
Wenn man Testas Beobachtungen heute liest, wird deutlich, dass sie über eine Reise hinausgehen. Sie erzählen von der Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft, von der Art, wie Städte organisiert sind, und davon, wie Freiheit im Alltag sichtbar wird.
Ein alter Satz, der Imam Ali zugeschrieben wird, bringt diese Erfahrung vielleicht am besten auf den Punkt: „Die Religion des Staates ist die Gerechtigkeit.“
Gerechtigkeit zeigt sich nicht nur in Gesetzen oder Gerichten. Sie zeigt sich auch in beleuchteten Straßen, in offenen Märkten, in der Würde der Bürger und in der Ordnung des öffentlichen Raumes. Testas Tagebuch erinnert uns daran, dass Zivilisation oft in den kleinen Dingen sichtbar wird. Manchmal genügt ein Pflasterstein, um den Unterschied zwischen zwei Welten zu erkennen.
(Cumhuriyet, Seite 2, 09.03.2026, Wien, Birol Kilic)
Das Buch : Gaspard Testa’nın seyahat günlüğü üzerine genişletilmiş bir inceleme, Mehmet Tütüncü (SOTA Hollanda)
Quelle:
https://www.cumhuriyet.com.tr/pazar-yazilari/bir-osmanlinin-defteri-2496385

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